Bern nach den Wahlen: Schwächere Blöcke entkrampfen den Parlamentsbetrieb

Das politische Bern wurde gestern nicht umgepflügt. Aber die Veränderungen sind deutlich. Claude Longchamp spricht von einer “Pluralisierung der Parteienlandschaft”. Lukas Golder, wie Longchamp Politologe bei gfs.bern, vermutet, dass die Polarisierung vorbei ist.

Betrachten wir das neue Parlament aus der Nähe:

Die beiden grossen Blöcke im 80-köpfigen Parlament sind kleiner geworden. Rot-Grün-Mitte (RGM) inkl. den kleinen Linksaussen-Parteien kommen neu noch auf 42 Sitze. Bislang hatten sie 46 Sitze. Die Bürgerlichen inkl. EDU, SD und Jimy Hofer können neu 28 (bisher 29) Sitze für sich reklamieren.

Verdoppelt hat sich die Sitzzahl der blockfreien Mitte. Bislang wurde sie markiert von der CVP mit 3, und der EVP mit 2 Sitzen. Zusammen mit den 4 Sitzen der Grünliberalen sowie Claude Grosjean (Forum die Mitte) kommt die Mitte neu auf 10 Sitze. Das ist von Bedeutung, weil in früheren Konstellationen – gerade auf nationaler Ebene von 1995 bis 2007 – die Mitte marginalisiert und aufgerieben wurde.

Was kann die neue Konstellation im realpolitischen Alltag der Stadt Bern bedeuten? Ich vermute, dass in der kommenden Legislatur die Grünliberalen oft das Zünglein an der Waage sein werden. In Verkehrs- und Energiefragen dürften sie mit RGM stimmen und den Geschäften aus diesem Block zum Durchbruch verhelfen.

In Finanz-, Steuer- und Wirtschaftsfragen hingegen sind die Grünliberalen anders positioniert; hier drehen sie kaum zum RGM-Bündnis. Ihr eigenständiges Auftreten kann dazu führen, dass vereinzelte GFL-Mitglieder oder punktuell sogar die ganze 9-köpfige Belegschaft aus dem RGM-Korsett ausscheren und ebenfalls mit den Bürgerlichen stimmen. Bereits in den letzten eineinhalb Jahren hatte sich die GFL mehrfach von RGM emanzipiert und andere Positionen vertreten.

Wir dürfen davon ausgehen, dass die beiden grossen Sieger von gestern, die Grünliberalen und die BDP, eigenständige neue Fraktionen bilden werden. Die EVP wird wohl erneut mit der GFL eine Fraktionsgemeinschaft eingehen. Spannender wird es zu beobachten sein, wie die CVP sich entscheidet. Sie müsste ihrem frisch gekürten Gemeinderat Reto Nause den Rücken stärken. Das geht am besten mit einer möglichst grosse Fraktionsgemeinschaft. Im Vordergrund dürfte ein Zusammengehen von CVP und BDP stehen.

Fazit: Die Blöcke sind geschwächt, was den Parlamentsbetrieb hoffentlich entkrampft und wechselseitige Mehrheiten ermöglicht. Die neue Legislatur muss auch neue Leaderfiguren im Parlament hervorbringen. Sie stehen in der Verantwortung, den Kurs der Stadt zu bestimmen.

Was geschieht mit dem “Bund”? – Kommt es zu Personalabbau oder gar zum “Aus”?

Heute morgen auf 9 Uhr müssen alle Redaktorinnen und Redaktoren der Tageszeitung “Der Bund” antraben. Sie wurden im Verlaufe des Sonntags per SMS aufgeboten. Das lässt nichts Gutes erahnen. Wer gestern Abend im Berner Rathaus die “Bund”-Journalisten beobachtete, stutzte.

