Der Oldie in einem neuen Kleid

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Private Blogs kommen und verschwinden wieder. In einigen Fällen fand ich es schade, dass die Betreiberinnen und Betreiber die Ausdauer nicht hatten, dranzubleiben. Etabliert haben sich die Blogs trotzdem. Das liegt an den Medienhäusern, die diese Form nach anfänglicher Ignoranz inzwischen auch pflegen, ja teilweise sogar kräftig pushen. Unvergessen sind die süffisanten Bemerkungen von damals: “Ach, sie bloggen. Das ist ja grossartig! Und wer liest ihre Texte?”

Das Wahlkampfblog ist seit nunmehr sechseinhalb Jahren im Netz. Damit zählt es zweifellos zur Kategorie “Oldie”. Das Blog ist unterwegs im Kielwasser von Langzeitkollegen wie ihm und ihm, deren Zugänge zu ihren Themen mich immer wieder beeindrucken. Ein dritter Blogger, der sich mit starken Postings profilierte, ist seit Anfang Jahr verstummt. Warum nur, Titus?

Zum 555. Posting – diesem hier – kriegte der Wahlkampfblog ein neues Kleid. Das Layout ist luftiger, die Schrift etwas grösser als früher und die Anlehnung an meine Kommunikationsagentur offensichtlich. Jawohl, wir sind auch ein Firmenblog. Unsere Ansichten zu Politik, Medien und Kommunikation bleiben aber unabhängig wie eh und je.

Der neue Auftritt hat mein Arbeitskollege Thomas Hodel konzipiert und zusammen mit einem unserer 1a-Netzwerker Andi Jacomet umgesetzt. Noch ist er auch für uns ungewohnt. Von meinen Studierenden weiss ich, dass sie bei ihren Recherchen regelmässig bei der Rubrik “Links” vorbeischauen. Auch sie ist jetzt übersichtlicher gegliedert. Dort findet man sofort die wichtigsten Medien-Blogs der Schweiz, alle hängigen Volksinitiativen, eine Liste der Lobbyisten in der Wandelhalle und vieles mehr.

Kritik zum neuen Kleid nehmen wir sehr gerne entgegen, vor und hinter den Kulissen.

Ein Blick in die Zukunft: Mein Ziel ist es, dieses Blog stärker zu öffnen. Studierende, Politikerinnen, Experten usw. haben die Gelegenheit, hier “Gast-Beiträge” zu veröffentlichen. Ein direkter Bezug zu den Schwerpunkten Politik, Medien und Kommunikation liegt auf der Hand. Im Weiteren lancieren wir demnächst eine neue Serie.

Ein Kind des Wahlkampfblogs ist übrigens auf Facebook präsent, die Inhalte sind längst nicht immer identisch.

Schliesslich noch ein Wort zur Schweizer “Bloggerszene”: Es ist sehr schade, dass es keinen Blog-Aggregator mehr gibt. Slug – früher die Plattform für fast alle und bei der Recherche unverzichtbar – kränkelt schon lange. Jetzt soll sie abgestossen werden.

Mark Balsiger

 

Foto Bergbach: iwoinamerika.blogspot.com

 

Die Anarcho-Buben haben die Deutungshoheit, Partygänger den Schaden

VON MARK BALSIGER

In der Nacht auf heute ist es in Bern wieder einmal zu heftigen Zusammenstössen gekommen. Ähnlich wie in früheren Jahren bei Anti-WEF-Demonstrationen, Antifa-Spaziergängen oder beim guerilla-ähnlichen Kampf gegen den SVP-Alpaufzug durch die Innenstadt vom 6. Oktober 2007. Damit die Relationen gewahrt bleiben: Von den rund 10’000 Leuten, die an der “Tanz dich frei 3” teilnahmen, waren etwa 100 gewalttätig. Das entspricht einem Prozent.

Viele Tanzende werden von den Eskalationen kaum etwas wahrgenommen haben. Entweder waren sie schon wieder Zuhause oder nicht bei den “hot spots”, wo es knallte. Bern war in der letzten Nacht nicht im Ausnahmezustand. Bilder zeigen praktisch immer eine verzerrte Wirklichkeit, sie wirken dramatischer. Mit dieser Aussage will ich keine Sympathie mit dem, was passierte, signalisieren. Im Gegenteil.

