Videoclip ab, der Spass beginnt

Nationalrat Ruedi Noser hat es letzte Woche auf den Punkt gebracht: “Ich habe genug dilettantische Youtube-Videos gesehen.” Deshalb lässt der Freisinnige nun einen eigenen Videoclip produzieren, “10vor10” war beim Dreh dabei. Obwohl dieser Beitrag bislang noch nicht ausgestrahlt wurde, kursieren bereits Fotos davon – dem fixen Konrad Weber sei dank, der bei SF ein Praktikum absolviert und schon geraume Zeit virtuos mit Web2.0-Kanälen umgeht.

Videos mit Pfiff brauchen keine grossen Budgets. Sie brauchen eine starke Idee, eine taugliche Kamera und ein Mikrofon, das dem Protagonisten unter das Kinn gehalten wird, wenn er spricht. Gerade Letzteres will und will in der Schweiz nicht klappen. Im Netz trudeln seit Jahren Videos von Hunderten von Politikerinnen und Politiker herum, die man akustisch kaum versteht. Dazu kommen verwackelte Bilder, schlechte oder keine Bildschnitte, fehlende Spannungsbogen und, und, und. Jemand sprach schon einmal von Realsatire.

Ein weitgehend gelungenes Video stellte Ralf Bucher, CVP-Nationalratskandidat aus dem Kanton Aargau, ins Netz:

Zwei Ticks weiter ist die Berner Grossrätin und Nationalratskandidatin Nadine Masshardt (sp) und ihr Kreativteam.  Sie liess dieses Jahr bereits vier Videoclips produzieren. Sie sind allesamt kurz, frech, witzig und sie schrammen haarscharf an potenziellen Klagen vorbei, weil sie bestens eingeführte Kino- und TV-Werbung von bekannten Marken aufgreifen: Nespresso mit George Clooney, Graubünden Tourismus, Brillen Fielmann und die Migros – ein M besser. Doch schauen Sie selbst:

http://www.youtube.com/watch?v=R6NiqsbImyQ

Masshardts Videos werden viral weiterverbreitet, weil sie Spass machen und uns zum Schmunzeln bringen. Sie schafft es damit auch ins  “10vor10”, womit sich der Aufwand definitiv gelohnt haben dürfte.

Foto Videodreh: Konrad Weber

Das Wahlkampfblog und seine Babys

Blogs tauchen auf und verschwinden wieder. Das Wahlkampfblog zählt mit seinen viereinhalb Jahren auf dem Buckel vermutlich zu den etablierten Bonsaimedien, die sich schwergewichtig mit Politik und Medien befassen. In dieser Zeitspanne sind rund 450 Postings und ein paar Tausend Kommentare publiziert worden.

Für vereinzelte Beiträge brauchte ich zum Teil nur gerade zehn Minuten, beispielsweise die Videosequenz um Bundesrat Hans-Rudolf Merz und das Bündnerfleisch im September 2010.  Für andere Postings wendete ich mehrere Stunden auf, in einem Fall sogar mehr als einen Tag (25. April 2011: “Wie Medien die Politik formatieren”, ein Essay). Dass der Bündnerfleisch-Beitrag mehr Klicks errreichte als das Essay muss ich hinnehmen.


Von vielen Surferinnen und Sufern bislang nicht bemerkt, hat das Wahlkampfblog Familienzuwachs erhalten. Zum einen gibt es eine Facebook-Seite, die den Wahlkampf im Internet in den Vordergrund stellt. Schon länger im Netz ist die Facebook-Seite “Wahlkampf – Hintergrund, Tipps und Tricks“. Beide Plattformen bauen wir kontinuierlich auf und aus. Sie sollen einen Mehrwert liefern. Die Postings erfolgen regelmässig, ohne die Fans zuzumüllen. Gesucht sind noch viele Leute, die diese beiden Seiten “liken”.


Das Quartett ist dank meinem persönlichen Twitter-Kanal komplett. Dieser Microblogging-Dienst macht mir seit ein paar Monate zunehmend Freude, fast täglich entdeckte ich Neues. Zugleich ist es eine Herausforderung, maximal 140 Anschlägen zur Verfügung zu haben. Täglich scheitern gehört dazu. Solange das lustvoll geschieht, ist alles in Ordnung.