Dass der “Bund” wirtschaftlich serbelt, ist seit mehr als zwei Jahrzehnten eine Tatsache (publizistisch hingegen leistet er noch heute Aussergewöhnliches). Früher wurden die Löcher in Millionenhöhe durch die Mehrheitsaktionäre Ringier, NZZ oder Espace Media Groupe gestopft. Seit die Tamedia vor eineinhalb Jahren das Zepter übernommen hat, ist klar, dass es diesen Mechanismus nicht mehr geben wird.

Hat jemand dieses Mal das Totenglöcklein gehört, wie ich das bereits im Sommer 2007 und 2003 vermeldete?

Die Medienbranche spürt eine heranziehende Rezession in der Regel zuerst. Die letzten Tage wurden Personalabbau, Zwangspause im Sommer und anderes vermeldet, von den AZ-Medien über “le matin bleu” bis zur “Weltwoche”. Bis zur Stunde ist bekannt, dass 150 Arbeitsplätze in der Zeitungsbranche abgebaut werden.

Welches sind die Szenarien für den “Bund”:

– Das Traditionsblatt wid eingestellt, eine “Fusion” würde vermutlich bloss die abgedämpfte Sprachregelung für das Aufgehen in der “Berner Zeitung” bedeuten
– Der “Tages-Anzeiger” oder allenfalls die “Berner Zeitung” (BZ) liefern den so genannten Mantel plus, d.h. Ausland, Inland und Wirtschaft, der “Bund” produziert noch einen Teil, nämlich den Stadt-Bund (der Sportteil wird ja schon seit geraumer Zeit von der BZ erarbeitet; er ist bis heute ein Fremdkörper geblieben)
– einzelne Ressorts werden demnächst eingestellt, am gefährdetsten ist das Ressort Wirtschaft, gefolgt vom Ausland und Inland. Stattdessen werden diese Inhalte vom “Tages-Anzeiger” oder der BZ bezogen

Die Landeshauptstadt steuert auf eine Monopolsituation im Zeitungsmarkt hin. Da wirkt ein seit Jahren verwendeter Slogan beim “Bund” plötzlich zynisch: “Verstehen, warum”.

Der Blick in die Kristallkugel: Wer in der Stadt Bern gewinnt, wer verliert

Politbeobachter und Kaffeesatzleser können ihr Dasein damit legitimieren, wenn sie möglichst präzise Wahlausgänge prognostizieren. Ich wage es, die Ergebnisse der Stadtberner Wahlen rund 24 Stunden vor der Bekanntgabe zu nennen.

Es handelt sich um keine wissenschaftlich elaboriertes Modell, mit dem ich meine Einschätzungen zu messen versuche. Es ist lediglich ein gelassener Blick in die Kristallkugel. Aus einer rein subjektiven Warte beurteilte ich über eine Zeitspanne von vier Jahren folgende Kriterien:

– parlamentarische Arbeit
– Performances des Spitzenpersonals
– Medienpräsenz
– Image
– “Strahlkraft” der nationalen Parteien
– Mobilisierungspotenzial der eidgenössischen Vorlagen
– Wahlkampagnen
– Listengestaltung

Meine Prognosen:
(in Klammer der Wähleranteil von anno 2004)

– BDP          3,5 (—-; + 3,5)
– CVP          6,0 ( 3,9; + 2,1)
– die mitte  2,4 (—-; + 2,4)
– EVP          4,5 ( 3,6; + 0,9)
– FDP*       12,5 (18,2; – 5,7)
– GB           11,0 ( 9,3; + 1,7)
– GFL          8,5 (11,6; – 3,1)
– glp**         4,5 (—-; + 4,5)
– SP/Juso 25,0 (29,1; – 4,1)
– SVP        12,0 (12,9; – 0,9)

Die Klein- und Kleinstparteien (ARP, EDU, GPB, JA, PdA, SD) holen insgesamt 10,1 Prozentpunkte.

* FDP:  beide Listen (Männer und Frauen) sowie jungfreisinnige
** glp = Grünliberale Partei

Schliesslich die Wahlen in die Stadtregierung:

Es bleibt bei 3 RGM- und 2 bürgerlichen Sitzen. Bei RGM macht Regula Rytz (gb) das beste Ergebnis, knapp vor Alexander Tschäppät (sp) und, mit deutlichem Abstand, Edith Olibet (sp). Auf bürgerlicher Seite holt Barbara Hayoz (fdp) klar am meisten Stimmen. Zweiter wird Reto Nause (cvp), haarscharf vor Beat Schori (svp).

