Bezahlte Online-Kommentare: Medien tolerieren “Dialogkultur”, die ihnen schadet

Eine hässliche Blüte, die der Abstimmungskampf um die Abzocker-Initiative getrieben hat: Studenten schreiben im Stundenlohn und unter falschen Namen Online-Kommentare. “Pfui!” erschallt es vielstimmig in Social-Media-Kanälen. Mit Recht. Bewegen müssten sich allerdings die grossen Medienhäuser, die auf ihren Online-Portalen eine “Dialogkultur” heranwachsen liessen, die ihnen selber schadet.

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Wenn es bei Abstimmungen
hart auf hart geht, werden bei einzelnen Akteuren ethische Codices zu Makulatur. Eine Zürcher Werbeagentur verschob die Grenzen und heuerte Anfang Dezember ein paar Studenten an. Mit Textbausteinen ausgerüstet, füllten sie auf Online-Portalen die Kommentarspalten. Systematisch und mit falschen Namen schrieben sie gegen die Abzocker-InitIative an und manipulierten so die öffentliche Meinung. Wer die Instruktionen liest, die der “Tages-Anzeiger” in seiner heutigen Ausgabe publik macht, wähnt sich im falschen Film.

Es ist kein Problem, auf den grossen Online-Portalen mit einem Pseudonym oder mit einem falschen Namen mitzudebattieren; teilweise werden nicht einmal die hinterlegten E-Mail-Adressen verifiziert. Das Angebot ist bewusst niederschwellig, lautet doch die Devise bei den Medienhäusern: Je mehr Kommentare, desto besser. Sie wollen die User emotional an ihre Online-Portale binden, Communitys auf- und ausbauen. Das Rennen um Visits und Klicks geht weiter.

Exemplarisch der Aufruf zum Kommentieren von Blick online:

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Es liegt auf der Hand:
Wer online mit einem Pseudonym oder einem falschen Namen debattiert, kann kräftig und dumpf austeilen, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Das ist für ein paar Hundert Leute in diesem Land offensichtlich ein Freipass: Sie lassen Dampf ab, pöbeln und diffamieren. Wer sich einmal durch ein paar Dutzend Kommentare zu einem kontroversen Thema gelesen hat, kennt diese “Dialogkultur”. Sie konnte sich etablieren, weil die Betreiber zu viele Beiträge auf lamentablem Niveau freischalten.

Das es anders geht, zeigte das Wahlbistro, das ich 2008 lanciert hatte und 2010 aus zeitlichen Gründen leider wieder einstellen musste. Dort war die anonyme Teilnahme nicht möglich. Wer mitdebattieren wollte, musste nach der Registrierung zuerst von den Betreibern telefonisch verifiziert werden. Diese Massnahme wirkte sich positiv auf die Qualität der Kommentare aus, alle Teilnehmenden konnten nur mit ihren echten Vor- und Nachnamen Kommentare veröffentlichen.

Wenn die Medienhäuser ihre teilweise noch starken Marken nicht irreparabel schädigen wollen, sollten sie nun endlich Gegensteuer geben. Wer 15 Prozent Marge erzielt, kann es sich leisten, den Online-Kommentaren die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.

Dasselbe sollten sich die engagierten Leute der Diskussions-Plattformen Vimentis und Politnetz zu Herzen nehmen. Ich schaffte es vor ein paar Stunden auch dort problemlos, mit einem Fake-Konto (“Hans aus Bern”) Kommentare zu publizieren.

Screenshot aus “Politnetz”:

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Ich bin gespannt
, wie sich der Branchenverband der führenden Werbe- und Kommunikationsagenturen (bsw) und, so sie angerufen werden, die Schweizerische Lauterkeitskommission und der Schweizer Presserat zu diesem Fall äussern.

Weitere Beiträge zum Thema:

– Vimentis: Gegner der Abzocker-Initiative kaufen Leser-Kommentare (Thomas Minder)
Der identische Text erschien übrigens auch auf Politnetz. Dort aber wird Claudio Kuster als Autor genannt. Er ist die rechte Hand von Ständerat Minder.

– Arlesheim-Reloaded: Wissen Journis nicht, wie der Hase läuft?

