Samuel Schmid und die Volksjustiz

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Aus einer Mücke wird ein Elefant, aus einem politischen Fehler eine Staatsaffäre. Aus Spekulationen werden innerhalb von 24 Stunden knallharte Fakten. Bundesräte sollen zurücktreten. Journalisten machen Überstunden, Kommunikationsspezialisten auch. Köpfe werden röter, die Temperaturen steigen.

Willkommen im Sommertheater 2008.

Vor Jahresfrist wählte der Gesamtbundesrat Roland Nef zum neuen Chef der Armee. Zu diesem Zeitpunkt war das Strafverfahren, das seine ehemalige Partnerin ausgelöst hatte, noch nicht eingestellt. Sie bekundete aber schon damals, dass sie kein Interesse mehr an einer rechtlichen Beurteilung ihrer Vorwürfe habe.

Aus heutiger Sicht wäre es zweifellos richtig gewesen, wenn Samuel Schmid die anderen Mitglieder des Bundesrats über das Strafverfahren gegen Nef informiert hätte. Aus der damaligen Sicht war diese Information nicht zwingend. Die private Angelegenheit Nefs war de facto abgeschlossen, nicht aber de jure. Das ist gemäss Juristen jeweils eine reine Formsache.

Ich finde es falsch, dass Schmid die Krise – und das ist seit Montag definitiv eine! – nun offenbar aussitzen will. Nachdem der Fall in der “SonntagsZeitung” angestossen wurde, hätte ein schnelles Handeln den Brand löschen können. Schon am frühen Sonntagmittag hätte im VBS klar sein müssen, dass der Vorsteher an die Öffentlichkeit treten muss – Ferien hin oder her.

Eine Medienkonferenz am Montagmorgen wäre die richtige Strategie gewesen. Auch wenn Schmid vermutlich kaum etwas Neues zu sagen gehabt hätte. In solchen Situationen geht es schlicht darum hinzustehen und sich den vielen Fragen der Journalisten zu stellen. Auf diese Weise kann die Spitze des Speeres gebrochen werden.

Der Aufwand für eine offensive Abwicklung des Falles wäre bescheiden gewesen. Stattdessen ist jetzt eine Medienkampagne im Gang, die so schnell nicht mehr stoppt. Sie braucht Nerven, kostet Zeit und hinterlässt einen beträchtlichen Flurschaden. Hässlich ist die eigentliche Volksjustiz, die eingesetzt hat. Wider besseren Wissens wird in Internet-Foren anonym diffamiert, dass einem bei der Lektüre angst und bange wird.

Foto Samuel Schmid: keystone

Samuel Schmid, Roland Nef, dessen Ex-Partnerin und die Medien

Land unter im Tessin. Bundesrat Samuel Schmid und Roland Nef, seit Anfang Jahr Chef der Armee, steht das Wasser bis zum Hals. Zu diesem Schluss kommt, wer die Berichte und Kommentare vereinzelter Medien seit dem Primeur der “SonntagsZeitung” vor zwei Tagen gelesen hat.

Der “Tages-Anzeiger” fordert Schmid auf, sich zu verabschieden: “Time to Say Goodbye” lautet der Titel des heutigen Kommentars. Der “Blick” macht Details aus dem privaten Umfeld von Roland Nef publik und die “Neue Luzerner Zeitung” wieder schrieb schon gestern von einer Schmierenkampagne. Die NZZ schliesslich ordnet zurückhaltend ein.

Der Fall Nef ist zweifellos auch ein Fall Schmid. Interessant ist aber auch die Rolle der Medien. Was meinen Sie?

10vor10 hat Bern wieder rehabilitiert – Stadtpräsident Tschäppät jubiliert

Seit Jahren ist in den Medien eine Entwicklung zur Emotionalisierung, Personalisierung, Skandalisierung und Trivialisierung zu beobachten. Oft wird ihnen vorgeworfen, dass sie sich nur auf das Negative stürzen. In der Tat gilt auf vielen Redaktionen: “good news are no news”.

oranje3_20min_bundesplatz.JPGDie SF-Nachrichtensendung “10vor10” machte Anfang Woche eine Ausnahme und produzierte einen Positiv-Beitrag, wie man ihn selten zu sehen bekommt (“Bern im Aufwind”). Auslöser war die Vergabe der Einkunstlauf-EM 2011. Bern hat den Zuschlag erhalten. Das liess sich wunderbar verbinden mit der aktuellen Fussball-EM, die in Bern dank den holländischen Gästen hohe Wellen schlug (siehe Bild nebenan), und der Eishockey-EM im kommenden Jahr.

