Der Preis für die Schönwetter-Rhetorik

Die Prognose vorweg: Die Schweiz wird wegen der Masseneinwanderungs-Initiative nicht untergehen, auch wenn das im Vorfeld ein paar Wirrköpfe aus beiden Lagern behauptet hatten. Aber ein Teil der Brücke nach Brüssel wurde heute abgerissen, der Zugang zum EU-Binnenmarkt steht auf dem Spiel. Für Politik und Wirtschaft ist das Abstimmungsresultat eine Demütigung. Ihre Exponenten haben es verpasst, frühzeitig und ehrlich die negativen Auswirkungen der Personenfreizügigkeit zu thematisieren. Eine Abstimmungskommentar, der nicht ohne Polemik auskommt.

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Auch wenn es immer wieder behauptet wird: Die Schweiz ist in meiner Wahrnehmung kein xenophobes Land, aber: seine Bürgerinnen und Bürger sind zutiefst verunsichert. Das Abstimmungsergebnis mit 50.3 Prozent Ja-Stimmen und 14,5 Ständen zeigt das deutlich auf.

Unser Land wird immer wieder von diffusen Ängsten ergriffen, einzelne Akteure von links und rechts schüren diese gezielt. Seit wenigen Jahren gesellen sich zu den diffusen Ängsten allerdings auch reale Sorgen, die auf eigenen Erfahrungen basieren: Viele Menschen aus fast allen Branchen und Altersgruppen fürchten sich vor Jobverlust, steigenden Mieten, sozialem Abstieg und der ungewissen Zukunft; viele unter ihnen haben Leute in ihrem persönlichen Umfeld, die von diesem Strudel schon erfasst wurden.

Laut dem Seco gibt es derzeit 205’000 Erwerbslose. Diese Zahl hat sich seit der vollen Personenfreizügigkeit für die EU-17-Staaten im Frühling 2007 verdoppelt. 205’000 Menschen suchen in unserem Land Arbeit – es sind IT-Fachleute, Bauarbeiter, Kellnerinnen, usw. –, finden aber keinen Job. An ihrer Stelle rekrutiert man laufend neue Arbeitskräfte im Ausland, zum Teil weil sie besser ausgebildet, vor allem aber weil sie jünger und günstiger sind. Gleichzeitig foutiert sich die Wirtschaft um die Probleme, die so entstehen. Der Bundesrat wiederum zaudert – und zaubert alle paar Monate ein neues Kaninchen aus dem Zylinder. Einmal heisst es “EWR light”, ein anderes Mal “Bilaterale plus”. Das einzige Ziel dieser Übungen: Die Landesregierung will Zeit gewinnen; sie hat keine Strategie, wie die Zusammenarbeit mit der EU weitergehen soll.

Seit nunmehr 15 Jahren werden von Politik und Wirtschaft die Slogans „Erfolgsmodell Schweiz“ und „der bilaterale Weg ist der Königsweg“ gebetsmühlenartig wiederholt, 2007 ist das Schlagwort „Fachkräftemangel“ dazugekommen. Tatsache ist, dass in den letzten Jahren durchschnittlich 80’000 Personen netto zugewandert sind. Längst nicht alle zählen zu den gesuchten Fachkräften, wie das die Schönfärber behaupten. Ein Drittel der Zugezogenen sind Familienmitglieder (Familiennachzug), Tausende versuchen ohne einen Arbeitsvertrag erfolglos ihr Glück (Scheinselbständige), reisen aber nach drei Monaten nicht wieder aus. Tatsache ist, dass die Personenfreizügigkeit in unserem Land eben nicht nur Gewinner produziert, sondern auch Verlierer.

Heute bezahlen Bundesrat und Wirtschaftsverbände den Preis für ihre Schönwetter-Rhetorik. Der Schaden ist angerichtet, und er ist gross. Die Masseneinwanderungs-Initiative ist ein Kuckucksei, das die Zusammenarbeit mit der EU massiv erschwert. Wirtschaftlich sind wir auf einen ungehinderten Zugang zum europäischen Binnenmarkt mit seinen 500 Millionen Menschen angewiesen. Die Personenfreizügigkeit aufkünden wäre eine Zäsur, die Arbeitslosigkeit würde in die Höhe schnellen.

Das Establishment muss sich nun das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger wieder erarbeiten. Am Anfang steht eine schonungslos-ehrliche Debatte. Die Frage lautet:

Welche Schweiz wollen wir? Eine Ballenberg-Schweiz? Ein zweites London im Mittelland? Nebst solch radikalen Ideen gäbe es zweifellos auch Optionen, die sich am pragmatischen eidgenössischen Weg orientieren.

Für diesen Weg in die Zukunft bräuchte es einen Pakt der Ehrlichkeit und Verantwortung. Und es bräuchte Haltung. Die Elite aus Politik und Wirtschaft ist herausgefordert, glaubwürdige Szenarien zu entwickeln, stetig zu kommunizieren und schliesslich Schritt für Schritt umzusetzen. Es muss in Zukunft wieder möglich sein, untauglichen Anliegen à la Masseneinwanderungs-Initiative frühzeitig den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Mark Balsiger


Nachtrag von 18.20 & 19 Uhr – andere Kommentare:

– (TA, Res Strehle)
Eine Zäsur für die Schweiz (NZZ, Markus Spillmann)
Insel der Einsamen (Südostschweiz, David Sieber)
Jetzt muss Blocher Aussenminister werden (Watson, Philipp Löpfe)

Schweizer Stimmung mit fatalen Folgen (FAZ, Jürgen Dunsch)
Freizügigkeit, nein danke (Süddeutsche, Wolfgang Koydl)
Land des Geldes, Land der Angst (Spiegel online, David Nauer)
Die Schweiz sagt “Fuck the EU” (Die Zeit, Matthias Daum)

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Foto Brücke: srf.ch
Grafik: swissinfo, via electionista

 

 

Watson oder die Herausforderung, packende Geschichten multimedial zu erzählen

Vor 25 Jahren machte Hansi Voigt ein grossartiges, aber damals noch völlig unbekanntes Pop-Duo aus England zu Szenen-Stars. Gestern schob er mit seiner Crew das Newsportal “Watson” ins Netz. Es wurde schon seit mehr als einem Jahr mit Spannung und gehörigem Respekt erwartet. Schlaglicht auf fünf grosse Herausforderungen, die “Watson” meistern muss, um zu reüssieren.

