Mehr Sicherheit wird zu einem dominanten Thema im Wahljahr 2008

Rund 12 Monate vor den Wahlen in der Stadt Bern steht ein grosses Wahlkampfthema bereits fest: Sicherheit. Den Boden bereiten seit langem die Meldungen über Raub und Schlägereien, Drogenszene und Vergewaltigung. Vor etwa vier Jahren wurde ein Velofahrer in der Postgasse fast zu Tode geprügelt, mit Folgen, die ihn bis ans Lebensende ständig begleiten. Ein Fanal. Die Stadt war schockiert, ein Protestmarsch folgte. Und dann ging die Sache wieder vergessen.

Die Verlautbarungen und Vorstösse der SVP halten die Problematik in den Schlagzeilen. Zuletzt mit der Ausschaffungsinitiative. Inhaltlich will diese straffällige Ausländer ausschaffen – obwohl das schon heute möglich ist -, beim Publikum klingt aber einmal mehr noch etwas anderes an: Sicherheit, präziser: der Mangel an Sicherheit.

Vollends ins Zentrum der Diskussion rückte die Sicherheit nach dem Krawall-Samstag vom 6. Oktober, als eine unbewilligte Kundgebung von autonomen Gruppierungen den bewilligten Marsch der SVP vom Bärengraben bis zum Bundesplatz verhinderte. Die Polizei war mit einem zu kleinen Aufgebot präsent und erntete in der Folge massive Kritik, ebenso Polizeidirektor Stephan Hügli.

Vor Monatsfrist trat ein überparteiliches Komitee “Für ein Bern, in dem wir uns wohl fühlen” an die Öffentlichkeit. Motto: “Jitze längts”. Mit einer Petition fordert es u.a., dass unbewilligte Demonstrationen nicht mehr geduldet werden. Letzte Woche stiess die CVP nach mit einer Resolution “Damit Bern sicherer wird”. Und jetzt kündigt FDP-Stadtrat Philippe Müller eine Volksinitiative “Für mehr Sicherheit in der Stadt Bern” an. Diese fordert die Aufstockung des Polizeicorps um 37 Stellen und eine höhere Präsenz an den neuralgischen Stellen.

Der Zeitpunkt dieser Ankündigung ist geschickt gewählt, das Thema bewegt und wird so weiterhin eines bleiben. Die Volksinitiative soll im Januar lanciert werden. Sie hat gute Chancen, im Nu genügend Unterschriften zusammenzubringen. Womöglich können die Stadtberner noch im Wahljahr 2008 darüber abstimmen. Das müsste das Ziel des Initianten sein. Philippe Müller hat ein Flair für publikumswirksame Auftritte. Ihm dieses Mal Populismus und Eigennutz vorzuwerfen greift aber zu kurz. Er nahm sich bei der möglichen Auswechslung von Gemeinderat Stephan Hügli, die die FDP diskutiert, bereits aus dem Rennen.

Sicherheit ist nicht per se ein Thema der bürgerlichen Parteien. Die GFL fällt schon seit mindestens drei Jahren mit teilweise abweichenden Meinungen zur RGM-Stossrichtung auf. Der Positionsbezug der SP, gerade nach ihrem Aderlass bei den Nationalratswahlen, darf mit Spannung erwartet werden. Wenn sie keine glaubwürdigen Antworten und Konzepte findet, bleibt sie bis zum Wahltermin von Ende November 2008 angeschlagen. Das Thema Sicherheit ist die Achillesferse der SP.

Mark Balsiger

Wasserfallen junior will nicht – wer packts?

Christian Wasserfallen will nicht in die Exekutive der Stadt Bern. Dieser Entscheid ist klug: Erst gerade 26-jährig geworden hat Wasserfallen junior noch alle Zeit der Welt, in verschiedenen Gremien Einsitz zu nehmen. Vorerst einmal darf er sich jetzt im Nationalrat einbringen. Ich bin gespannt, wie er sich in der FDP-Fraktion positionieren und artikulieren wird. Es kann nicht schaden, wenn dort der Altersmix ein wenig besser wird – Wasserfallen hat, ganz der Vater seelig, Energie für zwei, und ist kein Leisetreter. Die meisten seiner Kollegen haben eine 20-jährige Ochsentour hinter sich.

