Berner Barden schrummen für Stapi Alexander Tschäppät

Heute kann Alexander “Tschäppu” Tschäppät seinen 60. Geburtstag feiern. Er tut das nach eigenen Angaben mit “Frau, Hund und Kindern”. Der “Bund” widmet Berns Stadtpräsident einen gelungenen Text, der kritisch, aber fair die verschiedenen Facetten des Politikers und MenschenTschäppät beleuchtet.

Das populäre wie polarisierende  Stadtoberhaupt kriegt zu seinem runden Wiegenfest auch einen Song geschenkt; seit ein paar Stunden gurkt er auf Youtube herum. Er heisst: “Hey Alex, s’isch kenne so guet wie du.” (Wer mit dem Berndeutschen Idiom Mühe haben sollte: “Keiner ist so gut wie du.”)

Das Oeuvre  dauert 3 Minuten 40, es ist zugleich Ironie und eine Abrechnung mit Tschäppät. Musikalisch ist es so bescheiden wie die Lieder von DJ BoBo, ohne deren nervtötende Textrepetitionen. Es ist klar besser als vieles, was unter den Berner Lauben und an Lagerfeuern von enthusiastischen Pfadfindern gegeben wird, dürfte aber trotzdem nicht mit einer Einladung auf eine Nebenbühne des Gurten-Festivals belohnt werden. Für den Eurovision Song Contest würde das Niveau reichen, allerdings stimmt dafür das Timing nicht.

Geschrieben, gesungen, getrümmelet und geschrummt haben diesen Song zwei Barden und Lokalpolitiker, die im Berner Stadtparlament mitmischen. Da wäre zum einen Simon “Berner Qualität seit 1975” Glauser (svp), dem bis vor wenigen Jahren selber Ambitionen auf einen Sitz in der Stadtregierung nachgesagt wurden. Doch so richtig durchstarten wollte die politische Karriere des Freundes schneller Autos nicht.

Der zweite des Duos “SäuberTschuld” ist Martin “Tinu” Schneider (bpd). Vor vier Jahren kandidierte er für die Exekutive. Er holte 606 Stimmen. Tschäppät erreichte damals 14’432 Stimmen.

Ob Song und Videoclip der Auftakt zu einer Demontage des amtierenden Stadtpräsidenten sind, ist nicht bekannt. Bis dato kandidiert nur Tschäppät für dieses Amt. Neben – oder wegen! – ihm scheint sich niemand zu getrauen.

Womöglich kontert Tschäppu mit einem Remake des kultigen FDP-Reinach-BL-Clips “Gäll, du wählsch mi? Gäll, du willsch mi?” – und hat damit einmal mehr die Lacher auf seiner Seite.

“Es braucht eine politische Globalisierung, was in Europa nur die EU erreichen kann”

Seit Herbst 2002 hat der gebürtige Sankt Galler Thomas Christen (37) im Nervenzentrum der SP Schweiz gearbeitet, die letzten sechs Jahre davon als Generalsekretär. Von heute an ist er als persönlicher Mitarbeiter von Bundesrat Alain Berset im Eidgenössischen Departement des Innern (EDI) tätig. Ein Gespräch über seinen Rollenwechsel, die Sozialdemokratie, Europa und die Möglichkeiten von Social Media.

Herr Christen, es ist Mittwochabend, im Moment räumen Sie Ihr Pult im Generalsekretariat. Was geht Ihnen nach fast neuneinhalb Jahren an dieser Wirkungsstätte durch den Kopf?

Thomas Christen: Die Zeit bei der SP war intensiv. Es gab Erfolge und Niederlagen. Es gab viele parteiinterne Diskussionen und auch inhaltliche Differenzen. Aber letztlich haben immer alle am gleichen Strick gezogen und sich für die gemeinsamen Anliegen eingesetzt. Viele Mitglieder haben sich in stunden- und tagelanger Freiwilligenarbeit engagiert. In diesem Umfeld arbeiten zu können, war faszinierend. Ich freue mich sehr auf meine neue Arbeit – aber ich glaube, ich werde die Zeit auf dem SP-Sekretariat auch etwas vermissen.

