Ein Bündnertag, ein Frauentag

Verschnaufpause unter der Bundeshauskuppel, währenddem die gewählte Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf im Bahnhof Bern einfährt. Dutzende von Journalisten dürften auf dem Perron warten, um sich auf sie zu stürzen. Als ob sie ausgerechnet dort erklären würde, ob sie die Wahl annimmt.

Der heutige Tag wird in die Geschichte eingehen, ganz egal wie es weitergeht. In jedem Fall ist der heutige Tag ein Bündner Tag und ein Frauentag. Die neue Bundeskanzlerin heisst Corina Casanova, eine Rätoromanin. Eveline Widmer-Schlumpf kommt ebenfalls aus dem Kanton Graubünden.

Nachdem vor vier Jahren Ruth Metzler abgewählt und Christine Beerli (BE) nicht zur neuen Bundesrätin gewählt wurde, ist der doppelte Bündner Frauenerfolg eine gute Nachricht. Da passt eine Aussage von alt Nationalrätin Josy Meier: “Frauen gehören ins Haus – ins Bundeshaus.”

Widmer-Schlumpf hat es nun in der Hand. Dass sie sich bis morgen um 7.30 Uhr Zeit für ihre Entscheidung lässt, ist weise. Viel schlafen wird sie nicht. Jetzt schlagen die Stunden der Einflüsterer, Charmeure, Droher und Intriganten. “Zeit für ein verspätetes Mittagessen?”, fragt Bürokollege Suppino. Aber klar doch.

Der strategische Fehler mit Casanova

Die Sonntagspresse hat gestern nochmals einige Anstrengungen unternommen, um so etwas wie Spannung für die Bundesratswahlen herbeizuschreiben. Mehr als eine eigentliche Service-Public-Leistung ist es aber nicht geworden. Immerhin wissen jetzt ein paar Leute mehr, dass am Mittwoch Morgen die Landesregierung wieder gewählt wird.

Auch wenn heute Abend und morgen nochmals Manöver vorbesprochen werden sollten: Es bleibt alles beim Alten. Passé die Zeiten, als man in der Nacht vor dem Wahltag in der “Bellevue”-Bar oder im “Fédéral” Bundesräte “gemacht” wurden. Das ist lange, sehr lange her, und die Legenden aus dieser Zeit wachsen weiter.

Die vier Bundesratsparteien haben alle etwas zu verlieren, sie operieren alle sehr vorsichtig aus der Defensive. Die CVP hätte es zwar in der Hand gehabt, mit ihrer besten Figur, Fraktionschef Urs Schwaller, anzutreten – und zu gewinnen. Gegen Christoph Blocher. Weil damit der latente Unruheherd der Schweizer Politik in Pension geschickt werden könnte. Allein: Die Furcht vor seinem Gang in die Opposition – ohne Mandat – ist zu gross.

Gäbe es in der Schweiz so etwas wie Fraktionsdisziplin, wäre der Zweikampf bereits gelaufen: 128 Stimmen für Schwaller aus dem schwarz-rot-grünen Lager, maximal 118 Stimmen von FDP und SVP für Blocher. Ein Wahlgang würde reichen. So einfach ginge das.

Die CVP machte einen strategischen Fehler: Sie nominierte Vizekanzlerin Corina Casanova für die Nachfolge von Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz. Casanova ist in der Pole-Position. Wird sie gewählt, hat ihre Partei bei der nächsten Bundesratswahl ein Handicap. Das Amt der Bundeskanzlerin mag heute weniger politisch interpretiert und ausgeübt werden wie zu Zeiten von Walter Buser (bis 1991 “der achte Bundesrat”). Es bedeutet aber weiterhin Macht. Und darum wird es für die CVP dannzumal schwierig(er) werden, einen Anspruch auf einen zweiten Sitz im Bundesrat zu legitimieren.  