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Die Spannung stieg mehr als ein Jahr lang stetig, zumal Chefredaktor Hansi Voigt einige bekannte Namen aus der Medienszene verpflichtet konnte. Kaum war “Watson” vor genau 24 Stunden online gegangen, schwollen zahllose “Good-Luck”- und “Endlich!”-Tweets zu einem tosenden Applaus an. Die Kurznachrichten lassen erkennen, wie die Medien- und Werbe-„Bubble“ auf den Start des neuen Newsportals gewartet hatte. Die mehrheitlich positiven Reaktionen sind ein wichtiges Signal für die Werbewirtschaft – und sie motivieren die Macherinnen und Macher.

Der erste Eindruck: Das Layout ist grosszügig, die Schrift serifenfrei, das neue Newsportal setzt auf Farben und grossformatige Bilder. Dass man scrollen und scrollen und scrollen muss, ist für mich gewöhnungsbedürftig. Noch hat es Bugs und Kinderkrankheiten, aber das ist bei einer Beta-Version normal. Die Kooperation mit “Spiegel Online” (SPON) darf als Trumpf bezeichnet werden; kein anderes Online-Medium im deutschsprachigen Raum ist ähnlich gut.

Das Projekt “Watson”, dem Englischen “what’s on?” – was ist los? – angelehnt, hatte schon lange vor seinem Start eine enorme Beachtung. Das wird auch in Zukunft so bleiben, weil der Verdrängungskampf in der Branche mörderisch ist. “Watson” ist nebst der „Tageswoche“ das erste Portal, das sich nicht auf einen etablierten Medienverlag mit solid eingeführten Zeitungsmarken abstützen kann. Das ist die “grüne Wiese”, die Voigt und sein 60-köpfiges Team (bei 43 Vollzeitstellen) nun beackern können.

“The Next Big Thing”, wie “Watson” im Vorfeld angekündigt worden war, muss grosse Herausforderungen meistern. Ich benenne fünf:

1.) Kapital:
Auch wenn „Watson“ auf die kostenintensive Produktion und Distribution, die Printmedien belasten, verzichten kann, braucht das Portal Geld – viel Geld. Peter Wanner von den AZ Medien in Baden schoss vorerst 20 Millionen Franken für das Start-up ein. Wie lange reicht das? Der Aargauer Verleger gilt als sprunghaft: Kriegt er kalte Füsse, dürfte es für „Watson“ schnell ungemütlich werden. Vier Jahre bis zum erwarteten Break-even sind eine lange Zeit.

2.) Werbung:
Kaufzeitungen finanzieren sich grosso modo über Werbung (zwei Drittel) und Abonnemente (ein Drittel). Der Zugriff auf die Website von „Watson“ ist ohne Barriere möglich, d.h. die Surferinnen und Surfer können die Inhalte gratis konsumieren. “Watson” setzt voll auf die Generation Touchscreen, also Leute, die 16 Stunden am Tag ihre Handys und Tablets mit dem Zeigefinger oder Daumen streicheln. Gerade auf Smartphones ist Bannerwerbung aber unbeliebt. Die Macher müssen folglich Wege finden, um auf andere Art Geld zu verdienen; Stichwort Data-Mining, das massgeschneiderte Werbung ermöglicht. Ob das funktioniert, ist offen.

3.) Konkurrenz:
Bereits die Ankündigung von „Watson“ machte die etablierten Medienhäuser nervös. Sie werden alles daran setzen, das neue Portal auszuhungern. Wie das geht, zeigte Tamedia exemplarisch auf dem damals noch boomenden Markt der Pendlerzeitungen: Kaum hatte Sacha Widgorowits im Herbst 2007 das Gratisblatt „.ch“ (Punkt CH) lanciert, schob der Zürcher Konzern „News“ nach. Auf diese Weise konnte Tamedia dem neuen Konkurrenten viele Werbekunden abspenstig machen und „.ch“ schliesslich die wirtschaftliche Grundlage entziehen. Der Verdrängungskampf war nach 24 Monaten gewonnen und “News” wurde wieder eingestellt.

hansi_voigt_medienwoche_3004.) Inhalt:
Medienkonsumenten sind je länger, je mehr online unterwegs. Längst haben sie ihre Favoriten im Netz: “20min”, SRF News online, “blick”, “Newsnet” (das gemeinsame Newsportal von “Tages-Anzeiger”, “Berner Zeitung”, “Bund” und “Basler Zeitung”) oder NZZ (mit poröser Bezahlschranke), um nur die grössten zu nennen. Realistischerweise hat es keinen Platz mehr für zusätzliche Anbieter, zumal die Platzhirsche alles daran setzen werden, ihre Positionen zu verteidigen. Hat die “Watson”-Redaktion die Fähigkeit, News auf eine andere Art und so attraktiv zu vermitteln, dass das neue Portal journalistisch reüssiert?

5.) Medienschaffende:
Online funktioniert Journalismus komplett anders als Print. Bis das Know-how solid verankert ist, wird noch einige Zeit verstreichen. Die Realität ist, dass es in der Schweiz zu wenig vife Online-Journalisten gibt. Das ist keine Behauptung von mir, sondern von den Sachverständigen aus verschiedenen Medienhäusern; sie sagen es hinter vorgehaltener Hand. Online-Journalismus wird zwar schon seit Jahren an verschiedenen Ausbildungsstätten vermittelt und einige Medienverlage bieten trimediale Praktika an. Das Interesse der Studierenden am Online-“Ding” ist allerdings nicht sehr gross. Und mit Bildstrecken, Hyperlinks und eingebetteten Videos ist es noch lange nicht getan. Online-Journalismus heisst Geschichten multimedial zu erzählen.