Die Partygänger, die wie vor Jahresfrist auf den Strassen feierten, wurde von einer Hundertschaft instrumentalisiert. Den allermeisten dürfte das egal sein. Dabei sind sie es, die verloren haben. Ihre Bedürfnisse nach mehr Freiraum und Lokalen, die ihren Bedürfnissen entsprechen, haben nach den jüngsten Ausschreitungen und grossen Sachschäden viel weniger Support. Die 9900 friedlichen Demo-Teilnehmende werden in denselben Topf geworfen wie die 100 militanten Idioten.

Gewonnen haben dafür die Anarchisten, die vermummt und teilweise mit einer enormen Zerstörungswut zu Werke gingen. Zum harten Kern dürften ein paar Dutzend Mitglieder zählen, das Sammelbecken stellt die Revolutionäre Jugend Bern dar. Diese kleine Gruppe hat es also geschafft, nach einem langen Kampf mit etlichen Akteuren die Deutungshoheit über “Tanz dich frei” zu gewinnen. Als Organisatoren legten sie fest, was läuft, im Vorfeld und während der Parade. Mit von der Partie waren auch Krawalltouristen, die immer dann auftauchen, wenn sie aus dem Schutz der Masse agitieren können. Dazu kommen apolitische Trittbrettfahrer, die auch einmal eine Scheibe einschlagen wollten.

Ich lernte einmal durch Zufall ein paar Berner Anarchos kennen. Sie haben noch nie selber Geld verdient, ihre Wäsche macht Mutti, und bei Minustemperaturen bleiben sie lieber zuhause, statt für ihre Überzeugungen auf die Strasse zu gehen. Dass sie am Staat “alles Scheisse” finden, versteht sich von selbst, längst nicht bei allen sind ihre Überzeugungen gefestigt, die Bullen, ja die Bullen, waren sogar “verdammte Scheissbullen”. In der letzten Nacht haben Anarchos und Autonome einen gloriosen Sieg errungen, der ihnen neue Mitglieder bescheren wird.

Hinter dem Sicherheitszaun standen Sanitäter bereit

Die Anarcho-Buben sind dreist genug, heute auf ihrer Facebook-Page zu verkünden: “Bern lebt wieder!” Sicherheitsdirektor Reto Nause habe im Vorfeld eine “Hetzkampagne geführt, die eine bewusste Eskalation beinhaltete”. Die Polizei habe die Ausschreitungen zu verantworten. Die Videos der Kantonspolizei zeigen indessen, wie die Strassenschlachten ihren Anfang nahmen. Dass der Sicherheitszaun vor dem Bundeshaus nicht nur das Gebäude schützte, sondern auch Krankenwagen, Sanitäter und Feuerwehr, blenden die Anarchos aus.

Die Aufarbeitung der gestrigen Nacht dürfte nun “gäng wie gäng” ablaufen: Rücktrittsforderungen (eine liegt schon vor), Strafanzeigen, Leserbriefe bis zum Abwinken, Vorstösse im Stadtrat und auf Bundesebene, eine Sondersitzung der Stadtregierung. Und dabei wird viel Papier produziert.

Ich erkenne, mit Verlaub, nur einen tauglichen Ansatz: Eine Verzeigung, ein paar Tage gemeinnützige Arbeit und 350 Franken Busse sind lächerlich. Strafen müssen schmerzen, und das funktioniert nur über den Geldbeutel. Wenn ein Chaot für seine Zerstörungen 5000, 7000 oder sogar 12’000 Franken bezahlen muss, wird er es sich gut überlegen, ob er bei der nächsten Demonstration wieder zuschlagen will. Hohe Geldstrafen sind die beste Prävention.

Ich plädieren übrigens inzwischen bei allen Verletzungen des Gesetzes für drakonische Geldstrafen.

 Weitere Beiträge:

Grenzenlos naiv, JacoBlök (Blog)
Tanz dich frei, Urslis Nachlese (Blog)
Enttäuschung im Netz nach “Tanz dich frei” (SRF online)
Bildstrecke auf Flickr von Raphael Moser


Kommentare vom Montag, 27. Mai:

Ein trauriger Tag für Bern und seine Jugend (“Bund”, Christoph Lenz)
Masse als Schutz für Krawallmacher (“Berner Zeitung”, Wolf Röcken)
Diktatur der Idioten (“TagesWoche”, Philipp Loser)

Facebook ist nicht verantwortlich für die Krawalle
(Politblog, Simon Koch, 31. Mai)


Foto: key (via nzz.ch)

 

Journal B vermag seine eigenen Ansprüche noch nicht einzulösen

Die Menschen hinter den News sollen im Journal B im Vordergrund stehen. Ziel dieser Online-Zeitung ist es, eine einordnende Berichterstattung zu ermöglichen und Geschichten zu erzählen, die neue Blickwinkel auf das alltägliche Geschehen der Region Bern eröffnen. Eine Bilanz nach fünf Monaten.

