Die Fahnenflucht des Thomas Müller

Siebzehn Tage lang war ich ferienhalber in unwegsamen Gegenden unterwegs und hatte keinen Zugang zu Medien. Bei der Ankunft heute Nachmittag im Flughafen Zürich-Kloten springt mir die Schlagzeile von Thomas Müller (Bild) als erste ins Auge. Diese Geschichte ist – für mich – ein lausiger Start ins Wahljahr 2011.

Über Nacht hat der St. Galler Nationalrat und Stadtpräsident von Rorschach das Parteibuch gewechselt. Das ist starker Tobak, was auch für die Kommunikation gilt. Die Spitzen seiner ehemaligen Partei, der CVP,  mussten in der Sonntagspresse vom fliegenden Wechsel Müllers zur SVP erfahren und reagierten entsprechend perplex.

Insgesamt gehörte Müller der CVP 40 Jahre lang an. Ihr und nur ihr verdankt er seine politische Karriere. Bis vor wenigen Jahren war die CVP im Kanton St. Gallen die Machtpartei schlechthin; wer er zu etwas bringen wollte, musste ihr beitreten. Eine SVP-Kantonalsektion wurde erst 1993 gegründet.

Jahrtzehntelang profitieren und dann Fahnenflucht begehen – für Müller ist das offenbar kein Problem. Dass sein Sitz, der dritte der CVP St. Gallen, wackelt, dürfte die wahre Ursache für den Parteiwechsel sein.

Es kommt aber noch dicker: In den letzten drei Jahren zahlte der ehemalige Präsident des FC St. Gallen weder der kantonalen noch der nationalen Partei seine Mandatsbeiträge. Insgesamt belaufen sich die Ausstände auf 15’000 Franken.

Zuweilen bleibt einem nur noch das Kopfschütteln.

Foto Thomas Müller: cvp.ch

Der Wahlkampf und das liebe Geld

Das “Meccano” ist stets derselbe: Nennen Parteipräsidenten einmal konkrete Zahlen, sind Gegner und Medien elektrisiert. Das war auch die letzten zwei Tage so. Kaum hatten Christophe Darbellay (cvp) und Fulvio Pelli (fdp) verkündet, welche Summen ihre Parteien im Wahljahr 2011 einsetzen wollen, wurde die Geschichte weiterentwickelt.

Ich durfte in der “Tagesschau” ein paar Sätze dazu beisteuern:

Das werde der teuerste Wahlkampf aller Zeiten, lautet die Schlagzeile. Tatsache ist, dass dieselbe Aussage alle vier Jahre aufs neue gemacht wird. Genaue Zahlen gibt es allerdings nicht. Die Intransparenz ist gross, die Lust, das Thema einmal in seiner ganzen Tiefe auszuloten – journalistisch oder politikwissenschaftlich -, scheint nicht vorhanden zu sein. Der einzige Versuch, dem Geld im Wahlkampf auf die Spur zu kommen, datiert meines Wissens aus dem Jahr 1987. Damals untersuchte eine Lizenziatsarbeit, ob man mit Geld einen Sitz kaufen könne.

Ich beschränke mich in diesem Posting auf drei Punkte:

– Erstens: Darbellay und Pelli machten, so wie ich sie verstanden habe, erst eine Ansage. Ob ihre Parteien tatsächlich 3 Millionen (cvp) oder 2,6 Millionen (fdp) zusammenbringen, ist offen.

– Zweitens: Die Medienberichterstattung konzentrierte sich bislang auf die nationalen Parteien. In der Schweiz sind die Parteien aber föderalistisch strukturiert. Vereinzelte Kantonalsektionen haben ansehnliche Budgets, d.h. zwischen 400’000 und ca. 1,2 Millionen Franken zur Verfügung, allen voran diejenigen des Kantons Zürich. Zudem bleibt im dunkeln, was Verbände, NGO, Firmen und Privatpersonen spenden.

– Drittens: Wahlkampfbudgets müssten in eine Relation gestellt werden. Der Wirtschaftsdachverband economiesuisse hatte für die Bekämpfung der Steuergerechtigkeitsinitiative der SP 5 Millionen Franken zur Verfügung. Diese Zahl ist wasserdicht. Dank diesem Budget konnte economiesuisse während zweier Monate eine kompakte und gut sichtbare Kampagne führen. Sie war für Schweizer Verhältnisse massiv.

