Narrativ und nüchterne Fakten klaffen auseinander

Die letzten Tage waberte die Sage von Wilhelm Tell und dem Rütlischwur durch unser Land. Dabei ist mir besonders der lange Artikel von Tamedia ins Auge gestochen.

Wie immer, wenn es um das verkorkste Verhältnis der Schweiz zu Europa geht, wird Christoph Blocher als Protagonist ausgewählt. Das ist seit der schicksalsträchtigen Abstimmung über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) so, also seit 34 Jahren. Wieder einmal ist es sein letzter Kampf. Das erinnert an die «Rolling Stones», die seit Jahrzehnten immer wieder ankündigen, ein letztes Mal auf Tournee zu gehen.

Die Hauptfigur ist also so wenig überraschend, wie das Donnergrollen auf den Blitz folgt. Dieses Mal geht es um die Neutralitätsinitiative, über die wir am 27. September abstimmen werden. Blocher empfängt zum Gespräch und kriegt wie immer viel Platz für seine Erzählungen.

Der SVP werden Abstimmungserfolge zugeschrieben, die nicht auf ihrem Mist gewachsen sind. In diesem Text sogar sekundiert von einem Politologen. (Sowohl die Minarett- wie die Verhüllungsinitiative stammen vom Egerkinger Komitee. Dieses mit der SVP gleichzusetzen, ist etwa so fahrlässig, wie den WWF und die SP als identisch zu bezeichnen.) Er liest sich süffig und klickt zweifellos gut – offenbar die wichtigste Währung im Journalismus.

Tatsache ist, dass die SVP seit den Neunzigerjahren insgesamt elf Volksinitiativen zur Abstimmung gebracht hat. Zwei davon konnte sie an der Urne gewinnen (2010 war es die Ausschaffungsinitiative, 2014 die Masseneinwanderungsinitiative). Die Erfolgsquote beträgt 18,2 Prozent. 

Im Artikel von Tamedia bleibt das aussen vor. Dafür lesen wir, dass die anderen Parteien sich abmühen, «der Wilhelm-Tell- und der Marignano-Erzählung der SVP etwas entgegenzuhalten».

Das stimmt zweifellos – Narrative sind wichtig für den Erfolg in der Politik. Allein, die Aussage ist nicht vollständig. Ich hätte sie so ergänzt:

Das Schweizer Volk hat sich bislang kaum beirren lassen. In vier von fünf Abstimmungen ist es der «Volkspartei» nicht gefolgt. Trocken lässt sich konstatieren: Die SVP ist nur selten «bi de Lüt».

Einmal mehr klaffen also das Narrativ und die nüchternen Zahlen weit auseinander.

P.S.
– Zur Abrundung die Referenden: Elf Volksabstimmungen hatten seit 1992 einen Bezug zu Europa, von bewaffneten Auslandeinsätzen der Schweizer Armee über Schengen-Dublin bis zur Kohäsionsmilliarde. Bei sieben der elf Vorlagen stand die SVP auf der Verliererseite. Die Erfolgsquote liegt bei 36 Prozent.

– Hier die Liste der Volksabstimmungen, welche die SVP lanciert hat:

Und schliesslich die Liste mit den Referenden (die Abstimmung über den biometrischen Pass zähle ich nicht hinzu, weil nur am Rand ein Bezug zu Europa.)

Bei der Volksabstimmung über die bilateralen Abkommen im Jahr 2000 beschloss die SVP die Ja-Parole, ebenso 2022 beim Frontex-Ausbau.

Foto Chr. Blocher: Tamedia/Beat Mathys 

Die Zürcher SP frisst ihre Kinder

Die Ereignisse in der Causa Jositsch überstützen sich. Am Nachmittag gab der Zürcher Ständerat bekannt, dass er per sofort aus der SP ausgetreten sei. Gleichzeitig bekräftigte er vor den Medien, im kommenden Jahr wieder zu kandidieren.

Vier Fragen – und vier Antworten, die ich mehreren Medien sinngemäss so gegeben habe. ‼️

🙋‍♀️ Wie stehen Daniel Jositschs Chancen, 2027 wieder gewählt zu werden?