Bild Journal B

GAST-BEITRAG von Sharon Sue Siegenthaler*

Das Journal B setzt gemäss eigenen Angaben auf einen modernen und übersichtlichen Auftritt. Der Aufbau mit der Frontseite in grauer Farbe und den drei Ressorts „Alltag“ in grüner Farbe, „Politik“ in blauer Farbe und „Kultur“ in roter Farbe wirkt gut strukturiert. Die unterschiedlichen Farben ermöglichen eine Zuteilung der Artikel zu den jeweiligen Ressorts, womit das Online-Magazin übersichtlich aufgebaut und benutzerfreundlich ist. Das Journal B bietet zudem einen Blog an, in violetter Farbe, sowie verschiedene Dossiers in gelber Farbe. Der chronologische Aufbau ist logisch und intuitiv.

Das Design ist tatsächlich modern und innovativ, für meinen Geschmack aber etwas gewöhnungsbedürftig. Schade, dass es auf der Frontseite nur wenige und zu kleine Bilder gibt. Fotos, Illustrationen, Grafiken und Tabellen unterstützen die Informationsvermittlung. Hier besteht Verbesserungspotenzial.

Täglich werden neue Artikel veröffentlicht, meist sind es zwischen drei und vier. Das ist positiv. Leserinnen können Themenvorschläge und Ideen einbringen, womit Raum geschaffen wird für Dialoge und Diskussionen. Das Journal B beansprucht nicht, tagesaktuelle Informationen zu liefern. Wenn aber schon nicht die Breaking-News im Vordergrund stehen, sollten die Artikel ausführlicher sein als in den beiden grossen Berner Tageszeitungen. Positiv sind Geschichten, die weder in „Bund“ noch „BZ“ zu finden sind, wie beispielsweise der Text über das Herzogstrassenfest. Allerdings dürfte das Thema nicht auf überdurchschnittliches Interesse stossen, da das Strassenfest nur ein Quartier in der Stadt Bern betrifft.

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Inhaltlich besteht ebenfalls noch Verbesserungspotenzial. Das Organisationskomitee des Fests wird mehrmals zitiert, aber nicht die einzelnen Mitglieder. Wo bleiben die Menschen hinter den News? Das Ziel, Protagonisten zu Wort kommen zu lassen, wird verfehlt. Ein Interview und mehr Hintergrundinformationen wären sehr spannend gewesen. Zudem fehlen Bilder, die als Blickfang dienen und den Artikel visualisieren und attraktiv machen. Gesichter sollten gezeigt werden. Gut finde ich, dass die Artikel verständlich geschrieben sind mit kurzen und einfachen Sätzen. Das ist ein Plus.

Einmal berichtete das Journal B über den geplanten RBS-Tiefbahnhof. Während „Bund“ und „BZ“ denselben Inhalt präsentieren, hebt sich der Artikel im Journal B ab, weil er nicht das Projekt an sich behandelt, sondern Baudirektorin Barbara Egger sich zur Problematik der Kosten äussert, und zwar seit der ersten Version im Jahr 2008. Hier hätte das Journal B Hintergrundinformationen liefern und mit einer Geschichte einen neuen Blickwinkel eröffnen können, der zudem mit Bildern hätte ergänzt werden müssen. Während „Bund“ und „BZ“ sogar eine Bildstrecke auf den jeweiligen Online-Ausgaben haben, gibt es im Artikel vom Journal B lediglich eine Grafik. Hier ist eine Chance verpasst worden.

Das Nutzungskonzept für den Loryplatz ist ein Thema, das die Berner bewegt. Hier müsste es Geschichten geben, die den Blick auf zusätzliche Aspekte ermöglichen und damit über die Berichterstattung von „BZ“ und „Bund“ hinausgehen. Anstelle von Bildern gibt es ein kurzes Video. Ich persönlich hätte ein Bild bevorzugt, da das Video nicht viel aussagt. Dieser Artikel generierte lediglich einen Kommentar.

