Bundesratswahlen: Ein Zwischenhoch, bevor erneut Turbulenzen aufziehen

Wie bescheiden wir doch geworden sind. Früher verknüpften wir mit Bundesratswahlen noch grosse Erwartungen. Die Wahl von Moritz Leuenberger vor genau 15 Jahren manifestierte den Durchmarsch der “68er”; für die politische Linke war er anfänglich ein Hoffnungsträger. Mit dem Triumph von Christoph Blocher, 2003 wars, glaubte die politische Rechte, den Staat nach ihrem Verständnis formen zu können.

Heute sind wir froh, dass die Ersatzwahlen gesittet und würdevoll über die grell ausgeleuchtete Bühne gegangen sind. Die Vereinigte Bundesversammlung verdiente sich in den letzten Stunden gute Noten. Die Würfel sind vor wenigen Minuten gefallen, das Ergebnis ist sehr erfreulich, Hoffnung keimt auf.

Hier die souveräne Sachpolitikerin, dort der erfolgreiche Unternehmer – sowohl Simonetta Sommaruga (sp, Foto) wie Johann Schneider-Ammann (fdp) ist der Wechsel vom Parlament in die Landesregierung zuzutrauen. Beide sind quer in die Politik eingestiegen, nachdem sie im Konsumentenschutz und er in der Wirtschaft grosse Glaubwürdigkeit erlangt hatten. Nun sind sie als Bundesratsmitglieder gefragt, die sich als Teil einer Konsensregierung verstehen, strategisch handeln und neue Impulse geben. Für parteipolitisch gefärbtes Taktieren bleibt kein Platz, der Bundesrat ist kein Mini-Parlament.

Wenn Sommaruga und Schneider-Ammann zusammen mit Doris Leuthard und Didier Burkhalter zu einer starken Achse werden, kann die Landesregierung wieder an Ansehen und Durchschlagskraft gewinnen. Die Wahl der beiden Berner bedeutet allerdings nur ein Zwischenhoch. Die nächsten parteipolitischen Turbulenzen lassen nicht lange auf sich warten. Die SVP hat mit ihrer kontrovers diskutierten (Unter-)Vertretung im Bundesrat ein gutes Thema für das eidgenössische Wahljahr 2011. Wie bereits 2003 wird sie nicht ruhen, ihren Anspruch lautstark zu proklamieren.

BDP verliert nächstes Jahr Anspruch auf einen Bundesratssitz

Was die Zusammensetzung des Bundesrats betrifft, bleibe ich ein Verfechter des Status Quo. Die Parteien sollen nach ihren Wähleranteilen vertreten sein, insgesamt brachte dieses 1959 eingeführte System Ruhe und Stabilität. Wenn die BDP in einem Jahr nicht klar über die 10-Prozent-Marke kommt, hat sie nach Ablauf der Legislaturperiode keinen Anspruch mehr auf einen Sitz. Eveline Widmer-Schlumpf täte in einem solchen Fall gut daran, nach den Wahlen im Oktober 2011 ihren Rücktritt zu erklären.

Mit einem solchen Entscheid ginge sie als eine Art “Jeanne d’Arc” in die Geschichtsbücher ein. Und sie würde unser Land vor einer Zerreissprobe verschonen. Die Volkspartei wiederum ist aufgerufen, dannzumal mehrheitsfähige Kandidaturen zu nominieren. Erst wenn der Wechsel von Widmer-Schlumpf zu einem neuen mehrheits- und teamfähigen SVP-Bundesratsmitglied vollzogen wurde, dürften die schweren Gewitterwolken über Bundesbern abziehen.


