Solidaritätswelle zugunsten der Berner Qualitätszeitung “Der Bund” rollt an

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“In zehn Jahren wird es keine Zeitungen mehr geben”, sagte Apple-Chef Steve Jobs vor ein paar Wochen. Diese Aussage ist natürlich Nonsens, und das weiss Jobs auch. Qualitätszeitungen werden sich trotz der Internet-Revolution halten können.

Zu den Qualitätszeitungen zähle ich auch den “Bund”, auch wenn er magerer geworden ist, sich zuweilen Fehler einschleichen oder er als “Gatekeeper” wichtige Themen ignoriert. Insgesamt erbringt die Redaktion aber eine bewunderswerte Leistung – allen Sparübungen, Restrukturierungen und Besitzerwechseln zum Trotz.

Vor zehn Tagen kündigte die Tamedia als Besitzerin des “Bund” tiefgreifende Veränderungen an. Verkürzt gibt es für Tamedia zwei Optionen:

  • Fusion von “Bund” und “Berner Zeitung”
  • Enge Kooperation mit dem “Tages-Anzeiger”

Die zweite Option dürfte darauf hinauslaufen, dass der Tagi den so genannten Mantel produziert und die ausgehungerte “Bund”-Redaktion pro Ausgabe noch ein paar Artikel beisteuert.

Mit Verlaub, beide Optionen sind für mich keine!

Der “Bund” hat schon seit 30 Jahren wirtschaftliche Schwierigkeiten. Mir fehlt die Naivität zu glauben, es könne weitergehen wie bis anhin. Aber, und das ist entscheidend: der Grossraum Bern braucht auch in Zukunft zwei starke und unabhängige publizistische Stimmen. Hier steht der Verlagskonzern Tamedia in einer staatspolitischen Verantwortung.

“Man sollte indessen nichts unversucht lassen”, schrieb Wolfgang Hildesheimer einmal. Dieser Satz des deutschen Literaten ist seit 25 Jahren mein Antrieb.

Dank der Unterstützung von FDP-Grossrat Christoph Stalder und Nationalrat Alec von Graffenried (Grüne) konnte ich Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft für das Mitmachen im Komitee “Rettet den Bund” gewinnen. Heute morgen um 9 Uhr haben wir die Namen des Co-Präsidiums an die Öffentlichkeit getragen.

Rettet_den_Bund_Medienmitteilung (PDF)

Die Reaktionen sind überwältigend – der Server kann die Zugriffe auf die Website www.rettet-den-bund.ch im Moment nicht mehr bewältigen. Jetzt hoffe ich auf die IT-Cracks.

Ich hoffe aber auch auf möglichst viele Mitglieder, die in diesem Komitee mitmachen und die Online-Petition unterzeichnen. Die Mitgliedschaft ist kostenlos. Weiter hoffen wir darauf, dass die URL www.rettet-den-bund.ch auf Websites, Blogs und Foren verlinkt wird. Eben haben wir auch eine Facebook-Gruppe mit dem gleichen Namen ins Web gestossen.

P.S. Ich äusserte mich die letzten Jahre gelegentlich über den “Bund” – in Leserbriefen oder hier in diesem Blog. Als 2003 das “Berner Modell” angekündigt wurde, schrieb ich, dass das auf ein Ableben des “Bund” hinauslaufen werde. Und als Tamedia die Espace Media Groupe und damit den “Bund” 2007 übernahm, stiess ich nochmals ins selbe Horn.

Pessimistisch – auch ich. Inzwischen habe ich meine Meinung geändert. Es muss einen anderen Weg geben als die von Tamedia skizzierten Optionen. Und dafür werde ich kämpfen.


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Foto oben: stadtwanderer.net
Foto unten: derbund.ch


Bundesratswahlen (V): Längst ein Medienspektakel par excellence

Seit den 1990er-Jahren sind Bundesratswahlen stets ein Medienspektakel par excellence. Das hat zwei Gründe: einerseits gibt es bedeutend mehr Medien als früher. Sie stehen heute in einem beinharten Konkurrenz- ja einem Verdrängungskampf. Es ist ein Kampf um Quoten und Auflagen, News und exklusiven Geschichten. Andererseits liegt es an den Möglichkeiten des Mediums Fernsehen.

