“Journal B”: Eine Berner Medienstimme verstummt, bevor sie gehört werden konnte

Neun Monate nach dem Start wird dem Onlinemagazin «Journal B» der Stecker gezogen. Es seien nicht genügend Leute bereit, “jährlich 250 Franken für ein unabhängiges Medium im Raum Bern zu bezahlen“, heisst es in einer Medienmitteilung des Trägervereins. Die fünf Redaktionsmitglieder, die sich 350 Stellenprozente teilen, werden entlassen. Das frühe Aus kommt auf den ersten Blick überraschend. Schlaglicht auf zwei Fakten und zwei Irrtümer.

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VON MARK BALSIGER

Das “Niveau von «Bund» und «Berner Zeitung» ist gesunken”, kritisierte der frisch formierte Trägerverein des «Journal B» vor Jahresfrist. Ende September schob er sein Onlinemedium ins Netz. Der Claim war selbstbewusst und machte Hoffnung: “Sagt, was Bern bewegt.” Die Finanzierung schien solid zu sein: “Der Betrieb von «Journal B» ist vorerst bis Ende 2014 gesichert”, sagte Chefredaktor Beat Kohler im September letzten Jahres.

Fakt Nummer 1 ist, dass Medien mindestens drei bis vier Jahre brauchen, um den Break-Even zu erreichen.

Finanziert wird das jüngste Berner Medienkind von der «Stiftung für Medienvielfalt» aus Basel, die auch die «TagesWoche» unterstützt, der Ursula-Wirz-Stiftung (Maschinenfabrik Wifag, Bern) sowie von Vereinsmitgliedern. Ziel war es, 1500 Personen zu gewinnen, die jährlich 250 Franken bezahlen sollten. Wie sich schon bald zeigte, war dieses Ziel sehr ambitioniert, um nicht zu sagen: unrealistisch. Anfang Mai zählte der Verein gerade einmal 200 Mitglieder.

Die Medien auf dem Platz Bern zu kritisieren ist das eine, aus dem eigenen Portemonnaie 250 Franken einzuschiessen das andere. Die Bereitschaft für ein finanzielles Commitment wurde komplett überschätzt – Irrtum Nummer 1.

Die Namen in Vorstand, Verein und Redaktionsbeirat lesen sich wie ein Who is Who der Kulturszene und des links-grünen Politkuchens. Noch bevor «Journal B» überhaupt online ging, hatte es schon einen Stempel erhalten. “Aha, das wird das Sprachrohr von Rot-Grün!”, vermutete man in anderen Kreisen. Und deshalb blieb die Breitenwirkung aus, die dieses Projekt für den publizistischen und finanziellen Erfolg gebraucht hätte.

Im Kreis der Promotorinnen und Promotoren gab es etliche, die von einem schlagkräftigen linken Medium träumten, von einer «Berner Tagwacht» in Netz war die Rede, mit der man die kommunalen Wahlen mit Links gewinne. Doch es gibt keine Renaissance der Parteipresse – Irrtum Nummer 2.

Die Stadt Bern zählt rund 130’000 Einwohnerinnen und Einwohner; zusammen mit den Nachbargemeinden könnten rund 250’000 Menschen erreicht werden. Diese Grösse ist bescheiden, aber ein ambitioniertes neues Medium hat gleichwohl die Chance, sich einen Platz zu erkämpfen. Will es sich neben den Platzhirschen etablieren, muss es regelmässig Stoffe liefern, die zum Stadtgespräch werden. Es muss eigenständige Ansätze und kluge Analysen bieten. Und es muss aus der Nische heraus zu einer komplementären Stimme werden, die nicht zu überhören ist.

Für aufwändige Recherchen und publizistische Glanzlichter braucht es Journalisten mit Feuer, Erfahrung und einer eleganten Feder, es braucht Journalistinnen, die bereit sind, eine Meile weiter zu gehen als die etablierte Konkurrenz. Jeden Tag aufs Neue.

Fakt Nummer 2 ist, dass es die «Journal-B»-Redaktion nicht schaffte, Geschichten, die man gelesen haben muss, zu realisieren. Die Leidenschaft fehlte.

Wer aus diesen Zeilen Häme lesen sollte, täuscht sich. Ich finde es betrüblich, dass keine weitere Berner Medienstimme erklingt. Es hätte Platz gehabt dafür. Was auch einmal erwähnt werden darf: «Berner Zeitung», «Bund» und das Regionaljournal Bern/Fribourg/Wallis von Radio SRF erbringen gute Leistungen, notabene mit heruntergesparten Redaktionen.