Die FDP der Stadt Bern ist in einer Situation, die sie sehr herausfordert. Für die Gemeinderatswahlen (für Nicht-Berner: Gemeinderat = Exekutive) im November 2008 ist Barbara Hayoz*** gesetzt und unbestritten. Der zweite Freisinnige in der Stadtregierung, Stephan Hügli, ist seit dem Krawall-Samstag vom 6. Oktober, stark umstritten. Das muss er selber verantworten, zuvor standen seine Chancen für eine Wiederwahl nicht schlecht, wie mein Blog-Eintrag vom 19. März aufzeigt.

Die Gretchenfragen für die FDP:

– Soll sie Hügli die Stange halten oder ihn aus dem Rennen nehmen?
– Falls sie ihn nicht mehr nominieren will: Gibt es eine andere Kandidatur?

Parteipräsident Thomas Balmer hat sich in der Lokalpresse für ersteres ausgesprochen, die Partei will sich allerdings zuerst an einer Klausursitzung mit der Causa Hügli befassen. Die Nomination ist auf Ende Januar anberaumt. So lange werden noch Spekulationen ins Kraut schiessen, Intrigen lanciert und hinter den Kulissen mögliche Papabili angefragt. Hat jemand den Mut, es zu packen? Es müsste wohl ein klassischer Quereinsteiger sein.

Heikel ist der Entscheid vor allem auch deswegen, weil die SVP Druck macht. Ihr Parteipräsident Beat Schori ist in den Startlöchern, er will unbedingt in die Regierung, ein Unterfangen, das 2004 noch deutlich scheiterte. Wenn die SVP ohne gemeinsame Liste (bei Exekutivwahlen eine Besonderheit des Kantons Bern) mit der FDP und anderen Parteien antritt, ist ihr Spitzenkandidat so gut wie gewählt.

Mark Balsiger

*** Transparenz: Meine Agentur konzipierte und führte im Jahr 2004 den Wahlkampf von Barbara Hayoz.

Wahlen 2007: eine erste Einordnung

Der Begriff “Analyse” wurde heute inflationär gebraucht. Ich versuche lediglich, eine knappe Einordnung zu machen:

Ich habe erwartet, dass die SVP nochmals zulegen kann, gerade in der Zentralschweiz und in der Romandie hatte sie ihr Potential noch nicht ausgeschöpft. Dass sie auf über 28 Prozent kommt, ist die grösste Überraschung des Tages. Schon jetzt wissen wir auf Grund einer ersten Nachwahlbefragung: die Volkspartei hat am besten mobilisiert. Das ist nicht neu, hat aber möglicherweise den entscheidenden Unterschied ausgemacht.

Die letzten zwei Wochen waren wichtiger als bei früheren Wahlen. Das Elektorat wird volatiler, die Entscheidung fiel bei vielen Bürgerinnen und Bürgern erst wenige Tage vor dem Wahltermin. Der Krawallsamstag in Bern vom 6. Oktober erwies der politischen Linken einen Bärendienst.

Das links-grüne Lager geht leicht geschwächt in die nächste Legislaturperiode. Die Polarisierung, die in den letzten 12 Jahren die Politik dominiert hat, ist weiterhin nicht überwunden. Das Parlament wird farbiger, die Mehrheiten finden sich noch weniger entlang den üblichen Linien als bisher.

Das dümmste, was die FDP jetzt tun könnte, wäre eine Richtungsdiskussion lostreten. Sie ist auf dem richtigen Weg, mit dem richtigen Präsidenten, aber: Sie muss sich gedulden, bis sie ernten kann, was sie die letzten knapp zwei Jahre gesät hat.

Zur SP: Die Fraktion, die von 1987 bis 1991 wirkte, war personell auch reduziert, aber überdurchschnittlich erfolgreich. Und sie brachte neue starke Köpfe hervor, die sich von der legendären und übermächtigen “Viererbande” (Helmut Hubacher, BS, Liliane Uchtenhagen, ZH, Walter Renschler, ZH, Andreas Gerwig, BS) emanzipierten, beispielsweise Ursula Mauch, AG, Peter Bodenmann, VS, Elmar Ledergerber, ZH, und Paul Rechsteiner, SG. Das mag die Genossinnen und Genossen etwas trösten.

Die SP muss sich aber überlegen, ob sie mit ihrem pointierten Linkskurs auf dem richtigen Weg ist. Fast alle Parteien in Europa – gerade auch die sozialdemokratischen – positionierten sich als so genannte “catch-all-parties” in der Mitte. Eine Entwicklung in Richtung Mitte, so wie sie die SP schon zu Beginn der Neunzigerjahre einmal machte, wäre erfolgreich.

