Unser Land braucht solide Brücken

Heute vor zwanzig Jahren stand ich am Fuss des guatemaltekischen «Volcán de Agua» (Wasservulkan), tags darauf kletterten wir auf seinen Gipfel (3760 Meter über Meer). An den Abstieg erinnere ich mich noch heute – wegen den Schmerzen an meinem «Chassis». Ich lebte damals in Guatemala, lernte fleissig Spanisch, unterrichtete Englisch, bereiste das Land in den kunstvoll bemalten «Chicken Busses» (mehrheitlich ausrangierte Schulbusse aus den USA) und versuchte mich beim Tortillas Backen und Salsatanzen. Beides sorgte für Erheiterung, aber das ist eine andere Geschichte.

Mein Bedürfnis nach gut aufbereiteter Information war auch in jener Phase gross. Die Zeitungen Guatemalas taugten nichts, die internationale Presse war nicht greifbar, das Internet hatte sich noch nicht durchgesetzt. Zum Glück hatte ich einen Weltempfänger dabei, der auf der ausgestreckten Hand Platz fand. Dank diesem Gerät konnte ich auf Kurzwelle die Sendungen von Schweizer Radio International (SRI) empfangen. Heute heisst dieser Dienst übrigens Swissinfo – er ist längst eine Onlineplattform, die übrigens gut und unaufgeregt über die Schweiz berichtet.

Damals hörte ich mir alle zwei, drei Tage zu fixen Zeiten die Sendungen von SRI an und blieb so informiert, was in der Schweiz passiert. Es war eine Brücke in die Heimat.

An diese Phase meines Lebens dachte ich über die Weihnachtstage oft zurück, weil mich das Welt-Mikrofon des «Echo der Zeit» (siehe oben) daran erinnert. Aus diesem Foto wurde schliesslich eines der Sujets für die Abstimmung gegen die No-Billag-Initiative, die wir vorgestern fertigstellten. Hintergrundsendungen wie das «Echo der Zeit» (täglich) oder «International» (wöchentlich) von Radio SRF kosten Geld, sie sind am Markt nicht zu finanzieren, weil er viel zu klein ist. Nach einem Ja zu No Billag am 4. März würden sie verschwinden.

Unser Kleinstaat hat zwar keine Ressourcen, leistet sich aber seit 1992 allerhand Isolations-Klamauk. Dabei geht vergessen, dass die Schweiz zusammen mit Grossbritannien das erste globalisierte Land der Welt war. Gerade aus wirtschaftlichen Gründen ist für uns eine stetige Auslandberichterstattung unerlässlich, wir müssen wissen, was in anderen Ländern geschieht. Die Beschränkung auf «Regierungsputsch, Hungersnot, Krieg und Erdbeben», wie das Syndrom seit zwanzig Jahren diskutiert wird, wäre fatal. Die privaten Medien bauen ihre Auslandberichterstattung schon seit Langem schrittweise ab. Die Leute hier seien «am Ausland» zu wenig interessiert, heisst es aus den Chefredaktionen. Ich halte dagegen: Wir brauchen eine solide Brücke ins Ausland.

Die Kampagnensujets hat übrigens Steven Götz kreiert. Wer einen hervorragenden Grafiker braucht: he’s the one.

Mark Balsiger

Disclaimer:
Ich bin Kampagnenleiter des Komitees «NEIN zum Sendeschluss», um den Kampf gegen No Billag zu unterstützen.

P.S.
Klar, über den Claim könnten wir abendfüllend diskutieren. Die Negation ist umstritten, andere Leute in unserem Komitee votierten für ein Fragezeichen. Am Schluss landeten wir bei einem Kompromiss – genauso, wie die Politik in diesem Land, wenn sie pragmatisch bleibt. Eines ist gewiss: «Der Bestatter» beginnt am 2. Januar mit der sechsten Staffel, unser Sujet mit Mike Müller sorgte schon gestern für Wirbel.

#NoBillag #NEINzuNoBillag #SRG #SRF #EchoDerZeit #SRFinternational #Swissinfo #Guatemala

Absurd für eine Demokratie: Bei “No Billag” verschwänden ausgerechnet die besten Qualitätsmedien

Immer wenn die Blätter farbig von den Bäumen fallen, erscheint das Jahrbuch „Qualität der Medien“. Es wird vom Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Uni Zürich herausgegeben, besser bekannt unter dem Namen fög.

Das Team des fög hat 79 verschiedene Medien und rund 28’000 Beiträge ausgewertet. Die Erhebung findet jedes Jahr eine grosse Beachtung in der Branche. Gestern Nachmittag waren die Onlineportale voll davon, heute sind es die Zeitungen.


Zum wiederholten Mal
schneidet das Schweizer Radio SRF am besten ab, gefolgt vom Schweizer Fernsehen SRF. Auf Platz 4 folgt das Online-Angebot der SRG (siehe Grafik). Diesen Befund sollten wir in einen Kontext mit der „No-Billag“-Volksabstimmung, die am 4. März 2018 stattfinden wird, stellen. Das Anliegen zielt faktisch auf die SRG; sie soll zerschlagen werden. Also genau jene SRG, deren Sender im Qualitätsranking am besten abschneiden. Mit Verlaub, aber das ist absurd für ein Land mit einer langen demokratischen Tradition!

Die Initianten wiederholen zwar gebetsmühlenartig, sie seien bloss gegen die Billag-Gebühren, nicht gegen die SRG. Zugegeben: sie argumentieren clever. In Tat und Wahrheit haben Financiers, Werbevermarkter und andere Medienhäuser, die in einem entfesselten Verdrängungskampf stecken, eine versteckte Agenda. Sie wollen die SRG filetieren.

Die grosse Herausforderung der nächsten viereinhalb Monate: den Menschen in unserem Land klarzumachen, dass „No Billag“ das Ende der SRG bedeuten würde. Sie und 34 Privatradio- und regionale TV-Stationen, die ebenfalls auf Gebühren angewiesen sind, wären bei einem Ja in ihrem Kern getroffen. Kommt die Volksinitiative am 4. März durch, muss die Bundesverfassung sofort angepasst werden. Und das bedeutete: Ende 2018 ist Sendeschluss.

„No Billag“ klingt verführerisch, in Tat und Wahrheit handelt es sich um eine #Medienzerschlagungsinitiative.

Stand heute rechne ich mit einem Ja an der Urne. Die allermeisten Parteien und Verbände werden zwar die Nein-Parole herausgeben. Es wäre aber dumm, dem Gewicht zu geben. Ich erinnere an andere Volksinitiativen, die im Vorfeld eine Phalanx von Gegnern hatten:

– Anti-Minarettinitiative (2009)
– Ausschaffungsinitiative (2010)
– Masseneinwanderungsinitiative (MEI, 2014)

Alle Vorlagen wurden emotional aufgeladen – und alle angenommen. Ersetze „die bösen Ausländer“ mit „der bösen SRG“, beachte die Stimmung und die zahllosen Echokammern, die seit Jahren mit Propaganda beschallt werden – das ist der Mix für ein Ja am 4. März.