Heute Morgen waren mehr als 250 Medienschaffende in und um das Bundeshaus an der Arbeit. Dieser vermutete Rekord ist auf DRS4 und die Online-Medien zurückzuführen, die seit wenigen Monaten auch personell im grossen Stil aufgerüstet wurden.

Seit 1994 sind in der Schweiz private TV-Anbieter auf dem Markt, die einen anderen Zugang zur Politik suchen als das Schweizer Fernsehen SF. Die haben die Art der Politikvermittlung verändert und beschleunigt.

Bundesratswahlen eignen sich vorzüglich für das Medium Fernsehen: Es ist unmittelbar und transportiert Emotionen, es suggeriert den Zuschauenden, selber mit von der Partie zu sein.

Die Live-Berichterstattungen mit all ihren Möglichkeiten (Instant-Analysen, Schaltungen an verschiedene Schauplätze, Interviews, Einspielungen von älterem Bildmaterial) zeigen allerdings auch schonungslos auf, wenn Fehlleistungen passieren. Technische und journalistische. Das ist der Preis.

Die tiefschürfendste Frage, die ich heute hörte, stellte eine SF-Reporterin, als sie an einen Parlamentarier herantrat: “Wie fühlen sie sich so bei den Bundesratswahlen?”

Foto: keystone

Was geschieht mit dem “Bund”? – Kommt es zu Personalabbau oder gar zum “Aus”?

Heute morgen auf 9 Uhr müssen alle Redaktorinnen und Redaktoren der Tageszeitung “Der Bund” antraben. Sie wurden im Verlaufe des Sonntags per SMS aufgeboten. Das lässt nichts Gutes erahnen. Wer gestern Abend im Berner Rathaus die “Bund”-Journalisten beobachtete, stutzte.

Dass der “Bund” wirtschaftlich serbelt, ist seit mehr als zwei Jahrzehnten eine Tatsache (publizistisch hingegen leistet er noch heute Aussergewöhnliches). Früher wurden die Löcher in Millionenhöhe durch die Mehrheitsaktionäre Ringier, NZZ oder Espace Media Groupe gestopft. Seit die Tamedia vor eineinhalb Jahren das Zepter übernommen hat, ist klar, dass es diesen Mechanismus nicht mehr geben wird.

Hat jemand dieses Mal das Totenglöcklein gehört, wie ich das bereits im Sommer 2007 und 2003 vermeldete?

Die Medienbranche spürt eine heranziehende Rezession in der Regel zuerst. Die letzten Tage wurden Personalabbau, Zwangspause im Sommer und anderes vermeldet, von den AZ-Medien über “le matin bleu” bis zur “Weltwoche”. Bis zur Stunde ist bekannt, dass 150 Arbeitsplätze in der Zeitungsbranche abgebaut werden.

Welches sind die Szenarien für den “Bund”:

– Das Traditionsblatt wid eingestellt, eine “Fusion” würde vermutlich bloss die abgedämpfte Sprachregelung für das Aufgehen in der “Berner Zeitung” bedeuten
– Der “Tages-Anzeiger” oder allenfalls die “Berner Zeitung” (BZ) liefern den so genannten Mantel plus, d.h. Ausland, Inland und Wirtschaft, der “Bund” produziert noch einen Teil, nämlich den Stadt-Bund (der Sportteil wird ja schon seit geraumer Zeit von der BZ erarbeitet; er ist bis heute ein Fremdkörper geblieben)
– einzelne Ressorts werden demnächst eingestellt, am gefährdetsten ist das Ressort Wirtschaft, gefolgt vom Ausland und Inland. Stattdessen werden diese Inhalte vom “Tages-Anzeiger” oder der BZ bezogen

Die Landeshauptstadt steuert auf eine Monopolsituation im Zeitungsmarkt hin. Da wirkt ein seit Jahren verwendeter Slogan beim “Bund” plötzlich zynisch: “Verstehen, warum”.