Nehmen wir zum Vergleich das erhoffte Budget von 3 Millionen Franken Darbellays: Wenn die CVP diese Summe auf Aktivitäten und Werbung bis zum 23. Oktober verteilen sollte, bleiben pro Monat im Durchschnitt gerade einmal 300’000 Franken übrig. Das ist bescheiden und etwa achtmal weniger als economiesuisse pro Monat zur Verfügung hatte.

Ein Nachsatz darf nicht fehlen: Die Grünen waren 2003 und 2007 Wahlsieger – ex aequo mit der SVP. Sie legten um 2,4 bzw. 2,2 Prozentpunkte zu. Ihr Budget betrug jeweils unter 50’000 Franken. “It’s money that matters” – Randy Newmans Klassiker gilt nicht für Schweizer Parteien, ihre Präsidenten wissen das insgeheim auch.

Nachtrag: Laut “Tagesschau” haben die SP nächstes Jahr 1,5 Millionen und die Grünen 200’000 Franken zur Verfügung. Es handelt sich dabei um die Budgets der nationalen Parteien. Die SVP machte keine Angaben.

“Wahlkampf – aber richtig”: Schmirgeln, bis die Augen sich röten

20. Dezember 2010.

Dieser Termin ist seit Monaten in der Agenda rot markiert. “Buch sollte dann rauskommen!”, erinnerte mich am Morgen eine Notiz im Outlook. Der Termin ist verpasst, anstelle druckfrischer Bücher lieferte unsere Stammdruckerei heute eine Schachtel Prospekte aus.

Der Fehler liegt bei mir: Der Fahrplan war sehr ambitiös, dann legte mich eine Grippe ins Bett und der ideale “Slot” zum Drucken war weg. Ein grosses Pardon an alle diejenigen, die das neue Buch “Wahlkampf – aber richtig” schon bestellt haben. Es reicht nicht mehr, wie ursprünglich gehofft und im Konjunktiv angekündigt, unter den Weihnachtsbaum.

Die gute Nachricht: Das Buch wird deutlich dicker. Anstatt der angekündigten 140 Seiten umfasst es nun deutlich über 200 Seiten. Meine Kollegen Mathias Fürer und Thomas Hodel haben in den letzten zwei Wochen ein zusätzliches Kapitel über die Kantone erarbeitet, ich ergänze mit den  “26 Erfolgsfaktoren”. Die Publikation wird durchgehend vierfarbig und in einem attraktiven Format – grösser als die meisten Handbücher – erscheinen. Der Politologenjargon konnte sich nicht einnisten, schliesslich ist es ein Handbuch.

Zur Auflockerung schon mal eine Karikatur zum Thema:

Dieser Tage beugen sich alle, die am Projekt beteilgt sind, über die “Fahnen”. Wir suchen nach Tipp-, Fall- und Interpunktionsfehler – mit Erfolg. Und deshalb geht dieser Prozess des Schmirgelns weiter. Bis tief in die Abende hinein und bis sich die Augen röten.

Etliche Blogger werden übrigens in “Wahlkampf – aber richtig” für ihre wertvolle Arbeit, die sie im Netz leisten, erwähnt. Zum Beispiel er, er, er, er, er, er, er, er, sie (Plural), er und sie (Plural).

Einmal mehr fällt auf: Bloggen ist männlich. Auf dieser Liste sind gerade einmal zwei Frauen dabei. Das liegt nicht an mir, sondern daran, dass offensichtlich nur ganz wenige Frauen über politischen Themen bloggen.

Karikatur: Rainer Benz (in) Wahlkampf in der Schweiz 2011
Foto: Thomas Hodel

Calmy-Rey bleibt über 2011 hinaus

Micheline Calmy-Rey wurde mit nur 106 Stimmen zur neuen Bundespräsidentin gewählt. Dass sie ein schlechtes Ergebnis einfahren würde, war schon im Vorfeld klar. Nun wurde ihr sogar ein “Denkzettel” verpasst, den sie verdient habe. Calmy-Rey müsse in diesem neuen Amt “runder” werden, sagte ihre Parteikollegin, die Genfer Nationalrätin Maria Roth Bernasconi, über Mittag auf Schweizer Radio DRS.