Als Generalsekretär führten sie ein KMU und waren medial oft präsent. Als persönlicher Mitarbeiter eines Bundesrats agieren Sie ausschliesslich im Hintergrund – ein kompletter Rollenwechsel.

Christen: Der Umgang mit den Medien und das Führen des Sekretariates waren in der Tat sehr spannende Aufgaben. Im Zentrum meiner Arbeit stand für mich aber immer der inhaltliche Aspekt. Und ich empfinde es als grosses Privileg, auch an der neuen Stelle, das tun zu können, was ich am liebsten mache: Mich beruflich für meine politischen Überzeugungen einzusetzen. Auch wenn es in einem anderen Umfeld, in einer neuen Rolle ist.

Persönlichen Mitarbeitern und Beratern werden seit jeher Etiketten umgehängt, z.B. Bundesrats-Einflüsterer, Strippenzieher, Bauchredner, Imagepfleger, Kofferträger – wie interpretieren Sie Ihre neue Aufgabe?

Christen: Meine Aufgabe wird es sein, Alain Berset in politisch-strategischen Fragen zu beraten. Die SP hat mit Alain Berset die grosse Chance, in einem zentralen Departement mit für die Bevölkerung enorm wichtigen Fragen die Politik der nächsten Jahre zu prägen und mitzugestalten. Ich werde versuchen, ihn bei dieser politisch und inhaltlich anspruchsvollen Aufgabe zu unterstützen.

Unter Ruth Dreifuss als EDI-Vorsteherin von 1993 bis 2002 wurde der Sozialstaat ausgebaut. Ihr Parteikollege Alain Berset wird aufgrund der demografischen Entwicklung unseres Landes nicht um einen Sozialabbau herumkommen. Kann ein SP-Bundesrat dies dem Volk glaubwürdiger erklären?

Christen: Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe eines SP-Sozialministers sein kann, Sozialabbau zu betreiben. Die Volksabstimmungen in den letzten Jahren haben gezeigt, dass Abbauprogramme auf Kosten der Ärmsten und des Mittelstandes beim Volk keine Mehrheiten finden. Und die Aufgabe eines Sozialministers muss es sein, mehrheitsfähige Reformen zu erarbeiten.

Der Zürcher Sozialgeograf Michael Hermann sagte einmal, die SP habe kein grosses Projekt mehr. Der Sozialstaat ist gebaut, bei grünen Themen wie dem Atomausstieg punkten die Grünen, sozialliberale Schichten wählen heute grünliberal. Wie kommt die SP aus diesem Dilemma wieder heraus?

Christen: Das reichste Prozent in der Schweiz besitzt 59 Prozent des Vermögens. In keinem OECD-Land ist das Vermögen so ungleich verteilt wie in der Schweiz. Gleichzeitig gibt es rund 600‘000 Menschen, die offiziell in Armut leben. Den Mittelstand plagen die immer weiter steigenden Kosten für Krankenkassenprämien und Mieten. Die SP hat in den vergangenen Jahren sicher viel erreicht. Aber wer angesichts all dieser Tatsachen sagt, dass die SP kein Projekt, keine Aufgabe mehr habe, der verkennt die Realität.

Alt-SP-Präsident Bodenmann sagte einmal: Eine Partei, die sich nicht erneuert, geht unter. Die SP hat sich seit ihrer Öffnung für pazifistische Strömungen sowie Umwelt- und Genderthemen in den Siebziger- und Achtzigerjahren nicht mehr erneuert. Wann kommt der nächste Schub?

Christen: Ich bin mit Peter Bodenmann absolut einverstanden. Die SP erneuert sich daher auch laufend. In den Neunzigerjahren stand die Öffnung der Schweiz im Vordergrund, aktuell sind es neue soziale und wirtschaftliche Fragen, wie etwa das Verhältnis zwischen Bankenplatz und Werkplatz oder eben die immer grösser werdenden Probleme des Mittelstands. Die SP erneuert sich thematisch und personell immer wieder. Was gleich bleibt, ist unser Einsatz für die ganze Bevölkerung und nicht für einzelne Sonderinteressen.

