Richtig wählen am Sonntag

Was für ein Wechsel: Noch vor drei Stunden sass ich am Vierwaldstättersee an der Sonne, herrlich entspannt und mit einem üppigen Brunch auf dem Tisch. Inzwischen bin ich in der Fernsehfabrik Leutschenbach eingetroffen. Hunderte von Menschen wuseln hier herum, Medienschaffende, Politisierende, Kameramänner, Generalsekretäre, Make-up-Artists und Security-Leute. Letztere wuseln nicht, sondern gucken seriös und in die Taschen.

Nie zuvor waren mehr Medienschaffende und Techniker an einem Wahltag im Einsatz; “Entscheidung 11” – diese Kiste ist gigantisch. Die nächsten Stunden schaue ich mir dieses Spektakel hinter den Kulissen an, bloggen werde ich wohl kaum.


Ein paar Links und Tipps:

– Wer auf Twitter ist, kann sich mit dem Hashtag #ew11 (oder #ew2011) informieren. Mein Profil finden Sie hier.

– Wer schnell das Wichtigste online erfahren möchte, dürfte auf dem Online-Portal von SRF – “Entscheidung 11” – schnell einen Überblick gewinnen.

– Wer jetzt lieber durch das Herbstlaub spaziert und keine Endlos-Schlaufen hören und vor allem sehen möchte, empfehle ich die DRS3-Sendung “Input”, am Abend von 20 bis 21 Uhr. Zu Gast ist Politikwissenschaftler Lukas Golder. Seit vielen Jahren strecken wir beide die Köpfe regelmässig zusammen. Ich kenne in der deutschen Schweiz niemanden, der die Politik so anschaulich und verständlich erklären kann wie er. Mit ihm kann man in einer Stunde die grossen Linien und Ereignisse erfahren.

– Wer eine Overdose erwischt hat oder nur schnell etwas ganz anderes, das dennoch nahe am Thema klebt, sehen möchte, empfehle ich Mani Matter:

http://www.youtube.com/watch?v=IFs87YwAXJQ&feature=youtu.b

Richtig wählen ist in der Schweiz eine Herausforderung. Das gilt nun auch für die Wahl bzw. das Zusammenstellen des Medienmenüs.

 

Mark Balsiger

Wahlresultate in der Kristallkugel

Demoskopen stützen sich auf ihre Umfragen, Wahlbörsianer auf den Aktienwert, Kaffeesatzleser auf ihre Erfahrung und Intuition. Ich skizzierte hier vor ein paar Tagen die Faktoren, die für den Wahlerfolg von Parteien relevant sind. Geprüft ist dieses Modell noch nicht, die Zeit fehlt.

Deshalb werfe ich für die Nationalratswahlen von morgen bloss einen gelassenen Blick in die Kristallkugel – notabene nur wenige Kilometer vom Rütli entfernt.

  – SVP   30.2%  (Resultat 2007: 28.9%)
  – FDP   14.8%   (17.7; damals inkl. Liberalen)
  – BDP     4.0%   (—, Gründung 2008)
 – CVP   14,3%   (14.5)
↗  – GLP     5.5%   (1.4)
 – Grüne  9.2%   (9.8)
 – SP      20.0%  (19.5)

Die Gewinner sind gemäss dieser Prognose also klar BDP und GLP, während CVP und SP nicht vom Fleck kommen. Immerhin erreichen die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten wieder die 20-Prozent-Marke. Die SVP überschreitet die 30-Prozent-Schallgrenze, was psychologisch wichtig ist, die Grünen verlieren leicht, die FDP massiv.

Meine Prognose weicht von den Umfragen (Momentaufnahmen) und Aktienkursen nur bei der SVP ab.

Foto: neuropol.com

Materialschlachten statt Debatten

Der Wahlkampf sei „stinklangweilig“, befand „Weltwoche“-Chef Roger Köppel unlängst. Die Speerspitze der Schweizer Publizistik kam mehrheitlich zum selben Schluss und einigte sich auf das Adjektiv „fad“. Ein unvollständiger und kritischer Rückblick auf den Wahlkampf 2011, der bereits am 12. Dezember 2007 begonnen hatte.

In den letzten vier Wochen tobte eine Materialschlacht, wie wir sie in einem Wahljahr noch nie erlebt hatten. Plakatschlachten, Inserateschlachten, Leserbriefschlachten, vollgestopfte Briefkästen, E-Mails à gogo, zugemüllte Timelines auf Facebook und Twitter. Und viele, viele Ausrufezeichen.

Was ist davon haften geblieben? Was hat zur Meinungsbildung, zur Mobilisierung und schliesslich zum Wahlentscheid für Partei X oder Kandidat Y geführt?

Die handwerkliche Qualität der Werbemittel, Medien und Give-Aways liess in vielen Fällen zu wünschen übrig, teilweise war sie schlicht peinlich. Da wurden Millionen verpulvert, ohne auch nur die geringste Wirkung erzielt zu haben.

