Wahlkampfwandern mit der “Land-Amme”

Die Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli gibt den Nik Hartmann. Seit bald zwei Wochen wandert sie zusammen mit ihrem Hund über Stock und Stein. Dabei twittert sie und füttert ihre Facebook-Seite mit Fotos und Anekdoten. Resonanz erzeugt das Wahlkampfwandern allerdings nicht auf den Social-Media-Kanälen, sondern in den etablierten Regionalzeitungen.

Vor Jahresfrist kurvte der damalige FDP-Präsident Fulvio Pelli auf seinem Rennrad durchs Mittelland. Dabei wurde er stets von pedalenden National- und Ständeratskandidaten seiner Partei begleitet. Die fünf Etappen lieferten gute Bilder und Stoff für hochsommerliche Berichte – die Medien stürzten sich dankbar darauf.

Langsamer, aber bedeutend länger ist Susanne Hochuli (Grüne) unterwegs: In 16 Wandertagen will die Aargauer Regierungsrätin über 300 Kilometer zurücklegen. Sie nennt es “Grenzwanderung”, und tatsächlich führte ihre Route bislang mehr oder weniger der Kantonsgrenze entlang. Die präzisen Etappen sind nicht bekannt, Hochuli ist alleine unterwegs, nur von ihrem Hund “Mira” begleitet. Was sie braucht, trägt sie in einem Rucksack mit, übernachtet wird bei Freunden, Bauern oder auch mal in einem Gasthof.

Wandern ist kontemplativ – für Hochuli, die am 21. Oktober wiedergewählt werden will, allerdings auch Wahlkampf. Von unterwegs twittert sie, macht Fotos, notiert ihre Erlebnisse und veröffentlicht alles auf ihrer Facebook-Page. Auch die Website ist ganz auf die Grenzwanderung der Frau Landammann, die sich inzwischen zur “Land-Amme” emanzipierte, ausgerichtet. So weit, so gut. Die Defizite werden erst bei einer genaueren Betrachtung sichtbar.

Die Aktualisierungen auf Hochulis Facebook-Page haben bislang gerade einmal 90 Personen abonniert (“Likes”), ein Dialog findet nicht statt. Das Kampagnenteam der Regierungsrätin lancierte diesen Kanal viel zu spät. Andere bekannte Politisierende haben ihre Facebook-Präsenz jahrelang systematisch aufgebaut und inzwischen mehrere Tausend “Freunde” oder “Likers”. Das ist eine Hausmacht, damit lassen sich potenziell neue Wählerinnen und Wähler binden.

Das Twittern entdeckte Hochuli im letzten Frühling. Die knappe Form entspricht ihr offensichtlich, ihre Tweets sind eine Mischung aus Information, Witz und Persönlichem. Schon nach wenigen Wochen heimste sie dafür ein Lob von der NZZ ein.

Exemplarisch ein paar Tweets der vergangenen Woche, als sie der Reuss entlang Richtung Norden wanderte:

Diese knappe Anekdote provozierte natürlich schnell eine Antwort:

Fast 600 Personen (die sog. “Follower”) haben die Tweets der Aargauer Regierungsrätin abonniert. Intuitiv scheint sie dieses Medium zu beherrschen. Es ist deshalb jammerschade, dass sie ihre Beobachtungen und Erlebnisse auf der Wanderung nicht regelmässiger über Twitter verbreitet; manchmal zwitschert sie tagelang überhaupt nicht.

So wenig Hochuli das Potenzial von Twitter und Facebook ausschöpft, so ergiebig ist die Berichterstattung in der etablierten Regionalpresse. Die Medienschaffenden stürzen sich in der Sauregurkenzeit geradezu auf die wandernde Politikerin. Die “Aargauer Zeitung” räumte ihr in den Splitausgaben im Freiamt und im Fricktal viel Platz ein, ebenso wie die “Neue Luzerner Zeitung” (die im Aargauer Freiamt ebenfalls verbreitet ist), “Die Botschaft” (Region Zurzach) und die “Neue Fricktaler Zeitung”. (Die Berichte der letztgenannten Medien sind online nicht verfügbar.)

Viel Unterstützung wird Hochuli von einer Organisation zuteil, die ihr eigentlich nicht grün ist: Gastro Aargau. Der Arbeitgeberverband für Hotellerie und Restauration initiierte im letzten Jahr den Stammtisch für den Aargauer Landammann. Dieser besucht im Verlauf seines Amtsjahres alle elf Bezirke des Kantons und nimmt jeweils für einen Abend in einer Beiz Platz. Für die Organisation und Bewerbung der Anlässe ist Gastro Aargau zuständig. Susanne Hochuli, die einen unkomplizierten Umgang mit den Leuten pflegt, profitiert von dieser Serie. Allein während ihrer Grenzwanderung finden drei Stammtische statt.

Ihre Konkurrenten machen Ferien oder beissen Akten, Susanne Hochuli generiert derweil mit ihrem Wahlkampfwandern viel Aufmerksamkeit. Dank den etablierten Regionalzeitungen. Der grosse Social-Media-Boost ist ihr nicht gelungen. Aber womöglich war das ja auch gar kein Ziel.

Mark Balsiger

– Fotos: Facebook-Page von Susanne Hochuli


Berner Barden schrummen für Stapi Alexander Tschäppät

Heute kann Alexander “Tschäppu” Tschäppät seinen 60. Geburtstag feiern. Er tut das nach eigenen Angaben mit “Frau, Hund und Kindern”. Der “Bund” widmet Berns Stadtpräsident einen gelungenen Text, der kritisch, aber fair die verschiedenen Facetten des Politikers und MenschenTschäppät beleuchtet.