Sie wurden als Teenager durch das Nein zum EWR vom 6. Dezember 1992 politisiert und gehörten in der Ostschweiz zu den Gründungsmitgliedern von „Geboren am 7. Dezember“, ein Verein, der später in der Neuen Europäischen Bewegung Schweiz (Nebs) aufging. Inzwischen sind „Europa“ und „EU“ eigentliche Schimpfwörter geworden, ein EU-Beitritt in weite Ferne gerückt.

Christen: Da hat sich die Situation in den letzten Jahren in der Tat stark verändert. Ich bin aber überzeugt, dass “Europa” schon bald wieder ein grösseres Thema werden wird. Solange die Politik im nationalen Rahmen verharrt, wird sie weiterhin zum Spielball der Wirtschaft und vor allem der Finanzwirtschaft. Daher braucht es als Gegengewicht zur wirtschaftlichen Globalisierung eine echte politische Globalisierung – und das kann in Europa nur die EU erreichen. Das Bekenntnis zur EU wird wieder stärker werden.

In den nächsten Jahren entscheiden wir über die Fortführung der Personenfreizügigkeit. Sie wird wohl aufgekündigt, wenn Bundesrat, Parlament und Verbände keine Parforceleistung hinbringen. Wie soll das verunsicherte Volk überzeugt werden?

Christen: Indem die Sorgen der Bevölkerung ernst genommen werden. Es ist eine Tatsache, dass heute viele Menschen von der Personenfreizügigkeit nicht profitieren, sondern nur die negativen Auswirkungen spüren: Lohndumping, hohe Wohnungspreise. Hier muss der Hebel angesetzt werden. Nur wenn diese negativen Begleiterscheinungen vermindert werden können, wird es weiterhin eine Mehrheit für die Personenfreizügigkeit geben.

Zurück zur SP: In Ihrer Zeit haben Sie das Fundraising professionalisiert und an der Kampagnenfähigkeit der Partei gearbeitet. Im Wahljahr 2011 lancierte die SP die Dialogplattform „SP-Mitmachen“. Dieses Onlineprojekt kam nie in Fahrt – weshalb?

Christen: Wir haben das Projekt dieser Dialogplattform auf lange Sicht angelegt und wussten, dass es am Anfang schwierig sein würde. Ich bin überzeugt, dass in Zukunft Online-Plattformen eine immer grössere Rolle spielen werden. Aber es braucht Zeit, solche neuen Instrumente einzuführen. Das gilt im ganzen Bereich der Social Media. Keine Partei kann darauf verzichten, aber bis Social Media wirklich eine zentrale Rolle in der Politkommunikation spielt, geht es noch eine Weile.

Ihr Vater Heinz Christen war Stadtpräsident von St. Gallen, Ihre Lebenspartnerin Ursula Wyss ist derzeit noch Chefin der SP-Nationalratsfraktion, im Herbst wird sie vermutlich in die Exekutive der Stadt Bern gewählt, in vier Jahren könnte sie die erste Stadtpräsidentin werden. Wann lanciert Thomas Christen seine eigene politische Karriere, so wie das seine Vorgänger André Daguet und Jean-François Steiert auch taten?

Christen: Ich schliesse ein politisches Amt nicht grundsätzlich aus. Doch das ist heute kein Thema. Ich habe nun einen neuen Job, auf den ich mich sehr freue.

In Ihrem Leben dreht sich seit jeher fast alles um Politik. Wie schalten Sie ab?

Christen: Am besten gelingt es mir sicher beim Tennis. Da muss ich mich jeweils derart aufs Spielen konzentrieren und anstrengen, dass ich weder Zeit noch Kraft zum Nachdenken habe…

Im Herbst letzten Jahres wurden Sie erstmals Vater. Schauen Sie heute anders auf das Leben als früher?

Christen: Ja, die Schwerpunkte verschieben sich natürlich schon. Im Zusammenhang mit dem Glück mit kleinen Kindern existieren ja enorm viele Klischees. Ich will diese jetzt nicht bedienen. Aber ich kann sagen, dass sie tatsächlich zutreffen.

