Der “Bund” im neuen Gewand – und damit hat sich der Kreis geschlossen

Jetzt ist er also da, der neue “Bund”. Heute morgen, noch vor 6 Uhr, fischte ich ihn aus dem Briefkasten. Um halb sieben verteilten ihn Kolporteure beim Bahnhof Bern und im Hirschengraben.

Der Relaunch wird die Kontroverse Inhalt vs Form voruebergehend wieder in den Vordergrund spühlen. In den nächsten zwei oder drei Wochen wird sie in vielen Leserbriefen aufscheinen.

Zum neuen Layout, der Blattarchitektur usw. äussere ich mich nicht, weil mir der Inhalt viel wichtiger ist. Ich bin neugierig auf den Faszikel “Der Kleine Bund”, der von nun an täglich erscheinen wird. Wenn er regelmässig überrascht, mit guten langen Texten und Interviews aufwartet und gleichwohl das kulturelle Geschehen in Bern abbildet, dann, ja dann verbringe ich noch mehr Zeit bei der Lektüre. In Ergänzung zur “Bund”-eigenen Werbung lese ich also nicht nur “noch besser”, sondern hoffentlich auch noch länger.

Wenn der “Bund” reüssieren will, muessen drei Bereiche speziell beachtet werden:

– Journalistische Qualität
– Lesermarketing
– Standhaftigkeit der Tamedia (Wenn die Verlagsmanager ihr Wort nicht halten, steht die Zukunft des “Bund” vielleicht schon bald wieder zur Disposition)

Mit dem neu eingekleideten “Bund” schliesst sich fuer mich der Kreis. Die Rettung zugunsten der Berner Traditionszeitung hatte vom 30. November auf den 1. Dezember 2008 mit einer schlaflosen Nacht begonnen. In den folgenden Wochen war ich damit beschäftigt, ein breit abgestütztes Komitee aufzubauen.

Die Ferien, die ich damals, von Ende Dezember bis Mitte Januar geplant hatte, strich ich kurzerhand. Jetzt kompensiere ich sie teilweise, und deshalb kommt dieses Posting auch zwei Tage zu spät. Den Beginn konnte ich am Donnerstagmorgen noch verfassen, dann musste ich los.

Mark Balsiger

Der Rücktritt von Urs Gasche führt zur ersten grossen Nagelprobe für die BDP


Der Berner Regierungsrat
Urs Gasche (bdp) tritt im nächsten Frühling zurück. Überraschend kommt diese Entscheidung nicht, seit Wochen hielt sich das hartnäckige Gerücht in Berns Gassen, dass er keine weitere Legislaturperiode mehr anhängen möchte.

Gasches Rücktritt aus der Politik ist zunächst einmal bedauerlich. Er wurde 2001, als Ersatz für Hans Lauri (svp), der in den Ständerat nachrückte, gewählt und schnell eine der Leaderfiguren in der Regierung. Gleichzeitig blieb er mit beiden Beinen auf dem Boden, nahm sich nicht so wichtig und beobachtete den politischen Betrieb stets mit einer gewissen Distanz und Ironie.

In den Jahren 2002 und 2006 wurde Gasche mit jeweils sehr guten Resultaten wieder gewählt. Das wäre ihm auch im nächsten Frühling gewiss gewesen, obwohl er ja das Parteibuch gewechselt hat. Ursprünglich ein SVP’ler gehörte Gasche vor Jahresfrist zu den Gründungsmitgliedern der Berner BDP.

Die BDP steht nun vor der grossen Herausforderung, den Sitz von Urs Gasche zu verteidigen. Das wird alles andere als einfach, ein ähnliches Schwergewicht ist zurzeit nicht auf dem Radar zu erkennen. Der Einzige, der aus der heutigen Sicht gute Wahlchancen hätte, wäre Hans Grunder, Präsident der BDP Schweiz. Dieser kommt aber kaum infrage. Bei einer Wahl in die Regierung würde er sein Nationalratsmandat abgeben und die Partei so auf eidgenössischer Ebene ihre hart erkämpfte Fraktionsstärke wieder verlieren. Dasselbe gilt für Nationalrätin Ursula Haller, Nationalrätin und Gemeinderätin aus Thun.