Mit eigenen Ansätzen, Hintergrundinformationen und überzeugenden Fotos könnte das Journal B tatsächlich einen Gegentrend zur heutigen Informationsflut setzen. Bislang schafft es die Online-Zeitung noch nicht, ihre Ansprüche einzulösen.

 

Screenshot:  Journal B
Foto Herzogstrassefest: adi

 

* Sharon Sue Siegenthaler arbeitet zurzeit bei Border Crossing, wo sie zwei Projekte in Medien- und Öffentlichkeitsarbeit mitbetreut.

 

Mundart in ihrer urwüchsigen Kraft

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Dieses Blog fokussiert seit jeher auf Politik und Medien. Für einmal verlassen wir diese beiden Felder. Das hat einen triftigen Grund: Gestern Abend entstand auf Twitter aus dem Nichts eine spassige Kooperation: Ein paar Leute stöberten in Kindheitserinnerungen und sinnierten über die Kraft der Mundart. Die Folge: Schöne, urchige, zum Teil schon weitgehend vergessene Worte in verschiedenen Dialekten purzelten in die Timeline. Und gleichzeitig lief auf Radio SRF1 das “Spassepartout” mit Franz Hohler, fürwahr ein begabter Wortakrobat. Vielleicht eine Fügung.

Ich fände es schade, wenn diese kleine Sammlung “Schöne Worte” nicht kuratiert (ha!) würde. Deshalb ein paar Müsterchen dieser Ad-hoc-Session, zu denen sich natürlich weitere gesellen dürfen:

Bildschirmfoto 2013-02-21 um 11.48.54

– pfuusä

– gigampfa

– umechessle

– kömmerle

– brösmele

– umechnuschte

– schnüfele

– chüschele

– grümschele

– ärfele

– umehootsche (herumkriechen)

Bildschirmfoto 2013-02-21 um 11.49.10– Potz Heiland Dunner

– Khasch miar am Ranza hanga

– Chempe id Glungge schiesse

– Bisch e Durlips

– Hoofili, nid z roos (Vorsichtig, nicht zu fest!)

– Hurtigschwind warte

– Dr Mischt isch garettlet

– Ig chönnti grad jutze u holeie

– Dr Schnurre e Schupf gä

– Dr Salat fatigiere (Den Salat durcheinander mischen)

– Rugele schier ab em Schemeli vor luttr gigele

– Es Gnosch ha im Fadechörbli

– Zeige, wo dr Bartli dä Moscht holt

– Heit ihr Gigeli-Suppe gässe?

Bildschirmfoto 2013-02-21 um 11.49.27– Fägnäscht

– Ranggifüdle

– Tschapadalpi (nie gehört, help!)

– Mürggu

– Chnorzi

– Himugüegeli

– Lumpelisi

– Ürbsi (Kerngehäuse des Apfels)

– Schnurepfluderi (Eine Fasnachts-Clique in Basel heisst auch so)

– Rätschbäse

– Schnudergoof

– Anggewegglimaitli

– Äckegstabi

– Chrüsimüsi

 

– ulidig

– dussä strubussets

– füddleschturm

 

Wie erwähnt ist das eine erste Auswahl, die ich alleine getroffen habe. Sie lässt sich beliebig ergänzen. Eine E-Mail reicht:
mark.balsiger@border-crossing.ch – oder mit einer Twitter-Direktnachricht. Ich selber werde am Wochenende im Bücherregal nach Ernst Burrens Werken suchen.

Mitgewirkt haben bislang bei dieser Session: annatinaheuss, cimnic13, fatimavidal, flugere, froumeier, Hofnaerrin, kmRunabout, KurFrau, Landeieiei, LisaMathys, MadMenNa, merzthurgau, michellebeyeler, PapstBischof, RegulaAeppli, RomanaGanzoni, SandroBrotz, SonjaHasler, vongreyerz, zoradebrunner, Caro (Nicht-Twitterin, aber auch nett) und ich: Mark_Balsiger

Sollte ich jemanden vergessen haben: Asche über mein Haupt, bitte ne E-Mail schicken, danke.

