Die Fussstapfen von Christian Levrat sind gross

Jede Bundesrätin, jeder Parteipräsident möchte die Ankündigung des eigenen Rücktritts mit einem aktuellen Erfolg verknüpfen. Das ist SP-Chef Christian Levrat nicht gelungen. Er hat zwar die Wiederwahl als Ständerat in Fribourg im zweiten Wahlgang geschafft, für die Schlappe seiner Partei – minus 2 Prozentpunkte, erstmals seit 100 Jahren weniger als 40 Sitze im Nationalrat, mindestens 4 Verluste im Ständerat (AG, BL, NE, VD) – wird er aber mitverantwortlich gemacht.

Es ist zu billig, Levrat die Schuld für die Wahlniederlage in die Schuhe zu schieben. Damit hat er nichts zu tun. Vielmehr konnte er mit taktischem Gespür und seinem selbstbewussten Auftritt die Partei über all die Jahre zusammenhalten. Angesichts der unterschiedlichen Strömungen, Agenden und grossen Egos ist das eine riesige Aufgabe. Andere wären daran gescheitert.

Dass die SP sich nicht wieder in Richtung der 20-, sondern näher zur 15-Prozent-Marke bewegt (siehe Grafik unten), liegt an der Grosswetterlage und einer vertrackten Positionierung in der Europa-Frage. Die Grünen sind seit nunmehr drei Jahren im Hoch, sie präsentierten sich im Wahljahr nicht nur als frische Alternative, sondern profitierten auch enorm von der Klimawahl. Obwohl die SP in der Umweltpolitik praktisch deckungsgleich verortet ist, holte die kleinere Schwesterpartei die Neu-, Erst- und Wechselwählerinnen ab. Das sorgt bei den Sozialdemokraten für Frust.

Gerade im urbanen Raum hat die SP eine weitere Konkurrentin erhalten: die GLP. Sie führt das «Grün» im Namen und hat in der Europapolitik von Anfang an eine klare Position eingenommen. Sie ist die einzige Kraft, die sich von Anfang an für das Rahmenabkommen stark gemacht hat. Die SP hingegen meldete Vorbehalte an und die Gewerkschaften gingen anfänglich auf die Barrikaden. Damit haben sie sozialliberale Linke verprellt, gerade im Kanton Zürich. Die Wählerstromanalysen zeigen, dass nur ein sehr bescheidener Teil der SP-Wählerinnen zur GLP abgewandert ist. Das Problem geht tiefer: Die Grünlilberalen haben eine klare Positionierung, haarscharf links der Mitte, und damit ist für die SP dort nichts mehr zu holen. Wie soll sie jemals wieder die psychologisch so wichtige 20-Prozent-Marke nehmen?

Die Neubesetzung des Parteipräsidiums dürfte nun eine intensive Debatte über die Ausrichtung der SP auslösen. Im Idealfall ist sie befruchtend, sie kann aber auch lähmen. Mit der Wahl eines «jungen weiblichen Gesichts» ist es jedenfalls nicht getan. Die neue Präsidentin muss integrierend wirken.

Was auch klar ist: Die Fussstapfen von Levrat sind gross. Was der gerissene Schachspieler im Parlament und bei einzelnen zentralen Volksabstimmungen wie der Unternehmenssteuerreform III (USRIII) erreichte, ist angesichts der Kräfteverhältnisse bemerkenswert. Daran wird man die neue Person an der Spitze der SP – oder das Co-Präsidium – messen.

Nachgereicht:
Kritischer mit Levrat und der SP geht NZZ-Inlandchef Michael Schönenberger um – sein Kommentar.

Die Entwicklung der Parteistärke seit der Einführung des Proporzwahlrechts 1919: Mit 16.8 Prozent und 39 Sitzen im Nationalrat ist die SP auf einem historischen Tief angelangt. Grafik: SRF/10vor10

Über die Performances des Parteien

Bei Nationalratswahlen in der Schweiz fand einmal eine Revolution statt. Das geschah 1919 bei der Einführung des Proporzwahlsystems. Die zuvor allmächtigen Freisinnigen verloren damals die absolute Mehrheit in der grossen Kammer (minus 43 Sitze, neu noch 60), die SP konnte ihre Deputation auf einen Schlag fast verdoppeln (neu 41), die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB, die heutige SVP) holte 27 zusätzliche Sitze.

Der Ausgang der gestrigen Wahlen hat die Schweiz parteipolitisch umgepflügt, das Wort «historisch» ist schon oft gefallen. Es ist zugleich eine Klimawahl und eine Frauenwahl. Der Frauenanteil im Nationalrat stieg markant und knackte erstmals die 40-Prozent-Grenze. Dieses Plus von 10 Prozent ist grossartig!

Die grüne Welle wurde grösser als vorhergesagt, viel grösser: Die Grünen legen um 6.1 Prozentpunkte und 17 Nationalratssitze zu – Zweiteres ist ein neuer Rekord in 100 Jahren Proporzwahlrecht. Die Grünliberalen wiederum gewinnen 3.2 Prozentpunkte bzw. 9 Sitze hinzu.

Verloren haben alle Bundesratsparteien, aber auch die BDP und die Demoskopen. Betrachten wir die Resultate und Performances der einzelnen Parteien etwas genauer. Zunächst aber eine Grafik, die die Parteistärken in Prozentpunkten inkl. den Verschiebungen zu 2015 zeigt:

Die SVP bleibt in einem Formtief. Was sich seit fast drei Jahren bei kantonalen Wahlen zeigt, akzentuierte sich gestern. Sie verlor mit 3.8 Prozentpunkten mehr, als sie 2015 zugelegt hatte. Die Themenkonjunktur spielte nicht für sie, viele Supporter blieben der Urne fern, was auch Demobilisierung genannt wird. Die Volkspartei bleibt aber mit Abstand die stärkste Kraft.

