Zuweilen ist es hoch interessant, für ein paar Stunden den Puls des Parteivolkes zu spüren. Heute Abend war ich als Zaungast bei der FDP der Stadt Bern, der Saal bis auf den letzten Platz besetzt, die Stimmung angespannt. Die Freisinnigen hatten über die Listengestaltung für die Gemeinderatswahlen (Exekutive) von Ende November zu befinden.
Winkelzüge, Kommunikationspannen und Gespräche in den eigenen Reihen, aber auch Verhandlungen mit den möglichen Bündnispartnern SVP und CVP waren dieser Nominationsversammlung vorausgegangen. Die Parteileitung verständigte sich schliesslich auf eine 3er-Liste (1x FDP, 1x SVP, 1x CVP). Mithin beugte man sich also dem Druck der beiden anderen Parteien und wollte Polizeidirektor Stephan Hügli kampflos opfern.
In den letzten Tagen hätte man auf Grund der Berichterstattung in den lokalen Medien den Eindruck erhalten können, der Vorschlag der Parteileitung müsse nur noch durchgewinkt werden. Weit gefehlt: Es entzündete sich eine Debatte mit vielen Schattierungen und Einwänden, Ermahnungen und Seitenhieben. Ein Votant fragte beispielsweise rhetorisch, ob man dem Kandidaten der SVP, Beat Schori, das Amt eines Gemeinderats überhaupt zutrauen könne.
Aus der Versammlung heraus wurden zwei Anträge gestellt:
– Die FDP solle sich für eine bürgerliche 5er-Liste stark machen
– Die FDP solle nur ihre beiden bisherigen Gemeinderatsmitglieder Barbara Hayoz und Stephan Hügli nominieren, also den Alleingang wagen
Mit einigem Unmut musste das Parteivolk zur Kenntnis nehmen, dass es nebst der 3er-Liste nur den Alleingang hätte beschliessen können. Alle anderen Vorschläge wären nur auf einen Auftrag zuhanden der Parteileitung hinausgelaufen, mit der SVP und der CVP neue Verhandlungen aufzunehmen. Mit einem derartigen Entscheid hätte die Basis die Parteileitung allerdings desavouiert.
Nach einer engagierten Diskussion setzte sich der Antrag für eine 3er-Liste durch, mit 68:51 Stimmen überraschend knapp. Stephan Hügli, den die FDP vor einem Jahr bei der Ersatzwahl für den verstorbenen Kurt Wasserfallen ins Rennen geschickt hatte, wird also definitiv fallengelassen. Wenn er konsequent sein will, tritt er nun aus der FDP aus.
Hügli erklärte vor der versammelten Parteibasis, dass er sich bis zum Anmeldeschluss Ende Sommer die Option einer wilden Kandidatur offen halten werde. Damit würde er seinen Sitz nicht retten, weil die Stadtberner Exekutive im Proporzverfahren erkoren wird. Entscheidend sind folglich die Stimmen, die eine Liste erziehlt. Auch wenn Hügli eine “Fun-Liste” mit Bronco Jimmy Hofer einreicht, wird es nicht für einen Sitz reichen. Aber Hügli, schwer enttäuscht und mit vielen Messern im Rücken, kann mit einer wilden Kandidatur seiner Partei und der bürgerlichen Liste im Allgemeinen schaden. Vor vier Jahren hat Ursula Begert gezeigt, was eine wilde Kandidatur bewirken kann.
Stephan Hügli verantwortet seine Nichtnomination allerdings weitgehend selber. Im Nachgang der Ausschreitungen vom 6. Oktober in der Stadt Bern verscherzte er seine Sympathien. Seine Art zu kommunizieren kann in die Lehrbücher eingehen – als Beispiel, wie man es nicht machen sollte.
Schliesslich: Die Nominationsveranstaltung der FDP kam um Monate zu spät. Aus der heutigen Sicht ist es nur schwer nachvollziehbar, weshalb die Parteibasis nicht schon im November an einer ausserordentlichen Versammlung befragt wurde. So hätte man die Parteileitung gestärkt und mit einem präzisen Auftrag in die Verhandlungen mit SVP und CVP schicken können. Diese Vorgehen hätte parteiintern die Reihen vermutlich eher geschlossen.
Mark Balsiger
Fotos: bal/www.bernatmetdurch.ch