Bla-Bla-Blogger und David Bauer oder vom Esel, der den anderen Langohr schimpft

Womöglich ist mein Anspruch zu hoch: Mit der Lektüre eines jeden Zeitungsartikels möchte ich Neues erfahren. David Bauers Text in der “SonntagsZeitung” über die Schweizer Weblogs wird diesem Anspruch nicht gerecht. Er strickt im Prinzip an der uralten Masche “Journalisten vs. Blogger”.

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Womöglich haben wir es mit einer allgemeinen Entwicklung im Journalismus zu tun: Ein Medienschaffender befasst sich mit einem Thema, setzt sich aber nicht damit auseinander. Er bleibt an der Oberfläche, statt die Tiefe zu suchen. Er hat eine These im Kopf und sucht sich die Quellen aus, die seine Thesen stützen. Journalistisch ist diese Arbeitsweise nicht, sie ist billig und bequem. Echte Neugierde und Offenheit fehlen.

Kurz: die Storys sind schnell recherchiert, schnell geschrieben, schnell gelesen – und schnell vergessen. Was uns Bauer auftischt, ist eine Geschichte, die bestensfalls in einer Tageszeitung Platz finden dürfte: das Werk von acht Stunden Arbeit. Von einer Wochenzeitung erwarte ich einen anderen Ansatz. Statt nach dem angelsächsischen Journalisten-Credo “give them the unexpected” liefert Bauer das, was er den Bloggern vorwirft: “more of the same”. Seine Vorwürfe und Pauschalurteile fallen zu einem rechten Teil auf ihn zurück. Hier passt das Sprichwort vom Esel, der den anderen Langohr schimpft.

Ergänzend zum Artikel druckt die “SonntagsZeitung” ein Interview mit Bundesrat Moritz Leuenberger ab. Das ist einfach nur noch langweilig, Leuenberger gab die letzten 18 Monate schon Dutzende von Interviews über sein Dasein und Denken als bekanntester Blogger der Schweiz.

Einem Kontrapunkt zum Mainstream war David Bauer auf der Spur: “Thinkabout”. Dieser Blogger sucht sich seine Themen meistens, ohne auf die Schlagzeilen und populäre Themen zu schielen. Er denkt, schreibt sich die Finger wund, seine Texte sind gut. Manchmal scheitert er, aber oft ist es ein Genuss, seine Gedanken zu lesen, die wiederum zum Nachdenken anregen. Die “SonntagsZeitung” hätte sich ein Interview mit einem unbekannten Blogger leisten können, das wäre vermutlich ergiebiger geworden.

“Thinkabout”, den ich persönlich nicht kenne, ist nur ein Beispiel. Es gibt andere Trouvallien unter den Schweizer Weblogs. Ich glaube nicht, dass deren Betreiber den Anspruch haben, “tollkühne Rebellen wider den Mainstream” zu sein, wie das Bauer insinuiert. Es geht ihnen vermutlich auch nicht primär darum, möglichst viele “Visits” und “Pages” zu erreichen. Sie messen sich an ihren hohen Ansprüchen.

Ich finde vereinzelte Weblogs herausragend. Dass sie keine “Wirkung nach aussen” (Bauer) erzielen, hat viel mit den etablierten Medien zu tun. Nicht selten nehmen sie Themen aus den Blogs auf; es ist dankbar, mit ein paar Mausklicks Inputs zu bekommen. Allein: die Quellenhinweise bleiben aus.

Andere Postings zum Thema:

– BloggingTom
– Infomagazin Nachlese
– Metablog
– Die Lupe

Foto: Mark Balsiger

Radio 1 erhält eine Konzession, Energy Züri und TeleZüri gehen leer aus

Diese Entscheidungen reissen tiefe Gräben: Auf dem Platz Zürich erhält Roger Schawinskis “Radio 1” neu eine Konzession, leer ausgeht dafür “Energy Zürich” (gehört Riniger). Nach 25 Jahren wurde diesem Privatsender also der Stecker herausgezogen. “Radio 24” (Tamedia), der direkte Konkurrent von “Energy Zürich”, bleibt auf Sendung.

Neu auf UKW mitmischen kann auch Giuseppe Scaglione mit seinem “Radio Monte Carlo Züri”.

