Köppel hat den Ehrgeiz, die neue Leaderfigur der SVP zu werden

Was SP-Nationalrat Cédric Wermuth für viele Rechte, ist “Weltwoche”-Chef Roger Köppel für viele Linke: eine Reizfigur par excellence. Jetzt geht Köppel in die Politik. Am Nachmittag gab er bekannt, dass er für die Zürcher SVP in den Nationalrat will. Ein veritabler Coup – Köppels Wahl ist sicher.

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Köppel ist eine Spielernatur und ein begabter Provokateur. Er mag es, wenn die Fetzen fliegen, und er liebt den öffentlichen Auftritt. Er erkannte gerade noch rechtzeitig, dass er jetzt in rasantem Tempo in der Schweizer Politik aufsteigen kann. Seine Wahl in den Nationalrat ist eine reine Formsache. Dass er vom Dezember an zu einem Arbeitsparlament gehört, dessen Mitglieder hinter den Kulissen um knochentrockene Details feilschen, weiss Köppel natürlich, ebenso um die bescheidenen Einflussmöglichkeiten dort. Was ihn reizt, ist eine andere Position: Er will zum neuen Leader der SVP werden, der im Scheinwerferlicht der politischen Arena eloquent das grosse Wort führt. Seine Chancen stehen auch dafür sehr gut. Offen ist, ob er Christoph Blocher ersetzen kann.

Ich gab heute Nachmittag “20Minuten”-Redaktorin Simona Marty ein Interview zu Nationalrat in spe Roger Köppel – hier:

Herr Balsiger, Roger Köppel hat vor den Medien seine Nationalratskandidatur für die SVP begründet. Wie hat Ihnen seine Rede gefallen?

Mark Balsiger: Er hat einen lustvollen Auftritt hingelegt, spitzbübisch und scharfzüngig zugleich. Und er schaffte es wie immer, komplizierte Inhalte auf den Punkt zu bringen. Zudem sprach er frei. Das ist eine Qualität, die wenige Politiker verinnerlicht haben. Positiv formuliert ist er ein Verdichter, negativ ausgedrückt ein Vereinfacher.

Seine Sätze wirkten fast wie abgelesen. War seine Rede einstudiert?

So etwas hat ein Roger Köppel nicht nötig. Durch seine zahlreichen öffentlichen Auftritte hat er viel Erfahrung gewonnen und weiss, wie er punkten und provozieren kann. Genau wie Roger de Weck spricht Köppel im sogenannten Baukastensystem: Da er immer wieder mit gleichen Themen konfrontiert ist, kann er sich auch immer wieder auf dieselben Elemente abstützen. Dadurch wirkt er sehr eloquent.

Scheint so, als wäre der SVP mit ihm ein geschickter Schachzug gelungen.

Ja, der SVP ist mit ihm sicher ein Coup gelungen und offenbar konnte auch Köppel dem süssen Gift der medialen Aufmerksamkeit nicht länger widerstehen. Im Parlament allerdings hat auch er nicht mehr als eine Stimme – und sein Einfluss wird in Bundesbern begrenzt sein. Es wird oftmals unterschätzt, dass der Nationalrat vor allem ein Arbeitsparlament ist. Das ist harte Knochenarbeit und die Gefahr besteht, dass Köppel davon zermürbt wird. Ich gehe davon aus, dass er ein Politiker für die Bühne wird.

Wie schätzen Sie denn die Chancen ein, dass er überhaupt gewählt wird?

Köppel ist definitiv gewählt. Das ist gar keine Diskussion bei einer Person mit solch einem Bekanntheitsgrad, die für die wählerstärkste Partei ins Rennen geht.

Bereits wird Roger Köppel als Nachfolger von Christoph Blocher gehandelt. Hat er das Potenzial, in seine Fussstapfen zu treten?

Roger Köppel hat ein enormes Potenzial. Er ist schnell, gerissen, belesen, und er kennt die Polit- und Medienlandschaft aus dem Effeff. Zudem ist er ein leidenschaftlicher Debattierer. Köppel hat den Ehrgeiz, bei der SVP die neue Leaderfigur zu werden. Ob er allerdings die Parteibasis mitreissen kann, wie Blocher dies schafft, bezweifle ich. Ebenso, ob er als Intellektueller auf dem Land vom Volk geliebt wird.

Als Unternehmer mit seinem Intellekt könnte er es aber schaffen, bei den FDP-Wählern zu punkten.

Auf Panaschierstimmen ist er nicht angewiesen. Er wird von der SVP einen guten Listenplatz bekommen, das ist wichtig. Aber klar, Roger Köppel kann mit seinem unternehmerischen Geist und seiner Art auch Nicht-SVP-Wähler abholen. Doch wo es Bewunderer gibt, gibt es auch immer Feinde. Und diese sind in seinem Fall ebenso zahlreich vorhanden. Roger Köppel ist in den letzten zehn Jahren auch zu einer der grössten Hassfiguren der Gegenwart geworden. Es gibt Leute, die kriegen einen roten Kopf, wenn sie nur schon seinen Namen hören.

 

Foto Roger Köppel: soaktuell.ch

 

Wahlen in der Stadt Zürich: Zwei Prognosen und die wahrscheinlichsten Szenarien

Vor Jahresfrist war bei den Ersatzwahlen für den langjährigen Stadtzürcher Finanzvorstands Martin Vollenwyder (fdp) Pfeffer drin: Im zweiten Wahlgang setzte sich Richard Wolff (AL) schliesslich gegen Marco Camin (fdp) mit knapp 700 Stimmen Vorsprung durch – eine Sensation. Der Kandidat der Alternative Liste, einer 4-Prozent-Partei, hatte dem einst stolzen Freisinn eine herbe Niederlage zugefügt.