Trotz allem glaube ich an die Chance von “Watson”, und das ist eng mit der Person von Hansi Voigt (Foto oben) verknüpft. Niemand in der Schweiz hat so viel Erfahrung im Online-Journalismus wie der Aarauer. Ihm steht nicht das Ego im Wege, er will etwas bewegen, er ist ein kollegialer Chrampfer, der seine Leute motivieren und unermüdlich antreiben kann. Rund 40 davon sind ihm von “20Minuten online” gefolgt – das will etwas heissen.

Voigt hatte als junger Erwachsener einen guten Riecher: Ende der Achtzigerjahre holte er das famose Duo “And All Because The Lady Loves” aus Newcastle in die Schweiz. Als Manager baute er die beiden noch völlig unbekannten Künstlerinnen auf und machte sie zu Szenen-Stars. Das brauchte Idealismus, Chuzpe, Biss und Überzeugungsarbeit. Von all dem braucht Voigt die nächsten Jahre wieder viel – und dazu noch viel, viel Geld. Wenn seine “Watson”-Leute Geschichten so packend und so intensiv erzählen wie “And All Because The Lady Loves” damals, könnte es klappen.

Mark Balsiger


Refresher:
Weil es so umwerfend gut ist, sei das Interview, welches “Schweiz-am-Sonntag”-Redaktor Christof Moser vor Jahresfrist mit Hansi Voigt führte, hier nochmals verlinkt:

Ex-Chef von “20Minuten” kritisiert Tamedia (5. Januar 2013)


Medienspiegel (Nachtrag):
Was andere über den Start von “Watson” sagen:

Was am neuen Nachrichtenportal Watson auffällt
(Tageswoche, David Bauer)
Whatson, what’s next? (NZZ, Rainer Stadler)
Was Watson anders macht als die Konkurrenz
(Medienwoche, Nick Lüthi & Ronnie Grob)
Hello, my name is Watson (Mediaschneider, Sean Pfister)
Watson – ein neues Produkt in der Schweize Medienlandschaft
(SRF/”Echo der Zeit”, Klaus Bonanomi)
Watson – ein Bild-HuffPost-Buzzfeed-Mix (ausgeheckt, Julian Heck)
Wer ist Holmes? Der Star heisst Watson
(Die Trendblogger, Christian Simon)
Der Publizist als Dampfkochtopf (Tagi/Bund, Jean-Martin Büttner)
Wieso mich Watson (zunächst) alt aussehen liess
(eigenwach, Carmen Epp)


Fotos:

– “Watson”-Logo: svenruoss.ch  
– Hansi Voigt: medienwoche.ch

 

Ehrlichkeit zahlt sich aus

beatrice_simon_600_bernerzeitung_ch_topelementVor Wochenfrist hatte der Basler Carlo Conti (cvp) die Debatte über Nebeneinkünfte von Regierungsräten richtig losgetreten; ein Ende ist noch nicht abzusehen. Die Berner Regierungsrätin Beatrice Simon (bdp), die wie ihre Kollegin Barbara Egger (sp) unter Druck geraten war, trat gestern die Flucht nach vorne an. Kurz nach Mittag teilte sie in einem Mediencommuniqué mit, dass sie bis auf Weiteres auf ihre Nebeneinkünfte verzichten würde. (Dieses Communiqué sucht macht auch jetzt noch, am Montagabend, vergeblich auf ihrer Website.) Zwei Stunden später zog Egger nach, was zusätzlich Zunder lieferte.

Die Einsicht kommt zu spät; in solchen Fällen müsste die Intuition einen sofort zum Handeln bringen. Als am letzten Donnerstag die ersten kritischen Medienberichte erschienen, hätten sich Simon und Egger gemeinsam und pro-aktiv an die Öffentlichkeit wenden sollen; auf diese Weise wäre die erste Welle gebrochen worden.

Patrick Feuz, der Bundeshauschef von “Bund” und “Tages-Anzeiger”, kritisiert in seinem Leitartikel das “schockierende Selbstverständnis”, welches Exekutivpolitiker beim heiklen Thema Nebeneinkünfte an den Tag legen würden.

Die Nebeneinkünfte von Regierungsräten und Kaderleuten in der Verwaltung sind auch im Kanton Bern präzis geregelt, erst vor wenigen Jahren wurden sie vom Grossen Rat neu durchgeackert und verankert. Simon und Egger haben sich nichts zu Schulden kommen lassen, ein Vergleich mit der Berner Finanzaffäre anno 1985 ist komplett überzeichnet. Aber sie patzerten in der Kommunikation. Dabei möchten sie Ende März wiedergewählt werden. Die Spesendebatte kommt für sie zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt, der Imageschaden ist schon angerichtet.

Den Vorwurf, sie betreibe mit ihrem Vorpreschen Wahlkampf, weist Simon zurück. Gegenüber dem “Bund” sagte sie:

“Ob mein Vorgehen für den Wahlkampf gut oder schlecht ist, habe ich mir nicht überlegt.”

Diese Aussage nehme ich ihr nicht ab.

Natürlich hat Simon sich dabei etwas überlegt, natürlich tauschte sie sich mit ihrem Mann, engen Vertrauten in der Direktion und ihrer Partei aus. Und natürlich ist ihr Vorgehen besser für den Wahlkampf. Damit betreibt sie Schadensbegrenzung. Ein weiteres Zuwarten hätte den Druck nur noch weiter erhöht, und das kann sich eine Regierungsrätin im Wahlkampf nicht erlauben. Gerade relativ simple Fälle bleiben der Wählerschaft eher in Erinnerung und sie gewichten diese am Wahltag entsprechend.

Den Schaden zu limitieren ist absolut legitim; ich hätte Simon auch zu diesem Schritt geraten. Allerdings hätte er schon früher erfolgen müssen. Und absolute Ehrlichkeit hätte sich gut gemacht.

“Ja, ich erkenne die Brisanz dieses Falles.
Ja, ich verstehe, wenn die Bevölkerung irritiert und verärgert ist.
Ja, ich stehe im Wahlkampf.
Ja, ich will aus der Schusslinie.
Ja, ich werde mich am Mittwoch bei der nächsten Sitzung des Gesamtregierungsrats für einen transparenten Lösungsansatz einsetzen.”