In bester Laune zog Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät mit “10vor10”-Korrespondent Urs Wiedmer unter den Baldachin beim umgestalteten Bahnhofplatz und zum neuen Eisstadion, das zurzeit gebaut wird. Die Botschaften: “Wir gaben und geben Bern ein neues modernes Gesicht; wir investieren im grossem Stil.” Die Suggestivkraft der Bilder ist überwältigend.

Ich finde es legitim, diesen Beitrag an Tschäppät aufzuhängen, auch wenn dieser im Wahlkampf steht. Das ist der Bonus des Bisherigen. Es dürfte für ihn Balsam sein, nach dem gnadenlosen Bern-Bashing im letzten Herbst, bei dem Tschäppät wie nie zuvor an die Kasse kam.

Die Quintessenz: In Bern herrscht wieder Friede, Freude, Eierkuchen; es wird gebaut. “10vor10” hat die Stadt nach der “Schande von Bern” wieder rehabilitiert. Alexander Tschäppät wird innerlich jubilieren. Die enorme Medienpräsenz kommt für ihn zum besten Zeitpunkt.

Doch zurück zum “10vor10”-Beitrag: Die letzten 15 Sekunden gehören ausschliesslich Urs Wiedmer, dem Korrespondenten des SF, einem Berner. Er stellt sich auf der Kirchenfeldbrücke vor die Kamera, das Münster im Hintergrund. Seine Sätze sind es wert, hier tel quel wiedergegeben zu werden:

“‘I ha Bärn gärn.’
Dies ist für viele Berner wieder mehr als nur ein Lippenbekenntnis. Wir Berner sind wieder wer. Wir sind stolz auf unsere Stadt. Auf die Hauptstadt der Schweiz. Bern ist nicht mehr nur Zürich-West oder Amsterdam-Süd.
Bern ist Bern.”

Der Beitrag ist handwerklich gut gemacht, der Schluss hingegen wirft Fragen auf: Urs Wiedmer gibt Sätze von sich, die in einer Werbeagentur nach einer ersten müden Sitzung auf dem Notizblock stehen könnten. Er wechselt urplötzlich die Seite, lässt jede Distanz vermissen und wird zum Mediensprecher von Bern Tourismus. Damit untergräbt er seine Glaubwürdigkeit als Journalist.

Im “Leutschenbach” wird Wiedmers Beitrag noch zu weiteren Diskussionen führen. Wir dürfen gespannt sein, was Chefredaktor Ueli Haldimann in seinem Blog dazu schreibt – und was SRG-Ombudsmann Achille Casanova meint. So er denn angerufen wird.

Foto Bundeshausplatz in Oranje: 20Minuten online
Foto Alexander Tschäppät: www.euro08-bern.ch

TCS tappte Bastien Girod in die Falle

Bastien Girod, der 27-jährige Nationalrat der jungen Grünen, ist ein cleverer Campaigner. Unvergessen ist seine Aktion im letzten Sommer, die er mit einer Handvoll Kolleginnen und Kollegen durchzog. Ihre (Nicht-)Striptease vor einem Zürcher Polizeiposten ging durch alle Medien. Das war Wahlkampf wie aus dem Lehrbuch.

Girod mutierte zum Liebling der Medien, was viele andere Nationalratskandidierende mit Neid zur Kenntnis nehmen mussten. Medienaufmerksamkeit ist einer der entscheidenen Faktoren im Wahlkampf, Bastien Girod wurde am 22. Oktober 2007 gewählt.

Wie die “SonntagsZeitung” gestern publik machte, will der Touring-Club der Schweiz (TCS) die parlamentarische Immunität des Neo-Nationalrats aufheben. Grund: Girod soll mit seiner Kampagne für die Stopp-Offroader-Initiative Urheberrechte verletzt haben. Die Ähnlichkeit der Sujets ist Teil seiner Strategie, aber urteilen Sie selbst:

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Bastien Girod droht eine Stafanzeige wegen Verletzung des Urheberrechts und unlauterem Wettbewerb. TCS-Sprecher Stephan Müller wird heute so zitiert: “Herr Girod sind alle Mittel recht, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Er hat uns auf billige Weise kopiert. Wir beharren auf unserem Recht.”

Müller hat in zweifacher Hinsicht Recht. Plagiat ist Plagiat. Bloss: Nur weil der TCS beantragt, Girods parlamentarische Immunität aufzuheben, schaffte es diese Geschichte überhaupt in die Schlagzeilen. Und das war zweifellos die Absicht von Bastien Girod. Für die Stopp-Offroader-Initiative fehlen nämlich noch rund 10’000 Unterschriften. Auf Ende Juni müssen sie beisammen sein. Die Schützenhilfe des TCS ist Gold wert, er tappte Girod in die Falle.