Eveline Widmer-Schlumpf erzielte als neue Vizepräsidentin mit 146 Stimmen ein überraschend gutes Resultat. Daraus Schlüsse für die Gesamterneuerungswahlen in einem Jahr zu ziehen, wäre kühn. Am Mittwoch, 14. Dezember 2011 geht es um parteistrategische Machtpolitik. Bis dann wird die SVP weiterhin mit Artillerie und Kavallerie auf Widmer-Schlumpf feuern. Ihr Sitz wackelt.

Die SP wiederum hat dereinst wenig Spielraum, um ihren zweiten Bundesratssitz zu sichern. Tritt Calmy-Rey in einem Jahr zurück, steht ihr Sitz erst an siebten und letzter Stelle zur Disposition. Das kann brenzlig werden: Je nach Dynamik der vorherigen Wahlgänge  könnte sich die bürgerliche Mehrheit des Parlaments darauf verständigen, den offiziellen SP-Kandidaten aus der Romandie (mutmasslich den Fribourger Ständerat Alain Berset) nicht zu wählen.

Dieses Szenario wird realistischer, wenn Widmer-Schlumpf die Wiederwahl schaffen sollte. Dann käme es beim siebten Umgang zu einem Angriff des SVP-Kandidaten – vermutlich erneut Jean-François Rime -, auch er ein Fribourger.

Die SP-Spitze ist sich der Gefahren bewusst. Sie wird alles daran setzen, die wenig geliebte Calmy-Rey auf ein Ausharren in der Landesregierung bis 2012 oder sogar 2013 einzuschwören.

Foto Micheline Calmy-Rey: schweizer-illustrierte.ch

Die Zeichensetzer marschieren durch

Jetzt schämen sie sich wieder – auf Facebook, in Onlineforen und auf der Strasse: Vor drei Stunden versammelte sich beim Bahnhof Bern eine Horde Demonstranten (siehe Bild unten), skandierte Anti-SVP-Parolen, brannte Pyros ab und blockierte – zum Teil vermummt – den öffentlichen Verkehr. Ich nahm vor Ort einen Augenschein. Ob es zu Ausschreitungen und Sachbeschädigungen gekommen ist, wissen wir morgen.

Die schüchterne Frage sei erlaubt: Gingen die Fremdschämerinnen und Protestierenden auch allesamt abstimmen? Mich übermannen Zweifel. Aber gegen die Volkspartei ein wenig Radau zu machen ist “voll geil” – Volkssport für zwei Stunden. Und dann wieder nach Hause an die Wärme, die Spielkonsole wartet.

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Ich finde das Ja zur Ausschaffungsinitiative hoch problematisch und habe mich auch klar gegen sie ausgesprochen. Vereint dagegen anzukämpfen wäre die Aufgabe der staatstragenden Parteien gewesen. Stattdessen leisteten sie sich entweder einen Zweifronten-Konflikt oder ihr Engagement war lau. Der Kitt, der unserere Gesellschaft zusammenhält, löst sich weiter auf.

Symbolpolitik ist en vogue. Es ging bei dieser Volksinitiative darum, ein Zeichen zu setzen. Das haben die Schweizerinnen und Schweizer heute getan. Viele aus Verunsicherung. Diese Vorlage war erneut ein Ventil, die Zeichensetzer marschierten durch.

Das Ja markiert den Startschuss für einen langen und beschwerlichen Weg, bis eine einigermassen praktikable Lösung errungen werden kann. Die Sieger von heute sind eingeladen, bei diesem Prozess konstruktiv mitzuwirken. Ob sie das überhaupt können? Oder wollen? Wahrscheinlicher ist, dass sie bereits im Wahljahr 2011 die nächste Volksinitiative lancieren werden. Asyl, Einbürgerung, Personenfreizügigkeit – es gibt verschiedene Stossrichtungen. Das Agendasetting beherrscht die SVP.

Der Abstimmungskampf zeigte es erschreckend deutlich: Die Stärke der SVP ist die Schwäche aller anderen Parteien. Elf Monate vor den eidgenössischen Wahlen lässt das nichts Gutes erahnen. Die Zeichensetzer sind gut unterwegs; das Potenzial des nationalkonservativen Lagers liegt bei 35 Prozent. Die SVP erreichte 2007 einen Wähleranteil von 28,9 Prozent. Vorab in der Zentralschweiz und der Romandie kann sie noch weiter wachsen.