Bürgerinnen und Bürger sind sehr kulant, wenn sie feststellen, dass ein Spitzenpolitiker frühzeitig und glaubwürdig Fehler eingesteht. Bleibt der Gang nach Canossa aus, kriegt die Causa einen schalen Geschmack. Im Fall von Simon und Egger wird es am 30. März einen Nasenstüber, womöglich sogar einen Streifschuss geben. Er wäre selbst verschuldet, pro-aktive Information hätte sich ausbezahlt.

Spitzenpolitiker lieben die Macht und sie möchten für ihre immense Arbeit, die sie leisten, Wertschätzung erhalten. Die Aufmerksamkeit der Medien ist so wichtig wie für It-Girls und Profi-Tschütteler mit kustvollen Gelfrisuren. Sie müssten allerdings auch erkennen, dass Journalisten und die breite Öffentlichkeit sich um gesetzliche Regelungen und Details foutieren.

Mark Balsiger


Foto Beatrice Simon: bernerzeitung.ch

Wenn ein Leitartikel von 45 Wirtschaftsführern unterzeichnet wird

Wer die aktuelle Ausgabe der “Handelszeitung” in Händen hält, kommt ins Staunen: Auf der Frontseite prangt ein “Manifest für eine zukunftsfähige Schweiz”. Verfasst wurde es von Chefredaktor Stefan Barmettler, unterzeichnet von 45 Wirtschaftsführern. Jürg Bucher (Präsident Valiant) fehlt genauso wenig wie Magdalena Martullo (CEO Ems-Gruppe) und Tito Tettamanti. Auch der Name des ehemaligen Bankers Konrad Hummler scheint erstaunlicherweise auf. Das ist ein Steilpass für die 1:12-Promotoren, deren Initiative dem Wirtschaftsstandort Schweiz zweifellos zusetzen würde.

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Dass Medien für oder gegen eine Abstimmungsvorlage Stellung beziehen, gehört zu einer funktionierenden Demokratie. Gerade Leitartikel, die die überzeugendsten Argumente aufgreifen und mit Souplesse geschrieben sind, tragen zur Meinungsbildung bei. Was die “Handelszeitung” nun aber vorlegt, hat es in der Vergangenheit vermutlich noch nie gegeben; zumindest erinnere ich mich an keinen vergleichbaren Fall. Eine Trennung zwischen dem redaktionellen Teil und dem gekauften Raum ist nicht erkennbar. In meinem Umfeld wurde prompt die Frage aufgeworfen, ob die Wirtschaftsführer dieses “Inserat” bezahlen mussten.

Barmettler verneint auf Anfrage. Für ihn ist die 1:12-Abstimmung vom 24. November “die wichtigste Abstimmung der letzten 20 Jahre. Diese ausserordentliche Abstimmung war für mich Anlass, ausserordentlich zu reagieren”, erklärt er. NZZ-Medienredaktor Rainer Stadler nennt diesen Effort auf Twitter “eine Aktion im Positionierungskampf der Medien”. Seine These wird gestützt durch den Umstand, dass die “Handelszeitung” ihr Manifest über das kostenpflichtige Portal von “News Aktuell” verbreiten liess.

Oliver Classen, ehemaliger Journalist und heute bei der “Erklärung von Bern” tätig, kritisiert die “Handelszeitung” scharf: “Peinliche Parteipresse: Wo bleibt eigentlich der Shitstorm?”, fragt er auf Twitter.

Bei aller Sympathie für engagierten Journalismus und klare Positionsbezüge: Ich finde die Verquickung zwischen einem Leitartikel und den Unterschriften von 45 Akteuren, egal aus welchem Lager sie auch sein mögen, sehr irritierend.

Mark Balsiger

 

Nachtrag vom Montag, 11. November 2013:
– Interessant: In der NZZ sowie der “Finanz und Wirtschaft” wurde das Manifest der “Handeslzeitung” ebenfalls publiziert – als Inserat. Bezahlt hat die “Handelszeitung”.
– Inzwischen hat auch das Branchenportal “Persönlich” das Thema aufgegriffen. Im Interview spricht Chefredaktor Stefan Barmettler darüber, wie er bei dieser Aktion vorging und wen ihn beeindruckte:

 


Foto Handelszeitung: Cla Martin Caflisch

Greenpeace Schweiz ist zurück im harten Geschäft mit der Aufmerksamkeit

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Seit 40 Jahren schafft es Greenpeace immer wieder, mit spektakulären Aktionen für Aufmerksamkeit zu sorgen. So auch gestern Abend im “St. Jakob-Park” in Basel. Kurz nach Anpfiff des Champions-League-Matchs Basel gegen Schalke 04 seilten sich ein paar Aktivisten mit routinierten Griffen und ohne Hast vom Stadiondach ab, um ein 28 Meter breites Transparent (siehe Foto) auszurollen. Der Unterbruch dauerte knapp fünf Minuten. Nach weiteren fünf Minuten hatte das erste Onlinemedium die ersten Fotos hochgeladen.

Ein Aktivist auf dem Stadiondach hatte die Nerven, während der Aktion Fotos zu machen. Hernach wurden sie via Twitter verbreitet:

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Die Aktion gegen den russischen Gaskonzern Gazprom wurde zu einem Selbstläufer. Inzwischen, 24 Stunden später, haben gemäss Schweizer Mediendatenbank (SMD) nicht weniger als 70 verschiedene Medien darüber berichtet. Die News und Bilder schwappten um die halbe Welt. (Die Uefa erwirkte zwar, dass Videos auf Youtube gesperrt wurden, anderswo verbreiteten sie sich aber ungehindert.) Das ist ein grosser Erfolg, und ein Ende der Publizität ist nicht abzusehen, wenn die Berichterstattung sich auch in verschiedene Richtungen entwickelt. Es geht um Fragen der Sicherheit, um Klagen und Bussen, die Uefa, usw. usf.

