Die Wahlen werden nicht im Netz gewonnen

iHasi.inddEs ist zu einem Ritual geworden.

Zu Beginn des Jahres 2007 proklamierten die Internet-Enthusiasten: “In diesem Wahljahr erfolgt der grosse Durchbruch des Internets.” Das Wahljahr 2007 ging zu Ende, der Durchbruch blieb aus.

Anfang 2011 wiederholte sich dieselbe Ansage; konnte nicht eingelöst werden.

Im Januar 2015 ertönten wieder laute Stimmen: “Im Wahljahr 2015 kommt er bestimmt, der grosse Durchbruch.”

Nun, der Wahlkampf 2015 macht gerade Sommerpause, aber ich glaube nicht daran, dass die Kandidierenden in den verbleibenden 100 Tagen ihre Internet- und Social-Media-Nutzung noch fulminant intensivieren – und verbessern! – werden. Der Durchbruch kommt, aber schleichend: wenn die Digital Natives in der Mehrheit sind, also irgendwann zwischen den Jahren 2020 und 2025.

Zu diesen und anderen Fragen gab ich Daniele Mariani von “Swissinfo” dieser Tage ein Interview, das hier verlinkt wird.

 

Mark Balsiger

 

P.S.  All denjenigen, die schon im Netz unterwegs sind, sei unsere simple Social-Media-Formel “i-hasi” (oben) in Erinnerung gerufen.

 

 

In der Affäre Markwalder geht es um Wahlkampf und Neid

christa_markwalder_580_jungfrauzeitungHeute vor zwei Wochen machte die NZZ eine Geschichte publik, die subito zur “Affäre Markwalder” hochgejazzt wurde. In den letzten 14 Tagen referenziert die Schweizer Mediendatenbank nicht weniger als 488 Beiträge zu diesem Thema. Das ergibt einen Durchschnitt von 35 Beiträgen pro Tag, die Story ist ein Medienhype par excellence.

Ich habe dieser Tage einige Medienanfragen erhalten, um diesen Fall einzuordnen. Die meisten musste ich aus zeitlichen Gründen ablehnen. Ein paar Mal nahm ich mir aber die Freiheit, die Journalistinnen und Journalisten zu Beginn in einen von mir gesteuerten Dialog zu verwickeln. Er verlief jeweils etwa so:

„Ja, ich gebe Ihnen Auskunft. Aber können Sie mir zuerst erklären: What’s the story?“

– „Ähh, (Pause), ja…. Nationalrat Christoph Mörgeli hat doch eine Strafanzeige angekündigt.”

“Genau – angekündigt. In der Politik wird unendlich Vieles angekündigt.”

– “Wissen Sie… Alle anderen Medien berichten auch über diesen Fall.“

Voilà, es werden Beiträge fabriziert, weil das die anderen Medien auch tun, nicht weil die Geschichte viel Fleisch am Knochen hat. Es geht um Klicks und Reichweite.

Doch zurück zur Frage: „What’s the story?“ Nationalrätin Christa Markwalder hatte vor zwei Jahren eine Interpellation zum Verhältnis Schweiz – Kasachstan eingereicht. Der Name Interpellation stammt vom lateinischen Wort interpellare – zu übersetzen mit: dazwischenfragen. Markwalder stellte ein paar harmlose Fragen und erhielt vom Bundesrat ein paar harmlose Antworten.

Der Text dieser Interpellation floss aus der Feder der Lobbyistin Marie-Louise Baumann, die damals noch mit Markwalder befreundet war. Beim Schreiben wirkte der kasachische Auftraggeber Baumanns (über ihre PR-Agentur Burson Marsteller) mit, was gegenüber Markwalder verschwiegen wurde. Das ist unlauter, Baumann wurde zur Persona non grata, professionelles Lobbying basiert auf Glaubwürdigkeit und Transparenz. Markwalder selber war naiv und vertrauensselig, keine Frage, sie hätte klären müssen, in wessen Auftrag Baumann wirkt. Ob die Nationalrätin das Kommissionsgeheimnis verletzt hat, wird das Büro des Nationalrats untersuchen. Sie liess ihren Fall gleich selber traktandieren.

Ein anderer Aspekt: Alle National- und Ständeräte sitzen in Kommissionen. Was sie dort beraten, ist gemäss Artikel 47 des Parlamentsgesetzes vertraulich. Die Realität ist seit jeher eine andere: Kommissionsmitglieder sind keine autarken Wesen. Sie tauschen sich aus, holen von Dritten Meinungen ein und dealen mit Informationen. Natürlich existiert das Kommissionsgeheimnis, aber was in den Sitzungen gesagt und entschieden wird, zieht seine Kreise. Die Informationen wandern weiter – zu Fraktionskollegen, Journalistinnen und – horribile dictu! – zu Lobbyisten, die die Interessen von Umweltverbänden, Krankenversicherungen, Hilfswerken oder der Rüstungsindustrie vertreten.

Manchmal werden Dokumente weitergereicht, manchmal eigene Zusammenfassungen, oft wird das Relevanteste mündlich rapportiert, manchmal auch per SMS oder mit knappen E-Mails. Was Markwalder tat, haben die anderen 245 Parlamentarier auch schon getan, bloss ist ihr Fall gut dokumentiert und aufgeflogen. («Das hätte jedem von uns passieren können», sagte CVP-Präsident Christophe Darbellay kurz nachdem der Fall ins Rollen geraten war.) Merkwürdig mutet an, dass die beiden Nationalräte Christian Miesch (svp, BL) und Walter Müller (fdp, SG), die Kasachstan auf Kosten des dortigen Regimes bereisten (Kostenpunkt: 60’240 Franken), kaum kritisiert werden.

In der Politik ist Neid so weit verbreitet wie Eitelkeit

Dass Markwalders Fall so hoch gehängt wird, hat mit ihrer Flughöhe zu tun: Sie gilt als profilierte Politikerin, ist designierte Nationalratspräsidentin und damit ein ideales Opfer für eine Kampagne. Innenpolitisch herrscht seit Wochen Themenflaute, da kam diese Story mitten im Wahljahr gerade recht. Genüsslich können die Strategen der anderen Parteien beobachten, wie sich die FDP windet, just diese FDP, die mit soliden Gewinnen aus den kantonalen Wahlen dieses Jahres hervorging. Sie haben ein Interesse daran, dass die Suppe mit dieser dünnen Geschichte noch lange köchelt.