Unter der Fernsehstationen kriegt “TeleZüri”, das seit ein paar Jahren Tamedia gehört, keine Konzession mehr. Dafür erhielt im Grossraum Zürich neu “TeleTop” den Zuschlag.

Das Uvek hat die Konzessionen für Radio und Fernsehen erteilt, Bundesrat Moritz Leuenberger erklärt seine Entscheidungen in diesen Minuten vor den Medien. Bereits in Stellung sind die Juristen, es wird eine Reihe Einsprachen geben.

Insgesamt beweist das Bundesamt für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) Mut. Sie geben Neuen eine Chance und bemühen sich, salopp, ausgedrückt, die “Spielwiese” zu vergrössern. Die Kriterien publizistische Qualität, Vielfalt und regionaler Bezug standen im Vordergrund.

Fragen, die sich in den nächsten Tagen und Wochen stellen:

– Wer hat besser lobbyiert?
– Sind die Entscheidungen politisch motiviert?
– Ging es darum, die Vormachtstellung von Tamedia und Ringier zurückzubinden?

Schliesslich: Wird sich die publizistische Qualität der elektronischen Medien auf dem Platz Zürich tatsächlich verbessern, nachdem die Entscheide des UVEK zu einem veritablen Erdbeben geführt haben?

Mit Christian Dorer wird ein kreativer Kopf Chefredaktor der “Mittelland Zeitung”

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Als wir uns zum ersten Mal begegneten, hatte er gerade den Stimmbruch hinter sich. Am Wochenende wurde seine Ernennung zum Chefredaktoren der “Mittelland Zeitung” publik. Christian Dorer konnte schon als Kantonsschüler ausgezeichnet schreiben, ab Februar 2009 wird der 33-jährige eine der auflagenstärksten Tageszeitungen der Schweiz führen. Eine steile Karriere.

Dorer verdingte sich als freier Mitarbeiter beim damaligen “Aargauer Tagblatt”, schrieb über Jungbürgerfeiern und Turnerabende, Vernissagen und Fasnachtsumzüge. Die Abgabe der Manuskripte wurde jeweils am Folgetag um 14 Uhr erwartet – eine Auflage, die einen lernt, effizient zu arbeiten. Gerade weil die Veranstaltungen oft bis tief in den Abend hinein dauerten und am nächsten Morgen wieder die Schule im Vordergrund stehen musste. Womöglich profitierte Dorer auch vom Gen in der Familie: seine Mutter ist seit vielen Jahren als Redaktorin tätig.

Nach einem abgebrochenen Studium, einem Abstecher in eine Lokalredaktion der “Aargauer Zeitung” und der Ringier-Journalistenschule arbeitete Dorer ab 2001 im Bundeshaus. Zuerst für den “Blick”, später für den “SonntagsBlick”, dessen stellvertretender Chefredaktor er vor zwei Jahren wurde. “Puuh, Boulevard!”, reklamiert da jemand. Falsch, finde ich. Dorer hat es bei Ringier verstanden, komplexe Sachverhalte konzis und unverzerrt auf den Punkt zu bringen.

Christian Dorer ist kreativ, er bringt immer wieder eigene, gut recherchierte Geschichten. Zudem ist er neugierig, richtig neugierig. Unvoreingenommen geht auf seine Gesprächpartner ein, hört ihnen gut zu, fragt nach. Das scheint mir besonders wichtig, denn: viele Medienschaffende haben heute keine Fragen mehr – bestensfalls noch Suggestivfragen. Der Thesenjournalismus grassiert. Das ist nicht Dorers Ding.

Er hat eine weitere Qualität: Im Gegensatz zu anderen Medienschaffenden plustert sich Dorer nicht auf, er interpretiert seine Rolle als Beobachter und Beleuchter, nicht als Akteur. Im Auftritt ist er bescheiden und hoch anständig. Ich erinnere mich, wie ich ihn letztes Jahr im Bundeshaus sah. Er traf sich mit einer Bundesrätin zu einem Interview.