– Cash: Gekaufte Studenten schreiben auf Newssites gegen Abzocker-Initiative
(Mit Updates der sda)

– Jacqueline Badrans Blog: Dauerbrenner Kommentare – ein Lösungsvorschlag

– Tages-Anzeiger/Bund: Polit-Werber auf Abwegen (31. Dez.; Iwan Städler)

– Medienwoche: Kommentare kaufen ist nicht Guerilla-PR (10. Jan. 2013; Daniel Jörg)


Foto: adi

 

 

 

Impressionen aus dem Berner Rathaus

Wahltage sind Grosskampftage. Das gilt insbesondere für Medienschaffende, Kameramänner und Techniker. Gestern dürften bei den Berner Gemeindewahlen gut und gerne Hundert von ihnen im Einsatz gewesen sein. Die meisten von ihnen im Rathaus, andere unterwegs oder in den Studios und Redaktionen.

Der Arbeitstag begann für die meisten Medienschaffenden um die Mittagszeit und endete nach Mitternacht. Die Auszählung der Stadtratsergebnisse verzögerte sich bis um 00.45 Uhr. Die Atmosphäre mögen sie fast alle, man ist direkt am Puls, spürt die Energie, der Live-Kick kommt dazu.

Wir zeigen auf dieser kleinen Fotostrecke nicht die Politisierenden, sondern für einmal die Protagonistinnen und Protagonisten hinter den Mikrofonen, Linsen und Reglern.


Brigitte Mader vom Regionaljournal Bern/Fribourg/Wallis von Radio DRS.

Roger Spindler interviewt Claude Longchamp (links).

Die Tolle links gehört zu Matthias Mast von “TeleBärn”.

Das Manuskript für die Live-Schaltung im Feinschliff: Diese Hände gehören SF-Fernsehfrau Sabine Gorgé.

 

Fotos: Mark Balsiger

 

Wer Ausgrenzung anprangert, sollte selber keine Ausgrenzung betreiben

In den letzten Jahren haben sich die Juso gelegentlich die Freiheit herausgenommen, in ihren Kampagnen auf den Mann – oder die Frau – zu spielen. Einmal wurde Bundesrätin Doris Leuthard wegen der Kriegsmaterial-Initiative mit blutigen Händen abgebildet, ein anderes Mal die Ospels, Grübels und Vasellas als halbnackte Abzocker. Das waren Provokationen, die zu 24-Stunden-Aufreger wurden, mehr nicht.

Eine neue Stufe erreicht die Kampagne für eine faire und menschenwürdige Asylpolitik, die Amnesty International und diverse andere NGO eben lancierten. In einem Videoclip werden die SVP-Mannen Christoph Blocher und Ueli Maurer als Asylbewerber dargestellt, die aus purer Not ihr Maskottchen aus besseren Zeiten, den Geissbock Zottel, in den Kochtopf stecken:

Mit dieser Kampagne spielen etablierte NGO, die eine wichtige Funktion in der Gesellschaft wahrnehmen, zum ersten Mal hart auf den Mann. Sie stellen eigentliche Hassfiguren der Schweizer Politik ins Zentrum ihrer Kritik. Damit betreiben sie Ausgrenzung, obwohl sie selber Ausgrenzung anprangern. Ob diese Haudrauf-Satire ausserhalb dem eigenen Kreis Applaus und Denkprozesse auslöst, ist offen.

Ich gehe davon aus, dass in den nächsten Tagen das Referendum gegen das letzte Woche verschärfte Asylgesetz ergriffen wird. Die Abstimmung dafür fände vermutlich im Herbst 2013 statt. In derselben Phase dürfte die Unterschriftensammlung der SVP für ihre neue Asylinitiative beginnen. Und damit bleibt das Thema bis ins eidgenössische Wahljahr 2015 am Kochen. Wer davon profitiert, ist klar.

Die Verelendung der Flüchtlinge, wie sie Christof Moser in seiner Analyse ortet, nimmt ihren Lauf. Seit mehr als dreissig Jahren.

 

Christoph Mörgeli: Die Luft ist dünn, die Kommunikationsleistung der Uni dürftig

Der Berner Schriftsteller Pedro Lenz nahm 2008 mit dem Titel seines Buches vorweg, was Christoph Mörgeli nun widerfährt: “Plötzlech hets di am Füdle.” In diesem Posting geht es allerdings nicht um den scharfzüngigen Nationalrat und Medizinhistoriker, sondern die Kommunikationsleistung der Universität Zürich.

