“Journal B”: Eine Berner Medienstimme verstummt, bevor sie gehört werden konnte

Neun Monate nach dem Start wird dem Onlinemagazin «Journal B» der Stecker gezogen. Es seien nicht genügend Leute bereit, “jährlich 250 Franken für ein unabhängiges Medium im Raum Bern zu bezahlen“, heisst es in einer Medienmitteilung des Trägervereins. Die fünf Redaktionsmitglieder, die sich 350 Stellenprozente teilen, werden entlassen. Das frühe Aus kommt auf den ersten Blick überraschend. Schlaglicht auf zwei Fakten und zwei Irrtümer.

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VON MARK BALSIGER

Das “Niveau von «Bund» und «Berner Zeitung» ist gesunken”, kritisierte der frisch formierte Trägerverein des «Journal B» vor Jahresfrist. Ende September schob er sein Onlinemedium ins Netz. Der Claim war selbstbewusst und machte Hoffnung: “Sagt, was Bern bewegt.” Die Finanzierung schien solid zu sein: “Der Betrieb von «Journal B» ist vorerst bis Ende 2014 gesichert”, sagte Chefredaktor Beat Kohler im September letzten Jahres.

Fakt Nummer 1 ist, dass Medien mindestens drei bis vier Jahre brauchen, um den Break-Even zu erreichen.

Finanziert wird das jüngste Berner Medienkind von der «Stiftung für Medienvielfalt» aus Basel, die auch die «TagesWoche» unterstützt, der Ursula-Wirz-Stiftung (Maschinenfabrik Wifag, Bern) sowie von Vereinsmitgliedern. Ziel war es, 1500 Personen zu gewinnen, die jährlich 250 Franken bezahlen sollten. Wie sich schon bald zeigte, war dieses Ziel sehr ambitioniert, um nicht zu sagen: unrealistisch. Anfang Mai zählte der Verein gerade einmal 200 Mitglieder.

Die Medien auf dem Platz Bern zu kritisieren ist das eine, aus dem eigenen Portemonnaie 250 Franken einzuschiessen das andere. Die Bereitschaft für ein finanzielles Commitment wurde komplett überschätzt – Irrtum Nummer 1.

Die Namen in Vorstand, Verein und Redaktionsbeirat lesen sich wie ein Who is Who der Kulturszene und des links-grünen Politkuchens. Noch bevor «Journal B» überhaupt online ging, hatte es schon einen Stempel erhalten. “Aha, das wird das Sprachrohr von Rot-Grün!”, vermutete man in anderen Kreisen. Und deshalb blieb die Breitenwirkung aus, die dieses Projekt für den publizistischen und finanziellen Erfolg gebraucht hätte.

Im Kreis der Promotorinnen und Promotoren gab es etliche, die von einem schlagkräftigen linken Medium träumten, von einer «Berner Tagwacht» in Netz war die Rede, mit der man die kommunalen Wahlen mit Links gewinne. Doch es gibt keine Renaissance der Parteipresse – Irrtum Nummer 2.

Die Stadt Bern zählt rund 130’000 Einwohnerinnen und Einwohner; zusammen mit den Nachbargemeinden könnten rund 250’000 Menschen erreicht werden. Diese Grösse ist bescheiden, aber ein ambitioniertes neues Medium hat gleichwohl die Chance, sich einen Platz zu erkämpfen. Will es sich neben den Platzhirschen etablieren, muss es regelmässig Stoffe liefern, die zum Stadtgespräch werden. Es muss eigenständige Ansätze und kluge Analysen bieten. Und es muss aus der Nische heraus zu einer komplementären Stimme werden, die nicht zu überhören ist.

Für aufwändige Recherchen und publizistische Glanzlichter braucht es Journalisten mit Feuer, Erfahrung und einer eleganten Feder, es braucht Journalistinnen, die bereit sind, eine Meile weiter zu gehen als die etablierte Konkurrenz. Jeden Tag aufs Neue.

Fakt Nummer 2 ist, dass es die «Journal-B»-Redaktion nicht schaffte, Geschichten, die man gelesen haben muss, zu realisieren. Die Leidenschaft fehlte.

Wer aus diesen Zeilen Häme lesen sollte, täuscht sich. Ich finde es betrüblich, dass keine weitere Berner Medienstimme erklingt. Es hätte Platz gehabt dafür. Was auch einmal erwähnt werden darf: «Berner Zeitung», «Bund» und das Regionaljournal Bern/Fribourg/Wallis von Radio SRF erbringen gute Leistungen, notabene mit heruntergesparten Redaktionen.

