Samstag ist Demotag

Inzwischen weiss es vermutlich jeder Teenager im Umkreis von 200 Kilometern: Am Samstag ist Demotag in Bern. Seit vier Wochen wird in den Medien fast unablässig darüber berichtet, das Klima ist aufgeheizt. Mehr als 60 Organisationen wollen sich an der unbewilligten Contra-Demonstration beteiligen.

Das zieht, wie immer, nicht nur echte Demonstranten an. Es ist wie ein Ritual, überall dasselbe: an den 1-Mai-Kundgebungen in Zürich, bei Anti-WEF-Manifestationen oder, wie neulich, als Bundesrat Christoph Blocher die Comptoire in Lausanne eröffnete. Die Bilder, die danach verbreitet werden, sind austauschbar: an jeder Ecke eine massierte Polizeipräsenz, zugenagelte Geschäfte, eingeschlagene Schaufenster, brennende Autos, Vermummte, die Steine und manchmal sogar Molotow-Cocktails werfen.

Der Sache erweisen sie so einen Bärendienst. Eine kraftvolle Gegendemonstration, in einer anderen Stadt, wäre die bessere Antwort gewesen. In der heissen Phase des Wahljahres 1995 war das noch möglich gewesen. Etwa 5000 Personen standen damals in Zürich zusammen, unter ihnen Bundesrat Otto Stich, der als Redner auftrat. Die Kundgebung verlief friedlich.

Morgen werden die üblichen Krawall-Bilder scharf mit anderen kontrastieren: Eine Art Alpaufzug der Volkspartei steht auf der Affiche. Mit 10’000 Supportern will sie vom Bärengraben zum Bundesplatz ziehen. Vorne Zottel, die beiden Bundesräte, die Parteipräsidenten Maurer und Joder, dann die liebe Froue und Manne. Das gibt schon beim Marsch durch die Innenstadt Scharmützel.

Der 6. Oktober wird ein zweifelhafter Höhepunkt des Wahljahres 2007. Das sind die Folgen der “Verschafung der Politik”. Wenn die SVP clever ist, und das ist sie, schlägt sie aus den Ereignissen des morgigen Tages Kapital. Bilder haben eine unglaubliche Kraft: hier die SVP-Mitglieder, die in Trachten friedlich durch die Strassen ziehen. Dort die Chaoten.

Ich werde mir das aus der Nähe ansehen müssen – und allenfalls hier darüber berichten.

Mark Balsiger

Schawinski will es nochmals wissen

Roger Schawinski kann nicht leise oder kürzer treten. Wie das Branchenportal Persönlich meldete, hat er das Zürcher Radio Tropic gekauft. „Tropic“ war mit seiner Musik eine echte Bereicherung im Äther, schaffte es allerdings nie, finanziell auf ein solides Fundament zu kommen.

Roschee, der Radiopionier, zurück am Sender. Das weckt viele gute Erinnerungen. Die erste Phase von Radio 24, ab 1979 vom Pizzo Groppera bei Como sendend, hat uns damals elektrisiert. Endlich unsere Musik – damals gabs nur eine Stunde „Sounds“ auf DRS –, talentierte Moderatoren, freche Shows, andere Geschichten. Und natürlich verkläre ich das im Rückblick – who cares.

Schawinski war nirgendwo so gut wie bei Radio 24, seine Talkshow „Doppelpunkt“ bleibt unerreicht. Wenn er erkannt hat, dass er heute niemandem mehr etwas beweisen muss, dürfen wir uns erst recht auf den neuen Sender freuen. “You can get it if you really want”, der Song von Jimmy Cliff begleitet Schawinski schon ein halben Leben lang.

Mark Balsiger

Ob Grass, Lafontaine oder Westerwelle – die Welle blieb stets aus

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Guido Westerwelle (rechts aussen) war gestern in der Schweiz. Der Vorsitzende der deutschen FDP hielt am Abend in Thun einen Vortrag zum Thema „Die Chancen der Globalisierung“. Tagsüber stattete er der Schweizer Schwesterpartei einen Kurzbesuch ab. Im Bundeshaus machte Westerwelle der freisinnigen Bundeshausfraktion Mut. „Die Wähler entscheiden und nicht die Umfragen“, soll er gesagt haben.