Gratiszeitungen vermüllen die Bahnhöfe und fördern die Integration

“News”- schon am frühen Morgen beim Kaffee. Bei der Lektüre der bezahlten Qualitätszeitungen. Links im Blatt, ganzseitige Inserate, vierfarbig: Ein Mann, ganz in Schwarz, die Roger-Staub-Mütze übergezogen, das Gewehr schussbereit. Wir dürfen annehmen, dass es sich um einen Terroristen oder Freiheitskämpfer handelt. Es ist ein Bild wie wir sie schon zu Tausenden gesehen haben. Aus dem Nahen Osten. Den Krisenherden in Afrika. Afghanistan.

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Die Werber, die die neue Gratiszeitung “News” anpreisen, haben den ersten Test nicht bestanden. Konflikte, Schiessereien und dergleichen fernab der Heimat – das ist ein Overkill. Solche News interessieren uns kaum mehr, so abgebrüht, ja zynisch das klingen mag.

Doch zurück zu “News”: Branchenkenner sagen, dass es im Deutschschweizer Markt Platz für zwei Gratiszeitungen hat. Über Sein oder Nichtsein entscheidet nicht der Inhalt und das Layout. Wichtiger sind:

– die Werbewirtschaft
– die Potenz und Geduld der Investoren
– die Auflage, die die WEMF in einem Jahr erheben wird
– das Verhalten der Konkurrenz

“20 Minuten” hat sich längst etabliert und ist inzwischen klar die auflagenstärkste Zeitung. Bleibt der Kampf um Platz zwei. “News” sei nur lanciert worden, um das andere Gratisblatt “.ch” wieder vom Markt zu drängen. So die Behauptung, die sich hartnäckig hält. Markus Eisenhut, Co-Chefredaktor der “Berner Zeitung”, hielt am letzten Berner Medientag dagegen: “Wenn wir dieses Produkt nicht lanciert hätten, würde das ein ausländischer Verlag tun.”

Ich befasste mich vor einigen Jahren intensiv mit dem damals neuen Phänomen Gratiszeitung, diese Arbeit ist elektronisch leider nicht verfügbar. Das Forschungsobjekt war “Metro”, eine Zeitung, die von Sao Paolo bis Stockholm in etwa 100 grossen Städten mit Erfolg verbreitet wird. In der Schweiz hiess das Tochterblatt “Metropol”, dessen Produktion Anfang 2002 wieder eingestellt wurde.

Die Macher von “Metro” wollen einerseits der jungen Generation das Lesen von Zeitungen schmackhaft machen. Später, im Alter von 35 bis 40 Jahren, sollen sie an die Qualitätszeitungen herangeführt werden. Eine soeben veröffentlichte Studie des deutschen Journalistikprofessors Michael Haller zeigt auf, dass in diesem Alter das Bedürfnis nach vertiefter Information steigt.

Eine andere Zielgruppe: Migratinnen und Migranten, die die Landessprache(n) teilweise nur rudimentär beherrschen. Mit der regelmässigen Lektüre einer Gratiszeitung können sie ihre Sprachkompetenz sukzessive auf- und ausbauen, was wiederum die Integration dieser Menschen fördert. Auffälliger ist seit gestern die noch verstärktere Vermüllung der Bahnhöfe und Busstationen durch die Gratiszeitungen.

“News” kommt – wer muss gehen?

Morgen erscheint erstmals die neue Pendlerzeitung “News”. Sie wird von “Tages-Anzeiger”, “Berner Zeitung” sowie der “Basler Zeitung” herausgegeben. Sie drängt in einen Markt, der völlig übersättigt ist. Worum geht es also bei dieser Neulancierung? Eine Auslegeordnung.