Diese an sich amüsante Story, die heute in praktisch allen relevanten Zeitungen der deutschen Schweiz aufscheint, ruft den Schweizerinnen und Schweizern die Initiative wieder in Erinnerung. Das ist ein erster und wichtiger Schritt. Die Unterschriften bringt man allerdings fast nur auf der Strasse zusammen, Websites und Unterschriftenbogen, die etwa in Zeitschriften eingesteckt werden, helfen kaum weiter. Girod & Co müssen nochmals kräftig in die Hände spucken.

P.S. Natürlich habe ich auch etwas zu bemäkeln: Girod ist auf seinem neusten Sujet wieder zum Nationalratskandidaten geworden. Die URL www.stopphumorloseautoverbände.ch, die mitunter in Umlauf gebracht wird, führt ins Leere. Kleine Unterlassungen, gewiss.

Fotos:

– www.jungegruene.ch/zh
– www.bastiengirod.ch
– www.persoenlich.com

SVP Bern: Rettungsversuch von Hermann Weyeneth & Co

Die SVP auf fast allen Kanälen – auch hier.

“10vor10” meldete gestern Abend, die Abtrünnigen der Berner SVP seien sich ihrer Sache bereits nicht mehr sicher. Aber gucken Sie selber.

Natürlich laufen die Drähte im Hintergrund heiss. Aber nicht nur ausgelöst vom ehemaligen Berner Kantonalpräsidenten und Nationalrat Hermann Weyeneth (Bild), der zusammen mit Gleichgesinnten die Spaltung der SVP Bern verhindern will.

weyeneth1.jpgSein Rettungsversuch kommt zu spät, es gibt keinen Weg zurück. Es gibt auch keinen dritten Weg und schon gar keine Möglichkeit, der SVP Schweiz Auflagen für eine Rückkehr in die Mutterpartei zu machen.

Jahrelang wurden die liberaleren Kräfte innerhalb der Berner SVP gedehmütigt und lächerlich gemacht. Am Montag haben sie die Konsequenzen gezogen und die Flucht nach vorne angetreten. Fallen sie jetzt um, verlieren sie ihre Glaubwürdigkeit. Das können sie sich schlicht nicht leisten, weil jeder Nebensatz, den sie verbal oder in Mails äussern, in der Öffentlichkeit seziert und interpretiert wird.

Und zum Schluss noch dies: Ein Korrigenda zuhanden der “10vor10”-Redaktion: Hans Grunder ist einer der Wortführer der Abtrünnigen, aber nicht Präsident der SVP Bern.

Foto Hermann Weyeneth: keystone

Ueli Maurer darf nicht, Toni Brunner will nicht – und die SVP boykottiert die “Arena”

Schon lange nicht mehr war es so früh klar, mit welchem Thema die “Arena” aufwarten wird. Der Ausschluss der Bündner SVP-Sektion aus der Mutterpartei, die angekündigte Abspaltung der liberalen Berner SVP-Mitglieder und die Gründung einer liberalen Fraktion im Kanton Glarus führten zu einem mittleren Erdbeben in der Schweizer Parteienlandschaft.

Entsprechend heisst der Titel der Sendung von heute Abend auch “SVP-Spaltung – was jetzt?”.

Seitens der “Stamm”-SVP hätte Parteipräsident Toni Brunner teilnehmen sollen. Die “Arena”-Redaktion wollte ihn oder einen der Vizepräsidenten dabei haben. Die Parteileitung hingegen entschied, dass Ueli Maurer der Vertreter der Volkspartei im Ring sein solle. Das wiederum akzeptierte die Redaktion nicht und so wird die Sendung ohne SVP-Beteiligung über die Bühne gehen. Selbstverschuldet draussen vor der Tür – frei nach Wolfgang Borchert. Besser noch passt ein Sprichwort: Les absents ont toujours tort.

Nicht zum ersten Mal kam es zum Armdrücken zwischen der “Arena”-Redaktion und der SVP Schweiz. Vor ein paar Wochen gewann die Volkspartei, als sie ihren Christoph Blocher als Teilnehmer der Abstimmungs-“Arena” zur Einbürgerungs-Initiative durchdrückte. Dieses Mal schwang das Medium obenaus. Es ist zweifellos richtig, dass die Redaktion abschliessend bestimmt, wer teilnimmt.

Die Gilde der Kaffeesatzleser wird die nächsten Tage mit der Frage beschäftigt sein, weshalb die SVP-Spitze ihren Präsidenten und die beiden “Vize” Adrian Amstutz oder Christoph Blocher offenbar nicht in den Ring schicken wollte.

