Bundesratswahlen: Ein Modell, um den Wahlausgang im Voraus lesen zu können

Noch sechs Tage bis wir wissen, wer die Sitze von Moritz Leuenberger (sp) und Hans-Rudolf Merz (fdp) im Bundesrat erbt. Die Öffentlichkeit hat längst gewählt, bei den Medien ist eine helvetische Ausprägung von “Horse Race Journalism” auszumachen. Einfach erklärt: Sie berichten, wer im Rennen gerade die Nase vorne hat. Ihre Einschätzungen basieren auf einem Cocktail aus Winkelzügen und Drohgebärden, Gerüchten und Spinnings, Additionsübungen und den Versuchen, diese Ersatzwahlen noch spannender zu machen als sie ohnehin schon sind.

Dabei geht zuweilen in Vergessenheit, dass weiterhin die Vereinigte Bundesversammlung das Wahlgremium für die Landesregierung darstellt. Die 246 National- und Ständeratsmitglieder werden aber zweifellos auch von der öffentlichen Meinung bzw. den Medien beeinflusst.

Beim Versuch, den Wahlausgang vom nächsten Mittwoch bereits im Vorfeld “lesen” zu können, habe ich ein Modell entwickelt. Es besteht aus vier Kategorien, deren Kriterien unterschiedlich stark gewichtet werden, A am stärksten, D am schwächsten.

Welche Kriterien spielen bei Bundesratswahlen eine Rolle:

Kategorie A:

– Parteizugehörigkeit
– Abhängigkeiten unter den Parteien
– strategische Entscheidungen (Gegner kriegt keine Wahl-Lokomotive)
– sprachregionale und geografische Verortung
– Akzeptanz im Parlament
– Vernetzung der Kandidierenden im Parlament
– Persönliches Verhältnis mit ihnen (der Bauch wählt mit)

Kategorie B:

– Lobbying im Vorfeld
– Dynamik am Wahltag selber

Kategorie C:

– Persönlichkeit und “Rucksack” der Kandidierenden
– Sprachkompetenz
– Geschlecht
– strategisches Geschick/Durchsetzungsvermögen der Fraktionschefs
– Hearings durch Fraktionen

Kategorie D:

– Alter
– Konfession
– mediale Berichterstattung

Ich werde aufgrund dieses Modells in den nächsten Tagen versuchen, den Ausgang der Wahlen vom Mittwoch zu prognostizieren. Bis dahin bin ich neugierig, welche Schwachstellen oder Fehlüberlegungen vorhanden sind. Wertvolle Inputs fliessen ein – bitte melden.

Foto: Montage sf.tv

Bundesratswahlen: Eine Art Toto

Seit genau acht Wochen wird spekuliert und spekuliert und spekuliert. Nach gefühlten 700 Berichten zum Kandidatenkarussell der Leuenberger- und Merz-Nachfolge fallen in den nächsten Stunden die ersten Vorentscheidungen: Sowohl die SP- wie die FDP-Fraktion marchen aus, wer auf ihr Ticket kommt.

Machen wir mit – eine nicht ganz ernst gemeinte Art Toto.

Zuerst zur FDP, wo die Ausgangslage klarer ist. Die FDP.Liberalen werden ein Zweierticket vorschlagen. Ignazio Cassis (NR, TI) und Peter Malama (NR, BS) sind chancenlos. Sie sind auch primär angetreten, um die Fahne für ihre jeweiligen Regionen hochzuhalten – Cassis für das Tessin, Malama für die Nordwestschweiz. Dieses Engagement nützt den beiden Nationalräten persönlich.

Auf das Ticket kommen Johann Schneider-Ammann (NR, BE) und Karin Keller-Sutter (RR, SG). Schneider-Ammann ist der klare Favorit der Fraktion, er verkörpert die alten Werte der Partei und den idealen Lebenslauf eines Freisinnigen: Akademiker, langjähriger Unternehmer, Offizier.

Wenn nicht noch eine Leiche im Keller zum Vorschein kommt, dürfte Schneider-Ammann am 22. September auch zum Bundesrat gewählt werden. Er profitiert von starken Netzwerken und von Eigenschaften, die für eine Wahl in die Landesregierung zentral sind: verlässlich, umgänglich, staatsmännisch, nicht zu profiliert. Ein weiterer Vorteil für Schneider-Ammann ist sein Alter: Mit 58 Jahren ist absehbar, dass er nicht länger als acht Jahre bleiben wird.