Die beiden Facebook-Seiten und Twitter ergänzen dieses Blogs, das Angebot soll abgerundet sein und Wissen vermitteln. Das Augenzwinkern gehört auch bei den Wahlkampfblog-“Babys” dazu. Schön wäre es, wenn auch regelmässiger Diskussionen entstünden.

Ende der Nabelschau, einen Tag vor dem 9-Jahre-Jubiläum meiner Agentur erlaube ich mir das.

Bundesratswahlen: Der Sesseltanz um die sieben Sitze (III) – heute: die Grünen

Die Zusammensetzung des Bundesrats wird in den kommenden Monaten zu einem zentralen Thema der Massenmedien. Beim Poker um Sitze und Aufmerksamkeit mitzumachen, ist deshalb auch für die Grünen Pflicht. Ihre Position scheint prima vista besser zu sein als in früheren Jahren, zumal die Schwergewichte nicht schon zum Vornherein abgesagt haben. Doch haben die Grünen tatsächlich eine Chance?

Noch eine Woche döst Bundesbern, dann geht es wieder richtig los. Grünen-Präsident Ueli Leuenberger (Foto) lancierte gestern in der Sonntagspresse das Rennen für seine Leute. Er nannte die Namen von sechs Parteikolleginnen und -kollegen, die in Frage kämen und mit denen er bereits “seriöse Gespräche” geführt habe.

Auffallend: Von den sechs Genannten ist derzeit nur einer im eidgenössischen Parlament: Robert Cramer, Ständerat des Kantons Genf. Alle anderen haben Regierungserfahrung auf kantonaler oder städtischer Ebene gesammelt. Auch Cramer war früher Exekutivpolitiker; er gehörte 12 Jahre lang zur Genfer Kantonsregierung.

In den letzten Jahren versuchten die Grünen bei Bundesratsersatzwahlen mehrfach ihr Glück. Die Sprengkandidierenden hiessen zweimal Luc Recordon (SR, VD, 2007 und 2008), einmal Brigit Wyss (NR, SO, 2010).  Diese Versuche gingen nicht als Meisterleistungen in die Lehrbücher für Politstrategien ein, die Kandidatur Wyss wird teilweise sogar als Flop bezeichnet.

Die sechs Papabili halten den Ball natürlich flach. Sie wollen weder vorpreschen, noch sich verheizen lassen. Solange sie im Gespräch bleiben, unterstützen sie die eigene Partei bei den nationalen Wahlen. Ernst wird es für sie erst nach dem 23. Oktober. Erreichen die Grünen erstmals in ihrer Geschichte die 10-Prozent-Grenze, können sie mit gestärktem Selbstvertrauen einen Bundesratssitz fordern. Erst dann beginnt sich das Karussell zu drehen.

Doch selbst wenn die Grünen mehr als 10 Prozentpunkte erringen und die FDP auf 15 oder sogar nur noch 14 Prozent (heute: 17,7%) abstürzen sollte, blieben die Chancen gering. Das eidgenössische Parlament ist seit jeher klar bürgerlich dominiert, woran sich auch am 23. Oktober nichts ändern wird. (Eine Neudefinition des Wortes “bürgerlich” wäre angezeigt, zerfalle doch das Bürgertum, so Denker wie “Magazin”-Kolumnist Daniel Binswanger, allmählich.) Nur schon aus ideologischen Gründen wird sich das neue Parlament am 14. Dezember kaum für ein grünes Bundesratsmitglied entscheiden.

Leuenberger will die SVP oder die FDP angreifen. Das ist keine erfolgsträchtige Strategie: Wenn die Grünen zulasten der SVP einen Sitz erobern sollten, geht die arithmetische Konkordanz definitiv in die Brüche. Man stelle sich vor: Eveline Widmer-Schlumpf, die mit der BDP eine 4- oder 5-Prozent-Partei im Rücken hat, wird wiedergewählt. Die SVP, die fünf- bis sechsmal grösser ist als die BDP, erhielte hingegen weiterhin nur einen Sitz.

Schliesslich: Einen der beiden bisherigen FDP-Bundesräte abzuschiessen, dürfte den Grünen nicht gelingen. Dazu müssten sie die geschlossene Unterstützung von BDP, CVP und SP haben – eine groteske Vorstellung.