Das populäre wie polarisierende  Stadtoberhaupt kriegt zu seinem runden Wiegenfest auch einen Song geschenkt; seit ein paar Stunden gurkt er auf Youtube herum. Er heisst: “Hey Alex, s’isch kenne so guet wie du.” (Wer mit dem Berndeutschen Idiom Mühe haben sollte: “Keiner ist so gut wie du.”)

Das Oeuvre  dauert 3 Minuten 40, es ist zugleich Ironie und eine Abrechnung mit Tschäppät. Musikalisch ist es so bescheiden wie die Lieder von DJ BoBo, ohne deren nervtötende Textrepetitionen. Es ist klar besser als vieles, was unter den Berner Lauben und an Lagerfeuern von enthusiastischen Pfadfindern gegeben wird, dürfte aber trotzdem nicht mit einer Einladung auf eine Nebenbühne des Gurten-Festivals belohnt werden. Für den Eurovision Song Contest würde das Niveau reichen, allerdings stimmt dafür das Timing nicht.

Geschrieben, gesungen, getrümmelet und geschrummt haben diesen Song zwei Barden und Lokalpolitiker, die im Berner Stadtparlament mitmischen. Da wäre zum einen Simon “Berner Qualität seit 1975” Glauser (svp), dem bis vor wenigen Jahren selber Ambitionen auf einen Sitz in der Stadtregierung nachgesagt wurden. Doch so richtig durchstarten wollte die politische Karriere des Freundes schneller Autos nicht.

Der zweite des Duos “SäuberTschuld” ist Martin “Tinu” Schneider (bpd). Vor vier Jahren kandidierte er für die Exekutive. Er holte 606 Stimmen. Tschäppät erreichte damals 14’432 Stimmen.

Ob Song und Videoclip der Auftakt zu einer Demontage des amtierenden Stadtpräsidenten sind, ist nicht bekannt. Bis dato kandidiert nur Tschäppät für dieses Amt. Neben – oder wegen! – ihm scheint sich niemand zu getrauen.

Womöglich kontert Tschäppu mit einem Remake des kultigen FDP-Reinach-BL-Clips “Gäll, du wählsch mi? Gäll, du willsch mi?” – und hat damit einmal mehr die Lacher auf seiner Seite.

Social Media als neue Waffen im Wahlkampf

Gastbeitrag von Erich Wenzinger*

Neue Erkenntnisse zur Wirkung von Facebook, Twitter & Co. im Wahlkampf: Wer auf der Klaviatur der neuen Kanäle besonders virtuos spielt, erhöht tatsächlich seine Wahlchancen. Das ist das Ergebnis der Masterarbeit.

Im Vorfeld der Nationalratswahlen 2011 berichteten die Medien intensiv über Social Media. Dies sorgte insbesondere bei jenen Politikern, die schon länger im Social Web unterwegs sind, für zusätzliche Reichweite weit über die Web-Communitys hinaus. Was die Forschung über die Wirkung und den Nutzen des Einsatzes von Facebook, Twitter & Co. im Wahlkampf anbelangt, steckt die Forschung hierzulande noch in den Kinderschuhen. Entsprechend gross dürfte der Bedarf von Politikern, Kommunikationsfachleuten und Politologen sein, mehr darüber zu erfahren. Meine Masterarbeit hatte zum Ziel, einen Beitrag zu leisten, um diese Forschungslücke zumindest ein Stück weit zu schliessen.

Meine These: Je besser der Auftritt im Social Web, desto höher die Chance, ein gutes Wahlergebnis zu erreichen. Dazu habe ich von 114 Zürcher Nationalratskandidierenden die Qualität der Auftritte im Social Web mit dem jeweiligen Wahlergebnis verglichen.

Um die Qualität der Auftritte zu messen habe ich ein Modell entwickelt, das auf fünf sogenannten Nutzungsindikatoren basiert:

1. Präsenz
2. Aktivität
3. Resonanz
4. Dialog
5. Vernetzung

Die Erfüllung des nachfolgenden Nutzungsindikators ist deutlich einfacher und wirkungsvoller, wenn alle Vorhergehenden bereits möglichst gut erfüllt wurden. Ein Beispiel: Eine hohe Resonanz (etwa in Anzahl „Freunde“ oder „Follower“) lässt sich leichter bewerkstelligen, wenn man auf den Plattformen aktiv ist und regelmässig interessante Beiträge aufschaltet.

Die Profile auf Facebook, Twitter und Blogs sämtlicher 114 Politiker habe ich anhand dieser Kriterien bewertet und ein Punktesystem angewendet. Je besser ein Politiker bei jedem Nutzungsindikator abschnitt, desto mehr Punkte erhielt er. Pro Nutzungsindikator wurden max. 3 Punkte vergeben; total konnten also höchstens 15 Punkte erreicht werden. Die nachfolgende Grafik 1 zeigt die Verteilung der Punkte über alle 114 Politiker.

Grafik 1: Übersicht Bewertung aller 114 Kandidaten.  > als PDF

Der Qualität des Social-Web-Auftritts habe ich anschliessend das Wahlergebnis des jeweiligen Kandidaten gegenübergestellt. Dabei bediente ich mich einerseits der Verschiebung Listenplatz bzw. -rang andererseits den Panaschierstimmen.


Resultate

Die Chancen, auf der eigenen Liste Plätze gutzumachen sind grösser, wenn ein Politiker über eine hohe Punktzahl verfügt (siehe Grafik 2).

