Doris Fiala ist wie ein Kampfhelikopter: Wo immer sie auftaucht, wirbelt der Staub

Die Konstellation wäre ideal gewesen: Gestern Abend vermeldete die Zertifizierungsstelle Zewo, dass sie sich mit der Aids-Hilfe Schweiz geeinigt habe. Nur wenige Stunden später war die umstrittene Präsidentin Doris Fiala in der Talk-Sendung “Schawinski” zu Gast. Ihr Auftritt überzeugte nicht, genauso wenig wie zuvor ihre Krisenkommunikation in eigener Sache.

Man kann von FDP-Nationalrätin Doris Fiala (Bild) halten, was man will, etwas muss man ihr lassen: Sie kann wie ein Verteidiger der Squadra Azzurra einstecken. Dass sie ebenso hart austeilt, musste etwa ihr Parteikollege Fulvio Pelli erfahren. Dank ihrer jahrelangen Dauerkritik am Noch-Parteipräsidenten, scharfer Rhetorik und der Volksinitiative gegen das Verbandsbeschwerderecht, die sie mit 1,3 Millionen Franken durchboxte, akzentuierte sie ihr Profil, wurde bekannt und 2007 schliesslich in den Nationalrat gewählt. Die Analogie zum italienischen Fussball ist gewollt, “Forza, Fiala” hiess damals einer ihrer Slogans.

Fiala steht seit nunmehr drei Wochen in der Dauerkritik. Viele andere Politikerinnen und Politiker hätten längst den Bettel hingeschmissen, nicht so die streitbare Zürcherin. Das verdient Respekt. Als gelernte PR-Assistentin und Inhaberin einer PR-Agentur hätte sie allerdings wissen müssen, wie man den Professionalisierungsschub bei der Aids-Hilfe Schweiz kommuniziert. Wenn ein ehrenamtliches Präsidium plötzlich mit 50’000 Franken statt wie bisher mit 20’000 Franken bezahlt wird, sorgt das für Aufsehen, erst recht bei einer Politikerin mit dem Profil Fialas. Also pro-aktiv raus damit.

Rollen erst einmal die negativen Schlagzeilen – Abzocker, Fiala, FDP, Herzensangelegenheit, ach ja?! -, gibts keine Möglichkeit mehr, sie ins Positive zu drehen. Die Geschichte ist gelaufen, die Meinungen sind gemacht, die Journalisten “dissen“, das Volk wettert. Da spielt es keine Rolle mehr, ob der Verein Aids-Hilfe Schweiz Fialas Salär klar gutgeheissen hat. Solche Randnotizen interessieren kaum jemanden mehr.

Die Krisenkommunikation in eigener Sache will ihr nie richtig gelingen, sie muss immer nachbessern oder ihre Position komplett neu erarbeiten. Zuerst sagte sie, ein Nachgeben gegenüber den Forderungen der Stiftung Zewo, die die Zertifizierung für gemeinnützige Organisationen vornimmt, käme einem Schuldeingeständnis gleich. Später akzeptiert sie sie doch. Die gemeinsame Medienmitteilung von gestern Abend:

Medienmitteilung Zewo & Aids-Hilfe Schweiz (19. März; PDF)

Doris Fiala geht die Sensibilität für Schwingungen ab, sie hat auch Mühe, die Lage jeweils richtig einzuschätzen. Das kann an ihrem zupackenden Naturell liegen, am “Go, Fiala, go”, so ein anderer Slogan aus ihrer 2007-er-Wahlkampagne. Sie taucht wie ein Kampfhelikopter aus dem Nichts auf, Staub wirbelt und es wird laut. Zudem gehen ihr die Emotionen durch.

Das zeigte sich gestern Nacht bei Roger Schawinski exemplarisch. Fiala verlor mehrmals die Contenance und damit die Unterstützung der Zuschauerinnen und Zuschauer. Während des Talks versuchte sie immer wieder, Worthülsen zu platzieren. Bei einem Schawinski funktioniert das nicht. Sie verpasste die Gelegenheit, sich in der Sendung gelassen und klar zu äussern. Und damit auch die Möglichkeit, wieder Vertrauen aufzubauen.

Die Causa Fiala zieht auch andere in Mitleidenschaft: primär die Aids-Hilfe Schweiz, aber auch die FDP und die PR-Branche. Schafft Fiala mit der Aids-Hilfe den Turnaround – im letzten Vereinsjahr resultierte ein Minus von 330’000 Franken – hat sich die streitbare Politikerin rehabilitiert. Dafür bleiben ihr 15 Monate Zeit.

 

P.S.  Wie man die Sendezeit von “Schawinski” mehr als nur überstehen kann, zeigen zwei Parteikolleginnen Fialas: Karin Keller-Sutter (Regierungsrätin SG, inzwischen Ständerätin), am 5. September 2011 mit einer überzeugenden Performance, Christa Markwalder (Nationalrätin BE) am 23. Januar dieses Jahres sogar mit einem Glanzauftritt.

Foto Doris Fiala: keystone

 

Krisenkommunikation (2) – heute: Swiss Ski und der Rauswurf von Stefan Abplanalp

Seit Langem kommt es bei Swiss Ski immer wieder zu heftigen Eruptionen. So trat Pirmin Zurbriggen vor Jahresfrist per sofort aus dem Präsidium des Verbandes aus. Letzte Woche wurde Speed-Trainer Stefan Abplanalp abserviert. Anstelle einer transparenten Kommunikation verfügte der Verband einen Maulkorb für alle. Gestern äusserte sich Präsident Urs Lehmann erstmals – in der “Schweizer Illustrierten”.

Es habe schon lange gemottet, erzählen Insider. Jetzt kam es zum Eklat: Stefan Abplanalp (rechts), Speedtrainer des Damenteams verlor den Machtkampf gegen Cheftrainer Mauro Pini (links) und wurde per sofort freigestellt – einen Monat vor Ende der Saison. Diese ist trotz Verletzungspech ziemlich erfolgreich verlaufen, die Schweizerinnen fuhren in den Speed-Disziplinen fünf Podestplätze heraus.

Wo ausgeprägte Leistungsbereitschaft, Rivalität, starke Persönlichkeiten, öffentlicher Druck, Stars, Eifersucht, Testosteron und junge Athletinnen zusammentreffen, entsteht ein explosiver Cocktail. Die beste Freundin kann gleichzeitig auch die grosse Rivalin sein, die einem vor der Sonne steht. Trainer messen sich an ihren Erfolgen, aber auch der Popularität ihrer Schützlinge.