Für den “Sonntag” ist der Fall klar: “Universität entlässt Professor Mörgeli” titelte die Zeitung auf der Frontseite. Die Artikel dazu lesen sich so, wie schon alles klar sei. Eine solche Zuspitzung grenzt an Rufmord, wie der Angeschossene zu Recht monierte. Der Presserat dürfte diesen Fall aufrollen müssen.

Aus meiner Perspektive ist es erstaunlich, wie die Universität Zürich bislang kommunizierte. Seit genau einer Woche ist der Fall Mörgeli in aller Munde, das Interesse der Medien enorm. Auf der Website der Hochschule findet man drei dürre Medienmitteilungen, der Direktor des Medizinhistorischen Instituts Flurin Condrau äusserte sich noch nie öffentlich.

Angesichts der Brisanz ist dieses Vorgehen wenig professionell. Auch wenn die Medienstelle völlig überrollt wird, die interne Kommunikation Vorrang hat und arbeitsrechtlich noch lange nicht alles geklärt ist, hätte eine erste Medienkonferenz spätestens am letzten Donnerstagmorgen stattfinden müssen. Diese hätte den Medienbeauftragten und dem Institut wieder Luft verschafft. Die drängendsten Fragen wären so für den Moment in Ruhe beantwortet worden. Die Verantwortlichen der Uni hätten ausführen können, weshalb gewisse Entscheidungen noch nicht spruchreif sind und wann die nächste Information – Medienmitteilung oder Medienkonferenz – erfolgen wird.

Weitere positive Nebeneffekte:
– Die Medienschaffenden hätten sich bei ihrer Suche nach Information ernst genommen gefühlt.
– Die Uni-Verantwortlichen hätten an Statur gewonnen.
– Es macht einen Unterschied, ob man Journalisten physisch vis-à-vis hat oder nur am Telefon.
– Die Verantwortlichkeiten und Abläufe hätten mit Folien erklärt werden können.

Stattdessen gehen bei der Medienstelle der Uni und beim Medizinhistorischen Institut seit nunmehr sieben Tagen  zahllose Anfragen ein, was kaum mehr ein konzentriertes Arbeiten möglich macht. Die Fakten wurden längst mit Gerüchten, Spekulationen, Thesen und Verunglimpfungen vermengt. Kaum jemand blickt mehr durch, berichtet wird trotzdem. Zum Schaden aller Beteiligten.

Mit stetiger Information hätte die Uni das Heft in der Hand behalten können. Die Kommunikationshoheit zurückzugewinnen ist in der verkachelten Situation und bei dieser Dynamik sehr schwierig.

Nebenbei: Die Universität Zürich ist auch auf Social-Media-Kanälen präsent: Doch weder auf Twitter noch auf Facebook findet man nur eine einzige Zeile zum Fall Mörgeli. Auch hier verpasst die Bildungsstätte eine Chance. Ich kenne Studierende, die sich nur noch via Twitter und Facebook informieren.

In den letzten Jahren wurde meine Agentur regelmässig bei Krisenfällen beigezogen. Dort, wo die Entscheidungswege schnell waren und die Zusammenarbeit klappte, blieben Reputationsschäden mit Ausnahme eines Falles aus. Und das wäre dann der Werbespot gewesen.

Mark Balsiger

 

P.S.  “Tageswoche”-Redaktor Philipp Looser fasst hier die bisherigen Ereignisse mithilfe von “storify” zusammen.

 

Foto Christoph Mörgeli: blick.ch

 

Mit Berset twittert der erste Bundesrat

Vor ein paar Stunden ist die etwa 100’000 Mitglieder starke Twitter-Community in der Schweiz um einen prominenten Politiker gewachsen: Alain Berset. Das ist ein Novum: Vor ihm versuchte sich noch kein Bundesrat auf dem Zwitscherkanal. Seinen ersten Tweet setzte er ab, kurz bevor er in der SF-Sendung “Donschtig-Jass” im Schaffhausischen mitspielte.

Berset machte im Wahljahr 2011 erste zaghafte Versuche auf Twitter, damals noch als Ständerat. Nach 15 Tweets war aber bereits Schluss und sein Profil schlummerte seit dem letzten Oktober vor sich hin – bis gestern Abend.