Die Rekordzahl von Kandidaturen (rund 3500) und Listen (mehr als 300) führte zu einer weiteren Verwässerung des Wahlkampfes. Nicht einmal die grossen Themen wurden vertieft diskutiert, es ist eine zunehmende Entpolitisierung festzustellen, die Berichterstattung verzottelt, Analysen und Einordnungen kriegen weniger Platz.

Die nationalen Parteien machten grundsätzlich einen guten Job. In den Generalsekretariaten ist viel Know-how vorhanden, so früh wie noch nie begannen sie mit den Vorbereitungen. Aber mit 12 bis 20 Vollzeitstellen sind ihre Möglichkeiten stark limitiert. Der Verlust bei der Weitervermittlung auf die Ebenen der Kantonal- und Ortsparteien und Kandidierenden war gross. Der Föderalismus, das Milizprinzip und die bescheidenen Ressourcen verunmöglichen stringente und druckvolle Kampagnen.

Erstmals wurde augenfällig, dass die Basis der etablierten Parteien erodiert. Sie haben in den letzten 15 Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel ihrer Mitglieder verloren. An allen Ecken und Enden fehlen die Leute, die Flugblätter verteilen, Unterschriften sammeln, Geld spenden und ihr eigenes Umfeld mobilisieren.

Plusminus einen Prozentpunkt hier, Plusminus zwei Sitze dort – darum geht es am 23. Oktober. Wirklich wichtig ist das nicht. Es geht definitiv nicht um Richtungswahlen, wie uns das einige Akteure immer wieder suggerierten. Der Wahlausgang am Sonntag ändert kaum etwas und wirkliche Kämpfernaturen sind wir Schweizerinnen und Schweizer in den Jahrzehnten des zunehmenden Wohlstands auch nicht geworden.

Die Agenda des Wahljahres 2011 wurde von zwei eigentlichen Mega-Ereignissen geprägt: Zuerst vom Super-Gau in Japan, später von der Dollar- und Euroschwäche, die mit ihren direkten Auswirkungen über Jahren hinweg ein dominierendes Problem bleiben werden. Fukushima und die Frankenstärke haben die Strategien und Wahlkampagnen der Schweizer Parteien über Nacht davongeschwemmt. Welle um Welle rollte mit brachialer Kraft heran, so dass die Reaktionen mit Sandsäcken und Rettungsbootli hilflos wirkten.

Der Wahlkampf 2011 hat bereits am 12. Dezember 2007 begonnen, am Tag als Eveline Widmer-Schlumpf anstelle von Christoph Blocher in den Bundesrat gewählt wurde – eine Landmarke in der Schweizer Politik. Mit der Abwahl ihrer messianisch verehrten Leaderfigur radikalisierte sich die SVP weiter, was im Sommer 2008 zur Gründung der BDP führte. Diese Konstellation legte die Basis für den permanenten Wahlkampf, mit dem sich die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer schwer tut.

Der permanente Wahlkampf hat zur Folge, dass die nationalen Parteien ausgepowert sind, sie konnten in den letzten Monaten nicht mehr nachlegen. Diesen Part übernahmen die Onlinemedien, die in den letzten Jahren kräftig an Reichweite zulegten und in hoher Kadenz fast jeden Winkelzug und jede Aktion aufgreifen. Die Instant-Berichterstattung über den Wahlkampf ist deutlich gestiegen.

Mark Balsiger

Fotos:
– Schafherde: die deutschen bauern
– SVP-1.-August-Werbung: Mark Balsiger
– SP-Hund: via Facebook/Evi Allemann
– Wahlmaterial: keystone

 

 

Die Faktoren für Wahlerfolg von Parteien

Demoskopen und Politologinnen sind in einem ständigen Wechselbad: Entweder sie kriegen verbal Prügel oder ihre Studien, Umfragen und Prognosen werden von den Primärakteure im Brustton der Überzeugung zitiert.

Die meisten Medien wiederum sind schon vor Jahren dazu übergegangen, im Vorfeld der Wahltermine die Wackelsitze zu benennen oder sogar den Ausgang vorwegzunehmen. Die “Berner Zeitung” von gestern zeigt das exemplarisch. Die bereits Abgewählten können sich bedanken, die frühzeitig Erkorenen auch. (Ersteren hilft die Nennung für eine Schlussmobilisierung, Zweiteren schadet der medial verliehene Glanz.)

Als Service für die Leserinnen und Leser dieses Blogs stellte ich die Ergebnisse des Nationalratswahlen 2007 sowie die Momentaufnahmen der zuverlässigsten Umfragen (Isopublic sowie das 7. SRG-Wahlbarometer von gfs.bern) und der SRF-Wahlbörse zusammen:


Quellen: bfs, SonntagsBlick, srf, zoonpoliticon.ch; alle Angaben ohne Gewähr

Und gleich nochmals dieselbe Darstellung in einer grösseren PDF-Datei zum Ausdrucken:

Nationalratswahlen: Ergebnisse 2007, Umfragewerte und Prognosen 2011 (PDF)

Umfrageinstitute arbeiten mit Samples, die in der Regel zwischen 600 und 1200 Befragte umfassen. Wahlbörsen basieren auf dem fiktiven Handel von Aktien; im Fall der SRF-Wahlbörse sind ein paar Hundert Händlerinnen und Händler am Werk.