 

Weitere Beiträge zum Thema:

«Journal B» ist gescheitert (Radio SRF, 29. Mai)
«Journal B» gescheitert – Redaktoren erhalten Kündigung
(Berner Zeitung, 29. Mai)
Zu wenig Mitglieder, zu wenig bekannt und zu wenig Geld für einen Sozialplan  (Bund, 30. Mai)


Foto: adi

Die Anarcho-Buben haben die Deutungshoheit, Partygänger den Schaden

VON MARK BALSIGER

In der Nacht auf heute ist es in Bern wieder einmal zu heftigen Zusammenstössen gekommen. Ähnlich wie in früheren Jahren bei Anti-WEF-Demonstrationen, Antifa-Spaziergängen oder beim guerilla-ähnlichen Kampf gegen den SVP-Alpaufzug durch die Innenstadt vom 6. Oktober 2007. Damit die Relationen gewahrt bleiben: Von den rund 10’000 Leuten, die an der “Tanz dich frei 3” teilnahmen, waren etwa 100 gewalttätig. Das entspricht einem Prozent.

Viele Tanzende werden von den Eskalationen kaum etwas wahrgenommen haben. Entweder waren sie schon wieder Zuhause oder nicht bei den “hot spots”, wo es knallte. Bern war in der letzten Nacht nicht im Ausnahmezustand. Bilder zeigen praktisch immer eine verzerrte Wirklichkeit, sie wirken dramatischer. Mit dieser Aussage will ich keine Sympathie mit dem, was passierte, signalisieren. Im Gegenteil.

Die Partygänger, die wie vor Jahresfrist auf den Strassen feierten, wurde von einer Hundertschaft instrumentalisiert. Den allermeisten dürfte das egal sein. Dabei sind sie es, die verloren haben. Ihre Bedürfnisse nach mehr Freiraum und Lokalen, die ihren Bedürfnissen entsprechen, haben nach den jüngsten Ausschreitungen und grossen Sachschäden viel weniger Support. Die 9900 friedlichen Demo-Teilnehmende werden in denselben Topf geworfen wie die 100 militanten Idioten.

Gewonnen haben dafür die Anarchisten, die vermummt und teilweise mit einer enormen Zerstörungswut zu Werke gingen. Zum harten Kern dürften ein paar Dutzend Mitglieder zählen, das Sammelbecken stellt die Revolutionäre Jugend Bern dar. Diese kleine Gruppe hat es also geschafft, nach einem langen Kampf mit etlichen Akteuren die Deutungshoheit über “Tanz dich frei” zu gewinnen. Als Organisatoren legten sie fest, was läuft, im Vorfeld und während der Parade. Mit von der Partie waren auch Krawalltouristen, die immer dann auftauchen, wenn sie aus dem Schutz der Masse agitieren können. Dazu kommen apolitische Trittbrettfahrer, die auch einmal eine Scheibe einschlagen wollten.

Ich lernte einmal durch Zufall ein paar Berner Anarchos kennen. Sie haben noch nie selber Geld verdient, ihre Wäsche macht Mutti, und bei Minustemperaturen bleiben sie lieber zuhause, statt für ihre Überzeugungen auf die Strasse zu gehen. Dass sie am Staat “alles Scheisse” finden, versteht sich von selbst, längst nicht bei allen sind ihre Überzeugungen gefestigt, die Bullen, ja die Bullen, waren sogar “verdammte Scheissbullen”. In der letzten Nacht haben Anarchos und Autonome einen gloriosen Sieg errungen, der ihnen neue Mitglieder bescheren wird.

Hinter dem Sicherheitszaun standen Sanitäter bereit

Die Anarcho-Buben sind dreist genug, heute auf ihrer Facebook-Page zu verkünden: “Bern lebt wieder!” Sicherheitsdirektor Reto Nause habe im Vorfeld eine “Hetzkampagne geführt, die eine bewusste Eskalation beinhaltete”. Die Polizei habe die Ausschreitungen zu verantworten. Die Videos der Kantonspolizei zeigen indessen, wie die Strassenschlachten ihren Anfang nahmen. Dass der Sicherheitszaun vor dem Bundeshaus nicht nur das Gebäude schützte, sondern auch Krankenwagen, Sanitäter und Feuerwehr, blenden die Anarchos aus.

Die Aufarbeitung der gestrigen Nacht dürfte nun “gäng wie gäng” ablaufen: Rücktrittsforderungen (eine liegt schon vor), Strafanzeigen, Leserbriefe bis zum Abwinken, Vorstösse im Stadtrat und auf Bundesebene, eine Sondersitzung der Stadtregierung. Und dabei wird viel Papier produziert.