Grafik 2: Resultate Verschiebung Listenplatz/-rang.  > als PDF

 

Panaschierstimmen: Kandidaten mit einer hohen Punktzahl erreichen im Durchschnitt deutlich mehr Panaschierstimmen, als Kandidaten mit sehr tiefer Gesamtnutzung oder Social-Media-Abstinenz (siehe Grafik 3).


Grafik 3: Resultate Panaschierstimmen (Quellen: Wenzinger) > als PDF


Fazit

Der qualitative gute Auftritt im Social Web ist kein Garant für den Wahlerfolg. Dazu spielen noch viele andere Faktoren wie z.B. das Abschneiden der Partei, das Abschneiden der Konkurrenz auf der eigenen Liste, der Listenplatz oder der Bekanntheitsgrad eine Rolle. In der Arbeit konnte aber aufgezeigt werden, dass Politiker mit einem qualitativ guten Auftritt im Social Web im Durchschnitt mehr Panaschierstimmen erzielen bzw. Listenplätze gutmachen.


*  Erich Wenzinger verfasste seine Masterarbeit im Rahmen des Nachdiplomstudiums in Communication Management & Leadership an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) Winterthur. Titel:
„Wahlkampf 2.0. Politische PR im Social Web: Nutzung und Wirkung. Eine inhalts-analytische Untersuchung anhand der Zürcher Nationalratswahlen 2011“.

Die Arbeit verbindet Theorie und Praxis miteinander. Neben den Untersuchungen der 114 Social Web-Auftritten von Zürcher Nationalratskandidaten und den Auswertungen bezüglich Nutzung und Wirkung wird das Thema des Social-Web Einsatzes im Wahlkampf auch aus demokratie-, wahlkampf- und kommunikationstheoretischer Sicht beleuchtet.


Krisenkommunikation (2) – heute: Swiss Ski und der Rauswurf von Stefan Abplanalp

Seit Langem kommt es bei Swiss Ski immer wieder zu heftigen Eruptionen. So trat Pirmin Zurbriggen vor Jahresfrist per sofort aus dem Präsidium des Verbandes aus. Letzte Woche wurde Speed-Trainer Stefan Abplanalp abserviert. Anstelle einer transparenten Kommunikation verfügte der Verband einen Maulkorb für alle. Gestern äusserte sich Präsident Urs Lehmann erstmals – in der “Schweizer Illustrierten”.

Es habe schon lange gemottet, erzählen Insider. Jetzt kam es zum Eklat: Stefan Abplanalp (rechts), Speedtrainer des Damenteams verlor den Machtkampf gegen Cheftrainer Mauro Pini (links) und wurde per sofort freigestellt – einen Monat vor Ende der Saison. Diese ist trotz Verletzungspech ziemlich erfolgreich verlaufen, die Schweizerinnen fuhren in den Speed-Disziplinen fünf Podestplätze heraus.

Wo ausgeprägte Leistungsbereitschaft, Rivalität, starke Persönlichkeiten, öffentlicher Druck, Stars, Eifersucht, Testosteron und junge Athletinnen zusammentreffen, entsteht ein explosiver Cocktail. Die beste Freundin kann gleichzeitig auch die grosse Rivalin sein, die einem vor der Sonne steht. Trainer messen sich an ihren Erfolgen, aber auch der Popularität ihrer Schützlinge.

Als Kommunikationsspezialist interessierte mich die Art und Weise, wie Swiss Ski diesen Eklat abwickelte.

Die Schwachstellen und meine Einschätzungen:

– Der Verband verschickte am Montag, 20. Februar die Medienmitteilung, mit der die sofortige Freistellung Abplanalps bekanntgegeben wurde. Sie ging um 17.29 Uhr raus. Der Direktor und der Leistungssportchef standen gemäss dieser Mitteilung zwischen 17.30 und 18.15 Uhr für Fragen zur Verfügung.

>>> In dieser Phase haben die Sportredaktionen mit der Produktion begonnen, die Privatradios und DRS3 setzen zwischen 17 und 18 Uhr ihre Schwerpunkte. Ausgerechnet in dieser ohnehin schon hektischen Phase einen “Slot” von gerade einmal 45 Minuten zur Verfügung zu stellen zeugt von einem merkwürdigen Medienverständnis. Es ist möglich, dass der Zeitpunkt bewusst gewählt wurde, weil der Verband diesen Fall möglichst “low profile” abhandeln wollte.

– In einem kurzen Interview bei Radio DRS sagte Andreas Wenger, Direktor von Swiss Ski, zu den Gründen für den Rauswurf Abplanalps:

“Nennen wir das Kind beim Namen. Es heisst Alkohol.”

>>> Das ist starker Tobak. Arbeitsrechtlich ist es gar nicht erlaubt, solche Vorwürfe in die Welt zu setzen. Abplanalp bestreitet das Alkohol-Problem dezidiert, der Verband wiederum kann es nicht belegen. An Abplanalp bleibt womöglich für längere Zeit kleben, dass er Alkoholiker sei könnte – kein Etikett, das ihm bei der Jobsuche hilft. (Welche Rolle der Alkohol spielt, wird von verschiedenen Quellen unterschiedlich beurteilt.)

– Nach dem kurzfristig bekannt gegebenen 45-Minuten-“Slot” für Medienschaffende wurden seitens des Verbands keinerlei Auskünfte mehr erteilt. Sportjournalisten versuchten telefonisch, per Mail und SMS die Funktionäre umzustimmen. Mit bescheidenem Erfolg. Der Redaktion der SF-“Sportlounge” gelang es, Interviews mit Dominique Gisin, Stefan Abplanalp und Mauro Pini einzufädeln. Sie wurden aber kurzfristig wieder abgesagt, der Leiter Kommunikation vermeldete knapp:

“Mauro steht wie alle anderen Exponenten in dieser Sache nicht mehr zur Verfügung.”