Bei den Bundestagswahlen 2005 erreichte seine Partei 9,8 Prozent, einen Drittel mehr als prognostiziert. Das ist beachtlich für eine Partei, die seit vielen Jahren verschiedentlich das Zünglein an der Waage spielt und je nachdem mit der SPD oder CDU/CSU koalierte.

Unvergessen ist Westerwelles Spasswahlkampf im Jahre 2002 – damals noch mit dem Guidomobil und einem umtriebigen, ja durchtriebenen Jürgen Möllemann an der Seite. Statt den anvisierten 18 Prozent reichte es für einen Wähleranteil von 7,4 Prozent.

Westerwelles Stippvisite schlug sich in den Schweizer Medien kaum nieder. Einzig „Tages-Anzeiger“, „Südostschweiz“, „Bund“ und NZZ berichteten kurz – die FDP hat eine Chance zu wenig genutzt. So genannte „foto opportunities“ mit einer Politgrösse dieses Kalibers darf man sich nicht entgehen lassen, man hätte sie inszenieren müssen. Das wäre die perfekte Welle in der Schlussphase des FDP-Wahlkampfes gewesen!

Besuche von prominenten Deutschen sind im Schweizer Wahlkampf nichts Neues. 1967 kam Günter Grass auf Einladung der progressiv-linksliberalen Bewegung „Team 67“ in den Kanton Aargau. Nicht weniger als 500 Besucher wollten Grass sehen.

Übrigens: Aus dem „Team 67“ gingen u.a. zwei Politisierende mit nationaler Ausstrahlung hervor: Ursula Mauch, 1979 bis 1995 Nationalrätin und einige Jahre Präsidentin der SP-Bundeshausfraktion, sowie Ulrich Fischer, bis 2003 Nationalrat der FDP. Vielen ist er noch als „Atomueli“ bekannt, einer der treibenden Köpfe hinter dem geplanten AKW/KKW (ob Atom- oder Kernkraftwerk, ich bleibe gespalten) Kaiseraugst. 1988 wurde dieses Projekt auf Grund des erbitterten Widerstands der Bevölkerung endgültig fallen gelassen, Fischer war zu diesem Zeitpunkt bereits der Sprung ins eidgenössische Parlament geglückt.

In den neunziger Jahren wiederum beglückte Oskar Lafontaine, damals noch in einer Führungsfunktion bei der SPD sowie Ministerpräsident des Saarlandes, die SP Schweiz im Wahlkampf. Erwin Teufel (CDU) wiederum, bis 2005 Ministerpräsident von Baden-Würtemberg, besuchte einmal die CVP.

Keiner der hohen deutschen Besuche vermochte den jeweiligen Parteien übrigens Schub zu verleihen. Das “Team 67” beispielsweise holte bei den Nationalratswahlen 1967 weniger als 5000 Stimmen.

Mark Balsiger

Die Unfrage des Jahres

BlocherSeit bald einem Jahr taucht eine Frage immer wieder auf, seit ein paar Wochen wird sie landauf, landab überall gestellt:

Werden Sie Christoph Blocher wieder als Bundesrat wählen?

Inzwischen ist die Frage auch in die redaktionellen Seiten geschwappt, unlängst in der „Basler Zeitung“, gestern im „Tages-Anzeiger“. In Basel haben die Medienschaffenden alle Kandidierenden abgeklappert, ihre Zürcher Kollegen beschränkten sich auf die Bisherigen und die potentiellen Neo-Nationalräte.

Nüchtern betrachtet erstaunt die Frage. Gäbe es nicht wichtigere Fragen? Gerade für die kommende Legislatur? Eine Auswahl relevanter Fragen: Was tun wir zum Schutze des Klimas? Wie sanieren wir unsere Sozialwerke? Auf welche Energieträger setzen wir die nächsten Jahrzehnte? Wie bekämpfen wir die Jugendarbeitslosigkeit? Ist die Wirtschaft fit genug? Ist der Bilateralismus der richtige Weg?