Gerade diese Gemeinderatswahlen sollten allen vor Augen führen, wie verkehrt das Wahlsystem mit dem Listenproporz ist. Im Vordergrund stehen Blöcke statt Köpfe, und das kann sich eine Stadt wie Bern eigentlich nicht mehr leisten.

Schliesslich die Ausmarchung fürs Stadtpräsidium: Tschäppät bleibt Stadtpräsident; er erringt 56 Prozent der Stimmen. Hayoz kommt auf 39 Prozent, Jimy Hofer auf 5 Prozent.

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Foto: stadtwanderer

“Jekami” in Bern: Wenn sich 430 Kandidierende um 20 Sitze balgen

Seit drei Wochen höre ich in der Stadt Bern immer und immer wieder dieselbe Aussage: Der Wahl- und Abstimmungssonntag vom 30. November fordert stark, ja er überfordert. Nebst den städtischen, kantonalen und eidgenössischen Vorlagen gilt es, die Stadtregierung und das Parlament zu wählen.

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Knapp 500 Personen kandidieren für das 80-köpfige Parlament. Das ist eine grosse Auswahl – Lästerzungen sprechen von einem Jekami -, allerdings wird damit die Wahlentscheidung nicht einfacher. Im Gegenteil.

Im grossen Feld der Kandidierenden treten 68 Bisherige wieder an, das “bisher” ist weiterhin der wichtigste Faktor für eine Wiederwahl. Laut einer Faustregel müssen bei Parlamentswahlen aber jeweils 15 Prozent der Bisherigen fürchten, nicht mehr gewählt zu werden.

Unter dem Strich dürfen sich in Bern also insgesamt etwa 20 Kandidierende Hoffnungen machen, neu ins Stadtparlament einzuziehen. (Vor vier Jahren schafften das 22.) Es balgen sich also theoretisch etwa 430 Kandidierende um 20 neu zu vergebende Sitze – etwa jeder 22. mit Erfolg.

Angesichts solcher Aussichten kann es nicht erstaunen, dass viele Kandidierende mit angezogener Handbremse in den Wahlkampf stiegen. Wenn überhaupt.

Einige beschränkten sich darauf, einer Liste bzw. Partei ihren Namen zur Verfügung zu stellen, und damit hatte es sich. Andere kämpfen auch in diesen letzten Stunden noch um ein wenig Aufmerksamkeit – frierend auf dem Bärenplatz oder anderswo. Bewaffnet mit Flyern und Give-aways. Andere sitzen an der Wärme und geben ihre Kommentare im virtuellen Wahlbistro ab.

Ich ziehe den Hut vor diesen Unentwegten, die jetzt noch um jede Stimme kämpfen. Für ihre Überzeugungen und Parteien – oder für sich.

Foto: www.bern.ch

Post vom Stapi

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Stadtpräsident Alexander Tschäppät hat geschrieben, das Couvert ganz in Rot. Er hielt also Wort. Die Lieferung erfolgte nur wenige Tage nachdem ich auf seiner minimalistischen Website eine Bestellung aufgegeben hatte. Sein “Plan für Bern” liegt vor – und in unseren Händen.

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Wer mit dem “Plan” einen Wurf in Sachen Stadtplanung erwartete, ist auf dem Holzweg. Tschäppät hatte schon letzte Woche angekündigt, dass sein “Plan” nicht in die Tiefe gehen werde. In der Tat: es handelt sich bloss um einen Stadtplan. Umrahmt wird der Stadtplan von ein paar Kernaussagen und Prominenten, die empfehlen. Simonetta Sommaruga und Kuno Lauener zum Beispiel.