Mark Balsiger, 00:27 Uhr (und jetzt ist Lichterlöschen….)

Und noch mehr Schafe…

Seit Wochen sage ich immer wieder dasselbe: Die Schweizer Politik leidet unter einer Verschafung. Jetzt schwappt das in den Sport über, wie Arlesheim Reloaded am Nachmittag meldete.

“Höchste Zeit nach Neuseeland auszuwandern”, knurrt Bürokollege Suppino.

“Neuseeland? Dort hats aber mehr Schafe als Menschen”, gebe ich ihm zur Antwort.

Suppino: “Gibt es einen Unterschied? Beide blöken pausenlos.”

Mark Balsiger

Die Bilanz am Tag nach der Demo

Nach den Ereignissen von gestern in Berns Strassen eine nüchterne Einschätzung.

Die Sieger:

– autonome Gruppierungen: Sie haben verhindert, dass das SVP-Volk auf dem Bundesplatz feiern konnte.

– SVP: Sie bleibt in den Schlagzeilen und darf sich in der Opferrolle präsentieren. Das mobilisiert die eigene Basis enorm und treibt ihr neue Wähler in die Arme.

Die Verlierer:

– Demokratie: Es wurde das Recht auf freie Meinungsäusserung verletzt.

– Polizei: Offensichtlich war sie trotz einem Grossaufgebot nicht in der Lage, die Bühne und andere mobile Einrichtungen auf Bundesplatz permanent zu schützen.

– Berns Polizeidirektor Stephan Hügli: Er liess sich mit dem Organisator der Gegendemonstration, Daniele Jenni, auf einen Kuhhandel ein, indem er diesem informell zusicherte, die Gegendemo zu tolerieren, obwohl sie nicht bewilligt wurde.

– Daniele Jenni: Er hat nach dem Chaos von gestern den letzten Kredit verspielt, mit ihm muss man sich nicht mehr an einen Tisch setzen.

– JUSO: Auch Jungparteien sollten um ihre Glaubwürdigkeit besorgt sein. Das Mittun an der Gegendemonstration, im Wissen darum, dass es zu Ausschreitungen kommen wird, finde ich schade. Gut, dass sich die SP Schweiz und die grünen Parteien schon im Vorfeld klar von dieser Veranstaltung distanzierten.

Ich zweifle keinen Moment daran, dass die SVP-Strategen auf eine Eskalation hingearbeitet haben. Davon profitiert die Partei weit mehr als von einem friendlichen Umzug durch die Strassen. Die Gegenseite hat die Provokationen gerne als Einladung zum militanten Kampf angenommen.

Eine Frage bleibt: Wurde der gewaltbereite, autonome Block von Rechtsextremen unterwandert? Bei anderen Demonstrationen konnte das aufgedeckt werden, z.B. in Genua (Anti-G8-Gipfel).

Schliesslich noch ein Schlaglicht auf die Medien: Wer von “kriegsähnlichen Zuständen” schreibt, hat sich in der Wortwahl massiv vergriffen. Die Ereignisse in Berns Innenstadt sind hässlich, wer von kriegsähnlichen Zuständen schreibt, hat solche selber noch nie erlebt.

Mark Balsiger

Zwischen zwei Schweizen

Ab 12 Uhr pendelte ich zwischen den beiden Lagern hin und her. Unten am Bärengraben die Jeremias-Gotthelf-Schweiz mit Treicheln und Fahnen. Ihre Mitglieder akzeptieren offensichtlich kritiklos und ziemlich dumpf alles, was von ihrer Führungsspitze kommt, ja sie finden es sogar richtig. Vom Messerstecher-Inserat bis zum Schaf-Plakat. Sie wissen genau, was gut und was schlecht ist. Ihre Welt ist schwarz-weiss.

In der Innenstadt ist die Chaoten-Schweiz stark präsent. Vielen Anwesenden nehme ich nicht ab, aus echter Entrüstung da gewesen zu sein. Es ging vor allem um Spektakel, um den Kick. Das schwarz-weisse Denken und Handeln auch hier.

