Grünliberale Bern: eine unverbrauchte Kraft, aber strategisch noch unbedarft

Die parteipolitische Zusammensetzung in der Stadt Bern ist schweizweit ein Unikum. Inzwischen tragen nicht weniger als fünf Parteien das Label “grün”. Eine Auflistung:

Grünes Bündnis (GB): Entstand aus dem Zusammenschluss verschiedener Linksparteien

Grüne Freie Liste (GFL): Ebenfalls eine Fusionspartei, die ihre Wurzeln im Freisinn und dem Jungen Bern hat

Grüne Partei Bern (GPB): Die letzten Jahre stark geprägt vom umtriebigen Daniele Jenni, der im letzten Winter aber verstorben ist. Der einzige Sitz im Stadtparlament erbte Luzius Theiler, der seit 30 Jahren grüne Politik betreibt

Junge Grüne

Grünliberale (glp)

Die Jungen Grünen und die glp wurden erst in diesem Jahr gegründet. Die drei etablierten grünen Parteien (GB, GFL, GPB) wiederum erreichen derzeit zusammen einen Wähleranteil von knapp 24 Prozent. Eine der Fragen ist, ob sich an den kommunalen Wahlen vom 30. November dieser Anteil weiter vergrössern lässt.

Falls nicht wird es eng im grünen Gärtchen. So oder so werden die Grünliberalen von den anderen grünen Parteien argwöhnisch beäugt. Im letzten Frühling wurde ihnen in zum Teil giftigen Leserbriefen abgesprochen, wirklich grün zu sein. Es wird spannend sein, wie sich die verschiedenen grünen Parteien untereinander (rhetorisch) abgrenzen. Ob das überhaupt bis zu den potentiellen Wählerinnen und Wählern durchdringt, ist eine andere Frage.

Heute morgen eröffneten die Grünliberalen offiziell ihren Wahlkampf. Sie verstehen sich “als echte Alternative, als unverbrauchte Kraft, die nicht in einem der beiden grossen Blöcke eingebunden” sei. Eine Spitze gegen links konnten sie sich nicht verkneifen: “Die GFL ist das liberale Deckmäntelchen des RGM-Blocks”, sagte Co-Parteipräsident Michael Köpfli vor den Medien. Die Intention der glp ist klar: Sie möchte auch der FDP das Wasser abgraben.

Die glp tritt mit einer Liste von 40 Kandidierenden für das Stadtparlament an. Das ist für eine neue Partei eine beachtliche Anzahl. Die Kandidierenden werden alle vorkumuliert, d.h. auf der Liste zweimal aufgeführt. Dieses Vorgehen hat in Bern Tradition und wird von praktisch allen Parteien praktiziert.

Kommen die Grünliberalen mit einer eigenen Kandidatur für den Gemeinderat? Diese Frage steht seit einigen Monaten im Raum. Jetzt ist klar: sie verzichten. Man wolle sich zuerst im Parlament etablieren, hiess es vor den Medien. Eine Wahlempfehlung werden sie nicht abgeben, weder für den Gemeinderat noch für das Stadtpräsidium. Mit diesem Entscheid schmälern sich die Chancen für Gemeinderat Stephan Hügli (Die Mitte), der auf eine gemeinsame Liste mit verschiedenen Kleinparteien spekuliert haben dürfte.

Eine Listenverbindung für die Parlamentswahlen kommt für die Grünliberale nicht in Frage. “Die politische Unabhängigkeit ist uns wichtiger als Reststimmen”, betonten sie. Das ist symphatisch und ehrlich, strategisch aber, mit Verlaub, unbedarft. Listenverbindungen sind keine Liebeshochzeiten, sondern lediglich arithmetische Zweckbündnisse. Dank ihnen wird nicht selten ein zusätzlicher Sitz geholt.

Ohne Fraktion (mind. vier Sitze) bleibt die Arbeit im Parlament praktisch bedeutungslos. Vom 30. November an werden die Grünliberalen nicht darum herumkommen, sich mit möglichen Partnern auseinanderzusetzen. In Frage kommen dürften aus heutiger Sicht CVP, EVP und das Forum Die Mitte. Just diese Parteien, mit denen man jetzt im Wahlkampf nicht ins Lotterbett steigen wollte.