Interview: Mark Balsiger

Foto Thomas Christen: SP Schweiz

Ergänzend: Das ganzseitige Interview mit Thomas Christen in der “Aargauer Zeitung” vom 23. Januar 2012:

“Harte Abbauvorlagen scheitern” – Thomas Christen (PDF)

 

Die SP führt Regie

Für die nächsten 18 Stunden ist das Bundeshaus und der Perimeter darumherum der Nabel der Schweiz. Rund 500 Medienschaffende und Kameramänner sollen sich akkreditiert haben. Auf jeden Parlamentarier und jede Parlamentarierin entfallen also zwei Medienleute. Das ergibt eine ziemlich grosse Menge auf engstem Raum. Politiker, die man sonst nie hört oder sieht und deshalb auch nicht kennt, haben eine nahezu huntertprozentige Chance, dass ihnen einmal ein Mikrofon entgegengestreckt wird.

Zunächst die Sitzverteilung des neuen Parlaments als Grafik:

Diese Grafik gibt es auch als PDF-Dokument zum Herunterladen:

Bundesversammlung: Die Sitzverteilung des neuen Parlaments (PDF)

Die Schlagworte “Wahlkrimi”, “High Noon” und dergleichen mehr wurden in den letzten Wochen oft verwendet; sie haben sich abgenützt. Es ist gut möglich, dass die Suppe nicht so heiss gegessen wird, wie sie gekocht wurde. Die Köche hinter den Töpfen heissen Christian Levrat und Ursula Wyss. Sie führen Regie und dieses Mal wissen sie auch, dass sie das Menü bestimmen können.

Wenn das SP-Führungsduo seine Fraktion einigermassen diszipliniert durch den Wahlmarathon bringt, brennt nichts an. Will heissen: Alle sechs bisherigen Bundesratsmitglieder werden wiedergewählt, die SVP läuft mit ihrem Anspruch auf einen zweiten Sitz auf. Die Entscheidung der SP-Fraktion fiel offensichtlich deutlich aus. Sie sei nicht für Spielchen zu haben, heisst es im Mediencommuniqué.

Bleibt es bei dieser Deklaration, ist die Herdplatte nur noch auf der Marke 3 eingestellt und das Süppchen köchelt vor sich hin.  Richtig spannend wird es in diesem Fall erst beim SP-Ausstich im siebsten Durchgang: Alain Berset gegen Pierre-Yves Maillard. Einer von beiden würde sich zu den sechs Bisherigen gesellen:

Die häufigste Frage, die in den letzten Wochen gestellt wurde, lautete: Wer macht das Rennen?

Zentraler wäre eine ernsthafte Auseinandersetzung über andere Fragen gewesen:

– Wer hat das richtige Profil für das Aussen- oder das Innendepartement? (Zweiteres, falls Bundesrat Burkhalter wechseln sollte.)
– Welcher Charakter passt am besten ins bestehende Gremium, das offensichtlich besser funktioniert als in früheren Zusammensetzungen?
– Wer ist auf internationalem Parkett wohl und verhandlungssicher in englischer Sprache?

Zumindest in der deutschen Schweiz hatte ich den Eindruck, dass der Fokus auf andere Schauplätzen gerichtet war: “Konkordanz” zum Beispiel, was nach 789 Folgen zu einem Schwanzbeisser wurde. Oder der Frage: “Können wir zwei Bundesräte aus Hinwil verkraften?” Mit dem Blattschuss von Urs-Paul Engeler hat sich diese Frage bekanntlich erledigt.

Mark Balsiger

Nachtrag vom Freitag, 16. Dezember 2011: Die NZZ kommt in ihrer Analyse der Bundesratswahlen zum selben Schluss:

Das Powerplay des Christian Levrat (NZZ, PDF)


– Grafik Bundesversammlung: Thomas Hodel

– Montage Bundesratsköpfe: sf.tv

 

Weshalb Urs Gasche, Regula Rytz und Alexander Tschäppät bereits gewählt sind

Weshalb werden die einen Kandidierenden gewählt, während andere auf der Strecke bleiben? Diese Frage treibt Politisierende, Medienschaffende, Wissenschaftlerinnen und Kafisatzleser um. Das 26-Erfolgsfaktoren-Modell, das ich 2006 entwickelte und im letzten Jahr verfeinerte, schlüsselt auf, was es für den Sprung ins eidgenössische Parlament braucht. (Das Modell wird am Ende dieses Postings als PDF aufgeführt.) Drei Beispiele aus dem Kanton Bern, die gleichsam als Prognosen zu verstehen sind.