Schon bei der Revision des Radio- und Fernsehgesetzes (RTVG) im Juni 2015 ging es faktisch um die SRG. Fast alle Akteure waren dafür, die Vorlage kam aber schliesslich nur mit einer Differenz von 3700 Stimmen durch (50,08% Ja). Wir sollten ENDLICH zur Kenntnis nehmen, dass das Volk sich regelmässig um Parolenspiegel und Empfehlungen von Bundesrat und Parlament foutiert.

Für die Volksabstimmung vom 4. März heisst das: Ohne Engagement der Zivilgesellschaft ist dieses brandgefährliche „No-Billag“-Ding nicht in ein Nein zu drehen.

 

Disclaimer:
Meine Firma hat kein Mandat im Umfeld der „No-Billag“-Abstimmung. Ich bin aber Partei, die Sache ist mir zu wichtig, und zudem Mitglied im Publikumsrat der SRG. Deshalb werde ich in meiner üblichen Beobachterrolle gegenüber Medien keine Einschätzungen zum “No-Billag”-Abstimmungskampf machen. Dies ist das vierte Posting zum selben Thema innerhalb der letzten drei Jahre. (Nachtrag vom 1. November 2017: Mark Balsiger wurde heute vom Komitee «NEIN zum Sendeschluss» mandatiert, um den Kampf gegen No Billag in einem Teilpensum zu unterstützen.)

#NoBillag #NEINzuNoBillag #DearDemocrazy #SRG #ServicePublic

 

Ein Ja zu “No Billag” würde die SRG zerschlagen

Einem Naturgesetz gleich purzeln Rechnungen in unsere Briefkästen – von der Zahnärztin, einem Modeversandhaus, Versicherungen und – Hell yeah! – einmal pro Jahr von einer Firma namens Billag AG.

Im nächsten Frühling werden wir über die „No-Billag“-Volksinitiative abstimmen. Bei Diskussionen in meinem Umfeld stellte ich fest, dass viele Leute noch nicht recht wissen, worum es eigentlich geht. Dem will ich abhelfen. Dieser Text soll aufklären, gegen Schluss werde ich allerdings parteiisch. [+ Nachträgliche Anpassung: bereits ab der Mitte dieses Postings werde ich parteiisch, pardon. +]

Die Billag AG ist eine Tochterfirma der Swisscom und in Fribourg domiziliert. Seit bald 20 Jahren erhebt sie die Radio- und TV-Empfangsgebühren. Diese betragen pro Privathaushalt 451 Franken jährlich. Sie wurden seit dem Jahr 2000 nicht mehr erhöht, sondern lediglich ein paarmal der Teuerung angepasst. Dass die Inkassofirma dennoch Jahr für Jahr mehr Geld verteilen kann, liegt an der stetig wachsenden Anzahl Haushalte. (Ende 2016 gab es davon 3,7 Millionen, fast 15 Prozent mehr als vor 20 Jahren.)

Mitte nächsten Jahres, spätestens aber auf 1. Januar 2019, sinken die Billag-Gebühren auf unter 400 Franken.

Wie viel die Jahresabonnements einzelner Zeitungen kosten:

– „Der Landbote“ (Winterthur): 434 Franken
– „Luzerner Zeitung“: 448 Franken
– „NZZ“ Print 684, nur digital 504 Franken
– „Südostschweiz“: 419 Franken
– „Tages-Anzeiger“ Print: 548, nur digital 314 Franken

(Es geht hier nicht darum, Zeitungen und SRG gegeneinander auszuspielen, sondern aufzuzeigen, was Qualitätsmedien heute kosten.)

Pro Haushalt werden im Durchschnitt jährlich 2770 Franken für „Medien“ ausgegeben. Das umfasst Bücher, Kino, Radio, TV, Zeitungen und Zeitschriften.

Stellen wir die Billag-Gebühren in ein Verhältnis: Pro Tag kosten sie uns 1 Franken 20, ab nächstem Jahr noch etwa 1 Franken, pro Woche also ungefähr so viel wie zwei Tassen Kaffee.

In keinem anderen europäischen Land sind die Radio- und TV-Empfangsgebühren so hoch wie in der Schweiz. Das hat einen einfachen Grund: Die SRG hat den Auftrag, in vier Landessprachen Service public zu liefern. Könnte sie in nur einer Sprache produzieren, wären die Gebühren markant tiefer. Die Programme in der Romandie, im Tessin und in der rätoromanischen Schweiz müssen massiv quersubventioniert werden – das ist Solidarität, wie sie in unserem Land Tradition hat. Diese Solidarität hält die vier Sprachregionen zusammen, im Fall der Billag-Gebühren ist sie monetärer Natur.


Der Löwenanteil im Billag-Topf
geht an die SRG. Davon profitieren aber auch 34 verschiedene Lokalradios und regionale TV-Stationen. Ein Beispiel: Radio Rottu bedient das Oberwallis mit Informationen aus seinem Sendegebiet, von Leukerbad bis zur Grimsel, vom Lötschental bis nach Saas Fee. Das Jahresbudget des Senders beträgt 4 Millionen Franken, 1,6 Millionen davon, also 40 Prozent, erhält er aus dem Billag-Topf. Wird die Volksinitiative angenommen, trifft das Radio Rottu in seinem Kern; die wirtschaftliche Basis für den Betrieb wäre nicht mehr vorhanden.

Ähnlich düster sähe es für die 33 anderen Radio- und TV-Stationen aus. André Moesch, Präsident von Telesuisse, dem Verband der Schweizer Regionalfernsehen, braucht deutliche Worte: „Ohne diese Gebühren kann man in der Schweiz kein Regionalfernsehen machen.“ Libertäre Kräfte entgegnen: „So what, wer im Markt nicht besteht, verschwindet halt.“

Ich persönlich finde Wettbewerb richtig, meine Firma ist seit 15 Jahren in einem sehr kompetitiven Umfeld unterwegs, ich kenne nichts anderes. Tatsache ist aber auch, dass der Markt in vielen Bereichen nicht spielt. Ein populäres Beispiel dafür ist die Landwirtschaft in der Schweiz.

Für die „No-Billag“-Initianten sind die 34 privaten Sender nicht einmal ein Nebenschauplatz, sie zielen auf die verhasste SRG. Perfid ist, dass sich ihre Kampfbegriffe „No Billag“ und „Zwangsgebühren“ längst in den Köpfen der Leute festgekrallt haben. Sie suggerieren, dass wir ja nur über die Gebühren abstimmen. Die Realität sieht anders aus: „No Billag“ würde “No more SRG” bedeuten – Lichterlöschen.

Wer sich mit Medienökonomie befasst, merkt schnell: Die Schweiz mit ihren vier Sprachregionen ist zu klein für einen nationalen TV-Markt. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, ein qualitativ überzeugendes Vollprogramm ohne Gebühren zu betreiben, Marktlogik und Service public beissen sich.

