Das Nein kam von dort, wo die Anderen wohnen
Publiziert am 15. Juni 2026
Dort, wo der angebliche Dichtestress am stärksten spürbar ist, sagten die Menschen gestern Nein zur «10-Millionen-Schweiz». Dort, wo kaum Ausländerinnen und Ausländer leben, stimmten oftmals über 60 Prozent Ja. Dieses Paradox fällt auf, wenn wir die Resultate der rund 2100 Gemeinden betrachten.
54,8 Prozent lehnten die Volksinitiative ab – bei einer Stimmbeteiligung von 59 Prozent, die fast 12 Prozentpunkte über dem langjährigen Durchschnitt liegt. Bei dieser Vorlage ging es nicht um Nachhaltigkeit, sondern – verdeckt – einmal mehr um etwas anderes: Wir und die anderen.
Es gehört seit Anfang der Neunzigerjahre zum Playbook der SVP, diffuse Ängste zu schüren. Dazu mischten sich diesmal allerdings die realen Sorgen vieler Menschen: Sie fürchten ihren sozialen Abstieg und eine ungewisse Zukunft. Diese Sorgen sind in praktisch allen Milieus angekommen. Man sollte sie ernst nehmen – aber keine Symptombekämpfung betreiben.
Die Zuwanderung ist seit Einführung der Personenfreizügigkeit im Jahr 2002 gross. Fünf von sechs Zugewanderten sind gekommen, weil der Arbeitsmarkt nach ihnen verlangt. Das sorgt für Dynamik und Konkurrenz. Tatsache ist aber auch: Die Personenfreizügigkeit produziert nicht nur Gewinner. Die Erwerbslosenquote ist stetig gestiegen – nicht zu verwechseln mit der Arbeitslosenquote –; sie beträgt aktuell 5,2 Prozent.
Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) gibt es zurzeit 266’000 Erwerbslose. Viele von ihnen sind ausgesteuert, beispielsweise IT-Fachleute, Bauarbeiter und Serviceangestellte, die arbeiten wollen und mehrheitlich auch arbeiten könnten. An ihrer Stelle rekrutiert man laufend neue Arbeitskräfte aus dem EU-Raum, weil sie womöglich besser ausgebildet, sicher aber jünger und günstiger sind. Die Wirtschaft foutiert sich um die Probleme, die so entstehen.
Damit es bei der nächsten untauglichen Migrations-Volksinitiative der SVP – die so sicher kommt wie das «Muh!» der Kuh – kein Ja gibt, braucht es einen Pakt der Ehrlichkeit und Verantwortung. Die Wirtschaft ist herausgefordert, das ungenutzte Arbeitskräftepotenzial endlich zu nutzen. Der «Inländervorrang light», der seit der Masseneinwanderungsinitiative gilt, reicht offensichtlich nicht.