Ein weiterer Aspekt, der eine grosse Rolle spielt: Markwalder war gerade einmal 28 Jahre alt, als sie in den Nationalrat gewählt wurde. Sie schaffte den Sprung ins Bundesparlament auf Anhieb. Andere brauchen dafür drei oder vier Anläufe – oder sie bleiben auf der Strecke. In der Politik ist Neid so weit verbreitet wie Eitelkeit. Markwalders schneller Erfolg, ihr solides Standing, die grosse Medienpräsenz und das Nationalratspräsidium, das sie im Dezember antreten soll, wecken Neid, viel Neid. Auch in der eigenen Partei.

Die FDP tut gut daran, jetzt standhaft zu bleiben. Es wäre billig, wenn sie Markwalder fallen liesse. Entscheiden sollen am 18. Oktober vielmehr die Wählerinnen und Wähler des Kantons Bern. Sie haben ein feines Sensorium. Wählen sie Markwalder wieder in den Nationalrat, ist deren Kandidatur für das Präsidium der Grossen Kammer legitimiert.

Die Scheinheiligen sollen in sich gehen, die Verlogenen und Rufmörder gehören ins Pfefferland.

 

Mark Balsiger

Transparenz: Die Agentur des Autors ist seit ihrer Gründung im Jahr 2002 nie in einem Mandatsverhältnis mit Christa Markwalder gestanden. Es gibt derzeit auch keine Mandate von der FDP Bern, der FDP Schweiz oder solche aus den weiten Steppen Kasachstans.

 

Andere Texte zum Thema:

Wer steckt dahinter? (Die Zeit, Matthias Daum, 13. Mai)
Die Rufmord-Kampagne gegen Christa Markwalder (Watson, Maurice Thiriet, 19. Mai)
Um was es wirklich geht (NZZ, René Zeller, 20. Mai)
Füürio auf der Spitze des Eisberges (Krisenblog, Roland Binz, 21. Mai)

 

Foto Christa Markwalder: jungfrauzeitung

“Der Zerfall der BDP könnte schon in diesem Herbst beginnen”

Die eidgenössischen Wahlen vom Oktober werfen ihre Schatten voraus, die politischen Akteure sind im Wahlkampf-Modus. Was bedeutet die Frankenstärke im Wahljahr? Wie steht es um die Zukunft der BDP? Was ist von der Formstärke der FDP bei kantonalen Wahlen in diesem Jahr zu halten. Gestern stand ich dem Online-Portal cash.ch zu solchen Fragen Rede und Antwort.

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cash: Die eidgenössischen Wahlen am 18. Oktober finden etwa ein Dreivierteljahr nach der Aufhebung der Kurs-Untergrenze Euro-Franken statt. Wie prägt die wirtschaftliche Unsicherheit die politische Schweiz?

Mark Balsiger: Die Frankenstärke ist das Megathema des Wahljahres 2015. 2003 mit dem ‘Jahrhundertsommer’ war es der Klimawandel, 2007 die Frage über den Verbleib Christoph Blochers im Bundesrat und 2011 bis Mitte Sommer die Atomkatastrophe von Fukushima und die Energiepolitik.

Wem nützt das Thema Frankenstärke am ehesten?

Bis jetzt haben wir gesehen, dass es der FDP nützt. Wenn wirtschaftliche Themen im Vordergrund stehen, dann profitiert die Wirtschaftspartei – dieses Label hat die FDP noch immer, stärker als alle anderen Parteien. Deswegen hat die FDP in diesem Jahr bei allen kantonalen Wahlen zugelegt. Ich glaube nicht an einen ‘Müller-Effekt’ oder an die Früchte einer Neupositionierung. Der Erfolg hat mit der politischen Grosswetterlage zu tun – zugespitzt: Ökonomie statt Ökologie.

Das Wirtschaftsthema könnte aber geradesogut der Linken helfen…

… die SP könnte auch profitieren, aber erst in einer späteren Phase. Wenn die Arbeitslosigkeit deutlich steigt, werden soziale Fragen drängender. Die Angst vor Arbeitsplatzverlust und sozialem Abstieg kann der SP durchaus wieder Zuwachs bescheren. Die Frankenstärke muss dazu aber sozial spürbar werden.

Die FDP hat wie gesagt Auftrieb bei den Kantonswahlen. Aber könnte sie nach den National- und Ständeratswahlen nicht eventuell enttäuscht sein?

Die FDP hat national seit 1983 nur verloren. Die jüngsten Erfolge geben der Partei aber Selbstvertrauen, Schwung und sie elektrisieren. Das kann den langjährigen Negativtrend stoppen. Man muss aber auch sehen: Die Wahlen in diesem Jahr fielen positiv aus für die FDP, aber sie hat davor in kantonalen Wahlen nicht weniger als 13 Mal verloren.

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Auch die SVP will dazugewinnen. Das Aufgebot prominenter Quereinsteiger – Ems-Chefin Magdalena Martullo-Blocher und Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel – kann als Kalkül gewertet werden, mit grossen Namen Stimmen holen zu können. Aber es kann aus so gelesen werden: Die SVP muss bekannte Namen bringen, weil sonst mit dem altbekannten Personal die Anziehungskraft fehlt. Was trifft eher zu?

Die SVP wird gewählt wegen des ‘Labels SVP’, das zeigen Untersuchungen. Keine andere Partei profitiert so stark vom Programm, wie es vom Publikum wahrgenommen wird. Quereinsteiger in der Politik gab es indessen immer, und für jede Partei ist es dankbar, wenn sie prominente Namen auf die Liste setzen kann. Roger Köppel wird sicher gewählt, Martullo-Blocher kaum. Ihre Kandidatur ist aber ein ‘Mediencoup’: Innerhalb der ersten drei Tage nach Bekanntgabe der jeweiligen Kandidaturen hatten die beiden SVP-Quereinstiger gemäss der Mediendatenbank SMD je über 100 Notierungen, das ist gigantisch. Botschafter Tim Guldimann, der für die SP in Zürich kandidiert, wurde bislang kaum wahrgenommen.