 

 

 

 

Der Facebook-Auftritt von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf unter der Lupe

Zum Auftakt ihres Präsidialjahres im Januar 2012 begann Eveline Widmer-Schlumpf auch auf Facebook präsent zu sein. Sie bringt es inzwischen auf 1360 „Likes“. Ueli Maurer, der erst seit drei Wochen eine Page betreuen lässt, hat seine Bundesratskollegin bereits weit hinter sich gelassen. Weshalb zieht ihr Auftritt keine grösseren Kreise? Eine Spurensuche.

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GAST-BEITRAG von Sharon Sue Siegenthaler*

Was kann Eveline Widmer-Schlumpf und ihre Kommunikationsteam tun, um auf Facebook an Popularität zu gewinnen? Die Finanzministerin publiziert auf ihrer Fanpage zwar regelmässig neue Beiträge, aber es sind kaum solche in der „Ich-Form“ zu finden, was Bürgernähe vermissen lässt. Sich mit dem Publikunm auszutauschen ist jedoch zentral, um Nähe zu schaffen.

Aber nicht nur die „Ich-Form“ ist wichtig, sondern auch persönliche Beiträge. Vor vier Wochen postete die Magistratin: „Ich wünsche Ihnen schöne Weihnachtstage, einen guten Rutsch ins neue Jahr und ein gesundes 2013.“ Hier wären nach diesen Floskeln ein paar weitere Sätze gut invenstiert gewesen. Wieso nicht preisgeben, welche Vorsätze sie für das Jahr 2013 gefasst hatte?

Der Besucher möchte Informationen bekommen, die er über andere Medienkanäle nicht in Erfahrung bringen kann. Positiv aufgenommen würde auch, wenn Widmer-Schlumpf Postings und Fragen von interessierten Besuchern kommentieren würde. Das Zauberwort lautet “Dialog”. Wenn die Bundesrätin auf ihrer Seite Fragen stellen würde, könnte ein echter Dialog gepflegt werden. Der Effekt: Die Leute fühlten sich ernst genommen und hätten das Gefühl, die Bündnerin näher kennen zu lernen.

Gut finde ich, dass Widmer-Schlumpf ihre Facebook-Einträge mit Fotos ergänzt, wodurch sich der Besucher ein besseres Bild von ihren Aktivitäten machen kann. Leider wirkt sie aber auf einigen Bildern eher etwas steif und distanziert. So steht sie zum Beispiel mit Frankreichs Präsident François Hollande an einem Stehpult in einem grossen leeren Saal, geradezu verloren wirkend.

Clever wäre es, wenn sie eigene Fotos posten würde, die bei Bildagenturen nicht zu finden sind. Vereinzelt gibt es auf der Page solche Bilder, wie zum Beispiel dasjenige, welches die Bundesrätin im Flugzeug beim Kaffee zeigt (siehe oben). Dieses Foto wirkt sehr sympathisch.

Wichtig ist, die Page zu aktualisieren und den Dialog zu pflegen. Nicht steife Distanziertheit, sondern das Preisgeben von Persönlichem löst bei den Besuchern Interesse und Sympathie aus.

 

Foto: FB-Page von Eveline Widmer-Schlumpf


* Sharon Sue Siegenthaler arbeitet zurzeit bei Border Crossing, wo sie zwei Projekte in Medien- und Öffentlichkeitsarbeit mitbetreut.

Bezahlte Online-Kommentare: Medien tolerieren “Dialogkultur”, die ihnen schadet

Eine hässliche Blüte, die der Abstimmungskampf um die Abzocker-Initiative getrieben hat: Studenten schreiben im Stundenlohn und unter falschen Namen Online-Kommentare. “Pfui!” erschallt es vielstimmig in Social-Media-Kanälen. Mit Recht. Bewegen müssten sich allerdings die grossen Medienhäuser, die auf ihren Online-Portalen eine “Dialogkultur” heranwachsen liessen, die ihnen selber schadet.

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Wenn es bei Abstimmungen
hart auf hart geht, werden bei einzelnen Akteuren ethische Codices zu Makulatur. Eine Zürcher Werbeagentur verschob die Grenzen und heuerte Anfang Dezember ein paar Studenten an. Mit Textbausteinen ausgerüstet, füllten sie auf Online-Portalen die Kommentarspalten. Systematisch und mit falschen Namen schrieben sie gegen die Abzocker-InitIative an und manipulierten so die öffentliche Meinung. Wer die Instruktionen liest, die der “Tages-Anzeiger” in seiner heutigen Ausgabe publik macht, wähnt sich im falschen Film.