Irgendwo in einer versteckten Ecke entdecke ich ein Wahlplakat. Darauf prangt ein sperriger Slogan:

“Für den Respekt vor jedem Einzelnen und gegen die Ausgrenzung”

Beide Schweizen hätten an diesem Plakat vorbeiziehen müssen. Vielleicht wäre ihnen ein Licht aufgegangen.

Mark Balsiger

Samstag ist Demotag

Inzwischen weiss es vermutlich jeder Teenager im Umkreis von 200 Kilometern: Am Samstag ist Demotag in Bern. Seit vier Wochen wird in den Medien fast unablässig darüber berichtet, das Klima ist aufgeheizt. Mehr als 60 Organisationen wollen sich an der unbewilligten Contra-Demonstration beteiligen.

Das zieht, wie immer, nicht nur echte Demonstranten an. Es ist wie ein Ritual, überall dasselbe: an den 1-Mai-Kundgebungen in Zürich, bei Anti-WEF-Manifestationen oder, wie neulich, als Bundesrat Christoph Blocher die Comptoire in Lausanne eröffnete. Die Bilder, die danach verbreitet werden, sind austauschbar: an jeder Ecke eine massierte Polizeipräsenz, zugenagelte Geschäfte, eingeschlagene Schaufenster, brennende Autos, Vermummte, die Steine und manchmal sogar Molotow-Cocktails werfen.

Der Sache erweisen sie so einen Bärendienst. Eine kraftvolle Gegendemonstration, in einer anderen Stadt, wäre die bessere Antwort gewesen. In der heissen Phase des Wahljahres 1995 war das noch möglich gewesen. Etwa 5000 Personen standen damals in Zürich zusammen, unter ihnen Bundesrat Otto Stich, der als Redner auftrat. Die Kundgebung verlief friedlich.

Morgen werden die üblichen Krawall-Bilder scharf mit anderen kontrastieren: Eine Art Alpaufzug der Volkspartei steht auf der Affiche. Mit 10’000 Supportern will sie vom Bärengraben zum Bundesplatz ziehen. Vorne Zottel, die beiden Bundesräte, die Parteipräsidenten Maurer und Joder, dann die liebe Froue und Manne. Das gibt schon beim Marsch durch die Innenstadt Scharmützel.

Der 6. Oktober wird ein zweifelhafter Höhepunkt des Wahljahres 2007. Das sind die Folgen der “Verschafung der Politik”. Wenn die SVP clever ist, und das ist sie, schlägt sie aus den Ereignissen des morgigen Tages Kapital. Bilder haben eine unglaubliche Kraft: hier die SVP-Mitglieder, die in Trachten friedlich durch die Strassen ziehen. Dort die Chaoten.

Ich werde mir das aus der Nähe ansehen müssen – und allenfalls hier darüber berichten.

Mark Balsiger

Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit

Die Selbstkritik zuerst: Der Titel des Podiums, das wir organisierten, war sperrig: „Wahlkampf – gestern – heute – morgen“. Der Anlass, der gestern Abend im „Käfigturm“ in Bern in Szene ging, war das hingegen nicht.

Unter der Leitung von Artur K. Vogel, Chefredaktor bei der Tageszeitung „Der Bund“ diskutierten:

  • – Nadine Masshardt, SP, die jüngste Grossrätin im Kanton Bern (22-jährig)
  • – Johannes Matyassy, Kantonalpräsident der FDP Bern
  • – Prof. Dr. Roger Blum, Medienwissenschaftler an der Uni Bern
  • – Der Bloggende (Mark Balsiger, Co-Autor des Buches „Wahlkampf in der Schweiz“)

Ein paar Aussagen, die in dieser Diskussionsrunde sinngemäss fielen:

Johannes Matyassy, FDP:

– Medienpräsenz ist sehr wichtig. Doch das alleine reicht nicht. Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit.
– Die FDP ist eine Partei voller Individualisten.
– Ich habe das Gefühl, dass bei uns sich alle für unsere Ständeratskandidatin Dora Andres einsetzen. Bei der SVP ist es umgekehrt: Kandidat Werner Luginbühl setzt sich für seine Partei ein.

Nadine Masshardt, SP:

– Jung sein ist noch kein Programm.
– Bei Gesprächen mit Unbekannten stelle ich fest, dass ich meistens auf Grund meiner inhaltlichen Arbeit angesprochen werde.
– Bei den Nationalratswahlen 2003 sind Kandidierende der SP auch dank des Strassenwahlkampfs gewählt worden.
– Für mich ist der persönliche Austausch mit den Menschen auf der Strasse sehr wichtig. Ich will mit ihnen diskutieren, ihre Anliegen hören.