Am 9. Februar ist die Ausgangslage bei den Gesamterneuerungswahlen weniger spannend als vor zehn Monaten. Für die 9 Sitze bewerben sich 14 Kandidierende, 11 davon haben Chancen, gewählt bzw. wiedergewählt zu werden. Ich wage zwei Prognosen und skizziere die wahrscheinlichsten Szenarien:

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Das Stadtpräsidium:

Filippo Leutenegger (links) entpuppte sich in den letzten Monaten als engagierter, eloquenter und lustvoller Wahlkämpfer, der allerdings nicht immer dossiersicher wirkte. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er überhaupt eine Auswahl ermöglichte. Allein: Das Stadtpräsidium holt er am nächsten Sonntag nicht, dafür strahlt er zu wenig in die politische Mitte aus. Amtsinhaberin Corine Mauch (rechts), früher als graue Maus verspottet, sitzt inzwischen sicher im Sattel. Gravierende Fehler kann man ihr nicht vorwerfen, zudem profitiert sie von der strukturellen Mehrheit des Elektorats, das rot-grün tickt.

Prognose: Mauch distanziert Leutenegger deutlich und wird im ersten Wahlgang bestätigt.


Die Mehrheitsverhältnisse:

1990 holte sich Rot-Grün die Mehrheit in der Exekutive. Lange Zeit standen 5 Rot-Grüne 4 Bürgerlichen, später verschob sich das Kräfteverhältnis zu 6:3, seit April letzten Jahres sogar zu 7:2. Es ist möglich, dass diese Sitzverteilung am 9. Februar bestätigt wird. Auch möglich wäre ein 6:3 oder, mit bescheidenen Chancen, ein 6/1/2 oder ein 5/1/3.

Prognose: Der rot-grüne Block bildet mit Sicherheit auch in den nächsten vier Jahren die Mehrheit.


Die Chancenlosen:

Walter Wobmann (keine eigene Website) von den Schweizer Demokraten kandidiert primär, um seiner Partei Publizität für die Parlamentswahlen zu geben, für die Wahl in die Exekutive reicht es ihm nicht. Dasselbe gilt für das SVP-Duo Nina Fehr Düsel und Roland Scheck. Fehr gibt der Volkspartei zwar ein frisches unverbrauchtes Gesicht, ist aber politisch noch kaum in Erscheinung getreten und kämpft seit ihrem Wahlkampfauftakt mit dem wenig schmeichelhaften Etikett “Nina Wer?” Beide SVPler werden den Preis für den kompromisslosen Stil, den ihre Partei fast 20 Jahre lang pflegte, bezahlen und aussen vor bleiben. Das bürgerliche Ticket wirkt zwar erstmals seit vielen Jahren wieder einigermassen homogen, Streichaktionen wird es aber auch dieses Mal wieder geben. Die SVP ist seit 1990 nicht mehr in der Exekutive vertreten.

Nebst den 2 Sitzen, die durch die ordentlichen Demissionen von Ruth Genner (grüne) und Martin Waser (sp) frei werden, gibt es zwei Bisherige, die zittern müssen. Die Szenarien:


a) Status Quo:

knauss_Bildschirmfoto 2014-02-03 um 14.06.05golta_Bildschirmfoto 2014-02-03 um 14.06.38Im Wahlkampf ist der rot-grün-alternative Block als Einheit aufgetreten, öffentliche Gifteleien blieben aus. Wenn die Wählerschaft die Bisherigen belohnen will und findet, dass die Sitzverteilung gleich bleiben soll, erben Markus Knauss (grüne, links) und Raphael Golta (rechts) die frei werdenden Sitze. Also: 7:2.


b) Rechtskorrektur:

Aufgrund seines hohen Bekanntheitsgrades müsste Filippo Leutenegger die Wahl in den Stadtrat eigentlich schaffen, alles andere wäre eine persönliche Niederlage für ihn. Er könnte Richard Wolff aus dem Amt jagen. Also: 6:3.

Gegen dieses Szenario spricht Wolffs Bisherigen-Bonus und die rot-grüne Unterstützung, die er offiziell geniesst. Das Publikum hat sein Gesicht noch nicht vergessen, weil er vor einem Jahr schon einmal im Wahlkampf stand.


c) Auswechslung:

Filippo Leutenegger rein, Gerold Lauber (cvp) raus. Lauber hat mit seiner 5,5-Prozent-Partei in der Tat keinen einfachen Stand, er droht bei den Gesamterneuerungswahlen vergessen zu gehen. Auf Stufe Regierungsrat ereilte dieses Schicksal 2011 seinen Parteikollegen Hans Hollenstein. Also weiterhin 7:2. (Lauber könnte auch von Samuel Dubno verdrängt werden. Also: 7/1/1.


d) In dubio pro Dubno:

dubno_200_Bildschirmfoto 2014-02-03 um 16.39.57Der blockfreie Kandidat Samuel Dubno (glp; links) könnte einen der frei werdenden linken Sitz erobern oder Wolff ausbooten. Das würde bedingen, dass viele parteiunabhängige und linke Wähler wegen der massiven Übervertretung des rot-grün-alternativen Blocks Zweifel begonnen haben und korrigierend eingreifen. Also: 6/1/2.

Gegen dieses Szenario spricht, dass die Grünliberalen vor vier Jahren einen famosen Wahlsieg einfuhren. Sie legten damals bei den Gemeinderatswahlen 7,1 Prozentpunkte zu, was den Neid der anderen Parteien schürte und seither zu regelmässigen Angriffen von links und rechts führt. Beide Lager wollen verhindern, dass die GLP einen neuerlichen Erfolg feiern können.


e) Mitte-Rechts-Korrektur:

Samuel Dubno und Filippo Leutenegger erobern zwei linke Sitze – entweder die beiden, die frei werden, oder Wolff bleibt auf der Strecke. Also: 5/1/3.