 

Weitere Beiträge zum Thema:

«Journal B» ist gescheitert (Radio SRF, 29. Mai)
«Journal B» gescheitert – Redaktoren erhalten Kündigung
(Berner Zeitung, 29. Mai)
Zu wenig Mitglieder, zu wenig bekannt und zu wenig Geld für einen Sozialplan  (Bund, 30. Mai)


Foto: adi

Die Anarcho-Buben haben die Deutungshoheit, Partygänger den Schaden

VON MARK BALSIGER

In der Nacht auf heute ist es in Bern wieder einmal zu heftigen Zusammenstössen gekommen. Ähnlich wie in früheren Jahren bei Anti-WEF-Demonstrationen, Antifa-Spaziergängen oder beim guerilla-ähnlichen Kampf gegen den SVP-Alpaufzug durch die Innenstadt vom 6. Oktober 2007. Damit die Relationen gewahrt bleiben: Von den rund 10’000 Leuten, die an der “Tanz dich frei 3” teilnahmen, waren etwa 100 gewalttätig. Das entspricht einem Prozent.

Viele Tanzende werden von den Eskalationen kaum etwas wahrgenommen haben. Entweder waren sie schon wieder Zuhause oder nicht bei den “hot spots”, wo es knallte. Bern war in der letzten Nacht nicht im Ausnahmezustand. Bilder zeigen praktisch immer eine verzerrte Wirklichkeit, sie wirken dramatischer. Mit dieser Aussage will ich keine Sympathie mit dem, was passierte, signalisieren. Im Gegenteil.

Die Partygänger, die wie vor Jahresfrist auf den Strassen feierten, wurde von einer Hundertschaft instrumentalisiert. Den allermeisten dürfte das egal sein. Dabei sind sie es, die verloren haben. Ihre Bedürfnisse nach mehr Freiraum und Lokalen, die ihren Bedürfnissen entsprechen, haben nach den jüngsten Ausschreitungen und grossen Sachschäden viel weniger Support. Die 9900 friedlichen Demo-Teilnehmende werden in denselben Topf geworfen wie die 100 militanten Idioten.

Gewonnen haben dafür die Anarchisten, die vermummt und teilweise mit einer enormen Zerstörungswut zu Werke gingen. Zum harten Kern dürften ein paar Dutzend Mitglieder zählen, das Sammelbecken stellt die Revolutionäre Jugend Bern dar. Diese kleine Gruppe hat es also geschafft, nach einem langen Kampf mit etlichen Akteuren die Deutungshoheit über “Tanz dich frei” zu gewinnen. Als Organisatoren legten sie fest, was läuft, im Vorfeld und während der Parade. Mit von der Partie waren auch Krawalltouristen, die immer dann auftauchen, wenn sie aus dem Schutz der Masse agitieren können. Dazu kommen apolitische Trittbrettfahrer, die auch einmal eine Scheibe einschlagen wollten.

Ich lernte einmal durch Zufall ein paar Berner Anarchos kennen. Sie haben noch nie selber Geld verdient, ihre Wäsche macht Mutti, und bei Minustemperaturen bleiben sie lieber zuhause, statt für ihre Überzeugungen auf die Strasse zu gehen. Dass sie am Staat “alles Scheisse” finden, versteht sich von selbst, längst nicht bei allen sind ihre Überzeugungen gefestigt, die Bullen, ja die Bullen, waren sogar “verdammte Scheissbullen”. In der letzten Nacht haben Anarchos und Autonome einen gloriosen Sieg errungen, der ihnen neue Mitglieder bescheren wird.

Hinter dem Sicherheitszaun standen Sanitäter bereit

Die Anarcho-Buben sind dreist genug, heute auf ihrer Facebook-Page zu verkünden: “Bern lebt wieder!” Sicherheitsdirektor Reto Nause habe im Vorfeld eine “Hetzkampagne geführt, die eine bewusste Eskalation beinhaltete”. Die Polizei habe die Ausschreitungen zu verantworten. Die Videos der Kantonspolizei zeigen indessen, wie die Strassenschlachten ihren Anfang nahmen. Dass der Sicherheitszaun vor dem Bundeshaus nicht nur das Gebäude schützte, sondern auch Krankenwagen, Sanitäter und Feuerwehr, blenden die Anarchos aus.

Die Aufarbeitung der gestrigen Nacht dürfte nun “gäng wie gäng” ablaufen: Rücktrittsforderungen (eine liegt schon vor), Strafanzeigen, Leserbriefe bis zum Abwinken, Vorstösse im Stadtrat und auf Bundesebene, eine Sondersitzung der Stadtregierung. Und dabei wird viel Papier produziert.