Keller-Sutter wird nominiert, um die Frauen bei der FDP und die Ostschweiz nicht zu brüskieren. Sie sichert die rechte Flanke Schneider-Ammanns, obwohl sie gemäss Smartspider weiter links positioniert ist als er.

Bei der SP wird das Lesen im Kaffeesatz nahezu unmöglich: Klar ist für mich lediglich, dass es ein Zweierticket gibt und der Name von Eva Herzog (RR, BS) nicht darauf stehen wird. Das wäre ein Affront für zwei ihrer Kontrahentinnen, die auf nationaler Ebene seit mehr als zehn Jahren deutliche Spuren hinterlassen haben.

Die möglichen Kombinationen:

– Jacqueline Fehr (NR, ZH)  & Simonetta Sommaruga (SR, BE)
– Hildegard Fässler (NR, SG) & Jacqueline Fehr
– Hildegard Fässler & Simonetta Sommaruga

Ob eine der beiden offiziellen SP-Kandidatinnen am 22. September auch in den Bundesrat gewählt wird, ist zurzeit hingegen offen. Es ist möglich, dass aufgrund der Dynamik am Schluss ein anderes SP-Mitglied obsiegt. Bei dieser Frauenwahl werden auch “Soft”-Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Wer sehr profiliert und gleichzeitig eher nüchtern-unnahbar ist, hat einen Malus. Der Bauch (der Männer) wählt mit.

Fast ging es vergessen: Die SVP-Fraktion schickt ihren Jean-Francois Rime (NR, FR) ins Rennen, und auch die Grünen müssen nun eine Kandidatur präsentieren. Beide werden am Wahltag keine Hauptrolle spielen.

Collage: newsnetz

Der Coup mit Otto Stich, der Coup von Bundesrat Otto Stich

Heute vor genau 15 Jahren: Ein warmer Mittwoch im Spätsommer, der Tag war bislang unspektakulär verlaufen, alles deutete auf einen Nachmittag mit viel Routine hin. Ich hatte eben die Schicht am Nachrichtendesk übernommen. Da plötzlich schallt es durch das Grossraumbüro: “Otto Stich tritt zurück!”

Im legendären Sitzungszimmer 86 des Bundeshauses hatte Stich (sp) den Medienschaffenden eben kundgetan, dass er auf Ende Oktober aus der Landesregierung zurücktreten werde. Mit ein paar wenigen spröden Sätzen wie sie für ihn typisch sind. Wer sehr gut hinhörte, glaubte eine spitzbübische Freude in seiner Stimme zu erkennen.

Otto Stichs Wahl 1983 war ein Coup der bürgerlichen Parteien (allen voran FDP-Nationalrat Felix Auer), die ihn über Nacht zu ihrem Kandidaten gemacht hatten. Gegen die offizielle Kandidatin der SP, die Zürcher Nationalrätin Lilian Uchtenhagen. Sie gehörte zur alles und alle dominierenden”Viererbande” der SP-Fraktion, zusammen mit Helmut Hubacher, Walter Renschler und Andreas Gerwig.

Otto Stichs Abgang 12 Jahre später war erneut ein Coup – sein eigener. Kaum war seine Demission publik, glich die Redaktion einem Bienenhaus. Fieberhaft begannen wir, die möglichen Papabili ausfindig zu machen. Es lag auf der Hand: Stichs Nachfolge würde ein Sozialdemokrat aus der deutschen Schweiz antreten, weil mit Ruth Dreifuss bereits eine SP-Frau aus der Romandie im Bundesrat sass.

Die Ledergerbers und Pillers, Martis und Leuenbergers wurden irgendwann, irgendwie aufgestöbert – Handys hatten sich damals noch nicht durchgesetzt. Das Schaulaufen der SP konnte beginnen. Es dauerte genau vier Wochen. Am 27. September 1995 setzte sich Moritz Leuenberger schliesslich im fünften Wahlgang durch, womit sich der Kreis ins Heute schliesst.