Die SP verliert 2 Prozentpunkte, was sich aufgrund der Umfragen nicht abgezeichnet hatte. Statt der 20-Prozent-Marke wieder näher zu kommen, ist die Partei auf einem historischen Tiefststand gelandet. Noch nie seit der Einführung des Proporzwahlsystems schnitt sie so schlecht ab, noch nie zuvor hat sie weniger als 40 Sitze erobert. Was Öko-Themen betrifft, ist die SP praktisch deckungsgleich mit den Grünen positioniert. Aber die Wählerschaft belohnt sie nicht dafür, sondern wählt das grüne Original. Noch liegt die Wählerstromanalyse nicht vor. Für mich ist aber klar, dass die SP nicht nur an die Grünen verlor, sondern auch an die Grünliberalen.

Im letzten Winter wechselten die beiden Zürcher Nationalratsmitglieder Chantal Galladé und Daniel Frei von der SP zur GLP, was in den Medien grosse Welle schlug und intern für böses Blut sorgte. Offensichtlich machten ihnen das gestern auch viele Wähler nach, nicht zuletzt wegen des Rahmenabkommens, das die GLP in der vorliegenden Form begrüsst, während die SP herumeiert.

Vor vier Jahren schaffte es die FDP, den Abwärtstrend, der 1983 eingesetzt hatte, zu stoppen. Bei den kantonalen Wahlen legte sie drei Jahre lang fast überall kräftig zu. Im letzten Januar setzte der Richtungsstreit zur Klimapolitik ein und es dauerte bis im Sommer, bis die neue Position konsolidiert war. Offene Konflikte während eines Wahljahres sind ein Horrorszenario für jede Partei, die FDP bezahlte gestern den Preis dafür. Ihr Wähleranteil ist so tief wie nie zuvor. Sie dürfte Wählerinnen und Wähler an die GLP wie an die SVP verloren haben.

Die Grünen feiern einen epochalen Sieg; sie sind die neue Nummer 4 und lassen die CVP hinter sich. Das gibt Schwung, gerade auch für die zweiten Wahlgänge im Ständerat. Klar ist auch, dass die Zusammensetzung des Bundesrats wieder aufs Tapet kommt. Nach der gängigen Zauberformel könnten die Grünen den Sitz der CVP übernehmen, allein: Neo-Bundesrätin Viola Amherd wollen sie nicht angreifen. Dafür vielmehr den ungeliebten Ignazio Cassis.

Nachdem die Grünen in den letzten drei Jahren vor allem in der Romandie massiv zulegten, ritten sie die Klimawelle geschickt. Sie holten zweifellos am meisten Erst- und Neuwählerinnen ab. Diese wählten ein Gefühl. Das Gefühl, etwas für den Klimawandel zu tun. Dass die Grünen wieder zulegen, sagte ich schon am Tag nach den Wahlen 2015, wie der Schlussabschnitt aus den Tamedia-Zeitungen vom 19. Oktober 2015 zeigt:

In den letzten 40 Jahren hat sich das Elektorat der CVP fast halbiert. Dass die Christlichdemokraten auch dieses Mal verlieren würden, galt allseits als klar, die psychologisch wichtige 10-Prozent-Marke drohte zu fallen. Das Minus von 0.2 Prozentpunkten bzw. 2 Sitzen ist eine der grossen Überraschungen des gestrigen Tages (Zählt man die CSP Obwalden hinzu, sind es 3 Sitze.) Die Strategie der CVP, in ihren ehemaligen Hochburgen wieder zuzulegen – zulasten der SVP, die das konservative Klientel in den Neunzigerjahren eroberte hatte –, ging nicht auf. Tröstlich ist, dass die Partei von Gerhard Pfister in den nächsten vier Jahren wieder die Rolle der Mehrheitsbeschafferin übernehmen kann. Rechts sind FDP und SVP auf die CVP angewiesen, für Mitte-links-Allianzen braucht es ihre Stimmen genauso, wie die nachfolgende Grafik zeigt:

Die Grünliberalen sind die zweiten Sieger des gestrigen Tages. Die Partei positioniert sich als radikalliberale Kraft, die vor allem im urbanen Raum viel Zulauf hat. Die Kombination von Öko-Themen und europapolitischer Offenheit kommt bei vielen gut Ausgebildeten an. Die GLP dürfte aber auch Wechselwähler von FDP und SP abgeholt haben. 7.8 Prozentpunkte ist für sie ein neuer Höchststand. In den Kantonen Basel-Stadt und Genf holte sie zum ersten Mal ein Nationalratsmandat, in St. Gallen und Luzern eroberte sie sich das Mandat, das sie 2015 verloren hatte, wieder zurück.

Die BDP hatte ihre kurze Blütezeit in den Jahren 2011 und 2012. Seither geht es abwärts, die Neupositionierung als progressive Kraft bemerkte kaum jemand, Ende 2015 trat schliesslich ihre Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf zurück. Ohne deren Kopf und Einfluss wurde es für sie noch schwieriger, auf dem Wählermarkt um Aufmerksamkeit zu buhlen. Mit der Abwahl ihrer Nationalräte in den Kantonen Aargau (Bernhard Guhl), Bern (Heinz Siegenthaler), Graubünden (Duri Campell) und Zürich (Rosmarie Quadranti) schrumpft ihre Deputation auf drei Nationalräte. Damit verpasst sie die Fraktionsgrösse (mindestens fünf Mitglieder in einer Kammer), die Geld, Kommissionssitze, Einfluss und damit Profilierungsmöglichkeiten bringt. Die BDP dürfte 2023 auf der nationalen Ebene verschwinden. Die nächsten vier Jahre werden die drei verbleibenden BDP-Nationalräte in der CVP-Fraktion Unterschlupf finden – genauso wie das Trio der EVP.