Nach eigenen Angaben versteht sich Dorer auch in Zukunft als Journalist. Seit einigen Jahren sind Chefredaktoren vorab als Manager tätig, kaum mehr als Publizisten. Das hat mit dem enormen Konkurrenzkampf zu tun. Im Mittelpunkt stehen Auflagen, Budgets und die Bedürfnisse der Werbewirtschaft. Der redaktionelle Teil wird schleichend marginalisiert, in den Redaktionen sitzt die Angst vor der nächsten Sparrunde, Entlassungen und Einstellungen.

Wir dürfen gespannt sein, wie Christian Dorer sich und sein Blatt in diesem schwierigen Umfeld positioniert. Der Anspruch von Verleger Peter Wanner ist seit Jahren derselbe: Die “Mittelland Zeitung” soll eine publizistische Stimme werden, die auf nationaler Ebene wahrgenommen wird. Dorer wird auch intern kämpfen und sich durchsetzen müssen. Die Messer sind gewetzt, nicht alle mögen dem Wiederzuzüger den neuen Job gönnen.

Foto Christian Dorer: www.is.blick.ch

McCain vs. Obama oder Weshalb die erste TV-Debatte Mythos und Meilenstein wurde

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Heute morgen um 3 Uhr (MEZ) ging die zweite TV-Debatte zwischen John McCain und Barack Obama in Szene. Die Ausgangslage war klar: McCain liegt in allen Umfragen deutlich zurück, er musste also angreifen. Das tat er auch, allerdings mit durchzogenem Erfolg. Die meisten Kommentatoren und Umfragen sehen Obama obenauf.

So beginnt nun die Phase, die die Amerikaner oft als “going dirty” bezeichnen. Der 72-jährige republikanische Präsidentschaftskandidat hat nur noch eine Chance, wenn er viel Dreck gegen seinen Konkurrenten schleudert. Solche Strategien bzw. Aktionen werden unter dem Oberbegriff “Negative Campaigning” eingeordnet. In den USA haben sie eine lange Tradition.

Ein Meilenstein in der Entwicklung des Wahlkampfs war das erste TV-Duell zwischen einem demokratischen und republikanischen Kandidaten in den USA. Am 26. September 1960 standen sich im CBS-Studio in Chicago der amtierende Vize-Präsident Richard Nixon und John F. Kennedy gegenüber.

Nixon hatte gerade einen längeren Spitalaufenthalt hinter sich und dabei 14 Kilogramm verloren. Er war schlecht rasiert, im Studio schwitzte er, sein Gesicht war blass-grau und er litt unter Schmerzen, was man ihm ansah. Ganz anders Kennedy, der junge Senator aus Massachusetts: In einem Hotelzimmer hatte er sich mit einem Berater und einer Handvoll Kärtchen mit den entscheidenden Stichworten minutiös auf den TV-Auftritt vorbereitet.

Auf diese Weise warmgelaufen, dazu sonnengebräunt, jugendlich und charmant, überzeugte Kennedy eine Mehrheit der amerikanischen Fernsehzuschauer. Er blickte oft in die Kamera und sprach so das Publikum direkt an – ein Novum im Umgang mit dem damals noch jungen Medium. Laut Umfragen wechselten unmittelbar nach dieser Debatte mehrere Millionen Wähler vom Nixon- ins Kennedy-Lager. Der Kennedy-Mythos war geboren, allein über diese Debatte erschienen mehrere Bücher.

Die Debatte wurde zeitgleich auch am Radio ausgestrahlt. Die Radiohörer zweifelten nicht daran, dass Nixon klar gewonnen hatte. Er wirkte auf sie kompetenter als Kennedy.

Diese Erkenntnisse markierten einen Quantensprung. Sie beschäftigen uns bis heute: Non-verbale Kommunkation ist um ein Vielfaches stärker als para-verbale und verbale. Das Auge schlägt Ohr und Intellekt – immer. Charismatiker wie Bill Clinton oder Bertrand Piccard könnten uns irgendeinen Quatsch erzählen und wir fänden das grossartig.