Bei den Nationalratswahlen 1995, erneut vier Wochen später, legte die SP 3,3 Prozent zu und wurde zur wählerstärksten Partei. Stich machte der SP mit seinem Rücktritt ein famoses Abschiedsgeschenk.

Der Wechsel Stich/Leuenberger markiert einen Wendepunkt: Seither sind

– die Rücktritte von Bundesräten oft taktisch motiviert
– die Nachfolgerituale von den Parteien inszeniert
– die Wahltage ein TV-Spektakel par excellence

Die Personalisierung und Emotionalilsierung der Politik lässt sich am Beispiel der Bundesratswahlen gut aufzeigen.

Foto Otto Stich: biovision.ch

Bundesratswahlen brauchen klare Regeln

Es war in zweifacher Hinsicht ein Versuch: Vor drei Jahren dampfte ich auf einem Podium im Politforum Käfigturm den “Wahlkampf” ad hoc auf einen Satz ein. Das tönte so: “Wahlkampf ist der Kampf um die Schlagzeilen von morgen.” Ein kurzer, einfacher und ziemlich knackiger Satz. Prompt schaffte er es tags darauf in die Berichterstattung der Regionalzeitung. Versuch geglückt.

Inzwischen würde ich “von morgen” getrost weglassen. Die Onlineportale sind derart schnell und mächtig geworden, dass Schlagzeilen und News – ich bestehe auf der englischen Bezeichnung – in Windeseile über verschiedenste Kanäle weiterverbreitet werden, ja oftmals regelrechte Wellen auslösen. Bürokollege Suppino findet, dass die Medien viel zu stark aus Schlagzeilen, Instant-News und Hypes bestehen.

Um Schlagzeilen geht es auch im Vorfeld von Bundesratswahlen. Kein Thema eignet sich besser für den Wahlkampf. Das konnten wir in den letzten Jahren bei den oftmals taktisch motivierten Rücktritten gut beobachten. Den Parteien ist viel mediale Aufmerksamkeit gewiss, egal wie relevant ihre Äusserungen und Planspiele auch sein mögen. Weil sich viele Politiker selbst am nächsten sind, entspricht es dem Regelfall, dass auch Parteikollegen kritisiert werden. Das gehört zum Spiel und erhöht die Chancen auf Publizität markant.

Wenn es primär darum geht, Schlagzeilen zu generieren

Wer nicht kräftig auf die Tube drückt, bleibt aussen vor. Das zeigt sich beim Nachfolgekarussell von Moritz Leuenberger und Hans-Rudolf Merz deutlich. Anfänglich wollte die CVP keine Ansprüche anmelden und wurde prompt von den Medien vergessen. Geschmeidig hat sie ihre Position geändert und trommelt nun genauso wie die Grünen und die SVP.

Wie ernst dieser Lärm zu nehmen ist, zeigten jüngste Ersatzwahlen: 2008, bei der Nachfolge von Samuel Schmid, erreichte der Sprengkandidat der Grünen, Ständerat Luc Recordon (VD), nicht einmal 10 Stimmen – bei 24 Mitgliedern, die seine Fraktion zählt. Beim Ersatz von Pascal Couchepin im Herbst 2009 fand die SVP trotz lautem Gebell und wochenlanger Suche schliesslich nicht einmal einen eigenen Kandidaten.

Wir lernen: Das laute Tamtam verdiente eigentlich bloss Fussnoten, aber gewiss keine Schlagzeilen. Möglicherweise untergraben die Parteien mit dieser Form von Kommunikation langfristig ihre Glaubwürdigkeit. Die Diskussion rund um die Reform der Institution Bundesrat, die mehr Engagement verdiente und wichtiger wäre, verlaufen in ruhigen Bahnen.

Konkordanz ist zu einem verbogenen Begriff geworden

Das Tauziehen um Bundesratssitze, das seit 1999 immer wieder in Gang kommt, hat Unterhaltungswert, nützt sich allerdings auch schnell ab. Konkordanz (lat.: concordantia/Übereinstimmung) ist zu einem verbogenen Begriff geworden, unter dem fast alle etwas anderes verstehen (wollen). Die Konkordanz wird, je nach eigenem Vorteil, inhaltlich oder arithmetisch begründet. Es gibt weitere Interpretationen wie zum Beispiel die machtpolitische Konkordanz.