Was mich mehr interessiert, ist eine systematische Einordnung der wichtigsten Faktoren, die für die Parteien zum Wahlerfolg führen. Mein erster Vorschlag unterscheidet drei verschiedene Kategorien:


A-Faktoren:

– Image der Partei
– Schlüsselfiguren (Bekanntheitsgrad, Glaubwürdigkeit, Kompetenz, Popularität)
– Themenkonjunktur
– Themenführerschaft
– Medienpräsenz


B-Faktoren:

– Strategie
– Geld
– Anzahl Parteimitglieder und Sympathisanten


C-Faktoren:

– Wahlkampagne
– Unterstützung durch Organisationen
– Mobilisierungsfähigkeit
– Auswirkung von Meinungsumfragen
– Auswirkungen der kantonalen Wahlen im selben Jahr (v.a. Kanton Zürich)

Die A-Faktoren erachte ich als zentral, die B- und C-Faktoren hingegen sind etwas weniger wichtig. Der Versuch, ein Modell zu erarbeiten, steht damit erst am Anfang. Nun hoffe ich auf Inputs – hier und im realen Leben. Was meinen die jungen und engagierten Bloggenden, was der grosse Meister des Fachs?

Meine Prognose werde ich am Samstag hier publizieren.

Mark Balsiger

Grafik: border-crossing/wahlkampfblog

Von kleinen Geistesblitzen, Schlachtrufen und bravem Wortgeklingel im Wahlmaterial

GAST-BEITRAG von Daniel Goldstein *

Diesen Text herunterladen (PDF)

Wahlkampf ists, die Fetzen fliegen. Das könnte man meinen, aber in den offiziellen Flugblättern, welche die Parteien dem Wahlmaterial beilegen durften, sind die Fetzen rar: Da zeigen sich fast alle Formationen von der manierlichen Seite, und von den grösseren tun es ausnahmslos alle – auch diejenige, die sonst für rauere Sitten bekannt ist. Den Plakatmann fürs Grobe hat jedenfalls die Berner SVP für ihre amtlich beigelegten vier Seiten A 4 nicht beigezogen. Sie gibt sich dort so wortkarg, dass unter der Sprachlupe rein gar nichts auffällt.

Wer Kämpferisches sucht, muss den Blick schon auf die Ränder des politischen Spektrums richten, trifft dort aber auf ein wohlbekanntes Feindbild. Links aussen ist die Europäische Union «imperialistisch» (PdA), rechts drüben ein «antidemokratisches Bürger-Bevormundungs-Projekt» (SD). Links wird der eigene Staat ebenfalls zum Buhmann, so als «Schnüffelstaat» mit «Sozialbürokratie» bei den Grün-Alternativen.

Kuscheln und schleppen

Etwas mildere Schimpfworte ringen sich auch einzelne Traditionsparteien ab: Die CVP prangert, eher am alten als am neuen Testament orientiert, die «Kuscheljustiz» an. Die Akademikerpartei par excellence, die FDP, zieht gegen die «Verakademisierung von Berufen wie der Pflege» ins Feld; ihre Jungspunde wollen zudem «Jazzmusiker und Kindergärtnerinnen» den akademischen Klauen entreissen, und sie haben «reaktionäre Kräfte» aufgespürt: die Befürworter der Buchpreisbindung. Immerhin gibts auch von einem kleinen freisinnigen Geistesblitz zu berichten: «Schlepper und schleppender Vollzug» plagen demnach die Asylpolitik. Die Alternative Linke glänzt mit acht Gründen, sie «NICHT» zu wählen. Und die Piratenpartei ist, zumal in der Schweiz, mit ihrem Schlachtruf kaum zu überbieten: «Wir wollen Meer» (und nicht etwa bloss freie Sicht darauf).

Breit gestreut sind Allerweltswörter wie «konstruktiv», «nachhaltig» oder «zukunftsorientiert»; Letzteres zusammen mit «visionär» wiederholt bei den Jusos. Bei der Mutterpartei brilliert eine Kandidatin mit höherer Mathematik: Hätte sie einen Wunsch frei, würde sie gleich sieben Sachen hineinpacken. Den «allerweltlichsten» Satz bringt die EDU zustande: «Wir wollen in den gesamten familienpolitischen Themen auf nationaler Ebene wegweisend und fördernd sein.»

Was ungesagt bleibt

Besondere Pflege, auch sprachlicher Art, lassen Ständeratskandidaten dem eigenen Kanton angedeihen, wie es sich für sie gehört. Jener der FDP will Bern als «schlagkräftige Hauptstadtregion auftreten» lassen; wem die Schläge gelten sollen, lässt er offen. Und sein Rivale von der BDP meint, der Kanton brauche «mehr denn je eine starke Vertretung auf Bundesebene», und lässt uns rätseln, warum das früher weniger nötig gewesen sein soll. Der knappe Platz sorgt aber dafür, dass insgesamt wenig Wortgeklingel untergekommen ist, und den meisten Flugblättern ist anzumerken, dass grosse Sorgfalt gewaltet hat. Wer die ganz grosse Fehlerlupe hervornimmt, wird aber zumindest bei den Listen 5, 6, 7, 11, 13, 16, 17 und 21 ein bisschen fündig.