Spekuliert Frau Martullo-Blocher eher darauf, in einer späteren Wahl Erfolg zu haben?

Sie wird eine realistische Einschätzung gemacht haben: Es ist nicht sicher, dass die SVP neben dem bekannten und starken Nationalrat Heinz Brand in Graubünden einen zweiten Sitz holt. Martullo-Blocher hat Freude am Aufmischen, an der Provokation. Ihre Kandidatur ist ein Versuch.

Angesichts der bürgerlichen Erfolge im bisherigen Jahr wird schon von einem ‘Rechtsrutsch’ gesprochen. Wie ist so ein Begriff überhaupt einzuordnen?

Eine Mehrheit von FDP und SVP im Parlament  – als nicht nur im Nationalrat, sondern auch im Ständerat – kann man ausschliessen. Der Begriff Rechtsrutsch ist zu einem Kampfbegriff geworden: Die Linke warnt davor, bei den Bürgerlichen wird mehr von einem ‘Schulterschluss’ gesprochen.

Die so genannten Mitteparteien CVP, EVP, Grünliberale und BDP werden also weiter wichtig bleiben?

Die Mitte ist herausgefordert, sie ist fragmentiert, und sie ist in den letzten Jahren von den jungen Parteien BDP und Grünliberale aufgemischt worden. Die BDP hat ausser in den Kantonen Bern und Graubünden, wo es 2008 die grossen Zerwürfnisse mit der SVP gab, keine gefestigten Standorte.

Was bedeutet das?

Wenn bei einer jungen bürgerlichen Partei wie der BDP eine Negativspirale einsetzt, kann sie ambitionierten Mitgliedern keine Karrieremöglichkeiten mehr anbieten. Der Zulauf versiegt, und das ist das Damoklesschwert über der BDP. Der Zerfall der Partei könnte schon in diesem Herbst beginnen.

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Aber für die nächste Legislatur wird die BDP Eveline Widmer-Schlumpf im Bundesrat halten können?

Wenn die BDP im Oktober Wähleranteile und Sitze verliert, könnte Bundesrätin Widmer-Schlumpf zum Schluss kommen, dass sie besser nicht mehr kandidiert. Ohne sie fehlt der Partei aber ihr bekanntester Kopf. Würde ihr Sitz frei, müsste wieder der alte Verteilschlüssel gelten: Die drei grössten Parteien haben zwei Sitze, die vierte einen – also auch zwei Sitze für die SVP. Diese müsste kooperieren und einen überparteilich akzeptierten Kandidaten aufbauen. Für viele Mitte-Links-Parlamentarier sind zwei SVP-Bundesräte ein Horrorszenario.

Woran kranken die Grünen? Ist es allein der Fukushima-Effekt, der sich nicht wie 2011 auswirkt?

Seit der Entstehung in den Achtzigerjahren erleben die Grünen immer wieder einen Jo-Jo-Effekt. Nachdem sie 2003 und 2007 kräftig zugelegt hatten, sieht es im Oktober 2015 wieder nach Verlusten aus. Die Partei hat sich aber etabliert und stellt in Städten und Kantonen pragmatische Exekutivpolitiker.

Die SP dürfte ihren Stimmenanteil behalten. Steht einem stärkeren Wachstum nicht auch entgegen, dass die SP im Vergleich zu anderen sozialdemokratischen Parteien in Europa relativ weit links steht?

Die SP ist im europäischen Vergleich tatsächlich weit links und fährt seit einigen Jahren auch einen pronocierten Linkskurs. Die Phasen der Öffnung zur Mitte und damit zu anderen Wählersegmenten sind vorbei. Sie hat  sich auch oft auch – durchaus mit gewissem Erfolg – als ‘Anti-Blocher-Partei’ angepriesen. Aber sie muss auch stärker betonen, wofür sie ist. Es ist fatal, dass sie sich zur Schicksalfrage Europa – Bilaterale Verträge – wenig äussert. Vielleicht hat sie Angst, in dieser Frage gegen die europakritische SVP zu verlieren.

Interview cash.ch: Marc Forster 

Die Bilanz nach 23 kantonalen Wahlen: SVP, SP, GLP und BDP sind im Plus

In Zürich ist der Böögg für einmal einen Tag zu früh explodiert – so zumindest sieht es der Karikaturist Felix Schaad im heutigen “Tages-Anzeiger”:

böögg_schaad_tagesanzeiger_580_FotoFür die Grünen ist das eine böse Schlappe: Minus 3.4 Prozentpunkte bei den Kantonsratswahlen und die Abwahl ihres Regierungsrats Martin Graf schmerzen doppelt.

Nach den kantonalen Wahlen in Baselland, Luzern und Zürich im Frühjahr sieht es zappenduster aus für die Echtgrünen. Auf der anderen Seite triumphiert der Freisinn nach einem zwei Jahrzehnte andauernden Sinkflug und kann mit viel Selbstvertrauen in den nationalen Wahlkampf steigen. Für Tagi-Leitartikler Hannes Nussbaumer ist klar, dass die FDP “auch im Herbst gewinnen wird”.

Dass sie aufgrund ihrer Positionierung zulegen konnte, halte ich für eine gewagte These. Die FDP ist schon seit Fulvio Pellis Zeiten homogen und rechts der Mitte positioniert, ergo hätte sie bereits im letzten Jahr in Glarus und Zug, zwei durch und durch bürgerlichen Kantonen mit solider FDP-Tradition, zulegen müssen. Das gelang ihr aber nicht.

Doch zurück in den Kanton Zürich: In der Tat war es in den letzten Jahren mehrfach so, dass die Resultate der Zürcher Parlamentswahlen im Frühling diejenigen des Landes im Oktober vorweggenommen haben. Der Blick in die Statistik fördert dies zutage.

Die Grünen sind im Jammertal, die FDP legt zu – die ersten Trends 2015 sind gesetzt. Gut unterwegs sind aber auch die SVP und, mit etwas weniger Wind in den Segeln, die SP.