Medienspiegel:

Die Ruhige nach dem Sturm (Bund, Jean-Martin Büttner, 23.09.2010; PDF)
Bundesräte als Wahlhelfer – die grosse Illusion (Basler Zeitung, Martin Furrer, 24.09.2010; PDF)
Geläuterte Zauberlehrlinge (NZZ, Martin Senti, 24.09.2010; PDF)
Die SVP steckt in der Falle (SonntagsZeitung, Denis von Burg, 25.09.2010; PDF)

Fotos:
– Simonetta Sommaruga: keystone
– FDP auf dem Bundesplatz: Thomas Hodel

Bundesratswahlen: Gewählt sind Jacqueline Fehr und Johann Schneider-Ammann

Legende: die Fraktionsstärken im eidgenössischen Parlament.

Seit ein paar Tagen kursieren in Bundesbern, Redaktionsstuben und TV-Arenen zum Teil abenteuerliche Szenarien. So ist zum Beispiel von einem Mitte-Rechts-Putschversuch die Rede. Konkret: Der Sprengkandidat der SVP, Jean-François Rime (NR, FR) soll der SP einen Sitz abjagen. Mit Verlaub, ein Jahr von den eidgenössischen Wahlen wird das bürgerlich dominierte Parlament der SP kein solches Geschenk machen. Den Sozialdemokraten wäre 2011 ein formidabler Wahlsieg gewiss.

Dass Rime den FDP-Sitz von Hans-Rudolf Merz erobern wird, scheint mir ebenso unwahrscheinlich. Selbst wenn er nebst seiner eigenen Fraktion (66 Stimmen) auch die CVP/evp/glp-Fraktion geschlossen für ihn stimmte, ergäbe das erst 118 Stimmen. Mir fehlt der Glaube an ein solches Szenario. CVP-Fraktionschef Urs Schwaller (SR, FR) machte mit für ihn atypisch markigen Worten klar, dass Rime nicht gewählt werde. Sukkurs von der SP und den Grünen wird er, wenn überhaupt, nur ganz bescheiden, erhalten.

Rime hat realistischerweise ein Stimmenpotential von75 bis 80 Stimmen. Damit schafft er es bei der Ausmarchung um den SP-Sitz in den dritten Wahlgang, beim FDP-Sitz in den vierten Wahlgang. Ins Endspiel – voraussichtlich ist das der fünfte Wahlgang – kommt Rime nur, wenn viel Dynamik entsteht.

In meinem letzten Posting stellte ich ein Modell vor, welches den Ausgang der Bundesratswahlen im Voraus “lesbar” machen soll. Gemäss diesem Modell holt bei den ersten Ersatzwahlen Jacqueline Fehr (NR, ZH) am meisten Punkte. Soweit das Modell.

Die Transformierung von Punkten zu Stimmen hat mit dem Modell nichts zu tun. Weil aber der Wahlausgang weit mehr interessiert als mein Modell, führe ich auch auf, wie die verschiedenen Wahlgänge ablaufen können. Der detaillierte Ausgang wie ich ihn zu erkennen glaube:

Bemerkenswert ist bei dieser Prognose, dass im entscheidenden vierten Wahlgang 30 SVP-Parlamentarier leer einlegen werden – als Protest. Dabei wählte ich den Mittelwert zwischen kompletter Verweigerung und der Bereitschaft (fast) aller SVPler, bis zum Schluss von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Der Protest ist auch bei der zweiten Wahl um den Merz-Sitz denkbar – aus Enttäuschung, weil es Rime nicht schaffte.

Bei der zweiten Neubesetzung steht die SP-Fraktion in der Pflicht, die offiziellen FDP-Kandidierenden zu unterstützen. Das wird sie tun, wenn auch die grüne Sprengkandidatin Brigit Wyss (NR/SO) in den ersten beiden Wahlgängen noch Solidaritätsstimmen aus dem SP-Lager kriegt. Danach gehen diese SP-Stimmen anderswo hin. Wyss schafft es bis in den dritten Wahlgang.

Die Prognose:

Der Berner Nationalrat Johann Schneider-Ammann setzt sich also im fünften Wahlgang durch.