Mehr Platz für Dubioses auch sprachlicher Art bieten natürlich die ausserhalb des amtlichen Couverts gestreuten Flugblätter – für jene, die es sich leisten können. Da staunt man etwa, dass ein Parlamentarier seine Arbeit nicht nur weiterführen will, sondern (jetzt?) auch «zielgerichtet» und «aktiv», und dass er sogar «Projekte plant», in denen er dann, so nehmen wir an, Tätigkeiten plant. Über die scheint ein Bild mehr zu sagen als die berühmten Tausend Worte: «Rudolf Joder Agrarfreihandel» ist darauf zu lesen, obwohl der Kandidat laut Begleittext dagegen ist. Seine SVP, aufs Aufdecken von «Geheimplänen» spezialisiert, scheint da selber einen zu hegen.

* Daniel Goldstein war viele Jahre lang Redaktor bei der Berner Traditionszeitung „Der Bund“ und ist auch bekannt für seinen eleganten Umgang mit der Sprache. Er arbeitet inzwischen als Schreibcoach und ist unter sprachlust.ch zu finden. Seit Frühjahr 2011 ergänzt Goldstein das Netzwerk von Border Crossing AG, die wiederum dem Betreiber des wahlkampfblogs gehört. Dieser Text erschien am letzten Freitag im “Bund”.

Weshalb Urs Gasche, Regula Rytz und Alexander Tschäppät bereits gewählt sind

Weshalb werden die einen Kandidierenden gewählt, während andere auf der Strecke bleiben? Diese Frage treibt Politisierende, Medienschaffende, Wissenschaftlerinnen und Kafisatzleser um. Das 26-Erfolgsfaktoren-Modell, das ich 2006 entwickelte und im letzten Jahr verfeinerte, schlüsselt auf, was es für den Sprung ins eidgenössische Parlament braucht. (Das Modell wird am Ende dieses Postings als PDF aufgeführt.) Drei Beispiele aus dem Kanton Bern, die gleichsam als Prognosen zu verstehen sind.

Ausgangslage: Im Kanton Bern stehen 26 Nationalratssitze zur Verfügung. Auf Ende dieser Legislatur gibt es drei ordentliche Rücktritte zu vermelden, und zwar von Therese Frösch (Grüne), Simon Schenk (svp) und Pierre Triponez (fdp). Mit Sicherheit wird ein vierter Sitz frei: Ricardo Lumengo (ex-sp) kann sein Mandat mit der neuen Sozial-Liberalen Bewegung nicht verteidigen. Dafür müsste diese approx. 3,8 Wählerprozente erringen – ein hoffnungsloses Unterfangen.

Nebenbei: In der Berner Deputation gibt es mehrere Wackelsitze – bei der FDP, der SP und der SVP.

Urs Gasche hat die klassische Ochsentour hinter sich; sie begann 1986 als Sekretär der SVP-Sektion Fraubrunnen. Weitherum bekannt wurde er als Regierungsrat des Kantons Bern, dem er von 2001 bis 2010 angehörte. In diesem Gremium war er eine zentrale Figur, seine Stimme wurde gehört und hatte Gewicht. In seiner Funktion als Finanzdirektor und mit der mächtigsten Partei im Rücken kam niemand um Gasche herum.

Der Jurist wirkte als Regierungsrat geerdet, ruhig und souverän. Er schien stets eine gesunde Distanz zur Poltik und zu seiner Machtfülle zu haben; wichtig nahm er sich nicht. Das mag mit einem Schicksalsschlag zu tun haben, der sein Leben prägte. Mitte der Neunzigerjahre verstarb seine Gattin, mit seiner zweiten Frau hat er zwei Kinder, die derzeit im Primarschulalter sind. Der Verlust eines geliebten Menschen führt schmerzhaft vor Augen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Eigene Kinder machen pragmatisch und geben Bodenhaftung.

Urs Gasche (56) gehörte im Sommer 2008 zu den Gründungsmitgliedern der BDP. Als er ein Jahr später bekanntgab, auf Ende der Legislatur (Frühjahr 2010) aus dem Regierungsrat zurückzutreten, hätte ich gewettet, dass er sich dann auch komplett aus der Politik verabschiedet. Dass er nun für den Nationalrat kandidiert, dürfte an seinem Pflichtbewusstsein gegenüber seiner neuen Partei liegen. Sie braucht gerade in der jetzigen Phase gute und erfahrene Leute, will sie nicht schon bald wieder von der Bildfläche verschwinden.

Als kantonsweit bekannte und geschätzte Persönlichkeit kann Gasche dem Wahltag gelassen entgegenblicken. Seine Rolle als Verwaltungsratspräsident des Stromkonzerns und AKW-Mühleberg-Betreiber BKW dürfte ihm nur geringfügig schaden. Die BDP wird am 23. Oktober nicht nur die Sitze der beiden Überwechsler Ursula Haller und Hans Grunder bestätigen können, sondern noch einen, womöglich sogar zwei weitere Nationalratssitze ergattern. Gasche wird gewählt. Verzichtet die BDP auf eine Fraktionsgemeinschaft mit der CVP, kann er zur zentralen Figur werden.