“Die Idee des Botellón hat mit einem Massenbesäufnis wenig zu tun”

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Gestern Abend ging das erste Botellón in der deutschen Schweiz in Szene, laut nzz.ch sollen etwa 2000 Personen dabei gewesen sein. Offensichtlich waren mehr Medienschaffende als Betrunkene zugegen.

Heute Abend soll auch in Bern ein Botellón stattfinden. Die Behörden haben den Anlass nicht explizit verboten. Sie wollen ihn auf öffentlichem Grund aber auch nicht tolerieren, wie Stadtpräsident Alexander Tschäppät in einem Interview auf der Diskussionsplattform wahlbistro.ch erklärte.

Ich befragte Bruno B., er ist Sprecher bzw. “Facebook”-Administrator der Berner Botellón-Gruppe. Er gab bislang einzig gegenüber Spiegel-Online Auskunft.

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Printversion dieses Interviews (PDF)

Die Berner Stadtbehörden wollen den Botellón von heute Abend nicht zulassen. Halten Sie an der Durchführung fest?

Bruno B: Es besteht rechtlich keine Grundlage, diesen Event zu verbieten, da in unserem Land Versammlungsfreiheit herrscht. Das Botellón wird mit oder ohne Segen der Stadtväter durchgeführt.

Ich stelle mir das Szenario von heute Abend bizarr vor: Ein paar Hundert Menschen treffen sich auf einem öffentlichen Platz, Suchthilfe-Experten schwärmen aus, die Polizei markiert Präsenz – und schreitet irgendwann einmal ein, um den Event aufzulösen. Ich finde das nicht prickelnd, und Sie?

Eine prickelnde Provokation steht hier nicht zur Debatte. Wenn Suchthilfe-Experten vor Ort sind, ist dies eine Präventionsaktion, die ich nur begrüssen kann. Gleichwohl erinnert mich das von Ihnen geschilderte Szenario eher an eine unbewilligte Demonstration des „Schwarzen Blocks“, wo Aggression, Gewalttätigkeit und Sachbeschädigung zum obligaten Programm gehören. Ich möchte nochmals darauf hinweisen, dass es sich beim 1. Berner Botellón um ein geselliges Beisammensein von Jugendlichen handelt. Der Begriff „Massenbesäufnis“ stammt aus der Medienküche und hat mit der Idee des Botellóns wenig zu tun. Am Ende wird sich herausstellen, dass viel Wind um nichts gemacht wurde.

Wäre es rückblickend nicht besser gewesen, wenn sich ein Organisationskomitee gebildet hätte? Dieses hätte frühzeitig mit den Behörden in Kontakt treten und ein Gesuch für die Durchführung dieses Anlasses stellen können.

Ein Botellón funktioniert ohne Organisatoren, es werden nur Datum, Ort und Zeit bekannt gegeben. Die Leute finden sich am angekündigten Ort aus eigener Initiative ein. Es steht auch kein Verantwortlicher zur Verfügung, der für allfällige Folgen angeprangert werden kann, da jeder für sich selbst verantwortlich ist. Wir sind alle mündige Bürger, dürfen wählen gehen und bezahlen Steuern. Ich appelliere an den gesunden Menschenverstand der Teilnehmer.

Die Stadtbehörden und Stadtpräsident Tschäppät haben wiederholt via Medien mitgeteilt, dass ein Botellón bewilligungspflichtig sei. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, ein solches Gesuch würde bei Einreichung auf jeden Fall abgelehnt werden. Das Einreichen einer Bewilligung würde somit zur Farce, deshalb haben wir auf diesen sinnlosen administrativen Aufwand bewusst verzichtet.

Auf der Internet-Plattform „Facebook“ rufen Sie die Teilnehmenden auf, keinen Abfall zu hinterlassen, auf Aggressionen und Gewalt zu verzichten, und, wenn überhaupt, massvoll Alkohol zu trinken. Reicht dieser Aufruf?

Mehr als einen Aufruf kann ich nicht machen, schlussendlich ist jeder für sich, seine Taten und deren Folgen selbst verantwortlich. Meine Freunde und ich werden uns daran halten, aber ich kann nicht die Hand ins Feuer legen für Personen, die ich nicht kenne. Wie schon Martin Luther King sagte „I have a dream“, habe auch ich einen Traum: den Traum von einem friedlichen Botellón.