Was als Zielscheibe übrigbleibt, wäre die SP. Den Sozialdemokraten aber einen Sitz abzujagen, lehnt Leuenberger ab. Das war nicht immer so: Im Sommer 2009 als es um die Couchepin-Nachfolge ging, flirtete der Parteipräsident der Grünen mit der SVP. Sie solle doch mithelfen, jetzt einen Grünen zu wählen, fand er damals. Der angedachte Deal: Bei den Gesamterneuerungwahlen im Dezember 2011 hätten die Grünen dann der SVP zu einem zweiten Sitz verholfen – gegen die SP.

Es deutet derzeit alles darauf hin, dass Leuenbergers Hoffnungen am 14. Dezember zerschellen. Insgeheim dürften viele Grüne nicht unglücklich sein darüber. Eine Partei, die nicht in der Landesregierung vertreten ist, kann ebendiesen Umstand immer wieder als Qualität – “wir sind nicht verantwortlich!” – herausstreichen.

Foto Ueli Leuenberger: keystone

 

Jekami verwässert den Wahlkampf

In drei Monaten gehen die eidgenössischen Wahlen über die Bühne. Auch dieses Mal ist ein Drittel der Kandidierenden mit angezogener Handbremse unterwegs. Sie stellten ihren Namen zur Verfügung, wurden auf einer Unterstützerliste parkiert, schreiben vielleicht einen Leserbrief, gehen zum Fototermin und verteilen ein paar Hundert Flyer, that’s it. Ein solcher Schwachstrom-Wahlkampf, pardon, verwässert das Profil der Parteien. Nebst dem bekannten Jekami (Jeder kann mitmachen) gilt offenbar auch das Jemuka (Jeder muss kandidieren) – keine gute Entwicklung.

So einzigartig das politische System der Schweiz ausgestaltet ist, so eigentümlich hat sich der Wahlkampf entwickelt. Zunächst sticht die Vielzahl Kandidaturen ins Auge: In diesem Jahr wird die 3000er-Grenze zum zweiten Mal in der Geschichte des Modernen Bundesstaats überschritten. Zum Vergleich: 1931 stellten sich rund 770 Kandidaten für die Nationalratswahlen zur Verfügung, 1971 waren es bereits 1700 – darunter erstmals auch Frauen.

In den letzten 40 Jahren hat sich die Anzahl Kandidierende fast verdoppelt. Wieso? Wird ein Nationalratsmandat immer populärer? Vielleicht. Eine plausiblere Erklärung für den Trend liefert die Anzahl Listen: 1971 wurden schweizweit 151 Listen eingereicht, 2007 waren es 311, also mehr als doppelt so viele. (Zum Vergleich: Die Wohnbevölkerung stieg in dieser Zeitspanne um 26 Prozent, von 6,2 auf 7,8 Millionen Menschen. Die Anzahl Stimmberechtigte führt das BfS erst seit 1990 auf. 2011 sind es 5,09 Millionen Menschen. )

Gemäss einer Vollerhebung, die ich von der Universität Bern aus gemacht habe, investierte bei den Nationalratswahlen 2003 jeder dritte Kandidat maximal 500 Franken für seine persönliche Kampagne. Damit lassen sich eine Schachtel Flyer oder zwei kleine Inserate in einem Lokalanzeiger finanzieren. Dieser Anteil dürfte sich seither nicht signifikant verändert haben.

Viele der U-500-Franken-Kandididaten landen auf zusammengewürfelten Unterstützerlisten, die beispielsweise aus Senioren, KMU-Vertreterinnen oder Auslandschweizern bestehen. Oft sind sie mit den Kernthemen der dazugehörigen Parteien wenig vertraut. Die Unterstützerlisten haben nur einen Zweck: Sie sollen ein paar Tausend Stimmen zugunsten der mit ihnen verbundenen Hauptlisten generieren.

Bei den Parteien hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass sie mit vielen Ködern und zusätzlichen kleinen Netzen mehr Fische an Land ziehen können. Ein Beispiel: Vor vier Jahren wurden im Kanton Zürich nicht weniger als 804 Kandidierende auf 29 verschiedenen Listen ins Rennen geschickt – 13 davon waren Unterstützerlisten.

Wie bescheiden die Unterstützerlisten abschneiden, zeigen ein paar Ergebnisse der Nationalratswahlen 2007 im Kanton Zürich:

– SVP International  0,19%
– Secondos (SP)  0,37%
– Junge FDP  0,39%
– Grüne Unternehmer 0,42%

Natürlich können genau diese Nullkommaöppisprozentli den Ausschlag für ein Restmandat geben, das der Hauptliste zufällt. Dass der Wahlkampf aber mit schwach motivierten Kandidierenden und zahllosen Unterstützerlisten verwässert wird, ist eine Tatsache. Ein solches Jekami schwächt das Profil der Parteien an der Basis (Jekami steht für Jeder kann mitmachen.)