Fazit: ein gelunges Give-away. Zu praktisch, um es gleich wieder zu entsorgen. Nächste Woche liegt Tschäppäts Plan in 85’000 Haushaltungen. Unserem Couvert lag noch eine Karte von ihm bei. Handgeschrieben.

Fotos: Mark Balsiger

Gesucht: Die kreativsten Aktionen und Werbemittel im Berner Wahlkampf 2008

In letzter Zeit monierte ich in diesen Spalten mehrmals, dass es bei den Berner Gemeindewahlen gar keinen Wahlkampf gäbe. Die Rückmeldungen – hinter den Kulissen und nicht via Blog – widersprechen meiner These. Es werde sehr wohl gewahlkämpfert. Und dann folgten in der Regel Verweise auf Aktionen usw.

Gut so, liebe Kandidatinnen und Kandidaten. Im Berner Wahlherbst 2008 buhlen schätzungsweise noch 1000 Personen um Sitze in Parlamenten und Exekutiven, die Hälfte davon allein in der Stadt Bern. An sie alle richtet sich mein Aufruf: Mailen Sie mir

– Fotos von Ihren Aktionen
– Prospekte, Plakate, Postkarten usw.
– Youtube-Spots
– Songs
– Hintergruninformationen zu gelungenen Spins

in den gängigen Formaten und bitte, bitte, bitte nur in tiefen Auflösungen (teilweise dürften die Links reichen.) Die Mail-Adresse lautet: mark.balsiger@border-crossing.ch

Ich werde einen Teil davon hier im Wahlkampfblog oder im Wahlbistro aufschalten, allenfalls zusätzlich über unsere Facebook-Gruppe “wahlbistro – wo politisch Interessierte diskutieren” weiterverbreiten.

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P.S. Als Inspiration darf der Kurzfilm des Berner Stadtrats Henri-Charles Beuchat, der als Samichlaus ohne Rute auftritt, dienen – sowie die symbolische Putzaktion der Jungfreisinnigen vor der Reitschule, die auf meinen Auftruf am schnellsten reagierten:

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Foto: jungfreisinnige der Stadt Bern

Durchbruch für smartvote und Wahlbistro

Gestern am Stand des besten Kebabverkäufers in Bern: Nebenan diskutieren zwei Männer im Alter zwischen 25 und 30 Jahren. Beide sind unüberhörbar Walliser. Sie diskutierten über – die Stadtberner Wahlen. Beide sind unsicher, wen sie Ende November wählen sollen. “Ich kenne ja niemanden”, meint der eine lakonisch.

Die beiden Walliser sind zweifellos nicht alleine. Die Vermutung ist naheliegend, dass es Tausenden von Menschen in der Stadt Bern ähnlich geht. Gerade für sie gibt es das virtuelle Wahlbistro.

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Im Wahlbistro kann man den Kandidierenden auf den Zahn fühlen. Oder die Debatten unter Politisierenden verfolgen, die dort im Gange sind. Auch das hilft bei der Wahl.

Seit heute Morgen haben das Wahlbistro und die Wahlhilfe smartvote einen kombinierten Auftritt. Der technische Durchbruch gelang gestern und diese Nachricht von unseren IT-Cracks um 16.16 Uhr mit dem simplen Betreff “Ready!” liess bei uns im Büro die Korken knallen.

Worum geht es? Und wie funktioniert dieser kombinierte Auftritt? Ein Lesebeispiel:

– die URL www.smartvote.ch aufrufen
– Stadtratswahlen Bern – 30.11.2008 auswählen
– in der Suchmaske den Namen Jan Flückiger eingeben
– in Flückigers Navigation oben rechts erscheint die Rubrik „Wahlbistro“
– Wahlbistro anklicken >>> Flückigers Kommentare im Wahlbistro werden angezeigt (siehe Screenshot unten)
>>> von jedem seiner Kommentare kann man mit einem Mausklick direkt in die jeweilige Debatte gelangen

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Ein zweites Lesebeispiel:

– die URL www.wahlbistro.ch aufrufen
– zuunterst auf der Seite unter „Alle Debatten“ das Thema „Schutz der Umwelt vs. Behinderung der Wirtschaft“ anklicken
– der zweite Kommentar zu diesem Thema ist von Jan Flückiger
> in Flückigers Kurzprofil ist ein Link mit dem Namen “Smartspider” platziert (siehe Screenshot unten links). Mit einem Mausklick gelangt der Surfer direkt auf Flückigers Profil bei Smartvote.