Richard Nixon verlor 1960 nicht nur das erste Fernseh-Duell, sondern auch die Wahlen. 1968 schaffte er schliesslich den Sprung ins Weisse Haus. In seinen 1979 veröffentlichten Memorien schrieb er:

“When you appear on TV it is not important what you say. It is all about how you look.”
(sinngemäss: Es kommt nicht darauf an, was du am Fernsehen sagst. Entscheidend ist, wie du aussiehst.)

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Fotos:

– John McCain und Barack Obama: keystone
– John F. Kennedy und Richard Nixon: Images of America

Wenn Journalisten in die Politik wechseln wollen

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Rudolf Burger ist eine der prägenden Figuren bei der Berner Tageszeitung “Der Bund”. Mit beträchtlichem Aufwand pflegt der stellvertretende Chefredaktor seit vielen Jahren das “Samstagsinterview”. Dank Beharrlichkeit und guten Kontakten präsentiert er uns Leserinnen und Lesern immer wieder zum richtigen Zeitpunkt Persönlichkeiten, die auch etwas zu sagen haben.

Ein zweites Steckenpferd Burgers sind Wahlanalysen. Mit Akribe arbeitet sich der promovierte Politologe insbesondere in die Panaschierstimmenstatistiken ein. Dass diese Artikel kaum jemand liest bzw. viele überfordert, steht auf einem anderen Blatt.

Jetzt will Rudolf Burger (58) Gemeindepräsident in der Berner Vorortsgemeinde Bolligen werden. Das ist ein Halbamt und mit 80’000 Franken dotiert. Burger fordert die amtierende Margret Kiener Nellen (sp) heraus, gewählt wird am 9. November. Burger gehört zur Vereinigung “Bolligen Parteilos”, die vor vier Jahren mit einem Wähleranteil von knapp 20 Prozent drittstärkste Kraft im Dorf wurde.

Ein Journalist, der in die Politik wechseln möchte – das ist diffizil. “Der Bund” hat darum nach der Nomination Burgers in den regionalen Spalten klar gemacht, wie er diesen Fall handhaben will. Rudolf Burger trete “publizistisch nicht mehr (oder höchstens in Ausnahmefällen) in Erscheinung”.

Das Time-out ist ein Must, und es ist richtig, dass die Zeitung das klar kommuniziert. Die Klammerbemerkung – “höchstens in Ausnahmefällen” – irritiert hingegen. Gestern sagte Chefredaktor Artur K. Vogel auf Anfrage, dass er über diesen Einschub auch nicht glücklich sei. Die Redaktion sei personell aber so knapp dotiert, dass Burger bis zum Wahltermin unter Umständen trotzdem ein paar Mal einspringen müsse. Das ist verständlich – und bleibt diffizil. Burger beackert Bolligen nicht publizistisch.

Quereinsteiger, die aus dem Journalismus in die Politik wechselten, gibt es einige: Das jüngste Beispiel ist Filippo Leutenegger (fdp/ZH). Der ehemalige “Arena”-Dompteur und Chefredaktor des Schweizer Fernsehens gelang 2003 auf Anhieb der Sprung in den Nationalrat. 1991 schaffte dasselbe der ehemalige Sportjournalist Werner Vetterli (svp/ZH).

Verquickungen zwischen Journalismus und Politik waren in früheren Jahrzehnten die Regel statt die Ausnahme. Das lag vor allem an der Parteipresse. Der legendäre Willy Bretscher beispielsweise, mehr als 30 Jahre lang Chefredaktor der “Neuen Zürcher Zeitung”, sass von 1951 bis 1967 für die FDP im Nationalrat. Ein zweites prominentes Beispiel ist Martin Rosenberg, der Architekt der 1959 installierten Zauberformel im Bundesrat und ein guter Stratege. Er war Redaktor beim katholischen “Vaterland” aus der Zentralschweiz und gleichzeitig Generalsekretär der Konservativ-Christlichsozialen Volkspartei, der heutigen CVP.

Bei der NZZ hielt sich die Vermischung zwischen der erste Gewalt (Legislative) und der oft als vierte Gewalt apostrophierten Medien am längsten. Arthur Honegger war zugleich Redaktor im “Zürich”-Bund und gleichzeitig FDP-Mitglied im Zürcher Kantonsparlament. Jörg Kiefer wiederum, noch heute als NZZ-Korrespondent in den Kantonen Bern, Solothurn und Aargau tätig, war bis vor wenigen Jahren auch FDP-Kantonsrat in Solothurn.