Regula Rytz gehörte 1987 zu den Gründungsmitgliedern des Grünen Bündnisses (GB). In den ersten Jahren erlernte sie das politische Handwerk im Parteisekretariat und als Beraterin der damaligen Stadtberner Finanzdirektorin Therese Frösch. Von 1995 bis 2005 war sie Grossrätin, wo sie sich den Ruf einer dossiersicheren, eloquenten und klugen Politikerin erarbeitete, die auch von politischen Gegnern respektiert wurde.

Im Herbst 2004 wurde Rytz mit einem hauchdünnen Vorsprung auf Alec von Graffenried (GFL) in die Exekutive der Stadt Bern gewählt – als Nachfolgerin von Therese Frösch, für die sie ja zuvor im Hintergrund gearbeitet hatte. Den Wechsel vom kantonalen Parlament in die städtische Regierung schaffte die zierliche Frau mit Bravour. Sie ist enorm fleissig, überlegt und stets voller Energie. Und sie verfügt über Qualitäten, die man bei anderen Politikern vergeblich sucht: So hat sie einen weiten Horizont, ein echtes Interesse an den Mitmenschen und sie kann zuhören, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Während vereinzelte Parteikolleginnen stur, mit gesenktem Blick und schriller Stimme die Welt täglich verbessern wollen, setzt Regula Rytz (49) auf die Kraft des Dialogs, auf Konsens und Charme. Auf diese Weise erreicht sie bis am Ende des Tages etwas. Sie will gestalten, tut das mit Engagement, Herzblut, Pragmatismus, viel Lust und mit einem gesunden Machtbewusstsein, ohne aber eitel zu sein.

Die Konstellation für den Sprung in den Nationalrat ist ideal: Therese Frösch tritt zurück, Regula Rytz wird ihren Sitz erben. Sie kann auf eine grosse Hausmacht in den rot-grün dominierten Städten Bern und Biel zählen. Im Grossraum Thun, wo sie aufgewachsen war, betreibt sie seit Monaten einen intensiven Wahlkampf. Derart unbestritten, beliebt und gut getragen, ist ihr die Wahl nicht zu nehmen. Für die grüne Fraktion ist Rytz ein Glücksfall: Endlich jemand, der neben Bastien Girod (ZH) und Antonio Hodgers (GE) auch wirklich etwas von Verkehrs- und Energiepolitik versteht, gleichzeitig aber weiss, wie man über Parteigrenzen hinweg zusammenarbeitet, ohne die politischen Gegner kopfscheu zu machen.

Alexander Tschäppät ist seit 1980 in der Politik. Er kann nicht ohne sein, der bunte Hund, der nie um einen Spruch verlegen ist, und zumindestens in der Stadt Bern gibt es vermutlich niemanden, der keine Meinung über den Stadtpräsidenten hätte. Kritisiert wird der Stapi beispielsweise, wenn er Testosteron und Pheromone Polka tanzen lässt oder die gut geölte Zunge sich verselbstständigt.

Solche Ausrutscher machen Tschäppät natürlich angreifbar, sie zeigen ihn allerdings auch von einer Seite, die Zehntausende von Männern auch immer mal wieder ausleben. Aber Tschäppät ist ein schweizweit bekannter Politiker, der wissen müsste, dass es für ihn ausserhalb seiner eigenen vier Wände keine Privatsphäre gibt. Diese Schwäche rückt zuweilen in den Hintergrund, dass er ein ausgesprochen gewiefter Taktiker, herausragender Debattierer und gescheiter Politiker ist. Sein politischer Instinkt ist unerreicht, genauso wie seine Begabung als Verkäufer.

Das Comeback von Alexander Tschäppät (59) nach acht Jahren Pause ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Wegen der Abwahl Lumengos gibt es auf der Männerliste der SP Platz – der dritte Sitz gehört Tschäppät. Mit seinem Bekanntheitsgrad ist ihm die Wahl nicht zu nehmen, er dürfte sogar den Bisherigen Corrado Pardini hinter sich lassen. In der Phase von 1991 bis 2003 gehörte Tschäppät in der SP-Bundeshausfraktion zu den tonangebenden Mitgliedern. Offen ist, ob er das noch ein zweites Mal schafft und wie sich das 60-Prozent-Pensum als Nationalrat mit einem 100-Prozent-Pensum als Stadtpräsident verträgt.

Urs Gasche (bdp), Regula Rytz (grüne) und Alexander Tschäppät (sp) – alle drei sind seit vielen Jahren stetig präsent in den Medien, sie sind im ganzen Kanton bekannt und gut vernetzt. Sie bringen es gemäss meinem Modell auf 20 bis 23 Erfolgsfaktoren. Alle drei werden sie am 23. Oktober locker in den Nationalrat gewählt. Wetten nehme ich ab sofort entgegen.