– Sujet: julis-diepholz.com
– Foto: Demonstration Bern: keystone (ergänzt am 29.11. um 11 Uhr)

Ausschaffungsinitiative: ein Zeichen setzen, Probleme anpacken oder weiterblöken?

Und wieder wird unser Land wegen einer Volksinitiative durchgeschüttelt. Im Gegensatz zur Anti-Minarett-Initiative vor Jahresfrist wird aber immerhin eine Debatte geführt, die diesen Namen verdient. Zwei Ereignisse sind absehbar:

– In den Leutschenbach-Studios schreien am 28. November die Exponenten der drei Lager Zettermordio. Je nach Ausgang der Abstimmung werden z.B. der Zerfall des Rechtsstaats, die “Pfui”-SVP oder die Kuscheljustiz angeprangert.
– Die nächste Volksinitiative von Rechtsaussen, die auf Ausländer zielt, folgt mit Sicherheit. Vermutlich bereits im nächsten Jahr.

Ein Aufwand von fünf Minuten reicht aus, um die Ausschaffungsinitiative materiell einschätzen zu können – im Bundesbüchlein auf Seiten 16 und 17. Ins Auge sticht der Deliktkatalog, weil er unvollständig und damit willkürlich ist. Schwere Wirtschaftsdelikte oder schwere Körperverletzung werden beispielsweise nicht aufgeführt. Das ist hochproblematisch. Ein Beispiel:

Ein amerikanischer Staatsbürger arbeitet in Zug als Anwalt. Er wird wegen qualifizierter Geldwäscherei, Steuerbetrug in Millionenhöhe und anderen Wirtschaftsdelikten rechtskräftig verurteilt. Er darf bleiben. Ein junger Serbe, der in Kleinbasel als Ameisenhändler geringe Mengen an Kokain verkaufte, wird hingegen ausgeschafft.

Der Initiativtext ist konfus. Er liest sich so, als hätten ein paar Jusstudenten im zweiten Semester nach einer durchzechten Nacht irgendetwas zu Papier gebracht. In der Bundesverfassung hat ein solcher Artikel nichts zu suchen.

Den Gegenvorschlag des Parlaments als Wurf zu bezeichnen wäre verfehlt. Aber er entspricht einem Kompromiss, der die Bundesverfassung nicht verletzt, und er umfasst alle schweren Straftaten. Das ist sein entscheidender Vorteil. In den letzten Wochen betonten die Initianten oft, man müsse jetzt ein Zeichen setzen. Das tönt gut. Zielführend wäre es, wenn das schwelende Problem auch tatsächlich angepackt würde. Gefordert sind insbesondere die Kantone; sie müssen sich in der Praxis auf eine einheitliche Handhabung verständigen.

In breiten Teilen der Bevölkerung ist ein diffuses Gefühl des Unbehagens spürbar; es mischt sich mit Ängsten – etwa vor dem Arbeitsplatzverlust. Der SVP darf man zugute halten, dass sie mit der Ausländerkriminalität ein real existierendes Problem an die Öffentlichkeit gezerrt hat. Problemlösungskompetenz müssten nun alle anderen Parteien beweisen. Dazu gehörte vorerst Pragmatismus. Ein zweifaches Nein, wie es SP und Grüne beschlossen haben, erhöht bloss die Chancen der Initiative.

Die aktuelle Debatte zeigt deutlich auf, dass es in diesem Land viele Zeichensetzer gibt, die laut und mit markigen Worten auftreten. Es gibt aber auch viele Linke, die nicht inhaltlich argumentieren, sondern nur dumpf gegen die SVP blöken. Es sind dieselben Leute, die immer genau wissen, was richtig und was falsch ist. Sie nehmen für sich in Anspruch, Andersdenkende diffamieren zu dürfen.

Beide Gruppierungen, die Zeichensetzer und die Blöker, haben sich, so scheint es mir, von der Mitgestaltung dieses Landes verabschiedet.