Schlagzeilen zum dreifachen Nein

Das bekannteste Bahnhofbuffet in der Schweiz steht zweifellos in Olten. Beim Warten auf einen Anschlusszug konnte ich mich heute Morgen seinem zweifelhaften Charme entziehen. Stattdessen überflog ich am Kiosk die Schlagzeilen der Tageszeitungen. Dass die SVP untendurch muss, war klar. Eine Auswahl:

Stimmvolk stellt SVP ins Abseits
(Neue Luzerner Zeitung)

Volk verpasst der SVP dreifache Niederlage
(Tages-Anzeiger)

Schlappe für die SVP
(Mittelland-Zeitung)

Schwarzer Sonntag für die SVP
(Basler Zeitung)

Dämpfer für die SVP
(Der Bund)

Volk erteilt SVP dreifache Abfuhr
(20Minuten)

Schweizerische Verlierer-Partei
(.ch)

SVP-Debakel
(Blick)

Triple gifle pour ‘UDC
(L’Express; sinngemäss: Dreifache Ohrfeige für die SVP)

Le peuble suisse envoie l’UDC au tapis
(La Liberté; sinngemäss: Das Volk holt die SVP auf den Boden zurück)

Die SVP teilt aus – und muss bös einstecken
(Die Südostschweiz)

Eveline Widmer-Schlumpf vs Christoph Blocher: Das Duell in der “Arena” blieb aus


Die gestrige “Arena” über die Einbürgerungs-Initative war in erster Linie ein Medienereignis. Zu einem Showdown zwischen Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf und ihrem Vorgänger Christoph Blocher ist es nicht gekommen. Beide verzichteten auf persönliche Angriffe oder Sticheleien, beide sprachen über die Abstimmungsvorlage und nichts anderes. Widmer-Schlumpf argumentierte zuweilen etwas umständlich und formaljuristisch, phasenweise wieder souverän, aber stets ruhig. Blocher wiederum trat auf, wie man ihn kennt: temperament- und kraftvoll, blitzschnell im Kontern.

Der Ausgang der Abstimmung vom 1. Juni ist im Moment offen. Das gab der Sendung eine überragende Bedeutung. Entsprechend angespannt waren die Akteure im Ring wie in den hinteren Rängen. Über die gesamte Dauer fielen sie sich immer wieder ins Wort. Geschätzt ein Viertel aller Voten war akustisch kaum verständlich, weil zwei, drei oder sogar vier Protagonisten gleichzeitig drauflos redeten. Erinnerungen an die Anfangszeit der “Arena” Mitte der 90er-Jahre wurden wach.

Die Auseinandersetzung gestern Abend endete unentschieden. Trotzdem gibt es einen klaren Sieger: das Schweizer Fernsehen. Es dürfte eine Traumquote eingefahren haben.

Foto: Blick online

WOZ will UBS übernehmen

Exgüsé, aber dieser Vlog, den ich eben auf “youtube” entdeckte, will ich Ihnen nicht vorenthalten. Er hilft wunderbar, sich für das Wochenende einzustimmen. Anklicken, gucken, schmunzeln – und sich für diese Woche aus dem Büro verabschieden.

http://youtube.com/watch?v=j8kPxuW1G2I  

Interessant übrigens, wie die Google-Suchmaschine auf die Eingabe “WOZ will UBS übernehmen” reagierte. Sie war verwirrt, konnte mithin mit der Abkürzung UBS gar nicht anfangen:

Meinten Sie: “WOZ will UHBS übernehmen”  

Wenn das bloss keine böse Vorausahnung ist! 

Was man grundsätzlich aus dem Dok-Film “Die Abwahl” lernen kann

Die politische Schweiz erlebt schon wieder dramatische Zeiten. Ich zweifle inzwischen nicht mehr daran, dass der Dok-Film “Die Abwahl – die Geheimoperation gegen Christoph Blocher” von Hansjuerg Zumstein erklassiger Zunder war. Den Scheiterhaufen hatte die SVP-Spitze schon laengst aufgeschichtet. Der Film war die ideale Gelegenheit, in bekannter Manier einen Brand zu legen.

SP-Fraktionschefin Ursula Wyss, eine der Protagonistinnen des Dok-Films, streut sich Asche ueber ihr Haupt. In der Tageszeitung “Der Bund” vom Freitag bedauert sie “die Auswirkungen des Films”. Es ist grundsaetzlich nie zu spaet fuer ein “mea culpa”. Das koennte auch CVP-Praesident Christophe Darbellay dazu bringen, ein glaubwuerdiges Pardon fuer seinen Auftritt in diesem Film folgen zu lassen.