SVP ist ihrem Ziel einen Schritt näher gekommen

Alle anderen Papabili – Grossrätin Beatrice Simon gilt als Favoritin – stehen vor einer schwierigeren Ausgangslage. Sie beginnen das Rennen bestenfalls auf gleicher Höhe wie die beiden SVP-Kandidaten Christoph Neuhaus (bisher) und Albert Rösti (neu). Neuhaus wie Rösti, aber auch SVP-Parteipräsident Rudolf Joder dürften heute eine gute Flasche aufmachen. Sie sind ihrem Ziel, der Rückeroberung eines zweiten Sitzes, heute einen Schritt näher gekommen.

Die BDP steht also vor ihrer ersten grossen Nagelprobe. Es ist gut möglich, dass sie im April 2010 ihren “geschenkten” Regierungsratssitz verliert. Zugleich wird ihre Fraktion im Kantonsparlament dereinst kaum so gross sein wie bisher. Sie profitierte vor Jahresfrist vom grossen Überlaufen wohlgelittener SVP-Grossräte.

Dieses “Berner Signal”, das Ende März 2010 womöglich ausgesendet wird, könnte beim weiteren Aufbau der BDP schweizweit lähmend wirken. Plötzlich wären die Karrierechancen für die Ambitionierten wie die Opportunisten doch nicht mehr so gut wie eben noch erhofft. In jedem Fall bedingt der Aufbau einer neuen Partei viel Knochenarbeit. Die Grünen brauchten 20 Jahre, um sich auf allen Stufen zu etablieren.

Aus der Perspektive des BDP-Aufbaus ist der Entscheidung von Urs Gasche ein harter Schlag. Die Partei muss nun beweisen, zu was sie fähig ist. Sie braucht einen Überflieger, besser: eine Überfliegerin.

Regierungsratswahlen werden fast eine reine Männersache

Dass eine Frau im Vordergrund steht, ist klar. Unter den bisherigen Regierungsratsmitgliedern wie den Kandidierenden ist Barbara Egger (sp) die einzige Frau. Nebst ihr reihen sich nicht weniger als 8 Männer ein: 2 EVP (Gsteiger, Jost), 2 SP (Perrenoud, Rickenbacher), 2 SVP (Neuhaus, Rösti), 1 FDP (Käser) 1 Grüner (Pulver). Vor diesem Hintergrund verspräche eine Frauenkandidatur eher Erfolg.

Mark Balsiger

Mehr zum Thema: Wahlkampfauftakt: Regierungsrat Philippe Perrenoud muss sich warm anziehen

Foto Urs Gasche: diewahl.blueblog.ch

Dank den Botellónes schaffte Facebook in der Schweiz den Durchbruch

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Heute Abend soll also der zweite Botellón in Bern stattfinden. Vor wenigen Stunden haben die Organisatoren via Facebook den Standort bekannt gegeben. Die Öffentlichkeit, die die zweite Auflage bislang generierte, war bislang bescheiden.

Im letzten Sommer war das komplett anders. Das angebliche “Massenbesäufnis”, das es in Spanien seit Jahren gibt, schaffte es – nach einem Zwischenstopp in Genf – auch in die deutsche Schweiz. Fast alle diskutierten mit, die Leute aus dem Altersheim in Amriswil genauso wie die Schulpflege in Zäziwil. Viele moralisierten oder wetterten, andere sahen die Jugend schon kollektiv im Morast versinken. Über das Land fegte ein Medienhype.

Damals, Ende August 2008, konnte ich den Organisator des ersten Berner Bottelóns interviewen.