🎙️ Dreimal nacheinander wurde Daniel Jositsch mit dem besten Resultat in den Ständerat gewählt – und das im bürgerlich geprägten Kanton Zürich. Er ist sehr bekannt, hat einen überzeugenden Leistungsausweis und den Bisherigen-Bonus. Nach dem endgültigen Zerwürfnis mit der SP gewinnt er 2027 als Parteiloser bei einigen Wählersegmenten noch an Unterstützung, bei anderen verliert er sie. SP-Kandidatin Jacqueline Badran ist ebenfalls sehr populär und holte sowohl 2019 als auch 2023 am meisten Panaschierstimmen bei den Nationalratswahlen. Die Voraussetzungen für einen langen und intensiven Wahlkampf sind also gegeben. FDP, Mitte und SVP wittern jetzt Morgenluft: Sie wollen vom Abnützungskampf Jositsch vs. Badran profitieren – da ist aber auch noch die bisherige GLP-Ständerätin Tiana Moser.

🙋‍♀️ Welcher Gruppe wird sich Jositsch anschliessen versuchen?

🎙️ Eine sogenannte Gruppe im Ständerat ist, einfach erklärt, vergleichbar mit einer Fraktion. Jositsch muss Anschluss finden an eine Gruppe im Ständerat, sonst politisiert er künftig sehr isoliert. Im Ständerat gibt es fünf Gruppen, die SP und die SVP kommen für ihn nicht infrage. Also bleiben noch die FDP, die Mitte und die Grünen (mit GLP-Ständerätin Tiana Moser) übrig. Ich gehe davon aus, dass er sich mit der FDP finden wird. Allerdings wird sie von ihm erwarten, dass er sich ihr inhaltlich nähert.

🙋‍♀️ Wird eine normale Zusammenarbeit mit SPlern überhaupt noch möglich sein in den nächsten Jahren?

🎙️ In der Bundespolitik wimmelt es von grossen Egos – und es gibt gekränkte grosse Egos. Jositsch ist die Antithese des «Everybody’s Darling», sein Umgang mit vielen anderen Mitgliedern, nicht nur von der SP, ist kühl. Wer sich persönlich gut mag, arbeitet besser zusammen. Das ist auch in der Politik so. Manchmal werden solche Befindlichkeiten aber hintangestellt – und dann zählt vor allem das gemeinsame Ziel. Jositsch muss sich vorwerfen lassen, die SP immer nur als Wahlverein betrachtet zu haben.

🙋‍♀️ Chantal Galladé, Daniel Frei, Mario Fehr und jetzt Jositsch – alle sind aus der Partei ausgetreten. Was ist bei der SP Zürich los?

🎙️ Regierungsrat Fehr war für eine Mehrheit der SP nicht länger tragbar wegen seiner «Law & Order»-Politik und weil er parteiintern als Nervensäge galt. Galladé und Frei wiederum wollten den Kurs der Partei nicht mehr mittragen. Die SP Zürich steht in der Kritik, abweichende Positionen weniger zu akzeptieren und das inhaltliche Spektrum verengt zu haben. Das schärft zwar ihr Profil, vergrault aber womöglich auch einzelne Segmente, die der Partei nahestehen. Die Abgänge haben für die SP, die aus einer Minderheitsposition politisiert, einen Preis. Und: sie frisst ihre Kinder.

P.S.
Natallie Rickli, seit 2019 Regierungsrätin für die SVP, signalisiert Interesse an einer Ständeratskandidatur. Sollte sie antreten, würde sie auf eine Wiederwahl in die Regierung im Frühling 2027 verzichten. Die Risiken:
– Schafft sie im Herbst 2027 den Sprung in den Ständerat nicht, steht sie ohne Job da;
– Kandidiert Rickli für den Ständerat, muss die SVP zwei Neue für die Regierungsratswahlen aufbauen.