Die fünf letzten Kantonswahlen seit Oktober 2014 deuten an, wohin die Reise gehen könnte:

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Die vollständige Tabelle mit den ungewichteten Resultaten aller Kantonswahlen, die von November 2011 bis gestern (Zürich) stattgefunden haben, gibt es als PDF zum Downloaden. Aufgeführt werden nur diejenigen Parteien, die auf nationaler Ebene derzeit Fraktionsstärke haben. Bei aller Sympathie für die Kleinparteien macht eine Ausdehnung dieser Tabelle keinen Sinn. (Tipp an die Kritiker: Selber eine Tabelle erarbeiten.)

Zwischenbilanz: Nach 23 kantonalen Wahlen (PDF)

Zum (angeblichen) Trendsetter Zürich: Natürlich sind Kantonsratswahlen dort der letzte Gradmesser in der deutschen Schweiz, und das ziemlich genau ein halbes Jahr vor den Nationalratswahlen. Kommt dazu, dass ungefähr jeder sechste Wähler im Kanton Zürich zu Hause ist. Die demografische Power wird von der Medienpower ergänzt – die Politik und deren Metathemen in der Medienhauptstadt des Landes kriegt viel mehr Aufmerksamkeit als anderswo.

Dass die Kantone Basellandschaft und Aargau ein präziseres Abbild der Schweizer Parteienlandschaft als Zürich vermitteln, wird ausgeblendet. So sind CVP und BDP in Zürich klar schwächer, dafür ist die GLP nirgendwo stärker. Kollege Daniel Bochsler nennt in der “NZZ am Sonntag” ein weiteres wichtiges Detail: “In Zürich begann die SVP in den Neunzigerjahren mit der Kehrtwende zur nationalkonservativen Partei – solche Voraussetzungen und Trends lassen sich kaum für die ganze Schweiz verallgemeinern.”

Insgesamt würde es nicht schaden, die jüngsten Veränderungen mit etwas mehr Vorsicht zu interpretieren. Diese Aussage ist durchaus auch Selbstkritik, zumal ich in diesem fiebrigen Zirkus ja auch mitmache.

Mark Balsiger

Zwischenbilanz nach 21 Kantonswahlen

Seit den Nationalratswahlen 2011 gingen 21 von 26 kantonalen Wahlen über die Bühne. Eine ungewichtete Zwischenbilanz: Unter dem Strich zu den Siegern zählt die SVP (in 17 Kantonen zugelegt), die SP (13), die GLP (11) sowie die BDP (9).

Mehr Verluste als Gewinne müssen die CVP (16 Mal verloren), die FDP (12 Mal) und die Grünen (11 Mal) hinnehmen. Doch Vorsicht: Nicht alle Parteien sind in allen Kantonen angetreten. Das betrifft die BDP (8 Mal nicht angetreten), die GLP (6 Mal) und die Grünen (4 Mal).

Die Resultate im Einzelnen:

zwischenbilanz_kantonaleWahlen_Schweiz_Maerz15Hinweis: Aufgeführt werden nur diejenigen Parteien, die auf nationaler Ebene Fraktionsstärke haben. Bei dieser Tabelle handelt es sich um eine unvollständige Version, die nur zu Illustrationszwecken hochgeladen wurde.

Die vollständige Tabelle mit allen 21 Kantonswahlen, die von November 2011 bis gestern (Luzern) stattgefunden haben, gibt es als PDF zum Downloaden:

Zwischenbilanz: Alle 21 kantonalen Wahlen von Nov. 2011 – März 2015 (PDF)

Aus den kantonalen Wahlen einen Trend für die Nationalratswahlen herauszulesen, ist nicht unproblematisch. (Dazu weiter unten mehr.) Die Formkurven von drei Parteien werden hier dennoch gewürdigt:

Die SVP musste zu Beginn ein paar massive Verluste einstecken (St. Gallen, Schwyz, Uri, Thurgau), seit September 2012 hat sie allerdings in sämtlichen Kantonen zugelegt.

Die BDP legte bis im Herbst 2013 überall zu. Seit ihrem “Waterloo” in Bern im März letzten Jahres verlor sie allerdings nur noch (Ausnahme: Graubünden).

Die GLP konnte bis im Herbst 2014 mit Ausnahme des Kantons Basel-Stadt überall zulegen, seit Beginn dieses Jahres hat sich das Blatt allerdings gewendet (Verluste in Basel-Landschaft und Luzern).

Bestätigen sich die Entwicklungen der letzten Monate bei den kantonalen Wahlen in Zürich vom 12. April, wird von Trends gesprochen. Diese verfestigen sich in aller Regel schnell und werden als “Prognose” für den Ausgang der Nationalratswahlen im Oktober 2015 herangezogen.

Die Hypothese, dass die kantonalen Wahlen in Zürich die Resultate der nationalen Wahlen vorwegnehmen, wird oft aufgestellt. Sie wurde auch schon oft bestätigt. Meines Wissens gibt es aber dazu erst eine wissenschaftliche Erhebung: Andreas Ladner und Ivar Trippolini evaulierten 2007, ob kantonale Wahlen für den Ausgang der nationalen Wahlen taugen. Diese Studie zum Downloaden:

Ladner & Trippolini: Wahlvorhersagen auf der Basis von kantonalen Parlamentswahlen (PDF)

 

Mark Balsiger

P.S.  Kantonale Wahlen, die noch ausstehen: 
– Zürich (12. April)
– Appenzell Ausserrhoden (12. April)
– Appenzell Innerrhoden (3. Mai)
– Tessin (19. April)
– Jura (18. Oktober, zeitgleich mit den eidgenössischen Wahlen)

 

Luzerner SP zittert um ihren Regierungssitz

Keine Überraschung bei den Regierungsratswahlen im Kanton Luzern: Die Bisherigen der ehemaligen Kulturkampfparteien CVP und FDP wurden komfortabel wieder gewählt, alle anderen Kandidierenden scheiterten am absoluten Mehr. Der Kampf um die Plätze 4 und 5 entscheidet sich im zweiten Wahlgang am 10. Mai. Voraussichtlich wird er von einem Trio ausgefochten.