Foto Rudolf Burger: bolligenparteilos.ch

Samuel Schmid und die neue Eruption

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Affären sind wie Ausbrüche von Vulkanen: Selten wird alles auf ein Mal ausgespuckt, es kommt fast immer zu mehreren Eruptionen. So ist das auch mit der Affäre um den ehemaligen Armeechef Roland Nef und Bundesrat Samuel Schmid.

Wie wir am Nachmittag dank den hartnäckigen Recherchen von Radio-DRS-Reporter Philipp Burkhardt erfuhren, hat Schmid die Unwahrheit gesagt. Er wusste schon viel früher Bescheid über das Strafverfahren gegen Nef als er ursprünglich sagte. Die Widersprüche werden immer verwirrender.

CVP-Ständerat Bruno Frick ist “peinlich berührt”. Sein Ratskollege Hans Altherr (FDP), bislang in dieser Affäre als sehr besonnener Politiker aufgefallen, fragt, ob Schmid noch haltbar sei.

Die neue Eruption kam zu einem Zeitpunkt, als man schon glaubte, der Vulkan sei wieder erloschen – und sie kam heftig. Ein blosses Nachbeben war das nicht. Die nächsten Tagen wird eine neue Welle von Rücktrittsforderungen und Zweifel an Schmids Handlungsfähigkeit folgen.

Man kann aus dieser Affäre etwas lernen: Früher oder später kommt alles ans Tageslicht.

Foto Roland Nef und Samuel Schmid: keystone

“Die Idee des Botellón hat mit einem Massenbesäufnis wenig zu tun”

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Gestern Abend ging das erste Botellón in der deutschen Schweiz in Szene, laut nzz.ch sollen etwa 2000 Personen dabei gewesen sein. Offensichtlich waren mehr Medienschaffende als Betrunkene zugegen.

Heute Abend soll auch in Bern ein Botellón stattfinden. Die Behörden haben den Anlass nicht explizit verboten. Sie wollen ihn auf öffentlichem Grund aber auch nicht tolerieren, wie Stadtpräsident Alexander Tschäppät in einem Interview auf der Diskussionsplattform wahlbistro.ch erklärte.

Ich befragte Bruno B., er ist Sprecher bzw. “Facebook”-Administrator der Berner Botellón-Gruppe. Er gab bislang einzig gegenüber Spiegel-Online Auskunft.

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Printversion dieses Interviews (PDF)

Die Berner Stadtbehörden wollen den Botellón von heute Abend nicht zulassen. Halten Sie an der Durchführung fest?

Bruno B: Es besteht rechtlich keine Grundlage, diesen Event zu verbieten, da in unserem Land Versammlungsfreiheit herrscht. Das Botellón wird mit oder ohne Segen der Stadtväter durchgeführt.

Ich stelle mir das Szenario von heute Abend bizarr vor: Ein paar Hundert Menschen treffen sich auf einem öffentlichen Platz, Suchthilfe-Experten schwärmen aus, die Polizei markiert Präsenz – und schreitet irgendwann einmal ein, um den Event aufzulösen. Ich finde das nicht prickelnd, und Sie?

Eine prickelnde Provokation steht hier nicht zur Debatte. Wenn Suchthilfe-Experten vor Ort sind, ist dies eine Präventionsaktion, die ich nur begrüssen kann. Gleichwohl erinnert mich das von Ihnen geschilderte Szenario eher an eine unbewilligte Demonstration des „Schwarzen Blocks“, wo Aggression, Gewalttätigkeit und Sachbeschädigung zum obligaten Programm gehören. Ich möchte nochmals darauf hinweisen, dass es sich beim 1. Berner Botellón um ein geselliges Beisammensein von Jugendlichen handelt. Der Begriff „Massenbesäufnis“ stammt aus der Medienküche und hat mit der Idee des Botellóns wenig zu tun. Am Ende wird sich herausstellen, dass viel Wind um nichts gemacht wurde.

