Vom Schneemann und der Amerikanisierung

Der Videoclip ging letzte Woche um die Welt: Ein Schneemann fragte, ob sein Sohn trotz der Folgen des Klimawandels überleben werde. Die letzte Einstellung ist herzerweichend: Schneemanns Junior blickt mit grossen Kulleraugen in die Kamera. Millionen von Menschen haben diese Seuqenz inzwischen gesehen. Achtzehn Sekunden, die berühren.

Das Internet- und Video-Portal „Youtube“ machte die Verbreitung dieses Clips zum Kinderspiel. Er wurde an der ersten digitalen Debatte mit den demokratischen Präsidentschaftsanwärtern gezeigt. Hillary Clinton und ihre sieben Konkurrenten mussten des Schneemanns Frage live beantworten. Der Nachrichtensender CNN übertrug die Debatte mit den eingespielten Video-Fragen.

Das ist eine gelungene Form von Bürgerjournalismus, weil er Desinteressierte weckt. Tausende von Amerikanern nahmen die Herausforderung an, selber einen Videoclip zu produzieren, die originellsten wurden ausgewählt. Keine Frage, die erste digitale Debatte stellt eine Innovation im Wahlkampf dar. Und wie immer in den USA, ist eine Mischung aus Inhalten und Emotionen, Show und cleverem Marketing. Für uns republikanisch-zurückhaltende Schweizer ist diese Art Wahlkampf überzeichnet und fremd. Deswegen bedienen wir uns, wie bei jeder Innovation, schnell dem negativ besetzten Etikett „Amerikanisierung“ und lehnen sie ab.

Auch bei uns hat sich der Wahlkampf in den letzten 20 Jahren stark verändert. Früher reichten Versammlungen im „Bären“, die dauerhafte Beachtung der Parteiblätter und Plakate, um die eigene Klientel wachzurütteln. Inzwischen ist der Wahlkampf zu einer vielschichtigen Aufgabe geworden. Die Parteibindungen haben sich stark gelöst, der Wechselwähler wird umschwärmt, Verbände, Non-Profit-Organisationen und Bürgerbewegungen nehmen immer mehr an Bedeutung zu.

Die entscheidende Macht aber haben die Medien, die untereinander in einem gnadenlosen Verdrängungskampf stehen, übernommen. Sie diktieren das Tempo, sie diktieren, was Thema ist, sie diktieren, wer auftreten darf und wer totgeschwiegen wird. Wer sich den Gesetzen der so genannten Mediokratie anpasst, hat eine Chance. Die mehr als 400 Nationalrats-Kandidierenden des Kantons Bern können sich noch bis zum Wahltermin vom 21. Oktober in dieser Disziplin üben.

Mark Balsiger

P.S.  Dieser Beitrag wurde auf Anfrage des “Bieler Tagblatt” geschrieben und dort in der Ausgabe vom 3. August 2007 publiziert.

Mörgeli, unser aller Müllmann

Eine Glosse

Wahlkampf mit Abfall – kein Problem. Einer Sommerserie von „TeleZüri“ sei Dank. Der Privatsender begleitete Prominente, Missen, Schlagersternchen und Dreckwerfer bei ausgefallenen Tätigkeiten.

Christoph Mörgeli, Medizinhistoriker am Tropfe von Väterchen Staat, rakröhrender* Infanterist mit viel Erfahrung im Schützengraben und scharfen Schuss, Wunschschwiegersohn fast aller Mütter Helvetiens, Kolumnen schreibender Verdauungsregulator, agent provocateur für die Sache des Guten, Bauchredner von Christoph B. und Nationalrat der Volkspartei, hat für einmal sein Konfirmanden-Outfit gegen ein oranges Übergwändli eingetauscht und ging auf Ghüdertour. Quer durch „Downtown Switzerland“. Dieses Oeuvre wird uns am 1. August präsentiert – zwischen Fahnenschwung, zweitem Cervelat und den kahl geschorenen Patridioten, die die News der nächsten Tage dominieren werden.

„Für mich ist Müllmann eine ausgezeichnete Wahl“, findet Mörgeli. Kein Wunder, in der heutigen Ausgabe von „20Minuten“ ist er auf der Frontseite abgebildet. Gleich viermal. Und immer mit seinem angeborenen Grinsen. So viel Gratiswerbung hat in diesem Wahljahr noch kaum ein Kandidat erhalten. Gratulation auch an Tamedia: Das ist Konzernjournalismus, der mindestens bis zum Uetliberg hinauf stinkt.