Bei meinem Modell vergab ich für alle 17 Kriterien, die eine Rolle spielen dürften, Punkte, und zwar wie folgt:

– Kategorie A: 10 Punkte
– Kategorie B:   7 Punkte
– Kategorie C:   4 Punkte
– Kategorie D:   1 Punkt

Dieses Modell hat selbstverständlich Schwachstellen, ein Versuch wars aber allemal wert. Kritik ist sehr willkommen – vor und hinter den Kulissen.

Bundesratswahlen: Ein Modell, um den Wahlausgang im Voraus lesen zu können

Noch sechs Tage bis wir wissen, wer die Sitze von Moritz Leuenberger (sp) und Hans-Rudolf Merz (fdp) im Bundesrat erbt. Die Öffentlichkeit hat längst gewählt, bei den Medien ist eine helvetische Ausprägung von “Horse Race Journalism” auszumachen. Einfach erklärt: Sie berichten, wer im Rennen gerade die Nase vorne hat. Ihre Einschätzungen basieren auf einem Cocktail aus Winkelzügen und Drohgebärden, Gerüchten und Spinnings, Additionsübungen und den Versuchen, diese Ersatzwahlen noch spannender zu machen als sie ohnehin schon sind.

Dabei geht zuweilen in Vergessenheit, dass weiterhin die Vereinigte Bundesversammlung das Wahlgremium für die Landesregierung darstellt. Die 246 National- und Ständeratsmitglieder werden aber zweifellos auch von der öffentlichen Meinung bzw. den Medien beeinflusst.

Beim Versuch, den Wahlausgang vom nächsten Mittwoch bereits im Vorfeld “lesen” zu können, habe ich ein Modell entwickelt. Es besteht aus vier Kategorien, deren Kriterien unterschiedlich stark gewichtet werden, A am stärksten, D am schwächsten.

Welche Kriterien spielen bei Bundesratswahlen eine Rolle:

Kategorie A:

– Parteizugehörigkeit
– Abhängigkeiten unter den Parteien
– strategische Entscheidungen (Gegner kriegt keine Wahl-Lokomotive)
– sprachregionale und geografische Verortung
– Akzeptanz im Parlament
– Vernetzung der Kandidierenden im Parlament
– Persönliches Verhältnis mit ihnen (der Bauch wählt mit)

Kategorie B:

– Lobbying im Vorfeld
– Dynamik am Wahltag selber

Kategorie C:

– Persönlichkeit und “Rucksack” der Kandidierenden
– Sprachkompetenz
– Geschlecht
– strategisches Geschick/Durchsetzungsvermögen der Fraktionschefs
– Hearings durch Fraktionen

Kategorie D:

– Alter
– Konfession
– mediale Berichterstattung

Ich werde aufgrund dieses Modells in den nächsten Tagen versuchen, den Ausgang der Wahlen vom Mittwoch zu prognostizieren. Bis dahin bin ich neugierig, welche Schwachstellen oder Fehlüberlegungen vorhanden sind. Wertvolle Inputs fliessen ein – bitte melden.

Foto: Montage sf.tv

Bundesratswahlen: Eine Art Toto

Seit genau acht Wochen wird spekuliert und spekuliert und spekuliert. Nach gefühlten 700 Berichten zum Kandidatenkarussell der Leuenberger- und Merz-Nachfolge fallen in den nächsten Stunden die ersten Vorentscheidungen: Sowohl die SP- wie die FDP-Fraktion marchen aus, wer auf ihr Ticket kommt.

Machen wir mit – eine nicht ganz ernst gemeinte Art Toto.

Zuerst zur FDP, wo die Ausgangslage klarer ist. Die FDP.Liberalen werden ein Zweierticket vorschlagen. Ignazio Cassis (NR, TI) und Peter Malama (NR, BS) sind chancenlos. Sie sind auch primär angetreten, um die Fahne für ihre jeweiligen Regionen hochzuhalten – Cassis für das Tessin, Malama für die Nordwestschweiz. Dieses Engagement nützt den beiden Nationalräten persönlich.

