Samuel Schmid bricht sein langes Schweigen

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Samuel Schmid hat seinen Urlaub vorzeitig abgebrochen. Gestern war er wieder im Bundeshaus, heute um 15 Uhr stellte er sich kurzfristig den Medien. Geduldig nahm er sich den Fragen an, zwei- oder dreimal verlor er kurz den Faden. Sein Auftritt war aber insgesamt solid. Er machte klar, dass er “voll und ganz” hinter Armeechef Roland Nef stehe.

Viele Fragen kreisten um den Umstand, dass Schmid vor Jahresfrist den Gesamtbundesrat nicht über die damals noch laufende Strafuntersuchung gegen Nef informiert hatte. Dahinter sei “keine Absicht gewesen, den Bundesrat hinters Licht zu führen”, erklärte der VBS-Vorsteher. “Die Strafuntersuchung war ein kalkulierbares Risiko.”

Im Verlauf dieser Medienkonferenz hat sich bei mir der Eindruck verstärkt, dass es sehr schwierig ist, die Abläufe von Verfahren zu verstehen. Das ist eine echte Herausforderung, gerade für Nicht-Juristen. Dass Schmid den Inhalt der Strafuntersuchung gegen Nef nicht kennt, nicht kennen will, überrascht. Er begründete das mit dem Respekt vor der Privatsphäre Nefs.

Ob er, Bundesrat Schmid, noch handlungsfähig sei, frage einer der Journalisten. Schmid fragte zurück: “Welche Bundesräte sind aus ihrer Sicht handlungsfähig – ich höre?” Der überrumpelte Journalist gab zur Antwort: Doris Leuthard. “Dann wären also sechs Bundesräte nicht mehr handlungsfähig”, konstatierte Schmid. Erheiterung im Saal. Womöglich hatte da einer nicht gemerkt, wie ihm die Hosen heruntergezogen wurden.

Mit diesem Auftritt Schmids ist der Wind nicht aus den Segeln, aber der grösste Sturm dürfte vorüber sein. An der ersten Bundesratssitzung nach den Sommerferien am 20. August wird dieser Fall traktandiert. Bei der Sicherheitspolitischen Kommission (SiK) bereits zwei Tage vorher. Dass der Gesamtbundesrat Schmids Handeln öffentlich kritisieren wird, können wir ausschliessen. Ausser der SVP hat keine Partei ein Interesse daran, dass Schmids Position weiter geschwächt wird oder sogar sein Kopf rollt.

Samuel Schmid hätte sich bereits am Montag den Fragen der Medien stellen müssen. So wäre der Sturm gar nicht erst aufgekommen. Weiter hätte er ein starkes Zeichen gesetzt, wenn er gemeinsam mit Roland Nef aufgetreten wäre. Gestern wäre die Gelegenheit dazu da gewesen.

Interessant ist, dass er sich hinter seinen Armeechef stellt. Genauso ist diese Aussage auch zu verstehen. Schmid schob Roland Nef in den Vordergrund, sein eigenes Wirken hingegen versuchte er zu dethematisieren.

Schmid hat mit seinem heutigen Auftritt nicht an Statur gewonnen. Er stünde besser da, wenn er sein langes Schweigen als Fehler bezeichnet hätte. Er hätte auch bekennen können, dass das Auswahlprozedere angesicht der Strafuntersuchung aus heutiger Sicht nicht optimal gewesen war. Damit hätte er gepunktet, Ehrlichkeit wird belohnt.

Schmid verzichtete aber auf Selbstkritik, stattdessen kritisierte er die Medien. Diese wiederum verbissen sich in die Geschichte, weil die beiden Schlüsselakteure zu lange auf Tauchstation gingen. Und weil die Ernennung Nefs Samuel Schmid nicht als umsichtigen VBS-Vorsteher erscheinen lässt.

Das letzte Kapitel dieser Story ist noch lange nicht geschrieben. Die Skandalisierungsspirale dreht sich weiter. Wir dürfen mit neuen Enthüllungen und “Enthüllungen” zur Causa Nef rechnen. Das nächste Mal am Sonntag.