Die Gratiszeitungen heissen:

– “20 Minuten” (mit regionalen Splitausgaben Zürich, Basel, Bern, Luzern, Ostschweiz und Romandie)
– “Le Matin bleu”
– “heute” (wird als einzige Zeitung der Schweiz jeweils ab ca. 16 Uhr aufgelegt)
– “.ch” (seit September auf dem Markt)
– “cash daily”

“20 Minuten” ist die bislang einzige Gratiszeitung, die Profit macht. Und wie: Sie hat inzwischen die höchste Auflage aller Schweizer Zeitungen erreicht. Das freut die Werbewirtschaft, die stark auf diesen Titel setzt. Die Insertionstarife von “20 Minuten” konnten deshalb schon mehrfach angehoben werden. Eine Erfolgsgeschichte – ökonomisch.

Zu den Verlierern zählen die so genannten Bezahlzeitungen. Sie haben in den letzten Jahren gesamthaft 10 Prozent ihrer Auflagen verloren. Ergatterten sie 1993 noch 50 Prozent des Werbekuchens, waren es im Jahr 2005 noch 34 Prozent.

Für die Verleger ist darum klar: Sie müssen im Gratiszeitungsmarkt mitmischen – um jeden Preis. Es geht nicht um das wichtige Gut namens Information, sondern darum, Geld zu machen bzw. zu überleben. Mit den Gratiszeitungen sollen die Bezahlzeitungen quersubventioniert werden. Dass die Rechnung nicht aufgehen kann, liegt auf der Hand. Eine Vielzahl der Inserate, die wir bei unserem täglichen Zeitungskonsum überblättern, sind heute nicht mehr bezahlt.

Die Ankündigung von “News” brachte Peter Wanner in Rage. Der Chef der AZ Medien Gruppe (“Mittelland Zeitung”, Radio Argovia, Tele M1)  sagte am 1. November 2007 in einem Interview mit seiner Zeitung, dass “News” keine publizistische Funktion habe, sondern lediglich dazu diene, “.ch” zu vernichten: “Gleichzeitig soll der ‘Mittelland Zeitung’ im Werbemarkt Schaden zugefügt werden. ‘News’ ist nichts anderes als das Zerstörungsschiff der Kriegsflotte von Tamedia-Chef Martin Kall. Ich persönlich halte es für höchst bedenklich, wenn nun in der Medienbranche eine solche Bedrohungs- , Einschüchterungs- und Zerstörungspolitik Einzug hält.”

Diese Vermutung hört man oft in der Branche: “News” soll die Gratiszeitung “.ch” von PR-Berater Sacha Widgorovits verdrängen. Verschiedentlich wurde darauf spekuliert, dass alleine die Ankündigung von “News” ausreicht, damit Widgorovits das Handtuch wirft. Das ist nicht passiert. Bislang.

Die zweite Sorge Wanners: Die Knautschzone zwischen Zürich, Bern und Basel ist wirtschaftlich interessant, allein im Kanton Aargau leben rund 550’000 Menschen. Deswegen will “News” in diesem Dreieck den Quasi-Monopolisten, die “Mittelland-Zeitung”, herausfordern. Peter Wanner hat bereits angekündigt, mit einem “innovativen Produkt” gegen den Markteintritt von “News” zu kämpfen. Ich vermute, dass der Regionalteil, der der “Aargauer Zeitung” im Tabloidformat in 10 Splitversionen eingesteckt wird, die Antwort Wanners sein wird. Gratis aufgelegt.

Das wird ein regelrechter Mehrfrontenkrieg: “News” vs “.ch”, “News” vs Wanners neues Produkt, alle gegen alle. Die Frage ist: Wem geht zuerst der Atem aus? Und auch Ringiers “cash daily” und “heute” sind noch lange nicht über den Berg. Weiter: Wer soll das alles lesen – oder wenigstens durchblättern?

In einem grösseren Kontext stellt sich eine weitere Frage: Was geschieht mit der “Basler Zeitung”? Wird sie von Tamedia geschluckt oder von Wanners “Mittelland-Zeitung”? Gut möglich, dass wir bereits im nächsten Jahr die Antwort erhalten werden.