Bild: Printscreen «Blick»

Was der Kaffeesatz zur neuen Berner Regierung sagt

Der Status quo im Kanton Bern hält. Der Kaffeesatz sagt: «Schaut genau hin!» ‼️

Der Regierungsrat des Kantons Bern bleibt parteipolitisch so zusammengesetzt wie in den letzten zehn Jahren. Der Angriff von SVP und SP – beide traten mit je drei Kandidierenden an – ist am Sonntag gescheitert.

✅ Das 4:3 mit einem Überhang für die bürgerliche Seite (SVP, FDP, Mitte) widerspiegelt die Präferenzen der Wählerschaft am ehesten.

Offen ist, wie lange die Zusammensetzung der Regierung so bleibt.

↩️ Ein kurzer Rückblick: 2025 vergingen mehrere Monate, bis Pierre Alain Schnegg (SVP) entschied, nochmals anzutreten. Sein Zögern befeuerte Gerüchte – parteiintern wurde bereits über einen Rücktritt spekuliert.

Schnegg wird diesen Sommer Regierungspräsident und erreicht im Dezember 2027 das Pensionsalter. Tritt er zur Halbzeit zurück, werden die Karten neu gemischt.

🟡 Seit 2016 hält Schnegg den garantierten Sitz für den französischsprachigen Kantonsteil, den Jura bernois. Seine Nachfolge muss zwingend aus diesem Verwaltungskreis kommen. Dort leben nach dem Kantonswechsel des Städtchens Moutier noch rund 47’000 Menschen, also 4,7 % der Gesamtbevölkerung.

Im Jura bernois ist die SVP mit Abstand stärkste Kraft (34 %), gefolgt von der SP (23 %).

🤔 Wer könnte Schnegg dereinst beerben – 2027/28 oder spätestens 2030? Häufig genannt wird Nationalrat und Kantonalpräsident Manfred Bühler (1979). Bereits 2014 trat er an, um Philippe Perrenoud (SP) aus dem Amt zu drängen – erfolglos.

Noch im letzten Jahr zeigte Bühler gemäss parteiinternen Quellen kein Interesse an Schneggs Nachfolge. Sollte dieser jedoch Ende 2027 zurücktreten, wäre Bühler die prominenteste Figur der Partei. Als mögliche Alternative gilt Grossrätin Anne-Caroline Graber (1976), die ausserhalb des Berner Juras allerdings nur wenig bekannt ist.

🟡 Wenn die SP und ihr Bernjurassischer Kampfkandidat Hervé Gullotti (1972) strategisch geplant haben, tritt er bei der nächsten Vakanz erneut an – mit deutlich besseren Karten.

Er erreichte am Wahlsonntag solide 35 % – sein Name stand damit auf jedem dritten gültigen Wahlzettel. Als Grossratspräsident 2021/22 und Gemeindepräsident von Tramelan ist er kein politisches Leichtgewicht.

❗️Der Angriff der SVP vom letzten Sonntag zielte darauf ab, neben Schnegg auch die beiden Neuen Raphael Lanz (Thun) und Daniel Bichsel (Zollikofen) in die Regierung zu bringen. So hätte die Partei bei der Schnegg-Nachfolge den unpopulären Berner-Jura-Sitz wieder abgeben können.

Die Stimmberechtigten in der Stadt Bern durchkreuzten dieses Kalkül: Reto Müller (SP) verdrängte Daniel Bichsel (SVP) vom siebten Platz; er holte dort ein Plus von 19’962 Stimmen.

Der Kaffeesatz ist gelesen. Ob dieses Posting gut altert, zeigt sich in zwei Jahren. ☕️

Die FDP braucht ein Comeback als Volkspartei

Mit Susanne Vincenz-Stauffacher und Benjamin Mühlemann erhält die FDP Schweiz also ein Co-Präsidium; die Wahl der beiden am 18. Oktober ist eine reine Formsache. In den Medien gibt es heute dafür Anerkennung, aber auch Kritik.

Drei Faktoren, die diesem Führungsduo und der FDP den Erfolg bringen können, halte ich für zentral.