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Fazit: Mit geringem Aufwand erhalten politisch Interessierte so wichtige Informationen über den Kandidaten Jan Flückiger. Zudem können sie seine Kommentare, die er zu verschiedenen Themen im Wahlbistro abgegeben hat, nachlesen. Das ergibt ein abgerundetes Bild und erleichtert die Wahl – oder hält davon ab.

Die beiden Walliser von gestern wissen um diese Innovation. Selbstverständlich habe ich Ihnen einen Flyer in die Hand gedrückt. Die allermeisten Menschen in Stadt und Kanton Bern hingegen wissen nichts über diesen kombinierten Auftritt von smartvote und Wahlbistro. Wir erreichen sie nicht.

Diese Aufgabe könnten die etablierten Medien wahrnehmen.

Einsichten und Zitate, die nachhallen – heute: Beat Schori (15)

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“Wenn RGM nochmals vier Jahre regiert, ist Bern ein Museum mit Stacheldraht drum herum.”

Quelle: “Der Bund”, 21. 10.2008

Beat Schori, SVP, Bern, Stadtrat, Grossrat, Gemeinderatskandidat 2004 und 2008

Für Nicht-Berner: RGM steht für Rot-Grün-Mitte. RGM ist der Verbund der Parteien, der seit 1992 die Mehrheit im Gemeinderat (Exekutive) stellt.

Foto Beat Schori: www.derneuefürbern.ch

David Stampfli lässt Bernmobil für sich werben – ganz entspannt auf der Lueg

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In sieben Wochen sind die Wahlen in der Stadt Bern und anderswo vorbei. Spür- und sichtbar ist der Wahlkampf noch kaum. Lästermäuler behaupten, dass das so bleibe, da die Spannung fehle und überhaupt.

Jüngere Kandidierende versuchen über Facebook zu mobilisieren, ein Etablierter, der unbedingt gewählt werden will, liess am Freitagabend seinen schnell entworfenen Flyer unter die Gepäckträger aller Fahrräder in der Innenstadt klemmen. Mit der üblichen Konsequenz: Hunderte lagen am Boden, der Streuverlust ist riesig.

Geschickter ging David Stampfli vor. Er meldete sich schon vor Monaten auf den Aufruf, bei einer Werbekampagne für Bernmobil mitzumachen. Er wurde mit anderen Hobbymodels ausgewählt und hängt nun schon seit geraumer Zeit an vielen Plakatwänden. Entspannt präsentiert er sich auf der Lueg, einem Ausflugsberg zwischen Bern und Heimiswil im Emmental. Stampfli, nach eigenen Angaben überzeugte ÖV-Benützer, wirbt für Bernmobil, Bernmobil wirbt für ihn.

Klassische Wahlpropaganda ist das nicht, zumal auf dem Sujet nur Stampflis Vorname prangt. Trotzdem bleibt die Wirkung nicht aus, weil die lokalen Medien über den “Held des öffentlichen Verkehrs” (Stampfli über Stampfli) berichtet haben. Sehr zum Ärger der vielen Mitkonkurrierenden.

Wer nicht nur zum Nulltarif, sondern auch mit Substanz für sich werben will, sollte das virtuelle Wahlbistro besuchen. Dort laufen zurzeit Debatten zur Abschaffung des Verbandsbeschwerderechts, das neue Freizeit- und Einkaufszentrum “Westside” sowie das Bettelverbot in Bern.