Eine Trendwende zu weniger Kandidierenden und weniger Listen ist nicht in Sicht. Sie könnte realisiert werden, wenn man Listenverbindungen und Unterlistenverbindungen verböte. Das brächte nicht zuletzt viele junge Kandidierende in eine bessere Position: Statt sie auf irgendwelchen Unterstützenlisten zu parkieren, fänden die Wägsten Platz auf den Hauptlisten.

Mark Balsiger

Foto Wahlurne: keystone

Oben ohne – 15 minutes of fame

“In the future, everyone will be famous for fifteen minutes.”
Andy Warhol, 1979

Claudine Esseiva ist seit 2008 Generalsekretärin der FDP-Frauen und seit heute Pin-up-Girl einer neuen Kampagne. Zweiteres sorgt für Aufmerksamkeit, die nach 24 Stunden wieder auf Null fallen dürfte, aber einen dauerhaften Reputationsschaden zur Folge hat. Noch Jahre später werden sich viele Leute an das Sujet erinnern, nicht aber an ihre Intention, die magere Präsenz der Frauen in Kaderjobs zu thematisieren.

Auch die persönliche Website schadet Esseiva: Dort wirbt sie weiterhin prominent für ihre Wahl in den Nationalrat – am 21. Oktober 2007.

 

Was ich dem Online-Portal “20Minuten” zum Thema sagte.

P.S.  Nackte Fakten: Der Frauenanteil in der aktuellen Bundeshausfraktion der FDP-Liberalen beträgt 21,2 Prozent.

Bundesratswahlen: Der Sesseltanz um die sieben Sitze (II) – heute: die BDP

Wie ist der Bundesrat ab dem 14. Dezember zusammengesetzt? Die Optionen: Mitte-Rechts, Mitte-Links, Status Quo (mit BDP-Mitglied Eveline Widmer-Schlumpf) oder arithmetische Konkordanz. Auf alle Fälle ist Zunder drin, fast alle Parteien haben etwas zu verlieren. Nach den eidgenössischen Wahlen vom 23. Oktober droht eine Zerreissprobe. Bei den Gesamterneuerungswahlen für den Bundesrat könnte es sogar zu einem Systemwechsel kommen.

Aus Parteienoptik ist die Sache klar: Die SVP verlangt einen zweiten Bundesratssitz. Für die BDP ist ebenso klar, dass ihre Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf (Foto) am 14. Dezember erneut gewählt werden soll. Beide Lager können gute Argumente ins Feld führen.

Die SVP ist die wählerstärkste Partei; daran wird sich auch am 23. Oktober nichts ändern. Die Verteilung der Bundessratssitze basierte von 1959 bis 2007 – von einer leichten Verzögerung abgesehen – auf der Wählerstärke: Die drei grössten Parteien erhielten jeweils zwei Sitze, die kleinste Bundesratspartei einen Sitz. So weit, so klar.

Der Knackpunkt: Kurz nachdem Widmer-Schlumpf anstelle von Christoph Blocher in den Bundesrat gewählt worden war, begann eine regelrechte Hetze gegen die Bündnerin. Im Sommer 2008 formierte sich schliesslich mit der BDP eine neue Partei, zu der sich auch Widmer-Schlumpf und Samuel Schmid bekannten; die SVP hatte vorübergehend keine Vertretung mehr im Bundesrat. Nachdem die Bündner SVP-Kantonalsektion aus der SVP Schweiz ausgeschlossen worden war, konnte diese Entwicklung niemand mehr stoppen.

Bei ihrer Wahl am 12. Dezember 2007 war Widmer-Schlumpf Mitglied der SVP. Notabene als Politikerin, die in früheren Jahren vom damaligen Parteipräsidenten Ueli Maurer mehrmals als mögliche Bundesratskandidatin ins Spiel gebracht worden war. Der Parteiwechsel, so die Supporter Widmer-Schlumpfs, sei die Schuld der SVP, ergo stehe ihr Sitz erst wieder zur Disposition, wenn sie aus freien Stücken abtrete. Aus der Sicht der SVP ist Widmer-Schlumpf hingegen eine Verräterin, die schleunigst abtreten sollte.