Die Varianten a, b und c halte ich für realistisch, es gäbe aber selbstverständlich noch weitere Szenarien. In jedem Fall sind die Gemeinde- und Stadtratswahlen ein wichtiger Formtest für alle Parteien. In einem Jahr finden in Zürich bereits die kantonalen Wahlen statt, die wiederum einen Einfluss auf die eidgenössischen Wahlen im Oktober 2015 haben. Im Sog der Masseneinwanderungs-Initiative ist im Weiteren auch mit einer hohen Wahlbeteiligung zu rechnen. Dass einzelne Kandidatinnen und Kandidaten überdurchschnittlich davon profitieren werden, glaube ich nicht.

Mark Balsiger

P.S.   Eine weitere sichere Prognose gibt es in Bezug auf die Geschlechter: Der neu formierte Stadtrat wird aus 5 Männern und nur noch 2 Frauen (Mauch und Claudia Nielsen) bestehen. Ein Ärgernis, dass es nebst der SP keine Partei schaffte, frühzeitig chancenreiche Frauen aufzubauen. Und das in einer urbanen und weltoffenen Stadt.


Die Porträts aller Kandidierenden:

NZZ
Tages-Anzeiger


Fotos der Kandidierenden: tages-anzeiger.ch

Quereinsteiger in der Politik: Hohe Erwartungen, bescheidene Wirkung

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GAST-BEITRAG von Sarah Bütikofer *

Im Februar 2014 möchte Filippo Leutenegger (fdp) Stadtpräsident von Zürich werden. Er ist seit zehn Jahren Nationalrat und gehörte in Bern anfänglich einer raren Spezis an: er ist ein sogenannter Quereinsteiger. Ohne vorherige politische Erfahrung aus einem anderen Amt wurde der bekannte Fernsehmann im Herbst 2003 von den Zürcher Stimmberechtigten direkt in den Nationalrat gewählt. Nach einem Jahrzehnt in der Bundespolitik zieht es ihn zurück in seine Stadt. Meist verläuft die politische Karriere in die andere Richtung. Man sammelt erste Erfahrungen auf der kommunalen Ebene und arbeitet sich Schritt für Schritt auf die nationale Ebene vor. Kommt man dort an, ist man routiniert und bereits mit parlamentarischen und parteiinternen Abläufen vertraut.

Quereinsteiger gelten als Hoffnungsträger. Man nimmt an, dass sie eine bürgernahe Politik verfolgen, über viel Berufserfahrung aus der Privatwirtschaft verfügen und parteiunabhängiger politisieren. Eine kürzlich vorgestellte Studie aus Deutschland** hat diese Hoffnungen relativiert. Man darf von Quereinsteigern in der Politik nichts Weltbewegendes erwarten. Im Deutschen Bundestag, einem Berufsparlament, ist jeder zehnte Parlamentarier ein Quereinsteiger. Sie treten in der Regel spät in eine Partei ein und erreichen nach kurzer Zeit ein Mandat im Bundestag. Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger werden von den Parteien für ihre berufliche Expertise geschätzt und zeichnen sich durch mehr Auslands- und Führungserfahrung aus als die typischen deutschen Berufspolitiker und “Parteiochsentourler”.

Fehlende politische Sozialisierung als grösster Nachteil

Im Gegensatz zu den hohen Erwartungen ist die Wirkung von Quereinsteigern beschränkt. Sie sind – zumindest in Deutschland – in wichtigen Fraktions- und Parlamentsämtern schlecht vertreten und können ihre Expertise nicht so zielgerecht in die parlamentarische Arbeit einbringen wie ihre etablierten Parteikollegen. Die Untersuchung, die an der ETH Zürich und an der Universität Konstanz durchgeführt wurde, brachte zudem zu Tage, dass sich die Eigenwahrnehmung von Quereinsteigern stark von der Wahrnehmung ihrer Ratskollegen unterscheidet.

Während letztere die fehlende politische Sozialisierung als grössten Nachteil für Quereinsteiger erachten, sind diese selbst oft der Meinung, durch ihre vorangegangene Berufserfahrung genügend gut auf den Parlamentsbetrieb vorbereitet zu sein. Wie die Studie weiter zeigt, bringen Quereinsteiger bekannte politische Persönlichkeiten weder zu Fall noch verändern sie Parteien grundlegend. Ihnen fehlt der dafür notwendige direkte Draht zur Fraktionsführung, die Verankerung auf der lokalen und regionalen Ebene sowie der Zugang zu den Netzwerken innerhalb einer Partei, die sich andere Politiker über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, aufgebaut haben.

Die wenigsten Quereinsteiger kommen aus dem Nichts

filippo_Leutenegger2_200_fernwaerme_schweiz_chEine vergleichbar detaillierte Analyse der Karrierewege der Schweizer Parlamentarierinnen und Parlamentariern liegt noch nicht vor. Wir wissen nur, dass der Anteil der Quereinsteiger in der Bundesversammlung seit einem Jahrhundert konstant ist. Pro Legislatur gewinnen jeweils zwischen zwanzig und dreissig Kandidierende ohne politische Erfahrung aus kommunalen oder kantonalen Ämtern einen Sitz im eidgenössischen Parlament.*** Aus dem Nichts kommen allerdings die wenigsten. In der Regel waren sie in einer Partei aktiv und verfügten deshalb in ihrem Kanton über einen gewissen Bekanntheitsgrad. Nur ganz wenige Personen aus den Bereichen Medien, Sport oder Kultur waren so bekannt, dass sie es auch ohne etablierte Parteibeziehung direkt nach Bern geschafft haben. Ganz grosse Stricke haben diese in der Bundespolitik aber selten zerrissen.

Ob es Filippo Leutenegger (Foto rechts) gelingt, in der rot-grün dominierten Stadt Zürich die amtierende Stadtpräsidentin Corine Mauch (sp) vom Thron zu stossen, ist eher fraglich, dürfte aber weniger an seiner inzwischen grossen Erfahrung als Politiker, denn an seinen politischen Positionen und an seiner kleineren Hausmacht liegen. Die Ausgangslage zu den Wahlen in die Exekutive der Stadt Zürich skizzierte die NZZ Mitte November präzis.