Auf das Ticket kommen Johann Schneider-Ammann (NR, BE) und Karin Keller-Sutter (RR, SG). Schneider-Ammann ist der klare Favorit der Fraktion, er verkörpert die alten Werte der Partei und den idealen Lebenslauf eines Freisinnigen: Akademiker, langjähriger Unternehmer, Offizier.

Wenn nicht noch eine Leiche im Keller zum Vorschein kommt, dürfte Schneider-Ammann am 22. September auch zum Bundesrat gewählt werden. Er profitiert von starken Netzwerken und von Eigenschaften, die für eine Wahl in die Landesregierung zentral sind: verlässlich, umgänglich, staatsmännisch, nicht zu profiliert. Ein weiterer Vorteil für Schneider-Ammann ist sein Alter: Mit 58 Jahren ist absehbar, dass er nicht länger als acht Jahre bleiben wird.

Keller-Sutter wird nominiert, um die Frauen bei der FDP und die Ostschweiz nicht zu brüskieren. Sie sichert die rechte Flanke Schneider-Ammanns, obwohl sie gemäss Smartspider weiter links positioniert ist als er.

Bei der SP wird das Lesen im Kaffeesatz nahezu unmöglich: Klar ist für mich lediglich, dass es ein Zweierticket gibt und der Name von Eva Herzog (RR, BS) nicht darauf stehen wird. Das wäre ein Affront für zwei ihrer Kontrahentinnen, die auf nationaler Ebene seit mehr als zehn Jahren deutliche Spuren hinterlassen haben.

Die möglichen Kombinationen:

– Jacqueline Fehr (NR, ZH)  & Simonetta Sommaruga (SR, BE)
– Hildegard Fässler (NR, SG) & Jacqueline Fehr
– Hildegard Fässler & Simonetta Sommaruga

Ob eine der beiden offiziellen SP-Kandidatinnen am 22. September auch in den Bundesrat gewählt wird, ist zurzeit hingegen offen. Es ist möglich, dass aufgrund der Dynamik am Schluss ein anderes SP-Mitglied obsiegt. Bei dieser Frauenwahl werden auch “Soft”-Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Wer sehr profiliert und gleichzeitig eher nüchtern-unnahbar ist, hat einen Malus. Der Bauch (der Männer) wählt mit.

Fast ging es vergessen: Die SVP-Fraktion schickt ihren Jean-Francois Rime (NR, FR) ins Rennen, und auch die Grünen müssen nun eine Kandidatur präsentieren. Beide werden am Wahltag keine Hauptrolle spielen.

Collage: newsnetz

Der Coup mit Otto Stich, der Coup von Bundesrat Otto Stich

Heute vor genau 15 Jahren: Ein warmer Mittwoch im Spätsommer, der Tag war bislang unspektakulär verlaufen, alles deutete auf einen Nachmittag mit viel Routine hin. Ich hatte eben die Schicht am Nachrichtendesk übernommen. Da plötzlich schallt es durch das Grossraumbüro: “Otto Stich tritt zurück!”

Im legendären Sitzungszimmer 86 des Bundeshauses hatte Stich (sp) den Medienschaffenden eben kundgetan, dass er auf Ende Oktober aus der Landesregierung zurücktreten werde. Mit ein paar wenigen spröden Sätzen wie sie für ihn typisch sind. Wer sehr gut hinhörte, glaubte eine spitzbübische Freude in seiner Stimme zu erkennen.

Otto Stichs Wahl 1983 war ein Coup der bürgerlichen Parteien (allen voran FDP-Nationalrat Felix Auer), die ihn über Nacht zu ihrem Kandidaten gemacht hatten. Gegen die offizielle Kandidatin der SP, die Zürcher Nationalrätin Lilian Uchtenhagen. Sie gehörte zur alles und alle dominierenden”Viererbande” der SP-Fraktion, zusammen mit Helmut Hubacher, Walter Renschler und Andreas Gerwig.