Damit die “daily soaps” im Vorfeld von Bundesratswahlen nicht Folgen ohne Ende werden, bräuchte es klare Regeln. Die Bundesverfassung schreibt in Artikel 175 lediglich vor, dass bei der Besetzung der Landesregierung “die Landesgegenden und Sprachregionen angemessen vertreten” sein sollten. Auf diese beiden Kriterien wurde seit 1848 grosses Gewicht gelegt – zum Glück für ein Land, das stark föderalistisch geprägt ist und nicht einem Nationalstaat entspricht.

Ich bringe zusätzliche Regeln, die nicht interpretierbar sind, in die Diskussion ein:

– Bei einer siebenköpfigen Landesregierung erhalten die drei grössten Parteien je 2 Sitze, die viertgrösste 1 Sitz
– Bei 9 Bundesräten lautet der Verteilschlüssel:
Variante a) die vier grössten Parteien erhalten je 2 Sitze, die fünftgrösste 1 Sitz
Variante b) erreicht die fünftgrösste Partei einen Wähleranteil von weniger als z.B. 8%, geht sie leer aus, die wählerstärkste Partei hingegen kriegt in einem solche Fall 3 Sitze
– Bei Bundesratsmitgliedern, die die Partei wechseln, zählt bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode ihre Parteizugehörigkeit bei der (letzten Wieder-)Wahl

Auch solche Überlegungen gehörten in den laufenden Prozess der Regierungsreform. Mit dem Modus, den ich anrege, wäre in der jetzigen Phase klar geregelt, dass die beiden Sitze bei der SP und an der FDP bleiben. Drohungen, “Theater” und Wahlkampfrhetorik blieben aus. Die Akteure könnten sich dafür mit vollem Engagement der Sachpolitik zuwenden.

P.S.  Diese Vorschläge ergänzen frühere, die ich in diesem Blog machte – work in progress.

Foto: wochenpostusa.com

Simonetta Sommaruga kandidiert und entkrampft damit den weiteren Ablauf

Wenn Kantonalparteien zu Medienkonferenzen einladen, erscheinen üblicherweise ein paar wenige Journalisten. Heute Morgen war das ganz anders: Die SP des Kantons Bern lud ein, Thema “Bundesratskandidaturen” (Plural!), und das zog. Mehr als 40 Medienschaffende wollten dabei sein, als Ständerätin Simonetta Sommaruga (Foto) ihre Bundesratskandidatur offiziell bekannt gab.

Mit der Nomination Sommarugas durch die Geschäftsleitung der Berner SP ist der erste Stein auf dem langen Weg bis zum 22. September gelegt. Das ist gut für die SP Schweiz. Einerseits weil damit das Feld an Kandidierenden bald überschaubar wird. Andererseits weil die Kandidatur einer Kronfavoritin Druck von anderen möglichen Papabile nimmt. Für sie wird es nun leichter, im Sog Sommarugas ebenfalls ins Rennen zu steigen.

Wir dürfen davon ausgehen, dass die Männer, die in der zweiten und dritten Reihe verdeckt bereitstanden, abwinken werden. SP-Männer stehen laut einem ungeschriebenen Gesetz stehen SP-Frauen nicht vor der Sonne. (Die konsequente Frauenförderung, die in den Siebzigerjahren begann, trägt längst Früchte.) Zudem gilt es bei der SP schon seit Jahren als ausgemachte Sache, dass Moritz Leuenbergers Sitz an eine Frau aus der Deutschschweiz gehen soll. Mit ihrem Zurückstehen werden die Janiaks, Hofmanns und Fehrs (SH) die Kandidatur einer Frau, die als politisches Schwergewicht gilt,  untermauern.

Das zweite Schwergewicht – die Zürcher Nationalrätin Jacqueline Fehr – muss in den nächsten Tagen nachziehen. Sonst wird das von den elektrisierten Medien als Zaudern gedeutet. Dass Fehr womöglich ein Problem hat, erörterte ich unlängst in diesem Blog.