Heute können wir trocken feststellen: die Welt ist trotz den Botellónes nicht untergegangen. Dafür ging für Facebook der Stern auf. Durch die Dauerberichterstattung während einiger Wochen schaffte, so meine These, diese soziale Netzwerk den grossen Durchbruch in der Schweiz. Unzählige Berichte nannten Facebook als Quelle, weil es jeweils Details zu den Veranstaltungen ankündigte. Das blieb nicht ohne Wirkung.

Längst haben nicht nur alle Medienschaffenden einen Account, sondern schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen in diesem Land, also etwa jede fünfte Person. Das ist im internationalen Vergleich beachtlich. In Deutschland beispielsweise liegt die Facebook-“Penetration” bei 6 Prozent.

Und noch eine Zahl dürfte erstaunen: Das Durchschnittsalter der Facebook-Nutzer in unserem Land liegt bei 35 Jahren.

Foto: tagblatt.ch

Das neue Gerangel in der politischen Mitte – wird der “neue Berner Geist” ein Modell?

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In keiner anderen Schweizer Stadt gibt es so viele Parteien, die sich zur politischen Mitte bekennen wie in Bern. Diese neue Konstellation gilt im Stadtparlament erst seit rund fünf Monaten.

Zunächst eine Auflistung der Mitte-Parteien:

– BDP
– CVP
– Die Mitte
– EVP
– GFL
– GLP

Von diesen sechs Mitte-Parteien haben nur CVP und EVP eine jahrzehntelange Tradition. Die GFL wurde vor 25 Jahren gegründet, alle anderen Parteien entstanden erst in den letzten Jahren, und zwar aus Abspaltungen bzw. Fusionen.

– BDP: Wurde vor ziemlich genau einem Jahr gegründet, nachdem die SVP-Kantonalsektion Graubünden kollektiv aus der SVP Schweiz ausgeschlossen worden war. Streitpunkt: Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, die auf die ultimative Forderung von der SVP Schweiz, aus der Volkspartei auszutreten, nicht eintrat.

– Die Mitte: Diese Gruppierung entstand im letzten Jahr um den damaligen Sicherheitsdirektor Stephan Hügli, nachdem dieser von der FDP fallengelassen worden war. Claude Grosjean eroberte einen Sitz, politisiert heute allerdings in der GLP-Fraktion. Wie aktiv die Mitte heute noch ist, weiss ich nicht. Medial tritt sie auf alle Fälle seit Dezember letzten Jahres nicht mehr in Erscheinung.

– GFL: Die Grüne Freie Liste, bis 1997 Freie Liste genannt, entstand Anfang der achtziger Jahre um Leni Robert, einer ehemaligen FDP-Politikerin. Das Junge Bern fusionierte 1991 mit der Freien Liste. (Die wohl bekanntesten Mitglieder des Jungen Bern waren, in den sechziger und Anfang der siebziger Jahren, Mani Matter und Klaus Schädelin.) Leni Robert war u.a. National- und Regierungsrätin für die GFL. 2006 fusionierte die GFL auf kantonaler Ebene mit dem Grünen Bündnis (GB) und firmiert jetzt unter Grüne Kanton Bern. In der Stadt blieb die GFL aber eigenständig.

– GLP: Entstand vor fünf Jahren im Kanton Zürich aus einer Abspaltung von den Grünen. Auslöser: die beiden Alphatiere Daniel Vischer und Martin Bäumle, beides Nationalräte, vertrugen sich nicht. Bäumle gründete die erste Kantonalsektion der Grünliberalen, die seither von Erfolg zu Erfolg eilen.

Am Tag nach den Stadtratswahlen in Bern im Herbst 2008 prophezeite ich in meinem damaligen Posting, dass der Parlamentsbetrieb in seiner neuen Zusammensetzung entkrampft würde. Das ist in den letzten Monaten weitgehend eingetroffen. Es ist ungleich spannender, heute auf der Zuschauertribüne die Debatten zu verfolgen als früher.