>>> Trainer und Athletinnen haben also einen Maulkorb erhalten. Das ist eine Verweigerung, mit der man nur verlieren kann. Mehrere Athletinnen äusserten sich trotzdem oder mit ihren Social-Media-Kanälen, beispielsweise Lara Gut über Twitter. Es entstand eine Kommunikations-Kakofonie, Journalisten ärgerten sich, grübelten weiter und verwerteten, was sie sich aufgrund ihres Vorwissens kombinieren konnten oder irgendwo aufgeschnappt hatten.

– Auf der Website von Swiss Ski findet man unter der Rubrik “Medienmitteilungen” bis heute – nichts. Präzisierung: Ein simpler Satz hängt im Netz:

Zukünftig finden Sie an dieser Stelle ein Archiv mit jeglichen Swiss-Ski Medienmitteilungen.

>>> Dass nicht einmal die Medienmitteilung zu Abplanalps Freistellung aufgeschaltet wurde, hinterlässt mich ratlos. Mauern, sich ducken und die Sache aussitzen – so scheint die Devise zu lauten. Die Kommunikationsabteilung ist personell nicht schlecht dotiert, sie besteht aus sechs Personen und einer Praktikantin.

– Verbands-Präsident Urs Lehmann bestreitet in der “Schweizer Illustrierten” (SI), die gestern herauskam, das grosse Interview. Natürlich wird auch der Fall Abplanalp/Pini thematisiert.

>>> Ein Präsident muss nicht bei jedem lauen Lüftchen vor die Medien. In diesem Fall hätte es Swiss Ski aber zweifellos zum Vorteil gereicht, wenn Lehmann letzte Woche Zeit für eine Medienkonferenz gehabt hätte. Auf diese Weise hätte er vielen Spekulationen entgegentreten und die Position des Verbandes detailliert erklären können. Stattdessen gewährt er einem einzigen Printmedium ein Interview. Auf Aussagen wie “wir waschen die Wäsche intern” hakt der SI-Journalist allerdings nicht nach.

Fazit: Dieser Fall ist ein Lehrbeispiel, wie man es nicht machen sollte. Gerade ein so grosser und wichtiger Sportverband wie Swiss Ski müsste eine andere Kommunikationskultur pflegen. Der Reputationsschaden ist geschehen, kommt das Team nicht bald zur Ruhe, wird auch der weitere Aufbau der Talente behindert. Und das spiegelt sich unweigerlich in den Resultaten und dann könnte es zur nächsten Eruption kommen. Ein Teufelskreis.

Mark Balsiger

Weitere Beiträge zum Thema:

– Wo die Gläser hell erklingen (NZZ am Sonntag, 26.02.; PDF)
– Kündigungsgrund geht niemanden etwas an (Tagi, 27.02.; PDF)

 

“Es braucht eine politische Globalisierung, was in Europa nur die EU erreichen kann”

Seit Herbst 2002 hat der gebürtige Sankt Galler Thomas Christen (37) im Nervenzentrum der SP Schweiz gearbeitet, die letzten sechs Jahre davon als Generalsekretär. Von heute an ist er als persönlicher Mitarbeiter von Bundesrat Alain Berset im Eidgenössischen Departement des Innern (EDI) tätig. Ein Gespräch über seinen Rollenwechsel, die Sozialdemokratie, Europa und die Möglichkeiten von Social Media.

Herr Christen, es ist Mittwochabend, im Moment räumen Sie Ihr Pult im Generalsekretariat. Was geht Ihnen nach fast neuneinhalb Jahren an dieser Wirkungsstätte durch den Kopf?

Thomas Christen: Die Zeit bei der SP war intensiv. Es gab Erfolge und Niederlagen. Es gab viele parteiinterne Diskussionen und auch inhaltliche Differenzen. Aber letztlich haben immer alle am gleichen Strick gezogen und sich für die gemeinsamen Anliegen eingesetzt. Viele Mitglieder haben sich in stunden- und tagelanger Freiwilligenarbeit engagiert. In diesem Umfeld arbeiten zu können, war faszinierend. Ich freue mich sehr auf meine neue Arbeit – aber ich glaube, ich werde die Zeit auf dem SP-Sekretariat auch etwas vermissen.

Als Generalsekretär führten sie ein KMU und waren medial oft präsent. Als persönlicher Mitarbeiter eines Bundesrats agieren Sie ausschliesslich im Hintergrund – ein kompletter Rollenwechsel.

Christen: Der Umgang mit den Medien und das Führen des Sekretariates waren in der Tat sehr spannende Aufgaben. Im Zentrum meiner Arbeit stand für mich aber immer der inhaltliche Aspekt. Und ich empfinde es als grosses Privileg, auch an der neuen Stelle, das tun zu können, was ich am liebsten mache: Mich beruflich für meine politischen Überzeugungen einzusetzen. Auch wenn es in einem anderen Umfeld, in einer neuen Rolle ist.

Persönlichen Mitarbeitern und Beratern werden seit jeher Etiketten umgehängt, z.B. Bundesrats-Einflüsterer, Strippenzieher, Bauchredner, Imagepfleger, Kofferträger – wie interpretieren Sie Ihre neue Aufgabe?