Ein Blick ins Wahljahr 2023: Dass die Parteien, die das Wort «grün» im Namen tragen, ihre Erfolge bestätigen können, glaube ich nicht. Es braucht viel Zeit und Energie, um Parteistrukturen auszubauen und Macht zu binden. Einige ihrer Kandidatinnen und Kandidaten wurden gestern von der grünen Welle ins Parlament gespült. Ihnen fehlen die Verankerung und die politische Erfahrung, um sich dort halten zu können. Es ist aber möglich, ja zu hoffen, dass das Parlament viele ihre Themenschwerpunkte systematisch vorantreibt. Die dramatische Entwicklung des Klimas lassen keine weiteren verlorenen Jahre mehr zu.

Und damit wende ich mich den Berichten und Kommentaren der Tageszeitungen zu – die Kanne Kaffee steht auch bereit. Ein Ritual nach Wahltagen.

Mark Balsiger

Das Zentralisierungsprojekt der SRG ist vorerst gestoppt

Dieses Signal ist überdeutlich: Der Nationalrat entschied heute mit 120 zu 54 Stimmen, sich gegen die Verstümmelung des SRF-Radiostudios Bern zu wehren. Das ist eine Watsche für die SRG-Führungsriege – gemeint ist nicht der Verwaltungsrat! -, die vor 14 Monaten die Zentralisierung am Standort Zürich-Leutschenbach ankündigte und seither um jeden Preis durchboxen will.

Seit 14 Monaten wiederhole ich immer wieder dasselbe:

> Nein, es geht nicht um Lokalpatriotismus!
> Ja, die SRG soll sparen – sie kann es auch. Bei diesem Zentralisierungsprojekt konnte sie allerdings bis heute nicht überzeugend belegen, dass es einen Spareffekt gibt. Vielmehr wurde versucht, den Umzug als alternativlos darzustellen.

Es ist entscheidend für die Qualität der SRF-Informationssendungen, dass TV und Radio nicht unter demselben Dach und von denselben Entscheidungsträgern im gemeinsamen Newsroom produziert wird. Die Folge wäre eine Verwässerung und Angleichung der Programme. Das darf sich ein Medienhaus, das zur Hauptsache von öffentlichen Geldern finanziert wird, nicht leisten.

Die undurchdachte Hauruckübung ist auch ein Desaster in Sachen Kommunikation und hat einen erheblichen Reputationsschaden für die SRG zur Folge – selbstverschuldet. Jetzt liegt es am Ständerat, also den Herren, die den Föderalismus hochhalten, auf die Position des Nationalrats einzuschwenken. Klar ist: Mit der Entscheidung des Nationalrats kommen die Umzugs- und Zentralisierungspläne ins Stocken. Wenn die Führungsriege der SRG die Zeit nutzt, um dieses Projekt in Ruhe zu überdenken, kommt sie vielleicht doch noch zum richtigen Schluss.

Ergänzend:
der Kommentar von «Bund»-Chefredaktor Patrick Feuz.

 

Im Schweizer Wahlkampf ist nicht «Big Money» im Spiel

Seit Jahrzehnten wabert eine Hypothese durch unser Land. Sie lautet:

Mit Geld lässt sich ein Sitz im eidgenössischen Parlament kaufen.

Bemüht wird sie von Politikerinnen und Politikern, deren persönliche Ambitionen nicht von Erfolg gekrönt wurden. Die Medien greifen das Thema in Wahljahren regelmässig und gerne auf, und womöglich untermauert PR-Altmeister Rudolf Farner den Plot. Er sagte vor mehr als 50 Jahren einmal: «Mit einer Million Franken mache ich aus jedem Kartoffelsack einen Bundesrat.» Seither wird dieses Bonmot von Hinz und Kunz rezitiert, bei zahllosen Podien kommt es zur Sprache.

Würde die Hypothese stimmen, müsste das Parlament hauptsächlich mit FDP- und SVP-Mitgliedern besetzt sein. Das ist allerdings nicht der Fall. In der aktuellen Legislaturperiode haben die beiden genannten Parteien 46 Prozent der Sitze inne. Die Hypothese zerfällt also wie Staub. Auch wissenschaftlich konnte bis heute der Nachweis nicht erbracht werden, dass man mit Geld einen Sitz im National- oder Ständerat kaufen kann.

Dessen ungeachtet hat die Hypothese immer wieder Konjunktur. Dieser Tage wurde sie von der NZZ aufgegriffen, was mich zu dieser Replik herausfordert.

It’s the title, stupid! So riss die NZZ am 15. April ihren Artikel über Wahlkampfkosten im Allgemeinen und Rogel Köppel im Speziellen an.

Zerlegen wir Titel und Lead dieses Artikels.

1.  Die Situation im Kanton Bern:

Einer der beiden Ständeratssitze wird durch den ordentlichen Rücktritt von Werner Luginbühl (BDP) frei, was zu mehr Dynamik führt. Dass die Wahlkampagnen der sieben Kandidierenden insgesamt etwa eine Million Franken kosten werden, ist plausibel. Die Aussage im Titel, dass «die Parteien für einen Sitz im Ständerat immer mehr Geld ausgeben», wird aber nirgendwo belegt. Ein Vergleich mit früheren Wahlen fehlt, sei es 2015, 2011 oder noch früher.