Sujets:  svp.ch, fdp.ch

Justizministerin Simonetta Sommaruga und Adrian Amstutz im “Arena”-Nahkampf

Am letzten Abstimmungswochenende wurde Simonetta Sommaruga von der eigenen Partei im Regen stehen gelassen, am Montag begann sie im Justiz- und Polizeidepartement und gestern Abend bestritt sie bereits ihre erste Abstimmungs-“Arena”. Ihr Kontrahent war Nationalrat Adrian Amstutz (svp), der im Kanton Bern für den Ständerat kandidiert.

Das “Arena”-Duell hatte es schon aufgrund der personellen Zusammensetzung in sich: Links Simonetta Sommaruga, seit fünf Tagen Justizministerin, rechts Nationalrat Adrian Amstutz, Vize-Präsident der SVP. Amstutz aspiriert im Kanton Bern auf den Ständeratssitz, der seit Sommarugas Wahl in den Bundesrat verwaist ist.

Sommaruga und Amstutz markieren unter normalen Umstanden die Pole, wenn es um Diskurs und Wortwahl geht. In der gestrigen Sendung zur Ausschaffungsinitiative war allerdings einiges anders: Amstutz wählte zwar wie gewohnt deutliche Worte, so wie man ihn kennt (“Dir verzellet ein Seich am angere, Frou Bundesrätin”; “das si Lugine”. Für Nicht-Berner: Lugine sind Lügen).

Sommaruga zeigte aber bald einmal Emotionen, ihre Backen röteten sich – und sie griff ihren Kontrahenten persönlich an. Das kennt man sonst nicht von ihr. Er sage von sich selber, er würde mit dem Zweihänder politisieren, warf die Bundesrätin Amstutz vor. Diesem platzte nach dieser Aussage der Kragen.

Fazit: Im Sägemehl standen sich zwei Politisierende gegenüber, die es nicht miteinander können. Das war förmlich spürbar. Mit dem “Zweihänder” rutschte Sommaruga das falsche Wort heraus. Richtig wäre die “Motorsäge” gewesen – an sich ein Synonym. Amstutz’ Aussage, er politisiere mit der Motorsäge, ist verbrieft und wird im Kanton Bern regelmässig aufgegriffen. Er selber bezeichnet das als sein Markenzeichen.

Lukas Hartmann, Schriftsteller und Gatte von Simonetta Sommaruga, äusserte sich vor drei Jahren in einem Leserbrief zu Adrian Amstutz. Er reagierte auf ein Interview, das die Tageszeitung “Der Bund” nach den eidgenössischen Wahlen mit Amstutz geführt hatte:

“Politiker sind nicht dazu da, lieb zu sein” (Samstagsinterview “Bund”, 27.10.2007; PDF)

Hartmanns Leserbrief vom 1. November 2007 im Wortlaut:

“Die saloppe Wortwahl von Adrian Amstutz sticht ins Auge: Aus seiner Sicht herrscht in der Politik Krieg, nicht nur zwischen den Parteien, sondern auch – wörtlich – zwischen Stadt und Land. Wer Krieg führt, sieht im politischen Gegner einen Feind. Da kann man nur noch holzen und niedermähen. Wenn die Linken gegen Blocher sind, dann sollen sie sich nicht darüber wundern, dass im Internetspiel der SVP Grüne abgeschossen werden. Darüber zu jammern, ist «Theater», und sowieso gilt das, was von der andern Seite kommt, als «Mumpitz».

Eine solche Sprache scheint nun, nach dem Wahlsieg der SVP, allgemein salonfähig zu werden. Offenbar braucht sich ihretwegen niemand mehr zu schämen; sie hat auch in den Medien den Mainstream erreicht. Amstutz führt exemplarisch vor, wie stark sich das politische Klima in der Schweiz verändert hat. Vor knapp zwanzig Jahren wollte Michael Dreher, der Gründer der inzwischen verschwundenen Autopartei, die Linken an der Wand festnageln und «mit dem Flammenwerfer drüber». Das löste damals Entsetzen und heftigen Widerspruch aus.

Wenn Amstutz heute stolz darauf ist, mit «der Motorsäge zu politisieren», macht ihn dies zum allseits geachteten Hardliner, welcher eben weiss, was er will. All die Weicheier, die zu «lieb» miteinander sind, verdienen es nicht besser.