Bern, heute Morgen im 9i-Tram: Ein Mann mittleren Alters greift nach einer Gratiszeitung, betrachtet die vier Fotos und meint zu seinem Kollegen nebenan: „E lueg, dr Mörgeli aus Ghüdermaa! Jitze hett dä ändlech sini wahri Beruefig gfunge.“

Mark Balsiger

* Für alle Frauen, Zivis, Pazifisten und Nicht-Schweizer: Das Rakrohr ist die Paradewaffe des Infanteristen.

Der nächste Schritt zu “Bund”-losen Zeiten

Für den „Bund“ läutet das Totenglöcklein. Zwar nicht zum ersten Mal, dafür lauter als früher. Die vollständige Übernahme durch die Espace Media Groupe ist ein weiter Schritt, die das Schicksal der Qualitätszeitung besiegeln wird. Vor vier Jahren wurde das Berner Modell geboren, das den wirtschaftlich serbelnden „Bund“ unter dasselbe Verlagsdach wie die „Berner Zeitung“ brachte. Vor eineinhalb Jahren hat man als weitere Sparübung die beiden Sport-Redaktionen zusammengelegt. So wird es weitergehen: Als nächstes folgen die Ressorts Wirtschaft und Ausland. Und irgendeinmal werden wir nur noch eine Berner Zeitung haben. Eine triste Perspektive.

Bei der Präsentation des Berner Modells sagte Charles von Graffenried, bis vor kurzem der mächtige Patron der Espace Media Groupe: „Ich kann mir Bern ohne ‚Bund’ gar nicht vorstellen.“ („Bund“ vom 31. Juli 2003). Dieser Tage ebnete er das Terrain für das, was uns noch bevorsteht: „Auch tiefgreifende Veränderungen können wir nicht ausschliessen.“ Das Editorial von Graffenrieds im „Bund“ vom 27. Juni macht klar, dass „eine Quersubventionierung nicht in Frage kommt“.

Dieser Satz benennt das Killerkriterium: Lange Jahre hatte der „Bund“ Verluste eingefahren, die Löcher wurden durch die beiden Hauptaktionäre NZZ und Espace Media Group gestopft. Bei der nächsten konjunkturellen Flaute wird der „Bund“ wieder rote Zahlen schreiben. Und dann karrt man die Guillotine heran.

Der Tod in Raten für den „Bund“ wirft auch ein Schlaglicht auf die Marktmechanismen im Verlagsgeschäft und das Konsumverhalten von uns allen. Gut ist demnach, was erfolgreich den Weg zu den Leserinnen und Lesern findet. Die Gratisblätter, die uns an Bushaltestellen und Bahnhöfen um die Ohren geschlagen werden, sind also gut. Viele bunte Bildli und belanglose Storys über Paris Hilton und Baschi Trallala, garniert mit Stilblüten, Wettbewerben, Umfragen und viel, viel Werbung. Kurzfutter. Schnell geschrieben, schnell gelesen, schnell vergessen. Im Herbst werden wir voraussichtlich durch zwei weitere Gratiszeitungen beglückt. Frühmorgens und schon beim Hauseingang. Diese Entwicklung ist fatal: Information darf nicht gratis sein.

Machen wir uns nichts vor: Das Berner Modell ist mit der Übernahme der Espace Media Groupe durch die Tamedia gescheitert. Es konnte sich halbwegs etablieren, weil Charles von Graffenried bislang das Sagen hatte und seine Glaubwürdigkeit auf dem Spiel stand. Das ist vorbei. Über Sein oder Nichtsein des „Bund“ entscheidet der starke Mann in Zürich, der bei der Tamedia hoch oben im Glashaus sitzt.

Martin Kall jongliert eiskalt mit Zahlen und Rotstift, mit einem publizistischen Gewissen ist er bislang nicht aufgefallen. Die Art, wie er unlängst die rund 60 „Facts“-Mitarbeitenden abservierte, lässt erschaudern. Auch die Chefs in Bern zeigten letzte Woche wenig Fingerspitzengefühl: Unter „Verschiedenem“ wurde die „Bund“-Redaktion schnell und fahrig über die Umwälzungen in Kenntnis gesetzt.

Dabei ist es genau diese Redaktion, die trotz Unsicherheiten, Entlassungen und sonstigen Sparübungen jeden Tag mit dem hehren Ziel antritt, eine gute Zeitung zu machen. Informieren, die Hintergründe ausleuchten, analysieren und zum Denken anregen, das sind die primären Aufgaben einer Qualitätszeitung. Das schafft der „Bund“ bis heute immer wieder. „Verstehen, warum“ heisst sein treffender Slogan. Mit 20 Zeilen und einem Monopolblatt ist das nicht einzulösen. Unsere Demokratie braucht die Meinungsvielfalt der Medien. Bevor der „Bund“ endgültig zu Grabe getragen wird, sollen die Kalls und von Graffenrieds noch einmal an ihre staatspolitische Verantwortung erinnert werden.