Die «Kriegskasse» eines Ständeratswahlkampfs wird alimentiert durch

– einen Beitrag der Partei;
– Spenden von Verbänden, Firmen und Privaten;
– eigene Mittel.

Der Blick auf die Berner Ständeratswahlen zeigt exemplarisch: Was die Kantonalparteien an die Kampagnen ihres Spitzenpersonals beisteuern, ist sehr bescheiden, liegt es gemäss einer Erhebung der «Berner Zeitung» doch bei weniger als 200’000 Franken. Wie kommt die NZZ darauf, von «immer mehr Geld» zu schreiben?

2.  Insider schätzen die Kosten von Roger Köppels Wahlkampagne auf mindestens eine halbe Million Franken:

Keine Frage, 500’000 Franken sind eine erkleckliche Summe. Damit kann man eine robuste Wahlkampagne fahren, die allerdings vor allem wegen den Medien, die jedes Augenzwinkern Köppels thematisieren, druckvoll wird. Dass sein Budget eine neue Höchstmarke bedeutet, wie der Titel insinuiert, ist allerdings schlicht falsch. Die Ausmarchungen um die beiden Zürcher Sitze sind schon lange ausgesprochen kompetitiv, was während der Offline-Wahlkämpfe der Achtziger-, Neunziger- und zu Beginn der Nullerjahre ins Geld ging. (Ich machte 2003 eine Erhebung von rund 1400 Wahlkämpfen in der Schweiz und kenne deshalb auch die Budgets aus dem Kanton Zürich.)

 

Betrachten wir das grosse Ganze: Die Realität in den USA zeigt, wie Partikularinteressen und Geld die Politik deformiert hat. Political Action Commitees (PAC) und Super-Pacs beherrschen die Szene, weil sie immens viel Geld für die Wahlkämpfe ihrer Favoriten generieren können. Die Schweizer Parteien hingegen sind arm wie Kirchenmäuse, bei uns ist nicht «Big Money» im Spiel. Trotzdem erachte ich es als wertvoll, dass die Transparenz-Initiative bald eine vertiefte Debatte über die Parteien- und Wahlkampffinanzierung ermöglicht.

«Wenn weder die politische Grosswetterlage stimmt, noch das Framing durchschlägt, erzielt Wahlwerbung auch bei einem Budget von 500’000 Franken keine Wirkung.»

Mark Balsiger

Wissen Sie, was einzelne Posten im Wahlkampf kosten? Vermutlich nicht. Bloss ein Beispiel: Für ein halbseitiges Inserat im «Tages-Anzeiger», schwarz-weiss, bezahlt man 14’520 Franken, für eines mit Textanschluss übrigens bereits 24’288 Franken. Man kann unendlich viel Geld in die Wahlwerbung buttern. Die Kreativwirtschaft, die gebeutelten Medienverlagen und die Tech-Giganten Google, Facebook & Co. freut’s. Etwas darf man dabei nicht vergessen: Wenn weder die politische Grosswetterlage stimmt, noch das Framing durchschlägt, erzielt Wahlwerbung auch bei einem Budget von 500’000 Franken keine Wirkung. Und wer glaubt im Ernst, dass wegen ein paar Inseraten, Plakaten, gesponserten Facebook-Ads und einer 20-Sekunden-Interaktion an einem Öpfeli-Flugblätter-Stand auf dem Bahnhofplatz plötzlich viele Nichtwähler zu Wählern werden?

Die Fixierung auf die Wahlwerbung halte ich ohnehin für unzureichend. Wenn ein Dutzend Supporter einer ambitionierten Kandidatin während Monaten ihre Freizeit für sie opfern, sei es beim Adressen Generieren, beim Haustür-Wahlkampf usw., so müsste diese Unterstützung ein Preisschild haben. Wenn Profi-Campaigner mitwirken, wie das bei Cédric Wermuths Ständeratskandidatur der Fall ist (sie wechselten vom Generalsekretariat der SP Schweiz zum Aargauer), hat das mehr Wert als viele Werbefranken.

Geld ist zwar wichtig im Wahlkampf, das 26-Erfolgsfaktoren-Modell, das ich 2006 entwickelt hatte, zeigt aber, dass die Anker-Faktoren wichtiger sind:

Gemäss der Studie, die zu meinem Buch «Wahlkampf in der Schweiz» (2007) führte, haben Anker-Faktoren (unten) die grösste Bedeutung. Es folgen die Engagement-Faktoren (Mitte) und an dritter Stelle die Verpackungsfaktoren. Tatsache ist, dass eine Mehrheit der Wahlkampagnen in der Schweiz auf Verpackungs-Faktoren und dabei insbesondere auf Medienmix und Slogans fokussieren.

Der laute Widerhall auf das Adieu von Chantal Galladé

Von Rot zu Lindengrün: Nach 30 Jahren bei der SP sucht Alt-Nationalrätin Chantal Galladé ihr Glück bei der GLP.

Kein anderes Thema wurde dieser Tage intensiver diskutiert wie Chantal Galladés Wechsel von der SP zur GLP. Die «Arena» von SRF ersetzte dafür sogar kurzfristig das Thema, verknüpft mit der Europa-Position der SP, welche für die ehemalige Nationalrätin das Fass offensichtlich zum Überlaufen gebracht hatte.

Parteiwechsel kommen in der Schweiz regelmässig vor. Auf nationaler Ebene datiert der letzte aus dem Jahr 2011: Damals liess Thomas Müller, St. Galler Nationalrat und Stadtpräsident von Rorschach, die CVP nach 40 Jahren hinter sich und wurde SVP-Mitglied. Neun Monate später schaffte er die Wiederwahl problemlos.