Weshalb twittert Berset nun als Bundesrat? Glaubt er an die Power, die dieser Kanal entwickeln kann? Steckt eine ausgeklügelte Strategie dahinter? Was will er uns mit 140 Anschlägen vermitteln? Sucht er die Bürgernähe, die sprachliche Herausforderung – oder ist ist es pure Neugierde?

Der EDI-Vorsteher und seine Kommunikationsleute werden heute eine Batterie solcher Fragen zu beantworten haben. Twitter gilt im Gegensatz zu Facebook als hip, in den letzten 18 Monaten sind ein paar Hundert Journalisten dazugestossen, was den Microbloggingdienst popularisierte. Entsprechend ist die Resonanz in den etablierten Medien garantiert.

Noch im März vertrat ich die Meinung, dass Bundesräte nicht auf Twitter setzen sollten, der Arbeitstag sei auch sonst schon lang genug. Als Vizekanzler und Bundesratssprecher André Simonazzi Mitte Juni im Namen der Landesregierung zu twittern begann, war für mich der Fall klar: Das Thema ist abgehakt, die Bundesräte befassen sich nicht aktiv mit diesem Medium, allenfalls sogar ergänzt mit der Entscheidung in corpore, die Social Medias links liegen zu lassen.

Inzwischen hat Simonazzi aber das Kürzest-CV auf seinem Twitter-Konto verändert. Er zwitschert nicht mehr im Namen der Landesregierung, sondern als Bundesratssprecher, assistiert von seinem Team der Bundeskanzlei.  Dass er den ersten Tweet von Berset schon nach wenigen Minuten retweetete, lässt vermuten, dass sich die beiden Romands absprachen.

Viele Politikerinnen und Politiker nutzen Facebook, Twitter & Co. als Einwegkanal. Dabei heisst das Zauberwort: Dialog. Ob sich Berset ab und an darauf einlässt? Tut ers nicht, fällt er in der Community durch.

Unter Exekutivpolitikern hat sich Twitter noch nicht durchgesetzt: Susanne Hochuli (AG) und Guy Morin (BS) sind bislang die einzigen Regierungsräte in der deutschen Schweiz, die diesen Kanal bedienen.

Mark Balsiger

Wie aus dem Lehrbuch – zu Beginn

Dieser Tage sorgt ein Plakat mit einem schwulen CVP-Paar in der halben Schweiz für Aufmerksamkeit. Die Rechnung ist aufgegangen, freuen sich die Zürcher Akteure. Allerdings machten sie auch simple Fehler.

Offen gesagt: Ein solches Sujet hätte ich der CVP des Kantons Zürich nicht zugetraut. Sie verbucht damit einen Überraschungseffekt, die erste Phase der Kampagne rollt an wie im Lehrbuch:

Am Montag hängen die ersten Plakate in der Stadt Zürich, tags darauf greift der “Blick am Abend” die Kampagne auf. Die Medienkonferenz findet am Donnerstag statt. Weil noch hochsommerliche Newsflaute herrscht und der Teaser “schwul” weiterhin wirkt, ist die massenmediale Resonanz gross. Selbst in Basel wird das Thema gross gefahren und ein welsches Gay-Magazin befasst sich ebenfalls damit.

Stadtparteipräsident Markus Hungerbühler (rechts), sein Lebenspartner Dominik Mazur, auch er CVP-Mitglied, und die Kantonalzürcher CVP verpassten es mit ihrer Aktion, die Gunst der Stunde optimal zu nutzen. Inhalte formulierten sie keine. Stattdessen wissen wir nun, dass noch 79 weitere Plakatsujets mit CVP-Köpfen folgen werden – gestaffelt über mehrere Jahre.

Dass Websites bei Parteien und Politiker oft in Vergessenheit geraten, ist bekannt. Der aktuelle Fall der CVP ist exemplarisch: Erst am Freitagabend schaltete die Kantonalpartei einen Medienspiegel auf. Zeitgleich platzierte Hungerbühler ein paar wenige Zeilen auf seiner Website. Die Referate bzw. Informationen der Medienkonferenz sind nicht online verfügbar.

Und jetzt wirds grotesk: Die CVP-Stadtpartei würdigt die enorme Präsenz ihres Präsidenten bislang mit keiner Zeile. Der Surfer wird “herzlich willkommen” geheissen. Prominent in der Mitte der Website ist die “neue Ausgabe” des vierteljährlich erscheinenden Magazins Vitamin CVP zum Herunterladen bereit. Sie stammt vom Dezember 2011.