Angst über eine mögliche Blocher-Abwahl

Kenneth Angst ist jedem Verdacht enthoben, ein Linker zu sein. Er wurde bei der “Neuen Zürcher Zeitung” gross und stieg bis zum Stellvertretenden Chefredaktoren auf. Dazwischen war er persönlicher Berater bei FDP-Bundesrat Kaspar Villiger und später, für kurze Zeit, Co-Chefredaktor der “Weltwoche”. Inzwischen ist Angst als Publizist und Kommunikationsberater tätig.

In der aktuellen Ausgabe der “Wochenzeitung” schreibt Angst über “die Gefährlichkeit der SVP”. Der fast ganzseitige Aufsatz ist, wie immer bei Angst, wortgewaltig, und mündet in eine klare Forderung: die rot-grün-schwarze Mehrheit der Bundesversammlung müsse Christoph Blocher abwählen und eine Regierung ohne SVP bilden.

WOZ-Text über Blocher-Abwahl

Mit dieser Forderung ist Kenneth Angst ein einsamer Rufer in der Wüste. Seit dem Wahlerfolg der SVP bei den Nationalratswahlen vom 21. Oktober ist diese Option für alle Medien offensichtlich vom Tisch. Der “Bund” beispielsweise titelte tags darauf:

Blocher-Abwahl ist kein Thema mehr

Dabei hat Kenneth Angst grundsätzlich recht. Aus einer rein arithmetischen Sicht betrachtet, kann bei den Bundesratswahlen vom 12. Dezember Christoph Blocher problemlos abgewählt werden. Dafür braucht es keine einzige Stimme von SVP und FDP.

Die Kräfteverhältnisse des Parlaments:

– FDP/Liberale/SVP inkl. je einem Vertreter von EDU und Lega: 99 Sitze im Nationalrat, 19 im Ständerat; gesamthaft 118 Sitze

– SP/Grüne/CVP/Grünliberale/EVP plus je ein Vertreter von CSP und PdA: 101 Sitze im Nationalrat, 27 im Ständerat, gesamthaft 128 Sitze

Christoph Blocher muss sich als Zweitletzter der Wiederwahl stellen. Von der SP und den Grünen wird er keine Stimme erhalten, das ist seit langem bekannt. Offen ist, wie sich die Grünliberalen und die CVP entscheiden werden.

Stossen wir hier die Diskussion zum Thema an. Was meinen Sie?

Exakt zehn Monate im Netz

Der Wahlkampfblog ist ein blutjunges Medium: Heute vor zehn Monaten habe ich ihn lanciert. Aus diesem Anlass hat er ein neues Design erhalten. Es ist klassisch, klar strukturiert, ruhig und macht dieses Weblog optisch unverwechselbar. Ein dickes Dankeschön geht an das Heinzelmännchen, das jeweils des Nachts emsig werkt, und all meine Änderungswünsche im Nu umsetzte. Andi, you’re the wizzard!

Die Zugriffe steigen weiter: Letzte Woche verzeichnete der Wahlkampfblog erstmals mehr als 300 Besuche an einem Tag. Das freut mich und spornt an. Mitschreiben ist weiterhin erwünscht! Es ist simpel – ohne Passwort und andere Hürden können alle mitbloggen.

CEO Martin Kall – verloren in Bern?

In den alten, angeblich guten Zeiten war “Unglücksfälle und Verbrechen” die meistgelesene Rubrik in den Zeitungen. Inzwischen dürfte das für “Classe politique” (NZZ am Sonntag) und “Politohr” (SonntagsZeitung) gelten. Ein paar wenige Zeilen, eine Mischung aus Gossips, Interna und liebevollen kleinen Bösartigkeiten – et voilà, schon hat man beisammen, was die halbe Nation beim Brunch liest.