Foto Samuel Schmid: Reuters

Samuel Schmid und die Volksjustiz

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Aus einer Mücke wird ein Elefant, aus einem politischen Fehler eine Staatsaffäre. Aus Spekulationen werden innerhalb von 24 Stunden knallharte Fakten. Bundesräte sollen zurücktreten. Journalisten machen Überstunden, Kommunikationsspezialisten auch. Köpfe werden röter, die Temperaturen steigen.

Willkommen im Sommertheater 2008.

Vor Jahresfrist wählte der Gesamtbundesrat Roland Nef zum neuen Chef der Armee. Zu diesem Zeitpunkt war das Strafverfahren, das seine ehemalige Partnerin ausgelöst hatte, noch nicht eingestellt. Sie bekundete aber schon damals, dass sie kein Interesse mehr an einer rechtlichen Beurteilung ihrer Vorwürfe habe.

Aus heutiger Sicht wäre es zweifellos richtig gewesen, wenn Samuel Schmid die anderen Mitglieder des Bundesrats über das Strafverfahren gegen Nef informiert hätte. Aus der damaligen Sicht war diese Information nicht zwingend. Die private Angelegenheit Nefs war de facto abgeschlossen, nicht aber de jure. Das ist gemäss Juristen jeweils eine reine Formsache.

Ich finde es falsch, dass Schmid die Krise – und das ist seit Montag definitiv eine! – nun offenbar aussitzen will. Nachdem der Fall in der “SonntagsZeitung” angestossen wurde, hätte ein schnelles Handeln den Brand löschen können. Schon am frühen Sonntagmittag hätte im VBS klar sein müssen, dass der Vorsteher an die Öffentlichkeit treten muss – Ferien hin oder her.

Eine Medienkonferenz am Montagmorgen wäre die richtige Strategie gewesen. Auch wenn Schmid vermutlich kaum etwas Neues zu sagen gehabt hätte. In solchen Situationen geht es schlicht darum hinzustehen und sich den vielen Fragen der Journalisten zu stellen. Auf diese Weise kann die Spitze des Speeres gebrochen werden.

Der Aufwand für eine offensive Abwicklung des Falles wäre bescheiden gewesen. Stattdessen ist jetzt eine Medienkampagne im Gang, die so schnell nicht mehr stoppt. Sie braucht Nerven, kostet Zeit und hinterlässt einen beträchtlichen Flurschaden. Hässlich ist die eigentliche Volksjustiz, die eingesetzt hat. Wider besseren Wissens wird in Internet-Foren anonym diffamiert, dass einem bei der Lektüre angst und bange wird.

Foto Samuel Schmid: keystone

Einsichten und Zitate, die nachhallen (2)

Peter Regli, ehemaliger Chef des Schweizer Geheimdienstes, ging einen langen Weg. Jahrelang musste er Prügel einstecken. Jahrelang lasteten harsche Anschuldigungen auf ihm. Im verflossenen Sommer schliesslich wurde er von Bundesrat Samuel Schmid rehabilitiert.

Gestern wurde er am Zibelemärit von den Stadtschützen zum “Oberzibelegring 2007” erkoren. (Für Nichtberner: Gring = Kopf.) Der “Oberzibelegring” ist eine Auszeichnung, die in der Bundesstadt kaum noch zu übertreffen ist.

Peter Regli, rund sieben Jahre lang Zielscheibe und Reizfigur, konnte gestern, im Zentrum des Aufmerksamkeit, für einmal selber austeilen:

“Der Stadtregierung sollte man einen Duden schenken, damit sie endlich versteht, was Sicherheit heisst.”

Eigentlich wollte ich diese neue Serie grundsätzlich unkommentiert ins Netz entlassen. Eben hat sich aber Bürokollege Suppino geräuspert: “Mit einer Einsicht hat Reglis Zitat wenig zu tun. Das ist eine Provokation.”