* Sarah Bütikofer ist promovierte Politikwissenschafterin mit den Schwerpunkten Schweizer Politik und Parlamentsforschung. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Zürich und ist Lehrbeauftragte an verschiedenen Hochschulen der Schweiz.

** Bailer, Stefanie, Peter Meissner, Tamaki Ohmura und Peter Selb (2013): Seiteneinsteiger im Deutschen Bundestag. Wiesbaden: Springer.

*** Pilotti, Andrea (2012): Les parlementaires suisses entre démocratisation et professionnalisation (1910 – 2010). Biographie collective des élus fédéraux et réformes du Parlement helvétique. Thèse en sciences politiques, Université de Lausanne, Faculté des sciences sociales et politiques.

Fotos:
– Sarah Bütikofer: Alicia Martorell
– Filippo Leutenegger: Fernwärme Schweiz

 

Doris Fiala und ihre “gröberi Gschicht”

 

Doris Fiala ist in Schieflage. Wie die ETH Zürich in einer Medienmitteilung schreibt, wurde die Abschlussarbeit der Nationalrätin nicht anerkannt, weil sie Plagiate enthalte. Den Titel “Master of Advanced Studies” (MAS) – nicht zu verwechseln mit einem Masterstudium, das mit einem “Master of Arts” (M.A.) oder einem “Master of Science” (M.Sc.) abgeschlossen wird – darf Fiala nicht mehr tragen. Die professionellen Plagiatssucher von “VroniPlag” in Nürnberg stellten schon vor geraumer Zeit fest, dass es in Fialas Abschlussarbeit auf insgesamt 74 Seiten plagiierte Stellen hat.

Damit es zu keiner Fehlinterpretation kommt: “VroniPlag” wurde aus eigenem Antrieb aktiv; die Entscheidung der ETH basiert auf dem Gutachten eines anderen externen Spezialisten.

Vor etlichen Jahren erlangte Doris Fiala den Abschluss einer PR-Assistentin mit eidgenössischem Fachausweis. Aus Theorie und Praxis weiss sie, dass ihre Reputation aus diese Fall Schaden nimmt. Es gilt das Schlimmste abzuwenden, mithin ist es besser, hinzustehen und sich zu erklären. Das tat Fiala heute Morgen gegenüber vielen Medien. Strahlend. Sie nennt es “Vorwärtsstrategie”.

Zu einer schnellen und glaubwürdigen Kommunikation zählten aber auch absolute Transparenz und Ehrlichkeit. Im Video-Interview mit “Tages-Anzeiger” online erklärt sich Fiala. Die Passage ab 3:58 wird hier transkribiert und von “Züridütsch” in holpriges Hochdeutsch übersetzt:

“Man sagt explizit in diesen Gutachten und auch die ETH sagt, dass ich weder geschummelt (“bschisse”) habe noch einen Betrug begangen habe, sondern dass mir leider Fehler passiert sind.”

Man reibt sich erstaunt die Augen und hört diese Passage ein zweites Mal und ein drittes Mal ab. Fassen wir zusammen: In der Abschlussarbeit wurden Plagiate festgestellt, Fiala will aber nicht bemerkt haben, dass sie geschummelt hat.

Doris Fiala hält selbstverständlich an ihrem Nationalratsmandat fest, obwohl dieser Fall “e gröberi Gschicht” sei, wie sie selber sagt. Sie sei nicht angezählt, sondern “marschiere weiter”. Der Reputationsschaden ist angerichtet. In Mitleidenschaft werden auch die FDP und die Politik insgesamt gezogen.

Die Story dreht weiter: Das Trommeln dürfte lauter werden und auch die ETH kommt unter Druck.

Mark Balsiger


Frühere Beiträge über Doris Fiala:

Doris Fiala ist wie ein Kampfhelikopter (20. März 2012)
FDP Zürich: Zurück zum aufrechten Gang (27. November 2007)

Natalie Rickli und die Medien

Inland - SRF Projekt Treffpunkt BundesplatzNatalie Rickli (svp) ist zurück. Am letzten Sonntag verkündete sie auf Twitter:

“Back in Politics – back on Twitter.”

Dazu verlinkte sie auf das grosse Interview mit ihr im “Sonntagsblick”. Dort und tags darauf in einem Porträt der SRF-Sendung “Puls” präsentiert sich die Zürcher Nationalrätin von einer Seite, die wir von ihr bislang nicht kannten: verletzlich und differenziert. Der Kontrollfreak, der seine Privatsphäre zuvor rigoros abgeschirmt hatte, spricht erstmals über Persönliches.

Rickli wäre nicht Rickli, wenn sie ihr Comeback nicht sorgsam orchestriert hätte. Allerding gibt es keine Zweifel: Jeder Sonntagstitel und viele andere Medien hatten sich in den letzten Wochen auch bemüht, ein exklusives Interview mit ihr in die Welt setzen zu können. Vor diesem Hintergrund hat die Kritik an ihrem PR-Coup, etwa im “Tages-Anzeiger”,  etwas Verlogenes.

Was wären Ricklis Optionen gewesen:

– Eine Medienkonferenz einberufen? Das hätte ihr mediale Schelte eingetragen. (“Völlig überheblich!”)

– Über Facebook und Twitter vermelden, dass sie “wieder da” ist, um die folgenden 24 Stunden 80, 100 oder noch mehr Interviews zu geben? Damit wäre sie bereits wieder ins alte Fahrwasser geraten, was man auch kritisiert hätte.

– Am ersten Sessionstag (4. März) wieder im Parlament auftauchen, um dann von den Medienschaffenden belagert zu werden? Der Rummel wäre unkontrollierbar geworden.