Ich wundere mich, dass kritische Journalisten diese militärisch gefärbte Sprache und das Menschenbild, das dahintersteckt, nicht stärker durchleuchten. Das Feld der Politik ist kein Kriegsschauplatz, sondern ein Ort der Debatte. Die mag hart, sogar unerbittlich sein; aber Respektlosigkeit, von welcher Seite auch immer, frisst an den Wurzeln der Demokratie. In diesem Sinn wünsche ich Herrn Amstutz eine grössere Nähe zu den gutschweizerischen Traditionen, auf die er sich sonst so vehement beruft.”
(© Der Bund; 01.11.2007; Seite 30)


Andere zum denselben Themen:

Bundesrätin ohne Schonzeit (Blog “Der Landbote”, Karin Landolt, 06.11.2010)
Simonetta Sommaruga an zwei Fronten (Seniorweb, Anton Schaller, 07.11.2010)

SVP-Halali zur Treibjagd auf Ausländer (Blog Konrad Hädener, 11.07.2010)
Mit der Motorsäge auf dem Weg nach ganz oben (NZZ am Sonntag, Stefan Bühler, 28.10.2007)

Foto Simonetta Sommaruga und Adrian Amstutz: SF

Das neue Buch zum Wahlkampf kommt

Gut Ding will Weile haben. Vor drei Jahren entschied ich mich, erneut ein Buch über den Wahlkampf zu schreiben. Doch der richtige Start verzögerte sich immer wieder, andere Projekte hatten Vorrang. Jetzt ist die neue Publikation aber in der Pipeline. Vorab gibt es hier den Entwurf des Buchcovers zur Ansicht:

In 366 Tagen werden die eidgenössischen Wahlen 2011 stattfinden. Sie dürften so spannend werden wie selten zuvor. Das neue Buch kann einen wichtigen Beitrag bei der Planung und Führung von erfolgreichen Kampagnen leisten.

“Wahlkampf – aber richtig” entspringt einem Wunsch, den etliche Leserinnen und Leser des ersten Buches “Wahlkampf in der Schweiz” deponierten. “Machen Sie ein Buch, das praktisch aufzeigt, wie wir vorgehen müssen.”

Im neuen Buch stelle ich deskripitv fünf erfolgreiche Kampagnen vor: drei für den Nationalrat, eine für ein Kantonsparlament und eine für die Exekutive einer Kleinstadt. Die Fallbeispiele zeigen auf, wie die Kandidierenden vorgingen, was sie gut und was weniger gut machten.

Was ist “erfolgreich”: Nadine Masshardt (oben rechts) schaffte auf Anhieb den Sprung in ein Stadtparlament, ein Kantonsparlament und, 2007, auf den ersten Ersatzplatz der Berner SP. Aufgrund dieser Leistungen darf Masshardts Kampagne, die faktisch länger als drei Jahre lang dauerte, mit Fug als erfolgreich bezeichnet werden.

Ergänzend gibt es ein Kapitel zu Facebook, Twitter und Co., weil sich der Wahlkampf nur noch in den sozialen Netzwerken entwickelt. Checklisten gehören auch dazu.

“Wahlkampf – aber richtig” erscheint voraussichtlich am 20. Dezember – ausschliesslich bei meiner Firma und nicht im Fachhandel -, kann aber schon jetzt bestellt werden. Zu einem Vorzugspreis von 34 Franken.

Mit dem neuen Buch schliesst sich ein Kreis: Nur wegen “Wahlkampf in der Schweiz” hatte ich ursprünglich das Wahlkampfblog lanciert. Es war und ist durchaus eine gegenseitige Befruchtung.

Wahlkampfblog goes Facebook

Man kann von Facebook halten, was man will. Der Siegeszug von Mark Zuckerbergs Social-Media-Plattform geht ungebremst weiter. So wurde vor ein paar Monaten die Schallgrenze von 500 Millionen Nutzern durchbrochen. In der Schweiz beträgt die Penetration inzwischen knapp 30 Prozent.

Wo die Masse ist, sind auch die Politiker – quasi ein Naturgesetz. Und so werden Facebook, Twitter  & Co. seit etwa zwei Jahren auch bei Wahl- und Abstimmungskampagnen eingesetzt – mit unterschiedlichem Erfolg.

Von nun an werde ich vermehrt auf einer Facebook-Gruppe politische Themen anstossen, Kampagnen ins Rampenlicht rücken und Tipps und Tricks vermitteln. Die Vermutung liegt nahe, dass auf Facebook ein Dialog schneller möglich ist. Und genau darum geht es.