Seit Wochen herrscht wegen den Botellones nicht nur Aufregung, sondern schweizweit eine regelrechte Empörung. Können Sie das nachvollziehen oder ist die junge Partygeneration von lauter Bünzlis umzingelt?

Die Presse steckt im Sommerloch und die Politiker müssen sich aufgrund der Neuwahlen profilieren. Wäre der ganze Medien-Hype nicht gewesen, hätten sich niemals so viele Leute bei den Botellones angemeldet. Es wird ein gemütlicher Umtrunk, und hoffentlich werden die Kritiker eines besseren belehrt. Beim nächsten Botellón sind auch die Bünzlis herzlich eingeladen, sie müssen sich nur auf Facebook registrieren und sich der Berner Botellón-Gruppe anschliessen.

Die Organisatoren des Botellón in Zürich von gestern Abend haben den Kontakt mit den Medien schon vor einigen Tagen abgebrochen. Sie fühlen sich nach eigenen Angaben missverstanden, das „Massenbesäufnis“ werde herbeigeschrieben. Welche Erfahrungen haben Sie bislang mit den Medien gemacht?

Mit den Schweizer Medien pflege ich keinen Kontakt. Ich habe aus den Fehlern meiner Vorgänger gelernt, die den reisserischen Artikeln der Medienschaffenden zum Opfer fielen. Einzig Spiegel-Online und nun Wahlbistro.ch bzw. dem Wahlkampfblog gewähre ich Interviews in schriftlicher Form, da mir diese Publikationen Anonymität zugesichert haben und ich von deren Integrität überzeugt bin.

Was müssten Sie befürchten, wenn Sie hier mit Ihrem bürgerlichen Namen und einem Foto aufscheinen würden?

Bei Neueinstellungen verwenden Personalchefs vermehrt Google und Facebook, um zusätzliche Informationen über die Bewerber zu erhalten. Durch Veröffentlichung meines Namens wäre ich auf Lebzeiten als Organisator eines sogenannten Massenbesäufnisses gebrandmarkt. Falls ich mich nicht gerade bei Carlsberg um eine Stelle bewerbe, wäre dies kaum förderlich für meine weitere berufliche Laufbahn.

Interview: Mark Balsiger

Archivbild: sueddeutsche.de

Wahlbistro ist eröffnet – unser erster Gast: Stadtpräsident Alexander Tschäppät

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Es ist soweit: Das Wahlbistro ist eröffnet. Eben durch die Türe kam Alexander Tschäppät, der Berner Stadtpräsident. Er äussert sich im Interview zum Botellón, das diesen Samstag erstmals in Bern stattfinden soll.

Wer mit Tschäppät diskutieren möchte oder die Debatten einfach interessiert mitverfolgen will: Mit einem einzigen Klick sind auch Sie im Wahlbistro. Die erste Runde ist spendiert!

Vergessen Sie nicht, sich zu registrieren – erst danach können Sie auch mitreden im neuen Diskussionsforum.

Barbara Hayoz, Reto Nause und Beat Schori blasen zum Angriff auf Rot-Grün

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In der Stadt Bern sind die Sommerferien vorüber, der sichtbare Wahlkampf für die Exekutive kann beginnen. Bereits seit letzter Woche sind an verschiedenen Stellen die Plakate des bürgerlichen “Dreiers” zu sehen. Heute Morgen präsentierten sich Barbara Hayoz (fdp), Reto Nause (cvp) und Beat Schori (svp) den Medien.

Ihre Themen sind keine Überraschung: Sicherheit und Sauberkeit stehen im Zentrum. Die “Bürgerliche Mitte”, so heisst ihre gemeinsame Liste, will am 30. November die Wende schaffen (Weshalb Liste? In Bern gilt bei Exekutivwahlen nicht das Majorzsystem, sondern der Listenproporz, was ich schon verschiedentlich kritisiert habe.)

Nach 16 Jahren soll die rot-grüne Mehrheit in der Stadtregierung abgelöst werden.

Medienmitteilung bürgerliche Mitte

Gut, dass der Wahlkampf damit nun endlich in die Medien getragen wird. Bleibt die Gretchenfrage: Schafft das Trio die bürgerliche Wende? Was meinen Sie?