Die BDP richtet ihre Strategie im Wahljahr 2011 weitgehend auf ihre Bundesrätin aus. Auf diese Weise hofft sie, bei den National- und Ständeratswahlen vom 23. Oktober ein gutes Resultat zu erzielen. (Als Werbeträgerin steht Widmer-Schlumpf allerdings nicht zur Verfügung.) Ihre Wiederwahl soll auch dank der guten Arbeit, die sie bislang geleistet habe, möglich werden.

Zurzeit stehen ihre Chancen nicht schlecht: SP, Grüne und CVP machen sich für Widmer-Schlumpf stark. Betont wird in diesen Kreisen, nur mit ihr bliebe es im Bundesrat bei einer Mehrheit für den beschlossenen Atomausstieg. Beobachter vermuten, dass dieses Argument vorgeschoben wird. Auf diese Weise könnte der Wiedereinzug eines zweiten SVP-Bundesrats verhindert werden. (Option: SP, CVP und Grüne zielen auf den zweiten Sitz der FDP, konkret: denjenigen von Johann Schneider-Ammann.)

Die Achillesverse für die BDP: Sie ist eine Kleinpartei. Bei der letzten Umfrage von Isopublic von Mitte Juni erreichte sie 3,7 Prozentpunkte. Um nach dem traditionellen Muster einen legitimen Anspruch auf einen Bundesratssitz zu erheben, bräuchte es aber sicher 10, besser sogar 12 Prozentpunkte. Ein derartiger Sprung in der Wählergunst liegt für die BDP ausserhalb des Möglichen. Aus diesem Grund hofft sie auf einen “Pakt der Mitte” – und die Unterstützung von Rot-Grün.

Zurzeit steht folgendes Szenario im Vordergrund: Micheline Calmy-Rey tritt auf Ende Jahr zurück, muss am 14. Dezember also ersetzt werden. Widmer-Schlumpf wiederum wird erneut kandidieren. Direkt nach Doris Leuthards Bestätigung wird über ihr Verbleiben im Bundesrat entschieden. Es liegt auf der Hand, dass die SVP im zweiten Umgang einen Kampfkandidaten gegen Widmer-Schlumpf ins Rennen schickt. Möglicherweise heisst dieser erneut Jean-François Rime (NR, Foto), der Freiburger, der er schon vor Jahresfrist versuchte – gegen den SP-Sitz, den Simonetta Sommaruga errang, und gegen den FDP-Sitz, den schliesslich Johann Schneider-Ammann holte.

Wird Widmer-Schlumpf am 14. Dezember bestätigt, greift die SVP am selben Morgen ein zweites Mal an. Womöglich gegen den zweiten FDP-Sitz (von Schneider-Ammann), der im sechsten Umgang zur Wahl steht. Wahrscheinlicher ist, dass die SVP alle Kraft auf den siebten und letzten Umgang konzentriert. Dann käme es zu einem Duell zwischen einem SP-Romand und einem SVP-Kandidaten. Gut möglich, dass bürgerliche Strategen es verlockend finden, der SP den zweiten Bundesratssitz wegzuschnappen. Für die Sozialdemokraten ist die Lage brenzlig, wie ich hier vor zwei Wochen schon darlegte.

Treiben wir dieses Kaffeesatz-Szenario auf die Spitze: Es wäre möglich, dass die radikal-linken Kräfte innerhalb der SP darauf drängen würden, in die Opposition zu gehen, mithin also Bundesrätin Sommaruga aus der Landesregierung abzuziehen.

Auch die andere Polpartei, die SVP, könnte schon im Vorfeld der Bundesratswahlen öffentlich eine Drohkulisse aufbauen. Die Forderung lautet klipp und klar: “Entweder wir erhalten einen zweiten Sitz oder wir gehen in die Opposition!”

Mark Balsiger

Weiteres Posting zum selben Thema:

Bundesrat: Wer muss über die Klinge springen? (Politohr)

Fotos:

– Eveline Widmer-Schlumpf: vaterland.li
– Jean-François Rime: blick.ch

Bundesratswahlen: Der Sesseltanz um die sieben Sitze (I) – heute: die SP

Heute in genau sechs Monaten muss sich der Bundesrat einer Gesamterneuerungswahl stellen. Nebst dem Rücktritt von Micheline Calmy-Rey), der absehbar ist, geht es dann vor allem um Eveline Widmer-Schlumpf (bdp). An ihrer Zukunft wird sich die Debatte entzünden, unter Umständen könnte es sogar zu einem Systemwechsel kommen. Höchste Zeit für eine erste Auslegeordnung in mehreren Folgen. Heute fokussieren wir auf Calmy-Rey und die SP.