Rickli wäre nicht Rickli, wenn sie im über vier Seiten laufenden Interview nicht auch politisch gezeuselt hätte. Eine exemplarische Passage:

Was mich in den letzten zwei Jahren frustriert hat, ist die Tatsache, dass demokratische Volksentscheide nicht umgesetzt werden. Das Schweizer Volk hat im November 2010 Ja gesagt zur Ausschaffungsinitiative. Passiert ist bis heute nichts, im Gegenteil.”

Der Journalist versäumte es, nachzuhaken oder die Aussage in einen grösseren Kontext zu stellen. Womöglich war es ihm auch egal.

Interessant ist im Weiteren, wie der “Sonntagsblick” sein Exklusiv-Interview vermarktete: Er liess es am Sonntagmorgen um 7.30 Uhr über das Presseportal von der News Aktuell AG, einer Tochter der Schweizerischen Depeschenagentur sda, verbreiten.

Dieses Angebot ist kostenpflichtig und garantiert eine hundertprozentige Abdeckung: Sämtliche Schweizer Medien erhalten diesen Original-Text-Service von News Aktuell. Er wird von Verbänden, Unternehmungen und teilweise auch der Bundesverwaltung in Anspruch genommen. Von den Medien selbst greift einzig der “Sonntagsblick” alle paar Monate einmal auf dieses Angebot zurück.

Beim Rickli-Comeback war die Nutzung des Presseportals ein Must. Das Aushängeschild der SVP bringt alles mit, was es im Boulevardjournalismus braucht. Diese Ausgabe wird sich überdurchschnittlich gut verkauft haben.

Der Mix aus Prominenz, Parteizugehörigkeit, Aussehen und Alter, ergänzt mit der Begabung, in 20-Sekunden-Soundbites jedes Thema auf eine simple Message einzudampfen, löst bei vielen Journalisten einen Reflex aus; sie müssen reagieren. Sie, die von der Politikerin Rickli wenig halten, machten sie zu einem Medienstar.

Diese Kritik ist zugleich auch Selbstkritik: Als Blogger und Expertli nahm ich schon mehrfach Einschätzungen über Ricklis Wirken vor.

 

Foto Natalie Rickli: bernerzeitung.ch

 

Bezahlte Online-Kommentare: Medien tolerieren “Dialogkultur”, die ihnen schadet

Eine hässliche Blüte, die der Abstimmungskampf um die Abzocker-Initiative getrieben hat: Studenten schreiben im Stundenlohn und unter falschen Namen Online-Kommentare. “Pfui!” erschallt es vielstimmig in Social-Media-Kanälen. Mit Recht. Bewegen müssten sich allerdings die grossen Medienhäuser, die auf ihren Online-Portalen eine “Dialogkultur” heranwachsen liessen, die ihnen selber schadet.

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Wenn es bei Abstimmungen
hart auf hart geht, werden bei einzelnen Akteuren ethische Codices zu Makulatur. Eine Zürcher Werbeagentur verschob die Grenzen und heuerte Anfang Dezember ein paar Studenten an. Mit Textbausteinen ausgerüstet, füllten sie auf Online-Portalen die Kommentarspalten. Systematisch und mit falschen Namen schrieben sie gegen die Abzocker-InitIative an und manipulierten so die öffentliche Meinung. Wer die Instruktionen liest, die der “Tages-Anzeiger” in seiner heutigen Ausgabe publik macht, wähnt sich im falschen Film.

Es ist kein Problem, auf den grossen Online-Portalen mit einem Pseudonym oder mit einem falschen Namen mitzudebattieren; teilweise werden nicht einmal die hinterlegten E-Mail-Adressen verifiziert. Das Angebot ist bewusst niederschwellig, lautet doch die Devise bei den Medienhäusern: Je mehr Kommentare, desto besser. Sie wollen die User emotional an ihre Online-Portale binden, Communitys auf- und ausbauen. Das Rennen um Visits und Klicks geht weiter.

Exemplarisch der Aufruf zum Kommentieren von Blick online:

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Es liegt auf der Hand:
Wer online mit einem Pseudonym oder einem falschen Namen debattiert, kann kräftig und dumpf austeilen, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Das ist für ein paar Hundert Leute in diesem Land offensichtlich ein Freipass: Sie lassen Dampf ab, pöbeln und diffamieren. Wer sich einmal durch ein paar Dutzend Kommentare zu einem kontroversen Thema gelesen hat, kennt diese “Dialogkultur”. Sie konnte sich etablieren, weil die Betreiber zu viele Beiträge auf lamentablem Niveau freischalten.

Das es anders geht, zeigte das Wahlbistro, das ich 2008 lanciert hatte und 2010 aus zeitlichen Gründen leider wieder einstellen musste. Dort war die anonyme Teilnahme nicht möglich. Wer mitdebattieren wollte, musste nach der Registrierung zuerst von den Betreibern telefonisch verifiziert werden. Diese Massnahme wirkte sich positiv auf die Qualität der Kommentare aus, alle Teilnehmenden konnten nur mit ihren echten Vor- und Nachnamen Kommentare veröffentlichen.

Wenn die Medienhäuser ihre teilweise noch starken Marken nicht irreparabel schädigen wollen, sollten sie nun endlich Gegensteuer geben. Wer 15 Prozent Marge erzielt, kann es sich leisten, den Online-Kommentaren die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.

Dasselbe sollten sich die engagierten Leute der Diskussions-Plattformen Vimentis und Politnetz zu Herzen nehmen. Ich schaffte es vor ein paar Stunden auch dort problemlos, mit einem Fake-Konto (“Hans aus Bern”) Kommentare zu publizieren.

Screenshot aus “Politnetz”:

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Ich bin gespannt
, wie sich der Branchenverband der führenden Werbe- und Kommunikationsagenturen (bsw) und, so sie angerufen werden, die Schweizerische Lauterkeitskommission und der Schweizer Presserat zu diesem Fall äussern.