LU_RR_Zieleinlauf_2015_03_28_zentralplus_580_get_img Beim zweiten Wahlgang gilt das relative Mehr, das heisst am 10. Mai sind die beiden bestklassierten Kandidierenden automatisch gewählt. Die Ausgangslage ist offen. Die drei möglichen Szenarien:

a) Status Quo:
Der Bisherige Marcel Schwerzmann (parteilos, aber FDP-nahe) sowie Felicitas Zopfi (sp) werden gewählt, Paul Winiker (svp) hat das Nachsehen. Für dieses Szenario spricht die Statistik: mehr als 90 Prozent aller Regierungsräte in der Schweiz werden wieder gewählt. Zudem ist es Standard, wenn ein frei werdender Sitz wieder von derselben Partei (in diesem Fall von der SP) besetzt wird.

b) SP raus, SVP rein:
Der Kanton Luzern ist durch und durch bürgerlich geprägt. Verständigen sich die drei bürgerlichen Parteien CVP, FDP und SVP zu einem Schulterschluss, komplettiert der Krienser Gemeindepräsident Paul Winiker (svp) die Regierung. Für dieses Szenario spricht, dass die Wirtschaftsverbände schon im Vorfeld eine rein bürgerliche Regierung, also ohne SP, propagierten. Ein solcher Schulterschluss bei den kantonalen Wahlen im Baselbiet von Anfang Februar erfolgreich.

c) Der Parteilose raus, die SVP rein:
Vor acht Jahren schaffte der parteilose Marcel Schwerzmann in einem turbulenten zweiten Wahlgang den Sprung in die Regierung. Er setzte sich gegen Peter Unternährer, der von der SVP für den bisherigen Regierungsrat Daniel Bühlmann (Schwerzmanns ehemaliger Vorgesetzter) ins Rennen geschickt wurde, durch.

In mittelgrossen und grossen Kantonen sind parteilose Regierungsräte eine Rarität. (Von 1999 bis 2008 gab es im Aargau mit Kurt Wernli einen Parteilosen in der Regierung; allerdings war der langjährige SPler wegen seiner wilden Kandidatur gegen die offizielle SP-Kandidatin ausgeschlossen worden.) Ihnen fehlt eine Fraktion, mit der sie sich austauschen können, und damit ein Resonanzkörper. Kommen die Luzerner Parteispitzen zum Schluss, dass alle grossen politischen Kräfte in der Regierung vertreten sein sollten, würden der als gemässigt geltende Winiker und Zopfi das Rennen machen, Schwerzmann hingegen ausscheiden.

Fazit: Die SP muss um ihre Regierungsbeteiligung, die sie seit 1959 innehat, zittern. Das Schicksal ihrer Kandidatin liegt in den Händen der CVP- und FDP-Wähler. Bislang hat sie nicht zustande gebracht, was die bisherige SP-Regierungsrätin Yvonne Schärli konnte: bis in die politische Mitte ausstrahlen. Als eigentliche Schiedsrichterin fungiert die CVP, die einen Wähleranteil von 30 Prozent hat. Sie entscheidet, ob die Luzerner Regierung in den kommenden vier Jahren ein rein bürgerliches und rein männliches Gremium wird. Der ehemalige Parteipräsident Martin Schwegler spricht sich in seinem Blog für eine Vertretung mit SVP und SP aus.

Mark Balsiger

Grafik: zentralplus


P.S.
Was das neue Luzerner Parlament
in jedem Fall korrgieren sollte, ist der Wildwuchs mit vorgedruckten Listen (siehe Foto unten). Es grenzt an eine Veräppelung des Wahlvolkes, dass wegen acht Kandidierende nicht weniger als 15 verschiedene Listen verteilt wurden. Andere Kantone haben diesen Unfug längst gestoppt. Demokratiepolitisch korrekt wäre ein Blankoliste mit fünf Zeilen, die handschriftlich auszufüllen sind.

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Die Zutaten für erfolgreiche Volksinitiativen

Sowohl die Familieninitiative der CVP wie die Energie- statt Mehrwertsteuer-Initiative der Grünliberalen erlitten gestern Schiffbruch. Etliche Medien sprechen von einem Debakel für diese Parteien. Damit wird der Blick frei auf das Instrument Volksinitiative, das seit geraumer Zeit vor allem als Wahlkampfvehikel zum Einsatz kommt.

Doch was braucht es, um an der Urne ein Ja zu einer Volksinitiative zu erringen? Diese Frage diskutierte ich heute Morgen mit Felix Schindler, Redaktor beim “Tages-Anzeiger”. Nach einer halben Stunde waren wir bei fünf Zutaten angelangt. Et voilà – sein integraler Artikel dazu:

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Derzeit sind 28 Initiativen hängig. Gibt es so etwas wie eine Garantie, dass eine scheitern wird? Oder positiv gefragt: Was ist das Geheimnis erfolgreicher Initiativen?

Erste Zutat: Emotionen

Stipendieninitiative und Erbschaftssteuerreform kommen demnächst vors Volk. 14 Initiativen sind bereits zustande gekommen und sind entweder beim Bundesrat oder beim Parlament hängig. Für die restlichen läuft derzeit die Sammelfrist. Eine Vorhersage, welche davon angenommen werden, will Politikberater Mark Balsiger nicht wagen. Dafür sieht er einen Nenner, den alle erfolgreichen Initiativen in den letzten 124 Jahren gemeinsam hatten. «Sie hatten ein enormes Potenzial, Emotionen auszulösen», sagt Balsiger. Sei es die Masseneinwanderungsinitiative (2014), die Minarettinitiative (2009) oder das Gentech-Moratorium (2005). Die Initiativen waren – selbst wenn sie in der Umsetzung kompliziert waren – mit einer einfachen Botschaft vermittelbar. Ein paar Sätze, die jeder versteht, eine Frage, die fast jeder intuitiv mit Ja beantwortet. So war es auch bei der ersten Initiative, die das Schweizer Stimmvolk angenommen hatte. Am 20. August 1893 hatte der Souverän über das Schächtverbot abgestimmt. Vier Monate später war es untersagt, Tiere ohne Betäubung durch einen Halsschnitt zu töten.