Plakatsujet: www.buergerlichemitte.ch

Stephan Hügli kämpft mit dem Bären

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Bern döst in diesen Sommertagen. Die Wahlen in der Stadt scheinen noch weit, weit entfernt zu sein. In genau vier Monaten ist es so weit. Der erste Gemeinderatskandidat, der sich seit heute auf Plakaten der Wählerschaft präsentiert, ist Stephan Hügli (bisher, Forum die Mitte, ex-FDP).

Er muss kämpfen wie ein Bär, keine Frage. Vorerst tut er das von den Wänden. Seine Plakate sind nicht im Stadtzentrum, sondern in den Aussenquartieren ausgehängt.

Hier und jetzt interessieren nicht primär seine Wahlchancen. Ich möchte eine Diskussion über die Kreation, das Setting und die Botschaft(en) anstossen. Ein weiterer Anlauf, nachdem in den letzten Monaten zwei Versuche scheiterten.

– Ist das Sujet stimmig?

– Passt der Slogan?

– Was halten Sie davon, dass Gemeindeangestellte mitmachten?

– Welche Rolle spielt der schwarze Bär?

Wer das Sujet in einem grösseren Format anschauen möchte:

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10vor10 hat Bern wieder rehabilitiert – Stadtpräsident Tschäppät jubiliert

Seit Jahren ist in den Medien eine Entwicklung zur Emotionalisierung, Personalisierung, Skandalisierung und Trivialisierung zu beobachten. Oft wird ihnen vorgeworfen, dass sie sich nur auf das Negative stürzen. In der Tat gilt auf vielen Redaktionen: “good news are no news”.

oranje3_20min_bundesplatz.JPGDie SF-Nachrichtensendung “10vor10” machte Anfang Woche eine Ausnahme und produzierte einen Positiv-Beitrag, wie man ihn selten zu sehen bekommt (“Bern im Aufwind”). Auslöser war die Vergabe der Einkunstlauf-EM 2011. Bern hat den Zuschlag erhalten. Das liess sich wunderbar verbinden mit der aktuellen Fussball-EM, die in Bern dank den holländischen Gästen hohe Wellen schlug (siehe Bild nebenan), und der Eishockey-EM im kommenden Jahr.

In bester Laune zog Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät mit “10vor10”-Korrespondent Urs Wiedmer unter den Baldachin beim umgestalteten Bahnhofplatz und zum neuen Eisstadion, das zurzeit gebaut wird. Die Botschaften: “Wir gaben und geben Bern ein neues modernes Gesicht; wir investieren im grossem Stil.” Die Suggestivkraft der Bilder ist überwältigend.

Ich finde es legitim, diesen Beitrag an Tschäppät aufzuhängen, auch wenn dieser im Wahlkampf steht. Das ist der Bonus des Bisherigen. Es dürfte für ihn Balsam sein, nach dem gnadenlosen Bern-Bashing im letzten Herbst, bei dem Tschäppät wie nie zuvor an die Kasse kam.

Die Quintessenz: In Bern herrscht wieder Friede, Freude, Eierkuchen; es wird gebaut. “10vor10” hat die Stadt nach der “Schande von Bern” wieder rehabilitiert. Alexander Tschäppät wird innerlich jubilieren. Die enorme Medienpräsenz kommt für ihn zum besten Zeitpunkt.

Doch zurück zum “10vor10”-Beitrag: Die letzten 15 Sekunden gehören ausschliesslich Urs Wiedmer, dem Korrespondenten des SF, einem Berner. Er stellt sich auf der Kirchenfeldbrücke vor die Kamera, das Münster im Hintergrund. Seine Sätze sind es wert, hier tel quel wiedergegeben zu werden:

“‘I ha Bärn gärn.’
Dies ist für viele Berner wieder mehr als nur ein Lippenbekenntnis. Wir Berner sind wieder wer. Wir sind stolz auf unsere Stadt. Auf die Hauptstadt der Schweiz. Bern ist nicht mehr nur Zürich-West oder Amsterdam-Süd.
Bern ist Bern.”

Der Beitrag ist handwerklich gut gemacht, der Schluss hingegen wirft Fragen auf: Urs Wiedmer gibt Sätze von sich, die in einer Werbeagentur nach einer ersten müden Sitzung auf dem Notizblock stehen könnten. Er wechselt urplötzlich die Seite, lässt jede Distanz vermissen und wird zum Mediensprecher von Bern Tourismus. Damit untergräbt er seine Glaubwürdigkeit als Journalist.