Ausgangslage: Im Kanton Bern stehen 26 Nationalratssitze zur Verfügung. Auf Ende dieser Legislatur gibt es drei ordentliche Rücktritte zu vermelden, und zwar von Therese Frösch (Grüne), Simon Schenk (svp) und Pierre Triponez (fdp). Mit Sicherheit wird ein vierter Sitz frei: Ricardo Lumengo (ex-sp) kann sein Mandat mit der neuen Sozial-Liberalen Bewegung nicht verteidigen. Dafür müsste diese approx. 3,8 Wählerprozente erringen – ein hoffnungsloses Unterfangen.

Nebenbei: In der Berner Deputation gibt es mehrere Wackelsitze – bei der FDP, der SP und der SVP.

Urs Gasche hat die klassische Ochsentour hinter sich; sie begann 1986 als Sekretär der SVP-Sektion Fraubrunnen. Weitherum bekannt wurde er als Regierungsrat des Kantons Bern, dem er von 2001 bis 2010 angehörte. In diesem Gremium war er eine zentrale Figur, seine Stimme wurde gehört und hatte Gewicht. In seiner Funktion als Finanzdirektor und mit der mächtigsten Partei im Rücken kam niemand um Gasche herum.

Der Jurist wirkte als Regierungsrat geerdet, ruhig und souverän. Er schien stets eine gesunde Distanz zur Poltik und zu seiner Machtfülle zu haben; wichtig nahm er sich nicht. Das mag mit einem Schicksalsschlag zu tun haben, der sein Leben prägte. Mitte der Neunzigerjahre verstarb seine Gattin, mit seiner zweiten Frau hat er zwei Kinder, die derzeit im Primarschulalter sind. Der Verlust eines geliebten Menschen führt schmerzhaft vor Augen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Eigene Kinder machen pragmatisch und geben Bodenhaftung.

Urs Gasche (56) gehörte im Sommer 2008 zu den Gründungsmitgliedern der BDP. Als er ein Jahr später bekanntgab, auf Ende der Legislatur (Frühjahr 2010) aus dem Regierungsrat zurückzutreten, hätte ich gewettet, dass er sich dann auch komplett aus der Politik verabschiedet. Dass er nun für den Nationalrat kandidiert, dürfte an seinem Pflichtbewusstsein gegenüber seiner neuen Partei liegen. Sie braucht gerade in der jetzigen Phase gute und erfahrene Leute, will sie nicht schon bald wieder von der Bildfläche verschwinden.

Als kantonsweit bekannte und geschätzte Persönlichkeit kann Gasche dem Wahltag gelassen entgegenblicken. Seine Rolle als Verwaltungsratspräsident des Stromkonzerns und AKW-Mühleberg-Betreiber BKW dürfte ihm nur geringfügig schaden. Die BDP wird am 23. Oktober nicht nur die Sitze der beiden Überwechsler Ursula Haller und Hans Grunder bestätigen können, sondern noch einen, womöglich sogar zwei weitere Nationalratssitze ergattern. Gasche wird gewählt. Verzichtet die BDP auf eine Fraktionsgemeinschaft mit der CVP, kann er zur zentralen Figur werden.

Regula Rytz gehörte 1987 zu den Gründungsmitgliedern des Grünen Bündnisses (GB). In den ersten Jahren erlernte sie das politische Handwerk im Parteisekretariat und als Beraterin der damaligen Stadtberner Finanzdirektorin Therese Frösch. Von 1995 bis 2005 war sie Grossrätin, wo sie sich den Ruf einer dossiersicheren, eloquenten und klugen Politikerin erarbeitete, die auch von politischen Gegnern respektiert wurde.