Als Kommunikationsspezialist interessierte mich die Art und Weise, wie Swiss Ski diesen Eklat abwickelte.

Die Schwachstellen und meine Einschätzungen:

– Der Verband verschickte am Montag, 20. Februar die Medienmitteilung, mit der die sofortige Freistellung Abplanalps bekanntgegeben wurde. Sie ging um 17.29 Uhr raus. Der Direktor und der Leistungssportchef standen gemäss dieser Mitteilung zwischen 17.30 und 18.15 Uhr für Fragen zur Verfügung.

>>> In dieser Phase haben die Sportredaktionen mit der Produktion begonnen, die Privatradios und DRS3 setzen zwischen 17 und 18 Uhr ihre Schwerpunkte. Ausgerechnet in dieser ohnehin schon hektischen Phase einen “Slot” von gerade einmal 45 Minuten zur Verfügung zu stellen zeugt von einem merkwürdigen Medienverständnis. Es ist möglich, dass der Zeitpunkt bewusst gewählt wurde, weil der Verband diesen Fall möglichst “low profile” abhandeln wollte.

– In einem kurzen Interview bei Radio DRS sagte Andreas Wenger, Direktor von Swiss Ski, zu den Gründen für den Rauswurf Abplanalps:

“Nennen wir das Kind beim Namen. Es heisst Alkohol.”

>>> Das ist starker Tobak. Arbeitsrechtlich ist es gar nicht erlaubt, solche Vorwürfe in die Welt zu setzen. Abplanalp bestreitet das Alkohol-Problem dezidiert, der Verband wiederum kann es nicht belegen. An Abplanalp bleibt womöglich für längere Zeit kleben, dass er Alkoholiker sei könnte – kein Etikett, das ihm bei der Jobsuche hilft. (Welche Rolle der Alkohol spielt, wird von verschiedenen Quellen unterschiedlich beurteilt.)

– Nach dem kurzfristig bekannt gegebenen 45-Minuten-“Slot” für Medienschaffende wurden seitens des Verbands keinerlei Auskünfte mehr erteilt. Sportjournalisten versuchten telefonisch, per Mail und SMS die Funktionäre umzustimmen. Mit bescheidenem Erfolg. Der Redaktion der SF-“Sportlounge” gelang es, Interviews mit Dominique Gisin, Stefan Abplanalp und Mauro Pini einzufädeln. Sie wurden aber kurzfristig wieder abgesagt, der Leiter Kommunikation vermeldete knapp:

“Mauro steht wie alle anderen Exponenten in dieser Sache nicht mehr zur Verfügung.”

>>> Trainer und Athletinnen haben also einen Maulkorb erhalten. Das ist eine Verweigerung, mit der man nur verlieren kann. Mehrere Athletinnen äusserten sich trotzdem oder mit ihren Social-Media-Kanälen, beispielsweise Lara Gut über Twitter. Es entstand eine Kommunikations-Kakofonie, Journalisten ärgerten sich, grübelten weiter und verwerteten, was sie sich aufgrund ihres Vorwissens kombinieren konnten oder irgendwo aufgeschnappt hatten.

– Auf der Website von Swiss Ski findet man unter der Rubrik “Medienmitteilungen” bis heute – nichts. Präzisierung: Ein simpler Satz hängt im Netz:

Zukünftig finden Sie an dieser Stelle ein Archiv mit jeglichen Swiss-Ski Medienmitteilungen.

>>> Dass nicht einmal die Medienmitteilung zu Abplanalps Freistellung aufgeschaltet wurde, hinterlässt mich ratlos. Mauern, sich ducken und die Sache aussitzen – so scheint die Devise zu lauten. Die Kommunikationsabteilung ist personell nicht schlecht dotiert, sie besteht aus sechs Personen und einer Praktikantin.

– Verbands-Präsident Urs Lehmann bestreitet in der “Schweizer Illustrierten” (SI), die gestern herauskam, das grosse Interview. Natürlich wird auch der Fall Abplanalp/Pini thematisiert.

>>> Ein Präsident muss nicht bei jedem lauen Lüftchen vor die Medien. In diesem Fall hätte es Swiss Ski aber zweifellos zum Vorteil gereicht, wenn Lehmann letzte Woche Zeit für eine Medienkonferenz gehabt hätte. Auf diese Weise hätte er vielen Spekulationen entgegentreten und die Position des Verbandes detailliert erklären können. Stattdessen gewährt er einem einzigen Printmedium ein Interview. Auf Aussagen wie “wir waschen die Wäsche intern” hakt der SI-Journalist allerdings nicht nach.

Fazit: Dieser Fall ist ein Lehrbeispiel, wie man es nicht machen sollte. Gerade ein so grosser und wichtiger Sportverband wie Swiss Ski müsste eine andere Kommunikationskultur pflegen. Der Reputationsschaden ist geschehen, kommt das Team nicht bald zur Ruhe, wird auch der weitere Aufbau der Talente behindert. Und das spiegelt sich unweigerlich in den Resultaten und dann könnte es zur nächsten Eruption kommen. Ein Teufelskreis.

Mark Balsiger

Weitere Beiträge zum Thema:

– Wo die Gläser hell erklingen (NZZ am Sonntag, 26.02.; PDF)
– Kündigungsgrund geht niemanden etwas an (Tagi, 27.02.; PDF)

 

“Es braucht eine politische Globalisierung, was in Europa nur die EU erreichen kann”

Seit Herbst 2002 hat der gebürtige Sankt Galler Thomas Christen (37) im Nervenzentrum der SP Schweiz gearbeitet, die letzten sechs Jahre davon als Generalsekretär. Von heute an ist er als persönlicher Mitarbeiter von Bundesrat Alain Berset im Eidgenössischen Departement des Innern (EDI) tätig. Ein Gespräch über seinen Rollenwechsel, die Sozialdemokratie, Europa und die Möglichkeiten von Social Media.

Herr Christen, es ist Mittwochabend, im Moment räumen Sie Ihr Pult im Generalsekretariat. Was geht Ihnen nach fast neuneinhalb Jahren an dieser Wirkungsstätte durch den Kopf?

Thomas Christen: Die Zeit bei der SP war intensiv. Es gab Erfolge und Niederlagen. Es gab viele parteiinterne Diskussionen und auch inhaltliche Differenzen. Aber letztlich haben immer alle am gleichen Strick gezogen und sich für die gemeinsamen Anliegen eingesetzt. Viele Mitglieder haben sich in stunden- und tagelanger Freiwilligenarbeit engagiert. In diesem Umfeld arbeiten zu können, war faszinierend. Ich freue mich sehr auf meine neue Arbeit – aber ich glaube, ich werde die Zeit auf dem SP-Sekretariat auch etwas vermissen.