Was passiert, wenn die Medienzerschlagungsinitiative, wie ich sie bezeichne, angenommen wird? Neue Akteure träten auf den Plan, vorab in der Deutschschweiz, die immerhin rund fünf Millionen Einwohner zählt. Sie sind gewinnorientiert und haben womöglich auch eine politische Agenda. Ihr Programm richtet sich ausschliesslich nach kommerziellen Kriterien: Gezeigt wird, was Quote und damit Geld bringt. Dabei muss man wissen: Die Sparte Information ist kostenintensiv; entsprechend würde sie ein Mauerblümchendasein fristen. Eine solide Demokratie braucht aber starke Medien.

Die SRG ist ein privatrechtlich organisierter Verein mit rund 24’000 Mitgliedern. Sie wirkt als Non-Profit-Unternehmen, das ein ausgewogenes Programm bietet und ihren Kritikern regelmässig eine Plattform. Denken wir nur an die Nationalräte Roger Köppel (SVP), Gerhard Pfister (CVP), Christian Wasserfallen (FDP) oder Natalie Rickli (SVP). Letztere arbeitet seit mehr als zehn Jahren für Goldbach Media, einer Vermarktungsfirma, die die Werbefenster der grossen ausländischen TV-Stationen beliefert – so fliessen jedes Jahr x-Millionen Franken zu Sat1 & Co. ab.

Doch zurück zur SRG: Die Zusammenführung von Radio und Fernsehen war komplex (Konvergenz), der Umbau in die digitale Zukunft ist in vollem Gang, die grossen Medienhäuser machen Stimmung, fast täglich gibt es Prügel. Die SRG hat Fehler gemacht, und mit Generaldirektor Roger De Weck war bis im September ein Repräsentant am Werk, der bei vielen Leuten nicht ankam. Er wäre seine Aufgabe gewesen, dem Volk die zentrale Aufgabe, welche die SRG-Sender in unserem Land hat, zu erklären.

Natürlich, längst nicht jede Sendung ist gut, natürlich, die Gründung der Vermarktungsplattform Admeira (zusammen mit Ringier und Swisscom) war eine Provokation, natürlich, die SRG muss wieder schlanker werden, aber “Die Liste der Qualität”, diese Liste ist lang:

– Echo der Zeit & Tagesschau
– Der Bestatter & DOK-Sendungen
– Champions League & Lauberhornabfahrt
– 7 Regionaljournale & mehr als 50 Korrespondenten weltweit
– Mona Vetsch & Franz Fischlin
– Nicoletta Cimmino & Martin Alioth
– Puls & Espresso
– Focus & Tagesgespräch
– Spasspartout & 150 Live-Konzerte pro Jahr
– Eco & Samstagsrundschau
– Kontext & 10vor10
– Sternstunde Philosophie & Nachtwach
– …
– …

Wollen wir tatsächlich einen Kollateralschaden anrichten? Dies im Wissen darum, dass die privaten Medienhäuser ihre Angebote ausdünnen, Personal abbauen , ihr Korrektorat nach Banja Luka (Bosnien) auslagern und einige von ihnen schrittweise die Publizistik verlassen.

Der „Ground War“ und der „Underground War“ sind schon seit Jahren im Gang. Hunderte von „No Billag“-Einzelkämpfern und Guerilla-ähnlich organisierten Zellen agitieren in Kommentarspalten und Social Media, die Tonalität ist unversöhnlich, oft hasserfüllt. Die Zivilgesellschaft wie die Angestellten der gefährdeten Medien haben bislang darauf verzichtet, diesen Fightern und Trolls mit Anstand und Argumenten entgegenzuhalten.

Das kann sich rächen! Dieser Text ist deshalb auch als Weckruf zu verstehen – „liebe Fraue und Manne, ad Seck!“ (Die Hashtags lauten #NEINzuNoBillag und #Medienzerschlagungsinitiative.)

 

Disclaimer:
Meine Firma hat kein Mandat im Umfeld der „No-Billag“-Abstimmung. Ich bin aber Partei, die Sache ist mir zu wichtig, und zudem Mitglied im Publikumsrat der SRG. Deshalb werde ich in meiner üblichen Beobachterrolle gegenüber Medien keine Einschätzungen zum “No-Billag”-Abstimmungskampf machen. (Nachtrag vom 1. November 2017: Mark Balsiger wurde heute vom Komitee «NEIN zum Sendeschluss» mandatiert, um den Kampf gegen No Billag in einem Teilpensum zu unterstützen.)

 

#NoBillag #Medienzerschlagungsinitiative #SRG #TeleSuisse #Admeira #SRG #RadioRottu #NEINzuNoBillag

Weshalb die Rentenreform scheiterte – meine These

Die Rentenreform war nicht so schlecht, wie sie ihre Gegner machten, alle Gruppierungen hätten Kröten schlucken müssen. Tatsache ist aber auch, dass die SP-Fraktion nach ihrem erfolgreichen Kampf gegen die Unternehmenssteuerreform III im letzten Februar Oberwasser hatte und die Rentenreform in ihrem Sinn durchdrücken wollte. Es ging um Ideologie, Powerplay, Macht – oder eben: Politik. Die CVP wiederum scherte aus dem Block der Bürgerlichen aus, um sich klar von der FDP abzugrenzen und das eigene Profil zu schärfen – Stichwort “bürgerlich-sozial”, das neue Label der Christlichsozialen.

Mit dem doppelten Nein von heute bleibt alles beim Alten, das Defizit in der AHV und der Reformdruck werden grösser, das Drei-Säulen-Haus droht zu verlottern.

Diese Abstimmung hätte man gewinnen können. Die Allianz war breit, der Kompromiss schien austariert, Bundesrat Berset kämpfte wie eine Löwe für diese Vorlage, die er stark, vielleicht zu stark geprägt hat. Und das Paket, das er schnürte, war sehr umfangreich.

Die vorentscheidende Phase des Abstimmungskampfes begann Ende Juni und erstreckte sich über die ganzen Sommerferien. Damals hatte die Rentenreform bei Umfragen satte 60 Prozent Zustimmung, FDP-Präsidentin Petra Gössi leistete sich einen Fauxpax, die Kampagnenleute bei den Befürwortern konnten beruhigt in Urlaub fahren.

Doch da traten die Jungfreisinnigen auf den Plan, frisch und frech, und bald prägten sie zusammen mit Schlüsselfiguren der Mutterpartei den Diskurs. Ihre Schlagworte lauteten „Scheinreform“, „Rentenmurks“, „Giesskannenprinzip“ und „Zweiklassen-AHV“, was von den Medien bereitwillig aufgegriffen wurde. Neid kam hinzu, je intensiver die Debatte wurde – wer profitiert, wer nicht? Wir wissen es: Aus Neid resultiert am Schluss ein Nein. Das Bild der Jungen, die den Ausbau bezahlen müssen, verfestigte sich. Auf dem Schlachtfeld „70 Franken“ konnte das Ja-Lager nicht gewinnen; nicht wegen den 70 Franken, sondern weil das positive Framing dieses Schlachtfelds vergessen ging.