Samstag ist Demotag

Inzwischen weiss es vermutlich jeder Teenager im Umkreis von 200 Kilometern: Am Samstag ist Demotag in Bern. Seit vier Wochen wird in den Medien fast unablässig darüber berichtet, das Klima ist aufgeheizt. Mehr als 60 Organisationen wollen sich an der unbewilligten Contra-Demonstration beteiligen.

Das zieht, wie immer, nicht nur echte Demonstranten an. Es ist wie ein Ritual, überall dasselbe: an den 1-Mai-Kundgebungen in Zürich, bei Anti-WEF-Manifestationen oder, wie neulich, als Bundesrat Christoph Blocher die Comptoire in Lausanne eröffnete. Die Bilder, die danach verbreitet werden, sind austauschbar: an jeder Ecke eine massierte Polizeipräsenz, zugenagelte Geschäfte, eingeschlagene Schaufenster, brennende Autos, Vermummte, die Steine und manchmal sogar Molotow-Cocktails werfen.

Der Sache erweisen sie so einen Bärendienst. Eine kraftvolle Gegendemonstration, in einer anderen Stadt, wäre die bessere Antwort gewesen. In der heissen Phase des Wahljahres 1995 war das noch möglich gewesen. Etwa 5000 Personen standen damals in Zürich zusammen, unter ihnen Bundesrat Otto Stich, der als Redner auftrat. Die Kundgebung verlief friedlich.

Morgen werden die üblichen Krawall-Bilder scharf mit anderen kontrastieren: Eine Art Alpaufzug der Volkspartei steht auf der Affiche. Mit 10’000 Supportern will sie vom Bärengraben zum Bundesplatz ziehen. Vorne Zottel, die beiden Bundesräte, die Parteipräsidenten Maurer und Joder, dann die liebe Froue und Manne. Das gibt schon beim Marsch durch die Innenstadt Scharmützel.

Der 6. Oktober wird ein zweifelhafter Höhepunkt des Wahljahres 2007. Das sind die Folgen der “Verschafung der Politik”. Wenn die SVP clever ist, und das ist sie, schlägt sie aus den Ereignissen des morgigen Tages Kapital. Bilder haben eine unglaubliche Kraft: hier die SVP-Mitglieder, die in Trachten friedlich durch die Strassen ziehen. Dort die Chaoten.

Ich werde mir das aus der Nähe ansehen müssen – und allenfalls hier darüber berichten.

Mark Balsiger

Bullshit oder Staatsaffäre? Vor allem viel Nervosität und warme Luft

Unsere Büros liegen im erweiterten Bundeshaus-Perimeter. Das erlaubt Momentaufnahmen:

Ein Generalsekretär hastet durch die Gassen, die Stirne in Furchen gelegt so tief wie Schützengräben. Journalisten rufen an und wissen vor lauter Fragen nicht, wo sie mit ihren Fragen anfangen wollen. Alle jagen sie nach dem Primeur, alle stochern sie im Nebel. Christoph Mörgeli spricht von „Bullshit“, jemand von der Gegenseite von „Staatsaffäre“. Seit Mittwochabend ist die Stimmung elektrisch aufgeladen.

Die Versuchung, das ganze Getue mit Ironie zu durchtränken, ist gross.

Dieser Fall dürfte alle bisherigen Medienhypes in den Schatten stellen. Wieso? Alle Ingredienzen, die es dafür braucht, sind dabei:

– Christoph Blocher als Reizfigur par excellence
– Valentin Rorschacher als Bundesanwalt – auch er eine Reizfigur mit grossem Ego –, der keine grossen Erfolge verbuchen konnte, dafür gelegentlich mit zu grosser Kelle anrichtete
– Rorschachers Absetzung, die der Justizminister vornahm, ohne den Gesamtbundesrat zu konsultieren
– Bankier Oskar Holenweger, der wegen der Bundesanwaltschaft seine Ehre und Bank verloren haben soll
– die Geschäftsprüfungskommission (GPK), die am Mittwoch Abend auf 20 Uhr kurzfristig zu Medienkonferenz einlädt
– der Vorwurf des Komplotts – gegen Rorschacher
– die Vermutung, dass Blocher von diesem Komplott wusste, allenfalls sogar mitspielte
– ein Stück Papier, der so genannte H-Plan, auf dem vor allem Namen von Politikern und Journalisten notiert sind. Damit sollte angeblich Rorschacher ausgeschaltet werden
– eine Inseratekampagne der SVP („Geheimplan gegen Blocher!“), die seit Mitte August durch das Land rollt wie noch keine zuvor
– eine stattliche Anzahl Politiker, denen Christoph Blocher schon einmal ans Schienbein getreten hat, und die auf Revanche hoffen
– in knapp sechs Wochen finden die eidgenössischen Wahlen statt
– die FDP zittert um ihren zweiten Bundesratssitz, SP und Grüne wollen Blocher nicht mehr im Bundesrat, die CVP wittert Morgenluft
– die SVP-Spitze dreht an einer Medienkonferenz den Spiess um und spricht vom einem Komplott gegen Blocher
– Bundesrat Couchepin mischt sich ein. Er greift die SVP im Tessiner Radio an und zieht Vergleiche mit den italienischen Faschisten der 1930er Jahre

Während Wochen, ja Monaten beklagten sich Journalistinnen und Politbeobachter, dass der Wahlkampf 2007 flau sei. Jetzt ist er unvermittelt losgegangen. Bis zum 21. Oktober, vermutlich sogar bis zum 12. Dezember – dem Tag der Bundesratswahlen – wird recherchiert, geschrieben, abgeschrieben. Der Thesenjournalismus erlebt einen Höhenflug.

Nüchtern betrachtet ist die Faktenlage im Moment sehr, sehr dünn. Auf Grund der Ingredienzen bleibt vorläufig nur die Flucht in die Interpretationen, die auch zu wilden Spekulationen werden können. Der Druck zu schreiben und zu senden ist riesig. Auch wenn es nichts Relevantes zu schreiben oder zu senden gibt.

Medienhypes hat es in den letzten Jahren mehrere gegeben. Ein paar Beispiele:

– Oktober 1999: Der „Blick“ macht einen alten Brief von Christoph Blocher an den Holocoust-Leugner Jürgen Graf publik. Das orchestrierte Trommeln gegen Blocher mobilisiert zusätzlich und macht die SVP zur Siegerin der eidgenössischen Wahlen 1999.
– Sommer 2001: Der Bündner Regierungsrat Peter Aliesch ist mit einem dubiosen griechischen Geschäftsmann verbandelt, seine Frau erhält einen Nerzmantel als Geschenk. Seine Regierungskollegen entziehen ihm die wichtigsten Dossiers (u.a. das WEF), distanzieren sich später von ihm, genauso wie seine Partei. Aliesch wirft schliesslich den Bettel hin. Rechtlich bleibt nichts an ihm hängen.
– Frühling 2002: Botschafter Thomas Borer kommt wegen einer angeblichen Frauengeschichte (Djamile Rowe) in die Schlagzeilen, der Ringierkonzern schiesst sich auf ihn ein. Bundesrat Josef Deiss kriegt kalte Füsse und drängt Borer zum Rücktritt. Dessen Kollegen aus dem diplomatischen Corps, die dem Quereinsteiger den Karrierejob in Berlin nicht gönnen mochten, spielten hinter den Kulissen mit. Die Sache mit Rowe entpuppt sich als „Fake“ und aus dem „Fall Borer“ wird ein „Fall Ringier“. Der Chefredaktor der „SonntagsBlick“ muss zurücktreten, Verleger Michael Riniger entschuldigt sich.

Die Rorschacher-Blocher-Geschichte wird uns alle erschlagen – mit der nicht zu bewältigenden Masse an Berichten, Einschätzungen, Spekulationen und Kommentaren. Vermutlich ist das allermeiste bloss warme Luft.

Mark Balsiger