Greenpeace Schweiz hat sich damit eindrücklich zurückgemeldet. Seit Bundesrat und Parlament im Frühsommer 2011 den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen hatten, war es auffällig ruhig geworden um die Umweltorganisation. Ihr Ur-Thema konnte sie nicht mehr weiter beackern. Im harten Geschäft um Spendengelder kann es problematisch werden, wenn man in Vergessenheit gerät. Sprecher Yves Zenger relativiert in einem Interview, dass solche Aktionen für das Image nicht nur förderlich seien.

Die Logik der Medien macht es Organisationen wie Greenpeace heute einfacher, auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Es zählen Tempo, Bilder und Videos. Das Rudelverhalten der Medien spielt mit hinein. Auf Facebook und Twitter begleitete Greenpeace die Aktion in Echtzeit. Die Reichweiten, die die NGO auf diesen Kanälen erreicht, sind nicht zu unterschätzen, wichtiger bleibt aber ihr Multiplikatoreneffekt.

Ein paar zentrale Fragen bleiben im Moment unbeantwortet:

– Wie konnten sich 17 Aktivisten in voller Kletterer-Montur und mit einem 28 Meter breiten Transparent Zugang zum Stadion verschaffen?- Hat der FCB bzw. die Stadionbetreiberin ein Sicherheitsproblem?
– Wissen die newsüberfluteten Leute überhaupt, worum es ging? (Krasser formuliert: Wollen sie es überhaupt wissen?)
– Bringt diese Aktion neue Mitglieder, mehr Spendengelder?
– Vermag sie den Druck auf Gazprom zu erhöhen?

Mark Balsiger

 

Ergänzend:

– Kommentar “OnlineReports” von Peter Knechtli:
Greenpeace-Demo: Zwei Welten, zwei Massstäbe (2. Oktober 2013)

– Der Kampagnenleiter von Greenpeace Schweiz, Christian Engeli,
im Gespräch – TeleBasel (30 Min.)


Fotos: adi / Greenpeace-Twitter-Account

 

Die “Arena” hat eine neue Debattenkultur salonfähig gemacht

arena_2_580_sf_tv_121207_arena_sfIn der “Freitagsrunde”, die das Schweizer Fernsehen bis im Sommer 1993 ausgestrahlt hatte, schoben Moderatoren wie Anton Schaller ihre Fragen mit Samthandschuhen von einem Gast zum nächsten. Die Sendungen verliefen ruhig, geordnet, anständig – aus der heutigen Perspektive fad und langweilig. Als vor genau 20 Jahren die “Arena” auf Sendung ging, war die politische Schweiz perplex: Das neue Format war das Gegenteil der “Freitagsrunde”, es setzte auf Konfrontation, Schlagabtausch und Emotionen. Das war neu und verstörend.

Im Parlament wurden Vorstösse eingereicht, um die “Arena” wieder abzusetzen. Der damalige Bundesrat Flavio Cotti boykottierte die Sendung, weil für ihn Politik mehr sei als ein Kampf, um die Zuschauer zu unterhalten. Die Kritik ist bis zum heutigen Tag nie ganz verstummt. Oft gehört: Das verbale Kräftemessen im Sägemehl passe nicht zur Kultur des Dialogs, die in der Schweiz eine lange Tradition habe. Andere monieren, das Format sei verwässert, die Protagnisten würden bloss ihre Botschaften herunterrattern anstatt zu diskutieren.

Hypothese: Die “Arena” hat die Personalisierung vorangetrieben, in den Neunzigerjahren den Aufstieg der SVP begünstigt und die Politik insgesamt geprägt, wenn nicht sogar formatiert. Die Debattenkultur in dieser Sendung wurde zum Standard im Nationalratssaal, auf Podien und anderen Bühnen. Das bedeutet nicht nur eine Verflachung, sondern vor allem auch Verarmung des politischen Diskurses. Die Verrohung davon kann man inzwischen in den Kommentarspalten der Online-Portale verfolgen, wo aus dem Schutz der Anonymität diffamiert und gerichtet wird. Die “Arena” hat diese neue Debattenkultur erst salonfähig gemacht.

Mark Balsiger

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Am Morgen fragte ich auf Twitter, welche Bedeutung die “Arena” habe, was an der Sendung gefalle und was nicht. Eine Art Vox Populi im 140-Zeichen-Korsett:

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Heute Abend um 22.20 Uhr wird die Jubiläumssendung zu 20 Jahre “Arena” ausgestrahlt. Sie dauert ausnahmsweise bis Mitternacht, auch alle ehemaligen Moderatoren sind dabei.

 

Andere Berichte zu 20 Jahre “Arena”:

Wie viele Pültchen dürfen es sein (NZZ, Martin Senti, 22.08.2013)
“Wutausbrüche und Tränen gehören dazu” (Neue Luzerner Zeitung, Sasa Rasic, 22.08.2013)
“Arena” vertreibt Bauernkomplex (Basler Zeitung, Benedict Neff, 23.08.2013)
Wie aus der “Arena” ein Plauderclub wurde (Berner Zeitung, Peter Meier, 23.08.2013)

 

Foto Arena: sf.tv

 

Die grüne Regierungsrätin, drei Asylbewerber aus Schwarzafrika und viel, viel Neid

Während viele Regierungsräte derzeit in den Ferien sind, macht Susanne Hochuli Schlagzeilen. Auf dem Bauernhof der Aargauer Gesundheitsdirektorin in Reitnau lebt seit Kurzem eine dreiköpfige Asylbewerberfamilie. Mit dieser Tat als Privatperson erntet die Politikerin Lob und Kritik. Der Vorwurf der Inszenierung ist realitätsfremd.

hochuli_blog_telem1_az_580_Bildschirmfoto 2013-08-04 um 14.45.28Im Spätherbst 2011 haben Heckenschützen und die SVP zum Halali auf die grüne Regierungsrätin geblasen. Susanne Hochuli trug die Idee des Bundes mit, in der 550-Seelen-Gemeinde Bettwil eine Asylunterkunft für 140 Menschen zu eröffnen. Die Wogen gingen hoch, der Widerstand war schnell gebündelt, Hochuli wurde kritisiert, diffamiert und bedroht. Immer wieder bekam sie zu hören, sie solle doch gefälligst bei sich zu Hause Asylbewerber aufnehmen.