Eine der Schluesselstellen von “Die Abwahl”: Darbellay sagt, er habe “solide Garantien”, dass Eveline Widmer-Schlumpf die Wahl annehmen wuerde. Als Filmer Zumstein nachhakt, wer diese soliden Garantien gegeben habe, entgegnet Darbellay, dass er das fuer sich behalten werde. Bei dieser Passage des Films schrie ich auf. Einerseits weil es ungeschickt ist, den Sack wie einen Oscar zu schwenken, aber partout nicht zu sagen, was sich im Sack befindet. Andererseits weil Darbellay sich in dieser Passage non-verbal wie para-verbal selber ueberfuehrt.

Es war ein gravierender Fehler, dass Ursula Wyss, Christophe Darbellay und – in einem reduzierten Mass – die Fraktionschefin der Gruenen, Therese Froesch, in diesem Dok-Film mitmachten. Sie haetten ihren Erfolg besser still genossen, als ihn oeffentlich noch vergolden zu wollen. Der Buendner SP-Nationalrat Andrea Haemmerle verzichtete wohlweislich darauf, selber Aussagen beizusteuern. Ohne Schluesselfiguren der heterogenen Anti-Blocher-Gruppierung im Parlament haette Zumstein den Film kaum realisiert, mithin waere mehr Zeit verstrichen. Wertvolle Zeit, die haette aufzeigen koennen, dass Widmer-Schlumpf eine faehige Bundesraetin ist und weiterhin Platz hat in der SVP.

Wyss wie Darbellay kriegten ihr Fett ab – medial wie parteiintern. Beide stehen heute schwaecher da als in den ersten Wochen nach den Bundesratswahlen.

Mir geht es in diesem Beitrag nicht darum, Salz in diese offenen Wunden zu streuen. Vielmehr nehme ich etwas auf, was jemand aus meinem Umfeld kritisierte: “Die beiden haben offenbar wenig Ahnung von professioneller Medienarbeit – das war nicht Champions League, wie man es auf Grund ihrer Positionen erwarten muesste.” Ein happiger Vorwurf.

Welche Lehren lassen sich aus diesem Film ziehen? Ich beschraenke mich auf die drei aus meiner Sicht elementarsten Aspekte:

1. Bevor man einwilligt, ein Interview zu geben, sind die Spielregeln detailiert zu vereinbaren. Diesem Ansinnen widersetzt sich kein Medienschaffender. (Moegliche Fragen sind: Mundart oder Hochdeutsch?; Sendegefaess?; Wer kommt in diesem Beitrag sonst noch zu Wort?; Stossrichtung?) Keine Details sind bei Filmaufnahmen der Hintergrund und die Einstellung der Kamera. Die Macht des Bildes ist erschlagend. Wenn ein Kameramann will, verliert der Interviewte, ganz egal, wie gut er sich inhaltlich schlaegt.

2. Bei laengeren Interviews sollte ein Interviewter zwingend eine Zweitperson beiziehen, die das Metier aus dem Effeff kennt. Zwei Ohrenpaare hoeren besser. Diese Zweitperson ist im Vorfeld des Interviews der Sparringpartner, der danach auch beim Aufwaermen vor dem Auftritt hilft. Ist die Stossrichtung eines Interviews sensibel, draengt sich eine minutioese Vorbereitung auf. Die Kernbotschaften muessen sitzen.

3. Der medienrechtliche Aspekt: Der Interviewte darf seine Aussagen und Aufnahmen danach nochmals in Ruhe hoeren bzw. sehen. Sie muessen von ihm autorisiert werden. Auch beim Autorisieren empfehle ich, eine Fachperson beizuziehen.

In der Privatwirtschaft und bei Bunderaeten ist es laengst Usus, diesen drei Aspekten zentrale Bedeutung zu geben. In der restlichen Polik muss offensichtlich zuerst noch teures Lehrgeld bezahlt werden. Als Beispiel sei hier der Stadtberner Polizeidirektor Stephan Huegli erwaehnt: Nach seinem Kommunikations-GAU im Nachgang des Krawalls vom 6. Oktober stellte er einen Medienberater an. Das merkt man Hueglis Auftritten und Interviews inzwischen an.

P.S. Hintergruendiges zur Entstehung des Dok-Films und den ersten Wirbel gibt es auf der Website des Zuercher Pressevereins. Filmer Hansjuerg Zumstein nimmt dort in einem Interview Stellung – ein wichtiger Beitrag, auch heute noch.