Weitere Beiträge zum Thema:

– Vimentis: Gegner der Abzocker-Initiative kaufen Leser-Kommentare (Thomas Minder)
Der identische Text erschien übrigens auch auf Politnetz. Dort aber wird Claudio Kuster als Autor genannt. Er ist die rechte Hand von Ständerat Minder.

– Arlesheim-Reloaded: Wissen Journis nicht, wie der Hase läuft?

– Cash: Gekaufte Studenten schreiben auf Newssites gegen Abzocker-Initiative
(Mit Updates der sda)

– Jacqueline Badrans Blog: Dauerbrenner Kommentare – ein Lösungsvorschlag

– Tages-Anzeiger/Bund: Polit-Werber auf Abwegen (31. Dez.; Iwan Städler)

– Medienwoche: Kommentare kaufen ist nicht Guerilla-PR (10. Jan. 2013; Daniel Jörg)


Foto: adi

 

 

 

Christoph Mörgeli: Die Luft ist dünn, die Kommunikationsleistung der Uni dürftig

Der Berner Schriftsteller Pedro Lenz nahm 2008 mit dem Titel seines Buches vorweg, was Christoph Mörgeli nun widerfährt: “Plötzlech hets di am Füdle.” In diesem Posting geht es allerdings nicht um den scharfzüngigen Nationalrat und Medizinhistoriker, sondern die Kommunikationsleistung der Universität Zürich.

Für den “Sonntag” ist der Fall klar: “Universität entlässt Professor Mörgeli” titelte die Zeitung auf der Frontseite. Die Artikel dazu lesen sich so, wie schon alles klar sei. Eine solche Zuspitzung grenzt an Rufmord, wie der Angeschossene zu Recht monierte. Der Presserat dürfte diesen Fall aufrollen müssen.

Aus meiner Perspektive ist es erstaunlich, wie die Universität Zürich bislang kommunizierte. Seit genau einer Woche ist der Fall Mörgeli in aller Munde, das Interesse der Medien enorm. Auf der Website der Hochschule findet man drei dürre Medienmitteilungen, der Direktor des Medizinhistorischen Instituts Flurin Condrau äusserte sich noch nie öffentlich.

Angesichts der Brisanz ist dieses Vorgehen wenig professionell. Auch wenn die Medienstelle völlig überrollt wird, die interne Kommunikation Vorrang hat und arbeitsrechtlich noch lange nicht alles geklärt ist, hätte eine erste Medienkonferenz spätestens am letzten Donnerstagmorgen stattfinden müssen. Diese hätte den Medienbeauftragten und dem Institut wieder Luft verschafft. Die drängendsten Fragen wären so für den Moment in Ruhe beantwortet worden. Die Verantwortlichen der Uni hätten ausführen können, weshalb gewisse Entscheidungen noch nicht spruchreif sind und wann die nächste Information – Medienmitteilung oder Medienkonferenz – erfolgen wird.

Weitere positive Nebeneffekte:
– Die Medienschaffenden hätten sich bei ihrer Suche nach Information ernst genommen gefühlt.
– Die Uni-Verantwortlichen hätten an Statur gewonnen.
– Es macht einen Unterschied, ob man Journalisten physisch vis-à-vis hat oder nur am Telefon.
– Die Verantwortlichkeiten und Abläufe hätten mit Folien erklärt werden können.

Stattdessen gehen bei der Medienstelle der Uni und beim Medizinhistorischen Institut seit nunmehr sieben Tagen  zahllose Anfragen ein, was kaum mehr ein konzentriertes Arbeiten möglich macht. Die Fakten wurden längst mit Gerüchten, Spekulationen, Thesen und Verunglimpfungen vermengt. Kaum jemand blickt mehr durch, berichtet wird trotzdem. Zum Schaden aller Beteiligten.

Mit stetiger Information hätte die Uni das Heft in der Hand behalten können. Die Kommunikationshoheit zurückzugewinnen ist in der verkachelten Situation und bei dieser Dynamik sehr schwierig.

Nebenbei: Die Universität Zürich ist auch auf Social-Media-Kanälen präsent: Doch weder auf Twitter noch auf Facebook findet man nur eine einzige Zeile zum Fall Mörgeli. Auch hier verpasst die Bildungsstätte eine Chance. Ich kenne Studierende, die sich nur noch via Twitter und Facebook informieren.

In den letzten Jahren wurde meine Agentur regelmässig bei Krisenfällen beigezogen. Dort, wo die Entscheidungswege schnell waren und die Zusammenarbeit klappte, blieben Reputationsschäden mit Ausnahme eines Falles aus. Und das wäre dann der Werbespot gewesen.

Mark Balsiger

 

P.S.  “Tageswoche”-Redaktor Philipp Looser fasst hier die bisherigen Ereignisse mithilfe von “storify” zusammen.

 

Foto Christoph Mörgeli: blick.ch

 

Wie aus dem Lehrbuch – zu Beginn

Dieser Tage sorgt ein Plakat mit einem schwulen CVP-Paar in der halben Schweiz für Aufmerksamkeit. Die Rechnung ist aufgegangen, freuen sich die Zürcher Akteure. Allerdings machten sie auch simple Fehler.

Offen gesagt: Ein solches Sujet hätte ich der CVP des Kantons Zürich nicht zugetraut. Sie verbucht damit einen Überraschungseffekt, die erste Phase der Kampagne rollt an wie im Lehrbuch:

Am Montag hängen die ersten Plakate in der Stadt Zürich, tags darauf greift der “Blick am Abend” die Kampagne auf. Die Medienkonferenz findet am Donnerstag statt. Weil noch hochsommerliche Newsflaute herrscht und der Teaser “schwul” weiterhin wirkt, ist die massenmediale Resonanz gross. Selbst in Basel wird das Thema gross gefahren und ein welsches Gay-Magazin befasst sich ebenfalls damit.