Ich erkenne, mit Verlaub, nur einen tauglichen Ansatz: Eine Verzeigung, ein paar Tage gemeinnützige Arbeit und 350 Franken Busse sind lächerlich. Strafen müssen schmerzen, und das funktioniert nur über den Geldbeutel. Wenn ein Chaot für seine Zerstörungen 5000, 7000 oder sogar 12’000 Franken bezahlen muss, wird er es sich gut überlegen, ob er bei der nächsten Demonstration wieder zuschlagen will. Hohe Geldstrafen sind die beste Prävention.

Ich plädieren übrigens inzwischen bei allen Verletzungen des Gesetzes für drakonische Geldstrafen.

 Weitere Beiträge:

Grenzenlos naiv, JacoBlök (Blog)
Tanz dich frei, Urslis Nachlese (Blog)
Enttäuschung im Netz nach “Tanz dich frei” (SRF online)
Bildstrecke auf Flickr von Raphael Moser


Kommentare vom Montag, 27. Mai:

Ein trauriger Tag für Bern und seine Jugend (“Bund”, Christoph Lenz)
Masse als Schutz für Krawallmacher (“Berner Zeitung”, Wolf Röcken)
Diktatur der Idioten (“TagesWoche”, Philipp Loser)

Facebook ist nicht verantwortlich für die Krawalle
(Politblog, Simon Koch, 31. Mai)


Foto: key (via nzz.ch)

 

Der Facebook-Flirt von Ueli Maurer

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VON MARK BALSIGER

Im ersten Quartal dieses Jahres gingen in der Schweiz die Nutzerzahlen von Facebook in allen Alterskategorien zurück. Zweifellos der prominenteste Aussteiger ist Ueli Maurer. Gestern Abend um 17 Uhr liess er seine Page vom Netz nehmen. Begonnen hatte er zur Jahreswende. Ziel seines Facebook-Auftritts war es, sich dort direkt und unkompliziert mit den Menschen auszutauschen. Also genau das, was Maurer im realen Leben dank seiner bodenständigen Art gut gelingt.

Rund drei Monate später ist dieses Projekt also bereits wieder beendet. Offizielle Begründung: Die Diskussionen seien zu oberflächlich, Maurer suche in Zukunft stattdessen lieber den direkten Kontakt mit den Leuten. Man kratzt sich etwas irritiert am Kopf. Facebook steht nicht im Ruf, das Forum für kluge Diskurse zu sein, nein, es ist ein virtueller Stammtisch. Dort wird mehrheitlich knapp und direkt kommuniziert, für den Geschmack vieler Leute bringt das selten neue Erkenntnisse.

Das wusste Maurer Kommunikationsstab schon vor dem Start. Und deshalb überzeugt die Begründung für den frühzeitigen Ausstieg nicht. Ehrlicher wäre es gewesen, den wahren Grund zu nennen. Meine Vermutung: Die Bewirtschaftung der Page war zeitlich viel intensiver als budgetiert. Und vielleicht hatte die Strategie noch keinen ausgereiften Stand erreicht.

Ich vergleiche Facebook oft mit einem Marathon: Es braucht eine lange systematische Vorbereitung und realistische Ziele. Hat der Lauf einmal begonnen, ist es sehr wichtig, die Kräfte einzuteilen, um stetig und in einem angemessenen Tempo vorwärtszukommen. Sonst endet der Wettkampf mit einer Zerrung statt einem Glücksgefühl. Es gibt inzwischen auch in der Schweiz viele Firmen, NGO, Institutionen und sogar vereinzelte Politiker, die vorgemacht haben, wie man sich mit einer durchdachten Strategie, Engagement und einem echten Interesse am Austausch mit den Surfern positionieren kann.

Maurers Kommunikationsleute machten ihren Job sicher nicht schlecht. Regelmässig publizierten sie Fotos, die man sonst nicht überall sehen konnte, und kurze Wortbeiträge. Zuweilen überzeugten die Postings nicht gerade mit tiefschürfender Substanz oder sprachlicher Brillanz, und die Bereitschaft zum Dialog war noch unterentwickelt.

Doch wie heisst es so schön: Übung macht den Meister. Und um mit Facebook zum Erfolg zu kommen, braucht es viel Übung und entsprechend auch viel Zeit. Maurer hatte rund 2800 Likes gesammelt. Das ist ansprechend. Seine Bundesratskollegin Eveline Widmer-Schlumpf, die ein Jahr vor ihm mit einer Facebook-Page begann, bringt es nur auf die Hälfte, obwohl sie im Volk populärer ist.

