Schnegg soll die Dame vom Schachbrett fegen
Publiziert am 24. Oktober 2026
Noch am Donnerstagabend hatte die SVP erst zwei Bundesratskandidaturen: Céline Amaudruz (GE) und Rémy Wyssmann (SO). Bei Anmeldeschluss am Freitagmittag waren es siebeneinhalb: Die fünf neuen sind Pierre Alain Schnegg (BE), Marco Chiesa (TI), Jean-Pierre Gallati (AG), Michael Graber (VS), Franz Ruppen (VS) – und Thomas Aeschi (ZG). Er zählt nur halb. Seine Kantonalsektion hat ihn zwar nominiert, seine persönliche Entscheidung steht aber noch aus. (Bürokollege Suppino sagt, das sei Allotria.)
Mir fehlt der Glaube, dass diese späte Kandidatenwelle Zufall ist.
Oberstes Ziel des inneren SVP-Machtzirkels ist es, Céline Amaudruz zu verhindern. Mit einer grösseren Zahl an Kandidatinnen und Kandidaten ist das deutlich einfacher, zumal ein zweiter Romand ins Rennen gestiegen ist. Doch davon später.
Das Nominierungsprozedere in der Fraktion dürfte darauf hinauslaufen, dass das absolute Mehr erreicht werden müssen. Bei 74 Sitzen (inkl. EDU, Lega und MCG) wären also mindestens 38 Stimmen erforderlich. Jeweils die letztplatzierte Person fällt raus. Das braucht etliche Durchgänge, bis klar ist, wer aufs Ticket kommt.
In den letzten Jahrzehnten wurden Zweiertickets bei den Bundesratsparteien zum Standard. Wir können davon ausgehen, dass für die Nachfolge von Guy Parmelin ebenfalls zwei, vielleicht sogar drei Personen vorgeschlagen werden.
Pech für den Machtzirkel, dass ihre Favoriten, Ständerätin Esther Friedli (SG), Nationalrat Pascal Schmid (TG) und die Zürcher Regierungsrätin Natalie Rickli, abgesagt haben.
Damit stiegen die Chancen von Amaudruz, zumal sie und ihre Genfer Kantonalpartei die Reihen in der Romandie früh schliessen konnten.
Geschwächt wird Amaudruz’ Kandidatur nun, weil mit Pierre Alain Schnegg ein zweiter Romand seinen Hut in den Ring geworfen hat. Das sorgt für Unruhe, und die Stimmen aus der französischsprachigen Schweiz werden sich splitten. Schnegg ist im Gegensatz zu Amaudruz auf Parteilinie. Das Bild, das ich gestern der gemeinsamen Redaktion von «Bund» und «Berner Zeitung» nannte: Er dürfte die Figur sein, welche die Dame vom Schachbrett fegt. Wird Schnegg nominiert, kann die Fraktion ein gemischtes Ticket präsentieren: Romandie und Deutschschweiz.
Und wen nominiert die SVP sonst noch?
Wenn sich der halbe Aeschi durchringt, muss ihn die Fraktion aufs Ticket setzen. Alles andere wäre eine Desavouierung des langjährigen Fraktionschefs. Ob er Bundesrat wird, ist allerdings offen. Bei den anderen Fraktionen ist er respektiert, aber niemand steht bei ihm an, wenn in den Pausen im Bundeshaus Kaffee getrunken oder abends ein Gläschen Zuger Kirsch gekippt wird.
Will Aeschi die Schmach einer zweiten Nicht-Wahl vermeiden (nach 2015, als Parmelin das Rennen machte), verzichtet er. Dann richten sich die Scheinwerfer auf den Aargauer Regierungsrat Jean-Pierre Gallati. Macht er in den nächsten Wochen vieles richtig, steht sein Name auf dem Ticket.
Fotos: parlament.ch / be.ch