Das liegt auch daran, dass die beiden grossen erratischen Blöcke, die sich seit vielen Jahren unversöhnlich gegenüberstanden, erhebliche Verluste erlitten haben. Auf der Seite von RGM (Rot-Grün-Mitte bestehend aus SP, GB und GFL) erwischte es die SP kalt. Sie verlor 4 Sitze. Im Bürgerblock büsste die FDP 5 Sitze, die SVP 2 Sitze ein.

Mit der BDP (6 Sitze) und der GLP (4 Sitze), die auf Anhieb im Parlament Einzug hielten, kommt es zu einem regelrechten Gerangel in der politischen Mitte. Der realpolitische Alltag zeigt, dass die GFL sich vom RGM-Bündnis emanzipiert hat und selbstbewusster als früher eine eigenständige Meinung sucht. Zur Irritation – oder zum Ärger – von SP und vom GB (Grünes Bündnis).

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums vermerken FDP-Exponenten, dass sie nun nicht mehr chronisch auf verlorenem Posten stünden. Heute sind Mitte-Rechts genauso Mehrheiten möglich wie Mitte-Links. Das ist unter dem Strich positiv, weil die Sache vermehrt im Vordergrund steht und weniger die Parteipolitik.

Die neue Zusammensetzung des Parlaments, das aufgrund seiner zu hohen Sitzungskadenz faktisch eine Art Zweitregierung ist, finde ich hochspannend. Da ist Bewegung drin – und es stellen sich erste Fragen:

– Hat es überhaupt genug Platz in der politischen Mitte?
– Übernimmt eine Fraktion den klaren Lead?
– Ist die erstarkte politische Mitte ein vorübergehendes Phänomen?
– Hat die GFL auf die Dauer eine Existenzberechtigung oder drängt sich eine Fusion mit der GLP auf?
– Welche Auswirkungen hat die neue Konstellation auf die Gestaltung der Gemeinderatslisten im Jahr 2012? (Für Nicht-Berner: Gemeinderat = Exekutive)

Sollte der “neue Berner Geist” sich weiterentwickeln und festigen, könnte das ein Modell sein für die Zukunft – gerade auch in anderen Städten. Die Dynamik kommt nicht mehr in der ersten Linie von den grossen historischen Parteien SP und FDP, die ihre Erneuerung bislang nicht schafften, sondern von den neueren Kräften aus der politischen Mitte.

Heute Abend diskutieren verschiedene Vertreter der Mitte-Parteien auf einem Podium. über diese politische Mitte. Eine Diskussion, die hoffentlich auch hier ihren Anfang nimmt.

Mark Balsiger

Sujet: www.gfl-bern.ch

Kuno Lauener kämpft für den “Bund”

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Die meisten Medien setzen auf Geschwindigkeit, Trivialität, knallige Storys, People, Kurzfutter. Die Tageszeitung “Bund” setzt auf Einordnung, Tiefgang, Analyse und ein ruhiges Layout. Trotzdem soll sie noch in diesem Jahr eingestellt werden.

Verleger müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, alle in dieselbe Richtung zu trotten. Blind vor Angst. Sie suchen seit bald zehn Jahren nach Möglichkeiten, im Internet Geld zu verdienen. Erfolglos. In der Schweiz machen die Online-Erlöse keine 4 Prozent des Werbekuchens aus. Auch in Deutschland sieht es so aus.

Kuno Lauener ist seit 30 Jahren “Bund”-Leser. Er gehört zu den Erstunterzeichnern der Petition “Rettet den Bund”. Unterzeichnen auch Sie – hier und jetzt:

http://rettet-den-bund.ch/?page_id=9

P. S.
In den letzten Monaten hörte ich immer wieder dieselbe Aussage: “Der ‘Bund’ ist nicht mehr zu retten.” Womöglich stimmt das, aber immerhin sind wichtige Elemente des “Bund” zu retten. Auch dafür lohnt es sich zu kämpfen.