Roger Blum:

– Wenn im redaktionellen Teil über einen Kandidaten berichtet wird, ist das glaubwürdiger als ein bezahltes Inserat.

Mark Balsiger:

– Der moderne Wahlkampf ist der Kampf um die Schlagzeilen von morgen.

Vor dem Podium beleuchtete Roger Blum in einem kurzen Referat den Wahlkampf.

Ein paar Aussagen Blums:

– In den 1850er Jahren nannten die Zeitungen im Kanton Basel-Landschaft manchmal erst eine Woche vor den Wahlen die Namen der Kandidaten.
– Während dieser Phase lag die Wahlbeteilung jeweils zwischen etwa 25 und 38 Prozent.
– 1967 spielte erstmals das Fernsehen im Wahlkampf eine Rolle: Die Parteien konnten in drei grossen Sendungen auftreten.
– Weil im Kanton Aargau das linksliberale „Team 67“ den deutschen Schriftsteller Günter Grass vor seinen Karren spannte, erschienen bei einer Versammlung einmal 5000 Leute. Bei den Wahlen holte das „Team 67“ nicht einmal 5000 Stimmen.
– Die Parteien haben die Herausforderungen der Mediengesellschaft noch zu wenig erkannt: Die FDP und die SP haben ihren den letzten 20 Jahren ihre herausragenden Köpfe, nämlich ihre Bundesräte und Parteivorsitzenden, viel zu wenig in der Vordergrund gestellt.

Berichterstattung:
Podium Politforum Käfigturm (“Bund”, 6. September 2007; PDF)

Mark Balsiger

P.S.  Einmal mehr absolute Transparenz: Ich berate weder Nadine Masshardt noch Johannes Matyassy im Wahlkampf. Sonst wären sie für uns als Podiumsteilnehmende nicht infrage gekommen. Das ändert nichts an meiner Überzeugung, dass Masshardt und Matyassy im Berner Wahljahr 2007 zwei ausgesprochen spannende Personen sind.

Auge in Auge mit dem Justizminister

Mittwochmorgen. Irgendwoher erklingen sieben Glockenschläge durch das Halbdunkel. Ich radle gut gelaunt und in gemächlichem Tempo zur Arbeit. Linker Hand der Bundesplatz, rechts das legendäre “Café Federal”.

Vor der Berner Kantonalbank biege ich scharf links ab. Unvermittelt treten zwei Gestalten auf die Strasse! Ich ziehe eine Vollbremse. Es reicht um zwei Haaresbreiten. Die vordere Person merkt von allem nichts. Sie scheint noch zu dösen und trottet auf die andere Strassenseite. Bei der zweiten Person mache ich zuerst eine hängende Unterlippe aus. Der Mann bleibt stehen, dreht sich um – für eine Sekunde blicken wir einander an, Auge in Auge. Als ich ihn erkenne, stockt mir der Atem. Danach bringe ich ein schwächliches “Göht nume wiiter” heraus. Angelerntes Berndeutsch.

Wortlos überquert Bundesrat Christoph Blocher die Strasse. Auf der anderen Seite wartet sein Leibwächter.

Im leichten Wind der Weiterfahrt finde ich: “Irgendwie sympathisch, dass auch ein Justizminister sich nicht immer haargenau an die Gesetzgebung hält.” Der Kritikus in mir hingegen moniert: “Das wäre deine Chance gewesen. Ganz malziös hättest du auf den Fussgängerstreifen, 20 Meter nebenan, hinweisen können – die Krönung eines jungen Tages.”

Auch Bürokollege Suppino kritisiert: “Hättest du doch den Blocher über den Haufen gefahren! Du warst ja im Recht.” Nun, was wäre passiert, wenn ich den Justizminister mit 15 Stundenkilometern angefahren hätte? Mein Stadtvelo, Jahrgang 1995, Marke Villiger, und ich versus DAS politische Schwergewicht der Schweiz, etwa 90 Kilogramm schwer und 66 Jahre alt.

Wäre der Rahmen gebrochen? Blocher tonlos zu Boden gegangen? Der Radfahrer mit einem Salto über den Lenker auf das Pflaster geknallt? Wären wir beide wieder im Spital erwacht? Nebeneinander?