Ich erkenne, mit Verlaub, nur einen tauglichen Ansatz: Eine Verzeigung, ein paar Tage gemeinnützige Arbeit und 350 Franken Busse sind lächerlich. Strafen müssen schmerzen, und das funktioniert nur über den Geldbeutel. Wenn ein Chaot für seine Zerstörungen 5000, 7000 oder sogar 12’000 Franken bezahlen muss, wird er es sich gut überlegen, ob er bei der nächsten Demonstration wieder zuschlagen will. Hohe Geldstrafen sind die beste Prävention.

Ich plädieren übrigens inzwischen bei allen Verletzungen des Gesetzes für drakonische Geldstrafen.

 Weitere Beiträge:

Grenzenlos naiv, JacoBlök (Blog)
Tanz dich frei, Urslis Nachlese (Blog)
Enttäuschung im Netz nach “Tanz dich frei” (SRF online)
Bildstrecke auf Flickr von Raphael Moser


Kommentare vom Montag, 27. Mai:

Ein trauriger Tag für Bern und seine Jugend (“Bund”, Christoph Lenz)
Masse als Schutz für Krawallmacher (“Berner Zeitung”, Wolf Röcken)
Diktatur der Idioten (“TagesWoche”, Philipp Loser)

Facebook ist nicht verantwortlich für die Krawalle
(Politblog, Simon Koch, 31. Mai)


Foto: key (via nzz.ch)

 

“Ich habe kein Problem, als überzeugte Feministin wahrgenommen zu werden”

Sesselrücken bei der Stadtberner FDP: Gestern Abend wurde die neue Parteileitung gewählt, darunter Claudine Esseiva. Die 34-jährige PR-Frau und Generalsekretärin der FDP-Frauen hat bisher in Freiburg politisiert. Im Interview spricht Esseiva über den neuen Parteipräsidenten, blöde Vorurteile gegenüber Feministinnen sowie kulturelle Unterschiede zwischen Bern und Friboug.

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Der „Bund“ hat Sie gestern im Interview mit dem neuen Stadtberner FDP- Präsidenten Philippe Müller als “liberales Deckmäntelchen” bezeichnet. Sind sie das?

Nein, sicher nicht!

…aber Sie unterscheiden sich in Ihren Positionen sehr stark von ihm.

Überhaupt nicht. Wir sind beide überzeugte Freisinnige, stehen für eine liberale Gesellschaft und Wirtschaft ein. Wir kämpfen beide gegen absurde Bürokratie und die Gleichmacherei aus SP-Kreisen. Auch lehnen wir beide die Abschottungspolitik der SVP ab. Für uns steht die individuelle Selbstbestimmung und Freiheit im Zentrum. Sicher haben wir im Bereich der Gesellschaftspolitik zum Teil unterschiedliche Auffassung, aber Philippe Müller will genau diese Themen in die Parteileitung der FDP-Stadtpartei mit einbringen und ihnen den entsprechenden Stellenwert geben. Daher ist auch u.a. die Präsidentin der Jungfreisinnigen Stadt Bern, Marlen Bigler, in diesem Gremium dabei. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit und bin überzeugt, dass wir die verschiedenen Gesichtspunkte einbringen können.

Die FDP ist in der Romandie etatistisch, die Deutschschweizer FDP inzwischen staatskritisch. Welche Herausforderungen erwarten Sie durch den Wechsel von der Freiburger in die Berner FDP?

Dass die Westschweiz etatistisch sein soll, finde ich nicht richtig. Sicher ist die politische Kultur in der Westschweiz etwas anders als in der Deutschschweiz. Die Westschweiz ist in gesellschaftlichen Themen progressiver als die Deutschschweiz. Und da Bern ja gleich auf der Sprachgrenze liegt und ein Faible für die Romandie hat, wird der Wechsel sicher nicht so schwer.

Müssen Sie sich also nicht auf einen “Kulturschock” gefasst machen?

Nein, sicher nicht. Ich kenne bereits viele Berner FDPlerinnen und FDPler und freue mich sehr auf die Zusammenarbeit. Es hat mich wirklich sehr gefreut, dass ich mit so offenen Armen in Bern empfangen wurde. Und ich bin mir sicher, dass die FDP Bern neben der FDP Freiburg meine zweite politische Heimat werden kann.

Erstmals mediale Aufmerksamkeit erhielten Sie im Sommer 2011 mit dem “Oben-ohne”-Plakat der FDP-Frauen. Spätestens seit dem Abstimmungskampf um den Familienartikel sind Sie landesweit als “Hausfeministin der FDP” bekannt und mussten schon einige Angriffe einstecken. Wie gehen Sie damit um?