Es gibt in diesem Land erschreckend viele Schwarzmaler, Defaitisten und Totengräber. Sie tönen und schreiben stets gleich, mit schweren Stiefeln zertreten sie zarte Pflänzchen, die zu spriessen beginnen. Von solchen Leuten sind nie Ideen, Engagement oder Goodwill zu erwarten. Tragisch.

Für den “Bund” oder ein Nachfolgemedium gäbe es eine Zukunft: Vielen Leuten habe ich die Ansätze erläutert, stets mit demselben Ergebnis: nach spätestens 15 Minuten glaubten auch sie daran.

Merke: Man sollte sich von den Schwarzmalern, Defaitisten und Totengräbern nicht zumüllen lassen.

Edith Olibet: Eine Rochade in der Stadtregierung wäre ein Befreiungsschlag

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Das Klima im politischen Bern ist wieder einmal vergiftet.

Die Schlagzeilen, Indiskretionen und Verunglimpfungen, die uns seit zehn Tagen um die Ohren gepfeffert werden, wären der Rohstoff für deftige Vierzeiler. Die Fasnacht liegt aber hinter uns, die Schnitzelbänkler nehmen ihre spitzen Federn nicht mehr zur Hand, eine Frage bleibt: Was soll dieser Furor um den Sozialdienst der Stadt Bern?

Die Feinde und Freunde von Edith Olibet betreiben Parteipolitik. Ein paar Akteure schreien „Rücktritt!“, andere fassen eine Resolution gegen die „Medienkampagne“. Die parteiunabhängigen Bernerinnen und Berner – schätzungsweise mehr als 80 Prozent der Bevölkerung – kratzen sich am Kopf, sind angewidert und wenden sich ab.

Wer verliert, ist klar: Es ist die Politik, die Verwaltung, insbesondere die Sozialarbeiter, und nicht zuletzt die Sozialhilfeempfänger und damit die Schwächsten unserer Gesellschaft. Die Schäden dieses Abnützungskampfes sind womöglich irreparabel, der Zynismus wächst.

Nach nahezu einem Dutzend Berichten, einer Plausibilisierung und mehreren Erklärungsversuchen, die tags darauf wieder präzisiert werden müssen, hilft ein weiterer Bericht, der vielleicht in einem halben Jahr veröffentlicht wird, kaum weiter. Es braucht einen Befreiungsschlag. Der Gemeinderat könnte sich, ganz pragmatisch, auf eine Rochade verständigen: Reto Nause soll die Fürsorgedirektion übernehmen, Edith Olibet dafür die Direktion für Sicherheit, Umwelt und Energie (SUE).

Nause ist erst gerade seit zwei Monaten Gemeinderat, ihm ist zuzutrauen, dass er an seiner neuen Wirkungsstätte schnell Fuss fassen würde. Olibet wiederum könnte in der SUE einen Neuanfang machen. Die Sicherheit, ein latent heisses Eisen in der Bundesstadt, gehört ohnehin schon lange in die Hände eines Mitglieds der rot-grünen Regierungsmehrheit.

Mit diesem Befreiungsschlag würde die Politik wieder Glaubwürdigkeit und Vertrauen zurückgewinnen. Krisen sollte man nicht aussitzen, das kann ins Auge gehen. Marcel Ospel lässt grüssen.

Foto: olibet.ch

Wenn die Zeitung “Der “Bund” fällt, fallen womöglich andere Verlage in Bern ein

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Mein Arbeitsweg führt mich täglich am altehrwürdigen “Bund”-Turm an der Effingerstrasse vorbei. Er steht immer noch, seit neuem verziert durch ein Transparent mit dem Claim: www.rettet-den-bund.ch. Der Versuch, dass das mögliche Ableben der Traditionszeitung nicht untergeht nebst den vielen relevanten und irrelevanten Storys, die uns um die Ohren gepfeffert werden.