Im Herbst 2004 wurde Rytz mit einem hauchdünnen Vorsprung auf Alec von Graffenried (GFL) in die Exekutive der Stadt Bern gewählt – als Nachfolgerin von Therese Frösch, für die sie ja zuvor im Hintergrund gearbeitet hatte. Den Wechsel vom kantonalen Parlament in die städtische Regierung schaffte die zierliche Frau mit Bravour. Sie ist enorm fleissig, überlegt und stets voller Energie. Und sie verfügt über Qualitäten, die man bei anderen Politikern vergeblich sucht: So hat sie einen weiten Horizont, ein echtes Interesse an den Mitmenschen und sie kann zuhören, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Während vereinzelte Parteikolleginnen stur, mit gesenktem Blick und schriller Stimme die Welt täglich verbessern wollen, setzt Regula Rytz (49) auf die Kraft des Dialogs, auf Konsens und Charme. Auf diese Weise erreicht sie bis am Ende des Tages etwas. Sie will gestalten, tut das mit Engagement, Herzblut, Pragmatismus, viel Lust und mit einem gesunden Machtbewusstsein, ohne aber eitel zu sein.

Die Konstellation für den Sprung in den Nationalrat ist ideal: Therese Frösch tritt zurück, Regula Rytz wird ihren Sitz erben. Sie kann auf eine grosse Hausmacht in den rot-grün dominierten Städten Bern und Biel zählen. Im Grossraum Thun, wo sie aufgewachsen war, betreibt sie seit Monaten einen intensiven Wahlkampf. Derart unbestritten, beliebt und gut getragen, ist ihr die Wahl nicht zu nehmen. Für die grüne Fraktion ist Rytz ein Glücksfall: Endlich jemand, der neben Bastien Girod (ZH) und Antonio Hodgers (GE) auch wirklich etwas von Verkehrs- und Energiepolitik versteht, gleichzeitig aber weiss, wie man über Parteigrenzen hinweg zusammenarbeitet, ohne die politischen Gegner kopfscheu zu machen.

Alexander Tschäppät ist seit 1980 in der Politik. Er kann nicht ohne sein, der bunte Hund, der nie um einen Spruch verlegen ist, und zumindestens in der Stadt Bern gibt es vermutlich niemanden, der keine Meinung über den Stadtpräsidenten hätte. Kritisiert wird der Stapi beispielsweise, wenn er Testosteron und Pheromone Polka tanzen lässt oder die gut geölte Zunge sich verselbstständigt.

Solche Ausrutscher machen Tschäppät natürlich angreifbar, sie zeigen ihn allerdings auch von einer Seite, die Zehntausende von Männern auch immer mal wieder ausleben. Aber Tschäppät ist ein schweizweit bekannter Politiker, der wissen müsste, dass es für ihn ausserhalb seiner eigenen vier Wände keine Privatsphäre gibt. Diese Schwäche rückt zuweilen in den Hintergrund, dass er ein ausgesprochen gewiefter Taktiker, herausragender Debattierer und gescheiter Politiker ist. Sein politischer Instinkt ist unerreicht, genauso wie seine Begabung als Verkäufer.

Das Comeback von Alexander Tschäppät (59) nach acht Jahren Pause ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Wegen der Abwahl Lumengos gibt es auf der Männerliste der SP Platz – der dritte Sitz gehört Tschäppät. Mit seinem Bekanntheitsgrad ist ihm die Wahl nicht zu nehmen, er dürfte sogar den Bisherigen Corrado Pardini hinter sich lassen. In der Phase von 1991 bis 2003 gehörte Tschäppät in der SP-Bundeshausfraktion zu den tonangebenden Mitgliedern. Offen ist, ob er das noch ein zweites Mal schafft und wie sich das 60-Prozent-Pensum als Nationalrat mit einem 100-Prozent-Pensum als Stadtpräsident verträgt.

Urs Gasche (bdp), Regula Rytz (grüne) und Alexander Tschäppät (sp) – alle drei sind seit vielen Jahren stetig präsent in den Medien, sie sind im ganzen Kanton bekannt und gut vernetzt. Sie bringen es gemäss meinem Modell auf 20 bis 23 Erfolgsfaktoren. Alle drei werden sie am 23. Oktober locker in den Nationalrat gewählt. Wetten nehme ich ab sofort entgegen.