Die weiteren Kandidaturen für das Zweierticket der SP, die nun folgen werden, müssen primär aus regionalpolitischen Aspekten betrachtet werden. Sie sind psychologisch wichtig, haben aber kaum Chancen. Das gilt beispielsweise für Eva Herzog, der Regierungsrätin aus Basel-Stadt, oder Patrizia Pesenti, der Tessiner Regierungsrätin. Mit ihren Kandidaturen hielten sie die Fahnen dieser Regionen hoch. Sie verbesserten aber auch die Möglichkeiten für einen Karriereschritt: Herzog könnte zum Beispiel eines Tages im Ständerat Anita Fetz beerben.

Nicht zuletzt kann die Partei mit einem überblickbaren Schaulaufen auf die guten Köpfe in den eigenen Reihen aufmerksam machen. Der Genfer Freisinnige Christian Lüscher machte vor Jahresfrist vor, wie man als Bundesratskandidat in wenigen Wochen zum schweizweit bekannten Politiker wird.

Nachtrag von 19 Uhr:

Ein Portrait von Simonetta Sommaruga im “Echo der Zeit” von Schweizer Radio DRS

Foto Simonetta Sommaruga: Mark Balsiger

Punkte für Moritz Leuenberger, strategische Vorteile für die SP

Moritz Leuenberger (Foto) hat sein Sensorium für Stimmungen doch nicht ganz verloren: Er sagt nun Ja zu einem vorgezogenen Rücktrittstermin. Damit kann in der Herbstsession seine und Hans-Rudolf Merz’ Nachfolge am gleichen Tag bestimmt werden. Ein Kommentator auf “NZZ online” bringt es so auf den Punkt:

Dr gschiider git naa, dr Esel blibt schtaa.

In den nächsten Tagen wäre der Ärger vieler Parlamentarier und der Öffentlichkeit über die gestaffelten Rücktritte der beiden Bundesräte zu einer grossen Wut hochgekocht worden. In dieser aufgeheizten Atmosphäre hätte Leuenbergers Image weiter gelitten. Mit seinem Umschwenken heimst er Punkte ein, die medialen Würdigungen zu seinem Rücktritt werden nun versöhnlicher ausfallen. Mediale Streicheleinheiten sind Balsam auf die Seele von sendungsbewussten Politikern.

In einem knappen Mediencommuniqué seines Departements werden “staatspolitische Überlegungen” genannt. Das spielte sicher eine Rolle bei Leuenbergers Kehrtwendung. Zentral sind aber auch parteipolitische Gründe.

Man kann von Moritz Leuenberger halten, was man will. Tatsache ist, dass er eine beeindruckende politische Karriere hinter sich hat. Mit 33 Jahren wurde er bereits Nationalrat, 1989/1990 PUK-Präsident (Fichenaffäre), später Regierungsrat und 1995 schliesslich Bundesrat. Diese Karriere wurde vor allem dank seiner Partei möglich. Im letzten Moment hat Leuenberger sich offenbar daran erinnert. Für die SP ist sein vorgezogener Rücktritt ein wertvolles Abschiedsgeschenk.

Bei den doppelten Ersatzwahlen kommt nun die SP vor der FDP zum Zug, weil Leuenberger länger im Amt war als Merz. Das gibt ihr einen bedeutend grösseren Handlungsspielraum. Sie hat strategische Vorteile und muss keine Rücksicht auf regional- und geschlechtsspezifische Kriterien nehmen. Nicht zuletzt kann das neue SP-Mitglied in der Landesregierung dereinst bei der Verteilung der Departemente zuerst wählen.

Die gegenseitige Unterstützung von SP und FDP ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Dank diesem Päckli haben Sprengkandidaturen von SVP und Grünen keine Chancen. Sie werden verheizt, auch wenn die Brandstifter etwas anderes behaupten.


Foto Moritz Leuenberger: keystone

Hans-Rudolf Merz fasste sich ein Herz und sichert der FDP so den zweiten Sitz

Die Rücktrittsankündigung von Moritz Leuenberger vor genau vier Wochen war ein Coup, der den Medienminister sichtbar freute. Der Rücktritt seines Bundesratskollegen Hans-Rudolf Merz (Bild), den dieser zur Unzeit (von 11.30 bis 12.15 Uhr; Radiostationen beginnen ihre Informationssendungen um 12 oder 12.30 Uhr) bekanntgab, ist die logische Konsequenz. Aufgrund dieser neuen Konstellation kann die FDP ihren zweiten Bundesratssitz verteidigen und sich dank dem Nachfolgekarussell, das nun angedreht wird, in einem positiven Licht präsentieren.