Es ist gut für mich, täglich den Turm und das Transparent zu sehen. Der Kampf geht weiter, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Die Zeitungsbranche in der Schweiz ist mitten in einem grossen Umwälzungsprozess. Die grossen Verlage wollen noch grösser werden, sie haben die Namen der mittelgrossen Häuser auf dem Speisezettel – oder sich diese schon einverleibt. Und womöglich verspüren die ganz grossen Verlage aus Deutschland und Frankreich schon bald Appetit auf Tamedia, Ringier und NZZ.

Noch ist es nicht soweit. Zuerst wird die “Schlacht” in Bern geschlagen. Sie dürfte vorentscheidend sein auf die Zukunft der “Basler Zeitung”, die von der Tamedia zurzeit noch relativ charmant umworben wird. Allerdings möchte hier Peter Wanner von der AZ Medien Gruppe auch noch ein Wörtchen mitreden.

Vieles deutet darauf hin, dass die Tageszeitung “Bund” in ihrem 160. Lebensjahr eingeht. Dass danach allerdings eine Monopolsituation droht, ist nicht sicher. Andere Verlage trachten danach, in Bern einzufallen. Sie könnten in das Vakuum, das prognostiziert wird, vorstossen. Einer der Verleger, der nicht nur im Stillen Interesse bekundet, sondern dieses auch laut kundtut, ist Christian Müller. Der Unternehmensleiter der Vogt-Schild in Solothurn sagt im heutigen Blogbeitrag des Branchenmagazins “Klartext”, dass der “Einmarsch in Bern einfach” wäre.

Das ist eine Kampfansage, die zweifellos ihren Widerhall findet.

Foto: Beat Schweizer

Selbstgerecht zur nächsten Wahlschlappe

Parteien tun gut daran, regelmässig ihre Positionen und ihre Aussenwirkung zu überprüfen, ja zu hinterfragen. Nur eine echte Reflexion gibt ihnen die Möglichkeit, den Kompass neu auszurichten. Diese Prozesse sind zeitintensiv und sie können schmerzhaft sein. Gerade nach Wahlschlappen gehörten sie deshalb zuoberst auf die Agenda.

Die SP der Stadt Bern kassiert bei Wahlen für Parlamente seit Jahren deutliche Niederlagen. Das krasseste Beispiel: Der Stimmenanteil bei den Stadtratswahlen (Legislative) betrug im Jahr 2000 stolze 34,1 Prozent, 2008 sind es noch 24,4 Prozent. Das entspricht einem Minus von 9,7 Prozent – ein Erdrutsch.

Am Montagabend trafen sich die Mitglieder der städtischen SP, um die Analyse des Wahldebakels gemeinsam zu diskutieren. Fazit der Diskussion, so wie sie die lokalen Medien heute abbildet: “Fehler hat die SP fast keine gemacht.” Co-Präsident Thomas Göttin wird so zitiert: “Wir haben den frischesten und konsistentesten Wahlkampf seit Langem geführt und trotzdem verloren.”

Schuld an der Niederlage, so die SP, seien drei unbeeinflussbare Faktoren:
1. die nationale Politik
2. das SP-Image
3. die neuen Mitte-Parteien

Diese “Analyse” kann ich, pardon, so nicht stehenlassen. Sie bedarf ein paar Zwischenrufen.

1. Die nationale Politik der SP prägt in der Tat auch die Kantone und Gemeinden. Die Grosswetterlage auf eidgenössischer Ebene beeinflusst entsprechend auch kantonale und kommunale Wahlen stark. Die SP Schweiz wird aber auch von zwei starken Nationalrätinnen aus der Stadt Bern geprägt: Ursula Wyss und Evi Allemann. Beide sind pragmatisch, glaubwürdig und omnipräsent in den Medien. Da hat die städtische Partei im Wahlkampf eine Chance verpasst.