Die Strategen der bedrängten Parteien BDP, FDP und SP wollen den Ball flach halten. Das ist verständlich: Zuerst sollen die eidgenössischen Wahlen über die Bühne gehen, aufgrund der Ergebnisse kann danach die Strategie für die Bundesratswahlen vom 14. Dezember festgelegt werden.

Vordergründig wird den Leuten suggeriert, es gehe am 23. Oktober um eine Richtungswahl. Dies in der Hoffnung, so möglichst viele Sympathisanten der eigenen Partei an die Urnen zu bringen. Das ist legitim. Bloss werden die Verschiebungen nicht so gravierend sein, dass sie am Wahlabend aufzeigen, wie der Bundesrat zusammengesetzt werden muss.

Seit der Einführung der Zauberformel im Jahr 1959 brauchte es für einen Sitz im siebenköpfigen Bundesrat stets mindestens 10 Wählerprozente. Die drei grössten Parteien beanspruchten immer je zwei Sitze für sich, die viertgrösste erhielt einen Sitz. Mehr als 40 Jahre lang blieb die Zusammensetzung stets dieselbe: 2 CVP, 2 FDP, 2 SP, 1 SVP. Bei den Wahlen 1999 rutschte die CVP allerdings auf Platz 4 ab, am 10. Dezember 2003 eroberte Christoph Blocher nach einem regelrechten Krimi den zweiten Sitz für die SVP; Ruth Metzler (cvp) wurde nicht wieder gewählt.

Auf der Hand liegt, dass Micheline Calmy-Rey (Foto) auf Ende dieses Jahres zurücktritt. So kann sie ihr Präsidialjahr ordentlich beenden und hat, dannzumal 66-jährig, acht Jahre in der Landesregierung hinter sich. Dass sie der SP zuliebe länger bleibt, wie ich im letzten Herbst einmal mutmasste, dürfte kaum eintreffen. Sie erzielte im letzten Dezember für das Präsidium nur gerade 106 Stimmen – ein blamables Resultat. Die Botschaft dieses Warnschusses: “Es reicht. Eine nochmalige Kandidatur würden wir nicht mehr goutieren.”

Ein vorzeitiger Rücktritt – im Stil von Otto Stichs Husarenstück im Spätsommer 1995, der der SP einen famosen Wahlsieg ermöglichte -, liegt nicht in der Luft. Seine unmittelbaren Folgen wären vermutlich sogar kontraproduktiv: Der Calmy-Rey-Nachfolger müsste damit rechnen, nach seiner Wahl Ende September zweieinhalb Monate später bereits wieder abgewählt zu werden.

Die Grosswetterlage, eine Mitte-Rechts-Allianz sowie eine Wahlschlappe, die die SP am 23. Oktober einfahren müsste, wären die drei entscheidenden Kriterien, um den Sozialdemokraten den zweiten Sitz streitig zu machen.

Als ausgemacht gilt bei der SP, dass ein Mann aus der Romandie die Nachfolge von Calmy-Rey antreten soll. Gehandelt werden die Namen von Alain Berset (SR, FR), Christian Levrat (NR, FR) sowie Pierre-Yves Maillard (Regierungsrat, VD, 1999 bis 2004 NR).

Mark Balsiger

Ergänzung vom 15. Juni: Auch die “Aargauer Zeitung” spekuliert über einen Rücktritt von Bundesrätin Calmy-Rey:

Calmy-Rey entscheidet nach den Ferien (15. Juni; PDF)

Fotos:
– Sesseltanz: brg14.at
– Micheline Calmy-Rey: kim88

Drei Frühstarter und eine Innovation

Vor vier Jahren war Barbara Schmid-Federer die erste Nationalratskandidatin im Kanton Zürich, die im gekauften Raum für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Dieser Tage präsentierte sie ihr Plakat für die Kampagne 2011. Unten links ist ein “Kringel” zu erkennen, vergleichbar mit den Strichcodes, die beispielsweise von den Grossverteilern zum Einlesen ihrer Produkte verwendet werden.