Als Generalsekretär führten sie ein KMU und waren medial oft präsent. Als persönlicher Mitarbeiter eines Bundesrats agieren Sie ausschliesslich im Hintergrund – ein kompletter Rollenwechsel.

Christen: Der Umgang mit den Medien und das Führen des Sekretariates waren in der Tat sehr spannende Aufgaben. Im Zentrum meiner Arbeit stand für mich aber immer der inhaltliche Aspekt. Und ich empfinde es als grosses Privileg, auch an der neuen Stelle, das tun zu können, was ich am liebsten mache: Mich beruflich für meine politischen Überzeugungen einzusetzen. Auch wenn es in einem anderen Umfeld, in einer neuen Rolle ist.

Persönlichen Mitarbeitern und Beratern werden seit jeher Etiketten umgehängt, z.B. Bundesrats-Einflüsterer, Strippenzieher, Bauchredner, Imagepfleger, Kofferträger – wie interpretieren Sie Ihre neue Aufgabe?

Christen: Meine Aufgabe wird es sein, Alain Berset in politisch-strategischen Fragen zu beraten. Die SP hat mit Alain Berset die grosse Chance, in einem zentralen Departement mit für die Bevölkerung enorm wichtigen Fragen die Politik der nächsten Jahre zu prägen und mitzugestalten. Ich werde versuchen, ihn bei dieser politisch und inhaltlich anspruchsvollen Aufgabe zu unterstützen.

Unter Ruth Dreifuss als EDI-Vorsteherin von 1993 bis 2002 wurde der Sozialstaat ausgebaut. Ihr Parteikollege Alain Berset wird aufgrund der demografischen Entwicklung unseres Landes nicht um einen Sozialabbau herumkommen. Kann ein SP-Bundesrat dies dem Volk glaubwürdiger erklären?

Christen: Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe eines SP-Sozialministers sein kann, Sozialabbau zu betreiben. Die Volksabstimmungen in den letzten Jahren haben gezeigt, dass Abbauprogramme auf Kosten der Ärmsten und des Mittelstandes beim Volk keine Mehrheiten finden. Und die Aufgabe eines Sozialministers muss es sein, mehrheitsfähige Reformen zu erarbeiten.

Der Zürcher Sozialgeograf Michael Hermann sagte einmal, die SP habe kein grosses Projekt mehr. Der Sozialstaat ist gebaut, bei grünen Themen wie dem Atomausstieg punkten die Grünen, sozialliberale Schichten wählen heute grünliberal. Wie kommt die SP aus diesem Dilemma wieder heraus?

Christen: Das reichste Prozent in der Schweiz besitzt 59 Prozent des Vermögens. In keinem OECD-Land ist das Vermögen so ungleich verteilt wie in der Schweiz. Gleichzeitig gibt es rund 600‘000 Menschen, die offiziell in Armut leben. Den Mittelstand plagen die immer weiter steigenden Kosten für Krankenkassenprämien und Mieten. Die SP hat in den vergangenen Jahren sicher viel erreicht. Aber wer angesichts all dieser Tatsachen sagt, dass die SP kein Projekt, keine Aufgabe mehr habe, der verkennt die Realität.

Alt-SP-Präsident Bodenmann sagte einmal: Eine Partei, die sich nicht erneuert, geht unter. Die SP hat sich seit ihrer Öffnung für pazifistische Strömungen sowie Umwelt- und Genderthemen in den Siebziger- und Achtzigerjahren nicht mehr erneuert. Wann kommt der nächste Schub?

Christen: Ich bin mit Peter Bodenmann absolut einverstanden. Die SP erneuert sich daher auch laufend. In den Neunzigerjahren stand die Öffnung der Schweiz im Vordergrund, aktuell sind es neue soziale und wirtschaftliche Fragen, wie etwa das Verhältnis zwischen Bankenplatz und Werkplatz oder eben die immer grösser werdenden Probleme des Mittelstands. Die SP erneuert sich thematisch und personell immer wieder. Was gleich bleibt, ist unser Einsatz für die ganze Bevölkerung und nicht für einzelne Sonderinteressen.

Sie wurden als Teenager durch das Nein zum EWR vom 6. Dezember 1992 politisiert und gehörten in der Ostschweiz zu den Gründungsmitgliedern von „Geboren am 7. Dezember“, ein Verein, der später in der Neuen Europäischen Bewegung Schweiz (Nebs) aufging. Inzwischen sind „Europa“ und „EU“ eigentliche Schimpfwörter geworden, ein EU-Beitritt in weite Ferne gerückt.

Christen: Da hat sich die Situation in den letzten Jahren in der Tat stark verändert. Ich bin aber überzeugt, dass “Europa” schon bald wieder ein grösseres Thema werden wird. Solange die Politik im nationalen Rahmen verharrt, wird sie weiterhin zum Spielball der Wirtschaft und vor allem der Finanzwirtschaft. Daher braucht es als Gegengewicht zur wirtschaftlichen Globalisierung eine echte politische Globalisierung – und das kann in Europa nur die EU erreichen. Das Bekenntnis zur EU wird wieder stärker werden.

In den nächsten Jahren entscheiden wir über die Fortführung der Personenfreizügigkeit. Sie wird wohl aufgekündigt, wenn Bundesrat, Parlament und Verbände keine Parforceleistung hinbringen. Wie soll das verunsicherte Volk überzeugt werden?

Christen: Indem die Sorgen der Bevölkerung ernst genommen werden. Es ist eine Tatsache, dass heute viele Menschen von der Personenfreizügigkeit nicht profitieren, sondern nur die negativen Auswirkungen spüren: Lohndumping, hohe Wohnungspreise. Hier muss der Hebel angesetzt werden. Nur wenn diese negativen Begleiterscheinungen vermindert werden können, wird es weiterhin eine Mehrheit für die Personenfreizügigkeit geben.

Zurück zur SP: In Ihrer Zeit haben Sie das Fundraising professionalisiert und an der Kampagnenfähigkeit der Partei gearbeitet. Im Wahljahr 2011 lancierte die SP die Dialogplattform „SP-Mitmachen“. Dieses Onlineprojekt kam nie in Fahrt – weshalb?