Nach rund drei Monaten wirft man also im VBS die Flinte ins Korn und ruft: “Halt, Übung abgebrochen!” Jetzt, wo der Frühling beginnt, beendet Ueli Maurer seinen Flirt mit Facebook. Schade, man hätte dem Projekt eine längere Laufzeit gewünscht. Bis mindestens zum Ende des Präsidialjahres von Ueli Maurer. Dann wäre ein vertiefte Analyse möglich gewesen. Sie hätte aufzeigen können, was diese Plattform einem Magistraten in der Schweiz bringt.

 

Weiterführend:

– Was ich im Interview mit Radio SRF4 News über Bundesrat Maurers Facebook-Aus sagte:
“Ueli Maurer kritisiert die Facebook-Nutzer” (8:30, Interview: Matthias Heim)

Sehr geehrter Herr Bundespräsident (Posting von Thomas Hutter)

Facebook ist eine Chance für Politiker (Posting von Maurice Velati)

 

Foto Ueli Maurer: news_ch

 

 

 

Einsichten und Zitate, die nachhallen (25) – heute: Endo Anaconda, Berserker

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“In diesem Land ist es einem nicht vergönnt, in Würde zu altern. Es wird verlangt, dass man bis siebzig voll leistungsfähig ist. Würdevoll altern würde heissen, dass die Vorzüge des Alters gefragt sind: Erfahrung, Abgeklärtheit, Altersmilde.”

Endo Anaconda, 57, Sänger und Texter von “Stiller Has”

Quelle: Das Magazin, 6. April 2013

Dieser Tage ist das neue Album von “Stiller Has” herausgekommen. Es heisst “Böses Alter.”

 

Foto Endo Anaconda: zpk_com

 

Die Anderen auf dem Bundesplatz

Berner Berufs- und Personalverbände hatten auf heute Nachmittag zur Demonstration aufgerufen. Und viele strömten herbei: Polizisten, Hebammen, Assistenzärzte, Lehrerinnen und Leute von anderen Berufsgattungen. Das Staatspersonal will mit dieser Manifestation ein Zeichen setzen – gegen den Abbau und für einen garantierten Lohnanstieg.

Die kritische Würdigung dieser Manifestation überlasse ich den Medienschaffenden. Ich beschränke mich hier auf ein paar Schnappschüsse von den Anderen auf dem Bundesplatz: Kinder und Touristen, Kummerbuben und Fotografen. Und symbolische Kompositionen.

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Fotos: Mark Balsiger

Die Zeichensetzer vor dem Durchmarsch

VON MARK BALSIGER

Das Schweizer Volk hat seit 1891 über insgesamt 183 Volksinitiativen abgestimmt. Das erschlagende Ja zur Abzocker-Initiative von gestern bedeutet den 20. Erfolg. Die Quote dieses direktdemokratischen Instruments liegt damit bei 10,9 Prozent. Auffallend ist, dass allein in den letzten 20 Jahren 10 Volksinitativen erfolgreich waren, während die anderen 10 Ja sich auf 102 Jahre verteilt hatten. Da ist fraglos etwas in Bewegung geraten. Die Initianten seien keck geworden, analysiert Blogger-Kollege Claude Longchamp.

Mir ist ein anderer Aspekt ins Auge gestochen: Wenn es um wirtschaftspolitische Anliegen geht, folgt der Souverän praktisch immer den Empfehlungen von Bundesrat, Parlament und Wirtschaftsverbänden. Das hat Tradition in unserem wirtschaftsliberalen Land. Das letzte Ausscheren liegt etwas mehr als 20 Jahre zurück. Damals wurde der EWR nach einer intensiven und beispiellos emotionalen Abstimmung abgelehnt. Es war eine Stellvertreterschlacht, genauso wie bei der Abzocker-Vorlage. Bei den Schlachten von 1992 und 2013 standen die wirtschaftspolitischen Aspekte kaum je im Vordergrund. Es ging damals um Souveränität und ein EU-Trainingslager, in den letzten Wochen um einen Sonnenkönig und das Drehbuch eines Propagandafilms, der nicht gezeigt werden durfte.