Christen: Meine Aufgabe wird es sein, Alain Berset in politisch-strategischen Fragen zu beraten. Die SP hat mit Alain Berset die grosse Chance, in einem zentralen Departement mit für die Bevölkerung enorm wichtigen Fragen die Politik der nächsten Jahre zu prägen und mitzugestalten. Ich werde versuchen, ihn bei dieser politisch und inhaltlich anspruchsvollen Aufgabe zu unterstützen.

Unter Ruth Dreifuss als EDI-Vorsteherin von 1993 bis 2002 wurde der Sozialstaat ausgebaut. Ihr Parteikollege Alain Berset wird aufgrund der demografischen Entwicklung unseres Landes nicht um einen Sozialabbau herumkommen. Kann ein SP-Bundesrat dies dem Volk glaubwürdiger erklären?

Christen: Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe eines SP-Sozialministers sein kann, Sozialabbau zu betreiben. Die Volksabstimmungen in den letzten Jahren haben gezeigt, dass Abbauprogramme auf Kosten der Ärmsten und des Mittelstandes beim Volk keine Mehrheiten finden. Und die Aufgabe eines Sozialministers muss es sein, mehrheitsfähige Reformen zu erarbeiten.

Der Zürcher Sozialgeograf Michael Hermann sagte einmal, die SP habe kein grosses Projekt mehr. Der Sozialstaat ist gebaut, bei grünen Themen wie dem Atomausstieg punkten die Grünen, sozialliberale Schichten wählen heute grünliberal. Wie kommt die SP aus diesem Dilemma wieder heraus?

Christen: Das reichste Prozent in der Schweiz besitzt 59 Prozent des Vermögens. In keinem OECD-Land ist das Vermögen so ungleich verteilt wie in der Schweiz. Gleichzeitig gibt es rund 600‘000 Menschen, die offiziell in Armut leben. Den Mittelstand plagen die immer weiter steigenden Kosten für Krankenkassenprämien und Mieten. Die SP hat in den vergangenen Jahren sicher viel erreicht. Aber wer angesichts all dieser Tatsachen sagt, dass die SP kein Projekt, keine Aufgabe mehr habe, der verkennt die Realität.

Alt-SP-Präsident Bodenmann sagte einmal: Eine Partei, die sich nicht erneuert, geht unter. Die SP hat sich seit ihrer Öffnung für pazifistische Strömungen sowie Umwelt- und Genderthemen in den Siebziger- und Achtzigerjahren nicht mehr erneuert. Wann kommt der nächste Schub?

Christen: Ich bin mit Peter Bodenmann absolut einverstanden. Die SP erneuert sich daher auch laufend. In den Neunzigerjahren stand die Öffnung der Schweiz im Vordergrund, aktuell sind es neue soziale und wirtschaftliche Fragen, wie etwa das Verhältnis zwischen Bankenplatz und Werkplatz oder eben die immer grösser werdenden Probleme des Mittelstands. Die SP erneuert sich thematisch und personell immer wieder. Was gleich bleibt, ist unser Einsatz für die ganze Bevölkerung und nicht für einzelne Sonderinteressen.

Sie wurden als Teenager durch das Nein zum EWR vom 6. Dezember 1992 politisiert und gehörten in der Ostschweiz zu den Gründungsmitgliedern von „Geboren am 7. Dezember“, ein Verein, der später in der Neuen Europäischen Bewegung Schweiz (Nebs) aufging. Inzwischen sind „Europa“ und „EU“ eigentliche Schimpfwörter geworden, ein EU-Beitritt in weite Ferne gerückt.

Christen: Da hat sich die Situation in den letzten Jahren in der Tat stark verändert. Ich bin aber überzeugt, dass “Europa” schon bald wieder ein grösseres Thema werden wird. Solange die Politik im nationalen Rahmen verharrt, wird sie weiterhin zum Spielball der Wirtschaft und vor allem der Finanzwirtschaft. Daher braucht es als Gegengewicht zur wirtschaftlichen Globalisierung eine echte politische Globalisierung – und das kann in Europa nur die EU erreichen. Das Bekenntnis zur EU wird wieder stärker werden.

In den nächsten Jahren entscheiden wir über die Fortführung der Personenfreizügigkeit. Sie wird wohl aufgekündigt, wenn Bundesrat, Parlament und Verbände keine Parforceleistung hinbringen. Wie soll das verunsicherte Volk überzeugt werden?

Christen: Indem die Sorgen der Bevölkerung ernst genommen werden. Es ist eine Tatsache, dass heute viele Menschen von der Personenfreizügigkeit nicht profitieren, sondern nur die negativen Auswirkungen spüren: Lohndumping, hohe Wohnungspreise. Hier muss der Hebel angesetzt werden. Nur wenn diese negativen Begleiterscheinungen vermindert werden können, wird es weiterhin eine Mehrheit für die Personenfreizügigkeit geben.

Zurück zur SP: In Ihrer Zeit haben Sie das Fundraising professionalisiert und an der Kampagnenfähigkeit der Partei gearbeitet. Im Wahljahr 2011 lancierte die SP die Dialogplattform „SP-Mitmachen“. Dieses Onlineprojekt kam nie in Fahrt – weshalb?

Christen: Wir haben das Projekt dieser Dialogplattform auf lange Sicht angelegt und wussten, dass es am Anfang schwierig sein würde. Ich bin überzeugt, dass in Zukunft Online-Plattformen eine immer grössere Rolle spielen werden. Aber es braucht Zeit, solche neuen Instrumente einzuführen. Das gilt im ganzen Bereich der Social Media. Keine Partei kann darauf verzichten, aber bis Social Media wirklich eine zentrale Rolle in der Politkommunikation spielt, geht es noch eine Weile.