Im “Leutschenbach” wird Wiedmers Beitrag noch zu weiteren Diskussionen führen. Wir dürfen gespannt sein, was Chefredaktor Ueli Haldimann in seinem Blog dazu schreibt – und was SRG-Ombudsmann Achille Casanova meint. So er denn angerufen wird.

Foto Bundeshausplatz in Oranje: 20Minuten online
Foto Alexander Tschäppät: www.euro08-bern.ch

Bern: Das Forum “die Mitte” steht, weil “die Mitte bislang nur verbal besetzt war”

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Es hätte eine gleichsam symbolische wie fototrächtige Aktion werden sollen, exakt in der geografischen Mitte der Stadt Bern. Doch der grosse hellblaue Ballon mit der Aufschrift “die Mitte – gemeinsam für Bern” mochte nicht warten. Kaum hatte die Medienkonferenz heute Nachmittag begonnen, löste sich er sich unbemerkt vom Haken und stieg zügig in die Höhe. Nur ein Journalist sah es, keine Kamera fing diesen Moment ein.

Die Frage: Ist das nun ein gutes oder schlechtes Omen für das neue überparteiliche Bürgerforum “die Mitte”?

Die Gründungsmitglieder des Forums sind ehemalige freisinnige Stadträte: Heinz Rub, Urs Jaberg und Michael Burkard. Mit dabei ist auch Christine Schaad Hügli, die Gattin von Gemeinderat Stephan Hügli (parteilos). “Die Mitte” soll also die neue politische Heimat des langjährigen FDP-Mitglieds werden, obwohl betont wurde, dass sie “kein Hügli-Gefäss” sei.

“Die politische Mitte war bislang nur verbal besetzt”, sagte Jaberg. Sie wolle unabhängig und losgelöst von den beiden grossen politischen Blöcken auftreten. “Unser Forum ist nicht gegen die FDP gerichtet”, fügte er an. Das Ziel der Gründungsmitglieder ist es, nach Möglichkeit mit einer Zwölferliste zu den Stadtratswahlen (für Nicht-Berner: Stadtrat = Legislative) anzutreten, sagte Rub im Anschluss an die Medienkonferenz. Er hoffe auch bekanntere Namen. Für den Gemeinderat (Exekutive) ist Stephan Hügli gesetzt – bislang alleine. Das war auf Grund der Informationen von Ende letzter Woche nicht absolut klar gewesen.

Dass er seinen Sitz im Alleingang retten kann, ist auszuschliessen. Das Proporzwahlsystem setzt die Hürde sehr, sehr hoch. Vor vier Jahren versuchte Ursula Begert, die von der SVP herausgemobbt worden war, diese Hürde zu nehmen. Sie erreichte fast 24’000 Stimmen, mehr als alle anderen Kandidierenden. Mit 30’000 Stimmen hätte sie die Wiederwahl geschafft.

Stephan Hügli kann rechnen und er kennt das Wahlsystem in der Stadt Bern. Er sagt, dass die Hürde “sehr, sehr hoch” liege. Hügli weiss aber, dass er nur dann eine Chance hat, wenn er nicht als einziger Kandidat auf einer Gemeinderatsliste antritt.

Illustration: www.die-mitte.org
(Nachtrag: Wie ich eben entdeckte, wird der blaue kugelrunde Ballon im Firefox verzerrt bzw. er mutiert zu einem Ei. Ich orientiere mich an der Mehrheit, und die braucht den Internet Explorer als Standard-Browser.)

Bern: Stephan Hügli lässt die Katze endlich aus dem Sack – und er zeigt Krallen

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Jetzt herrscht Klarheit: Stephan Hügli tritt bei den Wahlen in die Stadtberner Regierung wieder an. Er wurde im verflossenen Winter von seiner Partei, der FDP, fallen gelassen. Kurz darauf trat er aus der Partei aus, seine Frau und andere bekannte Mitglieder taten es ihm nach.

