Keine andere Sportart verkörpert die traditionellen Werte der Schweiz besser als das Schwingen. Aufrichtigkeit und Fairness werden gross geschrieben, die Protagonisten sind bodenständig. Nach dem Kampf gratuliert der Verlierer dem Sieger. Der Sieger klopft dem Verlierer kollegial das Sägemehl vom Rücken. Ein kräftiges Händeschütteln, ein Blick in die Augen des anderen – und beide stapfen gemeinsam wieder aus dem Ring.
Der wahre Charakter eines Menschen zeigt sich in der ersten Stunde eines Sieges oder einer Niederlage. Rund um den Bundeshauskrimi der letzten Tage kann man das exemplarisch mitverfolgen. Einerseits nimmt der frisch abgewählte Justizminister das Wort “Dreck” in den Mund und droht unverhohlen. Andererseits wird eimerweise Hohn und Spott über die SVP gegossen. Die triumphierenden Gegner gehen dabei ähnlich vor wie sonst ihre Feinde. Wie du mir, so ich dir, “tit for tat”.
Die ersten wichtigen Entscheidungen bei der SVP mit ihrem Verständnis von Opposition sind schon zu Beginn der nächsten Woche zu erwarten.
Ich zweifle nicht daran, dass Christoph Blocher in wenigen Monaten wieder unter der Bundeshauskuppel auftauchen wird. Als Nationalrat. Oppositionsführer brauchen ein Mandat im Parlament, dort können sie viel mehr Druck aufbauen. Blocher geht es bei seiner Rückkehr aber auch um eine persönliche Genugtuung – und um die Demütigung seiner Feinde, die ihn gestern abgewählt haben.
Am 3. März 2008 wird die Frühjahrssession beginnen. Dann wäre ein Comeback möglich. Ein Bisheriger aus dem Kanton Zürich gibt seinen Sitz frei und alle Ersatzleute auf der Nationalratsliste verzichten. Et voilà, so geht das. Dem SVP-Überflieger, der die Kantonalpartei Zürich 1977 als 10-Prozent-Partei übernahm und bis 2003 auf über 30 Prozent stemmte, wird man eine Rückkehr gewiss nicht verwehren.
Wer glaubt, dass mit der Abwahl von Blocher das Problem entsorgt ist, irrt sich also. Es dürfte noch grösser werden: Schuld daran ist die Blocher-Fixierung der Massenmedien, die mit der neuen Konstellation sogar noch zunehmen wird. Vor genau vier Jahren, nach der Wahl Blochers in den Bundesrat, hatte ich diese Symbiose von Medien und Blocher thematisiert. Dieser Text passt auch heute noch – haargenau.
Blocher und die Medien (PDF, 10 KB)
Kommt hinzu: Christoph Blocher hat ab Anfang Januar viel, viel Zeit für die Politik. Das war in der Phase von 1979 bis 2003 als Nationalrat nicht der Fall. Die Siegerinnen und Sieger von heute müssen sich warm anziehen. Blocher hat noch etwas, wovon andere nur träumen: Geld, sehr viel Geld. Er könnte vermutlich jedes Jahr x Millionen in Kampagnen stecken, ohne mit den Wimpern zu zucken.
P.S. Man sollte in Bundesbern vermehrt Kurse im Schwingen anbieten.
Foto: Tages-Anzeiger online