Sehr gut, das heisst wir FDP-Frauen konnten etwas bewegen und Themen rund um die Chancengleichheit positionieren. Ich bin eine überzeugte Feministin und habe auch kein Problem, so in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Ich hoffe, dass ich mit meinem Engagement aufzeigen kann, dass Politik Spass macht, lustvoll ist, eine Prise Humor gut verträgt, und dass die blöden Vorurteile gegenüber Feministinnen eben nicht stimmen.

Bern hat als erste Schweizer Stadt die Frauenquote in der Verwaltung eingeführt. Damit sind  Sie mit Ihren feministischen Anliegen in der Stadt am richtigen Ort. Was gibt es als Nächstes zu tun?

Ich muss mich zuerst in die Berner Stadtpolitik einleben, bevor ich hier konkret werden kann. Aber Sie können sich sicher sein, dass wir Ideen haben werden.

Interview: Deana Gariup

 

Foto Claudine Esseiva: clack.ch

 

Einsichten und Zitate, die nachhallen (25) – heute: Endo Anaconda, Berserker

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“In diesem Land ist es einem nicht vergönnt, in Würde zu altern. Es wird verlangt, dass man bis siebzig voll leistungsfähig ist. Würdevoll altern würde heissen, dass die Vorzüge des Alters gefragt sind: Erfahrung, Abgeklärtheit, Altersmilde.”

Endo Anaconda, 57, Sänger und Texter von “Stiller Has”

Quelle: Das Magazin, 6. April 2013

Dieser Tage ist das neue Album von “Stiller Has” herausgekommen. Es heisst “Böses Alter.”

 

Foto Endo Anaconda: zpk_com

 

Designierter FDP-Präsident Philippe Müller setzt auf zwei Parteiflügel

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VON MARK BALSIGER

Ein Parteipräsidium ist alles andere als ein Schoggijob. Die zeitliche Beanspruchung ist gross und die dauernde Pikett-artige Verfügbarkeit für die Medien ein Must. Dazu kommen Kriteleien, Kritik und Kraftmeiereien von den Leuten der eigenen Partei, was den Schub hemmt und mit zunehmender Dauer demotivierend wirkt. Trotz all diesen Negativpunkten hat sich Philippe Müller (Foto links) anerboten, Präsident der Stadtberner FDP zu werden.

Müller ist ein Animal politique, seit mehr als zehn Jahren rotiert er unermüdlich und gelegentlich auch aufsässig. Dabei hat er, gerade als Fraktionschef im Stadtparlament (2007 – 2010), den Ton nicht immer richtig getroffen. Das nehmen ihm einige Politikerinnen und Politiker aus dem linken Spektrum bis heute übel, in der Vergangenheit wurde er zuweilen sogar angefeindet, sein Etikett heisst “Hardliner”. Offensichtlich konnte er das wegstecken.

Am 1. Mai soll Müller das Präsidium von Dolores Dana, die in den letzten vier Jahren einen guten Job machte, übernehmen; seine Wahl ist ein Akklamationsakt. Die Stadtberner FDP ist wie die kantonale und die nationale Partei seit Langem im Abwind, im letzten Herbst erreichte sie gerade noch 10,0 Prozentpunkte; der Wähleranteil hat sich seit dem Jahr 2000 mehr als halbiert. Das ist bitter und wirkt zweifellos nicht anziehend auf neue Parteimitglieder.

Eine solche Partei zu übernehmen ist mutig, kann aber auch eine grosse Chance bedeuten. Sich neu aufstellen und dann durchstarten – das muss das Ziel eines jeden neuen Parteipräsidenten sein. In der Medienmitteilung der Berner FDP klingt an, was ihrem designierten Parteichef vorschwebt: Die FDP sei “eine Volkspartei”, heisst es dort. Und weiter: “Sie ist stark, wenn der gesellschaftsliberale und der wirtschaftsliberale Flügel gemeinsam kämpfen. Wir wollen eine unabhängige Kraft sein, die auf Sachpolitik setzt, nach aussen mit einer Stimme spricht und so ein klares Profil abgibt.“

Das ist eine Ansage. In den letzten Jahren nahm man die FDP praktisch nur noch als wirtschaftsliberale Kraft wahr. Müller, der Wirtschaftsliberale, will die Generalsekretärin der FDP Frauen Schweiz, Claudine Esseiva, eine aufmüpfige und selbstbewusste Gesellschaftsliberale, ins Boot holen. So steht es in der Medienmitteilung. Und das ist ein Signal: Wenn die beiden Parteiflügel des Freisinns sich intern zu einem engagierten Diskurs zusammenraufen, entsteht Reibung. Daraus kann Schubkraft entstehen.