Hüglis Entscheid ist logisch. Einerseits geht es um Finanzielles: Hügli hat eine Entschädigung von etwa 150’000 Franken zugute, die ihm nur ausbezahlt wird, wenn er erneut kandidiert. Andererseits geht es um verletzten Stolz und Fairness.

http://www.espace.ch/artikel_535441.html

Stephan Hügli hat die Katze aus dem Sack gelassen. Er zeigt, dass er Krallen hat und kämpfen will – wohlwissend, dass er alleine keine Chance auf eine Wiederwahl haben wird. Wohlwissend, dass er nicht nur Applaus ernten wird, sondern auch viele böse Kritik von ehemaligen Weggefährten. Am nächsten Montag folgt der nächste Streich: Eine neue Gruppierung namens “die Mitte” will sich der Öffentlichkeit präsentieren. Diese Medienkonferenz war schon vor Wochen anberaumt gewesen, wurde aber kurzfristig verschoben. Zur “Mitte” sollen bislang vor allem ehemalige Freisinnige gehören.

Mit Hüglis wilder Kandidatur ist die bürgerliche Wende in der Stadtregierung definitiv vom Tisch. Die Rot-Grün-Mitte-Parteien und ihre vier Kandidierenden für den Gemeinderat haben die Reihen längst geschlossen, ihr Wahlkampf läuft. Allen voran Stadtpräsident Alexander Tschäppät: Er punktet seit Wochen täglich mit medienwirksamen Auftritten, die oranje Wellen aus Holland liessen ihn zur Hochform auflaufen.

Frühere Postings zum Thema:

Bern wählt Blöcke statt Köpfe (30. Mai 2008)
Stephan Hügli wird kampflos geopfert (28. Januar 2008)
Stephan Hügli abserviert – alles im Lot? (22. November 2007)
Wasserfallen junior will nicht – wer packts? (9. November 2007)
Die Bilanz am Tag nach der Demo (7. Oktober 2007)
Neo-Gemeinderat Hügli und das Halali auf seinen Sitz (19. März 2007)


Foto Stephan Hügli: keystone

Bern wählt Blöcke statt Köpfe

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Die Konstellation ist ideal: Morgen wird auf dem umgebauten Bahnhofplatz in Bern ein rauschendes Fest gegeben – Zeit für eine „Gefechtspause“. Tags darauf sind die Protagonisten der Parteien wieder in ihren ideologischen Schützengräben und kommentieren den Ausgang der „Bärenparking“-Initiative mit markigen Worten. Das gehört zum politischen Spiel.

In Bern über kein anderes Politikfeld so engagiert, ja verbissen gekämpft wie die Verkehrpolitik. Die Parolen zur Initiative spiegeln die klare Trennung: hier die Bürgerlichen, dort die Parteien von Rot-Grün-Mitte (RGM). Die Abstimmung vom Sonntag ist ein Formtest für die beiden grossen politischen Blöcke, schliesslich finden in genau sechs Monaten die Gemeinderatswahlen statt. Am 30. November wollen die bürgerlichen Strategen die rot-grüne Mehrheit in der Stadtregierung stürzen.

Wie in allen anderen grossen Schweizer Städten verfügt Rot-Grün in Bern über eine strukturelle Mehrheit. In den letzten zehn Jahren haben die rot-grünen Parteien bei kommunalen, kantonalen und nationalen Wahlen stets mehr als 50 Prozent errungen. Die bürgerlichen Parteien SVP, FDP und CVP wiederum holten jeweils zwischen 30 und 40 Prozent. Dass bei den Nationalratswahlen vom letzten Herbst die Mehrheitsverhältnisse in der Stadt Bern kippten, war eine Zeitungsente. Trotz massiven Verlusten der SP holte Rot-Grün nämlich 54,1 Prozent, die Bürgerlichen kamen auf 38,8 Prozent. So weit die nüchternen Zahlen.

Für die Wende in Bern braucht es erstens eine gemeinsame Liste. Diese steht nach monatelangem Hin und Her, einigen Zwischenrufen in der Lokalpresse und mehreren Parteiaustritten prominenter FDP-Mitglieder. Zweitens muss der bürgerliche „Dreier“ mehr Stimmen als der rot-grünen „Vierer“ erhalten. Dieses Ziel sollten wir unter Einbezug des Wahlsystems betrachten: Bei den Gemeinderatswahlen gilt das Proporzwahlsystem. Dabei stehen nicht Personen im Vordergrund, sondern Parteien, und das beeinflusst die Positionierung der Kandidierenden wie das politische Klima. Mit anderen Worten: der Proporz verschärft die Polarisierung. Ausdruck ebendieser Polarisierung ist das Wahlverhalten: Bern wählt Blöcke statt Köpfe. Wer panaschiert, schwächt die eigene Liste. Vor vier Jahren wurden 80 Prozent aller Stimmen auf den eigenen Listen erzielt.