Stadtparteipräsident Markus Hungerbühler (rechts), sein Lebenspartner Dominik Mazur, auch er CVP-Mitglied, und die Kantonalzürcher CVP verpassten es mit ihrer Aktion, die Gunst der Stunde optimal zu nutzen. Inhalte formulierten sie keine. Stattdessen wissen wir nun, dass noch 79 weitere Plakatsujets mit CVP-Köpfen folgen werden – gestaffelt über mehrere Jahre.

Dass Websites bei Parteien und Politiker oft in Vergessenheit geraten, ist bekannt. Der aktuelle Fall der CVP ist exemplarisch: Erst am Freitagabend schaltete die Kantonalpartei einen Medienspiegel auf. Zeitgleich platzierte Hungerbühler ein paar wenige Zeilen auf seiner Website. Die Referate bzw. Informationen der Medienkonferenz sind nicht online verfügbar.

Und jetzt wirds grotesk: Die CVP-Stadtpartei würdigt die enorme Präsenz ihres Präsidenten bislang mit keiner Zeile. Der Surfer wird “herzlich willkommen” geheissen. Prominent in der Mitte der Website ist die “neue Ausgabe” des vierteljährlich erscheinenden Magazins Vitamin CVP zum Herunterladen bereit. Sie stammt vom Dezember 2011.

Auf Facebook hätte die Partei unmittelbar nach der Medienkonferenz eine Diskussion über die Einführung des Adoptionsrechts von schwulen und lesbischen Paaren lancieren können. Damit wäre die nationale Partei herausgefordert gewesen, der Diskurs hätte weitere Aufmerksamkeit und ein schärferes Profil zu Folge gehabt. Nichts dergleichen geschah, die Page der Kantonalpartei verzeichnet gerade einmal 13 Likes und Protagonist Hungerbühler mochte offensichtlich nicht in ein Wespennest stechen.

Dieser Fall zeigt einmal mehr: Das Internet mit seinen Möglichkeiten ist bei den Schweizer Parteien noch nicht richtig angekommen. Es passieren immer wieder die altbekannten Fehler.

Mark Balsiger

Foto/Plakat: zvg/blick

 

Doris Fiala ist wie ein Kampfhelikopter: Wo immer sie auftaucht, wirbelt der Staub

Die Konstellation wäre ideal gewesen: Gestern Abend vermeldete die Zertifizierungsstelle Zewo, dass sie sich mit der Aids-Hilfe Schweiz geeinigt habe. Nur wenige Stunden später war die umstrittene Präsidentin Doris Fiala in der Talk-Sendung “Schawinski” zu Gast. Ihr Auftritt überzeugte nicht, genauso wenig wie zuvor ihre Krisenkommunikation in eigener Sache.

Man kann von FDP-Nationalrätin Doris Fiala (Bild) halten, was man will, etwas muss man ihr lassen: Sie kann wie ein Verteidiger der Squadra Azzurra einstecken. Dass sie ebenso hart austeilt, musste etwa ihr Parteikollege Fulvio Pelli erfahren. Dank ihrer jahrelangen Dauerkritik am Noch-Parteipräsidenten, scharfer Rhetorik und der Volksinitiative gegen das Verbandsbeschwerderecht, die sie mit 1,3 Millionen Franken durchboxte, akzentuierte sie ihr Profil, wurde bekannt und 2007 schliesslich in den Nationalrat gewählt. Die Analogie zum italienischen Fussball ist gewollt, “Forza, Fiala” hiess damals einer ihrer Slogans.

Fiala steht seit nunmehr drei Wochen in der Dauerkritik. Viele andere Politikerinnen und Politiker hätten längst den Bettel hingeschmissen, nicht so die streitbare Zürcherin. Das verdient Respekt. Als gelernte PR-Assistentin und Inhaberin einer PR-Agentur hätte sie allerdings wissen müssen, wie man den Professionalisierungsschub bei der Aids-Hilfe Schweiz kommuniziert. Wenn ein ehrenamtliches Präsidium plötzlich mit 50’000 Franken statt wie bisher mit 20’000 Franken bezahlt wird, sorgt das für Aufsehen, erst recht bei einer Politikerin mit dem Profil Fialas. Also pro-aktiv raus damit.

Rollen erst einmal die negativen Schlagzeilen – Abzocker, Fiala, FDP, Herzensangelegenheit, ach ja?! -, gibts keine Möglichkeit mehr, sie ins Positive zu drehen. Die Geschichte ist gelaufen, die Meinungen sind gemacht, die Journalisten “dissen“, das Volk wettert. Da spielt es keine Rolle mehr, ob der Verein Aids-Hilfe Schweiz Fialas Salär klar gutgeheissen hat. Solche Randnotizen interessieren kaum jemanden mehr.

Die Krisenkommunikation in eigener Sache will ihr nie richtig gelingen, sie muss immer nachbessern oder ihre Position komplett neu erarbeiten. Zuerst sagte sie, ein Nachgeben gegenüber den Forderungen der Stiftung Zewo, die die Zertifizierung für gemeinnützige Organisationen vornimmt, käme einem Schuldeingeständnis gleich. Später akzeptiert sie sie doch. Die gemeinsame Medienmitteilung von gestern Abend:

Medienmitteilung Zewo & Aids-Hilfe Schweiz (19. März; PDF)

Doris Fiala geht die Sensibilität für Schwingungen ab, sie hat auch Mühe, die Lage jeweils richtig einzuschätzen. Das kann an ihrem zupackenden Naturell liegen, am “Go, Fiala, go”, so ein anderer Slogan aus ihrer 2007-er-Wahlkampagne. Sie taucht wie ein Kampfhelikopter aus dem Nichts auf, Staub wirbelt und es wird laut. Zudem gehen ihr die Emotionen durch.