Christen: Wir haben das Projekt dieser Dialogplattform auf lange Sicht angelegt und wussten, dass es am Anfang schwierig sein würde. Ich bin überzeugt, dass in Zukunft Online-Plattformen eine immer grössere Rolle spielen werden. Aber es braucht Zeit, solche neuen Instrumente einzuführen. Das gilt im ganzen Bereich der Social Media. Keine Partei kann darauf verzichten, aber bis Social Media wirklich eine zentrale Rolle in der Politkommunikation spielt, geht es noch eine Weile.

Ihr Vater Heinz Christen war Stadtpräsident von St. Gallen, Ihre Lebenspartnerin Ursula Wyss ist derzeit noch Chefin der SP-Nationalratsfraktion, im Herbst wird sie vermutlich in die Exekutive der Stadt Bern gewählt, in vier Jahren könnte sie die erste Stadtpräsidentin werden. Wann lanciert Thomas Christen seine eigene politische Karriere, so wie das seine Vorgänger André Daguet und Jean-François Steiert auch taten?

Christen: Ich schliesse ein politisches Amt nicht grundsätzlich aus. Doch das ist heute kein Thema. Ich habe nun einen neuen Job, auf den ich mich sehr freue.

In Ihrem Leben dreht sich seit jeher fast alles um Politik. Wie schalten Sie ab?

Christen: Am besten gelingt es mir sicher beim Tennis. Da muss ich mich jeweils derart aufs Spielen konzentrieren und anstrengen, dass ich weder Zeit noch Kraft zum Nachdenken habe…

Im Herbst letzten Jahres wurden Sie erstmals Vater. Schauen Sie heute anders auf das Leben als früher?

Christen: Ja, die Schwerpunkte verschieben sich natürlich schon. Im Zusammenhang mit dem Glück mit kleinen Kindern existieren ja enorm viele Klischees. Ich will diese jetzt nicht bedienen. Aber ich kann sagen, dass sie tatsächlich zutreffen.

Interview: Mark Balsiger

Foto Thomas Christen: SP Schweiz

Ergänzend: Das ganzseitige Interview mit Thomas Christen in der “Aargauer Zeitung” vom 23. Januar 2012:

“Harte Abbauvorlagen scheitern” – Thomas Christen (PDF)

 

Natalie Rickli im Sturm der Medien

Haben Christoph Blocher und Christoph Mörgeli nun “ein Ding gedreht”, damit ihre Favoritin Natalie Rickli doch noch ins Fraktionspräsidium gewählt werden konnte? Auch nach Ricklis Auftritt bei “Tele Züri” von heute Abend steht es in diesem Punkt weiterhin Aussage gegen Aussage. Aufschlussreich war das Interview des SVP-Medienstars dennoch.

Die Preisfrage vorweg: Kennen Sie die Fraktions-Vizepräsidentinnen und -präsidenten bei der BDP, CVP, FDP, GLP, den Grünen oder der SP? Vermutlich nicht, doch damit sind Sie nicht alleine: Selbst die Polit-Aficionados im Bundeshausperimeter hätten ihre liebe Mühe, die Namen dieser Leute aufzuzählen. In der Medienarena spielen sie keine Rolle, dort stehen die Parteipräsidenten und Fraktionschefs, ab und an die Vize-Parteipräsidenten.

Nationalrätin Natalie Rickli ist die grosse Ausnahme: Sie gehört seit wenigen Tagen zum Vize-Fraktionspräsidium der SVP. Allerdings schaffte sie die Wahl erst nachdem diese nochmals wiederholt worden war. Prompt wirbelte dieser Fall, in den Medien als “Eklat” bezeichnet, kräftig Staub auf; Fraktionschef Adrian Amstutz sah sich veranlasst, im Mediendienst der Partei Stellung zu nehmen.

Nachdem Rickli sich auf ihrer öffentlichen Facebook-Fanseite despektierlich geäussert hatte und damit einen regelrechten “Shitstorm” auslöste, war in den letzten Tagen genug Stoff vorhanden für süffige Storys. Heute schien sie wieder Tritt zu fassen. Sie sagte Ja zu einem exklusiven Auftritt in Markus Gillis “TalkTäglich”. Den Auftritt bei “Tele Züri” kündigte sie frühzeitig über Twitter und Facebook an, Kanäle, die sie regelmässig und medienbewusst bedient.

Die Wahl des Mediums und des Sendegefässes war clever: Rickli ist sehr telegen und pflegt eine einfache Sprache, damit sie von allen verstanden wird. Die 20-minütige Talksendung gibt ihr viel Raum, dank dem Live-Charakter kann sie ihre Botschaften platzieren, Botschaften, die dann von Online- und Printmedien rezipiert werden. Im Lehrbuch steht, dass man so die Kommunikationshoheit wieder zurückgewinnen kann.

Mit ihrem Auftritt von heute Abend bei Markus Gilli ist das Rickli nicht in gewohnter Manier gelungen. Mehrfach reagierte sie dünnhäutig, ja gereizt. Einmal erklärte sie: “Ich habe dieses Ämtli ja nicht nötig” – ein Schuss ins eigene Knie. Zudem verpasste sie es, sich für ihre verbale Entgleisung (“Wie krank muss ein Fraktionskollege sein?”) ) vom letzten Freitag zu entschuldigen.

Rickli hat einen kometenhaften Aufstieg hinter sich. Im Frühling 2007 wurde sie auf Anhieb in den Kantonsrat gewählt, sechs Monate später bereits in den Nationalrat. Dabei verdrängte sie Ulrich Schlüer, ein Baumeister des SVP-Erfolgs, zugleich auch so etwas wie das Gegenstück zu Rickli. Seither ist sie ein Medienstar, ominpräsent und immer gut für ein knackiges Zitat. Für die Partei ist sie Gold wert: Sie gibt der SVP ein junges attraktives Gesicht und sie kaschiert, dass der Frauenanteil in der Bundeshausfraktion nur gerade 11 Prozent beträgt.

Nun ist der “Ikarus von Winterthur” (Gilli) erstmals selber in den Sturm der Medien geraten. Damit hat Rickli nicht gerechnet und auch die Kritik aus den eigenen Reihen erwischte sie auf dem falschen Fuss. Dass sich der Neid einmal entladen musste, war klar, spätestens nachdem sie bei den Nationalratswahlen 2011 das beste Ergebnis aller Kandidierenden erzielt hatte. Dem “SVP-Engel” wurden die Flügel ein wenig gestutzt, in ein paar Tagen kehrt wieder Ruhe ein.