Die Jungfreisinnigen hatten früh Blut geleckt. Die Strategie stimmte, hernach wirbelten sie unermüdlich. Im Hintergrund zog der Kampagnenleiter der FDP Schweiz, Matthias Leitner, die Fäden, jung an Jahren, aber schon sehr erfahren im Geschäft. Nach aussen gaben jf-Präsident Andri Silberschmidt und andere Junge dem Nein-Lager ein sympathisches Gesicht, und sie kamen glaubwürdig herüber. Ihr Einsatz machte Eindruck. Und er schlug sich in den Medien nieder. Das zeigt eine Erhebung des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Uni Zürich über die Zeitspanne von Anfang Juli bis Mitte September. Die FDP erhält in den 21 wichtigsten Printmedien gleich viel Resonanz wie Bundesrat und SP zusammen. Das ist Handwerk!

In der Schlussphase waren viele Stimmbürger wegen dem Zahlensalat derart verunsichert, dass sie der Urne schliesslich fernblieben. Die Demobilisierung wirkte, die Stimmbeteiligung von nur 47 Prozent zeigt das deutlich auf. (Zum Vergleich: Noch Anfang September hatten 55 Prozent der Stimmberechtigten angegeben, teilzunehmen. Die Demobilisierung stärkte das Nein-Lager.)

Kommt hinzu: Die beiden grossen Ja-Komitees schafften es nicht mehr, Terrain zurückzuerobern und die Reform als pragmatisch zu etikettieren. Die Umfragewerte wurden für sie stetig schlechter, das Spiel lief für die Gegner. So ist Politik, so funktioniert die direkte Demokratie.

Der Pessimist sagt heute, dass wir wieder auf Feld 1 stehen. Der Optimist hingegen glaubt, dass weise Köpfe nun eine Vorlage zurechtzurren, die einfacher verständlich ist und auch eine Volksabstimmung überstehen kann.


Nachtrag:

Die Rentenreform ist morgen Montag auch Thema in der Talksendung “Schawinski”: Dort analysiere ich das doppelte Nein zusammen mit dem bekannten Politgeografen Michael Hermann.

Das Polit-Forum Käfigturm ist gerettet

Vor sechzehn Monaten riefen wir das Komitee «Rettet den Käfigturm» ins Leben, rund  7000 Personen unterzeichneten die Petition. Jetzt können wir aufatmen: Das Polit-Forum Bern ist gerettet! Endlich einmal eine gute Nachricht neben all den vielen schlechten, die im Tagestakt auf uns niederprasseln.

Die Institution im Herzen Berns hat eine neue Trägerschaft. Am Verein „Polit-Forum Bern“ sind Stadt, Kanton und Burgergemeinde Bern beteiligt, er wird präsidiert von Stadtpräsident Alec von Graffenried.

Ein Wermutstropfen: Die langjährigen Co-Leiter des Polit-Forums, Andreas Schilter und Michael Fritsche, werden sich beruflich neu orientieren. Sie waren es, die seit Ende der Neunzigerjahre für die Qualität im «Käfigturm» verantwortlich zeichneten, sie taten es mit Umsicht und viel Herzblut.

Mein herzliches Dankeschön geht an
– Regula Tschanz, die das Thema im Stadtparlament am Kochen hielt;
– Bruno Vanoni, der dasselbe im Grossen Rat tat. Just in einer Phase, in der Walter Stüdeli, mein Kompagnon im Rettungskomitee, und ich vom Kampf zermürbt in den Seilen hingen;
– Alexander Tschäppät, der in seinem letzten Jahr als Stadtpräsident das Polit-Forum zur Chefsache erklärte und das Fundament für die neue Trägerschaft legte;
– Claude Kuhn für das Kampagnensujet;
– Steven Götz für dessen Adaption;
– Andi Jacomet für die Website;
– den Mitgliedern im Co-Präsidium sowie allen 7000 Petentinnen und Petenten;
– Alec von Graffenried, der die Trägerschäft für das neue Polit-Forum definitiv formte.

DER HINTERGRUND DIESER RETTUNGSAKTION

Anfang Dezember 2015 gab der Bund bzw. die Bundeskanzlei bekannt, das Polit-Forum nicht mehr zu finanzieren. Dazu muss ich ein paar Gedanken wiederholen, für einmal etwas populistisch zugespitzt:

Sparen ist richtig, gerade wenn es um das Geld anderer geht. Das eidgenössische Parlament hat sich im Dezember letzten Jahres in langen Debatten durch das Budget 2017 gekämpft – und den Rotstift angesetzt. Doch was offenbart der geschärfte Blick auf die Zahlen: Die Bauern erhalten künftig 62 Millionen Franken mehr, ihre Subventionen erhöhen sich auf 3,39 Milliarden Franken jährlich. Und auch für die Armee gibt es mehr Geld: neu 5 Milliarden Franken pro Jahr.

Für das Polit-Forum in Bern hingegen gibt es in Zukunft: 0,00 Franken. Es hätte seitens des Bundes nur noch 400’000 Franken jährlich gebraucht, um diese Institution weiterhin zu betreiben. Bislang leistete er 1 Million Franken. Die Reduktion betrug also satte 60 Prozent, weil eine neue Trägerschaft, die sich im letzten Winter zu konstituieren begann, die Kosten breiter verteilen wollte.

Ich fasse zusammen: Bauern und Militär kriegen von diesem Jahr an noch mehr Geld, für politische Bildung gibt es weniger. Dabei weisen Politiker in jeder zweiten Sonntagsrede darauf hin, wie wichtig sie sei.

Was im Polit-Forum Käfigturm geboten wird, regt seit jeher zum Denken an und trifft den Nerv des Publikums: rund 30’000 Besucherinnen und Besucher werden jährlich gezählt, darunter zahllose Schulklassen. Im Zeitalter von Fake-News, digitaler Disruption und einem dauertwitternden US-Präsidenten wird es noch wichtiger, dass Jugendliche den Zugang zu Politik und Medien finden. Das Polit-Forum hat genau dies seit 1999 ermöglicht, volksnah und überzeugend. Die Latte für das neue Polit-Forum Bern liegt hoch.

Die USR-III wurde versenkt, weil das Vertrauen in die Akteure fehlt

Die gute Nachricht vorweg: Die Schweiz wird trotz diesem wuchtigen Nein zur Unternehmenssteuerreform III (USR-III) nicht untergehen. Genauso wie sie bei einem Ja nicht untergegangen wäre. Beide Lager überboten sich mit Schreckensszenarien, beide Kampagnen waren laut und populistisch. Entscheidend für das Scheitern der Vorlage war aber letztlich ein Kriterium: Vertrauen. Das muss im Hinblick auf weitere Reformen zu denken geben. Ein Abstimmungskommentar.