Für die allermeisten Leute ist etwas klar: Die Partei wechselt man nicht einfach wie ein Hemd. Die Gründe müssen tiefer gehen – eine Auswahl:

  • Ein Parteimitglied entfremdet sich schleichend von seiner Partei, bis es sich schliesslich fremd oder marginalisiert fühlt;
  • Die Partei bewegt sich in eine Richtung, die ein Mitglied nicht mehr länger mitzutragen bereit ist;
  • Es kommt zu einem Eklat;
  • Opportunismus: Das Parteimitglied stellt fest, dass es keine (weitere) Karrieremöglichkeit mehr hat und tritt enttäuscht aus.

Was Galladé zum Parteiwechsel bewog, haben wir gehört, ebenso, was ihre ehemaligen Gspändli der SP davon halten. Näher an die Wahrheit dürften wir erst in einigen Jahren herankommen, wenn die populäre Winterthurerin für ein attraktives Exekutivamt kandidiert, zum Beispiel den Regierungsrat – oder das eben nicht tut. 2015 wollte sie Regierungsrätin werden, scheiterte aber im Vorjahr in der SP-internen Ausmarchung gegen Jacqueline Fehr. Und auch das Fraktionspräsidium interessierte sie, das Rennen machte jemand anderes. Entsprechend wird spekuliert, ob Galladé noch eine Rechnung mit der SP offen hat.

Gibt es einen idealen Zeitpunkt für die Ankündigung eines Parteiwechsel? Galladé verneinte dies gestern in der «Arena». Ende letzten Jahres, kurz nach der Verabschiedung in der Bundeshausfraktion, wären die Zürcher Wahlen (vom 24. März) noch weit weg gewesen. Aber damals war für sie der Wechsel vermutlich noch nicht klar. Besonnene Figuren in der Politik raten, nach einem stillen Austritt eine Anstandsfrist verstreichen zu lassen.

Mit der Kommunikation vier Wochen vor den wichtigen Zürcher Wahlen macht Galladé der GLP ein grosses Geschenk. Der SP schadet sie so, weil sie den möglicherweise irritierten linksliberalen SP-Wählern eine Spur legt. Der klare Europa-Kurs der GLP kontrastiert sich stark dem kategorischen «So nicht!» zum Rahmenabkommen, das der dominierende Gewerkschaftsflügel der SP seit letzten Sommer proklamiert.

Kommentare vom 2. März 2019:

Die Jugend ist erwacht

Klimastreik in Bern – 18. Januar 2019 © Raphael Hünerfauth – http://huenerfauth.ch

Seit Jahren habe ich mich immer mal wieder genervt: «Diese apolitische Jugend, mon Dieu!» Stets «Jolo», voll easy chillen, Mann – und jetzt das: Schülerinnen und Schüler gehen auf die Strasse, demonstrieren gegen den Klimawandel und stellen klare Forderungen auf. Was vor Weihnachten im kleinen Stil begann, wurde am Samstag gross. Die Jugend ist erwacht: In rund einem Dutzend Schweizer Städte nahmen insgesamt mehr als 50‘000 Leute teil. Dass an einem schulfreien Tag so viele Junge mitmachten, ist ein neckisches Detail.

Der Klimawandel kann zu einem Megathema werden. Die Jugendlichen haben ihr Mobilisierungspotential noch lange nicht ausgeschöpft. Demonstrieren macht ihnen Spass, das Planen und gemeinsame Erleben verbindet, der Erfolg ist ansteckend, man will dabei sein, findet es megacool. Sie haben eine Klimastreik-Bewegung aufgebaut, die sich mit Social Media und WhatsApp-Gruppen organisiert und bei Bedarf auch offline trifft. Die Gefahr, dass ihre Kampagne von etablierten Akteuren vereinnahmt werden könnte, haben sie frühzeitig erkannt. Bewusst distanziert sich die Bewegung von der institutionellen Politik, Spenden von Parteien nimmt sie nicht an.

Die Medien fahren das Thema gross, es ist in Schulzimmer und an den Familientisch geschwappt. Damit hat die Politisierung der Teenager begonnen, teilweise vielleicht sogar ihrer Eltern. Toll, wenn das eine dauerhafte Wirkung hat. Es ist allerdings auch gut möglich, dass die Klima-Bewegung bald wieder zerfällt. Wenn sich das Demonstrieren abnutzt und die Aufmerksamkeitsprämien ausbleiben, könnten viele das Interesse wieder verlieren.

Greta Thunberg gab im letzten Sommer die Initialzündung für die Kundgebungen, die inzwischen weltweit stattfinden. Zu Beginn demonstrierte die 16-jährige Schwedin alleine, Freitag für Freitag marschierte sie mit ihrem selbstgebastelten Plakat zum Regierungsgebäude in Stockholm. An der UNO-Klimakonferenz im Dezember las sie den Politikern vor der Weltpresse die Leviten. Spätestens seit ihrer Zugreise ans WEF in Davos kennen sie alle. In den sozialen Medien erfährt sie viel Zuspruch, wird aber auch mit Häme und Hass eingedeckt.

Die Prognose sei gewagt: Greta bleibt dran. Lange bevor sie sich übrigens öffentlich engagierte, setzte sie in ihrer Familie einen Sinnes- und Verhaltenswandel durch. Das sollte Schule machen. Demonstrieren ist gut, sein eigenes Verhalten dauerhaft verändern auch. Dafür braucht es allerdings eine enorme Selbstdisziplin. Nur ein Beispiel: Keine Altersgruppe in der Schweiz fliegt mehr als die 18- bis 24-Jährigen (siehe Grafik). Seit sich Easyjet & Co. durchgesetzt haben, kosten viele Destinationen noch zwei oder drei Drinks. Nach Barcelona für 20 Stutz, eine hippe Metropole, ist alleweil cooler als ein paar Tage Bergün zu verbringen.