Mark Balsiger

 

Nachtrag vom Dienstag, 31. Januar 2012, 13.00 Uhr:

Am Morgen war Natalie Ricklis Website nicht aufrufbar, eben vermeldete sie über Twitter:

“TalkTäglich von gestern: daa.li/ubR Hiermit ist alles gesagt zu den Fraktions-Vizepräsidiumswahlen. Vielen Dank für den Support!”

Screenshot Natalie Rickli: TeleZüri/blick

Die SP führt Regie

Für die nächsten 18 Stunden ist das Bundeshaus und der Perimeter darumherum der Nabel der Schweiz. Rund 500 Medienschaffende und Kameramänner sollen sich akkreditiert haben. Auf jeden Parlamentarier und jede Parlamentarierin entfallen also zwei Medienleute. Das ergibt eine ziemlich grosse Menge auf engstem Raum. Politiker, die man sonst nie hört oder sieht und deshalb auch nicht kennt, haben eine nahezu huntertprozentige Chance, dass ihnen einmal ein Mikrofon entgegengestreckt wird.

Zunächst die Sitzverteilung des neuen Parlaments als Grafik:

Diese Grafik gibt es auch als PDF-Dokument zum Herunterladen:

Bundesversammlung: Die Sitzverteilung des neuen Parlaments (PDF)

Die Schlagworte “Wahlkrimi”, “High Noon” und dergleichen mehr wurden in den letzten Wochen oft verwendet; sie haben sich abgenützt. Es ist gut möglich, dass die Suppe nicht so heiss gegessen wird, wie sie gekocht wurde. Die Köche hinter den Töpfen heissen Christian Levrat und Ursula Wyss. Sie führen Regie und dieses Mal wissen sie auch, dass sie das Menü bestimmen können.

Wenn das SP-Führungsduo seine Fraktion einigermassen diszipliniert durch den Wahlmarathon bringt, brennt nichts an. Will heissen: Alle sechs bisherigen Bundesratsmitglieder werden wiedergewählt, die SVP läuft mit ihrem Anspruch auf einen zweiten Sitz auf. Die Entscheidung der SP-Fraktion fiel offensichtlich deutlich aus. Sie sei nicht für Spielchen zu haben, heisst es im Mediencommuniqué.

Bleibt es bei dieser Deklaration, ist die Herdplatte nur noch auf der Marke 3 eingestellt und das Süppchen köchelt vor sich hin.  Richtig spannend wird es in diesem Fall erst beim SP-Ausstich im siebsten Durchgang: Alain Berset gegen Pierre-Yves Maillard. Einer von beiden würde sich zu den sechs Bisherigen gesellen:

Die häufigste Frage, die in den letzten Wochen gestellt wurde, lautete: Wer macht das Rennen?

Zentraler wäre eine ernsthafte Auseinandersetzung über andere Fragen gewesen:

– Wer hat das richtige Profil für das Aussen- oder das Innendepartement? (Zweiteres, falls Bundesrat Burkhalter wechseln sollte.)
– Welcher Charakter passt am besten ins bestehende Gremium, das offensichtlich besser funktioniert als in früheren Zusammensetzungen?
– Wer ist auf internationalem Parkett wohl und verhandlungssicher in englischer Sprache?

Zumindest in der deutschen Schweiz hatte ich den Eindruck, dass der Fokus auf andere Schauplätzen gerichtet war: “Konkordanz” zum Beispiel, was nach 789 Folgen zu einem Schwanzbeisser wurde. Oder der Frage: “Können wir zwei Bundesräte aus Hinwil verkraften?” Mit dem Blattschuss von Urs-Paul Engeler hat sich diese Frage bekanntlich erledigt.

Mark Balsiger

Nachtrag vom Freitag, 16. Dezember 2011: Die NZZ kommt in ihrer Analyse der Bundesratswahlen zum selben Schluss:

Das Powerplay des Christian Levrat (NZZ, PDF)


– Grafik Bundesversammlung: Thomas Hodel

– Montage Bundesratsköpfe: sf.tv

 

Die zweite Chance für Hansjörg Walter

Die SVP-Rennleitung wechselt das Pferd, aber nicht die Strategie. Nach einem turbulenten Tag zauberte sie am frühen Abend Hansjörg Walter als neuen Bundesratskandidaten aus dem Hut. Dieser ist im Parlament wohlgelitten und hat Wahlchancen. Vor allem wenn er über seinen eigenen Schatten springt.

Hansjörg Walter ist ein Deus ex machina. Und für die SVP ein Glücksfall. Er ist bei den Parlamentarierinnen und Parlamentariern aller Couleur beliebt. Sie wählten ihn am Montag mit einem Glanzresultat zum Präsidenten des Nationalrats. Statt am kommenden Mittwoch die Vereinigte Bundesversammlung zu leiten, wird er dann als Kandidat im Scheinwerferlicht stehen.

Die NZZ bezeichnet Walter schnöde als “Lückenbüsser” – eine Fehleinschätzung. Er ist neben Peter Spuhler das beste Pferd im Stall, sofern die SVP-Fraktion tatsächlich einen zweiten Bundesratssitz erringen will. Dass sie dieses Primärziel anvisiert, ist inzwischen klar geworden.

Walter ist populär, er gilt als angenehm und besonnen. Mit ihm hat die SVP drei Trümpfe in der Hand:

–  Als Thurgauer kommt er aus der richtigen Region. Seit sich Hans-Rudolf Merz vor rund zwei Jahren davonmachte, ist die Ostschweiz nicht mehr im Bundesrat vertreten. Als Bündnerin geht Eveline Widmer-Schlumpf nur mit gutem Willen auch als Ostschweizerin durch. Die regionale Vertretung hat bei Bundesratswahlen fast immer viel Gewicht.

–  Als Präsident des Bauernverbands gehört Walter zu einem mächtigen Netzwerk. In den verbleibenden fünf Tagen werden viele Supporter im Hintergrund für ihn weibeln. Es sind nicht die Hearings der Fraktionen, die den Unterschied ausmachen, sondern die Einzelgespräche.

–  Vor genau drei Jahren war Walter schon einmal Bundesratskandidat. Damals allerdings wider Willen. Bei der Ersatzwahl, die nach Samuel Schmids Abgang nötig geworden war, wurde Walter über Nacht zum Sprengkandidaten der Linken. Diese wollten den Coup der Blocher-Abwahl im Dezember 2007 wiederholen und versuchte, die offiziellen Kandidaturen der SVP zu hintertreiben. Zur Erinnerung: Auf dem Ticket der Volkspartei waren Christoph Blocher und Ueli Maurer.