Ueli Maurer ist kein schlechter Bundesrat. Aber in entscheidenden Phasen fehlt ihm der staatsmännische Auftritt. Das war bei der Gripen-Abstimmung vor drei Jahren so, und es hat sich nun bei der USR-III wiederholt. Am 15. Januar dieses Jahres sagte er in einem Interview mit der „Schweiz am Sonntag“ trotzig:

„Bei einem Nein gleise ich am nächsten Tag ein Sparprogramm über mehrere Milliarden auf für die nächsten Jahre.“

Dieses Zitat wurde prompt von der Schweizerischen Nachrichtenagentur (sda) aufgegriffen und machte die Runde. In den Ohren vieler Leute klang Maurers Aussage wie eine Drohung. Andere erinnert sie an das Tina-Prinzip: Tina steht für There is no alternative. Auf Deutsch: Es gibt keine Alternative! Mit Verlaub, aber wir sind Nachfahren eines freiheitsliebenden Bergbauernvolks, wie sich meine deutschen Diskussionspartner gerne ausdrücken, und wir reagieren bockig, wenn jemand mit Tina einfährt.

 

In der SRF-Abstimmungs-„Arena“ vom 27. Januar entfuhr Maurer eine zweite Aussage, die für Kopfschütteln sorgte:

„Eine schlauere Vorlage haben wir noch selten gehabt.“

Tatsache ist, dass die USR-III-Vorlage eine Überforderung darstellt: für Hinz und Kunz genauso wie für die allermeisten Mitglieder des eidgenössischen Parlaments. Wer sie verstanden hat, sind einzelne Mitarbeiter der international tätigen Steuerberatungskonzerne, doch davon später.

Wenn eine Abstimmungsvorlage die Stimmbürgerinnen und -bürger materiell überfordert, wird die Glaubwürdigkeit ihrer Promotoren umso wichtiger. Frühere Finanzminister wie Kaspar Villiger oder Otto Stich hatten ein anderes Standing als Maurer. Sie hätten sich bei derselben Vorlage auch anders ausgedrückt: Ehrlicher – und souveräner. So aber wurden die Fragezeichen, die die Stimmbürger zu dieser Vorlage hatten, immer grösser. Niemand konnte sie glaubwürdig erklären.

Ein omnipräsenter Befürworter der USR-III war Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands (SGV) und Nationalrat. Als Schlachtross eignet er sich nicht, weil er beim Publikum durchfällt. Ein bürgerlicher Parlamentarier sagte es hinter vorgehaltener Hand unlängst so: „Jedesmal wenn Bigler auftritt, gefriert mir das Blut in den Adern.“

Dass der SGV rabaukige Kampagnen fährt, die zuweilen faktenfrei sind, ist nicht neu. Dieses Mal hat er die SP-Ständeräte Pascale Bruderer (AG), Claude Janiak (BL), Daniel Jositsch (ZH) und Hans Stöckli (BE) missbraucht. In der hauseigenen Zeitung, die in einer Auflage von drei Millionen Exemplaren verteilt wurde, wird das Quartett auf perfide Art als Befürworter der Vorlage aufgeführt.

Wer mit solchen Mitteln kämpft, hat als politischer Akteur viel Vertrauen verspielt und verdient einen neuen Direktor.

Schliesslich zur Wirtschaft. Wer ist diese “Wirtschaft”?  Hat sie ein Gesicht? Heinz Karrer, der Präsident von Economiesuisse? Wie schon bei der Masseneinwanderungs-Initiative vor drei Jahren war er auch dieses Mal kaum spürbar. An welche anderen Figuren erinnern wir uns?

Hallo?!

Stille.

Es ist kein Nebenschauplatz: In den Kadern der börsenkotierten Unternehmungen, die von der Schweiz aus wirken, stammt heute jeder zweite Manager aus dem Ausland. Die meisten von ihnen sind “Global Nomads”, sie sprechen keine Landessprache, an einer Gemeindeversammlung waren sie noch nie, bei der örtlichen Feuerwehr oder im Turnverein machen sie nicht mit, ihre Kinder gehen in eine English School. In vier oder fünf Jahren ziehen die Manager wieder weiter, nach Singapur, Greater London oder in die Niederlande. Der Wirtschaft hierzulande fehlen die bekannten Köpfe, denen man vertraut. Das ist der Preis der Globalisierung.

Steuerberater drückten USR-III den Stempel auf

Doch zurück zur USR-III: Es hat Tradition, dass bei Gesetzgebungsprozessen externe Expertinnen und Experten beigezogen werden. In der langen Schlussphase der Ausgestaltung dieses Gesetzes kamen Steuerberater von KPMG und PricewaterhouseCoopers (PWC) ins Spiel. Ihr Wissensvorsprung auf internationalem Parkett ist gross, was ihren Einfluss erhöhte, schliesslich übernahmen sie faktisch den Lead. Sie drückten der USR-III den Stempel auf. Wer will es ihnen verübeln: Steuerberatungskonzerne und Wirtschaftskanzleien wollen ihre Portfolios vergrössern, Steueroptimierung ist ein sehr attraktives Geschäftsfeld.

Der ehrliche Durchschnittsbürger, der jeden Rappen Einkommen und Vermögen versteuert, hat heute “Stopp!” gerufen. Ob allerdings eine substantiell bessere Vorlage zustande kommt, und das innerhalb von weniger als zwei Jahren, ist komplett ungewiss. Die Zeit läuft, seitens der EU und der OECD drohen eine Schwarze Liste und Sanktionen. Das eidgenössische Parlament scheint nicht mehr befähigt, bei grossen Fragen einen mehrheitsfähigen Kompromiss erarbeiten zu können.

 

P.S.
Das Ja-Lager hat einen wichtigen Faktor komplett ausgeblendet: Die Unternehmenssteuerreform II (USR-II), die wir im Februar 2008 mit 50.5 Prozent ganz knapp annahmen. Im Abstimmungsbüchlein wurden damals die Steuerausfälle auf 83 Millionen Franken beim Bund und auf rund 850 Millionen bei den Kantonen ausgewiesen. In Realität waren die Ausfälle aber ein Mehrfaches grösser. Das Bundesgericht sprach von einer „krassen Verletzung der Abstimmungsfreiheit“. Dieser Fall hallte nach – bis zur heutigen Abstimmung zur USR-III; viele Leute glauben, sie seien damals angelogen worden. Das untergrub das Vertrauen erst recht.