Die Wut im Bauch der Schweizerinnen und Schweizer gärte schon seit Jahren. Gestern haben sie Bundesrat, Parlament und Wirtschaftsverbänden gezeigt, wo de Bartli de Most holt. Die Wut entlud sich mit voller Wucht; es ging darum, ein Zeichen zu setzen. Einmal mehr. Wie bei der Verwahrungs-Initiative (2004; extrem gefährliche Sexual- und Gewaltstraftäter), der Unverjährbarkeits-Initiative (2008; pornografische Straftaten an Kindern), der Minarett-Initiative (2009) und der Ausschaffungs-Initiative (2010). Das Zeichensetzen betraf bislang Anliegen der Gesellschafts- und Ausländerpolitik – bis zur Abzocker-Initiative.

Politik und Wirtschaft haben enorm an Glaubwürdigkeit eingebüsst. Glaubwürdigkeit und viel Vertrauen bräuchte es gerade in den nächsten Jahren, weil weitere wirtschaftspolitische Vorlagen in der Pipeline sind: Die 1:12-Initiative der Juso, die im Herbst zur Abstimmung kommt, voraussichtlich 2014 folgen dann die Ecopop-Initiative, die Masseneinwanderungs-Initiative und die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit auf Kroatien. Wenn nicht ein gewaltiger Ruck durch die Reihen der besonnenen Kräfte geht, marschieren die Zeichensetzer durch.

Die Zeichensetzer leben im Val d’Anniviers und im Zürcher Stadtteil 7, sie sind blutjung, im mittleren Alter oder betagt, sie ticken links, rechts oder apolitisch, sie sind gut ausgebildet oder angelernt. Die Zeichensetzerinnen passen in kein gängiges Konfliktmuster, sondern sind eine grosse, bunte und heterogene Masse. Was sie verbindet, sind negative Emotionen: Wut, Neid, Angst, Zynismus, Frustrationen. Sie haben die Power, jedes Jahr eine oder zwei Abstimmungen zu gewinnen.

 

Symbolbild: salzburg.com

 

 

 

Journal B vermag seine eigenen Ansprüche noch nicht einzulösen

Die Menschen hinter den News sollen im Journal B im Vordergrund stehen. Ziel dieser Online-Zeitung ist es, eine einordnende Berichterstattung zu ermöglichen und Geschichten zu erzählen, die neue Blickwinkel auf das alltägliche Geschehen der Region Bern eröffnen. Eine Bilanz nach fünf Monaten.

Bild Journal B

GAST-BEITRAG von Sharon Sue Siegenthaler*

Das Journal B setzt gemäss eigenen Angaben auf einen modernen und übersichtlichen Auftritt. Der Aufbau mit der Frontseite in grauer Farbe und den drei Ressorts „Alltag“ in grüner Farbe, „Politik“ in blauer Farbe und „Kultur“ in roter Farbe wirkt gut strukturiert. Die unterschiedlichen Farben ermöglichen eine Zuteilung der Artikel zu den jeweiligen Ressorts, womit das Online-Magazin übersichtlich aufgebaut und benutzerfreundlich ist. Das Journal B bietet zudem einen Blog an, in violetter Farbe, sowie verschiedene Dossiers in gelber Farbe. Der chronologische Aufbau ist logisch und intuitiv.

Das Design ist tatsächlich modern und innovativ, für meinen Geschmack aber etwas gewöhnungsbedürftig. Schade, dass es auf der Frontseite nur wenige und zu kleine Bilder gibt. Fotos, Illustrationen, Grafiken und Tabellen unterstützen die Informationsvermittlung. Hier besteht Verbesserungspotenzial.

Täglich werden neue Artikel veröffentlicht, meist sind es zwischen drei und vier. Das ist positiv. Leserinnen können Themenvorschläge und Ideen einbringen, womit Raum geschaffen wird für Dialoge und Diskussionen. Das Journal B beansprucht nicht, tagesaktuelle Informationen zu liefern. Wenn aber schon nicht die Breaking-News im Vordergrund stehen, sollten die Artikel ausführlicher sein als in den beiden grossen Berner Tageszeitungen. Positiv sind Geschichten, die weder in „Bund“ noch „BZ“ zu finden sind, wie beispielsweise der Text über das Herzogstrassenfest. Allerdings dürfte das Thema nicht auf überdurchschnittliches Interesse stossen, da das Strassenfest nur ein Quartier in der Stadt Bern betrifft.

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Inhaltlich besteht ebenfalls noch Verbesserungspotenzial. Das Organisationskomitee des Fests wird mehrmals zitiert, aber nicht die einzelnen Mitglieder. Wo bleiben die Menschen hinter den News? Das Ziel, Protagonisten zu Wort kommen zu lassen, wird verfehlt. Ein Interview und mehr Hintergrundinformationen wären sehr spannend gewesen. Zudem fehlen Bilder, die als Blickfang dienen und den Artikel visualisieren und attraktiv machen. Gesichter sollten gezeigt werden. Gut finde ich, dass die Artikel verständlich geschrieben sind mit kurzen und einfachen Sätzen. Das ist ein Plus.