Nebenbei: Die Namenskombination Philippe/Philipp UND Müller sorgt bei Medienschaffenden immer wieder für Konfusion: Der Präsident der FDP Schweiz schreibt sich Philipp Müller. Er ist Nationalrat aus dem Kanton Aargau. Der designierte Präsident der FDP-Stadtpartei Bern schreibt sich Phlippe Müller. Er ist Grossrat im Kanton Bern. Dazu gibt es einen Philippe Müller, der als Redaktor bei der “Berner Zeitung” zeichnet.

Weitere Beiträge und Kommentare:

“Die FDP bleibt eine bürgerliche Partei”
Interview mit Phlippe Müller (Berner Zeitung, 28. März, Tobias Habegger)
Müller ist besser als sein Ruf – er baut Brücken in der FDP
(Berner Zeitung, 28. März, Kommentar von Tobias Habegger)

FDP: Philippe Müller will Brücken schlagen
(Der Bund, 28. März, Bernhard Ott)
Gefangen im Hardliner-Image
(Der Bund, 28. März, Kommentar von Bernhard Ott)

 

Foto Philippe Müller: Website mueller-tut-was.ch

Die Anderen auf dem Bundesplatz

Berner Berufs- und Personalverbände hatten auf heute Nachmittag zur Demonstration aufgerufen. Und viele strömten herbei: Polizisten, Hebammen, Assistenzärzte, Lehrerinnen und Leute von anderen Berufsgattungen. Das Staatspersonal will mit dieser Manifestation ein Zeichen setzen – gegen den Abbau und für einen garantierten Lohnanstieg.

Die kritische Würdigung dieser Manifestation überlasse ich den Medienschaffenden. Ich beschränke mich hier auf ein paar Schnappschüsse von den Anderen auf dem Bundesplatz: Kinder und Touristen, Kummerbuben und Fotografen. Und symbolische Kompositionen.

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Fotos: Mark Balsiger

“Humor gehört zur Politik. Man sollte auch mal über sich selber lachen können”

Am nächsten Montag wird Nadine Masshardt als Nationalrätin vereidigt. Erst gerade einmal 28 Jahre jung, ersetzt sie in der SP-Fraktion Ursula Wyss, die im letzten Herbst in die Stadtberner Regierung gewählt wurde. Im Gespräch erzählt Masshardt, wie sie sich auf die Session vorbereitet, weshalb sie den direkten Austausch mit den Leuten für wichtiger als Social Media hält – und was sie gegen Worthülsen hat.

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Nadine Masshardt, Fussball-Goalies klopfen vor einem Spiel jeweils kräftig an beide Torpfosten. Was tun Sie unmittelbar vor Ihren ersten Sessionstag als Nationalrätin?

Nadine Masshardt: Aberglaube ist nicht mein Ding. Deshalb ist nichts dergleichen geplant. Zudem stehe ich praktisch bis vor Sessionsbeginn politisch im Einsatz. Am 3. März stimmt die Bevölkerung im Kanton Bern mit der Initiative „Bern erneuerbar“ und dem Gegenvorschlag des Grossen Rates ja über eine verantwortungsvolle Energiezukunft ab.

Wer ist Ihre Gotte, die Sie in die Gepflogenheiten in Bundesbern einführt?

Ich habe das Glück, dass mit Nationalrätin Evi Allemann eine gute Freundin von mir bereits im Parlament sitzt. Sie hat mich in den letzten Jahren immer wieder unterstützt und aktuell führt sie mich gut in den Alltag als Bundespolitikerin ein. Zudem konnte ich bereits im Januar an der zweitägigen SP-Fraktionsklausur in Zürich teilnehmen – inklusive Rahmenprogramm. Das war sehr sinnvoll, da ich so schon relativ früh mit meinen künftigen Fraktionskolleginnen und -kollegen in Kontakt kam und sie nicht nur politisch, sondern auch persönlich kennenlernte. Ich wurde herzlich empfangen und fühle mich in der Fraktion schon heute gut aufgehoben.

Das eidgenössische Parlament ist ein Haifischbecken. Der Konkurrenzkampf, gerade innerhalb der eigenen Fraktion, ist gross. Wie gehen Sie mit dieser neuen Konstellation um?

Trotz meinen jungen 28 Jahren bin ich nun schon seit mehr als acht Jahren Parlamentsmitglied und mir Konkurrenzsituationen gewohnt. Der Grosse Rat war bisweilen ebenfalls alles andere als ein Kuschelgremium. Mein Motto, mit dem ich bisher stets gut fuhr, lautet sowieso: Nicht mit Argusausgen eifersüchtig auf die Erfolge Anderer schauen, sondern mit Konzentration und Engagement die eigenen Aufgaben und Dossiers zum Erfolg führen.