Denken wir an die Schlagzeilen: “Wahlkämpfer bringt Blocher zu Fall!” Schweizweite Bekanntheit für einen Tag. Es soll Menschen geben, die die Schweiz retten wollen. Ich rettete Blocher – vor ein paar blauen Flecken und Prellungen. Allenfalls vor gebrochenen Rippen oder sogar etwas Ernsthafterem.

Christoph Blocher nicht von den Beinen zu holen, das war eine wahlkämpferische Tat. Vermutlich nicht meine schlechteste in diesem Jahr.

Mark Balsiger

Vom Neid in den eigenen Reihen

Reto Nause in einem Gratisblatt, wo er sich über die abgesenkten Pflastersteine der Berner Altstadt mokiert. Reto Nause in fast allen Tageszeitungen, wo er zum Angriff gegen die FDP-Doppelvertretung im Bundesrat bläst. Reto Nause im Fernsehen, wo er erklärt, weshalb seine CVP nun auch noch eine Wirtschaftspartei sein will.

Nause auf vielen Kanälen, er beherrscht die Schlagzeilen: Unermüdlich weibelt und wirbelt er für seine Partei – und für sich selbst. Ersteres ist normal, das gehört zu seiner Funktion als Generalsekretär, gerade in einem Wahljahr. Zweiteres sollte man ihm nicht verargen, die meisten Kandidaten schauen vor allem für sich.

Die Medienpräsenz Nauses ist enorm, die Kritik lässt nicht auf sich warten. Sie kommt auch aus den eigenen Reihen. Aber selbstverständlich getraut sich niemand, mit dem eigenen Namen hinzustehen. Das ist feige und typisch – und bei allen Parteien anzutreffen. Die gefährlichsten Gegner finden sich fast immer in den eigenen Reihen. Es sind Heckenschützen, oftmals Defätisten und kleinkrämerische Neider in korrekt gebügelten, karierten Hemden. Wehe, wenn einer nicht ganz der helvetischen Durchschnittsnorm entspricht, Ambitionen hat und auch noch offen dazu steht!

Ich beobachte Reto Nause seit nunmehr 15 Jahren. Er kämpft wie ein Löwe und ohne sich zu schonen. Seit sechs Jahren als Generalsekretär. Früher, damals noch als Student, für die Aargauer CVP. Stets steht er unter Hochspannung. „Ideengenerator“, „Euro-Turbo“, “Verpackungskünstler” oder „Hans-Dampf-in-allen-Gassen“ – schon viele Etiketten wurden ihm verpasst. Meistens mit einer Mischung aus Bewunderung und leisem Spott. Mitunter sind seine Strategien nicht fertig gedacht, einzelne Aktionen waren in den Augen einiger Beobachter sauglatt. Aber Nause hat zwei Qualitäten, die ich bei vielen Politikern und Parteifunktionären vermisse: Biss und Leidenschaft.

Eben hat er im Kanton Bern mit 50 Getreuen „Die Liberalsozialen“ aus der Taufe gehoben. Klar, das ist ein Griff in die politische Trickkiste. Der Begriff „liberal“, ohnehin schon schwammig, wird seit geraumer Zeit strapaziert, dürfte aber ziehen. Sicher ist: Mit einer zusätzlichen Liste, die nicht nach CVP und Katholizismus riecht, lassen sich am 21. Oktober ein paar Tausend zusätzliche Stimmen generieren.

Vielleicht reicht das unter dem Strich, um der CVP-Stammliste, die mit den „Liberalsozialen“ eine Listenverbindung eingehen wird, den einzigen Sitz zu sichern. Der wackelt nämlich bedenklich, mehr noch als 1999 und 2003. Norbert Hochreuteners Sitz soll gesichert werden – darum gehts bei den „Liberalsozialen“. Vorläufig. Erst sekundär geht es auch um Nauses eigene Ambitionen. Er spekuliert auf einen Sitz in der Stadtberner Regierung. Doch davon später.

Mark Balsiger

P.S.  Um dem Verdacht von zu viel Nähe entgegenzutreten: Es trifft nicht zu, dass meine Agentur je ein Mandat aus den Bereichen Kampagne, Medienarbeit, Wahlkampf oder Werbung der CVP Schweiz erhalten hätte. Es trifft aber zu, dass ich mich seit 2002 etwa zweimal pro Jahr mit Reto Nause auf ein Bier treffe.