Die Führungsspitze der FDP mit Fulvio Pelli (Parteipräsident), Gabi Huber (Fraktionschefin) und Stefan Brupbacher (Generalsekretär) wurde seit Wochen nicht müde zu betonen, Merz bleibe bis Ende 2011. Es war dieses gebetsmühlenartige Wiederholen einer eigentlich realitätsfremden Sprachregelung, die hellhörig machen musste.

Hinter den Kulissen setzten freisinnige Kantonalsektionen und Parlamentarier verstärkt Druck auf, weil: mit Bundesrat Merz, der seine Glaubwürdigkeit und nach eigenen Aussagen auch sein Gesicht verloren hat, wäre die FDP im eidgenössischen Wahljahr 2011 nicht vom Fleck gekommen. In einer durch und durch medialisierten Öffentlichkeit sind die Bundesräte die wichtigsten Schlachtrösser für ihre Parteien.

Hans-Rudolf Merz hing trotz der Dauerkritik an seinem Amt, fasste sich aber offenbar in der Sommerpause ein Herz. Sein Rücktritt kommt gerade noch zum richtigen Zeitpunkt – für ihn, für seine Partei und für die Landesregierung. Die FDP wird am 22. September diesen Sitz problemlos verteidigen können. Die CVP hat keine Kandidatur in der Pipeline, die SP setzt auf die gegenseitige Unterstützung für die Leuenberger-Nachfolgeregelung im Dezember, die Grünen sind chancenlos.

Weitere Spielvarianten, die jetzt herausposaunt werden, sind irrelevant. Natürlich wird die SVP für die Ersatzwahlen vom 22. September einen Sprengkandidaten aufstellen. Er bringt es auf die 66 Stimmen aus der eigenen Fraktion – business as usual. Das war schon bei den Sprengkandidaturen von Christoph Blocher (Gesamterneuerungswahlen 1999) und Toni Bortoluzzi (Ersatzwahl für Ruth Dreifuss 2002) nicht anders.

Entscheidend ist, dass die erneuerte Landesregierung aus fähigen Mitgliedern besteht, die sich finden und als Gremium an Glaubwürdigkeit und Durchschlagskraft zurückgewinnen.

Nachtrag von 18 Uhr:

Bei Bundesratswahlen ist die regionale Verortung einer der wichtigsten Faktoren. Deswegen wurde Hans-Rudolf Merz im Dezember 2003 überhaupt gewählt. Nach der Abwahl von Ruth Metzler herrschte in der Vereinigten Bundesversammlung ein Tohuwabohu wie selten zuvor. Für die Parlamentarierinnen und Parlamentarier aus der Ostschweiz war klar, dass sie ihrer Region einen Sitz sichern wollen – quer durch alle Fraktionen.

Auch deswegen obsiegte Merz über die als Favoritin gehandelte Berner Ständerätin Christine Beerli. Dass deswegen vorübergehend nur noch eine Frau in der Landesregierung vertreten war, wurde in Kauf genommen. Gerade auch von den Ostschweizer Frauen im Parlament.

Die Ostschweiz stellt traditionell einen Sitz – die letzten Vertreter:

– Hans-Rudolf Merz (fdp, AR): 2004 – 2010
– Ruth Metzler (cvp, AI): 1999 – 2003
– Arnold Koller (cvp, AI): 1987 – 1999
– Kurt Furgler (cvp, SG): 1971 – 1986

Foto Hans-Rudolf Merz: keystone

Wiegenfest von Barack Obama vergolden

Michelle Obama hat mir eine Mail geschrieben:

“Mark, will you wish Barack a happy birthday with me?”

Warum auch nicht, dachte ich, schliesslich wird ihr Mann heute 49 Jahre alt. Der Link ist nicht zu übersehen, zwei Mausklicks, ein persönlicher Satz – erledigt.