Auf Facebook hätte die Partei unmittelbar nach der Medienkonferenz eine Diskussion über die Einführung des Adoptionsrechts von schwulen und lesbischen Paaren lancieren können. Damit wäre die nationale Partei herausgefordert gewesen, der Diskurs hätte weitere Aufmerksamkeit und ein schärferes Profil zu Folge gehabt. Nichts dergleichen geschah, die Page der Kantonalpartei verzeichnet gerade einmal 13 Likes und Protagonist Hungerbühler mochte offensichtlich nicht in ein Wespennest stechen.

Dieser Fall zeigt einmal mehr: Das Internet mit seinen Möglichkeiten ist bei den Schweizer Parteien noch nicht richtig angekommen. Es passieren immer wieder die altbekannten Fehler.

Mark Balsiger

Foto/Plakat: zvg/blick

 

Wahlkampfwandern mit der “Land-Amme”

Die Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli gibt den Nik Hartmann. Seit bald zwei Wochen wandert sie zusammen mit ihrem Hund über Stock und Stein. Dabei twittert sie und füttert ihre Facebook-Seite mit Fotos und Anekdoten. Resonanz erzeugt das Wahlkampfwandern allerdings nicht auf den Social-Media-Kanälen, sondern in den etablierten Regionalzeitungen.

Vor Jahresfrist kurvte der damalige FDP-Präsident Fulvio Pelli auf seinem Rennrad durchs Mittelland. Dabei wurde er stets von pedalenden National- und Ständeratskandidaten seiner Partei begleitet. Die fünf Etappen lieferten gute Bilder und Stoff für hochsommerliche Berichte – die Medien stürzten sich dankbar darauf.

Langsamer, aber bedeutend länger ist Susanne Hochuli (Grüne) unterwegs: In 16 Wandertagen will die Aargauer Regierungsrätin über 300 Kilometer zurücklegen. Sie nennt es “Grenzwanderung”, und tatsächlich führte ihre Route bislang mehr oder weniger der Kantonsgrenze entlang. Die präzisen Etappen sind nicht bekannt, Hochuli ist alleine unterwegs, nur von ihrem Hund “Mira” begleitet. Was sie braucht, trägt sie in einem Rucksack mit, übernachtet wird bei Freunden, Bauern oder auch mal in einem Gasthof.

Wandern ist kontemplativ – für Hochuli, die am 21. Oktober wiedergewählt werden will, allerdings auch Wahlkampf. Von unterwegs twittert sie, macht Fotos, notiert ihre Erlebnisse und veröffentlicht alles auf ihrer Facebook-Page. Auch die Website ist ganz auf die Grenzwanderung der Frau Landammann, die sich inzwischen zur “Land-Amme” emanzipierte, ausgerichtet. So weit, so gut. Die Defizite werden erst bei einer genaueren Betrachtung sichtbar.

Die Aktualisierungen auf Hochulis Facebook-Page haben bislang gerade einmal 90 Personen abonniert (“Likes”), ein Dialog findet nicht statt. Das Kampagnenteam der Regierungsrätin lancierte diesen Kanal viel zu spät. Andere bekannte Politisierende haben ihre Facebook-Präsenz jahrelang systematisch aufgebaut und inzwischen mehrere Tausend “Freunde” oder “Likers”. Das ist eine Hausmacht, damit lassen sich potenziell neue Wählerinnen und Wähler binden.

Das Twittern entdeckte Hochuli im letzten Frühling. Die knappe Form entspricht ihr offensichtlich, ihre Tweets sind eine Mischung aus Information, Witz und Persönlichem. Schon nach wenigen Wochen heimste sie dafür ein Lob von der NZZ ein.

Exemplarisch ein paar Tweets der vergangenen Woche, als sie der Reuss entlang Richtung Norden wanderte:

Diese knappe Anekdote provozierte natürlich schnell eine Antwort:

Fast 600 Personen (die sog. “Follower”) haben die Tweets der Aargauer Regierungsrätin abonniert. Intuitiv scheint sie dieses Medium zu beherrschen. Es ist deshalb jammerschade, dass sie ihre Beobachtungen und Erlebnisse auf der Wanderung nicht regelmässiger über Twitter verbreitet; manchmal zwitschert sie tagelang überhaupt nicht.