Einmal berichtete das Journal B über den geplanten RBS-Tiefbahnhof. Während „Bund“ und „BZ“ denselben Inhalt präsentieren, hebt sich der Artikel im Journal B ab, weil er nicht das Projekt an sich behandelt, sondern Baudirektorin Barbara Egger sich zur Problematik der Kosten äussert, und zwar seit der ersten Version im Jahr 2008. Hier hätte das Journal B Hintergrundinformationen liefern und mit einer Geschichte einen neuen Blickwinkel eröffnen können, der zudem mit Bildern hätte ergänzt werden müssen. Während „Bund“ und „BZ“ sogar eine Bildstrecke auf den jeweiligen Online-Ausgaben haben, gibt es im Artikel vom Journal B lediglich eine Grafik. Hier ist eine Chance verpasst worden.

Das Nutzungskonzept für den Loryplatz ist ein Thema, das die Berner bewegt. Hier müsste es Geschichten geben, die den Blick auf zusätzliche Aspekte ermöglichen und damit über die Berichterstattung von „BZ“ und „Bund“ hinausgehen. Anstelle von Bildern gibt es ein kurzes Video. Ich persönlich hätte ein Bild bevorzugt, da das Video nicht viel aussagt. Dieser Artikel generierte lediglich einen Kommentar.

Mit eigenen Ansätzen, Hintergrundinformationen und überzeugenden Fotos könnte das Journal B tatsächlich einen Gegentrend zur heutigen Informationsflut setzen. Bislang schafft es die Online-Zeitung noch nicht, ihre Ansprüche einzulösen.

 

Screenshot:  Journal B
Foto Herzogstrassefest: adi

 

* Sharon Sue Siegenthaler arbeitet zurzeit bei Border Crossing, wo sie zwei Projekte in Medien- und Öffentlichkeitsarbeit mitbetreut.

 

Mundart in ihrer urwüchsigen Kraft

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Dieses Blog fokussiert seit jeher auf Politik und Medien. Für einmal verlassen wir diese beiden Felder. Das hat einen triftigen Grund: Gestern Abend entstand auf Twitter aus dem Nichts eine spassige Kooperation: Ein paar Leute stöberten in Kindheitserinnerungen und sinnierten über die Kraft der Mundart. Die Folge: Schöne, urchige, zum Teil schon weitgehend vergessene Worte in verschiedenen Dialekten purzelten in die Timeline. Und gleichzeitig lief auf Radio SRF1 das “Spassepartout” mit Franz Hohler, fürwahr ein begabter Wortakrobat. Vielleicht eine Fügung.

Ich fände es schade, wenn diese kleine Sammlung “Schöne Worte” nicht kuratiert (ha!) würde. Deshalb ein paar Müsterchen dieser Ad-hoc-Session, zu denen sich natürlich weitere gesellen dürfen:

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– pfuusä

– gigampfa

– umechessle

– kömmerle

– brösmele

– umechnuschte

– schnüfele

– chüschele

– grümschele

– ärfele

– umehootsche (herumkriechen)

Bildschirmfoto 2013-02-21 um 11.49.10– Potz Heiland Dunner

– Khasch miar am Ranza hanga

– Chempe id Glungge schiesse

– Bisch e Durlips

– Hoofili, nid z roos (Vorsichtig, nicht zu fest!)

– Hurtigschwind warte

– Dr Mischt isch garettlet

– Ig chönnti grad jutze u holeie

– Dr Schnurre e Schupf gä

– Dr Salat fatigiere (Den Salat durcheinander mischen)

– Rugele schier ab em Schemeli vor luttr gigele

– Es Gnosch ha im Fadechörbli

– Zeige, wo dr Bartli dä Moscht holt

– Heit ihr Gigeli-Suppe gässe?

Bildschirmfoto 2013-02-21 um 11.49.27– Fägnäscht

– Ranggifüdle

– Tschapadalpi (nie gehört, help!)

– Mürggu

– Chnorzi

– Himugüegeli

– Lumpelisi

– Ürbsi (Kerngehäuse des Apfels)

– Schnurepfluderi (Eine Fasnachts-Clique in Basel heisst auch so)

– Rätschbäse

– Schnudergoof

– Anggewegglimaitli

– Äckegstabi

– Chrüsimüsi

 

– ulidig

– dussä strubussets

– füddleschturm

 

Wie erwähnt ist das eine erste Auswahl, die ich alleine getroffen habe. Sie lässt sich beliebig ergänzen. Eine E-Mail reicht:
mark.balsiger@border-crossing.ch – oder mit einer Twitter-Direktnachricht. Ich selber werde am Wochenende im Bücherregal nach Ernst Burrens Werken suchen.

