Ein TV-Politiker par excellence

Gestern also überreichte Tony Blair den Schlüssel für die Downing Street 10 in London seinem langjährigen Weggefährten und Rivalen Gordon Brown. Eine zehnjährige Ära ging zu Ende. Sie hat im zweiten Teil ihren Glanz verloren.

Bei den Einschätzungen und Analysen der letzten Tage wurde weitgehend ausgeblendet, dass Blair in Sachen Wahlkampf und Auftrittskompetenz europaweit neue Massstäbe setzte. Kein anderer bekannter Politiker hat sein Wirken derart konsequent auf das wirkungsvollste Medium, das Fernsehen, ausgerichtet wie er. Jederzeit schaffte er es auf Knopfdruck, einen „Soundbite“ zu verabreichen, wie er besser nicht hätte sein können. Präzis in der Aussage, kurz, gewinnend, kongruent, der Situation und dem Thema stets perfekt angepasst. Blair war ein TV-Politiker par excellence.

Blair wusste seit seinen Anfängen auf den harten Bänken der Opposition um die Macht des Bildes. Der Laienschauspieler übte unermüdlich, mit viel Talent und Ehrgeiz. Auch nach 1997, als er Premierminister wurde, überliess er nichts dem Zufall. Jeder Auftritt wurde minutiös vorbereitet, keine unvorteilhaften Perspektiven für Fotos und Filmsequenzen zugelassen. Die „Spin Doctors“, enge Vertraute Blairs, führten Regie, allen voran Peter Mandelson, später Alastair Campbell. Beide waren brillante Strategen, mit allen Wassern gewaschen, machtbewusst und gnadenlos beim Austeilen und Einschüchtern.

Die britische Presse war vorerst fasziniert, die Berichterstattung verlagerte sich zunehmend auf die Metaebene, eine Vielzahl Bücher thematisieren den „Spin“ der Regierung Blair. Der „Overspin“ kam, weil das britische Volk die militärischen Intervention in Afghanistan nicht billigte. Der politische Instinkt hatte Tony Blair bei diesen Entscheidungen ausnahmsweise nicht richtig geleitet. Bitter für ihn, dass so der Glanz der ersten Jahre verblasste.

Mark Balsiger

Der Schweizer Medienminister bloggt

Weltweit werden täglich gegen 100’000 neue Weblogs aufgeschaltet. Es bleibt zu vermuten, dass ebenso viele stillschweigend wieder vom Netz genommen werden – oder unbemerkt einschlummern.

Seit gestern hat die Schweizer Blogosphere ein prominentes Neumitglied: Moritz Leuenberger. Lobenswert, dass er sich diesem Medium persönlich annimmt und interaktive Diskussionen anstossen will . Ob damit die „politische Diskussion verbessert“ wird, wie er sich das wünscht – wir hoffen es.

Gegen 4000 Besuche und fast 300 Kommentare nach nur zwölf Stunden auf seinem Blog – ein Einstieg nach Mass. Auch der Niederschlag in den Tageszeitungen ist gross. Von „heute“ bis zur „NZZ“ greifen alle das Thema auf. Von sachlich nüchtern bis versucht süffisant („Ich, Moritz Bloggenberger“).

Womit wir beim Kern des Sache angelangt sind: Blogs erreichen, zumindest in unserem Land, nur dann eine gewisse Relevanz, wenn die etablierten Medien darüber berichten. Bundesrat Leuenberger ist das geglückt, kraft seiner Funktion.

Alle anderen, vorab die Kandidatinnen und Kandidaten, die um Aufmerksamkeit buhlen, werden im ganzen Jahr nicht so viele Besucher und Kommentare auf ihre individuellen Weblogs bringen, wie er binnen weniger Stunden. Das dürfte Neid erzeugen. Und massenweise Anfragen, ob der eigene Blog nicht mit demjenigen von Leuenberger verlinkt werden könnte. Der Erfolg hängt von der Anzahl Links ab, die im Netz auf sie aufmerksam machen.

Keine Zweifel: In der nächsten Fragestunde des Bundesrats, vermutlich noch in der laufenden Frühjahressession, wird Leuenbergers Blogger-Tätigkeit thematisiert werden. Ob er die Einträge in seiner Freizeit schreibe oder ob das zu den neuen Kernaufgaben eines Medienministers gehöre, könnte eine mögliche Frage lauten. Vermutlich ist sogar mit Vorstössen zu rechnen. Auch darüber dürfte wieder berichtet werden. Wir merken: Es geht um Aufmerksamkeit à tout prix, schliesslich sind wir in einem eidgenössischen Wahljahr.

Mark Balsiger