So wenig Hochuli das Potenzial von Twitter und Facebook ausschöpft, so ergiebig ist die Berichterstattung in der etablierten Regionalpresse. Die Medienschaffenden stürzen sich in der Sauregurkenzeit geradezu auf die wandernde Politikerin. Die “Aargauer Zeitung” räumte ihr in den Splitausgaben im Freiamt und im Fricktal viel Platz ein, ebenso wie die “Neue Luzerner Zeitung” (die im Aargauer Freiamt ebenfalls verbreitet ist), “Die Botschaft” (Region Zurzach) und die “Neue Fricktaler Zeitung”. (Die Berichte der letztgenannten Medien sind online nicht verfügbar.)

Viel Unterstützung wird Hochuli von einer Organisation zuteil, die ihr eigentlich nicht grün ist: Gastro Aargau. Der Arbeitgeberverband für Hotellerie und Restauration initiierte im letzten Jahr den Stammtisch für den Aargauer Landammann. Dieser besucht im Verlauf seines Amtsjahres alle elf Bezirke des Kantons und nimmt jeweils für einen Abend in einer Beiz Platz. Für die Organisation und Bewerbung der Anlässe ist Gastro Aargau zuständig. Susanne Hochuli, die einen unkomplizierten Umgang mit den Leuten pflegt, profitiert von dieser Serie. Allein während ihrer Grenzwanderung finden drei Stammtische statt.

Ihre Konkurrenten machen Ferien oder beissen Akten, Susanne Hochuli generiert derweil mit ihrem Wahlkampfwandern viel Aufmerksamkeit. Dank den etablierten Regionalzeitungen. Der grosse Social-Media-Boost ist ihr nicht gelungen. Aber womöglich war das ja auch gar kein Ziel.

Mark Balsiger

– Fotos: Facebook-Page von Susanne Hochuli


Charles von Graffenried war der erste “Bund”-Retter

Charles von Graffenried (Foto) erinnerte mich seit Langem an Mick Jagger, der heute sein 50-Jahre-Bühnenjubiläum mit den “Rolling Stones” feiert: Beide sind clevere Unternehmer, beide sind Urgesteine. Sie waren schon immer da, markant, erfolgreich, unabhängig, irgendwie unsterblich.

In der Nacht auf Dienstag ist das Licht des kantigen Berners, Medienzars, Privatbankier und grösster Immobilienbesitzer des Kantons in einem, knapp 87-jährig, erloschen. “Ein Grosser hat die helvetische Bühne verlassen”, resümierte Urs Gossweiler, der ewig jung-wilde Verleger aus dem Berner Oberland, von Graffenrieds Tod.

Im Gegensatz zu Jagger brauchte von Graffenried das Rampenlicht und die Zuneigung der Öffentlichkeit nicht. Nie erlag er den Verlockungen des Genusses und des vielen Geldes, das sich in seinen Händen stetig vermehrte. Das Leben des Protestanten bestand aus arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten. Einmal im Jahr lud er zum Apéro im 5-Sterne-Hotel “Bellevue” zum Frühlingsapéro, daneben sah man ihn kaum an geselligen Anlässen.

Ich erinnere mich an die wenigen persönlichen Begegnungen mit Charles von Graffenried. Sie fanden allesamt in seinem Sitzungszimmer an der Zeughausgasse statt. Es ging um die Traditionszeitung “Der Bund”. Die Rotstiftgauchos des Zürcher Tamedia-Konzerns, der 2007 von Graffenrieds Espace Media Groupe zu einem viel zu hohen Preis übernommen hatte, rechneten knallhart und mit preussischer Rücksichtslosigkeit. Aus Kostengründen stellten sie am 1. Dezember 2008 die Fusion von “Bund” und “Berner Zeitung” als mögliche Option vor.

Ich war perplex: Kurzerhand sagte ich meinen dreiwöchigen Mexiko-Urlaub ab und bündelte den Widerstand gegen die Fusion – das Komitee “Rettet den Bund” war geboren. An diese Phase der Rettungsaktion erinnere ich mich gerne: Die Reaktionen von “Bund”-Leserinnen und -Lesern – telefonisch, per Mail oder postalisch – gaben mir viel Energie und Mumm. Selbst an den Weihnachts- und Neujahrstagen kamen wir kaum aus dem Büro.