Mark Balsiger

Das 26-Erfolgsfaktoren-Modell zum Herunterladen (PDF)

Fotos:

– Urs Gasche: smartvote.ch
– Regula Rytz: Béatrice Devénes
– Alexander Tschäppät: bern.ch

Mitten im Spinnennetz

Missen werden schon seit jeher vermessen. Das dürfte so lange bleiben, wie es Krönchen, Küsschen, Tränchen und “irgendetwas-mit-Moderation-Träumchen” gibt. Erst seit wenigen Jahren wird auch die Schweizer Politik vermessen. Die Smartspider von smartvote erfreuen sich in den Medien einer steigenden Popularität und sind seit 2003 ein fester Bestandteil der redaktionellen Aufarbeitung.

Knapp drei Wochen vor dem Wahltermin haben mehr als 80 Prozent aller Kandidatinnen und Kandidaten ihr Profil bei smartvote ausgefüllt. Das ist ein hoher Wert. Bei den Stimmberechtigten hingegen hapert es noch, keine 10 Prozent machten sich bislang die Mühe, mit 20 Minuten Aufwand herauszufinden, wo sie stehen. In einer absoluten Zahl sind es 448’000 Wahlempfehlungen, die bislang ausgestellt wurden.

Ich beantwortete gestern Nacht die Fragen und war gespannt auf meinen Smartspider. Et voilà:


Die schwach ausgeprägten Ausschläge bei gesellschaftpolitischen Fragen, der Wirtschaftspolitik sowie Law & Order überraschen mich. Insgesamt gehöre ich aber weiterhin zum “Morast der Mitte”, eine Wortschöpfung, die ein Parteipräsident Ende der Neunzigerjahre lancierte. Abweichungen zu meinem Spinnennetz vor vier Jahren gibt es durchaus (kleine Grafik unten). Allerdings machen in der Regel bloss eine oder zwei Fragen und deren Gewichtung bereits den Unterschied aus.

Die nächsten Überraschungen: Die höchste Übereinstimmung erreiche ich mit der Gruppierung parteifrei.ch. Die sechs Kandidierenden, die meinen Positionen am nächsten kommen, stammen von fünf verschiedenen Parteien bzw. Listen. Das zeigt auf, dass die Parteien alles andere als homogen sind – und dass ich tatsächlich in der Mitte sitze. Noch bleibt mir Zeit, mit diesen Dilemmata umzugehen und pragmatische Schlüsse zu ziehen.

Zentrales Anliegen dieses Postings ist es, wie schon 2007 für Transparenz in Bezug auf meine Positionen zu sorgen. In einem aufgeheizten und gereizten Klima scheint mir das erst recht angezeigt zu sein.

Smartvote stand in den letzten Monaten vermehrt in der Kritik – von Medien und Parteien. Es ist gut, dass die Macherinnen und Macher auch mit einem Blog darauf reagieren. Ihnen anzukreiden, dass die Politik primär vermessen statt diskutiert wird, ist nicht fair. Die Vermessung von Parteien und Politisierenden sollte vielmehr den Impuls geben, wieder vertieft über Politik nachzudenken und zu diskutieren. (Ein frommer Wunsch, ich weiss.)

Was abschliessend und in aller Deutlichkeit erklärt werden muss: Smartvote ist ein Erfolgsfaktor im Wahlkampf. Eine Studie, die ich mit 1432 Personen, die für den Nationalrat kandidiert hatten, machte, zeigt: Wer bei Smartvote ein Profil erstellt hatte, holte mehr Stimmen.

Unabhängigkeit und Transparenz in der Glasbox und anderswo – eine Klarstellung

Dieser Tage bin ich regelmässig in der grossen SRF-Kiste “Treffpunkt Bundesplatz” involviert. Ich darf jeweils zwischen 14 und 15 Uhr auf DRS3 bzw. SF info eine Kurzbeurteilung über die Parteien und die Wahlkampfreden vornehmen. Dabei wurde für mich die Glasbox auf dem Bundesplatz unverhofft zum Glashaus. Diese Medienauftritte führten zu Fehlinterpretationen, die ich ausräumen will.

Seit ich Bücher über politische Kommunikation schreibe und dieses Blog hier betreibe, erhalte ich Medienanfragen. Im Herbst 2006 hat das angefangen und von Jahr zu Jahr wird die Nachfrage etwas grösser. Einmal werde ich gefragt, welche Rolle die Bundesräte für ihre Parteien spielen, ein anderes Mal darf ich analysieren, weshalb der Zürcher Regierungsrat Hans Hollenstein abgewählt wurde, ein drittes Mal kritisiere ich Videoclips.

Priorität haben solche Medienanfragen nicht, an erster Stelle kommen immer die Mandantinnen und Mandanten. Wenn ich es aber einrichten kann, nehme ich die Expertenrolle gerne wahr, was oft in Nachtarbeit mündet. Aber für Selbständige ist der Arbeitstag bekanntlich fast beliebig ausdehnbar.