Das zeigte sich gestern Nacht bei Roger Schawinski exemplarisch. Fiala verlor mehrmals die Contenance und damit die Unterstützung der Zuschauerinnen und Zuschauer. Während des Talks versuchte sie immer wieder, Worthülsen zu platzieren. Bei einem Schawinski funktioniert das nicht. Sie verpasste die Gelegenheit, sich in der Sendung gelassen und klar zu äussern. Und damit auch die Möglichkeit, wieder Vertrauen aufzubauen.

Die Causa Fiala zieht auch andere in Mitleidenschaft: primär die Aids-Hilfe Schweiz, aber auch die FDP und die PR-Branche. Schafft Fiala mit der Aids-Hilfe den Turnaround – im letzten Vereinsjahr resultierte ein Minus von 330’000 Franken – hat sich die streitbare Politikerin rehabilitiert. Dafür bleiben ihr 15 Monate Zeit.

 

P.S.  Wie man die Sendezeit von “Schawinski” mehr als nur überstehen kann, zeigen zwei Parteikolleginnen Fialas: Karin Keller-Sutter (Regierungsrätin SG, inzwischen Ständerätin), am 5. September 2011 mit einer überzeugenden Performance, Christa Markwalder (Nationalrätin BE) am 23. Januar dieses Jahres sogar mit einem Glanzauftritt.

Foto Doris Fiala: keystone

 

Natalie Rickli im Sturm der Medien

Haben Christoph Blocher und Christoph Mörgeli nun “ein Ding gedreht”, damit ihre Favoritin Natalie Rickli doch noch ins Fraktionspräsidium gewählt werden konnte? Auch nach Ricklis Auftritt bei “Tele Züri” von heute Abend steht es in diesem Punkt weiterhin Aussage gegen Aussage. Aufschlussreich war das Interview des SVP-Medienstars dennoch.

Die Preisfrage vorweg: Kennen Sie die Fraktions-Vizepräsidentinnen und -präsidenten bei der BDP, CVP, FDP, GLP, den Grünen oder der SP? Vermutlich nicht, doch damit sind Sie nicht alleine: Selbst die Polit-Aficionados im Bundeshausperimeter hätten ihre liebe Mühe, die Namen dieser Leute aufzuzählen. In der Medienarena spielen sie keine Rolle, dort stehen die Parteipräsidenten und Fraktionschefs, ab und an die Vize-Parteipräsidenten.

Nationalrätin Natalie Rickli ist die grosse Ausnahme: Sie gehört seit wenigen Tagen zum Vize-Fraktionspräsidium der SVP. Allerdings schaffte sie die Wahl erst nachdem diese nochmals wiederholt worden war. Prompt wirbelte dieser Fall, in den Medien als “Eklat” bezeichnet, kräftig Staub auf; Fraktionschef Adrian Amstutz sah sich veranlasst, im Mediendienst der Partei Stellung zu nehmen.

Nachdem Rickli sich auf ihrer öffentlichen Facebook-Fanseite despektierlich geäussert hatte und damit einen regelrechten “Shitstorm” auslöste, war in den letzten Tagen genug Stoff vorhanden für süffige Storys. Heute schien sie wieder Tritt zu fassen. Sie sagte Ja zu einem exklusiven Auftritt in Markus Gillis “TalkTäglich”. Den Auftritt bei “Tele Züri” kündigte sie frühzeitig über Twitter und Facebook an, Kanäle, die sie regelmässig und medienbewusst bedient.

Die Wahl des Mediums und des Sendegefässes war clever: Rickli ist sehr telegen und pflegt eine einfache Sprache, damit sie von allen verstanden wird. Die 20-minütige Talksendung gibt ihr viel Raum, dank dem Live-Charakter kann sie ihre Botschaften platzieren, Botschaften, die dann von Online- und Printmedien rezipiert werden. Im Lehrbuch steht, dass man so die Kommunikationshoheit wieder zurückgewinnen kann.

Mit ihrem Auftritt von heute Abend bei Markus Gilli ist das Rickli nicht in gewohnter Manier gelungen. Mehrfach reagierte sie dünnhäutig, ja gereizt. Einmal erklärte sie: “Ich habe dieses Ämtli ja nicht nötig” – ein Schuss ins eigene Knie. Zudem verpasste sie es, sich für ihre verbale Entgleisung (“Wie krank muss ein Fraktionskollege sein?”) ) vom letzten Freitag zu entschuldigen.

Rickli hat einen kometenhaften Aufstieg hinter sich. Im Frühling 2007 wurde sie auf Anhieb in den Kantonsrat gewählt, sechs Monate später bereits in den Nationalrat. Dabei verdrängte sie Ulrich Schlüer, ein Baumeister des SVP-Erfolgs, zugleich auch so etwas wie das Gegenstück zu Rickli. Seither ist sie ein Medienstar, ominpräsent und immer gut für ein knackiges Zitat. Für die Partei ist sie Gold wert: Sie gibt der SVP ein junges attraktives Gesicht und sie kaschiert, dass der Frauenanteil in der Bundeshausfraktion nur gerade 11 Prozent beträgt.

Nun ist der “Ikarus von Winterthur” (Gilli) erstmals selber in den Sturm der Medien geraten. Damit hat Rickli nicht gerechnet und auch die Kritik aus den eigenen Reihen erwischte sie auf dem falschen Fuss. Dass sich der Neid einmal entladen musste, war klar, spätestens nachdem sie bei den Nationalratswahlen 2011 das beste Ergebnis aller Kandidierenden erzielt hatte. Dem “SVP-Engel” wurden die Flügel ein wenig gestutzt, in ein paar Tagen kehrt wieder Ruhe ein.

Mark Balsiger

 

Nachtrag vom Dienstag, 31. Januar 2012, 13.00 Uhr:

Am Morgen war Natalie Ricklis Website nicht aufrufbar, eben vermeldete sie über Twitter:

“TalkTäglich von gestern: daa.li/ubR Hiermit ist alles gesagt zu den Fraktions-Vizepräsidiumswahlen. Vielen Dank für den Support!”

Screenshot Natalie Rickli: TeleZüri/blick