Doch zurück zum Sitzungszimmer der von Graffenried-Gruppe. Am Tisch sassen wir uns vis-à-vis: Auf der einen Seite die Ständeräte Simonetta Sommaruga und Werner Luginbühl, Nationalrat Alec von Graffenried, Grossrat Christoph Stalder und ich. Auf der anderen Seite Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino, CEO Martin Kall, Christoph Zimmer, der Leiter Unternehmenskommunikation bei Tamedia, sowie die beiden Chefredaktoren Artur Vogel (“Bund”) und Michael Hug (“Berner Zeitung”).

Am Kopf des langen Tisches sass jeweils Charles von Graffenried. Er war stets höflich, hörte gut zu, seinen Augen entging nicht die kleinste Regung im Raum. Beim ersten Gespräch geriet seine Einführung ziemlich lange, was atypisch war für ihn. Er rollte die letzten Dekaden Berner Mediengeschichte auf, mehr an seine Zürcher Kollegen gerichtet, wie mir schien. Dabei wurde spürbar, dass von Graffenried am “Bund” hing.

Von Graffenried übernahm im Jahr 2003 die operative Führung des “Bund” von der NZZ und ein grosses Aktienpaket. Das war ein mutiger Schritt, ohne ihn wäre die damals defizitäre Tageszeitung womöglich eingestellt worden. Für dieses Engagement gebührt ihm aufrichtiger Dank, er war der erste “Bund”-Retter.

Eine seiner Aussagen verwendeten wir auch 2008/2009 für den Kampf gegen das drohende Aus:

“Ich kann mir Bern ohne ‘Bund’ gar nicht vorstellen.”
(Samstagsinterview “Der Bund”, 31. Juli 2003)


Weitere Texte über Charles von Graffenried:

Sir Charles machte stets das Beste daraus (NZZ, Peter Ziegler, 11.07.2012)
Zu wenig Herz vermutlich (NZZ, Margrit Sprecher, 28.03.2010)
Leben in grossen Räumen (Klartext, Klaus Bonanomi, 10.07.2007)

Foto Charles von Graffenried: keystone

Berner Barden schrummen für Stapi Alexander Tschäppät

Heute kann Alexander “Tschäppu” Tschäppät seinen 60. Geburtstag feiern. Er tut das nach eigenen Angaben mit “Frau, Hund und Kindern”. Der “Bund” widmet Berns Stadtpräsident einen gelungenen Text, der kritisch, aber fair die verschiedenen Facetten des Politikers und MenschenTschäppät beleuchtet.

Das populäre wie polarisierende  Stadtoberhaupt kriegt zu seinem runden Wiegenfest auch einen Song geschenkt; seit ein paar Stunden gurkt er auf Youtube herum. Er heisst: “Hey Alex, s’isch kenne so guet wie du.” (Wer mit dem Berndeutschen Idiom Mühe haben sollte: “Keiner ist so gut wie du.”)

Das Oeuvre  dauert 3 Minuten 40, es ist zugleich Ironie und eine Abrechnung mit Tschäppät. Musikalisch ist es so bescheiden wie die Lieder von DJ BoBo, ohne deren nervtötende Textrepetitionen. Es ist klar besser als vieles, was unter den Berner Lauben und an Lagerfeuern von enthusiastischen Pfadfindern gegeben wird, dürfte aber trotzdem nicht mit einer Einladung auf eine Nebenbühne des Gurten-Festivals belohnt werden. Für den Eurovision Song Contest würde das Niveau reichen, allerdings stimmt dafür das Timing nicht.

Geschrieben, gesungen, getrümmelet und geschrummt haben diesen Song zwei Barden und Lokalpolitiker, die im Berner Stadtparlament mitmischen. Da wäre zum einen Simon “Berner Qualität seit 1975” Glauser (svp), dem bis vor wenigen Jahren selber Ambitionen auf einen Sitz in der Stadtregierung nachgesagt wurden. Doch so richtig durchstarten wollte die politische Karriere des Freundes schneller Autos nicht.

Der zweite des Duos “SäuberTschuld” ist Martin “Tinu” Schneider (bpd). Vor vier Jahren kandidierte er für die Exekutive. Er holte 606 Stimmen. Tschäppät erreichte damals 14’432 Stimmen.

Ob Song und Videoclip der Auftakt zu einer Demontage des amtierenden Stadtpräsidenten sind, ist nicht bekannt. Bis dato kandidiert nur Tschäppät für dieses Amt. Neben – oder wegen! – ihm scheint sich niemand zu getrauen.