Weitere Kommentare etablierter Medien vom 12. Februar:

Das Nein ist Ausdruck einer Vertrauenskrise (Aargauer Zeitung, Patrik Müller)
Bundesrätliches Debakel (Berner Zeitung, Peter Jost)
Jetzt braucht es dringen eine neue, verbesserte Vorlage (Blick, Christian Dorer)
Eine schallende Ohrfeige (Bund/Tages-Anzeiger, Markus Häfliger)
Ausdruck eines grösseren Malaise (NZZ, Marcel Amrein)
Ein Votum gegen die Globalisierung (St. Galler Tagblatt, Pascal Hollenstein)
Schweizer Volk feuert tellschen Warnschuss ab (Tageswoche, Gabriel Brönnimann)
Der Mittelstand versteht keinen Spass, wenn es um sein Portemonnaie geht (Watson, Peter Blunschi)


Interviews der Folgetage:

– mit SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler:
“Die Angst-Kampagne hat verfangen” (NZZ, Daniel Gerny)
– mit FDP-Präsidentin Petra Gössi:
“SP-Präsident Levrat hat populistische Parteipolitik betrieben” (NZZ, Heidi Gmür)
– mit Andrea Arezina, Co-Kampagnenleiterin der SP
“Fake-News zahlen sich nicht aus” (Medium, Daniel Graf)
– mit Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm:
“Jetzt zeigt sich, ob Ueli Maurer als Staatsmann taugt” (Der Bund, 15. Februar, Philipp Loser & Markus Häfliger)
– mit Thomas Cueni, Geschäftsführer von Interpharma
“Wir haben versagt” (NZZ, 17. Februar, Hansueli Schöchli)


Weitere Texte:

Maurers halbe, unehreliche Schlüsse (NZZ, 14. Febr., Michael Schönenberger)
Das bürgerliche Kampagnen-Debakel (Tages-Anzeiger, 17. Febr., Christoph Lenz & Philipp Loser)
Gesundes Misstrauen in der direkten Demokratie (Basellandschaftliche Zeitung, 18. Febr., David Sieber)

Grafik: Tages-Anzeiger

Trump und die angebliche Big-Data-“Bombe”

U.S. President-elect Donald Trump arrives at a costume party at the home of hedge fund billionaire and campaign donor Robert Mercer in Head of the HarborDie “Bomben”-Story im letzten “Magazin”, die Donald Trumps Wahlsieg mit einer unglaublichen Digitalkampagne erklärt, drehte bis zu Beginn der neuen Woche. Inzwischen sind einige Repliken erschienen.

Dass der Wahlerfolg nicht auf einen einzigen Faktor zurückzuführen ist, sollte eigentlich logisch sein. Mein 26-Erfolgsfaktorenmodell, 2006 für die überschaubare Schweiz entwickelt, liefert nur ein Indiz dafür.

Big Data und die präzise Ansprache der unterschiedlichsten Wählerinnen und Wähler entwickeln eine enorme Power, klar. Alexander Nix, CEO der britischen Datenfirma Cambridge Analytica, behauptete bei einer Firmenpräsentation (Link weiter unten), von allen mündigen US-Amerikanern, also von 220 Millionen Menschen, Profile zu haben.

Micro-Targeting bzw. Voter Targeting wird bei US-Wahlen schon seit Langem systematisch angewandt. Auch die Demokratische Partei soll präzise Profile von über 100 Millionen US-Bürgern besitzen – ein As in Hillary Clintons Kampagne. Weil die Wähler in den USA gläsern sind, ist dort das Sammeln von Daten deutlich einfacher als in der Schweiz.

Mir fehlt die Zeit, um selber eine Einschätzung zu diesem Fall zu machen. Deshalb die Links zu einigen Texten (wird weiter ergänzt):

Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt
Das Magazin, 3. Dezember 2016 / Mikael Krogerus & Hannes Grassegger

Hat ein Big Data Psychogramm Trump wirklich den Sieg gebracht?
jensscholz.com (Blog), 3. Dezember / Jens Scholz

Hat wirklich der grosse Big-Data-Zauber Trump zum Präsidenten gemacht?
Digitalistan (Blog WDR), 5. Dezember / Dennis Horn

Ich ganz allein allein habe Trump ins Amt gebracht
Spiegel online, 5. Dezember / Fabian Reinbold

Ist Facebook-Targeting wirklich schuld am Sieg von Donald Trump?
Wired, 5. Dezember / Elisabeth Oberndorfer

Das Ende des Wahlkampfs, wie wir ihn kennen
FAZ, 5. Dezember / Mathias Müller von Blumencron

Nein, Big Data erklärt Donald Trumps Wahlsieg nicht
Süddeutsche Zeitung, 6. Dezember / Matthias Kolb

Cambridge Analytica und die schmutzige Bombe
bug.de (Blog), 6. Dezember / Sascha Kösch

Nach Cambridge Analytica: Wie arbeiten die deutschen Parteien im digitalen Wahlkampf 2017?
Wired (Blog), 9. Dezember / Max Biederbeck & Chris Köver

Big-Data-Hokuskopus
Schweiz am Sonntag, 11. Dezember / Jan Fivaz

Big Data errreicht Schweizer Politik
Schweiz am Sonntag, 11. Dezember / Christof Moser

>>> The Power of Big Data and Psychoanalytics
Wie der CEO von Cambridge Analytica die eigenen Dienstleistungen anpreist.
Youtube-Video: Sein Auftritt dauert 11 Min. / hochgeladen: 27. September 2016

 

Früher erschienen und ohne Kontext mit der “Bomben”-Story:

Daten machen alles kaputt
Die Zeit, 4. November 2016 / Arun Chaudhary

Wie das Volk die Volkspartei ins Sägemehl drückte

 

Das Schweizer Volk hat der Durchsetzungsinitiative mit fast 59% Nein eine deutliche Abfuhr erteilt. Die Mehrheit der Stimmenden hat allen Grund zu feiern. Es wäre aber dumm, wenn sie die SVP nun im Rausch des Erfolgs verhöhnen würden. Echte Sieger zeichnen sich durch Respekt, Demut und Weitsicht aus. Unser Land darf es sich nicht leisten, Zeichensetzer, Wutbürger und SVP-Wähler zu stigmatisieren. Sie gehören genauso zur Schweiz wie Emil Steinberger, Flavia Kleiner, Knackeboul und Hundertausende von Secondos. Wir dürfen etwas nicht vergessen: Die Leute, die Ja stimmten, haben Angst und offensichtlich eine grosse Wut im Ranzen. Statt sie auszugrenzen, sollte man auf sie zugehen, auch wenn das nach all den Demütigungen und Hasstiraden, die seit Jahren aus diesen Kreisen kommen, schwerfällt.

Der Abstimmungskampf dauerte zwei Monate, war also nicht länger als bei den meisten anderen Vorlagen. Dafür war er ausgesprochen intensiv, polemisch, zuweilen sogar schrill. Nur das Referendum zum EWR im Jahr 1992 warf noch höhere Wellen und brachte mit 78 Prozent die höchste Stimmbeteiligung seit dem Zweiten Weltkrieg. Damals hatten die beiden Lager deutlich mehr Geld zur Verfügung, damals war die Welt noch nicht globalisiert, damals kämpften auch noch ausschliesslich Schweizer Patrons an vorderster Front für ein Ja. (Diejenigen, die von der abgeschotteten Binnenwirtschaft und den Kartellen profitierten, steckten den Nein-Komitees heimlich Geld zu. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Noch im Januar schien klar, dass es ein klares Ja zur Durchsetzungsinitiative absetzen würde. Was führte zur hohen Stimmbeteiligung von 63,1 Prozent und zum Meinungsumschwung, zumal es kein Momentum gab?