Zweite Zutat: Sündenböcke

In einigen Fällen erwuchs aus den Emotionen eine regelrechte Aufregung, etwa bei der Pädophileninitiative (2014), der Abzockerinitiative (2013) oder der Verwahrungsinitiative (2003). Balsiger nimmt an, dass das Empörungspotenzial dann besonders gross ist, wenn der Vorstoss einen Verantwortlichen für einen Missstand ins Visier nimmt – dieser Missetäter war bei der Abzockerinitiative bereits im Namen genannt, ebenso bei der Pädophileninitiative. Die Fokussierung auf Kinderschänder und Vergewaltiger verwandelte die Empörung gar in Wut – einen geeigneten Treiber für Kontroversen, Debatten und intensive Abstimmungskämpfe. Welche enorme Dynamik diese Themen auslösten, zeigt etwa die Tatsache, dass die Initiativen auch ohne die Hilfe von politischen Parteien erfolgreich waren.

Dritte Zutat: Glaubwürdige Initianten

Die Verwahrungsinitiative wurde von der Rheintalerin Anita Chaaban und ihrer Schwester lanciert, die sich aus einer persönlichen Betroffenheit engagierten (Chaabans Patentochter wurde entführt und vergewaltigt). Hinter der Abzockerinitiative steht der Schaffhauser Ständerat Thomas Minder – der bis 2011 kein politisches Amt bekleidete. Damals war er einfach der Chef eines KMU mit rund 20 Angestellten, das in Neuhausen Zahnpflegeprodukte herstellt. Die Pädophileninitiative stammt aus der Küche des Vereins Marche Blanche, der mit der Verjährungsinitiative schon zuvor erfolgreich war. Diese Beispiele zeigen, dass jede Initiative einen Absender braucht, der als glaubwürdig wahrgenommen wird.

Vierte Zutat: Fleissige Unterschriftensammler

Diese Erfolge sind umso bemerkenswerter, wenn man die vierte zwingende Zutat einer erfolgreichen Initiative berücksichtigt: ein Heer von Sympathisanten, die tadellos organisiert sind und ohne Lohn in ihrer Freizeit Unterschriften sammeln. Deshalb ist die Unterstützung einer politischen Partei ein wichtiger Faktor für den Erfolg einer Initiative. In der Vergangenheit scheiterten bereits 109 Initiativprojekte an der Hürde von 100’000 Unterschriften, zuletzt die drei Initiativen der Autopartei: «Ja zu vernünftigen Tempolimiten», «Strassengelder gehören der Strasse» und «Freie Fahrt statt Mega-Staus». Der serbelnden Autopartei dürfte es nicht nur an der nötigen Glaubwürdigkeit gefehlt haben, sondern auch an Logistik, Manpower und Disziplin, um Woche für Woche 1400 Unterschriften zu sammeln, 18 Monate lang. Doch auch die FDP brachte für ihre Anti-Bürokratie-Initiative nicht genügend Unterschriften zusammen und musste das Projekt 2012 beerdigen.

Bei der Einführung der Initiative 1891 brauchte eine Volksinitiative noch 50’000 Unterschriften, das waren damals knapp 8 Prozent der Stimmberechtigten. Heute braucht es nur noch rund 1,5 Prozent der Stimmberechtigten, um eine Initiative an die Urne zu bringen. Balsiger sagt, mindestens zwei Drittel der Unterschriften müssten auf der Strasse gesammelt werden. Im besten Fall können grosse Parteien und Verbände auch über Versand, Magazine und andere Medien Sympathisanten mobilisieren. Doch mehr als 35’000 Unterschriften gebe es so nicht zu holen.

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Fünfte Zutat: Das richtige Themengebiet

Doch selbst wenn diese Hürde geschafft ist, bleiben die Chancen für einen Exploit an der Urne gering. Seit 1891 ist über 198 Initiativen abgestimmt worden – gestern ist die Zahl von gescheiterten Projekten auf 176 gestiegen. Nur 22 Initiativen wurden angenommen, gerade mal 11 Prozent. Vergleicht man diese Initiativen, stellt man fest, dass die Grünliberalen eigentlich auf das richtige Thema setzten. Ihre Initiative hatte jene Ingredienz, die mehr Initiativen zum Erfolg verholfen hat als jede andere: Umweltschutz. Sieben der angenommenen Initiativen verfolgten ein Umweltanliegen. Dazu gehörten etwa die Zweitwohnungsinitiative, die Alpenschutzinitiative, die Rothenthurm-Initiative oder das Gentech-Moratorium.

Insgesamt fünf der angenommenen Initiativen stellten einen Bezug zu Ängsten gegenüber Ausländern und Fremden her, vier nahmen sich des Themas Kriminalität an. Und trotz des Erfolgs der Masseneinwanderungsinitiative: Initiativen, die eine Senkung des Ausländeranteils oder eine Reduktion der Zuwanderung zum Ziel hatten, kamen beim Volk nicht an. 1970 wurde die Schwarzenbach-Initiative mit 54 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt, 2002 die Asylmissbrauchsinitiative der SVP mit 51,1 Prozent, vergangenen November die Ecopop-Initiative mit 74,1 Prozent.

Eine Initiative scheiterte schon vor der Lancierung

Gibt es so etwas wie eine Zutat, die jedes Projekt zwingend scheitern lässt? Von den hängigen 28 Initiativen wird eine mit aller Garantie scheitern. Und dies war schon klar, bevor sie überhaupt lanciert wurde: Die Initiative «Ausschaffung krimineller Männer» ist vielmehr ein politischer Scherzartikel als ein tatsächliches Initiativprojekt. Ansonsten kämpfen alle übrigen Vorstösse mit demselben Problem: Von Lancierung bis Abstimmung vergehen rund vier Jahre. «Es ist unmöglich, vorauszusehen, wie sich die Chancen einer Initiative in dieser Zeit verändern», sagt Balsiger.

In der Tat sah die Situation für die Grünliberalen vor vier Jahren noch ganz anders aus. Damals sammelte die aufstrebende Kleinpartei innert 18 Monaten 108’000 gültige Unterschriften. Auf den ersten Blick schien die Idee so einfach wie effektiv, um die Umwelt zu entlasten und die Ressourcen zu schonen. Nur drei Monate nach der Lancierung der Initiative holte die Partei neun zusätzliche Sitze im Nationalrat und wurde so etwas wie ein Synonym für politischen Erfolg. Niemand hätte damals vorhersagen wollen, dass ihr Prestigeprojekt einen Ja-Anteil von weniger als 10 Prozent erreicht.