An Podien und in Zeitungsspalten wird lieber die Blocher-Frage gestellt. Sie ist einfacher, emotional aufgeladen, jeder kann problemlos mitreden. Klar, der Justizminister lässt niemanden kalt. Er steht – erneut – im Zentrum des Wahlkampfs. Was einiges über diesen Wahlkampf und seine Akteure aussagt.

Zuweilen gerät es ein wenig durcheinander: Am 21. Oktober wählen wir die Vertretung des eidgenössischen Parlaments, am 12. Dezember wird dieses Parlament die Mitglieder des Bundesrats bestimmen. Vielleicht wählt es Christoph Blocher wieder, vielleicht nicht. So what?

Die Blocher-Frage suggeriert eine Wichtigkeit, die sie nicht hat. Mit Verlaub, er ist einer von sieben Bundesräten. Lauter zwar als andere, vermutlich auch arbeitsamer und effizienter, gewiss gerissener. Aber auch nur mit einem Departement, dem keine Schlüsselrolle zukommt. Für mich ist die Blocher-Frage deshalb eine eigentliche Unfrage.

Die Schweiz ist nicht aus den Fugen geraten wegen Christoph Blocher, obwohl er

– von 1979 bis 2003 Nationalrat war
– von 1977 bis Anfang des 21. Jahrhunderts die Zürcher Kantonalsektion präsidierte und in dieser Zeitspanne die ehemals biedere Partei mit einem Wähleranteil von 10 Prozent auf über 30 Prozent stemmte (das war Knochenarbeit und verdient Respekt)
– seit dem brutalen Nein zur UNO im Jahr 1986 die Auns konsequent auf- und ausbaute
– 1992 den EWR-Vertrag bodigte und seither der bekannteste und umstrittenste Politiker des Landes ist
– gelegentlich Millionen aus der eigenen Schatulle aufwarf, um schweizweit für seine Überzeugungen zu werben

Seit bald vier Jahren sitzt Blocher nun im Bundesrat und die Schweiz ist nicht untergegangen. Das politische System ist sehr solid, die seit Jahrzehnten gepflegte unspektakuläre Konkordanz geriet bislang nicht ins Wanken. Christoph Blocher strapaziert die Konkordanz zwar, aber sie wird ihn überdauern. Ganz egal, ob er nun vom 13. Dezember an als “Oppositionsführer” – ohne Parlamentsmandat – wirkt oder nicht.

Mark Balsiger

Wahlzmorge von Radio DRS: Der ideale “Schuhlöffel” für den Endspurt

Es ist eine Eigenart des eidgenössischen Wahlkampfs, dass er jeweils erst nach den Sommerferien von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Zuvor herrscht mehrheitlich Ruhe, den Parteien fehlt in der Regel das Geld, über mehrere Monate im gekauften Raum präsent zu sein. Dasselbe gilt für die Kandidierenden.

Ab Ende August ist der Wahlkampf urplötzlich omnipräsent: auf Plakatwänden, in Inseraten, an Podien und so genannten Pseudo-Events, mit Porträts und Legislaturbilanzen seitens der Medien, im Briefkasten häuft sich das Werbematerial. Kommt noch ein angebliches Komplott oder ein „Geheimplan“ dazu, droht bereits ein Overkill. Herr und Frau Schweizer wenden aber durchschnittlich trotzdem nicht mehr als 20 Minuten für die Zeitungslektüre auf – ein solider statistischer Wert.

Die eigentliche „Wahlkampf-Welle“ kommt plötzlich, und sie ist heftig. Das wirkt sich oft abschreckend aus. Ich wünschte mir ein dosiertes Herauffahren der Wahlkampfberichterstattung durch die Medien.