❗️ In einem Co-Präsidium reicht es nicht, sich gut abzustimmen, Aufgaben klug zu teilen und sich gegenseitig zu respektieren. Entscheidend ist das Zwischenmenschliche: Wenn die Chemie zwischen der Sankt Galler Nationalrätin und dem Glarner Ständerat stimmt, und zwar dauerhaft, bringen sie gemeinsam viele PS auf den Boden.

❗️ Wer eine Partei führt, braucht eine dicke Haut, eine starke innere Mitte und die Befähigung, mit grossen Egos umsichtig umzugehen. Es sind weder die Schläge der politischen Konkurrenz noch die Kritik der Medien, die einem massiv zusetzen. Zermürbend ist das Intrigieren von Parteifreunden. Petra Gössi, von 2016 bis 2021 FDP-Präsidentin, wurde von den eigenen Leuten mürbe gemacht, bis sie den Bettel schliesslich hinschmiss. Die anspruchsvollste Arbeit für das Duo Vincenz-Stauffacher/Mühlemann ist es, zu führen und die eigenen Leute souverän zu moderieren.

❗️ Unter dem Dach des Freisinns hatten ursprünglich viele Ansichten Platz. Die FDP war eine Volkspartei, die unterschiedliche Milieus ansprechen und an sich binden konnte. Wenn ich meine Studierenden frage, wofür die FDP heute stehe, kommt als Antwort immer: die Wirtschaft. «Und sonst?» bohre ich jeweils nach. – Schweigen.

Hier liegt des Pudels Kern.

Die verschiedenen Strömungen, die weiterhin zum Freisinn gehören, müssen endlich wieder spürbar werden. Das Co-Präsidium bietet diese Chance: Vincenz-Stauffacher ist urban, progressiv und offen bei Umweltthemen. Zudem prägte sie die Volksinitiative zur Individualbesteuerung, die im nächsten Jahr (vermutlich mit einem Gegenvorschlag) zur Abstimmung kommt. Mühlemann lebt in einem Bergkanton, ist konservativ, finanzpolitisch rigid und gegenüber der EU kritisch.  Das sorgt für Reibung. Gut so – solange daraus produktive Energie entsteht.

Wenn es dem Duo gelingt, Geschlossenheit nach innen und Vielfalt nach aussen zu verbinden, könnte der FDP das Comeback als Volkspartei gelingen. Eine Repositionierung braucht viel Zeit. Bis sie beim breiten Publikum angekommen ist, dürften sechs Jahre vergehen. Bis dann ist Ignazio Cassis längst im Ruhestand.

Foto: Karin Hofer, NZZ

Weshalb sich immer mehr Leute um Wahlen foutieren

«Wahlen sind eine Sternstunde der Demokratie.» So formulierte es vor vielen Jahren einmal ein Student von mir. Ein schöner Satz. Doch der Stern leuchtet deutlich schwächer als früher.

Bei den kantonalen Wahlen in Solothurn von gestern betrug die Wahlbeteilung 35 Prozent – ein neuer Tiefstwert. Dasselbe Bild zeigte sich vor Wochenfrist im Kanton Wallis.

Noch nie machten so wenig Walliserinnen und Solothurner von der Möglichkeit Gebrauch, die Regierung und das Parlament im eigenen Kanton zu wählen.

Die Politikwissenschaft unterteilt die Nicht-Wählerinnen und -Wähler in verschiedene Gruppen, etwa:
💠 die zufriedenen Desinteressierten
💠 die Inkompetenten
💠 die sozial Isolierten

Doch weshalb sinkt die Wahlbeteiligung? Ein paar Ansätze:

💬 Das Verständnis für Politik wird in den Schulen zu wenig vermittelt. Ich höre von meinen Studierenden immer wieder, dass auf der Stufe Sek oder Gymi Lehrpersonen vor ihnen standen, die Politik trocken und abstrakt, zuweilen sogar lustlos vermittelt hatten.

💬 Politik ist kompliziert, präziser: Politikerinnen und Politiker schaffen es oft nicht, ihr Tun verständlich zu erklären.