Weshalb ich regelmässig Medienanfragen annehme:

– Jede Medienanfrage ist eine Herausforderung. Ich mag Herausforderungen
– Ich betrachte jede Medienanfrage als “persönliches Medientraining on the job”. So profitiere ich für eines der Standbeine meiner Agentur, weil ich regelmässig selber beübt werde
– Mich interessiert, wie Medienschaffende Themen angehen und aufbereiten, gerade auch weil ich an der Schweizer Journalistenschule ein kleines Pensum habe
– Ich verstehe mich als Dienstleister. Von 1989 bis 2000 war ich selber als Journalist tätig und weiss deshalb nur zu gut, wie schwierig es ist, unter Zeitdruck Protagonisten zu finden, die in ihrem Gebiet über ein solides Wissen verfügen und es auch auf den Punkt bringen können
– Hintergrundgespräche, die nicht zu Zitaten führen, sind für mich sehr bereichernd
– Regelmässige Medienauftritte erhöhen meinen Bekanntheitsgrad und können die Reputation stärken

Wer im Scheinwerferlicht der Medien steht, muss jederzeit mit Kritik, Verunglimpfungen, dumm-dürren Hypothesen, ja sogar mit Heckenschützen rechnen. Die beiden Stars der Polit-Expertenzunft können ein Lied davon singen: Meinungsforscher Claude Longchamp wurde nach der Anti-Minarett-Initiative durch den Kakao gezogen, Sozialgeograf Michael Hermann wiederum musste in den letzten Monaten Kritik für seine Vermessung der Politik einstecken.

Auf meine Medienauftritte bilde ich mir nichts ein, ich brauche sie nicht für das persönliche Wohlbefinden. Wenn meine Einschätzungen dem Publikum helfen, etwas zu verstehen, ist ein wichtiges Ziel erreicht. Darum geht es. Wenn die “Elfenbeintürmler” nicht bereit sind, komplexe Sachverhalte einfach zu erklären, bedauere ich das. Es liegt an ihnen, sich in der Disziplin der Instant-Analyse zu versuchen.

Der Einfluss der Experten wird grundsätzlich überschätzt. Ich zähle in dieser Gilde zur dritten Reihe, nehme die Aufgabe aber ernst. Gleichwohl beobachte ich mich in dieser Rolle mit einem Augenzwinkern. Das Lachen auf den Stockzähnen bleibt, und sollte ich es einmal verlieren, werde ich mich beruflich verändern.

Zentral ist für mich Unabhängigkeit. Ich gelte zwar als “animal politique”, habe aber den Anspruch, dass meine Einschätzungen nie parteiisch sind. Das habe ich womöglich nicht ganz immer geschafft. Ebenso zentral ist, dass ich nie zwei veschiedene Hüte gleichzeitig trage. Wo meine Kommunikationsfirma involviert ist, nehme ich keine Medienanfragen wahr. So ist es in den letzten fünf Jahren zu keinem einzigen Interessenkonflikt gekommen.

Nehmen wir als Beispiel “Treffpunkt Bundesplatz”. Von allen Kandidaten, die ich am Sender bespreche, bestand mit keinem jemals ein Mandatsverhältnis. Dasselbe gilt auch für ihre Konkurrentinnen und Konkurrenten. Verquickungen lehne ich ab; ich kann und will sie mir nicht leisten. In meinem Berufsverständnis sind Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Unabhängigkeit und Ethik sehr wichtig.

Die Beurteilung des Berner FDP-Nationalrats Christian Wasserfallen, der heute in der Glasbox seine Wahlkampfrede hält, hätte ich abgelehnt. Er absolvierte vor drei Jahren bei mir ein Medientraining, bei dem er sich auf sein Zusammentreffen mit Christoph Blocher in der “Arena” vorbereitet hatte.

Mark Balsiger

Foto Glasbox auf dem Bundesplatz: Thomas Hodel

Die Apokalypse aus dem grünen Thurgau

Vor zwei Wochen stellte ich hier mehrere Videoclips ins Netz. In einem “10vor10”-Beitrag und anderswo machte ich ein paar generelle Einschätzungen zu dieser Form von Wahlwerbung. Kommentiert – und reklamiert – wurde dann vor allem via Twitter, telefonisch und per E-Mail. Womöglich ein Indiz dafür, wie nervös die Parteien und Kandidierenden sind.

Der neuste Clip stammt von den Grünen aus dem Kanton Thurgau. Sie beauftragten zwei junge Regisseure, und was diese ablieferten, legt die Latte für künftige Produktionen hoch: Ein überzeugendes Drehbuch, technisch hochstehend, Dramaturgie, starke Bilder und viel Emotionen. Zuweilen erinnert er an Spielfilme, das Apokalyptische kann den Grünen indessen auch zum Vorwurf gemacht werden. Sie politisierten in ihren Anfängen mit Weltuntergangsrhetorik.

Aber schauen Sie selber:

Schon nach wenigen Tagen hat dieser Spot allein auf dem Videoportal Youtube mehr als 4’000 Klicks erreicht. Das ist etwa 20 Mal mehr als die Wahlkampfvideos in der Schweiz sonst im Durchschnitt angeschaut werden. Und wir können davon ausgehen, dass die Verbreitung nun rasant weitergeht.