Schweizer Radio DRS hat diese Woche das Wahlzmorge im Programm. Jeden Morgen von 5.30 bis 8 Uhr sind die Parteipräsidenten zu Gast. Der Auftakt heute überzeugte. Weder „hard talk“ noch Blabla, sondern Information, auf sehr unterhaltsame und lockere Art, werden geboten. Die Doppelmoderation von Christian Zeugin und Philipp Burkhardt ist eine Bereicherung, weil sich die beiden blendend verstehen. Träfe Statements aus den letzten Jahren werden eingespielt, die der Studiogast kommentieren muss, Autor Richard Reich erzählt jeden Morgen eine Kurzgeschichte, das Publikum kann sich via Mails und SMS beteiligen.

Heute Morgen durfte SVP-Chef Ueli Maurer einen Namen aus dem Topf mit allen SVP-Kandidierenden ziehen. Es war Karl Nussbaumer aus Menzingen (ZG). Eine Reporterin sauste mit dem Wahlmobil los, um 16.10 Uhr wurde das Porträt über Nussbaumer bereits ausgestrahlt.

Dieses Wahlzmorge ist der ideale “Schuhlöffel”, um für die letzten vier Wochen Wahlkampf den Tritt zu finden. Die Sendung ist dicht, aber nicht überfüllt. Radio ist, allen Unkenrufen zum Trotz, ein ausgezeichnetes Medium für die Vermittlung von Politik. Kurzum, das Wahlzmorge war zum Auftakt eine runde „Kiste“. Ein fast uneingeschränktes Lob an die DRS-Crew. Wieso fast? Vier der fünf Gäste sind Männer. Die beiden Befrager sind Männer. Mitunter war die Unterscheidung, wer gesprochen hat, nicht einfach. Ein “gemischtes Doppel” seitens des Radios wäre wünschenswert gewesen.

Morgen geht’s weiter mit Hans-Jürg Fehr (SP), am Mittwoch folgt Fulvio Pelli (FDP), am Donnerstag Christophe Darbellay (CVP) und am Freitag beschliesst die Parteipräsidentin der Grünen, Ruth Genner, die Serie.

Mark Balsiger

Die neue Qualitätszeitung ist da – oder auch nicht

Zuerst kamen die Ständer. Über Nacht. Auch vor unserem Haus. Ein metallenes Etwas, wie ein Bonsai-Notenständer, leicht zu verstellen, leicht zu demolieren. Die Zeitung hingegen, “.ch”, lies: Punkt CeeHaa, kam nicht. Zumindest nicht rechtzeitig. Das sei normal bei Neulancierungen, sagt Bürokollege Suppino.

Im Verlaufe des Morgens ergatterte ich doch noch eine Gazette, irgendwo im Zug zwischen Bern und Zürich. Endlich – das lange angekündigte Blatt, das aus verletztem Stolz in die Welt gesetzt wurde. Ab sofort jeden Morgen in rund 430’000-facher Auflage.

Zuerst musste ich lachen: Das Titelbild mit den beiden Kripsen, die in feinen Anzugen vor dem Bankomat stehen, hat Unterhaltungswert. Die Geschichte dazu, “Business für Kids”, hingegen ist dünn.

Insgesamt kommt das neue Blatt von Sacha Widgorovits sehr unaufgeregt, ja bieder daher. Das ist gut so. Die klare Abgrenzung zu den anderen Blättern im Tabloit-Format war bewusst. Chefredaktor Rolf Leeb schreibt, dass “.ch” eine Qualitätszeitung sei. Aus Mücken wolle man keine Elefanten machen. Man “erkläre unaufgeregt und kompetent”. Zugleich wird auf Kommentare und Analysen verzichtet. Wie also soll da “erklärt” werden? Ich bin gespannt, ganz nach dem Langzeit-Slogan des “Tages-Anzeiger”: Wir bleiben dran.

Die redaktionellen Leistungen sind ohnehin nicht entscheidend. Zeitungen sind heutzutage in erster Linie Trägerinnen von Werbung. Bei Gratis- und Pendlerzeitungen gilt das noch ausgeprägter. Der Kampf um den Werbekuchen wird jetzt noch gnadenloser werden. Und sollten “Tages-Anzeiger”, “Basler Zeitung” und “Berner Zeitung” ihr gemeinsames Gratisprojekt “News” tatsächlich auch noch lancieren, wird uns vermutlich ein Zeitungs- und Inseratekrieg geboten, auf den wir lieber verzichten würden.

