Berührbar, bescheiden, Parmelin
Publiziert am 02. Oktober 2026
Am Abend des 9. Dezember 2015 war es kalt, feucht und windig. Nach dem Znacht in einer Berner Beiz machten sich meine Partnerin und ich zügigen Schrittes auf den Weg nach Hause. Zwischen dem Hotel Bellevue und dem Bundeshaus kam uns eine Gestalt entgegen: dunkel gekleidet, so gross wie ich, ihr Schritt hatte etwas Hölzernes.
Als sie auf unserer Höhe war, erkannten wir den Mann: Guy Parmelin. Zwölf Stunden zuvor war er in die Landesregierung gewählt worden. Die Mehrheit der Vereinigten Bundesversammlung zog ihn – für die Parteispitze bloss das Feigenblatt auf dem Ticket – Thomas Aeschi vor, den die SVP-Rennleitung im Bundesrat installieren wollte.
Wir grüssten. Parmelin erwiderte den Gruss, obwohl er uns nicht kannte.
Im VBS hatte er Mühe. Einzelne Schlüsselfiguren im Departement tanzten ihm auf der Nase herum, wie sie es zuvor bei Ueli Maurer und später bei Viola Amherd taten. Das Debakel um die Beschaffung des F-35 ist auch ein Auswuchs dieser Kultur.
Viele Beobachterinnen und Beobachter trauten dem Waadtländer die Führung des Wirtschafts- und Bildungsdepartements trauten nicht zu. Doch er blühte in der neuen Rolle auf. Er konnte zuhören, schwierige Situationen moderieren und so manches komplexe Geschäft vorantreiben.
Sich selbst nahm er nicht so wichtig. Er war ehrlich, verlässlich, zeigte Selbstironie und vertrat keine Hardcore-SVP-Politik. Während der Covid-Pandemie etwa wich er von der Parteilinie ab. Diese ausgleichende und bescheidene Art tat der Landesregierung gut und machte ihn auch im Volk populär. In den Krisen – Pandemie, Ukraine-Krieg, Brandkatastrophe in Crans-Montana – war er an Deck und fand die richtigen Worte.
Andere Bundesräte gingen länger zur Schule, traten ungemein selbstbewusst auf, einer sogar charismatisch, sie waren vielsprachig und weltgewandt. Allein, sie bewegten letztlich wenig, weil sie aufbrausend waren oder ihr riesiges Ego sie auflaufen liess.
Der Mann, der in jenem Dezemberabend den Gruss zweier Unbekannter erwiderte, ist sich treu geblieben. Mit Guy Parmelin verlässt ein Teamplayer den Bundesrat, der die Bodenhaftung nie verloren hat. Er behandelte alle mit demselben Respekt und setzte sich dafür ein, dass die politischen Institutionen nicht geschwächt werden.
Dem Online-Portal «Watson» gab ich zu Parmelin und zum Nachfolgekarussell ein Interview. Hier ist es verlinkt.
Foto: Reuters