Es ist kein Problem, auf den grossen Online-Portalen mit einem Pseudonym oder mit einem falschen Namen mitzudebattieren; teilweise werden nicht einmal die hinterlegten E-Mail-Adressen verifiziert. Das Angebot ist bewusst niederschwellig, lautet doch die Devise bei den Medienhäusern: Je mehr Kommentare, desto besser. Sie wollen die User emotional an ihre Online-Portale binden, Communitys auf- und ausbauen. Das Rennen um Visits und Klicks geht weiter.

Exemplarisch der Aufruf zum Kommentieren von Blick online:

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Es liegt auf der Hand:
Wer online mit einem Pseudonym oder einem falschen Namen debattiert, kann kräftig und dumpf austeilen, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Das ist für ein paar Hundert Leute in diesem Land offensichtlich ein Freipass: Sie lassen Dampf ab, pöbeln und diffamieren. Wer sich einmal durch ein paar Dutzend Kommentare zu einem kontroversen Thema gelesen hat, kennt diese “Dialogkultur”. Sie konnte sich etablieren, weil die Betreiber zu viele Beiträge auf lamentablem Niveau freischalten.

Das es anders geht, zeigte das Wahlbistro, das ich 2008 lanciert hatte und 2010 aus zeitlichen Gründen leider wieder einstellen musste. Dort war die anonyme Teilnahme nicht möglich. Wer mitdebattieren wollte, musste nach der Registrierung zuerst von den Betreibern telefonisch verifiziert werden. Diese Massnahme wirkte sich positiv auf die Qualität der Kommentare aus, alle Teilnehmenden konnten nur mit ihren echten Vor- und Nachnamen Kommentare veröffentlichen.

Wenn die Medienhäuser ihre teilweise noch starken Marken nicht irreparabel schädigen wollen, sollten sie nun endlich Gegensteuer geben. Wer 15 Prozent Marge erzielt, kann es sich leisten, den Online-Kommentaren die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.

Dasselbe sollten sich die engagierten Leute der Diskussions-Plattformen Vimentis und Politnetz zu Herzen nehmen. Ich schaffte es vor ein paar Stunden auch dort problemlos, mit einem Fake-Konto (“Hans aus Bern”) Kommentare zu publizieren.

Screenshot aus “Politnetz”:

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Ich bin gespannt
, wie sich der Branchenverband der führenden Werbe- und Kommunikationsagenturen (bsw) und, so sie angerufen werden, die Schweizerische Lauterkeitskommission und der Schweizer Presserat zu diesem Fall äussern.

Weitere Beiträge zum Thema:

– Vimentis: Gegner der Abzocker-Initiative kaufen Leser-Kommentare (Thomas Minder)
Der identische Text erschien übrigens auch auf Politnetz. Dort aber wird Claudio Kuster als Autor genannt. Er ist die rechte Hand von Ständerat Minder.

– Arlesheim-Reloaded: Wissen Journis nicht, wie der Hase läuft?

– Cash: Gekaufte Studenten schreiben auf Newssites gegen Abzocker-Initiative
(Mit Updates der sda)

– Jacqueline Badrans Blog: Dauerbrenner Kommentare – ein Lösungsvorschlag

– Tages-Anzeiger/Bund: Polit-Werber auf Abwegen (31. Dez.; Iwan Städler)

– Medienwoche: Kommentare kaufen ist nicht Guerilla-PR (10. Jan. 2013; Daniel Jörg)


Foto: adi

 

 

 

Tweets wie Sternen am Himmel

Mit nur einer Spur Phantasie wähnt man sich bei dieser Grafik im Universum. In Tat und Wahrheit handelt es sich um die Visualisierung aller Tweets zu den Grossrats- und Regierungsratswahlen in Basel-Stadt vom 28. Oktober. Berücksichtigt sind in dieser Fleissarbeit der Basler Staatskanzlei alle Tweets mit dem Hashtag #wahlenBS.

Die Grafik ist hier interaktiv aufgebaut, ein Verweilen und Scrollen zeigt auf, wer sich mit welchen Kurznachrichten beteiligte, interagierte – oder, um die Sprache aus der Amtsstube am Rheinknie zu übernehmen: “Wer hat mit wem und wie oft?”