Neid ist hierzulande weitverbreitet. 2004 wurden Sie in Langenthal auf Anhieb Stadträtin, 2006 bereits Grossrätin, und jetzt sind Sie auf der nationalen Bühne angelangt – gerade einmal 28-jährig. Was machen Sie besser als andere, die diesen Sprung auch in 16 Jahren nicht schaffen?

Eine schwierige Frage, denn es ist überhaupt nicht meine Art, mich selber zu loben. Mein Grundsatz ist: Ich lebe, was ich fordere und fordere, was ich lebe. Ich will authentisch sein und Glaubwürdigkeit ist für mich von zentraler Bedeutung. Wenn mich ein Thema interessiert, arbeite ich seriös, knie mich in Dossiers und versuche dann die komplexen Themen verständlich zu übersetzen und in die Öffentlichkeit zu tragen. Zudem habe ich ein super Wahlteam, auf das ich noch heute zählen kann – junge, engagierte Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich Erfahrungen teilen kann, die mich kritisch begleiten. Denn Politikerin zu sein ist alles andere als ein Ego-Job. Bei all dem gilt natürlich: Politische Karrieren kann man nicht planen und es gehört immer auch ein Quäntchen Glück dazu.

Sie sind nebst Evi Allemann auch mit Ursula Wyss befreundet, also zwei Berner SP-Frauen, die ebenfalls schnell politisch Karriere machten. Im Wahlkampf 2007 traten Sie zu dritt in Inseraten mit „Aller guten Dinge sind 3“ auf. Worin unterscheiden Sie sich?

Wir ticken in politischen Fragen sehr ähnlich. Aber in der Form gibt es sicher Unterschiede. Während Ursula Wyss als Nationalrätin und ganz speziell als Fraktionspräsidentin beispielsweise eher eine Generalistin war, ist Evi Allemann eine klassische Dossierpolitikerin und Spezialistin in einzelnen Themen und ich liege wohl irgendwo dazwischen. Interessant ist auch, dass ich als Einzige von uns drei die gesamte Jugend in einer ländlichen und bürgerlich dominierten Region, dem Oberaargau, verbracht habe. Diese Herkunft, in der ich auch meine ersten politischen Erfahrungen sammelte, prägt.

Wyss, Allemann, Masshardt – wen ziehen Sie als nächste Politikerin nach?

Mir ist die Förderung junger Menschen ein grosses Anliegen. So unterstützte ich im letzten Jahr bei den Stadtratswahlen in Langenthal beispielsweise eine gute Freundin mit Know-How und einer gemeinsamen Postkarte. Martina Moser landete auf dem ersten Ersatzplatz und wird bald nachrücken. Ihr Erfolg freut mich sehr. Weiter setzte ich mich bekanntlich für das aktive Stimmrechtsalter 16 ein – und damit für die Mitbestimmung junger Interessierter. Damals meldete sich beispielsweise eine 14-Jährige bei mir, die sich politisch engagieren wollte. Sie ist seither mein jüngstes Teammitglied und seit diesem Jahr darf sie stimmen und wählen.

Viele nationale Parlamentarierinnen und Parlamentarier setzen auf Social Media. Sie äusserten sich skeptisch gegenüber diesen Plattformen…

Ich habe immer betont, dass man Social Media nicht überschätzen sollte. Und dass ich die klassischen Medien und vor allem die direkte Begegnung und das Gespräch mit der Bevölkerung als viel wichtiger einschätze. Mein Facebook-Profil behalte ich und werde schon bald auch auf Twitter anzutreffen sein. Aber alles hat seine Grenzen: Infos zu meinem Privatleben beispielsweise werde ich auch künftig nicht online ausbreiten. Die Website hingegen erachte ich als sehr wichtig. Dort sollen sich Interessierte möglichst aktuell, schnell und zielgerichtet informieren und Hintergründe beschaffen können. Diesem Anspruch will ich künftig noch stärker Rechnung tragen.

Wie es scheint, hat die Politik ein Glaubwürdigkeitsproblem. Deckt sich das mit Ihren Wahrnehmungen? Falls ja, wie geben Sie persönlich Gegensteuer?