Genau das hat Hochuli nun getan. In einer separat zugänglichen Wohnung ihres umgebauten Bauernhofes wohnt seit Kurzem eine Frau aus Angola mit ihren beiden Kindern. Die junge Familie ist seit zehn Monaten im Asylbewerbungsprozess.

Jede Schweizer Gemeinde muss nach einem Verteilschlüssel, der sich an der Einwohnerzahl orientiert, Asylbewerber aufnehmen. Kommt sie dieser Bestimmung nicht nach, muss sie bezahlen. Hochuli entlastet also mit ihrer Entscheidung die Gemeinde Reitnau finanziell. Dass sie aber einen marktüblichen Mietzins für die Wohnung verlangt, die der kantonale Sozialdienst entrichtet, ist richtig. Jeder andere Anbieter von Wohnraum tut das auch.

In Leserbriefspalten und Online-Foren wittern viele Kritiker, etliche davon mit einem wüsten Vokabular, Orthografiefehlern und anonym, eine “PR-Aktion der mediengeilen Regierungsrätin”. Man kratzt sich verwirrt am Kopf und fragt: Profilierung, wozu? Die nächsten Regierungsratswahlen sind erst im Herbst 2016, Ständerätin wird Hochuli nie, Bundesrätin sowieso nicht. Die Grünen sind weit davon entfernt, einen Sitz in der Landesregierung zu ergattern.

Gestern bemühte die “Aargauer Zeitung” in einem Kommentar ein bekanntes Sprichwort, das auch oft als PR-Formel herhalten muss: “Tue Gutes und sprich darüber”. Die gute Tat sei gleichzeitig auch eine “Inszenierung”, moniert der Journalist, Hochuli hätte besser nicht darüber gesprochen.

Hochuli wurde für viele Leute zu einer Projektionsfläche

Mit Verlaub, aber diese Forderung ist realitätsfremd: In einem Dorf bleibt nicht lange unbemerkt, wenn eine bekannte Politikerin unter dem eigenen Dach Asylbewerber aufnimmt. Ist diese Politikerin zudem verantwortlich für das Asyldossier und für viele Menschen eine Projektionsfläche, hat ein solcher Fall Newswert erster Güte. Hätte Hochuli ihre temporären Mieter aus Schwarzafrika verschweigen wollen, wäre sie von den Medien an den Pranger gestellt worden. Aus diesem Grund wählten die Regierungsrätin und ihr Kommunikationschef wohlweislich die pro-aktive und dosierte Form der Information.

Hochuli vermische Privates und Berufliches, kritisieren verschiedene Politikerinnen. Das stimmt zweifellos, entspricht aber ihrem Naturell. Sie ist kein Gutmensch, sondern eine Pragmatikerin, die sich von ihren Überzeugungen leiten lässt. Im Kleinen des Privatlebens wie im etwas Grösseren der Politik will sie gestalten – auch wenn sie damit aneckt oder die eigene Partei vor den Kopf stösst wie im Frühling beim überzeugten Einstehen für die Aslygesetzrevision.

Die Aargauerin weiss um die symbolische Wirkung ihrer jüngsten Geste: Die Asylproblematik wird damit nicht gelöst, aber sie geht alle etwas an, und das erschöpft sich nicht beim Verfassen von gehässigen Online-Kommentaren.

Die heftige Kritik an Hochuli hat noch einen anderen Grund: Neid – viel Neid. Im letzten Jahr versuchten Heckenschützen und die SVP, sie aus dem Amt zu drängen – mit dem Schlagwort “Bettwil”. Der Coup misslang gründlich: Thomas Burgherr, Präsident und Sprengkandidat der Aargauer Volkspartei, hatte bei den Regierungsratswahlen keine Chance. Hochuli liess ihn mit 24’000 Stimmen Differenz hinter sich, und das mit einer 7,5-Prozent-Partei im Rücken. Burgherrs SVP kommt auf 32 Prozent.

Mark Balsiger

 

Printscreen: Aargauer Zeitung / Beitrag Tele M1

Weitere Beiträge aus der Sonntagspresse von heute:

Asyl bei der Sozialchefin (NZZ am Sonntag)
Auf dem Hof der Regierungsrätin entscheiden die Frauen (SonntagsZeitung)
Mutter Courage und ihre Flüchtlingsfamilien (Schweiz am Sonntag)
“Platzierungen bei Privaten – das ist der total falsche Weg”
(Schweiz am Sonntag)

Der Artikel aus dem SonntagsBlick ist online nicht verfügbar.

 

Doris Fiala und ihre “gröberi Gschicht”

 

Doris Fiala ist in Schieflage. Wie die ETH Zürich in einer Medienmitteilung schreibt, wurde die Abschlussarbeit der Nationalrätin nicht anerkannt, weil sie Plagiate enthalte. Den Titel “Master of Advanced Studies” (MAS) – nicht zu verwechseln mit einem Masterstudium, das mit einem “Master of Arts” (M.A.) oder einem “Master of Science” (M.Sc.) abgeschlossen wird – darf Fiala nicht mehr tragen. Die professionellen Plagiatssucher von “VroniPlag” in Nürnberg stellten schon vor geraumer Zeit fest, dass es in Fialas Abschlussarbeit auf insgesamt 74 Seiten plagiierte Stellen hat.

Damit es zu keiner Fehlinterpretation kommt: “VroniPlag” wurde aus eigenem Antrieb aktiv; die Entscheidung der ETH basiert auf dem Gutachten eines anderen externen Spezialisten.

Vor etlichen Jahren erlangte Doris Fiala den Abschluss einer PR-Assistentin mit eidgenössischem Fachausweis. Aus Theorie und Praxis weiss sie, dass ihre Reputation aus diese Fall Schaden nimmt. Es gilt das Schlimmste abzuwenden, mithin ist es besser, hinzustehen und sich zu erklären. Das tat Fiala heute Morgen gegenüber vielen Medien. Strahlend. Sie nennt es “Vorwärtsstrategie”.