Erste Kommentare zu dieser Grafik, die ich heute Abend über Twitter weiter verbreitete, waren negativ gefärbt: Wozu ist das, fragte einer zum Beispiel. ein anderer fand: “Nicht sehr informativ.”

Ich finde: gut umgesetzt. Mit solchen Erhebungen lässt sich rekonstruieren, wie ein kontroverses Thema Dynamik entwickelte. Und dann wären wir beim Stichwort Shitstorm angelangt.

 

Wer Ausgrenzung anprangert, sollte selber keine Ausgrenzung betreiben

In den letzten Jahren haben sich die Juso gelegentlich die Freiheit herausgenommen, in ihren Kampagnen auf den Mann – oder die Frau – zu spielen. Einmal wurde Bundesrätin Doris Leuthard wegen der Kriegsmaterial-Initiative mit blutigen Händen abgebildet, ein anderes Mal die Ospels, Grübels und Vasellas als halbnackte Abzocker. Das waren Provokationen, die zu 24-Stunden-Aufreger wurden, mehr nicht.

Eine neue Stufe erreicht die Kampagne für eine faire und menschenwürdige Asylpolitik, die Amnesty International und diverse andere NGO eben lancierten. In einem Videoclip werden die SVP-Mannen Christoph Blocher und Ueli Maurer als Asylbewerber dargestellt, die aus purer Not ihr Maskottchen aus besseren Zeiten, den Geissbock Zottel, in den Kochtopf stecken:

Mit dieser Kampagne spielen etablierte NGO, die eine wichtige Funktion in der Gesellschaft wahrnehmen, zum ersten Mal hart auf den Mann. Sie stellen eigentliche Hassfiguren der Schweizer Politik ins Zentrum ihrer Kritik. Damit betreiben sie Ausgrenzung, obwohl sie selber Ausgrenzung anprangern. Ob diese Haudrauf-Satire ausserhalb dem eigenen Kreis Applaus und Denkprozesse auslöst, ist offen.

Ich gehe davon aus, dass in den nächsten Tagen das Referendum gegen das letzte Woche verschärfte Asylgesetz ergriffen wird. Die Abstimmung dafür fände vermutlich im Herbst 2013 statt. In derselben Phase dürfte die Unterschriftensammlung der SVP für ihre neue Asylinitiative beginnen. Und damit bleibt das Thema bis ins eidgenössische Wahljahr 2015 am Kochen. Wer davon profitiert, ist klar.

Die Verelendung der Flüchtlinge, wie sie Christof Moser in seiner Analyse ortet, nimmt ihren Lauf. Seit mehr als dreissig Jahren.

 

Mit Berset twittert der erste Bundesrat

Vor ein paar Stunden ist die etwa 100’000 Mitglieder starke Twitter-Community in der Schweiz um einen prominenten Politiker gewachsen: Alain Berset. Das ist ein Novum: Vor ihm versuchte sich noch kein Bundesrat auf dem Zwitscherkanal. Seinen ersten Tweet setzte er ab, kurz bevor er in der SF-Sendung “Donschtig-Jass” im Schaffhausischen mitspielte.

Berset machte im Wahljahr 2011 erste zaghafte Versuche auf Twitter, damals noch als Ständerat. Nach 15 Tweets war aber bereits Schluss und sein Profil schlummerte seit dem letzten Oktober vor sich hin – bis gestern Abend.

Weshalb twittert Berset nun als Bundesrat? Glaubt er an die Power, die dieser Kanal entwickeln kann? Steckt eine ausgeklügelte Strategie dahinter? Was will er uns mit 140 Anschlägen vermitteln? Sucht er die Bürgernähe, die sprachliche Herausforderung – oder ist ist es pure Neugierde?

Der EDI-Vorsteher und seine Kommunikationsleute werden heute eine Batterie solcher Fragen zu beantworten haben. Twitter gilt im Gegensatz zu Facebook als hip, in den letzten 18 Monaten sind ein paar Hundert Journalisten dazugestossen, was den Microbloggingdienst popularisierte. Entsprechend ist die Resonanz in den etablierten Medien garantiert.

Noch im März vertrat ich die Meinung, dass Bundesräte nicht auf Twitter setzen sollten, der Arbeitstag sei auch sonst schon lang genug. Als Vizekanzler und Bundesratssprecher André Simonazzi Mitte Juni im Namen der Landesregierung zu twittern begann, war für mich der Fall klar: Das Thema ist abgehakt, die Bundesräte befassen sich nicht aktiv mit diesem Medium, allenfalls sogar ergänzt mit der Entscheidung in corpore, die Social Medias links liegen zu lassen.