“Frisch” und “konsistent”? Das ist, mit Verlaub, an mir vorbeigegangen.

2. Das Image einer Partei wird stark durch ihre Aushängeschilder geprägt. Das kann sich eine Partei zunutze machen und die Personalisierungswelle nützen. Ein zweiter Punkt betrifft die Inhalte. Das Sicherheitspapier, das die SP als Folge der Krawalle in der Stadt vom 6. Oktober 2007 erarbeitete, war im Original stark – ein Abkehr des zuvor verdrängten oder nur mit Scheuklappen geführten Diskurses. In der parteiinternen Vernehmlassung würde das Sicherheitspapier aber verwässert. Ich erinnere mich an Diskussionen mit SP-Mitgliedern, die den “Saubannerzug” vom 6. Oktober 2007 mit einer lässigen Handbewegung unter den Tisch wischen wollten. Nichts gelernt.

3. Für die Entstehung der BDP kann die SP nichts. Dass aber mit den Grünliberalen in den urbanen Zentren eine ernst zu nehmende Konkurrenz heranwächst, hat sehr wohl mit den Positionen der SP zu tun. In den Städten gibt es inzwischen eine gut gebildete Bevölkerungsschicht, die mit der verstaubten Rhetorik der SP wenig anfangen kann, ökologisch denkt und handelt, gleichzeitig den Markt nicht verteufelt und pragmatische Lösungen anstrebt. Diese Schicht kann die SP nicht mehr abholen – selbstverschuldet.

Von “unbeeinflussbaren Faktoren” zu sprechen, ist also etwas gar einfach. Mir missfällt diese Selbstgerechtigkeit. So ist die nächste Wahlschlappe der SP vorprogrammiert.

Die FDP der Stadt Bern tagte übrigens am gleichen Abend wie die SP. Auch sie rast ungebremst talwärts, hat sie doch in den letzten acht Jahren 8,8 Prozentpunkte eingebüsst. Über die Analyse, die präsentiert wurde, wollte kein einziges Parteimitglied diskutieren. Es herrschte Schweigen und das lässt wenig Hoffnung für die Zukunft: Ohne Diskussion dürfte der Turnaround schwierig werden.

Wenn die beiden Parteien, die die Stadt Bern in den letzten 80 Jahren am stärksten prägten, nicht zu Selbstreflexion und Kurskorrekturen fähig sind, dürften sie in Zukunft eine marginalisierte Rolle spielen. Die eben begonnene Legislatur wird zeigen, ob BDP, GFL, GB und glp das Vakuum, das entstanden ist, ausfüllen können.

Bond hilft “Bund” – und Sie?

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Im letzten Herbst musste der Bundesrat zusammen mit der Schweizerischen Nationalbank ein Rettungspaket für die grösste Schweizer Bank schnüren: 68’000’000’000 Franken schwer.

Der Tageszeitung “Bund” würde eine substanzieller Zustupf auch helfen. Bloss, da hilft der Bund nicht. Skandinavische Zustände will hierzulande niemand. Im hohen Norden wird die Presse im grossen Stil vom Staat subventioniert, um die Pressevielfalt zu gewährleisten.

Mit der gigantischen Summe von 68 Milliarden Franken hätte der “Bund” die nächsten 5666 Jahre ausgesorgt.

Weil solche Zahlen nicht fassbar sind, befassen wir uns besser mit der knüppelharten Realität. Es geht um das Überleben des “Bund”. Hier und jetzt. Wer noch immer nicht im Petitionskomitee “Rettet den Bund” ist, sollte sich sputen. Sonst ist bald einmal fertig mit Pressevielfalt im Grossraum Bern.