Im entscheidenden dritten Wahlgang erreichte Maurer 122 Stimmen, Walter 121. Wie der Thurgauer später bekannte, hatte er darauf verzichtet, seinen eigenen Namen auf den Wahlzettel zu schreiben. Walter ist auch dieses Mal für die allermeisten Mitte- und Links-Parlamentarier wählbar.

SP und Grüne können arithmetische Konkordanz retten

Mit der neuen Ausgangslage sind vorab die SP und die Grünen herausgefordert. Sie müssen sich entscheiden, ob sie mit Walter ihren Sprengkandidaten von damals erneut unterstützen und damit die arithmetische Konkordanz retten. Walter machte vor den Medien klar, dass er nur gegen BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf antreten werde. Ein Angriff auf Johann Schneider-Ammanns Sitz komme für ihn nicht infrage.

Als Option könnten die Linken an Eveline Widmer-Schlumpf festhalten und deren Wiederwahl sichern. Die Mitte-links-Allianz kommt auf 142 Stimmen; es wären also sogar maximal 19 Abweichler verkraftbar.  (Am 14. Dezember besteht die Vereinigte Bundesversammlung nicht aus 246, sondern aus 245 Mitgliedern. Der neue Schwyzer Ständerat Peter Föhn ist nicht präsent, weil er zur selben Zeit vor dem heimischen Kantonsparlament vereidigt werden muss. Wenn keine leeren und ungültigen Wahlzettel abgegeben werden, beträgt das absolute Mehr also 123 Stimmen.)

Es ist möglich, dass SP und Grüne am nächsten Mittwoch “de Föifer und s’Weggli” ergattern möchten. Das heisst im Klartext:

–  2. Durchgang: Wiederwahl von Widmer-Schlumpf
–  6. Durchgang: Angriff auf Schneider-Ammann (fdp)

Hansjörg Walter (svp) wäre bei diesem Szenario erneut Sprengkandidat. Liegt er gegen Schneider-Ammann gut im Rennen, stellt sich für ihn zum zweiten und letzten Mal in seinem Leben die Frage: Soll ich es packen? Falls er es packen will, müsste Walter über seinen eigenen Schatten springen, lies: wortbrüchig werden.

Die CVP-Fraktion müsste bis dann erkennen, dass sie am 14. Dezember für die nächsten Jahre vorspuren kann. Sie hält den Schlüssel für die neue Zusammensetzung der Landesregierung in ihren Händen.

Mark Balsiger


P.S.  Wie professionell Walter und sein Wahlkampfteam unterwegs ist, zeigt ein Detail: Schon kurz nach seiner Kür zum Kandidaten aktualisierte er seine Website und schaltete prominent eine kurze Erklärung auf (siehe Printscreen oben).


Foto Hansjörg Walter: anzeiger.ch

Printscreen Website: hansjoerg-walter.ch

Bruno Zuppiger ist weg vom Fenster

Jede politische Karriere ist auf Sand gebaut. Diese Erfahrung macht Bundesratskandidat Bruno Zuppiger seit ein paar Stunden. Eine “Erbsünde” holte ihn ein. Ob es sich um einen Skandal oder ein laues Lüftchen handelt, spielt dabei keine Rolle. Die Integrität des leutseligen SVP-Mannes ist beschädigt, die Chancen auf eine Wahl dahin.

 

Erinnerungen an den Fall Kopp 1988/89 werden wach. Nachdem der ersten Bundesrätin der Schweiz schon seit Monaten ein steifer Wind ins Gesicht geblasen hatte, fragte Fraktionschef Ulrich Bremi am Ende der entscheidenden Sitzung: “Ist da noch etwas?” Elisabeth Kopp verneinte. Kurz darauf flog das Telefongespräch auf, das sie mit ihrem Mann Hans W. Kopp, Verwaltungsrat der Handelsfirma Shakarchi, geführt hatte. Gegen Shakarchi war wegen Geldwäscherei ermittelt worden; Elisabeth Kopp konnte ihren Kopf nicht mehr retten.

Der Vergleich mit dem Fall Zuppiger, den die “Weltwoche” heute Nachmittag publik machte, ist natürlich konstruiert. In der Mechanik ist er aber ähnlich: Ein Spitzenpolitiker muss intuitiv spüren, wann es Zeit ist, die Hosen runterzulassen. Ohne zu zögern und ohne noch irgendetwas verstecken zu wollen. Der Zuger SVP-Regierungsrat Heinz Tännler war vor zweieinhalb Wochen ein Beispiel aus dem Lehrbuch, wie man es macht. Nach seinem pro-aktiven Outing (Fiaz, Familienverhältnisse) hat er sogar an Statur gewonnen.

Bruno Zuppiger hat es verpasst, sich rechtzeitig und vor einer breiteren Öffentlichkeit zu erklären. Nur die SVP-Spitze zu informieren reicht nicht, der Verweis auf eine Stillschweigevereinbarung hat etwas hilfloses. Die Story, die uns “Weltwoche”-Autor Urs-Paul Engeler auftischt, ist möglicherweise nicht annährend so brisant, wie sie sich liest. Der Fall konnte rechtlich vor einem Jahr abgeschlossen werden, moralische Aspekte lösen sich aber nicht einfach in Luft auf. Zuppiger steht in einem diffusen Licht, seine Integrität ist in Frage gestellt.

Es sind die einfachen Fragen, die den Mann auf der Strasse beschäftigen. Sie bringen den Bundesratskandidaten in die Bredouille:

– Rechtfertigte dieses Mandat einen Ansatz von CHF 350.00 in der Stunde?
– Wie kommt es, dass für erfolglose Nachforschungen nach Verwandten in Deutschland mehr als 500 Stunden fakturiert werden konnten?
– Weshalb wurde ein Betrag von rund CHF 100’000.00 Bruno Zuppigers Privatkonto gutgeschrieben?
– Wieso hat Zuppiger bei der Nomination durch die SVP-Fraktion den Fall nicht selber aufs Tapet gebracht?

Im Medienhype, der nun losbricht, werden aus Gerüchten binnen 24 Stunden Fakten. Zuppiger hat keine Chance, die Kommunikation aktiv zu gestalten. Er kommt nicht mehr aus seiner defensiven Position heraus. Der Fall, so wie wir ihn im Moment kennen, reicht vollkommen aus, um in der Bevölkerung ernsthafte Zweifel an seiner Person zu sähen. Es reicht auch in Sachen Bundesratskandidatur: Zuppiger ist weg vom Fenster.