Die Gruppe heisst

Wahlkampf – Hintergrund, Tipps und Tricks

Es handelt sich um eine komplett offene Gruppe. Also: Link anklicken, “liken” (hurra, Denglisch!), am besten noch unten links bei “Teilen” nochmals klicken –  so wird diese Gruppe schneller bekannt.  Dann kann es losgehen. Es wird dauern, bis die Mitgliederschar grösser und regelmässig zum Diskutieren aufgelegt ist.

Das Wahlkampfblog wird wegen Facebook nicht einschlummern. Allerdings werde ich die Zahl der Postings die nächsten Monate deutlich reduzieren. Der Grund ist simpel: Bis Weihnachten 2010 sollte mein nächstes Buch fertig werden. Arbeitstitel “Wahlkampf – aber richtig – ein Handbuch mit 5 erfolgreichen Kampagnen unter der Lupe”.  Dazu kommt ein Kapitel über den Bereich Social Media.

Es diszipliniert mich (noch mehr), dieses Buch hier anzukündigen.

Wahlkampfblog goes Facebook – dieser Titel geht deutlich an der Realität vorbei. Korrekt wäre: Wahlkampfblog has become a little brother on Facebook. Social Media ist noch nicht einmal in den Kinderschuhen unterwegs, ich betrachte es weiterhin als Spielwiese – und übe.

Nach dem Machtpoker im Bundesrat: Die Opferrolle bringt der SP nichts

Vorneweg: Mir missfällt die Art und Weise, wie der Bundesrat gestern die Departementszuteilung vorgenommen hat. Das war knallharte Macht- und Parteipolitik. Die NZZ verziert ihren Kommentar heute mit einem treffenden Titel: “Fehlstart”.

Es macht wenig Sinn, hier zu paraphrasieren, was Empörungsbewirtschaftung und Thesenjournalismus die letzten 22 Stunden bereits produzierten. Vielmehr fokussiere ich auf drei Aspekte, die bislang nirgendwo angeschnitten wurden:

Erstens: Die SP trägt eine Mitschuld, dass ihre neue Bundesrätin Simonetta Sommaruga nicht das Uvek übernehmen kann. Sie hätte Moritz Leuenberger, der dieses Departement 15 Jahre lang führte, rechtzeitig auf einen geschickt gewählten Demissionstermin einschwören müssen. Bei einem ordentlichen Rücktritt auf Ende 2007 wäre das Uvek problemlos im Schoss der SP geblieben, ebenso vor zwei Jahren.

Zweitens: Das EJPD ist in der Tat seit Jahrzehnten nur noch ein drittklassiges Departement. Sommaruga hat aber das Potenzial, eine erstklassige Chefin zu werden. Sie vereint politisches Talent mit Fleiss und Klugheit, was sie zusammen mit Doris Leuthard und Franz Steinegger zu der Ausnahmeerscheinung der letzten 20 Jahre in der Schweizer Politik macht.  Betrachtet man die Ahnengalerie der EJPD-Vorsteher, entdeckt man prägende Persönlichkeiten wie Arnold Koller oder Kurt Fugler.  Es ist möglich, dass Sommaruga trotz der “Verdammung” (O-Ton SP) ins EJPD eine prägende Figur wird.

Drittens: Die hitzigen Diskussionen drehten sich bislang vor allem um Departemente, die grosse Rochade und die mögliche Abwahl von Eveline Widmer-Schlumpf. Dabei ging in Vergessenheit, dass der Bundesrat wieder vermehrt als geeintes Führungsgremium auftreten will, welches die grossen Linien vorgibt. Das ist ihm weiterhin zuzutrauen. In der Landesregierung hat jedes Mitglied eine Stimme. Die Stimme von Simonetta Sommaruga als Bundesrätin dürfte man vernehmen – überlegt, klar und dossiersicher – mittwochs an der Bundesratssitzungen, an Klausuren und regelmässig in der Öffentlichkeit.

Die Opferrolle bringt der SP elektoral nichts, die Departementszuteilung geht am breiten Publikum vorbei. Sie lässt sich auf die Dauer nicht bewirtschaften.

Foto: asp.personello.com