Auf meinem abendlichen Spaziergang durch die Innenstadt entdeckte ich eben das Bond’n’Bund-Sujet an den Bushaltestellen. Der britische Agent könnte ja noch eine Köfferchen mit Geld mitbringen.

Sujet: unknown

Solidaritätswelle zugunsten der Berner Qualitätszeitung “Der Bund” rollt an

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“In zehn Jahren wird es keine Zeitungen mehr geben”, sagte Apple-Chef Steve Jobs vor ein paar Wochen. Diese Aussage ist natürlich Nonsens, und das weiss Jobs auch. Qualitätszeitungen werden sich trotz der Internet-Revolution halten können.

Zu den Qualitätszeitungen zähle ich auch den “Bund”, auch wenn er magerer geworden ist, sich zuweilen Fehler einschleichen oder er als “Gatekeeper” wichtige Themen ignoriert. Insgesamt erbringt die Redaktion aber eine bewunderswerte Leistung – allen Sparübungen, Restrukturierungen und Besitzerwechseln zum Trotz.

Vor zehn Tagen kündigte die Tamedia als Besitzerin des “Bund” tiefgreifende Veränderungen an. Verkürzt gibt es für Tamedia zwei Optionen:

  • Fusion von “Bund” und “Berner Zeitung”
  • Enge Kooperation mit dem “Tages-Anzeiger”

Die zweite Option dürfte darauf hinauslaufen, dass der Tagi den so genannten Mantel produziert und die ausgehungerte “Bund”-Redaktion pro Ausgabe noch ein paar Artikel beisteuert.

Mit Verlaub, beide Optionen sind für mich keine!

Der “Bund” hat schon seit 30 Jahren wirtschaftliche Schwierigkeiten. Mir fehlt die Naivität zu glauben, es könne weitergehen wie bis anhin. Aber, und das ist entscheidend: der Grossraum Bern braucht auch in Zukunft zwei starke und unabhängige publizistische Stimmen. Hier steht der Verlagskonzern Tamedia in einer staatspolitischen Verantwortung.

“Man sollte indessen nichts unversucht lassen”, schrieb Wolfgang Hildesheimer einmal. Dieser Satz des deutschen Literaten ist seit 25 Jahren mein Antrieb.

Dank der Unterstützung von FDP-Grossrat Christoph Stalder und Nationalrat Alec von Graffenried (Grüne) konnte ich Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft für das Mitmachen im Komitee “Rettet den Bund” gewinnen. Heute morgen um 9 Uhr haben wir die Namen des Co-Präsidiums an die Öffentlichkeit getragen.

Rettet_den_Bund_Medienmitteilung (PDF)

Die Reaktionen sind überwältigend – der Server kann die Zugriffe auf die Website www.rettet-den-bund.ch im Moment nicht mehr bewältigen. Jetzt hoffe ich auf die IT-Cracks.

Ich hoffe aber auch auf möglichst viele Mitglieder, die in diesem Komitee mitmachen und die Online-Petition unterzeichnen. Die Mitgliedschaft ist kostenlos. Weiter hoffen wir darauf, dass die URL www.rettet-den-bund.ch auf Websites, Blogs und Foren verlinkt wird. Eben haben wir auch eine Facebook-Gruppe mit dem gleichen Namen ins Web gestossen.

P.S. Ich äusserte mich die letzten Jahre gelegentlich über den “Bund” – in Leserbriefen oder hier in diesem Blog. Als 2003 das “Berner Modell” angekündigt wurde, schrieb ich, dass das auf ein Ableben des “Bund” hinauslaufen werde. Und als Tamedia die Espace Media Groupe und damit den “Bund” 2007 übernahm, stiess ich nochmals ins selbe Horn.

Pessimistisch – auch ich. Inzwischen habe ich meine Meinung geändert. Es muss einen anderen Weg geben als die von Tamedia skizzierten Optionen. Und dafür werde ich kämpfen.


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Foto oben: stadtwanderer.net
Foto unten: derbund.ch