Eine halbe Sekunde später ist auf der Website mybarackobama.com, deren Newsletter ich genauso wie Hunderttausend andere “ordinary people” auch abonniert habe, bereits ein neues Fenster offen:

“Thank you for standing alongside us, with the President. Now can you make a donation to help us take on the year ahead?”

Aha, der Geburtstag des Präsidenten will vermarktet werden, die Demokraten brauchen dringend Geld. Viel Geld. Am 2. November finden Kongresswahlen statt: Alle 435 Sitze des Repräsentantenhauses stehen zur Disposition (aktuelle Verteilung: Demokraten 257 Sitze, Republikaner 178 Sitze). Im Weiteren wird rund ein Drittel des 100-köpfigen Senats neu bestellt (Verteilung: 59 Demokraten, 41 Republikaner). Den Demokraten drohen empfindliche Verluste, weil die Unterstützung für ihre Politik und Präsident Obama drastisch schwindet.

Mit einem beispiellosen Effort versuchen Partei und Lobbys, das Wiegenfest Obamas zu vergolden. Gerade an diesem Beispiel zeigt sich, wie gross die kulturellen Unterschiede zwischen den USA und der Schweiz sind.

Man stelle sich vor, der Ehemann von Bundespräsidentin Doris Leuthard würde an ihrem Geburtstag 700 exklusive Gäste zu einem lukullischen Dinner auf das Rütli einladen. Jeder Gast müsste 1200 Franken hinblättern, die Fotorechte gingen exklusiv an Ringier. Auf diese Weise hätte die CVP ihr Budget für das kommende Wahljahr beisammen.

Ergänzend zum Thema: das Amerikanisierungsmodell der politischen Kommunikation von Winfried Schulz aus dem Jahre 1997, immer noch etwas vom besten in deutscher Sprache.

Foto Barack & Michelle Obama: bookerrising.net

Bundesratskandidatinnen in spe

Über Gerhard Schröder wird eine Anekdote immer wieder erzählt: Noch als Vorsitzender der Jungsozialisten Deutschlands soll er einmal, spät in der Nacht und in angeheitertem Zustand, an der Eingangspforte des Bundeskanzleramts in Bonn gerüttelt und dabei gebrüllt haben: “Ich will hier rein!” 20 Jahre später erreichte er dieses Ziel.

Einen ähnlichen Willen, es ganz nach oben zu schaffen, zeigte in der Schweiz Pascal Couchepin: In den Neunzigerjahren machte er als Nationalrat kein Geheimnis daraus, dass er gerne Bundesrat werden möchte. Viele andere Politiker wollten das auch schon, es aber öffentlich kundzutun, entspricht nicht der hiesigen Kultur. Couchepin erreichte sein Ziel trotzdem.

Bei Ständerätin Simonetta Sommaruga (Foto, BE) und Nationalrätin Jacqueline Fehr (ZH) ist die Ausgangslage nochmals anders. Seit Moritz Leuenberger (sp) seinen Rückzug aus dem Bundesrat auf Ende Jahr angekündigt hat, werden die beiden als Kronfavoritinnen gehandelt. Das wäre auch vor einem Jahr, im Herbst 2007 oder noch früher der Fall gewesen.

Aufgrund ihres Gewichts im eidgenössischen Parlament sind beide Politikerinnen seit langem für den parteiinternen Nachfolgekampf gesetzt. So sie kandidieren wollen. Sommaruga wird ihren Entscheid am 10. August bekanntgeben. Ein Nein wäre eine riesige Überraschung, weil: die Chance, in den Bundesrat gewählt zu werden, eröffnet sich für Spitzenpolitiker fast immer nur einmal.

Zwischen Leuenbergers Rücktrittsankündigung (9. Juli) und der Nachfolgewahl (8. Dezember) liegen fünf Monate. Dabei kann viel passieren. Vor diesem Hintergrund ist es für Papabile vorentscheidend, in dieser Phase möglichst keine Fehler zu machen. Sommaruga wie Fehr meldeten sich in der zweiten Juliwoche in die Ferien ab. Beide wollen die Sommerpause nutzen, um im Kreis ihrer engsten Vertrauenspersonen auszuloten, ob sie kandidieren sollen oder nicht.