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Fotos: watson, 20min, SRF

Köppel hat den Ehrgeiz, die neue Leaderfigur der SVP zu werden

Was SP-Nationalrat Cédric Wermuth für viele Rechte, ist “Weltwoche”-Chef Roger Köppel für viele Linke: eine Reizfigur par excellence. Jetzt geht Köppel in die Politik. Am Nachmittag gab er bekannt, dass er für die Zürcher SVP in den Nationalrat will. Ein veritabler Coup – Köppels Wahl ist sicher.

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Köppel ist eine Spielernatur und ein begabter Provokateur. Er mag es, wenn die Fetzen fliegen, und er liebt den öffentlichen Auftritt. Er erkannte gerade noch rechtzeitig, dass er jetzt in rasantem Tempo in der Schweizer Politik aufsteigen kann. Seine Wahl in den Nationalrat ist eine reine Formsache. Dass er vom Dezember an zu einem Arbeitsparlament gehört, dessen Mitglieder hinter den Kulissen um knochentrockene Details feilschen, weiss Köppel natürlich, ebenso um die bescheidenen Einflussmöglichkeiten dort. Was ihn reizt, ist eine andere Position: Er will zum neuen Leader der SVP werden, der im Scheinwerferlicht der politischen Arena eloquent das grosse Wort führt. Seine Chancen stehen auch dafür sehr gut. Offen ist, ob er Christoph Blocher ersetzen kann.

Ich gab heute Nachmittag “20Minuten”-Redaktorin Simona Marty ein Interview zu Nationalrat in spe Roger Köppel – hier:

Herr Balsiger, Roger Köppel hat vor den Medien seine Nationalratskandidatur für die SVP begründet. Wie hat Ihnen seine Rede gefallen?

Mark Balsiger: Er hat einen lustvollen Auftritt hingelegt, spitzbübisch und scharfzüngig zugleich. Und er schaffte es wie immer, komplizierte Inhalte auf den Punkt zu bringen. Zudem sprach er frei. Das ist eine Qualität, die wenige Politiker verinnerlicht haben. Positiv formuliert ist er ein Verdichter, negativ ausgedrückt ein Vereinfacher.

Seine Sätze wirkten fast wie abgelesen. War seine Rede einstudiert?

So etwas hat ein Roger Köppel nicht nötig. Durch seine zahlreichen öffentlichen Auftritte hat er viel Erfahrung gewonnen und weiss, wie er punkten und provozieren kann. Genau wie Roger de Weck spricht Köppel im sogenannten Baukastensystem: Da er immer wieder mit gleichen Themen konfrontiert ist, kann er sich auch immer wieder auf dieselben Elemente abstützen. Dadurch wirkt er sehr eloquent.

Scheint so, als wäre der SVP mit ihm ein geschickter Schachzug gelungen.

Ja, der SVP ist mit ihm sicher ein Coup gelungen und offenbar konnte auch Köppel dem süssen Gift der medialen Aufmerksamkeit nicht länger widerstehen. Im Parlament allerdings hat auch er nicht mehr als eine Stimme – und sein Einfluss wird in Bundesbern begrenzt sein. Es wird oftmals unterschätzt, dass der Nationalrat vor allem ein Arbeitsparlament ist. Das ist harte Knochenarbeit und die Gefahr besteht, dass Köppel davon zermürbt wird. Ich gehe davon aus, dass er ein Politiker für die Bühne wird.

Wie schätzen Sie denn die Chancen ein, dass er überhaupt gewählt wird?

Köppel ist definitiv gewählt. Das ist gar keine Diskussion bei einer Person mit solch einem Bekanntheitsgrad, die für die wählerstärkste Partei ins Rennen geht.

Bereits wird Roger Köppel als Nachfolger von Christoph Blocher gehandelt. Hat er das Potenzial, in seine Fussstapfen zu treten?

Roger Köppel hat ein enormes Potenzial. Er ist schnell, gerissen, belesen, und er kennt die Polit- und Medienlandschaft aus dem Effeff. Zudem ist er ein leidenschaftlicher Debattierer. Köppel hat den Ehrgeiz, bei der SVP die neue Leaderfigur zu werden. Ob er allerdings die Parteibasis mitreissen kann, wie Blocher dies schafft, bezweifle ich. Ebenso, ob er als Intellektueller auf dem Land vom Volk geliebt wird.

Als Unternehmer mit seinem Intellekt könnte er es aber schaffen, bei den FDP-Wählern zu punkten.

Auf Panaschierstimmen ist er nicht angewiesen. Er wird von der SVP einen guten Listenplatz bekommen, das ist wichtig. Aber klar, Roger Köppel kann mit seinem unternehmerischen Geist und seiner Art auch Nicht-SVP-Wähler abholen. Doch wo es Bewunderer gibt, gibt es auch immer Feinde. Und diese sind in seinem Fall ebenso zahlreich vorhanden. Roger Köppel ist in den letzten zehn Jahren auch zu einer der grössten Hassfiguren der Gegenwart geworden. Es gibt Leute, die kriegen einen roten Kopf, wenn sie nur schon seinen Namen hören.

 

Foto Roger Köppel: soaktuell.ch

 

Die Herausforderungen der SP im Wahljahr

Die SP Schweiz trifft sich heute zum Wahlparteitag in Martigny (VS). Dort verabschiedet sie die Themen, die sie im Wahljahr 2015 in den Vordergrund stellen will.

Martin Wilhelm, Redaktor beim “Tages-Anzeiger”, wollte diesen Parteianlass mit einem anderen Ansatz anstossen. Er fragte gestern fünf Politologinnen und Politologen, was die SP tun müsse um zu punkten. Die schriftlichen Einschätzungen durften nicht mehr als 800 Anschläge umfassen.