Konkurrenz belebt das Geschäft, heisst es. Bei den Gratisblättern hat diese Überzeugung keine Gültigkeit. Sie belebt den Arbeitsmarkt der Medienschaffenden – vorübergehend.

Wenn “News” etwas wirklich Neues bieten will, muss es uns dereinst direkt ans Bett geliefert werden. Am liebsten mit einem Kaffee. Das wäre eine echte Innovation. Suppino ist begeistert.

Ich warte erst einmal den nächsten Morgen ab – vielleicht schafft es “.ch” dieses Mal rechtzeitig vor unsere Haustüre.

Mark Balsiger

Der Blocher-Herbst hat begonnen

Christoph Blocher / Quelle: Wikipedia

Im Frühjahr 2006 äusserte ich mehrfach die Vermutung, dass das Wahljahr 2007 zu einem Blocher-Jahr werden könnte. Wieso? Ich hätte es dem Justizminister zugetraut, eine Kandidatur für den Nationalrat bekannt zu machen. Mit diesem Entscheid hätte er für Monate die Schlagzeilen nach Belieben diktiert. Dieses „Zeuseln“ liess Blocher sein, die Anmeldefrist für Nationalratskandidaturen ist abgelaufen.

Es wird immerhin einen Blocher-Herbst geben. Er begann im Grunde genommen bereits am Parteitag der SVP Schweiz, der am 18. August in Basel inszeniert wurde. Seit Ende August rollt die „Geheimplan-gegen-Blocher!“-Inseratewalze. Der Blocher-Herbst wird am 13. Dezember, am Tag nach den Bundesratswahlen, enden.
Neun Hypothesen:

1. Das angebliche Komplott gegen Valentin Rorschacher bleibt eine Vermutung. Viel warme Luft, keine harten Fakten. Der Berg dürfte eine Maus gebären.

2. Die gewaltige Dynamik rund um diesen Fall beherrscht die Schlagzeilen in den nächsten Wochen.

3. Die Medienhysterie ist beispiellos.

4. Der Fall untergräbt die Glaubwürdigkeit der Politik. Kandidierende, die heute auf der Strasse ihre Flugblätter und Schöggeli verteilen, werden das deutlich zu spüren bekommen.

5. Christoph Blocher und die SVP sind ein weiteres Mal in der Opferrolle, eine Rolle, die sie selber suchen und die ihnen ausgesprochen behagt.

6. Das Trommeln gegen SVP und Blocher schliesst bei der Volkspartei die Reihen – und mobilisiert kräftig. Studien zeigen, dass die SVP am besten mobilisiert – die SP übrigens am schlechtesten. Die SVP wird am 21. Oktober ihr Potential fast ganz ausschöpfen können.

7. Vom SVP-Aufwind profiterte bei den Wahlen 1995, 1999 und 2003 auch die SP. Wieso? Es gibt Wählerinnen und Wähler, die sich nur für die SP entscheiden, weil sie gegen die andere Pol-Partei, die SVP, sind. Die SP positioniert sich heuer ein viertes Mal als Anti-Blocher-Partei. Das hat sich abgenützt und lässt sich nicht mehr ummünzen in Wählerstimmen. Ohne rlevante eigene Themen gerät die SP in Vergessenheit.

8. Die Grünen legen weniger zu als bisher prognostiziert. Wieso? Im Schlagabtausch und vergifteten Klima der nächsten Wochen werden sie kaum mehr wahrgenommen. Im Vordergrund stehen die vier Bundesratsparteien. Der Klimawandel als wichtigstes Thema der Grünen verliert in der Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit an Brisanz.

9. Die SVP diktiert die Agenda der Medien. Wieso? Das Machtzentrum dieser Partei besteht aus einem halben Dutzend Personen. Diese arbeiten schon lange zusammen, und das sehr effizient, medienbewusst und clever. Die Medienlogik kommt ihnen entgegen. Mit dem Auftritt am Donnerstag landeten die SVP-Oberen einen ersten Volltreffer, im Gegensatz zur GPK, die mit ihrer kurzfristig anberaumten Medienkonferenz am Mittwoch um 20 Uhr dilletantisch vorgegangen ist.