💬 Die Informations- und Vermittlungsleistung der Medien wird immer bescheidener, weil ihre Ressourcen seit 25 Jahren schwinden.

💬 Der Anteil der Menschen, die keine Nachrichten mehr aufnehmen (die sogenannten News-Deprivierten), nimmt zu.

💬 Es geht bei Wahlen um wenig. Auf Sachebene können wir alle paar Monate abstimmen, d.h. beispielsweise Entscheidungen des Parlaments mit einem Referendum kippen.

Eine ergänzende Vermutung: Seit sich die geopolitische Lage destabilisiert hat und die Kanäle mit «Shit» geflutet werden (Steve Bannon), ziehen sich viele Leute zurück ins Schneckenhaus. Der Lärm hat sie ermüdet und sie kapseln sich deshalb aus Selbstschutz ab. Wie sollen solche Menschen wissen, welche Parteien im Wahlkreis Olten-Gösgen zur Verfügung stehen oder welche Auswirkungen der doppelte Pukelsheim auf die Sitzverteilung im Wallis hat?

Die tiefe Wahlbeteiligung, eine Form der A-là-carte-Demokratie, macht mir Sorgen. Klar ist: Nur gut informierte Menschen können überlegte Entscheidungen an der Urne treffen. Im Umkehrschluss sind sie: Wahlvieh.

Kein Vertrauen, kein Team – ein Debakel

Nein, das Verteidigungsdepartement «implodierte nicht praktisch über Nacht», wie das die NZZ heute schreibt. Es wird durchgeschüttelt, weil vier Schüsselfiguren in den nächsten 12 Monaten den Hut nehmen und die Ruag von einem neuen Skandal eingeholt wurde.

Was ins Auge sticht: Armeechef Thomas Süssli reichte seine Kündigung am 30. Januar ein, Christian Dussey, der Chef des Nachrichtendiensts, bereits am 20. Januar.

VBS-Chefin Viola Amherd liess die vertraulichen Dokumente zu diesen brisanten Personalien aber erst gestern Dienstagmorgen hochladen und für die heutige Sitzung des Bundesrates traktandieren. Auf diese Weise haben einzelne Mitarbeitende aus den anderen sechs Departementen Zugriff.

⚡️ Zwischen den Kündigungen von Dussey bzw. Süssli und Amherds Information an den Gesamtbundesrat liegen 25 bzw. 35 Tage. Der Armeechef ist seit dem Beginn des Ukrainekriegs vor drei Jahren die wichtigste Figur in der Bundesverwaltung. Weshalb wurde der Gesamtbundesrat nicht viel früher über Süsslis Rücktritt informiert?

⚡️ Es dauerte gerade einmal eine Stunde, bis die brisanten Personalien den Medien gesteckt wurden.

Einmal mehr zeigt sich: Die sieben Mitglieder der Landesregierung vertrauen einander nicht, sie schauen nur für sich. Der Verteilkampf ums Geld und persönliche Animositäten verhindern, dass sich so etwas wie Teamgeist entwickeln könnte.

Wie die Sache abgelaufen ist, schildert CH Media hier.

Foto: Getty Images 

So wird das nichts mit dem Angriff auf den zweiten FDP-Sitz

Ein Gedankenspiel: Nehmen wir an, Bundesrat Ignazio Cassis kündigt in ein paar Monaten seinen Rücktritt an, weil er gesundheitlich angeschlagen ist. Cassis nahm im Herbst 2017 Einsitz in der Landesregierung und deshalb ist allen klar, dass er nicht mehr fünf oder sechs Jahre bleiben wird. Wer bei der FDP seinen Sitz erben möchte, hat sich längst in Stellung gebracht.

Kaum hat sich also Cassis erklärt, so unser Gedankenspiel, prescht die Spitze der Mitte-Partei vor und meldet: «Wir greifen den FDP-Sitz an!» Nach all dem, was die letzten Wochen passiert ist, könnten sich Journalistinnen und Parteistrategen ein süffisantes Lächeln nicht verkneifen. Die Glaubwürdigkeit hat arg gelitten, die Partei wirkt wie eine Schildkröte, die auf dem Rücken liegt, man nimmt sie seit ihrer verzweifelten Suche nach Kandidierenden nicht mehr ernst.