Ganz nach diesem Erfolgsmuster ist meine Meldung gestrickt:

Martin Kall, gefürchteter Zahlenjongleur im Solde der tamedia, wurde in Bern, also dem Herzen seines neuen Untertanengebiets, gesichtet. Am letzten Sonntag wars. Allerdings nicht wie üblich, entschlossen und mit kantigem Gesicht. Nein, Kall machte einen eher verlorenen Eindruck. Auf dem Kornhausplatz stand er im eisigen Wind, vertieft in seinen Stadtplan und versuchte sich ganz offensichtlich zu orientieren.

Seither wird spekuliert: Wollte er die Redaktionen von Bund und Berner Zeitung kontrollieren, ob sie auch sonntags ihr Bestes geben? Oder einen persönlichen Augenschein der “verslumten Stadt”, die man nun publizistisch erst recht aufs Korn nehmen muss?

Verbürgt ist nur etwas, und zwar ein Bonsai-Primeurchen an die Mitarbeitenden am “Bund”: Martin Kall und der neue VR-Präsident der tamedia, Pietro Supino, werden demnächst der “Bund”-Redaktion einen Besuch abstatten. Bislang unbestätigt ist hingegen, dass sie Charles von Graffenried, ausgewiesener Kenner von Berner Medien und Gassen, als Stadtführer verpflichtet konnten.

Bern-Bashing – und die unverzerrte Analyse

Bern-Bashing wurde bis vor kurzem mit einem Namen verknüpft: Urs-Paul Engeler. Regelmässig drischt er in der “Weltwoche” auf die Bundeshauptstadt und ihre Exponenten ein. Man hat sich an die Schläge gewöhnt, knirscht mit den Zähnen, die Lokalpresse relativiert oder repliziert, eine Flut von Leserbriefen folgen – und dann kehrt wieder Ruhe ein. Bis zum nächsten Mal.

Die galligen Texte Engelers werden jeweils als “Kritik aus Zürich” eingestuft, womit man bequem einen Reflex auslösen kann. Daneben gibt es aber auch das hausgemachte Bern-Bashing. Es hat Tradition und schadet dem Image der Stadt enorm. Es sind lokale Miesepeter, die alle und alles schlecht machen.

Seit dem Krawall-Samstag vom 6. Oktober betreiben die Medien schweizweit Bern-Bashing. In diesen Tenor stimmen viele ein, auch solche, die die Stadt nur vom Hörensagen kennen. Das Image leidet – “perception is reality”-, Sündenböcke müssen her.

Höchste Zeit für eine echte Analyse. Jean-Martin Büttner gelingt sie im heutigen “Tages-Anzeiger”. Wach und mit offenem Blick auf das Wesentliche hat er sich mit Berns Problemen auseinandergesetzt, behält dennoch die Distanz, recherchierte sauber und, wie fast immer bei Büttner, schreibt brillant. Zur Versachlichung hilft dieser Text gewiss.

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Wo waren die Blogger am Wahlabend?

Um ein grösseres Publikum zu erreichen, sind Schweizer Polit-Blogs auf die Erwähnung in etablierten Medien angewiesen. Unverhofft schaffte es der “wahlkampfblog” – weiterhin ein Experiment -, erstmals in einer Tageszeitung genannt zu werden. Eine Journalistin der “Basler Zeitung” suchte am Wahlabend nach aktuellen Blogbeiträgen – und wurde offenbar kaum fündig. Hier ihr Artikel:
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© Basler Zeitung; 22.10.2007; Seite 4

Wo bleiben die Blogger?

Im Internet bleiben die Kommentare zu den Wahlen spärlich

BARBARA STÄBLER

Die baz wollte wissen, wie stark die Schweizer Bloggerszene die Wahlen verfolgt und kommentiert.

Dank den Weblogs oder auch Blogs genannt, kann der Bürger seine Meinung zur aktuellen Politik und sein Wissen mit anderen schnell und ungefiltert teilen. Blogs, so die Meinung in der Bloggerszene, führten damit zu einer Demokratisierung der Information; die Medien aber verlören dadurch ihre Bedeutung.