Otto Stichs Abgang 12 Jahre später war erneut ein Coup – sein eigener. Kaum war seine Demission publik, glich die Redaktion einem Bienenhaus. Fieberhaft begannen wir, die möglichen Papabili ausfindig zu machen. Es lag auf der Hand: Stichs Nachfolge würde ein Sozialdemokrat aus der deutschen Schweiz antreten, weil mit Ruth Dreifuss bereits eine SP-Frau aus der Romandie im Bundesrat sass.

Die Ledergerbers und Pillers, Martis und Leuenbergers wurden irgendwann, irgendwie aufgestöbert – Handys hatten sich damals noch nicht durchgesetzt. Das Schaulaufen der SP konnte beginnen. Es dauerte genau vier Wochen. Am 27. September 1995 setzte sich Moritz Leuenberger schliesslich im fünften Wahlgang durch, womit sich der Kreis ins Heute schliesst.

Bei den Nationalratswahlen 1995, erneut vier Wochen später, legte die SP 3,3 Prozent zu und wurde zur wählerstärksten Partei. Stich machte der SP mit seinem Rücktritt ein famoses Abschiedsgeschenk.

Der Wechsel Stich/Leuenberger markiert einen Wendepunkt: Seither sind

– die Rücktritte von Bundesräten oft taktisch motiviert
– die Nachfolgerituale von den Parteien inszeniert
– die Wahltage ein TV-Spektakel par excellence

Die Personalisierung und Emotionalilsierung der Politik lässt sich am Beispiel der Bundesratswahlen gut aufzeigen.

Foto Otto Stich: biovision.ch

Bundesratswahlen brauchen klare Regeln

Es war in zweifacher Hinsicht ein Versuch: Vor drei Jahren dampfte ich auf einem Podium im Politforum Käfigturm den “Wahlkampf” ad hoc auf einen Satz ein. Das tönte so: “Wahlkampf ist der Kampf um die Schlagzeilen von morgen.” Ein kurzer, einfacher und ziemlich knackiger Satz. Prompt schaffte er es tags darauf in die Berichterstattung der Regionalzeitung. Versuch geglückt.

Inzwischen würde ich “von morgen” getrost weglassen. Die Onlineportale sind derart schnell und mächtig geworden, dass Schlagzeilen und News – ich bestehe auf der englischen Bezeichnung – in Windeseile über verschiedenste Kanäle weiterverbreitet werden, ja oftmals regelrechte Wellen auslösen. Bürokollege Suppino findet, dass die Medien viel zu stark aus Schlagzeilen, Instant-News und Hypes bestehen.

Um Schlagzeilen geht es auch im Vorfeld von Bundesratswahlen. Kein Thema eignet sich besser für den Wahlkampf. Das konnten wir in den letzten Jahren bei den oftmals taktisch motivierten Rücktritten gut beobachten. Den Parteien ist viel mediale Aufmerksamkeit gewiss, egal wie relevant ihre Äusserungen und Planspiele auch sein mögen. Weil sich viele Politiker selbst am nächsten sind, entspricht es dem Regelfall, dass auch Parteikollegen kritisiert werden. Das gehört zum Spiel und erhöht die Chancen auf Publizität markant.

Wenn es primär darum geht, Schlagzeilen zu generieren

Wer nicht kräftig auf die Tube drückt, bleibt aussen vor. Das zeigt sich beim Nachfolgekarussell von Moritz Leuenberger und Hans-Rudolf Merz deutlich. Anfänglich wollte die CVP keine Ansprüche anmelden und wurde prompt von den Medien vergessen. Geschmeidig hat sie ihre Position geändert und trommelt nun genauso wie die Grünen und die SVP.