Die Mitglieder der Vereinigten Bundesversammlung, die auf die Verhinderung eines zweiten SVP-Bundesrats hinarbeiten, sind noch deutlicher im Vorteil. Sie haben einen Trumpf zugespielt erhalten, der ihre Strategie weiter stärkt. Sie lautet: Die sechs bisherigen Bundesräte wiederzuwählen und im siebten Durchgang die SP-Vakanz mit einem offiziellen SP-Kandidaten zu besetzen. Einen Bundesrat mit einer angeschlagenen Integrität dürfe man sich nicht leisten, wird es heissen. Und verwiesen wird auf den Fall Kopp. Die SVP bleibt demnach am 14. Dezember aussen vor.

Gut möglich, dass hinter dem Fall Zuppiger ein Komplott steckt. Für Medien und Publikum ist das einerlei, das Trommelfeuer hat begonnen. Die Blicke richten sich auf Parteipräsident Toni Brunner: Wie lange dauert es, bis die SVP-Spitze einknickt und Zuppiger zurückzieht? Oder hält sie demonstrativ an diesem Kandidaten fest, weil sie den zweiten Bundesratssitz eigentlich gar nicht will? Es ist Zeit für Verschwörungstheorien.

 

Mark Balsiger

P.S.  Einen Teil meiner beruflichen Tätigkeit besteht darin, Politikerinnen und Politiker zu beraten. Beim Erstgespräch kommt stets derselbe Fragenraster zum Zug. Ein Punkt heisst “Hosen runter”. Aussereheliche Affären, laufende und ehemalige Rechtshändel, Leichen im Keller – alles müsse auf den Tisch, sage ich jeweils mit einem Verweis auf den Fall Aliesch (2001, die sogenannte Pelzmantel-Affäre in Graubünden), den Fall Borer (2002, der zwar später zu einem Fall Ringier drehte), den Fall Nef, der sich auch zu einem Fall Schmid auswuchs. In allen Fällen konnten die Schlüsselfiguren ihren Kopf nicht mehr retten.

Soviel zum Sturm auf das Stöckli

In den Kantonen Aargau, St. Gallen, Uri und Zürich will das Volk nichts von SVP-Vertretern im Ständerat wissen. Der gross angekündigte “Sturm auf das Stöckli” ist damit zu einer Chiffre verkommen, über die die SVP-Gegner noch lange spotten werden. Dass allein die Ankündigung dieses Sturms eine derart grosse mediale Resonanz auslösen konnte, müsste zum Nachdenken anregen.

Wer robust wächst, bekommt Appetit auf mehr. Das gilt auch für die SVP. Bei den Nationalratswahlen 1987 erreichte sie noch bescheidene 11.0 Prozentpunkte, von 1991 an legte sie kontinuierlich zu, was 2007 bei 28.9% kulminierte – ein Wachstum, das die eigenen Leute berauschte und die Gegner verzweifeln liess.

Im Ständerat hingegen kam Blochers Partei bislang nicht vom Fleck, sie dümpelte mit 4 bis maximal 8 Sitzen vor sich hin. Die Erklärung ist einfach: Ständeratswahlen sind mit Ausnahme der Kantone Jura und Neuenburg Majorzwahlen, es braucht mehrheitsfähige Kandidaturen, die weit über die eigene Basis hinaus unterstützt werden. In den meisten Kantonen sind für eine Wahl 50 Prozent der Stimmen nötig – eine hohe Hürde.

Der am 7. April gross angekündigte „Sturm auf Stöckli“ ist, wie wir spätestens seit heute Abend definitiv konstatieren können, kläglich gescheitert. Die SVP hat im Ständerat nur noch 5 Sitze, 2 weniger als bei den Wahlen vor vier Jahren. Das “Volch” liess die Volkspartei im Stich, wie “TagesWoche”-Redaktor Philipp Loser schon vor ein paar Tagen treffend kommentierte.

Dass der Sturm chancenlos ist, war schon bei seiner Ankündigung klar. Die schweizweit bekannten SVP-Schlüsselfiguren, seit langem mit dem Etikett “Hardliner” stigmatisiert, vermögen nicht in die Mitte auszustrahlen, um dort die entscheidenden Stimmen zu holen.

Trotz dieser mehr als klaren Ausgangslage generiert die grosse Medienkonferenz von Brunner, Blocher und Baader im Bundesmedienzentrum einen Grossauflauf. Der Sturm auf die Agenda war geglückt, eine blosse Ankündigung beherrschte die Schlagzeilen aller Mediengattungen. Und sie blieb Thema, monatelang.

Es scheint sich zu einem ungeschriebenen Gesetz entwickelt zu haben: Wen die SVP ruft, strömen die Medienschaffenden herbei und berichten, analysieren und kommentieren auf Teufel komm raus. Dieser Magnetwirkung hat sich die SVP in den letzten 20 Jahren hart und mit viel Cleverness erarbeitet. Die Medienlogik unterstützt sie dabei kräftig.

Stellen wir uns vor, die FDP-Spitze mit Fulvio Pelli und Gabi Huber, flankiert von den Parteistars Karin Keller-Sutter (SG) und Pierre Maudet (Genf), hätte im Frühling ebenfalls zu einer Medienkonferenz gerufen, um einzig ihr Wahlziel für die Nationalratswahlen bekanntzugeben: 20 Prozentpunkte (vgl. 2007: 15.7%), also ähnlich utopisch wie der Sturm der SVP auf das  Stöckli.

Drei oder vier Bundeshausjournalisten hätten der Einladung Folge geleistet, sich entspannt auf die Bänke gefläzt und innerlich lächelnd den Ausführungen der FDP-Spitzenleute gelauscht. Hernach wären eine paar genüssliche Glossen über den hochmütigen Freisinn entstanden.

Mark Balsiger

Richtig wählen am Sonntag

Was für ein Wechsel: Noch vor drei Stunden sass ich am Vierwaldstättersee an der Sonne, herrlich entspannt und mit einem üppigen Brunch auf dem Tisch. Inzwischen bin ich in der Fernsehfabrik Leutschenbach eingetroffen. Hunderte von Menschen wuseln hier herum, Medienschaffende, Politisierende, Kameramänner, Generalsekretäre, Make-up-Artists und Security-Leute. Letztere wuseln nicht, sondern gucken seriös und in die Taschen.