Bis zu dieser Entscheidung laufen Medienschaffende mit ihren Anfragen ins Leere. Jacqueline Fehr (Foto) verweist etwa auf ihrer Website dreisprachig darauf hin, dass sie sich in der zweiten Augusthälfte wieder zurückmelde. Ähnlich tönt es auf ihrer Combox. Solche Ankündigungen sind richtig, sie schaffen Klarheit. Es gibt keinen Grund, sich jetzt öffentlich über Chancen und Risiken einer möglichen Kandidatur zu äussern.

Fehr wartete allerdings mitten in ihrer Sommerpause mit einer interessanten Neuigkeit auf: Am 25. Juli publizierte sie auf ihrer Website eine kurze Mitteilung zu ihrer privaten Situation. Demnach hätten sie und ihr Mann, auch er ist SP-Mitglied, sich getrennt, und zwar bereits im letzten Herbst.

Die Privatsphäre von Politikern geht die Öffentlichkeit grundsätzlich nichts an. Im aktuellen Fall von Jacqueline Fehr ist das anders: Weshalb kündigte sie erst Ende Juli 2010 an, was bereits im Herbst 2009 vollzogen wurde? Die Frage ist rhetorisch: Fehr hat sich bereits entschieden, sie darf als Bundesratskandidatin in spe bezeichnet werden.

Ihr (Noch-)Ehemann Maurice Pedergnana ist übrigens promovierter Ökonom und ein ausgewiesener Finanzexperte mit einer Fülle an Aufgaben und Funktionen. Unter anderem firmiert er als Verwaltungsrat der Zürcher Kantonalbank (ZKB), deren Präsidium er unter Umständen im nächsten Sommer übernehmen könnte. Die SP des Kantons Zürich hat diesen Job ausgeschrieben, Bewerbungen müssen bis Ende August eingereicht werden.

Ein Ehepaar, sie Bundesrätin, er vielbeschäftigter Finanzexperte – das wäre für einige Mitglieder der SP-Bundeshausfraktion womöglich eine zu starke Verflechtung von Politik und Finanzwirtschaft.

Fotos Simonetta Sommaruga & Jacqueline Fehr: keystone, Bearbeitung: tagblatt.ch

Micheline Calmy-Rey singt im TV

Der “Donnschtigs-Jass” gehört zum Schweizer Fernsehen SF wie die Butter aufs Brot. Seit mehr als 40 Jahren wird dieser bodenständige Klassiker in die gute Stube gesendet, und die Schweizerinnen und Schweizer gucken hin. In der Ausgabe vom kommenden Donnerstag gibts einen besonderen Hingucker: Bundesrätin Micheline Calmy-Rey (Foto) tritt auf als Sängerin.

Die Genferin singt Berndeutsch, ein Lied von Mani Matter, und zwar “Dene, wo’s guet geit”. Ihr Auftritt wird nicht live gegeben, sondern im Bundeshaus vorproduziert.

Ein singendes Mitglied der Landesregierung vor der versammelten TV-Gemeinde Schweiz – das ist keine Premiere. Im Mai 2007 trat Micheline Calmy-Rey bereits einmal als Sängerin auf. Damals in der TSR-Sendung “Coups de coeur”, wo sie “les trois cloches” interpretierte, ein Lied, das Edith Piaf berühmt machte. Man erinnert sich: der Auftritt der Bundesrätin war solid, ihre Stimme ziemlich gut.

Calmy-Reys TV-Debüt als Sängerin schlug damals keine hohen Wellen. Weil es in der welschen Schweiz stattfand. Weil sonst viel auf der Agenda stand. Weil Calmy-Rey damals auf einer Popularitätswelle ritt. Weil es noch keine kraftvollen Onlinemedien gab, die wie Brandbeschleuniger wirken können.

Dieses Mal dürfte das anders sein. Auch weil Calmy-Rey seit geraumer Zeit gegen heftige Kritik kämpfen muss.

Micheline Calmy-Rey singt im TV – da stellen sich Fragen: Wo sind die Grenzen für Spitzenpolitiker? Gilt “Anything goes”, Narrenfreiheit für alle? Wird dieser Auftritt zum Coup oder zum Gau, ist er volkstümmlich oder volks-dümmlich?

Foto Micheline Calmy-Rey: srgssrideesuisse.ch