Mitgewirkt haben bislang bei dieser Session: annatinaheuss, cimnic13, fatimavidal, flugere, froumeier, Hofnaerrin, kmRunabout, KurFrau, Landeieiei, LisaMathys, MadMenNa, merzthurgau, michellebeyeler, PapstBischof, RegulaAeppli, RomanaGanzoni, SandroBrotz, SonjaHasler, vongreyerz, zoradebrunner, Caro (Nicht-Twitterin, aber auch nett) und ich: Mark_Balsiger

Sollte ich jemanden vergessen haben: Asche über mein Haupt, bitte ne E-Mail schicken, danke.

 

 

 

 

Für Spott ist gesorgt: Michael Steiners Spot “Grounding 2026” bleibt im Giftschrank

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Der virale Kurzfilm von Michael Steiner (rechts) zur Abzocker-Initiative wird definitiv nicht verbreitet. Das schreibt der Wirtschaftsdachverband economiesuisse in einer Medienmitteilung. (Das Dokument heisst sinnigerweise “Minderfilm”.) Der dreiminütige Spot mit dem Namen “Grounding 2026” hätte in der Schlussphase der Abstimmungskampagne gezeigt werden sollen. Mit starken Emotionen wollte der bekannte Regisseur (Grounding, Sennentuntschi, Mein Name ist Eugen, Missenmassaker) die negativen Folgen eines Ja, die er persönlich befürchtet, ins Zentrum stellen.

Dass die Verlautbarung gegen Abend (16.45 Uhr) verschickt wurde, dürfte kein Zufall sein: Man will das Aus für den Spot mit einer möglichst geringen medialen Begleitung über die Bühne bringen. Dafür eignet sich der heutige Tag; er ist reich befrachtet mit wichtigen Themen: Lasagne-Skandal, Olympia 2022, Hypothekarblase und Barack Obamas “State of the Union”, um nur vier zu nennen. Sie vermögen Steiners Spot nicht komplett zuzudecken, aber sie verdrängen ihn immerhin von den besten Plätzen. Das war bewusstes Timing, und das könnte economiesuisse gelingen.

Wenigstens das, ist man geneigt anzufügen. Bei der Nein-Kampagne war von Anfang an der Wurm drin, gefolgt von einem hässlichen Ausrutscher. Dazu kommt als gravierender Malus die Prädisposition: Nach der jahrelangen Verschleppungs- und Vernebelungstaktik im Parlament verrauchte die Wut der Leute auf die Abzocker nicht. Im Gegenteil. Mithin fehlt das Fundament, um den Souverän von einem Nein zu überzeugen. Gewichtige Argumente gibt es, sie können sich aber kaum festsetzen. Zu vieles ist in den letzten Monaten suboptimal oder gar schlecht gelaufen, das Vertrauen in Politik und Wirtschaft stark beschädigt.

Der Kampagnen-Spot Steiners soll gegen 300’000 Franken kosten. Das entspricht knapp 4 Prozent des gesamten Budgets (8 Millionen Franken). Vor vier Jahren zeigten ein paar junge engagierte Köpfe, wie man mit wenigen tausend Franken einen viralen Spot (für die Bilateralen) produziert und erfolgreich verbreitet. Mehr als 700’000 Views bei 5000 Franken Aufwand, dazu kam eine mediale Befeuerung rund um diesen Kurzfilm, der inzwischen leider nicht mehr im Netz ist.

Natürlich ist es gut möglich, dass Steiners Spot doch noch auftaucht und sich rasant verbreitet. Eine Wirkung im Sinne des Nein-Lagers wird er aber nicht erzielen. Emotionen lassen sich nicht erfolgreich mit Emotionen bekämpfen – so lautet eine These von mir.

Das Grounding von “Grounding 2026” sorgt zunächst einmal für Spott und Häme. Es stärkt aber auch das Lager von Initiant Thomas Minder, weil wir über die Metaebene der Metaebene diskutieren – eine absurde Entwicklung. Dabei wäre es dringend nötig, in der guteidgenössischen Tradition die Vorlage sachlich aufzuarbeiten. Stattdessen werden am 3. März die Zeichensetzer durchmarschieren.