Greta würde sich für Bergün entscheiden, und das führt uns zur zentralen Frage: Wieviel Greta steckt in uns?

P.S.
Simone Meier vom Online-Portal «Watson» war bei der Klimademo in Zürich dabei. Sie schreibt: «Wenn wir alle Glück haben, dann gelingt es vielleicht, aus einem Protest Politik zu machen. Es wäre nicht das erste Mal. Aber es wäre eins der ersten Male, dass sie von einer Seite initiiert worden wäre, mit der weder Wirtschaft noch Politik gerechnet haben. Gewissermassen aus der Zukunft.»

Ihren kompletten Kommentar gibt es hier.

Nicht noch ein zweites Mal ein 49.7%-Fiasko

Vor fünf Jahren stritten wir lange und heftig über die Masseneinwanderungsinitiative (MEI). 50.3 Prozent stimmten ihr am 9. Februar 2014 schliesslich zu. Dieser Abstimmungstermin brannte sich bei vielen Menschen ins Gedächtnis ein. «Never again!» haben sie sich damals im «49.7-Lager» vorgenommen.

Tausende entschuldigten sich noch am Abstimmungssonntag auf Facebook bei ihren internationalen «friends», empört, wortreich und weinerlich, oft in englischer Sprache. Wie viele von ihnen die Abstimmung verpennt haben, ist nicht bekannt.

Die sogenannte «Selbstbestimmungsinitiative» (SBI) ist eine Art Zwillingsschwester der MEI: Auch die SBI ist schwammig formuliert, sie setzt Bewährtes aufs Spiel und schadet der Exportnation Schweiz enorm. Zudem beschneidet sie Grundrechte, die für Minderheiten und Einzelpersonen von zentraler Bedeutung sind.

Am 9. Februar 2014 betrug die Differenz gerade einmal 19’300 Stimmen. Am nächsten Sonntag geht es wieder knapp aus: Ich schätze, dass die Stimmbeteiligung zwischen 52 und 55 Prozent beträgt. Die Kernstädte werden die SBI sehr deutlich ablehnen, auf dem Land hingegen ist die Zustimmung gross. Matchentscheidend könnte die Agglomeration werden: Drehen Arlesheim, Dietikon, Emmen, Zollikofen, Gossau (SG) usw. ins Ja- oder ins Nein-Lager? Ein zweites Mal bei einem Nein-Anteil von 49.7 Prozent steckenbleiben, wäre ein Fiasko. Wir haben es in der Hand.

Die Umsetzung der MEI wurde begleitet von einer dreijährigen Knatschphase. Sie kann auf zwei Hauptsätze eingedampft werden: «Der Volkswille wird nicht umgesetzt!», lärmten die Initianten. «Sagt endlich, wie viele Leute pro Jahr einwandern dürfen!», konterte die Gegenseite. Das hat Risse in unserer Gesellschaft hinterlassen.

Ein letzter Punkt betrifft den Stil: Kritik sollte sich meiner Meinung nach stets auf die Vorlage konzentrieren, nicht auf die Absender. Gerade in diesem Abstimmungskampf zeigt sich allerdings, dass die Supporter der SBI immer wieder als «dumm», «ewiggestrig», «Nazis» usw. betitelt werden. In gewissen Fällen kommt das der Realität vielleicht nahe, ist aber überheblich und ausgrenzend. Wer jetzt einwendet, die Anderen hätten angefangen – was zwar stimmt -, erinnert sich hoffentlich an die tränenreichen Streitereien im Sandkasten.

Auge um Auge, Zahn um Zahn – wer Auseinandersetzungen so durchzieht, macht die politische Kultur kaputt. Als Teil der neuen Bewegung Courage Civil werde ich mich stets für Anstand und Respekt starkmachen. Gerade bei hart umkämpften Abstimmungsvorlagen.

Der Name ist Programm: Courage Civil

Seit Jahren wird der Rechtsstaat in der Schweiz attackiert. Volksinitiativen sind regelmässig nur noch ein Vehikel für politisches Marketing. Fake News untergraben das Vertrauen in die Medien. Populismus hat auch bei uns Einzug gehalten. Das alles ist Gift für die direkte Demokratie und das politische Klima.

Aus diesen Gründen habe ich in den letzten sechs Monaten damit begonnen, eine neue Bewegung aufzubauen: Sie heisst Courage Civil Civil und steht ein für rechtsstaatliche Prinzipien, Gewaltenteilung, unabhängige Medien sowie Respekt und Anstand im politischen Diskurs. Ihr Name ist Programm: Courage bedeutet Mut – courage wiederum ist vom französischen Wort cœur abgeleitet, also vom «Herz».

Die Bewegung ist parteipolitisch unabhängig. Sie erhebt ihre Stimme zu staats-, medien- und gesellschaftspolitischen Themen. Courage Civil will für breite Bevölkerungsschichten zu einem glaubwürdigen Anker werden. Dieses Ziel will die Bewegung unter anderem mit Positionspapieren, Diskussionsrunden und Kampagnen erreichen. Ihre Facebook-Seite, die sie von der Kampagne gegen «No Billag» übernehmen konnte, zählt 28’000 Likes. Somit hat sie eine grössere Reichweite als die Facebook-Seiten der etablierten Parteien. Das macht Courage Civil als Partner für andere Akteure interessant. Allerdings: «Wir wollen mit Argumenten überzeugen, Lärm machen andere schon genug. Vermutlich wenden sich deshalb viele Leute von der Politik ab», schreiben wir auf unserer Website.