Martin Pfister, Regierungsrat aus dem Kanton Zug, ist also der zweite Kandidat neben Bauernpräsident Markus Ritter. Am Montagmittag, als die Anmeldefrist ablief, fand man auf seiner Website gerade einmal vier Sätze zu seiner Bundesratskandidatur. Im Verlaufe des Nachmittags war diese dann längere Zeit offline. Eine Medienkonferenz gibt es laut Pfisters Website noch nicht, für Fragen der Journalisten steht er nicht zur Verfügung. Auf der Website der Mitte-Kantonalpartei wiederum findet man sechs Sätze und – inzwischen – einen Medientermin. Am Donnerstag um 10 Uhr lädt sie nach Baar ein.

Mit Verlaub, aber diese Ankündigung ist ein Fehlstart, Martin Pfister muss damit rechnen, als  «last minute Martin» etikettiert zu werden. Er wollte seine Partei vor einer Schmach bewahren, das ehrt ihn. Jetzt wird er verheizt.

Vor 20 Jahren habe ich Martin Pfister, als er noch nicht einmal im Kantonsparlament sass, kennengelernt. Er ist integer, ein guter Kopf. Zweimal wurde er mit dem besten Resultat als Regierungsrat wiedergewählt. Er mache einen «sehr soliden Job», sagen meine Vertrauenspersonen – keine Mitte-Parteigänger – im Kanton Zug.

Mit leeren Händen stehen die Frauen da. Niemand aus ihrem Kreis wollte kandidieren. Dies nachdem die Präsidentin der Mitte-Frauen unmittelbar nach Viola Amherds Rücktrittsankündigung Anspruch auf einen Platz auf dem Ticket angemeldet hatte.

Dass Amherds Rücktritt kommen wird, war seit zwei Jahren klar. Man hätte sich darauf vorbereiten können. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Die Mitte konnte bei den eidgenössischen Wahlen 2023 leicht zulegen. Sie kommt bis auf 0,2 Prozentpunkte an die FDP heran und hat diese in Sitzen sogar überholt. Die Lust, dem früheren Feind aus Kulturkampf-Zeiten den zweiten Sitz im Bundesrat abzujagen, war lange spürbar.

Mit dem neuen Parteinamen, obschon weiterhin CVP drin ist, will die Mitte das Mittelland von St. Gallen bis Genf erobern, dort, wo heute die Mehrheit der Menschen lebt. Und jetzt spottet das halbe Land über die sie. So wird das nichts mit dem zweiten Bundesratssitz.

Die nächsten Wochen bis zur Bundesrats-Ersatzwahl werden nicht einfacher. Ob sich die peinliche Phase sogar elektoral niederschlägt, werden die kantonalen Wahlen im Wallis vom 2. März und eine Woche später in Solothurn zeigen.

Der «Chrampf» der Mitte um die Amherd-Nachfolge

Wenn eine Partei einen Sitz im Bundesrat ersetzen darf, hat sie die Chance, kleine Festspiele zu inszenieren. Voraussetzung dafür ist, dass die Schlüsselfiguren mitmachen und sich ans gleiche Drehbuch halten. Kaum etwas interessiert die Medien mehr als die Kapitel vor dem Wahltermin. Endlich einmal etwas Spannung und Glamour in einem Land, das nie einen König hatte! Parteien können ihr Personal ins beste Licht rücken und, wenn sie es geschickt machen, sogar Inhalte und Positionen vermitteln.