Ihr Vater Heinz Christen war Stadtpräsident von St. Gallen, Ihre Lebenspartnerin Ursula Wyss ist derzeit noch Chefin der SP-Nationalratsfraktion, im Herbst wird sie vermutlich in die Exekutive der Stadt Bern gewählt, in vier Jahren könnte sie die erste Stadtpräsidentin werden. Wann lanciert Thomas Christen seine eigene politische Karriere, so wie das seine Vorgänger André Daguet und Jean-François Steiert auch taten?

Christen: Ich schliesse ein politisches Amt nicht grundsätzlich aus. Doch das ist heute kein Thema. Ich habe nun einen neuen Job, auf den ich mich sehr freue.

In Ihrem Leben dreht sich seit jeher fast alles um Politik. Wie schalten Sie ab?

Christen: Am besten gelingt es mir sicher beim Tennis. Da muss ich mich jeweils derart aufs Spielen konzentrieren und anstrengen, dass ich weder Zeit noch Kraft zum Nachdenken habe…

Im Herbst letzten Jahres wurden Sie erstmals Vater. Schauen Sie heute anders auf das Leben als früher?

Christen: Ja, die Schwerpunkte verschieben sich natürlich schon. Im Zusammenhang mit dem Glück mit kleinen Kindern existieren ja enorm viele Klischees. Ich will diese jetzt nicht bedienen. Aber ich kann sagen, dass sie tatsächlich zutreffen.

Interview: Mark Balsiger

Foto Thomas Christen: SP Schweiz

Ergänzend: Das ganzseitige Interview mit Thomas Christen in der “Aargauer Zeitung” vom 23. Januar 2012:

“Harte Abbauvorlagen scheitern” – Thomas Christen (PDF)

 

Gratis-Toto zu den Bundesratswahlen 2011

Bundesratswahlen sind so spannend wie Fussballspiele. Dem tragen wir Rechnung. Nachdem wir bislang jeweils teamintern einen Wettbewerb zusammenstellten, machen wir dieses Mal das Toto zu den Bundesratswahlen öffentlich. Sie können mitmachen.

Die Teilnahme ist gratis. Meine Agentur spendet pro Totozettel, der eingeht, 5 Franken. Der Gewinner oder die Gewinnerin erhält 50 Prozent der Gesamtsumme. Die anderen 50 Prozent gehen an Médecins sans Frontières.

Den Toto-Zettel zum Herunterladen und Ausfüllen gibt es in zwei verschiedenen Formaten:

Toto Bundesratswahlen 2011 (PDF)

Toto Bundesratswahlen 2011 (Word)

Bei den Gesamterneuerungswahlen vom 14. Dezember stehen sechs Szenarien im Vordergrund. Zwei oder drei werden als “heiss” oder als ziemlich realistisch gehandelt, die anderen haben deutlich weniger Chancen.

Dieselbe Darstellung als PDF zum Ausdrucken:

Bundesratswahlen 2011: Die Szenarien (PDF)

Nachtrag vom Donnerstag, 15. Dezember 2011: Inzwischen haben wir die Tottoscheine ausgewertet. Hier sind die Resultate und natürlich auch die Erstplatzierten zu finden.

Richtig wählen am Sonntag

Was für ein Wechsel: Noch vor drei Stunden sass ich am Vierwaldstättersee an der Sonne, herrlich entspannt und mit einem üppigen Brunch auf dem Tisch. Inzwischen bin ich in der Fernsehfabrik Leutschenbach eingetroffen. Hunderte von Menschen wuseln hier herum, Medienschaffende, Politisierende, Kameramänner, Generalsekretäre, Make-up-Artists und Security-Leute. Letztere wuseln nicht, sondern gucken seriös und in die Taschen.

Nie zuvor waren mehr Medienschaffende und Techniker an einem Wahltag im Einsatz; “Entscheidung 11” – diese Kiste ist gigantisch. Die nächsten Stunden schaue ich mir dieses Spektakel hinter den Kulissen an, bloggen werde ich wohl kaum.


Ein paar Links und Tipps:

– Wer auf Twitter ist, kann sich mit dem Hashtag #ew11 (oder #ew2011) informieren. Mein Profil finden Sie hier.

– Wer schnell das Wichtigste online erfahren möchte, dürfte auf dem Online-Portal von SRF – “Entscheidung 11” – schnell einen Überblick gewinnen.

– Wer jetzt lieber durch das Herbstlaub spaziert und keine Endlos-Schlaufen hören und vor allem sehen möchte, empfehle ich die DRS3-Sendung “Input”, am Abend von 20 bis 21 Uhr. Zu Gast ist Politikwissenschaftler Lukas Golder. Seit vielen Jahren strecken wir beide die Köpfe regelmässig zusammen. Ich kenne in der deutschen Schweiz niemanden, der die Politik so anschaulich und verständlich erklären kann wie er. Mit ihm kann man in einer Stunde die grossen Linien und Ereignisse erfahren.

– Wer eine Overdose erwischt hat oder nur schnell etwas ganz anderes, das dennoch nahe am Thema klebt, sehen möchte, empfehle ich Mani Matter:

http://www.youtube.com/watch?v=IFs87YwAXJQ&feature=youtu.b

Richtig wählen ist in der Schweiz eine Herausforderung. Das gilt nun auch für die Wahl bzw. das Zusammenstellen des Medienmenüs.

 

Mark Balsiger

Die Faktoren für Wahlerfolg von Parteien

Demoskopen und Politologinnen sind in einem ständigen Wechselbad: Entweder sie kriegen verbal Prügel oder ihre Studien, Umfragen und Prognosen werden von den Primärakteure im Brustton der Überzeugung zitiert.