Wie ernst dieser Lärm zu nehmen ist, zeigten jüngste Ersatzwahlen: 2008, bei der Nachfolge von Samuel Schmid, erreichte der Sprengkandidat der Grünen, Ständerat Luc Recordon (VD), nicht einmal 10 Stimmen – bei 24 Mitgliedern, die seine Fraktion zählt. Beim Ersatz von Pascal Couchepin im Herbst 2009 fand die SVP trotz lautem Gebell und wochenlanger Suche schliesslich nicht einmal einen eigenen Kandidaten.

Wir lernen: Das laute Tamtam verdiente eigentlich bloss Fussnoten, aber gewiss keine Schlagzeilen. Möglicherweise untergraben die Parteien mit dieser Form von Kommunikation langfristig ihre Glaubwürdigkeit. Die Diskussion rund um die Reform der Institution Bundesrat, die mehr Engagement verdiente und wichtiger wäre, verlaufen in ruhigen Bahnen.

Konkordanz ist zu einem verbogenen Begriff geworden

Das Tauziehen um Bundesratssitze, das seit 1999 immer wieder in Gang kommt, hat Unterhaltungswert, nützt sich allerdings auch schnell ab. Konkordanz (lat.: concordantia/Übereinstimmung) ist zu einem verbogenen Begriff geworden, unter dem fast alle etwas anderes verstehen (wollen). Die Konkordanz wird, je nach eigenem Vorteil, inhaltlich oder arithmetisch begründet. Es gibt weitere Interpretationen wie zum Beispiel die machtpolitische Konkordanz.

Damit die “daily soaps” im Vorfeld von Bundesratswahlen nicht Folgen ohne Ende werden, bräuchte es klare Regeln. Die Bundesverfassung schreibt in Artikel 175 lediglich vor, dass bei der Besetzung der Landesregierung “die Landesgegenden und Sprachregionen angemessen vertreten” sein sollten. Auf diese beiden Kriterien wurde seit 1848 grosses Gewicht gelegt – zum Glück für ein Land, das stark föderalistisch geprägt ist und nicht einem Nationalstaat entspricht.

Ich bringe zusätzliche Regeln, die nicht interpretierbar sind, in die Diskussion ein:

– Bei einer siebenköpfigen Landesregierung erhalten die drei grössten Parteien je 2 Sitze, die viertgrösste 1 Sitz
– Bei 9 Bundesräten lautet der Verteilschlüssel:
Variante a) die vier grössten Parteien erhalten je 2 Sitze, die fünftgrösste 1 Sitz
Variante b) erreicht die fünftgrösste Partei einen Wähleranteil von weniger als z.B. 8%, geht sie leer aus, die wählerstärkste Partei hingegen kriegt in einem solche Fall 3 Sitze
– Bei Bundesratsmitgliedern, die die Partei wechseln, zählt bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode ihre Parteizugehörigkeit bei der (letzten Wieder-)Wahl

Auch solche Überlegungen gehörten in den laufenden Prozess der Regierungsreform. Mit dem Modus, den ich anrege, wäre in der jetzigen Phase klar geregelt, dass die beiden Sitze bei der SP und an der FDP bleiben. Drohungen, “Theater” und Wahlkampfrhetorik blieben aus. Die Akteure könnten sich dafür mit vollem Engagement der Sachpolitik zuwenden.

P.S.  Diese Vorschläge ergänzen frühere, die ich in diesem Blog machte – work in progress.

Foto: wochenpostusa.com

Simonetta Sommaruga kandidiert und entkrampft damit den weiteren Ablauf

Wenn Kantonalparteien zu Medienkonferenzen einladen, erscheinen üblicherweise ein paar wenige Journalisten. Heute Morgen war das ganz anders: Die SP des Kantons Bern lud ein, Thema “Bundesratskandidaturen” (Plural!), und das zog. Mehr als 40 Medienschaffende wollten dabei sein, als Ständerätin Simonetta Sommaruga (Foto) ihre Bundesratskandidatur offiziell bekannt gab.