Inzwischen hat Simonazzi aber das Kürzest-CV auf seinem Twitter-Konto verändert. Er zwitschert nicht mehr im Namen der Landesregierung, sondern als Bundesratssprecher, assistiert von seinem Team der Bundeskanzlei.  Dass er den ersten Tweet von Berset schon nach wenigen Minuten retweetete, lässt vermuten, dass sich die beiden Romands absprachen.

Viele Politikerinnen und Politiker nutzen Facebook, Twitter & Co. als Einwegkanal. Dabei heisst das Zauberwort: Dialog. Ob sich Berset ab und an darauf einlässt? Tut ers nicht, fällt er in der Community durch.

Unter Exekutivpolitikern hat sich Twitter noch nicht durchgesetzt: Susanne Hochuli (AG) und Guy Morin (BS) sind bislang die einzigen Regierungsräte in der deutschen Schweiz, die diesen Kanal bedienen.

Mark Balsiger

Wie aus dem Lehrbuch – zu Beginn

Dieser Tage sorgt ein Plakat mit einem schwulen CVP-Paar in der halben Schweiz für Aufmerksamkeit. Die Rechnung ist aufgegangen, freuen sich die Zürcher Akteure. Allerdings machten sie auch simple Fehler.

Offen gesagt: Ein solches Sujet hätte ich der CVP des Kantons Zürich nicht zugetraut. Sie verbucht damit einen Überraschungseffekt, die erste Phase der Kampagne rollt an wie im Lehrbuch:

Am Montag hängen die ersten Plakate in der Stadt Zürich, tags darauf greift der “Blick am Abend” die Kampagne auf. Die Medienkonferenz findet am Donnerstag statt. Weil noch hochsommerliche Newsflaute herrscht und der Teaser “schwul” weiterhin wirkt, ist die massenmediale Resonanz gross. Selbst in Basel wird das Thema gross gefahren und ein welsches Gay-Magazin befasst sich ebenfalls damit.

Stadtparteipräsident Markus Hungerbühler (rechts), sein Lebenspartner Dominik Mazur, auch er CVP-Mitglied, und die Kantonalzürcher CVP verpassten es mit ihrer Aktion, die Gunst der Stunde optimal zu nutzen. Inhalte formulierten sie keine. Stattdessen wissen wir nun, dass noch 79 weitere Plakatsujets mit CVP-Köpfen folgen werden – gestaffelt über mehrere Jahre.

Dass Websites bei Parteien und Politiker oft in Vergessenheit geraten, ist bekannt. Der aktuelle Fall der CVP ist exemplarisch: Erst am Freitagabend schaltete die Kantonalpartei einen Medienspiegel auf. Zeitgleich platzierte Hungerbühler ein paar wenige Zeilen auf seiner Website. Die Referate bzw. Informationen der Medienkonferenz sind nicht online verfügbar.

Und jetzt wirds grotesk: Die CVP-Stadtpartei würdigt die enorme Präsenz ihres Präsidenten bislang mit keiner Zeile. Der Surfer wird “herzlich willkommen” geheissen. Prominent in der Mitte der Website ist die “neue Ausgabe” des vierteljährlich erscheinenden Magazins Vitamin CVP zum Herunterladen bereit. Sie stammt vom Dezember 2011.

Auf Facebook hätte die Partei unmittelbar nach der Medienkonferenz eine Diskussion über die Einführung des Adoptionsrechts von schwulen und lesbischen Paaren lancieren können. Damit wäre die nationale Partei herausgefordert gewesen, der Diskurs hätte weitere Aufmerksamkeit und ein schärferes Profil zu Folge gehabt. Nichts dergleichen geschah, die Page der Kantonalpartei verzeichnet gerade einmal 13 Likes und Protagonist Hungerbühler mochte offensichtlich nicht in ein Wespennest stechen.

Dieser Fall zeigt einmal mehr: Das Internet mit seinen Möglichkeiten ist bei den Schweizer Parteien noch nicht richtig angekommen. Es passieren immer wieder die altbekannten Fehler.

Mark Balsiger

Foto/Plakat: zvg/blick