Die anderen Parteien kommen aus der Defensive nicht heraus. Business as usual.

Mark Balsiger

Bullshit oder Staatsaffäre? Vor allem viel Nervosität und warme Luft

Unsere Büros liegen im erweiterten Bundeshaus-Perimeter. Das erlaubt Momentaufnahmen:

Ein Generalsekretär hastet durch die Gassen, die Stirne in Furchen gelegt so tief wie Schützengräben. Journalisten rufen an und wissen vor lauter Fragen nicht, wo sie mit ihren Fragen anfangen wollen. Alle jagen sie nach dem Primeur, alle stochern sie im Nebel. Christoph Mörgeli spricht von „Bullshit“, jemand von der Gegenseite von „Staatsaffäre“. Seit Mittwochabend ist die Stimmung elektrisch aufgeladen.

Die Versuchung, das ganze Getue mit Ironie zu durchtränken, ist gross.

Dieser Fall dürfte alle bisherigen Medienhypes in den Schatten stellen. Wieso? Alle Ingredienzen, die es dafür braucht, sind dabei:

– Christoph Blocher als Reizfigur par excellence
– Valentin Rorschacher als Bundesanwalt – auch er eine Reizfigur mit grossem Ego –, der keine grossen Erfolge verbuchen konnte, dafür gelegentlich mit zu grosser Kelle anrichtete
– Rorschachers Absetzung, die der Justizminister vornahm, ohne den Gesamtbundesrat zu konsultieren
– Bankier Oskar Holenweger, der wegen der Bundesanwaltschaft seine Ehre und Bank verloren haben soll
– die Geschäftsprüfungskommission (GPK), die am Mittwoch Abend auf 20 Uhr kurzfristig zu Medienkonferenz einlädt
– der Vorwurf des Komplotts – gegen Rorschacher
– die Vermutung, dass Blocher von diesem Komplott wusste, allenfalls sogar mitspielte
– ein Stück Papier, der so genannte H-Plan, auf dem vor allem Namen von Politikern und Journalisten notiert sind. Damit sollte angeblich Rorschacher ausgeschaltet werden
– eine Inseratekampagne der SVP („Geheimplan gegen Blocher!“), die seit Mitte August durch das Land rollt wie noch keine zuvor
– eine stattliche Anzahl Politiker, denen Christoph Blocher schon einmal ans Schienbein getreten hat, und die auf Revanche hoffen
– in knapp sechs Wochen finden die eidgenössischen Wahlen statt
– die FDP zittert um ihren zweiten Bundesratssitz, SP und Grüne wollen Blocher nicht mehr im Bundesrat, die CVP wittert Morgenluft
– die SVP-Spitze dreht an einer Medienkonferenz den Spiess um und spricht vom einem Komplott gegen Blocher
– Bundesrat Couchepin mischt sich ein. Er greift die SVP im Tessiner Radio an und zieht Vergleiche mit den italienischen Faschisten der 1930er Jahre

Während Wochen, ja Monaten beklagten sich Journalistinnen und Politbeobachter, dass der Wahlkampf 2007 flau sei. Jetzt ist er unvermittelt losgegangen. Bis zum 21. Oktober, vermutlich sogar bis zum 12. Dezember – dem Tag der Bundesratswahlen – wird recherchiert, geschrieben, abgeschrieben. Der Thesenjournalismus erlebt einen Höhenflug.

Nüchtern betrachtet ist die Faktenlage im Moment sehr, sehr dünn. Auf Grund der Ingredienzen bleibt vorläufig nur die Flucht in die Interpretationen, die auch zu wilden Spekulationen werden können. Der Druck zu schreiben und zu senden ist riesig. Auch wenn es nichts Relevantes zu schreiben oder zu senden gibt.