Womöglich kontert Tschäppu mit einem Remake des kultigen FDP-Reinach-BL-Clips “Gäll, du wählsch mi? Gäll, du willsch mi?” – und hat damit einmal mehr die Lacher auf seiner Seite.

Volksinitiativen dienen heute oft als Wahlkampfvehikel

In der Nachspielzeit hat es die FDP vielleicht doch noch geschafft: Sie konnte nach eigenen Angaben vor wenigen Minuten 100’650 beglaubigte Unterschriften für ihre Bürokratie-Initiative einreichen. Dass sie bis zum allerletzten Tag und über die offiziellen Arbeitszeiten des Bundeskanzlei hinaus dafür arbeiten und zählen musste, wird morgen nochmals für viel Spott sorgen.

Das direktdemokratische Instrument ist so populär wie noch nie zuvor in seiner rund 120-jährigen Geschichte. Für mehr als 25 verschiedene eidgenössische Volksinitiativen werden derzeit Stimmen gesammelt. Mehr als 20 weitere sind hängig, d.h. sie wurden eingereicht, harren aber noch der Behandlung durch Bundesrat, Parlament und Volk. Da hat sich ein grosser Stau ergeben.

Die vielen Initiativen lassen auf den ersten Blick die Vermutung zu, die direkte Demokratie sei sehr lebendig. Das entpuppt sich beim genauen Hinsehen nur als Teil der Wahrheit. Der Charakter der Volksinitiative hat sich in den letzten Jahren verändert. Es geht längst nicht immer darum, Innovationen oder Veränderungsvorschläge zu lancieren. Volksinitiativen dienen heute vielfach als Instrumente des politischen Marketings. Sie werden strategisch auf vier Jahre hinaus geplant, die wichtigste Phase der Unterschriftensammlung liegt oft in einem eidgenössischen Wahljahr.

Damit sind die Parteimitglieder aufgefordert, auf die Strasse zu gehen und Unterschriften zu sammeln. (Ein grober Erfahrungswert zeigt, dass zwei Drittel aller Unterschriften auf der Strasse gesammelt werden müssen. Das Verschicken und Beilegen von Unterschriftenbogen ist weit weniger einträglich.) Das mobilisiert und sorgt für viele, wenn auch flüchtige Kontakte mit dem Volk. Volksinitiativen werden von Parteistrategen deshalb auch als Wahlkampfvehikel betrachtet. Bei der Ausschaffungsinitiative der SVP traf dies zweifellos zu, beim Bürokratiestopp des Freisinns nicht.

Volksinitiativen generieren Medienpräsenz, Spenden und zuweilen auch neue Mitglieder. Sie sind im Weiteren eine Möglichkeit zur Profilierung; wer “initiativfähig” ist, wird wahrgenommen. All das macht sie für politische Akteure zu einem wertvollen Instrument. Dass die Stossrichtung der Initiativen nicht mehr zentral ist, zeigten in jüngster Zeit die Anti-Minarett-Initiative oder das heute eingereichte Bürokratie-Stopp-Anliegen der FDP.

Als die Volksinitiative 1891 eingeführt wurde, lag die Hürde bei 50’000 Unterschriften. Das entsprach damals 7,5 Prozent der Stimmbevölkerung. Heute sind für eine gültige Initiative 100’000 Unterschriften nötig, was noch knapp 2 Prozent der Stimmberechtigen entspricht. (2011 gab es gem. BfS 5,09 Millionen Stimmberechtigte in unserem Land.) Aufgrund dieser Entwicklung wäre es an der Zeit, an eine Erhöhung der Unterschriftenzahl zu denken. Die Flut an Initiativen strapaziert Volk, Parlament und Verwaltung, das politische System steht unter Dauerstress.

Mark Balsiger

Nachtrag vom Freitag, 13. April 2012:

Blogger-Kollege Ruben Schönenberger fokussiert auf der Zitterpartie, die bei der FDP weitergeht. Er berechnete, dass bei den letzten zehn Initiativen im Durchschnitt 0.67 Prozent der eingereichten Unterschriften ungültig waren. Trifft das auch bei der Bürokratie-Initiative zu, erreicht sie die 100’000er-Hürde ganz knapp nicht.

 

Foto FDP-Unterschriftensammlung: key