Die meisten Medien wiederum sind schon vor Jahren dazu übergegangen, im Vorfeld der Wahltermine die Wackelsitze zu benennen oder sogar den Ausgang vorwegzunehmen. Die “Berner Zeitung” von gestern zeigt das exemplarisch. Die bereits Abgewählten können sich bedanken, die frühzeitig Erkorenen auch. (Ersteren hilft die Nennung für eine Schlussmobilisierung, Zweiteren schadet der medial verliehene Glanz.)

Als Service für die Leserinnen und Leser dieses Blogs stellte ich die Ergebnisse des Nationalratswahlen 2007 sowie die Momentaufnahmen der zuverlässigsten Umfragen (Isopublic sowie das 7. SRG-Wahlbarometer von gfs.bern) und der SRF-Wahlbörse zusammen:


Quellen: bfs, SonntagsBlick, srf, zoonpoliticon.ch; alle Angaben ohne Gewähr

Und gleich nochmals dieselbe Darstellung in einer grösseren PDF-Datei zum Ausdrucken:

Nationalratswahlen: Ergebnisse 2007, Umfragewerte und Prognosen 2011 (PDF)

Umfrageinstitute arbeiten mit Samples, die in der Regel zwischen 600 und 1200 Befragte umfassen. Wahlbörsen basieren auf dem fiktiven Handel von Aktien; im Fall der SRF-Wahlbörse sind ein paar Hundert Händlerinnen und Händler am Werk.

Was mich mehr interessiert, ist eine systematische Einordnung der wichtigsten Faktoren, die für die Parteien zum Wahlerfolg führen. Mein erster Vorschlag unterscheidet drei verschiedene Kategorien:


A-Faktoren:

– Image der Partei
– Schlüsselfiguren (Bekanntheitsgrad, Glaubwürdigkeit, Kompetenz, Popularität)
– Themenkonjunktur
– Themenführerschaft
– Medienpräsenz


B-Faktoren:

– Strategie
– Geld
– Anzahl Parteimitglieder und Sympathisanten


C-Faktoren:

– Wahlkampagne
– Unterstützung durch Organisationen
– Mobilisierungsfähigkeit
– Auswirkung von Meinungsumfragen
– Auswirkungen der kantonalen Wahlen im selben Jahr (v.a. Kanton Zürich)

Die A-Faktoren erachte ich als zentral, die B- und C-Faktoren hingegen sind etwas weniger wichtig. Der Versuch, ein Modell zu erarbeiten, steht damit erst am Anfang. Nun hoffe ich auf Inputs – hier und im realen Leben. Was meinen die jungen und engagierten Bloggenden, was der grosse Meister des Fachs?

Meine Prognose werde ich am Samstag hier publizieren.

Mark Balsiger

Grafik: border-crossing/wahlkampfblog

Von kleinen Geistesblitzen, Schlachtrufen und bravem Wortgeklingel im Wahlmaterial

GAST-BEITRAG von Daniel Goldstein *

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Wahlkampf ists, die Fetzen fliegen. Das könnte man meinen, aber in den offiziellen Flugblättern, welche die Parteien dem Wahlmaterial beilegen durften, sind die Fetzen rar: Da zeigen sich fast alle Formationen von der manierlichen Seite, und von den grösseren tun es ausnahmslos alle – auch diejenige, die sonst für rauere Sitten bekannt ist. Den Plakatmann fürs Grobe hat jedenfalls die Berner SVP für ihre amtlich beigelegten vier Seiten A 4 nicht beigezogen. Sie gibt sich dort so wortkarg, dass unter der Sprachlupe rein gar nichts auffällt.

Wer Kämpferisches sucht, muss den Blick schon auf die Ränder des politischen Spektrums richten, trifft dort aber auf ein wohlbekanntes Feindbild. Links aussen ist die Europäische Union «imperialistisch» (PdA), rechts drüben ein «antidemokratisches Bürger-Bevormundungs-Projekt» (SD). Links wird der eigene Staat ebenfalls zum Buhmann, so als «Schnüffelstaat» mit «Sozialbürokratie» bei den Grün-Alternativen.

Kuscheln und schleppen

Etwas mildere Schimpfworte ringen sich auch einzelne Traditionsparteien ab: Die CVP prangert, eher am alten als am neuen Testament orientiert, die «Kuscheljustiz» an. Die Akademikerpartei par excellence, die FDP, zieht gegen die «Verakademisierung von Berufen wie der Pflege» ins Feld; ihre Jungspunde wollen zudem «Jazzmusiker und Kindergärtnerinnen» den akademischen Klauen entreissen, und sie haben «reaktionäre Kräfte» aufgespürt: die Befürworter der Buchpreisbindung. Immerhin gibts auch von einem kleinen freisinnigen Geistesblitz zu berichten: «Schlepper und schleppender Vollzug» plagen demnach die Asylpolitik. Die Alternative Linke glänzt mit acht Gründen, sie «NICHT» zu wählen. Und die Piratenpartei ist, zumal in der Schweiz, mit ihrem Schlachtruf kaum zu überbieten: «Wir wollen Meer» (und nicht etwa bloss freie Sicht darauf).

Breit gestreut sind Allerweltswörter wie «konstruktiv», «nachhaltig» oder «zukunftsorientiert»; Letzteres zusammen mit «visionär» wiederholt bei den Jusos. Bei der Mutterpartei brilliert eine Kandidatin mit höherer Mathematik: Hätte sie einen Wunsch frei, würde sie gleich sieben Sachen hineinpacken. Den «allerweltlichsten» Satz bringt die EDU zustande: «Wir wollen in den gesamten familienpolitischen Themen auf nationaler Ebene wegweisend und fördernd sein.»