Sujet David Stampfli: www.davidstampfli.ch

Werner Seitz zu den Bieler Wahlen: “Eine achtköpfige Regierung ist reichlich gross”

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Biel hat gestern gewählt. In der Exekutive löst Barbara Schwickert (grüne) den langjährigen Polizeidirektor Jürg Scherrer (Freiheitspartei) ab. Unter den vier vollamtlichen Mitgliedern ist das Gewichtsverhältnis damit neu 3 Rot-Grün zu 1 Bürgerlichen. Bei den nebenamtlichen Exekutivmitgliedern bleibt es bei 2 zu 2. Bei den Parlamentswahlen sind die Grünliberalen die klaren Sieger, die Freiheitspartei verliert vier Sitze.

Ein ausgewiesener Kenner der Politik und der Wahlen im Kanton Bern ist Werner Seitz. Der bekannte Berner Politologe hat für das Wahlkampfblog und im Wahlbistro eine Einschätzung der Bieler Wahlergebnisse vorgenommen.

Printversion des Interviews (PDF)

Werner Seitz, die Freiheitspartei hat vier Sitze verloren. Liegt das vor allem daran, dass ihr langjähriges Aushängeschild Jürg Scherrer in den Ruhestand geht oder steht diese Partei nun auch in Biel vor dem Aus?

Werner Seitz: Ich vermutet beides: Die Freiheitspartei (FP) besteht ja als nationale Partei seit der Jahrtausendwende nur noch in wenigen Regionen, und Biel war mit Jürg Scherrer die letzte FP-Hochburg. Nach diesem Wahlergebnis erwarte ich, dass die FP Biel den Weg der anderen Sektionen gehen wird: Entweder in der SVP aufgehen, die das FP-Gedankengut schon längere Zeit vertritt, oder marginalisiert weiter politisieren.

Die Grünliberalen holten auf Anhieb vier Sitze. Nach dem Durchmarsch im Kanton Zürich im letzten Jahr und unlängst in Basel-Stadt wiederholt sich ihr Erfolg erneut. Weshalb?

Die Grünliberalen haben dieses Jahr auch bei den kantonalen Wahlen in St. Gallen und im Thurgau gepunktet – also, überall, wo sie bisher kandidierten. Als neue Kraft mit mehrheitlich jungen Menschen, die mit den beiden Labels „ökologisch“ und „liberal“ die Politbühne betreten, sind sie zur Zeit zweifelsohne attraktiv. Mir fehlt jedoch noch die programmatische Tiefe. Ihre Stimmen machen die Grünliberalen – per saldo – nicht auf Kosten der Grünen. Sie stehen ihnen aber sicher etwas vor der Sonne. Wie die Bieler Panaschierstatistik zeigt, grasen die Grünliberalen nämlich auch im linksgrünen Segment. Aber da gibt es wohl grössere regionale Unterschiede.

Im Parlament haben die rot-grünen Parteien (ohne Grünliberale) mit 31 von 60 Sitzen nur eine hauchdünne Mehrheit. Wie wirkt sich das auf die Arbeit der nächsten vier Jahre aus?

Ich verstehe mich als Zaungast der Bieler Politik. Was ich aber mitbekommen habe ist, dass gerade in Biel keine knüppelharte Blockpolitik betrieben wurde. Ich gehe zudem davon aus, dass jede vernünftige und demokratische Politik darauf abzielt, nicht nur mit der eigenen Partei zu politisieren, sondern für bestimmte Vorlagen auch bestimmte Allianzen mit der einen oder anderen Partei einzugehen. Das können in Biel je nach Thema etwa die EVP, CVP, GLP oder die FDP sein.

Bei den Exekutivwahlen gab einen Links-Rutsch, Barbara Schwickert (grüne) ersetzt Jürg Scherrer (Freiheitspartei). Damit liegen die Mehrheitsverhältnisse bei 5 Rot-Grünen zu 3 Bürgerlichen, zuvor war es 4 zu 4. Rechnen Sie nun mit einem prononcierten Linkskurs der Bieler Regierung?