Mit der Nomination Sommarugas durch die Geschäftsleitung der Berner SP ist der erste Stein auf dem langen Weg bis zum 22. September gelegt. Das ist gut für die SP Schweiz. Einerseits weil damit das Feld an Kandidierenden bald überschaubar wird. Andererseits weil die Kandidatur einer Kronfavoritin Druck von anderen möglichen Papabile nimmt. Für sie wird es nun leichter, im Sog Sommarugas ebenfalls ins Rennen zu steigen.

Wir dürfen davon ausgehen, dass die Männer, die in der zweiten und dritten Reihe verdeckt bereitstanden, abwinken werden. SP-Männer stehen laut einem ungeschriebenen Gesetz stehen SP-Frauen nicht vor der Sonne. (Die konsequente Frauenförderung, die in den Siebzigerjahren begann, trägt längst Früchte.) Zudem gilt es bei der SP schon seit Jahren als ausgemachte Sache, dass Moritz Leuenbergers Sitz an eine Frau aus der Deutschschweiz gehen soll. Mit ihrem Zurückstehen werden die Janiaks, Hofmanns und Fehrs (SH) die Kandidatur einer Frau, die als politisches Schwergewicht gilt,  untermauern.

Das zweite Schwergewicht – die Zürcher Nationalrätin Jacqueline Fehr – muss in den nächsten Tagen nachziehen. Sonst wird das von den elektrisierten Medien als Zaudern gedeutet. Dass Fehr womöglich ein Problem hat, erörterte ich unlängst in diesem Blog.

Die weiteren Kandidaturen für das Zweierticket der SP, die nun folgen werden, müssen primär aus regionalpolitischen Aspekten betrachtet werden. Sie sind psychologisch wichtig, haben aber kaum Chancen. Das gilt beispielsweise für Eva Herzog, der Regierungsrätin aus Basel-Stadt, oder Patrizia Pesenti, der Tessiner Regierungsrätin. Mit ihren Kandidaturen hielten sie die Fahnen dieser Regionen hoch. Sie verbesserten aber auch die Möglichkeiten für einen Karriereschritt: Herzog könnte zum Beispiel eines Tages im Ständerat Anita Fetz beerben.

Nicht zuletzt kann die Partei mit einem überblickbaren Schaulaufen auf die guten Köpfe in den eigenen Reihen aufmerksam machen. Der Genfer Freisinnige Christian Lüscher machte vor Jahresfrist vor, wie man als Bundesratskandidat in wenigen Wochen zum schweizweit bekannten Politiker wird.

Nachtrag von 19 Uhr:

Ein Portrait von Simonetta Sommaruga im “Echo der Zeit” von Schweizer Radio DRS

Foto Simonetta Sommaruga: Mark Balsiger

Punkte für Moritz Leuenberger, strategische Vorteile für die SP

Moritz Leuenberger (Foto) hat sein Sensorium für Stimmungen doch nicht ganz verloren: Er sagt nun Ja zu einem vorgezogenen Rücktrittstermin. Damit kann in der Herbstsession seine und Hans-Rudolf Merz’ Nachfolge am gleichen Tag bestimmt werden. Ein Kommentator auf “NZZ online” bringt es so auf den Punkt:

Dr gschiider git naa, dr Esel blibt schtaa.

In den nächsten Tagen wäre der Ärger vieler Parlamentarier und der Öffentlichkeit über die gestaffelten Rücktritte der beiden Bundesräte zu einer grossen Wut hochgekocht worden. In dieser aufgeheizten Atmosphäre hätte Leuenbergers Image weiter gelitten. Mit seinem Umschwenken heimst er Punkte ein, die medialen Würdigungen zu seinem Rücktritt werden nun versöhnlicher ausfallen. Mediale Streicheleinheiten sind Balsam auf die Seele von sendungsbewussten Politikern.