Der Mitte ist das nicht geglückt. Kaum hatte Viola Amherd ihren Rücktritt am 15. Januar bekanntgegeben, taten sich Gräben auf zwischen den katholisch geprägten Stammlanden (die am «C» im Parteinamen lieber festgehalten hätten, C für christlich) und den bevölkerungsstarken Kantonen, dort, wo die Parteimitglieder sozial-liberaler, progressiver und jünger sind. Keck preschten die Mitte-Frauen vor. Gerhard Pfister, der in der Partei mehr als acht Jahre lang einen Führungsanspruch hatte und sie schliesslich 2023 stabilisierte, war plötzlich nicht mehr «Master of Ceremony».

Inzwischen steht zwar «Mitte» drauf, es ist aber weiterhin CVP drin. Und diese CVP war immer ein Chor, in dem man gleichzeitig Arien vor Gershwin, Volkslieder aus dem 18. Jahrhundert und Popsongs singt. Das klingt meistens: kakophonisch.

Statt die Aufmerksamkeit zu nutzen und auf das Karussell zu steigen, sagten mehr als ein halbes Dutzend mögliche Papabili ab. Die Partei macht dieser Tage einen pitoyablen Eindruck. Satiriker Bänz Friedli, gerade mit seinem neuen Programm auf Tournee, träufelt Zitronensaft in die offene Wunde. Wie immer befähigt, Tagesaktuelles einzubauen, fragt er, ob jetzt «Verzweiflungskandidaturen» kämen.

Heute wird der St. Galler Nationalrat Markus Ritter von seiner Kantonalsektion ins Rennen geschickt, und das ist kein Verzweiflungskandidat. Aus der Zentralschweiz ist spürbar, dass Ständerätin Andrea Gmür sich sehr für die Amherd-Nachfolge interessiert. Klar ist: Wer immer die Walliserin im Bundesrat ersetzt, muss das VBS übernehmen – ein grosses Departement mit einigen Fürsten, ein paar kalten Kriegern und vielen Baustellen.

Darüber habe ich im «TalkTäglich» von TeleZüri und seinen Schwestersendern TVO (Ostschweiz), TeleM1 (AG/SO) und TeleBärn gesprochen – zusammen mit Gastgeber Oliver Steffen und Doris Kleck, der Co-Bundeshausleiterin von CH Media. Hier gibt’s den Talk zum Nachschauen.

Viola Amherd und Gerhard Pfister gehen: Zwei Rücktritt, zwei Hypothesen

Im August 1995 trat Otto Stich (SP) vor die sommerlich-schläfrigen Medien und gab seinen Rücktritt bekannt. Niemand hatte damit gerechnet, der Solothurner Bundesrat freute sich spitzbübisch. Gestern schaffte Viola Amherd (Die Mitte, Foto links) dasselbe Kunststück.

Am 6. Januar hatte Gerhard Pfister (rechts) seinen Rücktritt als Mitte-Präsident auf Juni angekündigt, neun Tage später folgt Amherd. Sie beendet ihre politische Karriere bereits Ende März. Gibt es einen Zusammenhang?

Die Gilde der Kaffeesatzleser hat jetzt Konjunktur. Zwei Hypothesen.

A) Der Plan
Es gibt Journalistinnen und Politbeobachter, die davon ausgehen, dass Pfister mit einigem Vorlauf von Amherds Entscheidung wusste. So konnte er sich mit seiner Ankündigung die Pole Position für die Nachfolge sichern. Der ausgebuffte Stratege weiss, wie man das Spiel liest.

B) Die List
Amherd wollte eigentlich nach der Frauen-Fussball-EM im Sommer ihren Rücktritt ankündigen. Doch weil diese Absicht derart logisch war und herumgeboten wurde, zudem die Mühsal mit den harzigen Geschäften immer mehr nervt, verschob sie den Termin auf März. Auf diese Weise überlistete sie alle und kann – mutmasslich – einen alleinigen Abgang aus der Landesregierung geniessen. Sie überlistet insbesondere Pfister, der die Partei weiterhin präsidiert und damit unter Zugzwang kommt.