Mit der Einrichtung des Stichentscheids des Präsidenten hat es in Biel schon vergangene Legislatur eine Linksmehrheit gegeben. Barbara Schwickert aber wird sicher die ökologische und feministische Sichtweise verstärken.

Das „Bieler Modell“ der Exekutive ist ein Unikum: Es gibt 4 vollamtliche und 4 nebenamtliche Mitglieder. Die Nebenamtlichen mit einem Pensum von je 15 Prozent haben kein Ressort, sondern lediglich ein Mitsprache- und Stimmrecht. Ist ein Systemwechsel angezeigt, beispielsweise auf 5 vollamtliche Mitglieder?

Dieses Modell kam auch in den beiden anderen mittelgrossen Berner Städten Thun und Köniz zur Anwendung. Thun hat es vor einigen Jahren abgeschafft, in Köniz regieren immer noch drei Exekutivmitglieder im Vollamt und vier im Nebenamt. Eine achtköpfige Regierung für eine Stadt wie Biel mit 50’000 Einwohnern scheint mir reichlich gross. Die Präzisierung, dass nur vier voll regieren, lässt in mir die Frage aufkommen, wie sich die vier Nebenamtlichen denn überhaupt argumentativ in die Regierungsgeschäfte einbringen können. Zudem verkompliziert dieses Modell das Wahlsystem, das schon anspruchsvoll genug ist.

Eine andere Spezialität, die im Kanton Bern vielerorts zum Tragen kommt, ist das Proporzsystem bei Exekutivwahlen. In Biel kandidierten nicht weniger als 37 Personen für die Stadtregierung, die allermeisten ohne den Hauch einer Chance. Ausserhalb des Kantons Bern werden die meisten Exekutiven im Majorzwahlsystem bestimmt. Was spricht für die Beibehaltung des Proporzsystems?

Über den Daumen gepeilt werden in der Schweiz gut ein Drittel aller Gemeinderegierungen nach Proporz gewählt. In Zug und im Tessin gilt das Proporzsystem gar für die Wahl in die Kantonsregierung. Für den Proporz bei Exekutivwahlen spricht, dass er den kleineren Parteien grössere Wahlchancen gibt und so integrativ wirkt. Ein reines Majorzsystem gibt es übrigens wohl nirgendwo in der Schweiz: Meistens üben die grössten Parteien einen „freiwilligen Proporz“, was ja auch wieder Fragen aufwirft.

Auguren wie Kandidierende sagen dasselbe: Es gab in Biel kaum Wahlkampfthemen. Geht es den Menschen schlicht zu gut, um mobilisiert zu werden oder sind die Parteien zu schwach, um echte Debatten zu lancieren?

Die Debatte müsste natürlich von den bürgerlichen Herausforderern lanciert werden, und diese haben es seit einiger Zeit in den zumeist von Rot-grün regierten Städten schwer, sich mehrheitsfähig einzubringen. In Biel dürfte zudem bis vor Kurzem eine wichtige politische Trennlinie zwischen rot-grün-bürgerlich und den Rechtsaussen um Jürg Scherrer gegangen sein. Mit dem Rücktritt von Jürg Scherrer ist diese obsolet geworden, was sich auch in der sehr niedrigen Wahlbeteiligung von nicht einmal 30 Prozent zeigt.

Können Sie aus den Ergebnissen in Biel und vor zwei Wochen in Basel-Stadt einen Trend für die Wahlen in Bern von Ende November herauslesen?

Kommunale Wahlen können auch ihre eigenen Themen haben. Aufgrund der jüngsten Wahlen und der Nationalratswahlen vom vergangenen Herbst erwarte ich aber in Bern die SP auf der Verliererseite. Zulegen dürften die Grünen insgesamt. Dabei wird es namentlich interessieren, wie die neu gegründeten Grünliberalen abschneiden und auf Kosten von wem. Gerade in Bern dürfte dies kein Spaziergang werden, wird das von der GLP angepeilte Segment doch seit Jahren von der GFL besetzt.

Interview: Mark Balsiger

Foto Werner Seitz: www.werner-seitz.ch