Den Unterschied machte die Zivilgesellschaft, die nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative vor zwei Jahren aufgewacht ist. Tausende und Abertausende von Menschen haben sich in den letzten Wochen für ein Nein stark gemacht – es sind Normalos wie Sie und ich. Doris Dosenbach verteilte in ihrem Quartier ein Flugblatt, auf dem sie ihre persönlichen Argumente darlegte, Hugo Hugentobler wurde nicht müde, am Arbeitsplatz und in seinem privaten Umfeld auf die Gefahren eines Ja hinzuweisen. Dazu kamen die Efforts der Künstlerinnen, Rechtsprofessoren, NGO, und immer wieder die kecken Jungen von Operation Libero, die unermüdlich trommelten.

Es gab Manifestationen, Aufrufe via E-Mail, Social-Media-Kampagnen wie nie zuvor, die Argumente der Befürworter wurden systematisch zerpflückt, und es kam eine für Schweizer Verhältnisse ungewöhnliche Dynamik auf. Hinter den Kulissen gab es sehr wohl Austausch und Absprachen, in der öffentlichen Wahrnehmung waren die Nein-Komitees aber unabhängig und mit eigenen Schwerpunkten präsent. So konnte die SVP schliesslich mit viel Kampfgeist ins Sägemehl gedrückt werden. Dieser Sieg hat eine zentrale Bedeutung – nicht nur materiell, sondern auch weil man die Volkspartei in ihrer Domäne gleich doppelt schlagen konnte: in der Mobilisierung der Massen und zum Thema Ausländer, das sie seit 25 Jahren systematisch beackert.

Was wir seit Mitte Januar beobachten, ist ein neues Phänomen: Ad-hoc-Gruppierungen wie „Dringender Aufruf“ kämpften unbeirrt, ganz offensichtlich wurden aber auch viele Menschen repolitisiert, sie nahmen das Schicksal in die eigene Hand und überliessen den Abstimmungskampf nicht den üblichen Akteuren. Parteien, vom Wahljahr 2015 noch ausgelaugt, und Verbände haben die Kontrolle über die Kampagnenführung nie erobert. Stattdessen meldete sich plötzlich ein vielstimmiger Chor, der den Abstimmungskampf kreativ, selbstbewusst, bottom-up und gelegentlich auch hysterisch aufmischte. Insgesamt ist das eine positive Entwicklung, sie stärkt die Demokratie, wie Anja Burri in ihrem klugen Kommentar festhält.

Das breite und beispielslose Engagement der Zivilgesellschaft wird auch in den nächsten Jahren immer wieder nötig sein, weil weitere listig formulierte Volksinitiativen zur Abstimmung kommen (die so genannte Selbstbestimmungsinitiative, das Burka-Verbot usw.). Der nächste Grosskampf dürfte in den nächsten 12 bis 18 Monaten stattfinden, wenn es um die bilateralen Verträge geht. Mutbürger, bleibt wach, bleibt dran!

Hoffentlich schöpft auch der Bundesrat aus dem Abstimmungsergebnis Mut. Was die Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative betrifft, sollte er endlich eine Strategie entwickeln und Leadership zeigen. Es bringt nichts, wenn in diesem Dossier Spitzenbeamte aus allen Departementen trickreich um Einfluss und Macht rangeln.

Mark Balsiger


Nachtrag vom 29. Februar 2016: Weitere Kommentare:

An Grenzen gestossen (Tages-Anzeiger, Daniel Foppa)
Politik mit Unbedingtheitsanspruch (NZZ, Eric Guyer)
Le peuple suisse ne se sent trahi par ses instititions (24heures, Thierry Meyer)
Wir Mutbürger (Die Zeit, Mathias Daum)
Lernen von den Schweizern (Süddeutsche Zeitung, Charlotte Theile)

Eine Lehre für die bevorstehende Europa-Kampagne (insight 30. März 2016, Martin Stucki)

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Und wieder gilt: Bauch oder Verstand

Volksinitiativen, die gerissen formuliert sind, haben sich in den letzten Jahren gehäuft. Es sind dieselben, die bei der Umsetzung Probleme bereiten und die Bundesverfassung verletzen. Am 28. Februar geht es um die Durchsetzungsinitiative. Der Abstimmungskampf tobt. Ein Kommentar.

kraehen_600_1403aIch habe Verständnis für Mitmenschen, die Angst haben – vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes, dem sozialen Abstieg, dem grossen Migrationsdruck, der Welt, die sich rasant verändert. In vielen Fällen hat sich die Angst mit Wut vermengt. Lange, viel zu lange haben Politik und Wirtschaft zugeschaut, ohne diesen wachsenden Ängsten in der Bevölkerung auf den Grund zu gehen. Bei Abstimmungen kriegen die Angst- und Wutbürger ein wenig Macht, ein Ventil geht auf, sie können Dampf ablassen und ein Zeichen setzen. Der Bauch will es so.

Doch worum geht es eigentlich bei dieser Durchsetzungsinitiative?

Die Schweiz ist eine reife und stabile Demokratie. Gerichte sind unabhängig von der Politik, sie fällen ihre Entscheidungen auf der Basis von Bundesverfassung und Gesetzen. Das ist die vielzitierte Gewaltentrennung, deren Wert wir gar nicht überschätzen können.

Jeder Fall eines Straftäters muss von Richterinnen und Richtern einzeln geprüft werden. So gehört es sich für einen Rechtsstaat. Wird die Durchsetzungsinitiative am 28. Februar angenommen, führt das zu einem durch die Volksabstimmung legitimierten Ausschaffungsautomatismus. Das passt zur Schwarz-Weiss-Malerei einzelner Scharfmacher, die alle Fremden in denselben Topf werfen: “Ausländer sind allesamt Wirtschaftsflüchtlinge, Drogendealer, Sozialschmarotzer und Trickdiebe.” Päng! Alle stehen unter Generalverdacht.

Natürlich, es gibt in unserem Land problematische Ausländer, die das Dasein der vielen anderen Ausländer massiv tangieren. Nach gravierenden Übertretungen des Gesetzes werden schon heute jährlich mehrere Hundert ausgeschafft. Das ist richtig. Jeder einzelne Fall wurde aber zuerst rechtlich beurteilt.

Es gibt in unserem Land aber auch problematische Schweizer, die mehrfach straffällig werden. Was geschieht mit ihnen? Werden sie auf den Mond geschossen? Nixda, sie bleiben selbstverständlich hier. Nebenbei: Im Jahr 2014 wurden 37’487 Schweizer und 41’582 Ausländer straffällig, wie viele davon Kriminaltouristen waren, wird in derselben Statistik nicht ersichtlich. Nicht zu vergessen: Der Ausländeranteil in der Schweiz beträgt rund 23 Prozent.

Die Durchsetzungsinitiative macht auf einen Schlag alle Ausländer zu Menschen zweiter Klasse. Sie verletzt die Grundwerte der Bundesverfassung und die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK), die seit der Einführung des Frauenstimmrechts 1971 auch für die Schweiz gilt. Sie verletzt zudem die Personenfreizügigkeit, die wegen der Masseneinwanderungs-Initiative ohnehin nur noch an ein paar Fäden hängt. Das ist brandgefährlich.