Mark Balsiger

Ein TV-Politiker par excellence

Gestern also überreichte Tony Blair den Schlüssel für die Downing Street 10 in London seinem langjährigen Weggefährten und Rivalen Gordon Brown. Eine zehnjährige Ära ging zu Ende. Sie hat im zweiten Teil ihren Glanz verloren.

Bei den Einschätzungen und Analysen der letzten Tage wurde weitgehend ausgeblendet, dass Blair in Sachen Wahlkampf und Auftrittskompetenz europaweit neue Massstäbe setzte. Kein anderer bekannter Politiker hat sein Wirken derart konsequent auf das wirkungsvollste Medium, das Fernsehen, ausgerichtet wie er. Jederzeit schaffte er es auf Knopfdruck, einen „Soundbite“ zu verabreichen, wie er besser nicht hätte sein können. Präzis in der Aussage, kurz, gewinnend, kongruent, der Situation und dem Thema stets perfekt angepasst. Blair war ein TV-Politiker par excellence.

Blair wusste seit seinen Anfängen auf den harten Bänken der Opposition um die Macht des Bildes. Der Laienschauspieler übte unermüdlich, mit viel Talent und Ehrgeiz. Auch nach 1997, als er Premierminister wurde, überliess er nichts dem Zufall. Jeder Auftritt wurde minutiös vorbereitet, keine unvorteilhaften Perspektiven für Fotos und Filmsequenzen zugelassen. Die „Spin Doctors“, enge Vertraute Blairs, führten Regie, allen voran Peter Mandelson, später Alastair Campbell. Beide waren brillante Strategen, mit allen Wassern gewaschen, machtbewusst und gnadenlos beim Austeilen und Einschüchtern.

Die britische Presse war vorerst fasziniert, die Berichterstattung verlagerte sich zunehmend auf die Metaebene, eine Vielzahl Bücher thematisieren den „Spin“ der Regierung Blair. Der „Overspin“ kam, weil das britische Volk die militärischen Intervention in Afghanistan nicht billigte. Der politische Instinkt hatte Tony Blair bei diesen Entscheidungen ausnahmsweise nicht richtig geleitet. Bitter für ihn, dass so der Glanz der ersten Jahre verblasste.

Mark Balsiger

Der Schweizer Medienminister bloggt

Weltweit werden täglich gegen 100’000 neue Weblogs aufgeschaltet. Es bleibt zu vermuten, dass ebenso viele stillschweigend wieder vom Netz genommen werden – oder unbemerkt einschlummern.

Seit gestern hat die Schweizer Blogosphere ein prominentes Neumitglied: Moritz Leuenberger. Lobenswert, dass er sich diesem Medium persönlich annimmt und interaktive Diskussionen anstossen will . Ob damit die „politische Diskussion verbessert“ wird, wie er sich das wünscht – wir hoffen es.

Gegen 4000 Besuche und fast 300 Kommentare nach nur zwölf Stunden auf seinem Blog – ein Einstieg nach Mass. Auch der Niederschlag in den Tageszeitungen ist gross. Von „heute“ bis zur „NZZ“ greifen alle das Thema auf. Von sachlich nüchtern bis versucht süffisant („Ich, Moritz Bloggenberger“).

Womit wir beim Kern des Sache angelangt sind: Blogs erreichen, zumindest in unserem Land, nur dann eine gewisse Relevanz, wenn die etablierten Medien darüber berichten. Bundesrat Leuenberger ist das geglückt, kraft seiner Funktion.

Alle anderen, vorab die Kandidatinnen und Kandidaten, die um Aufmerksamkeit buhlen, werden im ganzen Jahr nicht so viele Besucher und Kommentare auf ihre individuellen Weblogs bringen, wie er binnen weniger Stunden. Das dürfte Neid erzeugen. Und massenweise Anfragen, ob der eigene Blog nicht mit demjenigen von Leuenberger verlinkt werden könnte. Der Erfolg hängt von der Anzahl Links ab, die im Netz auf sie aufmerksam machen.

Keine Zweifel: In der nächsten Fragestunde des Bundesrats, vermutlich noch in der laufenden Frühjahressession, wird Leuenbergers Blogger-Tätigkeit thematisiert werden. Ob er die Einträge in seiner Freizeit schreibe oder ob das zu den neuen Kernaufgaben eines Medienministers gehöre, könnte eine mögliche Frage lauten. Vermutlich ist sogar mit Vorstössen zu rechnen. Auch darüber dürfte wieder berichtet werden. Wir merken: Es geht um Aufmerksamkeit à tout prix, schliesslich sind wir in einem eidgenössischen Wahljahr.

Mark Balsiger