Medienhypes hat es in den letzten Jahren mehrere gegeben. Ein paar Beispiele:

– Oktober 1999: Der „Blick“ macht einen alten Brief von Christoph Blocher an den Holocoust-Leugner Jürgen Graf publik. Das orchestrierte Trommeln gegen Blocher mobilisiert zusätzlich und macht die SVP zur Siegerin der eidgenössischen Wahlen 1999.
– Sommer 2001: Der Bündner Regierungsrat Peter Aliesch ist mit einem dubiosen griechischen Geschäftsmann verbandelt, seine Frau erhält einen Nerzmantel als Geschenk. Seine Regierungskollegen entziehen ihm die wichtigsten Dossiers (u.a. das WEF), distanzieren sich später von ihm, genauso wie seine Partei. Aliesch wirft schliesslich den Bettel hin. Rechtlich bleibt nichts an ihm hängen.
– Frühling 2002: Botschafter Thomas Borer kommt wegen einer angeblichen Frauengeschichte (Djamile Rowe) in die Schlagzeilen, der Ringierkonzern schiesst sich auf ihn ein. Bundesrat Josef Deiss kriegt kalte Füsse und drängt Borer zum Rücktritt. Dessen Kollegen aus dem diplomatischen Corps, die dem Quereinsteiger den Karrierejob in Berlin nicht gönnen mochten, spielten hinter den Kulissen mit. Die Sache mit Rowe entpuppt sich als „Fake“ und aus dem „Fall Borer“ wird ein „Fall Ringier“. Der Chefredaktor der „SonntagsBlick“ muss zurücktreten, Verleger Michael Riniger entschuldigt sich.

Die Rorschacher-Blocher-Geschichte wird uns alle erschlagen – mit der nicht zu bewältigenden Masse an Berichten, Einschätzungen, Spekulationen und Kommentaren. Vermutlich ist das allermeiste bloss warme Luft.

Mark Balsiger

Goldgräberstimmung bei den Verlegern?

Newsflash des “Klein-Report” vom Mittwochnachmittag, 15. August 2007

«Basler Zeitung» plant neue Pendlerzeitung

Die «Basler Zeitung» (BaZ) plant eine Pendlerzeitung. Das neue Produkt soll noch in diesem Jahr in der Nordwestschweiz auf den Markt gebracht werden, wie die BaZ am Mittwoch auf ihrer Website mitteilte. Der Name der neuen Zeitung steht noch nicht fest. Entwickelt werden soll sie gemeinsam mit der Zürcher Tamedia («Tages-Anzeiger») und der Espace Media Group («Berner Zeitung»). Die neue Zeitung soll frühmorgens in Zeitungsboxen in den Regionen Basel, Bern und Zürich aufliegen. Inhaltlich setzt die neue Gratiszeitung auf News für Schnellleser. Hintergrundinformationen und Kommentare sowie die Informationen aus der Region erscheinen weiterhin exklusiv in der BaZ, wie es weiter heisst. Das neue Produkt wird in den von den drei Verlagen gemeinsam betriebenen Inserateverbund «Metropol» integriert.

Offensichtlich herrscht Goldgräberstimmung bei den Schweizer Verlagshäusern. Oder ist es die nackte Angst vor der nächsten Baisse, die zu solchen Projekten führt? Nach “20 Minuten” – seit geraumer Zeit mit Splitausgaben in Zürich, Basel, Luzern und Bern sowie in der Romandie -, “heute”, “le matin bleu” und ab September “.ch” von Sacha Widgorovits drängt es nun also noch ein Gratisblatt auf den Markt. Es ist die Antwort auf “.ch”. Da droht keine Verdrängungskampf, sondern ein echter Zeitungskrieg. Eine Interpretation drängt sich auf: Die drei Verlagshäuser in Bern, Basel und Zürich wollen den Mitkonkurrenten “.ch” mit vereinten Kräften ausbluten lassen.

Schöne neue Zeitungswelt: An den Bahnhöfen Basel, Bern und Zürich wird man schon im Herbst mit drei Gazetten bedient. Und wer soll das alles lesen? Mein Bürokollege Suppino brummte eben: “Die BaZ würde besser eine gute Zeitung machen als Geld in ein überflüssige Pendlerblatt zu stecken.”