Wäre es rückblickend nicht besser gewesen, wenn sich ein Organisationskomitee gebildet hätte? Dieses hätte frühzeitig mit den Behörden in Kontakt treten und ein Gesuch für die Durchführung dieses Anlasses stellen können.

Ein Botellón funktioniert ohne Organisatoren, es werden nur Datum, Ort und Zeit bekannt gegeben. Die Leute finden sich am angekündigten Ort aus eigener Initiative ein. Es steht auch kein Verantwortlicher zur Verfügung, der für allfällige Folgen angeprangert werden kann, da jeder für sich selbst verantwortlich ist. Wir sind alle mündige Bürger, dürfen wählen gehen und bezahlen Steuern. Ich appelliere an den gesunden Menschenverstand der Teilnehmer.

Die Stadtbehörden und Stadtpräsident Tschäppät haben wiederholt via Medien mitgeteilt, dass ein Botellón bewilligungspflichtig sei. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, ein solches Gesuch würde bei Einreichung auf jeden Fall abgelehnt werden. Das Einreichen einer Bewilligung würde somit zur Farce, deshalb haben wir auf diesen sinnlosen administrativen Aufwand bewusst verzichtet.

Auf der Internet-Plattform „Facebook“ rufen Sie die Teilnehmenden auf, keinen Abfall zu hinterlassen, auf Aggressionen und Gewalt zu verzichten, und, wenn überhaupt, massvoll Alkohol zu trinken. Reicht dieser Aufruf?

Mehr als einen Aufruf kann ich nicht machen, schlussendlich ist jeder für sich, seine Taten und deren Folgen selbst verantwortlich. Meine Freunde und ich werden uns daran halten, aber ich kann nicht die Hand ins Feuer legen für Personen, die ich nicht kenne. Wie schon Martin Luther King sagte „I have a dream“, habe auch ich einen Traum: den Traum von einem friedlichen Botellón.

Seit Wochen herrscht wegen den Botellones nicht nur Aufregung, sondern schweizweit eine regelrechte Empörung. Können Sie das nachvollziehen oder ist die junge Partygeneration von lauter Bünzlis umzingelt?

Die Presse steckt im Sommerloch und die Politiker müssen sich aufgrund der Neuwahlen profilieren. Wäre der ganze Medien-Hype nicht gewesen, hätten sich niemals so viele Leute bei den Botellones angemeldet. Es wird ein gemütlicher Umtrunk, und hoffentlich werden die Kritiker eines besseren belehrt. Beim nächsten Botellón sind auch die Bünzlis herzlich eingeladen, sie müssen sich nur auf Facebook registrieren und sich der Berner Botellón-Gruppe anschliessen.

Die Organisatoren des Botellón in Zürich von gestern Abend haben den Kontakt mit den Medien schon vor einigen Tagen abgebrochen. Sie fühlen sich nach eigenen Angaben missverstanden, das „Massenbesäufnis“ werde herbeigeschrieben. Welche Erfahrungen haben Sie bislang mit den Medien gemacht?

Mit den Schweizer Medien pflege ich keinen Kontakt. Ich habe aus den Fehlern meiner Vorgänger gelernt, die den reisserischen Artikeln der Medienschaffenden zum Opfer fielen. Einzig Spiegel-Online und nun Wahlbistro.ch bzw. dem Wahlkampfblog gewähre ich Interviews in schriftlicher Form, da mir diese Publikationen Anonymität zugesichert haben und ich von deren Integrität überzeugt bin.

Was müssten Sie befürchten, wenn Sie hier mit Ihrem bürgerlichen Namen und einem Foto aufscheinen würden?

Bei Neueinstellungen verwenden Personalchefs vermehrt Google und Facebook, um zusätzliche Informationen über die Bewerber zu erhalten. Durch Veröffentlichung meines Namens wäre ich auf Lebzeiten als Organisator eines sogenannten Massenbesäufnisses gebrandmarkt. Falls ich mich nicht gerade bei Carlsberg um eine Stelle bewerbe, wäre dies kaum förderlich für meine weitere berufliche Laufbahn.

Interview: Mark Balsiger

Archivbild: sueddeutsche.de