Ein konkretes Beispiel vermag womöglich den Irrsinn der Durchsetzungsinitiative aufzeigen: Ein ehemaliger Arbeitskollege von mir, Rino, ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen; hier hat er auch studiert. Längst ist er verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er hat einen guten Job, zahlt Steuern und spricht akzentfrei Mundart. Bloss: Rino hat keinen Schweizer Pass. Er ist Secondo, sein Vater kam in den Sechzigerjahren in die Schweiz, um hier beim Bau der Autobahnen mitzuarbeiten. Nehmen wir einmal an, dass Rino wie SVP-Mann Hans Fehr eine Putzfrau schwarz angestellt hat. Der Fall fliegt auf und hat eine Anzeige zur Folge, was womöglich als Betrug geahndet wird. Wenn Rino sich nochmals ein solches Vergehen leistet, ist er draussen, ausgeschafft, ohne dass ein Gericht darüber befinden konnte. Ist das verhältnismässig?

Es gibt Hundertausende Rinos und Rinas in unserem Land. Sie gehören zu unserem Land wie du und ich.

Nachdem die Ausschaffungsinitiative angenommen worden war, hat das Parlament das entsprechende Gesetz vor Jahresfrist verschärft. Es kann in Kraft treten, wenn die Durchsetzungsinitiative vom Tisch ist. Das wäre der pragmatische Weg, den unser Land seit vielen Jahren geht und den Rechtsstaat respektiert. Es ist der Weg des nüchternen Nachdenkens und Abwägens. Der Verstand obsiegt.

Abschliessend will ich nicht verschweigen, dass mir etliche Gegner mit ihrem Alarmismus auf den Zeiger gehen. Es bringt keine zusätzlichen Nein-Stimmen, mit dem Finger auf die SVP zu zeigen und zornesrot „Pfui!“ zu rufen. Nachdem seit nunmehr 20 Jahren Volksinitiativen lanciert werden, die Probleme bewirtschaften, aber nicht im Ansatz lösen, sollte man wenigstens das begriffen haben.

Mark Balsiger

Mit solchen Kampagnen und Lügen geht die politische Kultur vor die Hunde

Vor Volksabstimmungen kommen Provokationen, Zuspitzungen und Schlagworte oft vor. Das gehört zum Geschäft und ist okay, sofern die Fakten korrekt wiedergegeben werden. Bei der Abstimmungskampagne gegen das revidierte Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) ist dies nicht der Fall: Der Schweizerische Gewerbeverband (SGV), der für diese Kampagne verantwortlich zeichnet, verbreitet schon seit Monaten systematisch Desinformation, ja sogar Lügen. Ich überblicke 20 Jahre und kann mich nicht erinnern, dass das bei einer Abstimmungskampagne jemals in diesem Ausmass Fakten verdreht worden wären – ein neuer Tiefpunkt.

Ein Beispiel:

> SGV: „In den letzten 20 Jahren haben sich die Abgaben für Radio und TV um 64 Prozent erhöht.“
< Diese Behauptung ist falsch: Die Erhöhung betrug 13 Prozent, was nicht einmal ganz der Teuerung (14.3 Prozent) in dieser Zeitspanne entspricht.

Nur schon wegen dieser verlogenen Nein-Kampagne rechtfertigte sich ein Ja. Wäre ich noch Mitglied des Gewerbeverbands hätte ich jetzt mit sofortiger Wirkung den Austritt gegeben.

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SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler wird inzwischen für den ruppigen und diffamierenden Kampagnenstil mit grenzwertigen Sujets kritisiert. (Konzipiert wurde sie vom bekannten und umstrittenen Goal-Werber Alexander Segert, was der SGV unter dem Deckel halten wollte.) Ich orte das Problem aber anderswo: Hunderte von Bonsai-Biglers verbreiten wider besseren Wissens – oder bewusst – dieselben Lügen. Schade, dass Pinocchio-Nasen nur in Märchen wachsen! Mit Verlaub, aber so geht die politische Kultur vor die Hunde.

Das revidierte RTVG ist kein grosser Wurf, aber Hand aufs Herz, grosse Würfe gibt es in der Politik ohnehin nicht. Es gibt aber gesetzliche Verbesserungen und dazu zähle ich das RTVG, das den Wechsel von einem bürokratischen zu einem zeitgemässen System ermöglicht; die unwürdigen Kontrollen würden entfallen.

Im Getöse ist untergegangen, dass der Verband GastroSuisse, der unter das Dach des SGV gehört, die Ja-Parole beschlossen hat. Das lässt aufhorchen.

Der SGV hat sich der Kampf gegen Gebühren und Abgaben auf die Fahnen geschrieben, und das ist gut so. Bloss ist er nicht konsequent.

Den Gegnern geht es im Kern um die Zerschlagung der SRG

Mit der RTVG-Vorlage vom 14. Juni sinkt die Empfangsgebühr um mindestens 60 Franken. Zudem werden rund 75 Prozent aller KMU (diejenigen mit einem Umsatz unter 500’000 Franken) von der Medienabgabe befreit. Mir als Kleinstunternehmer bleiben also etwa 520 Franken pro Jahr mehr in meinem Geldbeutel, also genau das, was der SGV fordert. Meine Kaufkraft als Privatperson steigt, als Firmeninhaber habe ich mehr Geld zur Verfügung und könnte es in Umlauf bringen. Hunderttausende von KMU’lern sind in derselben Situation wie ich.

Spätestens hier wird erkennbar, dass es Bigler und insbesondere den mächtigen Akteuren, die beim Kampf gegen das RTVG im Hintergrund agitieren, um etwas anderes geht: das Big Game, die Zerschlagung der SRG. Wohin die Demontage der öffentlich-rechtlichen Sender führt, konnten wir beispielsweise in Italien und Spanien beobachten.

Beim revidierten RTVG stehen im Zentrum: Medienvielfalt, Föderalismus sowie die Sensibilität gegenüber kulturellen Minderheiten, was in unserer DNA sein sollte. Ein Drittel des SRG-Budgets fliesst in die Programme für die Französisch, Italienisch und Rätoromanisch sprechenden Minderheiten der Schweiz. Das fördert den Zusammenhalt der Landesteile und ist damit eine Säule unserer Demokratie.

Letztlich geht es auch um eine qualitativ überzeugende Grundversorgung und um Service Public: Mir persönlich sind „Echo der Zeit“, „Heute Morgen“, „International“ (mein Hörtipp), „Der Bestatter“ und „The Voice“ 400 Franken wert.

Mark Balsiger

 

Weblinks:

Ja zum RTVG
Nein zum RTVG

P.S.  Transparenz: Der Autor dieses Postings war bis Ende 2000 als Redaktor bei Radio SRF (damals noch Radio DRS) tätig, seit 2009 ist er Mitglied beim SRG-Publikumsrat. Ein Mandat seitens der SRG gibt es nicht. Gegenüber den Medien äussere ich mich konsequent nicht zur RTVG-Vorlage – wegen diesem Positionsbezug, der schon seit Wochen in der Pipeline war. Die Unabhängigkeit wäre verletzt, die ich als Expertli hochhalte.