Was ungesagt bleibt

Besondere Pflege, auch sprachlicher Art, lassen Ständeratskandidaten dem eigenen Kanton angedeihen, wie es sich für sie gehört. Jener der FDP will Bern als «schlagkräftige Hauptstadtregion auftreten» lassen; wem die Schläge gelten sollen, lässt er offen. Und sein Rivale von der BDP meint, der Kanton brauche «mehr denn je eine starke Vertretung auf Bundesebene», und lässt uns rätseln, warum das früher weniger nötig gewesen sein soll. Der knappe Platz sorgt aber dafür, dass insgesamt wenig Wortgeklingel untergekommen ist, und den meisten Flugblättern ist anzumerken, dass grosse Sorgfalt gewaltet hat. Wer die ganz grosse Fehlerlupe hervornimmt, wird aber zumindest bei den Listen 5, 6, 7, 11, 13, 16, 17 und 21 ein bisschen fündig.

Mehr Platz für Dubioses auch sprachlicher Art bieten natürlich die ausserhalb des amtlichen Couverts gestreuten Flugblätter – für jene, die es sich leisten können. Da staunt man etwa, dass ein Parlamentarier seine Arbeit nicht nur weiterführen will, sondern (jetzt?) auch «zielgerichtet» und «aktiv», und dass er sogar «Projekte plant», in denen er dann, so nehmen wir an, Tätigkeiten plant. Über die scheint ein Bild mehr zu sagen als die berühmten Tausend Worte: «Rudolf Joder Agrarfreihandel» ist darauf zu lesen, obwohl der Kandidat laut Begleittext dagegen ist. Seine SVP, aufs Aufdecken von «Geheimplänen» spezialisiert, scheint da selber einen zu hegen.

* Daniel Goldstein war viele Jahre lang Redaktor bei der Berner Traditionszeitung „Der Bund“ und ist auch bekannt für seinen eleganten Umgang mit der Sprache. Er arbeitet inzwischen als Schreibcoach und ist unter sprachlust.ch zu finden. Seit Frühjahr 2011 ergänzt Goldstein das Netzwerk von Border Crossing AG, die wiederum dem Betreiber des wahlkampfblogs gehört. Dieser Text erschien am letzten Freitag im “Bund”.

Mitten im Spinnennetz

Missen werden schon seit jeher vermessen. Das dürfte so lange bleiben, wie es Krönchen, Küsschen, Tränchen und “irgendetwas-mit-Moderation-Träumchen” gibt. Erst seit wenigen Jahren wird auch die Schweizer Politik vermessen. Die Smartspider von smartvote erfreuen sich in den Medien einer steigenden Popularität und sind seit 2003 ein fester Bestandteil der redaktionellen Aufarbeitung.

Knapp drei Wochen vor dem Wahltermin haben mehr als 80 Prozent aller Kandidatinnen und Kandidaten ihr Profil bei smartvote ausgefüllt. Das ist ein hoher Wert. Bei den Stimmberechtigten hingegen hapert es noch, keine 10 Prozent machten sich bislang die Mühe, mit 20 Minuten Aufwand herauszufinden, wo sie stehen. In einer absoluten Zahl sind es 448’000 Wahlempfehlungen, die bislang ausgestellt wurden.

Ich beantwortete gestern Nacht die Fragen und war gespannt auf meinen Smartspider. Et voilà:


Die schwach ausgeprägten Ausschläge bei gesellschaftpolitischen Fragen, der Wirtschaftspolitik sowie Law & Order überraschen mich. Insgesamt gehöre ich aber weiterhin zum “Morast der Mitte”, eine Wortschöpfung, die ein Parteipräsident Ende der Neunzigerjahre lancierte. Abweichungen zu meinem Spinnennetz vor vier Jahren gibt es durchaus (kleine Grafik unten). Allerdings machen in der Regel bloss eine oder zwei Fragen und deren Gewichtung bereits den Unterschied aus.

Die nächsten Überraschungen: Die höchste Übereinstimmung erreiche ich mit der Gruppierung parteifrei.ch. Die sechs Kandidierenden, die meinen Positionen am nächsten kommen, stammen von fünf verschiedenen Parteien bzw. Listen. Das zeigt auf, dass die Parteien alles andere als homogen sind – und dass ich tatsächlich in der Mitte sitze. Noch bleibt mir Zeit, mit diesen Dilemmata umzugehen und pragmatische Schlüsse zu ziehen.

Zentrales Anliegen dieses Postings ist es, wie schon 2007 für Transparenz in Bezug auf meine Positionen zu sorgen. In einem aufgeheizten und gereizten Klima scheint mir das erst recht angezeigt zu sein.

Smartvote stand in den letzten Monaten vermehrt in der Kritik – von Medien und Parteien. Es ist gut, dass die Macherinnen und Macher auch mit einem Blog darauf reagieren. Ihnen anzukreiden, dass die Politik primär vermessen statt diskutiert wird, ist nicht fair. Die Vermessung von Parteien und Politisierenden sollte vielmehr den Impuls geben, wieder vertieft über Politik nachzudenken und zu diskutieren. (Ein frommer Wunsch, ich weiss.)

Was abschliessend und in aller Deutlichkeit erklärt werden muss: Smartvote ist ein Erfolgsfaktor im Wahlkampf. Eine Studie, die ich mit 1432 Personen, die für den Nationalrat kandidiert hatten, machte, zeigt: Wer bei Smartvote ein Profil erstellt hatte, holte mehr Stimmen.