In einem knappen Mediencommuniqué seines Departements werden “staatspolitische Überlegungen” genannt. Das spielte sicher eine Rolle bei Leuenbergers Kehrtwendung. Zentral sind aber auch parteipolitische Gründe.

Man kann von Moritz Leuenberger halten, was man will. Tatsache ist, dass er eine beeindruckende politische Karriere hinter sich hat. Mit 33 Jahren wurde er bereits Nationalrat, 1989/1990 PUK-Präsident (Fichenaffäre), später Regierungsrat und 1995 schliesslich Bundesrat. Diese Karriere wurde vor allem dank seiner Partei möglich. Im letzten Moment hat Leuenberger sich offenbar daran erinnert. Für die SP ist sein vorgezogener Rücktritt ein wertvolles Abschiedsgeschenk.

Bei den doppelten Ersatzwahlen kommt nun die SP vor der FDP zum Zug, weil Leuenberger länger im Amt war als Merz. Das gibt ihr einen bedeutend grösseren Handlungsspielraum. Sie hat strategische Vorteile und muss keine Rücksicht auf regional- und geschlechtsspezifische Kriterien nehmen. Nicht zuletzt kann das neue SP-Mitglied in der Landesregierung dereinst bei der Verteilung der Departemente zuerst wählen.

Die gegenseitige Unterstützung von SP und FDP ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Dank diesem Päckli haben Sprengkandidaturen von SVP und Grünen keine Chancen. Sie werden verheizt, auch wenn die Brandstifter etwas anderes behaupten.


Foto Moritz Leuenberger: keystone

Wiegenfest von Barack Obama vergolden

Michelle Obama hat mir eine Mail geschrieben:

“Mark, will you wish Barack a happy birthday with me?”

Warum auch nicht, dachte ich, schliesslich wird ihr Mann heute 49 Jahre alt. Der Link ist nicht zu übersehen, zwei Mausklicks, ein persönlicher Satz – erledigt.

Eine halbe Sekunde später ist auf der Website mybarackobama.com, deren Newsletter ich genauso wie Hunderttausend andere “ordinary people” auch abonniert habe, bereits ein neues Fenster offen:

“Thank you for standing alongside us, with the President. Now can you make a donation to help us take on the year ahead?”

Aha, der Geburtstag des Präsidenten will vermarktet werden, die Demokraten brauchen dringend Geld. Viel Geld. Am 2. November finden Kongresswahlen statt: Alle 435 Sitze des Repräsentantenhauses stehen zur Disposition (aktuelle Verteilung: Demokraten 257 Sitze, Republikaner 178 Sitze). Im Weiteren wird rund ein Drittel des 100-köpfigen Senats neu bestellt (Verteilung: 59 Demokraten, 41 Republikaner). Den Demokraten drohen empfindliche Verluste, weil die Unterstützung für ihre Politik und Präsident Obama drastisch schwindet.

Mit einem beispiellosen Effort versuchen Partei und Lobbys, das Wiegenfest Obamas zu vergolden. Gerade an diesem Beispiel zeigt sich, wie gross die kulturellen Unterschiede zwischen den USA und der Schweiz sind.

Man stelle sich vor, der Ehemann von Bundespräsidentin Doris Leuthard würde an ihrem Geburtstag 700 exklusive Gäste zu einem lukullischen Dinner auf das Rütli einladen. Jeder Gast müsste 1200 Franken hinblättern, die Fotorechte gingen exklusiv an Ringier. Auf diese Weise hätte die CVP ihr Budget für das kommende Wahljahr beisammen.

Ergänzend zum Thema: das Amerikanisierungsmodell der politischen Kommunikation von Winfried Schulz aus dem Jahre 1997, immer noch etwas vom besten in deutscher Sprache.

Foto Barack & Michelle Obama: bookerrising.net