Mark Balsiger

Ein Popstar auf dem Rütli

Während Jahrzehnten war die Glaubwürdigkeit das wichtigste Gut der Politik. Inzwischen ist es die mediale Aufmerksamkeit. Nur wer in den Medien stattfindet, hat eine Chance überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist unerbittlich. Das führt nicht selten zu einem symbiotischen Verhältnis von Politik und Medien.

Die Flut an echten und vermeintlichen News überrollt uns Konsumentinnen und Konsumenten. Die Medien, nicht nur diejenigen, die primär knackige Schlagzeilen, Bilder und damit Emotionen verbreiten, sind selber zu mächtigen Akteuren geworden. Auf den Redaktionen entscheidet oftmals nicht die Relevanz, was Thema wird, sondern was die Konkurrenz bringt. Dieser Mechanismus verschärft das Tempo, was kaum mehr Reflexion und Analyse ermöglicht. Die fiebrige Hatz nach Primeurs, höheren Auflagen und Einschaltquoten führt mitunter zu einem Hype und schliesslich zu einem Overkill, der das Publikum irritiert zurücklässt.

Die Recherche im Archiv der Schweizer Mediendatenbank zeigt: Zum Schlagwort „Rütli“ sind in der Zeitspanne vom 1. Mai bis zum 31. Juli nicht weniger als 1142 Artikel aufgeführt. Die Rütlifeier 2007 ist auch ein Lehrstück über die neue Logik der Medien. Morgen Sonntag wird das nächste Kapitel geschrieben, wenn die Glatzköpfe das Rütli in Beschlag nehmen – und sich vor vielen Kameralinsen produzieren dürfen.

Für die meisten Schweizerinnen und Schweizer ist das Rütli die Wiege der Nation, auch wenn das historisch nicht belegt werden kann. Für SVP-Präsident Ueli Maurer hingegen ist es eine „Wiese mit Kuhfladen“, eine Aussage, die sich als Bumerang entpuppt: Am 24. Juli 2005 sprach nämlich Bundesrat Christoph Blocher auf dem Rütli – vor mehr als Tausend Gästen, die seine Rede beklatschten.

Sicher ist, dass das Rütli in den letzten Wochen zu einer noch grösseren Projektionsfläche wurde. Es ist die Hauptbühne eines bislang ereignisarmen Wahljahres. Vielen Akteuren kommt das Gezänk über die Feier an einer derart symbolträchtigen und mythisch verklärten Stätte entgegen. Der Diskurs war im Nu emotional aufgeladen. Bei der Aussetzung des AHV-Mischindexes wäre das sehr viel schwieriger geworden.

Keine Frage, die 1.-August-Feier auf dem Rütli ist ein Wahlschlager. Micheline Calmy-Rey hat binnen weniger Wochen das ureigene Terrain der SVP erobert. Das war kein Husarenstreich, sie schaffte es mit einer Mischung aus sicherem Instinkt, Raffinesse, der ihr eigenen Hartnäckigkeit sowie mit der Unterstützung einiger Medien. Am 1. August hatte sie einen „triumphalen Auftritt“, titelte sogar die zurückhaltende „Neue Zürcher Zeitung“, und wurde gefeiert wie ein Popstar.

Die Inszenierung und Symbolisierung der Politik ist weiter fortgeschritten als viele glaubten. Bundesratsmitglieder sind heute die wichtigsten Köpfe ihrer Parteien, das Trennende wird betont, die Personalisierung weiter vorangetrieben. Bis vor wenigen Jahren zeigte sich der Sonderfall Schweiz wenigstens noch in der Ausprägung des Wahlkampfs. Tempi passati. Unser Land ist auch in dieser Hinsicht normal geworden.

Mark Balsiger

P.S.  Dieser Text ist als “Tribüne” in der Tageszeitung “Der Bund” vom 4. August 2007 erschienen. Er wurde auf Anfrage der Redaktion geschrieben.