Gestern Abend ging das erste Botellón in der deutschen Schweiz in Szene, laut nzz.ch sollen etwa 2000 Personen dabei gewesen sein. Offensichtlich waren mehr Medienschaffende als Betrunkene zugegen.
Heute Abend soll auch in Bern ein Botellón stattfinden. Die Behörden haben den Anlass nicht explizit verboten. Sie wollen ihn auf öffentlichem Grund aber auch nicht tolerieren, wie Stadtpräsident Alexander Tschäppät in einem Interview auf der Diskussionsplattform wahlbistro.ch erklärte.
Ich befragte Bruno B., er ist Sprecher bzw. “Facebook”-Administrator der Berner Botellón-Gruppe. Er gab bislang einzig gegenüber Spiegel-Online Auskunft.
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Die Berner Stadtbehörden wollen den Botellón von heute Abend nicht zulassen. Halten Sie an der Durchführung fest?
Bruno B: Es besteht rechtlich keine Grundlage, diesen Event zu verbieten, da in unserem Land Versammlungsfreiheit herrscht. Das Botellón wird mit oder ohne Segen der Stadtväter durchgeführt.
Ich stelle mir das Szenario von heute Abend bizarr vor: Ein paar Hundert Menschen treffen sich auf einem öffentlichen Platz, Suchthilfe-Experten schwärmen aus, die Polizei markiert Präsenz – und schreitet irgendwann einmal ein, um den Event aufzulösen. Ich finde das nicht prickelnd, und Sie?
Eine prickelnde Provokation steht hier nicht zur Debatte. Wenn Suchthilfe-Experten vor Ort sind, ist dies eine Präventionsaktion, die ich nur begrüssen kann. Gleichwohl erinnert mich das von Ihnen geschilderte Szenario eher an eine unbewilligte Demonstration des „Schwarzen Blocks“, wo Aggression, Gewalttätigkeit und Sachbeschädigung zum obligaten Programm gehören. Ich möchte nochmals darauf hinweisen, dass es sich beim 1. Berner Botellón um ein geselliges Beisammensein von Jugendlichen handelt. Der Begriff „Massenbesäufnis“ stammt aus der Medienküche und hat mit der Idee des Botellóns wenig zu tun. Am Ende wird sich herausstellen, dass viel Wind um nichts gemacht wurde.
Wäre es rückblickend nicht besser gewesen, wenn sich ein Organisationskomitee gebildet hätte? Dieses hätte frühzeitig mit den Behörden in Kontakt treten und ein Gesuch für die Durchführung dieses Anlasses stellen können.
Ein Botellón funktioniert ohne Organisatoren, es werden nur Datum, Ort und Zeit bekannt gegeben. Die Leute finden sich am angekündigten Ort aus eigener Initiative ein. Es steht auch kein Verantwortlicher zur Verfügung, der für allfällige Folgen angeprangert werden kann, da jeder für sich selbst verantwortlich ist. Wir sind alle mündige Bürger, dürfen wählen gehen und bezahlen Steuern. Ich appelliere an den gesunden Menschenverstand der Teilnehmer.
Die Stadtbehörden und Stadtpräsident Tschäppät haben wiederholt via Medien mitgeteilt, dass ein Botellón bewilligungspflichtig sei. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, ein solches Gesuch würde bei Einreichung auf jeden Fall abgelehnt werden. Das Einreichen einer Bewilligung würde somit zur Farce, deshalb haben wir auf diesen sinnlosen administrativen Aufwand bewusst verzichtet.
Auf der Internet-Plattform „Facebook“ rufen Sie die Teilnehmenden auf, keinen Abfall zu hinterlassen, auf Aggressionen und Gewalt zu verzichten, und, wenn überhaupt, massvoll Alkohol zu trinken. Reicht dieser Aufruf?
Mehr als einen Aufruf kann ich nicht machen, schlussendlich ist jeder für sich, seine Taten und deren Folgen selbst verantwortlich. Meine Freunde und ich werden uns daran halten, aber ich kann nicht die Hand ins Feuer legen für Personen, die ich nicht kenne. Wie schon Martin Luther King sagte „I have a dream“, habe auch ich einen Traum: den Traum von einem friedlichen Botellón.
Seit Wochen herrscht wegen den Botellones nicht nur Aufregung, sondern schweizweit eine regelrechte Empörung. Können Sie das nachvollziehen oder ist die junge Partygeneration von lauter Bünzlis umzingelt?
Die Presse steckt im Sommerloch und die Politiker müssen sich aufgrund der Neuwahlen profilieren. Wäre der ganze Medien-Hype nicht gewesen, hätten sich niemals so viele Leute bei den Botellones angemeldet. Es wird ein gemütlicher Umtrunk, und hoffentlich werden die Kritiker eines besseren belehrt. Beim nächsten Botellón sind auch die Bünzlis herzlich eingeladen, sie müssen sich nur auf Facebook registrieren und sich der Berner Botellón-Gruppe anschliessen.
Die Organisatoren des Botellón in Zürich von gestern Abend haben den Kontakt mit den Medien schon vor einigen Tagen abgebrochen. Sie fühlen sich nach eigenen Angaben missverstanden, das „Massenbesäufnis“ werde herbeigeschrieben. Welche Erfahrungen haben Sie bislang mit den Medien gemacht?
Mit den Schweizer Medien pflege ich keinen Kontakt. Ich habe aus den Fehlern meiner Vorgänger gelernt, die den reisserischen Artikeln der Medienschaffenden zum Opfer fielen. Einzig Spiegel-Online und nun Wahlbistro.ch bzw. dem Wahlkampfblog gewähre ich Interviews in schriftlicher Form, da mir diese Publikationen Anonymität zugesichert haben und ich von deren Integrität überzeugt bin.
Was müssten Sie befürchten, wenn Sie hier mit Ihrem bürgerlichen Namen und einem Foto aufscheinen würden?
Bei Neueinstellungen verwenden Personalchefs vermehrt Google und Facebook, um zusätzliche Informationen über die Bewerber zu erhalten. Durch Veröffentlichung meines Namens wäre ich auf Lebzeiten als Organisator eines sogenannten Massenbesäufnisses gebrandmarkt. Falls ich mich nicht gerade bei Carlsberg um eine Stelle bewerbe, wäre dies kaum förderlich für meine weitere berufliche Laufbahn.
Interview: Mark Balsiger
Archivbild: sueddeutsche.de