 

Nachtrag von 19.15 Uhr:

Wie die NZZ schreibt, wollen die beiden Promotoren der Abzocker-Initiative, Thomas Minder und Claudio Kuster, den Kurzfilm von Michael Steiner kaufen. Ein fünfstelliger Betrag werde sich schon auftreiben lassen.

 

Nachtrag vom 21. Februar 2013:

Der Film zur Bilateralen-Abstimmung vom 8. Februar 2009 ist heute wieder online geschaltet worden. Hier: http://tagesnews.com/

 

Foto Michael Steiner: aargauerzeitung

 

 

Natalie Rickli und die Medien

Inland - SRF Projekt Treffpunkt BundesplatzNatalie Rickli (svp) ist zurück. Am letzten Sonntag verkündete sie auf Twitter:

“Back in Politics – back on Twitter.”

Dazu verlinkte sie auf das grosse Interview mit ihr im “Sonntagsblick”. Dort und tags darauf in einem Porträt der SRF-Sendung “Puls” präsentiert sich die Zürcher Nationalrätin von einer Seite, die wir von ihr bislang nicht kannten: verletzlich und differenziert. Der Kontrollfreak, der seine Privatsphäre zuvor rigoros abgeschirmt hatte, spricht erstmals über Persönliches.

Rickli wäre nicht Rickli, wenn sie ihr Comeback nicht sorgsam orchestriert hätte. Allerding gibt es keine Zweifel: Jeder Sonntagstitel und viele andere Medien hatten sich in den letzten Wochen auch bemüht, ein exklusives Interview mit ihr in die Welt setzen zu können. Vor diesem Hintergrund hat die Kritik an ihrem PR-Coup, etwa im “Tages-Anzeiger”,  etwas Verlogenes.

Was wären Ricklis Optionen gewesen:

– Eine Medienkonferenz einberufen? Das hätte ihr mediale Schelte eingetragen. (“Völlig überheblich!”)

– Über Facebook und Twitter vermelden, dass sie “wieder da” ist, um die folgenden 24 Stunden 80, 100 oder noch mehr Interviews zu geben? Damit wäre sie bereits wieder ins alte Fahrwasser geraten, was man auch kritisiert hätte.

– Am ersten Sessionstag (4. März) wieder im Parlament auftauchen, um dann von den Medienschaffenden belagert zu werden? Der Rummel wäre unkontrollierbar geworden.

Rickli wäre nicht Rickli, wenn sie im über vier Seiten laufenden Interview nicht auch politisch gezeuselt hätte. Eine exemplarische Passage:

Was mich in den letzten zwei Jahren frustriert hat, ist die Tatsache, dass demokratische Volksentscheide nicht umgesetzt werden. Das Schweizer Volk hat im November 2010 Ja gesagt zur Ausschaffungsinitiative. Passiert ist bis heute nichts, im Gegenteil.”

Der Journalist versäumte es, nachzuhaken oder die Aussage in einen grösseren Kontext zu stellen. Womöglich war es ihm auch egal.

Interessant ist im Weiteren, wie der “Sonntagsblick” sein Exklusiv-Interview vermarktete: Er liess es am Sonntagmorgen um 7.30 Uhr über das Presseportal von der News Aktuell AG, einer Tochter der Schweizerischen Depeschenagentur sda, verbreiten.

Dieses Angebot ist kostenpflichtig und garantiert eine hundertprozentige Abdeckung: Sämtliche Schweizer Medien erhalten diesen Original-Text-Service von News Aktuell. Er wird von Verbänden, Unternehmungen und teilweise auch der Bundesverwaltung in Anspruch genommen. Von den Medien selbst greift einzig der “Sonntagsblick” alle paar Monate einmal auf dieses Angebot zurück.

Beim Rickli-Comeback war die Nutzung des Presseportals ein Must. Das Aushängeschild der SVP bringt alles mit, was es im Boulevardjournalismus braucht. Diese Ausgabe wird sich überdurchschnittlich gut verkauft haben.

Der Mix aus Prominenz, Parteizugehörigkeit, Aussehen und Alter, ergänzt mit der Begabung, in 20-Sekunden-Soundbites jedes Thema auf eine simple Message einzudampfen, löst bei vielen Journalisten einen Reflex aus; sie müssen reagieren. Sie, die von der Politikerin Rickli wenig halten, machten sie zu einem Medienstar.

Diese Kritik ist zugleich auch Selbstkritik: Als Blogger und Expertli nahm ich schon mehrfach Einschätzungen über Ricklis Wirken vor.

 

Foto Natalie Rickli: bernerzeitung.ch