Zu einer schnellen und glaubwürdigen Kommunikation zählten aber auch absolute Transparenz und Ehrlichkeit. Im Video-Interview mit “Tages-Anzeiger” online erklärt sich Fiala. Die Passage ab 3:58 wird hier transkribiert und von “Züridütsch” in holpriges Hochdeutsch übersetzt:

“Man sagt explizit in diesen Gutachten und auch die ETH sagt, dass ich weder geschummelt (“bschisse”) habe noch einen Betrug begangen habe, sondern dass mir leider Fehler passiert sind.”

Man reibt sich erstaunt die Augen und hört diese Passage ein zweites Mal und ein drittes Mal ab. Fassen wir zusammen: In der Abschlussarbeit wurden Plagiate festgestellt, Fiala will aber nicht bemerkt haben, dass sie geschummelt hat.

Doris Fiala hält selbstverständlich an ihrem Nationalratsmandat fest, obwohl dieser Fall “e gröberi Gschicht” sei, wie sie selber sagt. Sie sei nicht angezählt, sondern “marschiere weiter”. Der Reputationsschaden ist angerichtet. In Mitleidenschaft werden auch die FDP und die Politik insgesamt gezogen.

Die Story dreht weiter: Das Trommeln dürfte lauter werden und auch die ETH kommt unter Druck.

Mark Balsiger


Frühere Beiträge über Doris Fiala:

Doris Fiala ist wie ein Kampfhelikopter (20. März 2012)
FDP Zürich: Zurück zum aufrechten Gang (27. November 2007)

Über die latenten Spannungen zwischen Medienschaffenden und Kommunikatoren

Medienschaffende und Berufskommunikatoren sind sich ähnlicher als sie selber glauben: Viele sind eitel und empfindlich, viele glauben an die eigene Wichtigkeit, viele stossen auch unter Ihresgleichen kräftig Testosteron aus. Medien und Kommunikationsabteilungen grosser Unternehmungen sind mächtig, sie führen ihre eigenen Agenden und wollen diese auch durchsetzen. Kein Wunder, dass beide Berufsgattungen immer mal wieder aneinander geraten. In den allermeisten Fällen merkt die Öffentlichkeit davon nichts. Dieser Tage wurde ein Fall von Beeinflussung publik, der in beiden Branchen intensiv diskutiert wird.

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Lange hat die Post auf diese Veränderung hingearbeitet: Sie ist nicht mehr eine öffentliche Anstalt, sondern eine Aktiengesellschaft. Und sie hat die Bankbewilligung erhalten. Dass sie diesen grossen Schritt mit einer Medienkonferenz bekanntgibt, liegt auf der Hand. Das Interesse der Medien war entsprechend gross. Im Nachgang stellte sich heraus, dass die Post-Kommunikatoren offenbar mit den Wirtschaftsredaktionen von “Blick” und “Tages-Anzeiger”/”Bund” ausgehandelt hatten, dass diese Titel ein Exklusiv-Interview mit Verwaltungsratspräsident Peter Hasler kriegen.

Ein Redaktor der “Berner Zeitung” wollte auch ein Interview mit Hasler, konnte sich dieses direkt mit ihm sichern, wurde aber am Abend bei der Autorisierung von den Post-Kommunikatoren zusammengestaucht. Michael Hug, Chefredaktor der “Berner Zeitung”, platzte der Kragen. Im Branchenportal “Persönlich” schildert er den Verlauf dieses Falles aus seiner Sicht. Hochinteresant sind auch einzelne Kommentare, die Hugs Text auslösten.

“Persönlich”-Redaktorin Edith Hollenstein griff das Thema auf. Unter anderem befragte sie Mark Balsiger, einen der Betreiber des Wahlkampfblogs. Dieses Interview dürfen wir hier mit dem Einverständnis der Autorin wiedergeben:

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Herr Balsiger, warum denken Sie, war das Echo auf Michael Hugs Text so enorm?

Mark Balsiger: Für Medienschaffende gelten Pflichten und Rechte, für PR-Leute Kodizes, also professionelle Standards. Leider hat es auf beiden Seiten schwarze Schafe, ihr Wirken vergiftet das Klima. Der tiefgreifende Umbruch in der Medienbranche hat die Journalisten verunsichert, in der Branche herrscht Zynismus, zugleich sind die Kommunikationsabteilungen in den letzten 15 Jahren stark gewachsen, Medienschaffende fühlen sich bedrängt und sind schlecht bezahlt. Da staute sich Frust auf. Die Äusserungen von Michael Hug wirkten wie ein Ventil. Das war reinigend – für den Moment.

Wer die Kommentare auf blog.persoenlich.com liest, muss den Eindruck gewinnen, die Post-Unternehmenskommunikation habe einen krassen Fehler gemacht. Was sagen Sie zum Vorgehen der Post?

Die Umwandlung der Post in eine Aktiengesellschaft und die Bankbewilligung waren bereits “big news”. Die Post-Kommunikatoren wollten offensichtlich den absehbaren Output noch optimieren. Zusätzlich Exklusiv-Interviews mit zwei Zeitungen zu vereinbaren, ist unsensibel. Gerade für einen halbstaatlichen Betrieb gilt die Gleichbehandlung aller Medien. Die telefonische Intervention beim Chefredaktor finde ich echt problematisch. Verwaltungsratspräsident Hasler stand der BZ Rede und Antwort, hernach das Interview drastisch kürzen zu wollen, ist stillos. Wenn ein Protagonist sich nicht an das Drehbuch hält, können die Medienschaffenden nicht dafür verantwortlich gemacht werden.

Michael Hug wirft der Post vor, im Vorfeld mit “Tagi/Bund” sowie dem “Blick” grössere Interviews vereinbart zu haben und anschliessend zu stur an dieser Abmachung festgehalten zu haben. Welche Rolle spielen die Interessen der “Berner Zeitung”?

Sie benennen die andere Seite dieses Falles, die Michael Hug natürlich ausgelassen hat. Es kommt vor, dass grosse Redaktionen aktiv auf solche Deals hinarbeiten. Gerade Lichtgestalten wie Peter Hasler, Peter Spuhler oder Franz Steinegger hat man gerne im Blatt. Gerne übergross. Nehmen wir an, die “Berner Zeitung” hätte ein Exklusiv-Interview mit Post-Chef Hasler angestrebt und erhalten, wäre Herr Hug überglücklich in seinen Weinkeller hinabgestiegen.