Wer dieses Plakat mit seinem Smartphone fotografiert, erhält weitere Informationen, oder anders ausgedrückt: aus der wilden Anordnung von Pixeln werden Worte oder neue Bilder. Im Fall von Schmid-Federers Plakat wird man auf einen Youtube-Clip weitergeleitet. Voraussetzung: Das Smartphone ist mit dem notwendigen App (Kurzform für Applikation bzw. Application), einem Reader, ausgerüstet. Sonst geht gar nichts.

Das Plakat ist ein klassisches Medium, das nur die Einwegkommunikation zulässt. Vor diesem Hintergrund ist es innovativ oder zumindest einen Versuch wert, einen sogenannten QR-Code zu integrieren. In der politischen Werbung habe ich solche Strichcodes noch nie gesehen, obwohl sie in der Industrie schon seit einigen Jahren verwendet werden. Der grosse Durchbruch blieb allerdings bislang aus.

Im Kanton Bern ist Thomas Mattig (fdp) der erste Nationalratskandidat, der im gekauften Raum sichtbar wurde. Sein Farbinserat erschien zum ersten Mal am 7. Mai in der “Berner Zeitung” und im “Bund”, am letzten Samstag  folgte das zweite. Der Gesundheitsspezialist mit Walliser Wurzeln brachte es auf Anfrage so einfach, wie überzeugend auf den Punkt: “Wenn ich jetzt für mich werbe, bin ich noch allein auf weiter Flur. Nach den Sommerferien buhlen Hunderte von Kandidierenden um Aufmerksamkeit.”

Die Frage ist, ob sich die Wählerinnen und Wähler am 23. Oktober noch an Mattig, der einst im Mai für sich warb, erinnern können.

Auf dieses Teaser-Plakat setzte letzte Woche ein anderer Kandidat. Er liess es u.a. beim Bahnhof Bern aushängen.

Bei der Umfrage in meinem persönlichen Umfeld – politisch durchaus interessiert – wurden die Parteien CVP, Grüne, GLP und SP als mögliche Absender genannt. Die Schrift in weissen Grossbuchstaben dechiffrierte niemand zielsicher als SP-Design. Das ist für die Macherinnen ernüchternd, wurde doch das neue Corporate Design der Sozialdemokraten vor knapp zwei Jahren eingeführt.

Hinter der Teaser-Kampagne steckt allerdings nicht die Berner SP, sondern einzig und allein ihr Kandidat Matthias Aebischer. Das Plakat ziert den Hinterkopf des ehemaligen Fernsehmannes. Dank Glück, Prominenz oder guten Verbindungen in die Redaktion von “20Minuten” wird der Teaser heute aufgelöst – ein Foto ist auch dabei.
Auch ein wandernder Blogger und ein paar Twitterer verbreiteten die News. Solche kleine Teil-Öffentlichkeiten bedeuten natürlich noch keine signifikant besseren Wahlchancen, sie können aber das Image eines Kandididaten verändern. Im Falle Aebischers heisst das: Er kann als keck und kreativ wahrgenommen werden.

Wenn Massenmedien über frühe Kampagnenstarts, Innovationen oder Teaser berichten, hat sich der Aufwand der Wahlkämpfer definitiv gelohnt.

Mark Balsiger

Sujet und Fotos:

– Plakat: schmid-federer.ch
– Teaser-Plakat: Mark Balsiger
– Matthias Aebischer: 20 Minuten/mar

 

P.S.   Transparenz: Niemand unter den genannten Kandidierenden ist im Portfolio meiner Kommunikationsagentur. Man darf aber davon ausgehen, dass sie meine beiden Handbücher gelesen haben. Soviel Eigenwerbung dürfe sein, findet sogar Bürokollege Suppino.

Der SVP-Bulle und die CVP-Kuh

Die Währung der Politik heisst Aufmerksamkeit, die Währung der Onlinemedien Klicks und Kommentare. Et voilà:

Und auch ich übernehme dieses Sujet der Walliser SVP. Weil es andere auch schon getan haben, weil es viele Klicks generiert, weil mir die Zeit fehlt für ein eigenständiges Thema, weil ich nicht viel nachdenken mag – wie andere vielleicht auch nicht.

Wie der Bulle – für seinen Jahrgang ziemlich rüstig – auf die Kuh kam, präziser: wer dieses Oevre kreierte, ist noch nicht bekannt. Bekannt ist hingegen, dass die schwarze Kuh zur CVP gehört, Lara heisst und die Wahlen gewinnen will. Nicht die Kuh, die ist eigentlich apolitisch, nein, die CVP. Die macht eigentlich Politik.