Der kleine Film der FDP.Die Liberalen, der schon im Frühjahr produziert wurde, gefällt mir ebenfalls gut. Parteipräsident Fulvio Pelli zeigt sich von seiner sportlichen Seite, und das überzeugend. Und er führt mit seiner Stimme durch den Film. Das gibt ihm Glaubwürdigkeit.

Ob Videobotschaften und Videoclips zusätzliche Stimmen brächten, werde ich immer wieder gefragt. Ich antworte jeweils: Gute Clips werden viral verbreitet und oft auch massenmedial aufgegriffen. Das erzeugt Aufmerksamkeit. Und wer regelmässig die Aufmerksamkeit hat, kann an seinem Image arbeiten, das Profil schärfen und schliesslich auch zusätzliche Stimmen holen.

Micheline Calmy-Rey eint die SP-Fraktion

Taktieren, Ellbogen ausfahren, intrigieren, kämpfen und sich durchsetzen – das hat Micheline Calmy-Rey auf dem harten Genfer Pflaster gelernt, als sie noch Parteipräsidentin und später Regierungsrätin war. Mit ihrer Rücktrittsankündigung von eben schlug sie nochmals allen ein Schnippchen. Und sie zeigt ihrer eigenen Fraktion einen Ausweg aus dem Dilemma.

 

Es liegt auf der Hand, dass Micheline Calmy-Rey (Foto) auf Ende 2011 zurücktritt. So kann sie ihr Präsidialjahr ordentlich beenden und hat dannzumal genau neun Jahre in der Landesregierung hinter sich. Dass sie seit Monaten als “Primus inter pares” sehr gut unterwegs ist, wird kaum bestritten. Diese Wahrnehmung kontrastiert deutlich mit ihrem Standing in früheren Jahren, als sie immer mal wieder heftig angeschossen worden war. Calmy-Rey erwischt also einen guten Zeitpunkt für ihren Abschied aus der Politik.

Mit ihrer Rücktrittsankündigung schafft sie nun Klarheit, nachdem die Spekulationen schon seit Monaten ins Kraut geschossen waren. Zuerst verständigte sich die vereinigte Medienschar darauf, dass Calmy-Rey direkt nach den Sommerferien über ihre Absichten informieren würde. Als diese Phase vorüber war, bekam eine andere Option Oberwasser: “Rücktrittsankündigung kurz nach den Wahlen vom 23. Oktober.”

Als ausgemacht gilt bei der SP, dass ein Mann aus der Romandie die Nachfolge von Calmy-Rey antreten soll. Gehandelt werden schon seit Langem die Namen von Alain Berset (Ständerat, FR), Christian Levrat (Nationalrat und SP-Parteipräsident, FR), Pierre-Yves Maillard (Regierungsrat, VD, 1999 bis 2004 Nationalrat)  sowie Jean Studer (früher Ständerat, heute Regierungsrat, NE). Levrat und Studer dürften allerdings erst gar nicht auf das Karussell aufspringen. Levrat, weil er seinem Freund Berset den Vortritt lassen möchte, Studer, weil ein kleiner Kanton wie Neuenburg nebst Didier Burkhalter keinen zweiten Bundesratssitz kriegen dürfte.

Natürlich formuliert die SP Schweiz die Kriterien für die Nachfolge offener: “Mann oder Frau, lateinische Schweiz” sind die zentralen Punkte dafür. Ob das ausreicht, um das Karussell mit etlichen Papabili von Genf bis Lugano und von Pruntrut bis Sion zu bestücken, bezweifle ich sehr. Die absehbare Konstellation – voraussichtlich zwei Kandidaten – ermöglicht der SP keine Wiederholung des Stich-Effekts von anno 1995. Kommt dazu, dass in der deutschen Schweiz die Namenskür von welschen Sozialdemokraten keine grossen Wellen schlagen wird.

Die Entscheidung Calmy-Reys hat auch anderweitig Auswirkungen: Die SP-Fraktion weiss nun, was es geschlagen hat. Will sie am 14. Dezember ihre zweiten Bundesratssitz retten, ist sie auf Unterstützung aus dem bürgerlichen Lager angewiesen. Im Vordergrund steht ein Päckli mit der FDP, die ebenfalls stark bedrängt wird. Wenn die gegenseitige Unterstützung spielt, können beide Parteien ihre beiden Sitze erfolgreich verteidigen.

Für die SP heisst das aber auch: Sie muss Eveline Widmer-Schlumpf fallen lassen und einem SVP-Kandidaten den Vorzug geben. Wird Widmer-Schlumpf nämlich wiedergewählt (sie ist bereits in der zweiten Wahlrunde an der Reihe), kommt es in der siebten und letzten Wahlrunde  zu einem Showdown zwischen einem SVP-Kandidaten (im Vordergrund steht erneut Jean-François Rime) und einem SP-Romand. Ein solcher Zweikampf kann ins Auge gehen – für die SP. Calmy-Reys Rücktritt dürfte nun ihre eigene Fraktion einen.

Mark Balsiger