Wenn man den Umfragen Glauben schenkt, ist dies tatsächlich so. Persönlich hatte ich jedoch noch keine negativen Erlebnisse. Auch hier zählt: Authentizität und Transparenz. Als Mitglied des bernischen Kantonsparlamentes reichte ich beispielsweise verschiedene Vorstösse ein, die mehr Transparenz in der Politik forderten, beispielsweise bei der Parteienfinanzierung oder bei Nebeneinkünften aus Mandaten. Leider wurden meine Anliegen von der bürgerlichen Mehrheit allesamt abgelehnt. Weiter stören mich in Wahlkämpfen die vielen Worthülsen und Versprechungen, die oft nicht eingehalten werden können. Viel berechenbarer scheinen mir das bisherige Engagement in Parlamenten und in ehrenamtlichen Funktionen der Kandidierenden. Humor gehört zur Politik. Man sollte auch mal über sich selber lachen können, eine gewisse Selbstironie zeigen. Aber zugegeben, das fällt auch mir nicht immer gleich leicht.

Interview: Mark Balsiger

 

Foto Nadine Masshardt: nadinemasshardt.ch

Journal B vermag seine eigenen Ansprüche noch nicht einzulösen

Die Menschen hinter den News sollen im Journal B im Vordergrund stehen. Ziel dieser Online-Zeitung ist es, eine einordnende Berichterstattung zu ermöglichen und Geschichten zu erzählen, die neue Blickwinkel auf das alltägliche Geschehen der Region Bern eröffnen. Eine Bilanz nach fünf Monaten.

Bild Journal B

GAST-BEITRAG von Sharon Sue Siegenthaler*

Das Journal B setzt gemäss eigenen Angaben auf einen modernen und übersichtlichen Auftritt. Der Aufbau mit der Frontseite in grauer Farbe und den drei Ressorts „Alltag“ in grüner Farbe, „Politik“ in blauer Farbe und „Kultur“ in roter Farbe wirkt gut strukturiert. Die unterschiedlichen Farben ermöglichen eine Zuteilung der Artikel zu den jeweiligen Ressorts, womit das Online-Magazin übersichtlich aufgebaut und benutzerfreundlich ist. Das Journal B bietet zudem einen Blog an, in violetter Farbe, sowie verschiedene Dossiers in gelber Farbe. Der chronologische Aufbau ist logisch und intuitiv.

Das Design ist tatsächlich modern und innovativ, für meinen Geschmack aber etwas gewöhnungsbedürftig. Schade, dass es auf der Frontseite nur wenige und zu kleine Bilder gibt. Fotos, Illustrationen, Grafiken und Tabellen unterstützen die Informationsvermittlung. Hier besteht Verbesserungspotenzial.

Täglich werden neue Artikel veröffentlicht, meist sind es zwischen drei und vier. Das ist positiv. Leserinnen können Themenvorschläge und Ideen einbringen, womit Raum geschaffen wird für Dialoge und Diskussionen. Das Journal B beansprucht nicht, tagesaktuelle Informationen zu liefern. Wenn aber schon nicht die Breaking-News im Vordergrund stehen, sollten die Artikel ausführlicher sein als in den beiden grossen Berner Tageszeitungen. Positiv sind Geschichten, die weder in „Bund“ noch „BZ“ zu finden sind, wie beispielsweise der Text über das Herzogstrassenfest. Allerdings dürfte das Thema nicht auf überdurchschnittliches Interesse stossen, da das Strassenfest nur ein Quartier in der Stadt Bern betrifft.

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Inhaltlich besteht ebenfalls noch Verbesserungspotenzial. Das Organisationskomitee des Fests wird mehrmals zitiert, aber nicht die einzelnen Mitglieder. Wo bleiben die Menschen hinter den News? Das Ziel, Protagonisten zu Wort kommen zu lassen, wird verfehlt. Ein Interview und mehr Hintergrundinformationen wären sehr spannend gewesen. Zudem fehlen Bilder, die als Blickfang dienen und den Artikel visualisieren und attraktiv machen. Gesichter sollten gezeigt werden. Gut finde ich, dass die Artikel verständlich geschrieben sind mit kurzen und einfachen Sätzen. Das ist ein Plus.

Einmal berichtete das Journal B über den geplanten RBS-Tiefbahnhof. Während „Bund“ und „BZ“ denselben Inhalt präsentieren, hebt sich der Artikel im Journal B ab, weil er nicht das Projekt an sich behandelt, sondern Baudirektorin Barbara Egger sich zur Problematik der Kosten äussert, und zwar seit der ersten Version im Jahr 2008. Hier hätte das Journal B Hintergrundinformationen liefern und mit einer Geschichte einen neuen Blickwinkel eröffnen können, der zudem mit Bildern hätte ergänzt werden müssen. Während „Bund“ und „BZ“ sogar eine Bildstrecke auf den jeweiligen Online-Ausgaben haben, gibt es im Artikel vom Journal B lediglich eine Grafik. Hier ist eine Chance verpasst worden.