SDA-Chef Bernard Maissen beklagt ebenfalls, dass sich die Post in kommentierende Texte einmischt. Inwiefern sehen Sie es als begründet, dass PR-Stellen bei SDA-Texten Korrekturwünsche anbringen?

Auch der sda unterlaufen Fehler, es ist ungut, dass sie keine Konkurrenz mehr hat. Wenn Fakten und Zahlen nicht stimmen, sollte sie offen sein für Korrekturen. Dass hingegen Externe aus anderen Gründen die Meldungen feinschleifen wollen, liegt nicht drin. Punkt.

Wie erleben Sie selber die Relevanz der Sonntagszeitungen?

Ich erkläre es andersrum: Die Sonntagspresse ist sehr empfänglich für das sogenannte Anfüttern. Sie macht aktiv mit, es wird gedealt wie mit Kokain. Bei Lichte betrachtet sind allerdings viele Storys dünn, die meisten Primeure drittklassig. Damit habe ich die Frage der Relevanz auch beantwortet, oder?

Warum genau müssen die Verwaltungsratspräsidenten, CEO oder Spitzen-Politiker so stark vom direkten Kontakt mit Journalisten abgeschottet werden?

Die Personalisierung führte dazu, dass das Spitzenpersonal für jeden Hafenkäse hinstehen und Auskunft geben sollte. Gute Kommunikatoren wirken als Vermittler und Seismografen, sie wissen, wann ein Chef auf die Kommandobrücke muss. Eben auch bei Hagel und Sturm. Gegenüber den Medien müssen Kommunikatoren plausibel erklären können, weshalb ein Chef einmal nicht zur Verfügung steht.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit Journalisten?

In den meisten Fällen ist der Umgang mit Medienschaffenden unproblematisch. Voraussetzung: Man trifft klare Abmachungen, ist transparent, fair und sehr agil. Das hohe Tempo ist für alle Beteiligten eine Herausforderung.

Der Kostendruck ist demnach stark spürbar.

Ja. Medienmanager sind beinharte Zahlenmenschen, die sich nicht für gut recherchierte Geschichten interessieren. Margen von 15 bis 20 Prozent sind ihr Ziel. Deshalb werden kostengünstige Kindersoldaten angestellt. An Medienkonferenzen, Generalversammlungen und Pseudo-Anlässen fabrizieren sie dann diese unsäglichen News-Ticker. Das hat wenig mit Journalismus zu tun, sondern dient nur einem banalen Ziel: “Wir sind vor Ort präsent und berichten in Echtzeit”. Sie stellen Produkte ins Netz. Die Stilblüten und Orthografiefehler sind gratis.

Ist es überhaupt noch eine Herausforderung PR-Profi zu sein, wenn die andere Seite teilweise sehr wenig entgegenzubringen hat?

Am liebsten arbeite ich mit erfahrenen Journalisten zusammen, die ein Thema offen und unvoreingenommen angehen. Ihnen macht man kein X für ein U vor, und das ist gut so. Bei den anderen, die wenig oder keine Dossierkenntnisse haben, ist es herausfordernd, sie in kurzer Zeit zu informieren.

Das Aussehen beschleunigt die Karriere

Eine schöne Bescherung: Wir wissen nun von einem Arzt für plastische Chirugie, wie gut die eidgenössischen Parlamentarierinnen und Parlamentarier aussehen. Er hat alle 246 Gesichter vermessen und selbst die Haare kategorisiert. Das Ganze sei “wissenschaftlich untersucht”, hält “20 Minuten” bereits im Obertitel fest. Die Lust auf eine Glosse konnte ich nur mit Mühe unterdrücken.

NATIONALRAT, NR, SP, SOZIALDEMOKRATISCHE PARTEI,

Die Studie bringt zu Tage, dass die Aargauer Ständerätin Pascale Bruderer (SP, Foto) bei den Politikerinnen obenaus schwingt. Sie ist also, um im Duktus der geneigten Medien zu bleiben, Miss Bundeshaus. Bei den Männern gewinnt Fathi Derder (FDP) aus der Waadt. Der Online-Artikel scheitert daran, dass er keine Unterscheidung zwischen “schön”, “attraktiv” und “gut aussehend” macht, die drei Wörter werden synonym verwendet. Eine vergleichbare Verwischung hat bei den Miss- und Mister-Schweiz-Wahlen Tradition.

Die Erhebung des Chirurgen ist im Netz leider nicht greifbar. Fassen wir deshalb kurz zusammen, was die Sozialwissenschaften im deutschsprachigen Raum zum selben Thema erforscht haben:

Das Aussehen kann eine politische Karriere beschleunigen. Zu diesem Schluss kommen Markus Klein und Ulrich Rosar von der Universität Köln, die mehrere Jahre lang Studien zum Thema machten. Probanden mussten jeweils Kandidierende, die sie nicht kannten, beurteilen. Es überrascht nicht, dass bei diesen Tests Kandidierende, die aus subjektiver Warte als gut aussehend taxierte wurden, besser abschnitten. Bei bekannten Spitzenpolitikern hat das Aussehen hingegen kaum mehr eine Bedeutung.

In der Schweiz wagte sich erst ein Politologe auf dasselbe Terrain: Georg Lutz von der Universität Lausanne. Er zeigte Versuchspersonen die Fotos von insgesamt 744 Politisierenden, die 2007 für den Nationalrat kandidierten. In seiner Untersuchung kommt Lutz zum Schluss, dass gut aussehende Kandidierende mehr Stimmen erhalten, was einen Teil ihres Wahlerfolgs erkläre. Diese Studie wurde verschiedentlich kritisiert, so etwa von Lutz’ Berufskollege Claude Longchamp in einem Blog-Posting. (bal.)


Die Studien (Arbeitspapiere) als PDF zur Vertiefung:

Politische Wahlen als Schönheitskonkurrenz (2006, Klein & Rosar)

The electoral success of beauties and beast (2009, Lutz)

 

Foto Pascale Bruderer: keystone