In der Schlussphase dabei im Kampf gegen die Selbstbestimmungsinitiative

Courage Civil ist von heute Montag an aktiv: Im Abstimmungskampf gegen die Selbstbestimmungsinitiative (SBI) nutzt die Bewegung ihre reichweitenstarke Facebook-Seite sowie ihr Twitter-Konto. In den verbleibenden drei Wochen verbreitet sie dort Inhalte, die ihr die breite Allianz gegen die SBI zur Verfügung stellt. In der ersten Phase will sich Courage Civil als zuverlässige Partnerin empfehlen.

Courage Civil wird begleitet von einem Beirat. Dieser umfasst zurzeit 40 Personen aus Wirtschaft, Kultur, Medien und Wissenschaft. Vertreten sind drei Generationen aus den verschiedensten Regionen der Schweiz, unterschiedliche Berufe und Lebensentwürfe. Courage Civil ist rechtlich ein Verein; er will sich vorläufig mit Mitgliederbeiträgen und Spenden finanzieren.

Ein Newsroom und Hintergrundsendungen am Radio passen nicht zusammen

Am 18. und 19. September entscheidet der Verwaltungsrat der SRG, was mit den Redaktionen von Radio SRF in Bern geschieht. Die Unternehmensleitung ist fest entschlossen, das Gros am TV-Standort Leutschenbach in Zürich zu integrieren. Betroffen wären die Senderedaktionen «Echo der Zeit», «Rendez-vous» und «Heute Morgen», aber auch die Nachrichtenredaktion, SRF4 News sowie die Fachredaktionen Wirtschaft und Ausland, ebenso die Korrespondentinnen und Korrespondenten.

Die Entscheidung des Verwaltungsrats hat grosse Tragweite: Am Radiostandort Bern hat sich im Verlaufe der Jahrzehnte viel Know-how gebündelt. Er brachte eine Kultur hervor, die für Qualitätsjournalismus unbezahlbar ist.

In den letzten Wochen wurde die Opposition gegen die drohende Verstümmelung der Berner Radioredaktion immer lauter. Die Belegschaft wiederum hat einen Vorschlag für ein Audio-Kompetenzzentrum in Bern erarbeitet und organisiert am Donnerstagabend mit Verbündeten eine Kundgebung auf dem Bundesplatz.

Im Frühling wurde das Zentralisierungsprojekt als Sparmassnahme angepriesen. Weil der Spareffekt nicht glaubwürdig vermittelt werden konnte, musste später ein neues Zauberwort her: Digitalisierung. Der Bereich «Forschung und Entwicklung» könne nur systematisch vorangetrieben werden, wenn alle Beteiligten unter einem Dach seien, erklärte SRF-Direktor Ruedi Matter in einem Interview. Das Gegenteil trifft zu: Gerade die Digitalisierung eröffnet Möglichkeiten, dezentral zu arbeiten.

Natürlich, gutes Radio kann man grundsätzlich überall machen. Wenn da bloss nicht die mehrsprachige Schweiz und der ausgeprägte Föderalismus wären! Die Romands werden lautstark protestieren, wenn der Radiostandort Bern, die «Brücke» in die deutsche Schweiz, verstümmelt wird.

Föderalismus muss immer wieder neu verhandelt werden; er gibt aber auch Kitt. Auf Kitt ist die SRG, als Verein organisiert, in Zukunft erst recht angewiesen. Das zeigte die No-Billag-Abstimmung eindrücklich.
 Sie kann zurzeit auf 24’000 Mitglieder zählen, die das Unternehmen quer durch das Land tragen. Treten viele enttäuscht aus, verliert die SRG ihre Wurzeln in der Gesellschaft.

Im Leutschenbach entsteht zurzeit ein Newsroom. Dieser Schritt ist richtig – für die schnelle Information! Die SRG-Sender können sich allerdings nur halten, wenn sie auch Einordnung, Hintergrund und Analyse liefern. Das Radio ist prädestiniert dafür, TV hingegen setzt vor allem auf Themen, die sich bebildern lassen. Auch Online ist stark auf Videocontent angewiesen, zudem sind dieser Sparte enge Grenzen gesetzt, was den Umfang betrifft.

Online und TV haben eine andere Aufgabe als Radio. Das Bedürfnis nach fundierter Berichterstattung wird wachsen, zumal die privaten Medienhäuser vermehrt Clickbaiting bieten und ihre Korrespondentennetze in den Regionen und im Ausland drastisch abbauen.

Bei Erhebungen holt Radio SRF seit Jahren den Spitzenplatz, wenn es um Glaubwürdigkeit und Qualität geht. Qualitätsradio wird auch in zehn Jahren noch nachgefragt – linear, on demand, als Podcast und in Formen, die wir heute noch gar nicht kennen. Überzeugende Hintergrundbeiträge und -sendungen am Radio bedingen aber Distanz zum Newsroom und damit auch zum «Leutschenbach». Sonst droht die Verflachung. Starke Marken wie «Heute Morgen», «Rendez-vous» und «Echo der Zeit» verlören an Bedeutung, und damit würde eine unheilvolle Erosion einsetzen.

Eines ist gewiss: Die nächste Schlacht um die SRG wird nur gewonnen, wenn die Sender in der Sparte Information überzeugen. Das ist eine Erkenntnis, die man aus der No-Billag-Schlacht ziehen könnte. Der Verwaltungsrat der SRG erinnert sich bei seiner Entscheidungsfindung hoffentlich daran. Ein Bekenntnis zur Qualität wäre der Anfang einer brauchbaren Strategie. Es braucht mehr «idée suisse» und weniger Zentralisierung!