Das Nutzungskonzept für den Loryplatz ist ein Thema, das die Berner bewegt. Hier müsste es Geschichten geben, die den Blick auf zusätzliche Aspekte ermöglichen und damit über die Berichterstattung von „BZ“ und „Bund“ hinausgehen. Anstelle von Bildern gibt es ein kurzes Video. Ich persönlich hätte ein Bild bevorzugt, da das Video nicht viel aussagt. Dieser Artikel generierte lediglich einen Kommentar.

Mit eigenen Ansätzen, Hintergrundinformationen und überzeugenden Fotos könnte das Journal B tatsächlich einen Gegentrend zur heutigen Informationsflut setzen. Bislang schafft es die Online-Zeitung noch nicht, ihre Ansprüche einzulösen.

 

Screenshot:  Journal B
Foto Herzogstrassefest: adi

 

* Sharon Sue Siegenthaler arbeitet zurzeit bei Border Crossing, wo sie zwei Projekte in Medien- und Öffentlichkeitsarbeit mitbetreut.

 

Impressionen aus dem Berner Rathaus

Wahltage sind Grosskampftage. Das gilt insbesondere für Medienschaffende, Kameramänner und Techniker. Gestern dürften bei den Berner Gemeindewahlen gut und gerne Hundert von ihnen im Einsatz gewesen sein. Die meisten von ihnen im Rathaus, andere unterwegs oder in den Studios und Redaktionen.

Der Arbeitstag begann für die meisten Medienschaffenden um die Mittagszeit und endete nach Mitternacht. Die Auszählung der Stadtratsergebnisse verzögerte sich bis um 00.45 Uhr. Die Atmosphäre mögen sie fast alle, man ist direkt am Puls, spürt die Energie, der Live-Kick kommt dazu.

Wir zeigen auf dieser kleinen Fotostrecke nicht die Politisierenden, sondern für einmal die Protagonistinnen und Protagonisten hinter den Mikrofonen, Linsen und Reglern.


Brigitte Mader vom Regionaljournal Bern/Fribourg/Wallis von Radio DRS.

Roger Spindler interviewt Claude Longchamp (links).

Die Tolle links gehört zu Matthias Mast von “TeleBärn”.

Das Manuskript für die Live-Schaltung im Feinschliff: Diese Hände gehören SF-Fernsehfrau Sabine Gorgé.

 

Fotos: Mark Balsiger

 

Reto Nause bleibt, Alexandre Schmidt kommt – Prognosen zu Berner Wahlen (2)

Bei früheren Wahlen versuchte ich jeweils, mit einem Modell den Wahlausgang vorauszusagen. Dieses Mal war die Zeit dafür nicht vorhanden. Deshalb bleiben lediglich ein Blick in die Kristallkugel und das Bauchgefühl.

Wer schafft den Sprung in die fünfköpfige Regierung der Stadt Bern? Seit Monaten schwirrt diese Frage durch die Lauben. Ich wage eine paar Prognosen:

1.  Klar ist, dass die Mehrheit von Rot-Grün-Mitte (RGM) bestehen bleibt und damit ins dritte Jahrzehnt geht. Auf der RGM-Liste schaffen die Wahl mit folgendem Zieleinlauf:

– Ursula Wyss (sp, neu)
– Franziska Teuscher (grüne, neu)
– Alexander Tschäppät (sp, bisher)

Das ist kein Wagnis: GFL-Kandidatin Tanja Espinoza hat gegen die seit langem auch auf nationalem Parkett bekannten Konkurrentinnen keine Chance. Den Zieleinlauf begründe ich damit, dass Tschäppäts Name auch im eigenen Lager vereinzelt gestrichen wurde.

2.  Die beiden weiteren Listen, also die Mitteliste (bdp, cvp, evp, glp) und das Bürgerliche Bündnis von FDP und SVP, erreichen je einen Sitz. Alles andere wäre eine grosse Überraschung. Dieser Ausgang ist aber insofern bemerkenswert, als dass erstmals seit den Achtzigerjahren die Sitze an mindestens drei verschiedene Listen verteilt werden können.

3.  Auf der Mitteliste schafft Sicherheitsdirektor Reto Nause (cvp, Bild oben) die Wiederwahl. Er wird allerdings bedrängt von Vania Kohli (bdp). Hätte Kohli im Juni nicht ein Allotria mit ihrer Stapi-Kandidatur betrieben, wäre der Ausgang womöglich zu ihren Gunsten ausgefallen.

4.  Beim Bürgerlichen Bündnis holt Alexandre Schmidt (fdp, Bild unten) den Sitz. Er profitiert von seiner Stapi-Kandidatur und seinem engagierten Wahlkampf, in dem er unermüdlich Themen zu setzen versuchte.

Fotos Reto Nause und Alexandre Schmidt: adi