Ich stellte mich dieser Herausforderung und “töggelete” ein paar Sätze ins System:

2015_02_14_sp_580


Auf die Menschen und ihre Sorgen zugehen

“Als Volkspartei mit langer Tradition muss die SP im Oktober wieder über die psychologisch wichtige 20-Prozent-Marke hinauskommen. Sie darf ihre Energie nicht weiter in aussichtslosen Initiativen wie Mindestlohn, 1:12 oder der Einheitskasse verpuffen, die das Volk weder elektrisieren, noch von ihm als zentral taxiert werden. Sie muss sich stattdessen mehr Kompetenz auf den beiden wichtigsten Feldern Wirtschaftspolitik/Arbeitslosigkeit sowie Migration erarbeiten. Gerade bei Zweiterem wollen viele Sozialdemokraten immer noch kneifen, und so bleibt der Vorwurf im Raum, dass sie auf einem Auge blind sind. Auf die Menschen und ihre Sorgen zuzugehen, statt sich in den ewiggleichen Zirkeln gegenseitig auf die Schultern zu klopfen und die ‹dumpfbackige SVP› zu kritisieren – das ist die grösste Herausforderung für die SP.”

Die Empfehlungen meiner Kolleginnen und Kollegen gehen mehrheitlich in andere Richtungen – gut so. Sie sind hier nachzulesen.

Nachtrag vom Montag, 16. Februar 2015:
Die SP verabschiedete in Martigny ein 10-Punkte-Programm. Im Vordergrund stehen etwa AHV, ein verbesserter Kündigungsschutz und günstigeres Wohnen – der Bericht der NZZ.

Mark Balsiger

Foto: keystone

Die Grünen sind im Wellental, der BDP ist die Basis weggebrochen

Basel-Landschaft ist bei eidgenössischen Volksabstimmungen zu einem Trendkanton geworden. Bei Wahlen liegt er zusammen mit dem Aargau nahe bei den Resultaten auf nationaler Ebene – eine Schweiz im Kleinen. Die Baselbieter Landratswahlen von gestern machen es deshalb reizvoll, im Kaffeesatz zu lesen und ein Deutungsversuch für die Nationalratswahlen vom 18. Oktober zu unternehmen.

Aussagekräftiger als die Veränderungen in Wählerprozenten und Sitzen ist die Parteiwählerzahl, wie sie die Landeskanzlei in Liestal nennt. Die Parteiwählerzahl entspricht der Summe von Kandidatenstimmen und Zusatzstimmen. Entsprechend ist der hintersten Kolonne in der nachfolgenden Tabelle am meisten Beachtung zu schenken:

BL_kantonale_Wahlen_2015_Veränderungen_580

Dieselbe Tabelle als PDF-Dokument zum Herunterladen:
Kantonale Wahlen Basel-Landschaft 2015: Veränderungen (PDF)

Zu den einzelnen Parteien, deren Resultate besonders interessieren:


FDP:

Die klare Siegerin der gestrigen Wahlen im Baselbiet ist die FDP. Zum einen stellt sie neu zwei der fünf Regierungssitze, notabene mit zwei Frauen: Monica Gschwind, neu, und Sabine Pegoraro, bisher. Im Landrat legte sie um satte 3.8 Prozentpunkte zu und gewann drei Sitze. Spannender ist aber der Zustrom an Parteiwählern: Er beträgt plus 21.1 Prozent. Es liegt auf der Hand, dass die FDP vor allem bei der BDP grasen konnte und besser mobilisierte als üblich.

Der mögliche Effekt auf die Nationalratswahlen: Wahlerfolge beflügeln und mobilisieren, die Leute wollen zu den Siegern gehören. Die Politikwissenschaft spricht in solchen Fallen vom sogenannten Bandwagon-Effekt. Die FDP muss ihre gute Form aber bei den kantonalen Wahlen in Luzern (29. März), Zürich (12. April) und Tessin (19. April) erneut unter Beweis stellen. Bleibt sie dort auf Erfolgskurs, könnte ihr bei den Nationalratswahlen im Oktober die Trendwende gelingen. Zur Erinnerung: Die FDP hat in den letzten 30 Jahren nur noch verloren. Betrug 1983 der Wähleranteil schweizweit 23.3 Prozent, erreichte er 2011 noch 15.1 Prozent.

Die Grünen:
Der Wähleranteil der Grünen bewegt sich wie eine Welle – schweizweit genauso wie im Kanton Basel-Landschaft.

BL_grüne_kantonale_und_nationale_wähleranteile_580

Gestern verloren die Grünen 32.5 Prozent ihre Parteiwählerinnen und -wähler, also einen Drittel. Das ist schmerzhaft. Mit einem Wähleranteil von 9.6 Prozent sind sie allerdings noch immer stärker als auf nationaler Ebene.

Die Perspektiven für die Nationalratswahlen: Die typischen grünen Themen haben schon vor Jahren an Zugkraft verloren, die Partei büsste bei den meisten kantonalen Wahlen an Terrain ein. Es ist gut möglich, dass sie bei den Nationalratswahlen am 18. Oktober ihre 2011er-Marke von 8.4 Prozent unterschreitet.

BDP:
Die junge Labelpartei hat gestern drei von vier Sitzen im Parlament eingebüsst, das Minus beträgt 2.2 Prozentpunkte. Problematisch ist, dass sich ihre Parteiwählerzahl um nicht weniger als 43 Prozent reduzierte. Zugespitzt ist ihr die Basis weggebrochen, nachdem sie vor vier Jahren einen guten Einstand gegeben hatte. Das hässliche Wort “Flugsand” machte am Sonntagabend die Runde.

Der mögliche Effekt auf die Nationalratswahlen: Eine solche heftige Niederlage demoralisiert. Anstatt einen Nationalratssitz anzuvisieren, wird es der BDP im Baselbiet nun darum gehen, nicht komplett unterzugehen. Für eine Trendwende bräuchte die Erfolge bei den kantonalen Wahlen in Luzern und Zürich. Bleiben diese aus, wird es knüppelhart. Der BDP fehlt es ausserhalb ihrer starken Bastionen Bern, Glarus und Graubünden an allem: Mitgliedern, Mandatsträgern, Themen, Geld und einer starken Verankerung.

Mark Balsiger

Grafiken: Thomas Hodel