Der SVP-Bulle ist übrigens noch namenlos. Womöglich wäre es ein erfolgversprechender Coitus secundus für diesen famosen Aufmerksamkeitserreger, wenn Nationalrat Oskar Freysinger am nächsten Samstag in seinem Garten einen Benamsungsworkshop durchführte. Zum krönenden Schlussbouquet würde er Prosa drechseln für die Nachwelt. Der serbische Schriftstellerverband geriete zweifellos in Verzückung. Zottel vielleicht auch.

P.S.   Freysinger reichte im Februar eine Klage ein gegen das welsche Satiremagazin Vigousse. Wegen einer Karikatur.

Karikatur: via newsnetz

Label-Parteien sind en vogue

Wählt Felix Muster Partei A, weil das sein Vater und Grossvater schon so hielten? Wechselt er zu Partei B, weil diese Themen bewirtschaftet, die Herr Muster als vordringlich erachtet? Entscheidet er sich für Partei C, deren Kampagne ihn am besten anspricht? Kommt Partei D zum Zug, weil sie den besten Bundesrat in ihren Reihen hat? Entscheidet sich Herr Muster für Partei E, weil er lieber zu den Siegern zählt? Oder Partei F, affektiv? Oder Partei G, weil er den Erfolglosen helfen möchte?

Die Wählerforschung ist in den letzten Jahrzehnten grundsätzlich gut vorangekommen. Dabei ist beispielsweise das sozial-psychologische Modell meines Erachtens so einfach wie überzeugend:


Das sozial-pschologische Modell als PDF-Dokument

Beim Bestreben, den Wahlerfolg eines einzelnen Kandidaten erklären zu können, erarbeitete ich 2006 die Basis für das 26-Erfolgsfaktoren-Modell. Dieses kann für Parteien allerdings nicht angewendet werden. Aus diesem Grund ergänze ich das sozial-psychologische Modell, das im Jahr 1981 entwickelt wurde, nun mit zwei neuen Elementen. Demnach fällt die Wahlentscheidung nicht nur wegen der Parteiidentifikation, Themen oder Kandidaten, sondern auch wegen Werten und dem Label.

Dieses neue Modell, das ich vor einem Jahr einmal zu entwickeln begann, die Fertigstellung aber immer wieder hinausschob, nennen wir vorläufig Post-Parteiidentifikations-Modell.

Das Post-Parteiidentifikations-Modell als PDF-Dokument zum Herunterladen.

GLP und BDP sind typische Label-Parteien und derzeit en vogue. Sie entstanden aus Abspaltungen von den Grünen (2004) bzw. der SVP (2008). Sie wirken frisch und unverbraucht, und sie ziehen auch Parteiunabhängige und sogar bislang Politikabstinente an. Ob diese Magnetwirkung anhält, ist offen. Zur Kategorie der Label-Parteien zählt auch die SVP. Sie schafft es mit einem Mix aus raffiniertem Marketing, Provokationen, Geld, Medienpräsenz und populären Schlüsselfiguren als Partei mit klaren Botschaften und Positionen wahrgenommen zu werden. Image hat eine zentrale Bedeutung für alle drei Parteien.

Die SVP gehört zugleich auch zu den Themen-Parteien – zusammen mit den Grünen (Umwelt) und der SP (Sozialpolitik). Stehen Umweltthemen weit vorne auf der politischen Agenda, profitieren die Grünen elektoral, sind soziale Fragen im Brennpunkt, kann die SP zulegen. Bei SP und Grünen lässt sich seit jeher ein Auf und Ab in der Wählergunst beobachten.

Die historischen Parteien CVP und FDP, die seit 1983 kontinuierlich Wähleranteile verlieren, sind Köpfe-Parteien. Sie verfügen gerade in den Kantonen und Gemeinden über viele fähige und bekannte Mandatsträger. In der öffentlichen Wahrnehmung schaffen es die beiden Parteien aber nicht mehr, ihre Themen erfolgreich zu präsentieren und dauerhaft im Gespräch zu halten.

CVP und EVP sind Werte-Parteien, die sich stark an der christlichen Ethik orientieren.

Das wäre mal eine Auslegeordnung, jetzt bin ich gespannt auf Ihre Kritik und Ergänzungen.

Mark Balsiger

Grafik: Thomas Hodel