Eine Doppelrolle – Präsident und Bundesratskandidat – ist generell nicht ideal, gerade bei der Mitte, weil Pfister sie stark geprägt hat. Will der Zuger Bundesrat werden, muss er die Führung der Partei schleunigst an das Vizepräsidium abgeben. Pfister hat nicht nur Freunde unter der Bundeshauskuppel, andere heiss gehandelte Kandidaten seiner Partei sind populärer. Eine Imagekorrektur braucht Zeit, acht Wochen sind eine kurze Phase.

Hypothese B klingt abenteuerlich, ich weiss. Aber hey, man sollte Walliserinnen nie unterschätzen.

Zwei Interviews, die ich zu diesem Thema gegeben haben, sind hier verlinkt:

🗞️ Über den Einfluss der SVP und die Lust, für den Bundesrat zu kandidieren – «Watson»

📺 Über mögliche Nachfolger und die Chancen eines Doppelrücktritts mit Ignazio Cassis  – Live-TV-Interview von gestern Nachmittag
«20 Minuten» (Dauer: 20 Minuten)

Foto: Die Mitte (Website)

Es geht nichts über geschicktes Timing

Viele Medien zeigten sich überrascht, als Gerhard Pfister (im Bild rechts) seinen Rücktritt als Parteipräsident auf Mitte Jahr bekanntgab. Das überrascht mich, weil der Zeitpunkt ideal ist für beide: die Partei und Pfister.

➡️ Die Vorbereitungen für eidgenössische Wahlen beginnen inzwischen zwei Jahre vor dem Wahltermin. Es macht also Sinn, wenn schon im Sommer dieses Jahres eine neue Kraft die Führung der Partei übernimmt.

➡️ Gerhard Pfister werden schon seit Jahren Bundesrats-Ambitionen nachgesagt. Die letzten neun Jahre haben gezeigt, dass er Parteipräsident kann. Der logische – und letzte – Karriereschritt wäre: Bundesrat. Der ausgebuffte Stratege hat sich für die Nachfolge von Viola Amherd (links) in eine ausgezeichnete Position gebracht. Es geht nichts über geschicktes Timing.

🟧 Amherd wurde im Dezember 2018 gewählt, ist also seit sechs Jahren im Amt. Sie erkämpfte ein Volks-Ja zu neuen Kampfjets (2020), schuf das neue Staatssekretariat für Sicherheitspolitik (2023), holte sich bei der Ausrichtung der Bürgenstock-Konferenz gute Noten (2024) und kann sich während der Fussball-EM der Frauen im Juli den Medien und Massen volksnah zeigen. Kaum jemand im Bundeshausperimeter glaubt, dass sie die Legislatur beenden wird, also bis Ende 2027 bleibt. Naheliegend ist vielmehr, dass Sie auf Ende dieses oder nächsten Jahres aufhört.

Bei Bundesratswahlen ist Standard, dass Fraktionen Zweiertickets präsentieren. Ob dieses oder nächstes Jahr: Die Mitte-Fraktion wird nicht darum herumkommen, Pfister zu nominieren. Seine Verdienste für die Partei sind gross, und sie sind breit anerkannt. Ihm gelang es zusammen mit Generalsekretärin Gianna Luzio, seiner wichtigsten Vertrauten, die Partei zu stabilisieren, mit der BDP zu fusionieren und ihr einen neuen Namen zu verpassen.

Das «C» ist weg, nachdem sich das katholische Milieu schon zuvor aufgelöst hatte, und damit wird Die Mitte auch im urbanen Mittelland wählbar. Die CVP hätte übrigens bereits 1970 die Chance gehabt, einen Namen ohne «C» zu wählen: Zur Auswahl stand damals u.a. Schweizerische Volkspartei (SVP). Die heutige SVP hiess damals noch Bauern-Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) und notierte bei 10 Prozentpunkten. Die Parteienlandschaft sähe heute anders aus, wenn die Katholisch-Konservativen am entscheidenden Parteitag in Solothurn den Mut gehabt hätten, über ihren Schatten zu springen.

Doch zurück zu Pfister. Wenn er will, steht sein Name dereinst auf dem Zweierticket. Als Parteipräsident wäre das deutlich schwieriger. Die Wetten laufen.

Foto: Die Mitte (Website)