Ein Blick ins Internet am Abend der Eidgenössischen Wahlen ist ernüchternd, die Bloggerszene verhält sich ruhig. Zu kommentieren und zu spekulieren gäbe es genügend: die erneute Erstarkung der SVP, den Erfolg der Grünen oder den Absturz der SP.

Doch als Polit-Blogs aufgeführte Weblogs wie edemokratie.ch, ignoranz.ch oder freilich.ch bleiben am Wahlsonntag stumm. Der Blog wahlkampfblog.ch einer Berner PR-Agentur publiziert am Sonntagabend wenigstens einen Kurzbeitrag. «Die Grünen machten vor, wie man faktisch ohne Budget stark zulegen kann. Ein klares Profil macht den Unterschied und wirkt, wenn wenige Themen auf Jahre hinaus konsequent bewirtschaftet werden», wird der Sieg der Grünen kommentiert.
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Gebloggt wurde selbstverständlich auch am Wahlabend – Blogger sind vor allem am Abend und in der Nacht aktiv. Man hätte etwas länger suchen müssen – oder später damit beginnen. Aber zu diesem Zeitpunkt war die “Basler Zeitung” wahrscheinlich bereits im Druck. Das ist der erschlagende Vorteil der Weblogs. Ich werde das Experiment darum vorläufig weiterführen, auch wenn die eidgenössischen Wahlen nun vorüber sind.

Mark Balsiger

Wo bleibt die “Arenatauglichkeit”?

Wir leben im 15. Jahr der Politsendung „Arena“. Fast ebenso alt ist der Ausdruck „Arenatauglichkeit“. Es gibt viele Politiker und Kandidatinnen, die ihn leicht verächtlich gebrauchen.

Die Wahl-Arena „Energie und Umwelt“ von gestern Abend war eine gute Gelegenheit, spezifisch auf die Arenatauglichkeit zu achten. Sechs Arrivierte standen im Ring, rund ein Dutzend weitere Teilnehmende in der zweiten Reihe. Alle kamen mindestens einmal zu Wort.

Von Beginn weg wurde ein Zahlensalat angerichtet, jemand verlor den roten Faden, andere verhedderten sich in Schachtelsätzen, Abkürzungen und Fachausdrücke schwirrten durch den Raum.

Erstes Fazit: In 60 Minuten wurden unzählige Chancen vertan.

Das ist schade: Viele Zuschauerinnen und Zuschauer möchten sich auf Grund der „Arena“ eine Meinung bilden, eigene Überzeugungen bestätigt wissen oder neue Aspekte kennenlernen. Den Protagonisten der Sendung schien es zu wenig bewusst zu sein, wer ihr Publikum ist. Eine Beobachtung, die ich oft mache. Die Debatte muss sich per se auf der Oberfläche bewegen, sonst kommen Herr und Frau Schweizer, die kein Parlamentsmandat innehaben, womöglich nicht mit.

Jede Aussage sollte darum
– einfach
– konzis (auf Deutsch: kurz und bündig)
– prägnant
sein. Dann bleibt sie eher haften. Wer zudem noch Beispiele und Bilder verwendet, wird verstanden. Das ist die hohe Schule der Arenatauglichkeit.

Bei unseren Coachings und Medientrainings sage ich jeweils: „Jedes Statement muss zu einem Goal führen.“ Gestern habe ich in 60 Minuten drei Goals miterlebt – eines war brillant.

In der Wirtschaft und im Militär haben sich Medientrainings durchgesetzt. In der Politik hingegen werden sie immer noch in Frage gestellt. Ich hörte tatsächlich in diesem Jahr Aussagen wie: „Ich habe das nicht nötig.“ Andere glauben, sie verlören ihre Authentizität.

Zweites Fazit: Es bleibt noch viel zu tun.

Mark Balsiger

P.S. Die nächste Wahl-Arena steigt heute Abend, 22.20 Uhr. Testen Sie die Kandidatinnen und Kandidaten selber!