Beide grossen Blöcke plagen Sorgen: Edith Olibeth und Alexander Tschäppät standen mehrmals in der Kritik der Öffentlichkeit. Zudem fand RGM erst nach langem Suchen einen vierten Kandidaten. Der 26-jährige Daniel Klauser ist weitgehend unbekannt. Er dürfte das brachliegende Wählerspektrum in der Mitte kaum erweitern, so wie das im Jahr 2004 dem Bernburger und GFL-Kandidaten Alec von Graffenried gelungen ist. Die Bürgerlichen wiederum haben Mühe, homogen aufzutreten. Bei der FDP ist der sozial-liberale Flügel in den letzten Jahren immer schwächer geworden, zudem kämpft sie mit einer Hypothek: dem verstossenen Stephan Hügli. Beat Schori (svp) hat ein anderes Problem: Selbst Parteikollegen sind nicht sicher, ob er als Gemeinderat in der richtigen Funktion wäre.

Die beiden traditionellen Blöcke fokussieren im Wahlkampf auf ihre Stammklientel. Die RGM-Liste positioniert sich klar links der Mitte, der „Dreier“ fährt einen strammen bürgerlichen Kurs mit den Themen Wirtschaft, Sicherheit und Sauberkeit. Zwischen den beiden Blöcken klafft eine grosse Lücke. Möglicherweise wittern zwei eben gegründete Parteien Morgenluft: Einerseits die Grünliberalen, andererseits das Forum „die Mitte“, zu dem bekannte ehemalige Freisinnige gehören. Wenn beide Neuparteien eine valable Gemeinderatskandidatur aufbauen und Märtyrer Stephan Hügli mit auf die gemeinsame Liste geht, wird es spannend. Das Potential der politischen Mitte beträgt mindestens 20 Prozent.

Dieser Text wurde als „Tribüne“ in der Berner Tageszeitung
„Der Bund“ vom 30. Mai 2008 veröffentlicht.

Bahnhofplatz Bern: Baldachin ist ein Wurf

Gut Ding will Weile haben. Bis am Bahnhofplatz Bern die Bagger auffahren konnten, stritt man sich eine Politikergeneration lang über das Wie, Einsprachen mussten bereinigt und Abstimmungen erzittert werden.

Noch ist der letzte Pinselstrich nicht gemacht, aber mit Sicherheit lässt sich schon jetzt sagen: Der umgebaute Bahnhofplatz besticht durch seine Grosszügigkeit. Wer vom Bubenbergplatz Richtung Loeb bzw. Heiliggeistkirche unterwegs ist, kommt ins Staunen. Dieser Abschnitt präsentiert sich wie eine stolze Allee, einzig ein paar mächtige Bäume, die die Strasse säumen, fehlen.

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Der Baldachin, dieses riesige, etwa 85 Meter lange, elegant geschwungene Glasdach, wirkt von Westen her betrachtet wie ein Tor zur Innenstadt. Keine Zweifel: der Baldachin ist ein Wurf. Auf Grund der Pläne hatte ich gezweifelt, dass er sich ins Stadtbild einfügen würde. Ich täuschte mich – zusammen mit vielen anderen, die den Baldachin teilweise sogar regelrecht verteufelten und alles daran setzten, ihn zu verhindern.

Der neue Bahnhofplatz wirkt offen, freundlich und, ich wiederhole mich, grosszügig. Er ist eine Visitenkarte, auf die man stolz sein darf. Vielleicht hilft das den Von-Geburt-auf-und-stets-hier-gebliebenen Bernerinnen und Bernern, die offenbar ihre Stadt als minderwertig einstufen, ihre Wahrnehmung zu korrigieren.

Die Einweihung des neuen Bahnhofplatzes findet diesen Samstag statt. Es wird mir der grossen Kelle angerichtet, eine 17-stündige Sause wartet auf die Bevölkerung. Und vermutlich auch einige Störefriede – verkleidete Antifa-Mitglieder, die die Aufmerksamkeit für sich nutzen wollen.

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Fotos: www.bahnhofplatz.ch