Dieser Meinungstext ist auf Wunsch des Branchenportals «Persönlich» entstanden und wurde dort auch zuerst aufgeschaltet.

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Transparenz:
Ich unterstütze sein Anfang April pro bono die Belegschaft am Radiostandort Bern bei ihrem Kampf gegen die Zentralisierung. Gegen die No-Billag-Initiative war ich als Kampagnenleiter beim Komitee «Nein zum Sendeschluss» tätig.

Jackpot-Demokratie mit Geld aus dem Ausland


Das neue Geldspielgesetz
ist kein gutes Gesetz. Aber es ist besser als der Status Quo. Vor diesem Hintergrund ist das Ja von heute positiv. 72,9 Prozent der Stimmberechtigten entschieden pragmatisch.

Auch ich stimmte Ja. Zudem wurde meine Agentur Mitte April vom Komitee «Gemeinnütziges Geldspielgesetz Ja!» an Bord geholt. Weil keine Partei den Lead übernehmen wollte, übernahm ich diese Aufgabe. Ich wurde also quasi in der 75. Spielminute als Joker eingewechselt.

Mein Engagement hat in meinem beruflichen und privaten Umfeld viele Rückfragen ausgelöst. Es gibt zwei eminent wichtige Gründe, weshalb ich für ein Ja kämpfte und diese will ich hier erläutern.

1. Politik ist kein Game

Es muss möglich sein, dass so genannte Behördenvorlagen auch die Volksabstimmung überstehen. Sonst droht der Stillstand und das Parlament verliert an Gewicht. Das Geldspielgesetz war nach sechs Jahren Arbeit austariert. Der Ständerat stimmte ihm mit 43 Ja gegen 1 Nein zu, der Nationalrat mit 124 Ja gegen 61 Nein (bei 9 Enthaltungen). Eine klare Sache, wie man damals dachte.

Die Hürden für Volksinitiativen und Referenden sind tief, selbst ungeübte Akteure schaffen es oft, genügend Unterschriften zu sammeln. Beim Referendum gegen das Geldspielgesetz pumpten ausländische Online-Casinos eine erkleckliche Summe in die Schweiz. Ein paar bürgerliche Jungpolitiker packten die Chance, um sich zu profilieren.

Das einzige Thema, das die Referendumsführer und später auch die linken Jungparteien einte, hiess Netzsperren. In der Vernehmlassungsantwort der Jungfreisinnigen (jf) sucht man dieses Schlagwort allerdings vergeblich, ihr wichtigstes Argument existierte noch gar nicht.

Fazit: Ein paar Jungpolitiker sind als opportunistische Spieler aufgeflogen. Politik ist aber kein Game. In der Politik haben Spielernaturen nichts zu suchen!

2. Referenden und Abstimmungen sind nicht käuflich!

Der Referendumskampf von jf, Junger SVP und Junger GLP wurde von ausländischen Online-Casinos mit 500’000 Franken alimentiert. Was für ein Gewicht hat diese Summe? Eine Faustregel besagt, dass ein Referendum in der Schweiz zwischen 150’000 und 300’000 Franken «kostet». Als im März die Finanzierung aus dem Ausland ruchbar wurde und die Medien ihren Job machten (siehe «Tages-Anzeiger» vom 23. März, PDF), traten die Jungpolitiker die Flucht nach vorne an. Das Wort «Transparenz» brauchten sie von da an regelmässig. Mehrere Schlüsselfiguren erklärten zudem, man nehme aus dem Ausland kein Geld mehr an.

Ende Mai wurde publik, dass ausländische Online-Casinos auch die Abstimmungskampagne finanziert haben – Jackpot-Demokratie. Wie hoch die Spende war, wollen die Jungpolitiker aber bis heute nicht sagen. Das schöne Wort «Transparenz» verschwand flugs im dunklen Keller. Wer die «Arena» vom 25. Mai jetzt schaut, ist erschüttert, wie in dieser Sendung gelogen wird! (Die entscheidende Sequenz beginnt ab Minute 42, rund um den «Prüfstand».)

Laut groben Schätzungen hatte das bürgerlichen Nein-Komitee zwischen einer und zwei Millionen Franken zur Verfügung. Die Ja-Allianz wiederum konnte drei Millionen in die Abstimmungskampagne investieren. Diese Summe machten die Befürworter schon vor langer Zeit öffentlich. Das Geld stammte je zur Hälfte von den Schweizer Casinos und der Sport-Toto-Gesellschaft. Diese finanzierte ihren Anteil übrigens mit Erträgen aus Immobilien. jf-Präsident Andri Silberschmidt sagte am Abstimmungssonntag in jedes Mikrofon, die Befürworter hätten nie Transparenz hergestellt. Das nennt man lügen.

Fazit: Zum ersten Mal in der langen Geschichte der Schweizer Demokratie wurde versucht, ein Referendum und eine Abstimmung mit viel Geld aus dem Ausland zu kaufen. Es handelt sich um Firmen, die von Steueroasen wie Malta oder Gibraltar aus operieren, in der Schweiz keine Steuern bezahlen und sich um nationale Gesetze foutieren. Diese Einmischung finde ich ungeheuerlich.

So, jetzt dürfen Sie mich einen «digitalen Analphabeten» schelten. Über «Netzsperren» und dergleichen mag ich hier aber nicht diskutieren, sorry. Dieses Thema drehte zwei Monate lang in einer Endlos-Schleife – unflätig und mit viel Lärm!