Nie zuvor waren mehr Medienschaffende und Techniker an einem Wahltag im Einsatz; “Entscheidung 11” – diese Kiste ist gigantisch. Die nächsten Stunden schaue ich mir dieses Spektakel hinter den Kulissen an, bloggen werde ich wohl kaum.


Ein paar Links und Tipps:

– Wer auf Twitter ist, kann sich mit dem Hashtag #ew11 (oder #ew2011) informieren. Mein Profil finden Sie hier.

– Wer schnell das Wichtigste online erfahren möchte, dürfte auf dem Online-Portal von SRF – “Entscheidung 11” – schnell einen Überblick gewinnen.

– Wer jetzt lieber durch das Herbstlaub spaziert und keine Endlos-Schlaufen hören und vor allem sehen möchte, empfehle ich die DRS3-Sendung “Input”, am Abend von 20 bis 21 Uhr. Zu Gast ist Politikwissenschaftler Lukas Golder. Seit vielen Jahren strecken wir beide die Köpfe regelmässig zusammen. Ich kenne in der deutschen Schweiz niemanden, der die Politik so anschaulich und verständlich erklären kann wie er. Mit ihm kann man in einer Stunde die grossen Linien und Ereignisse erfahren.

– Wer eine Overdose erwischt hat oder nur schnell etwas ganz anderes, das dennoch nahe am Thema klebt, sehen möchte, empfehle ich Mani Matter:

http://www.youtube.com/watch?v=IFs87YwAXJQ&feature=youtu.b

Richtig wählen ist in der Schweiz eine Herausforderung. Das gilt nun auch für die Wahl bzw. das Zusammenstellen des Medienmenüs.

 

Mark Balsiger

Materialschlachten statt Debatten

Der Wahlkampf sei „stinklangweilig“, befand „Weltwoche“-Chef Roger Köppel unlängst. Die Speerspitze der Schweizer Publizistik kam mehrheitlich zum selben Schluss und einigte sich auf das Adjektiv „fad“. Ein unvollständiger und kritischer Rückblick auf den Wahlkampf 2011, der bereits am 12. Dezember 2007 begonnen hatte.

In den letzten vier Wochen tobte eine Materialschlacht, wie wir sie in einem Wahljahr noch nie erlebt hatten. Plakatschlachten, Inserateschlachten, Leserbriefschlachten, vollgestopfte Briefkästen, E-Mails à gogo, zugemüllte Timelines auf Facebook und Twitter. Und viele, viele Ausrufezeichen.

Was ist davon haften geblieben? Was hat zur Meinungsbildung, zur Mobilisierung und schliesslich zum Wahlentscheid für Partei X oder Kandidat Y geführt?

Die handwerkliche Qualität der Werbemittel, Medien und Give-Aways liess in vielen Fällen zu wünschen übrig, teilweise war sie schlicht peinlich. Da wurden Millionen verpulvert, ohne auch nur die geringste Wirkung erzielt zu haben.

Die Rekordzahl von Kandidaturen (rund 3500) und Listen (mehr als 300) führte zu einer weiteren Verwässerung des Wahlkampfes. Nicht einmal die grossen Themen wurden vertieft diskutiert, es ist eine zunehmende Entpolitisierung festzustellen, die Berichterstattung verzottelt, Analysen und Einordnungen kriegen weniger Platz.

Die nationalen Parteien machten grundsätzlich einen guten Job. In den Generalsekretariaten ist viel Know-how vorhanden, so früh wie noch nie begannen sie mit den Vorbereitungen. Aber mit 12 bis 20 Vollzeitstellen sind ihre Möglichkeiten stark limitiert. Der Verlust bei der Weitervermittlung auf die Ebenen der Kantonal- und Ortsparteien und Kandidierenden war gross. Der Föderalismus, das Milizprinzip und die bescheidenen Ressourcen verunmöglichen stringente und druckvolle Kampagnen.

Erstmals wurde augenfällig, dass die Basis der etablierten Parteien erodiert. Sie haben in den letzten 15 Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel ihrer Mitglieder verloren. An allen Ecken und Enden fehlen die Leute, die Flugblätter verteilen, Unterschriften sammeln, Geld spenden und ihr eigenes Umfeld mobilisieren.

Plusminus einen Prozentpunkt hier, Plusminus zwei Sitze dort – darum geht es am 23. Oktober. Wirklich wichtig ist das nicht. Es geht definitiv nicht um Richtungswahlen, wie uns das einige Akteure immer wieder suggerierten. Der Wahlausgang am Sonntag ändert kaum etwas und wirkliche Kämpfernaturen sind wir Schweizerinnen und Schweizer in den Jahrzehnten des zunehmenden Wohlstands auch nicht geworden.

Die Agenda des Wahljahres 2011 wurde von zwei eigentlichen Mega-Ereignissen geprägt: Zuerst vom Super-Gau in Japan, später von der Dollar- und Euroschwäche, die mit ihren direkten Auswirkungen über Jahren hinweg ein dominierendes Problem bleiben werden. Fukushima und die Frankenstärke haben die Strategien und Wahlkampagnen der Schweizer Parteien über Nacht davongeschwemmt. Welle um Welle rollte mit brachialer Kraft heran, so dass die Reaktionen mit Sandsäcken und Rettungsbootli hilflos wirkten.

Der Wahlkampf 2011 hat bereits am 12. Dezember 2007 begonnen, am Tag als Eveline Widmer-Schlumpf anstelle von Christoph Blocher in den Bundesrat gewählt wurde – eine Landmarke in der Schweizer Politik. Mit der Abwahl ihrer messianisch verehrten Leaderfigur radikalisierte sich die SVP weiter, was im Sommer 2008 zur Gründung der BDP führte. Diese Konstellation legte die Basis für den permanenten Wahlkampf, mit dem sich die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer schwer tut.

Der permanente Wahlkampf hat zur Folge, dass die nationalen Parteien ausgepowert sind, sie konnten in den letzten Monaten nicht mehr nachlegen. Diesen Part übernahmen die Onlinemedien, die in den letzten Jahren kräftig an Reichweite zulegten und in hoher Kadenz fast jeden Winkelzug und jede Aktion aufgreifen. Die Instant-Berichterstattung über den Wahlkampf ist deutlich gestiegen.

Mark Balsiger

Fotos:
– Schafherde: die deutschen bauern
– SVP-1.-August-Werbung: Mark Balsiger
– SP-Hund: via Facebook/Evi Allemann
– Wahlmaterial: keystone