Mark Balsiger

Das 26-Erfolgsfaktoren-Modell zum Herunterladen (PDF)

Fotos:

– Urs Gasche: smartvote.ch
– Regula Rytz: Béatrice Devénes
– Alexander Tschäppät: bern.ch

Unabhängigkeit und Transparenz in der Glasbox und anderswo – eine Klarstellung

Dieser Tage bin ich regelmässig in der grossen SRF-Kiste “Treffpunkt Bundesplatz” involviert. Ich darf jeweils zwischen 14 und 15 Uhr auf DRS3 bzw. SF info eine Kurzbeurteilung über die Parteien und die Wahlkampfreden vornehmen. Dabei wurde für mich die Glasbox auf dem Bundesplatz unverhofft zum Glashaus. Diese Medienauftritte führten zu Fehlinterpretationen, die ich ausräumen will.

Seit ich Bücher über politische Kommunikation schreibe und dieses Blog hier betreibe, erhalte ich Medienanfragen. Im Herbst 2006 hat das angefangen und von Jahr zu Jahr wird die Nachfrage etwas grösser. Einmal werde ich gefragt, welche Rolle die Bundesräte für ihre Parteien spielen, ein anderes Mal darf ich analysieren, weshalb der Zürcher Regierungsrat Hans Hollenstein abgewählt wurde, ein drittes Mal kritisiere ich Videoclips.

Priorität haben solche Medienanfragen nicht, an erster Stelle kommen immer die Mandantinnen und Mandanten. Wenn ich es aber einrichten kann, nehme ich die Expertenrolle gerne wahr, was oft in Nachtarbeit mündet. Aber für Selbständige ist der Arbeitstag bekanntlich fast beliebig ausdehnbar.

Weshalb ich regelmässig Medienanfragen annehme:

– Jede Medienanfrage ist eine Herausforderung. Ich mag Herausforderungen
– Ich betrachte jede Medienanfrage als “persönliches Medientraining on the job”. So profitiere ich für eines der Standbeine meiner Agentur, weil ich regelmässig selber beübt werde
– Mich interessiert, wie Medienschaffende Themen angehen und aufbereiten, gerade auch weil ich an der Schweizer Journalistenschule ein kleines Pensum habe
– Ich verstehe mich als Dienstleister. Von 1989 bis 2000 war ich selber als Journalist tätig und weiss deshalb nur zu gut, wie schwierig es ist, unter Zeitdruck Protagonisten zu finden, die in ihrem Gebiet über ein solides Wissen verfügen und es auch auf den Punkt bringen können
– Hintergrundgespräche, die nicht zu Zitaten führen, sind für mich sehr bereichernd
– Regelmässige Medienauftritte erhöhen meinen Bekanntheitsgrad und können die Reputation stärken

Wer im Scheinwerferlicht der Medien steht, muss jederzeit mit Kritik, Verunglimpfungen, dumm-dürren Hypothesen, ja sogar mit Heckenschützen rechnen. Die beiden Stars der Polit-Expertenzunft können ein Lied davon singen: Meinungsforscher Claude Longchamp wurde nach der Anti-Minarett-Initiative durch den Kakao gezogen, Sozialgeograf Michael Hermann wiederum musste in den letzten Monaten Kritik für seine Vermessung der Politik einstecken.

Auf meine Medienauftritte bilde ich mir nichts ein, ich brauche sie nicht für das persönliche Wohlbefinden. Wenn meine Einschätzungen dem Publikum helfen, etwas zu verstehen, ist ein wichtiges Ziel erreicht. Darum geht es. Wenn die “Elfenbeintürmler” nicht bereit sind, komplexe Sachverhalte einfach zu erklären, bedauere ich das. Es liegt an ihnen, sich in der Disziplin der Instant-Analyse zu versuchen.

Der Einfluss der Experten wird grundsätzlich überschätzt. Ich zähle in dieser Gilde zur dritten Reihe, nehme die Aufgabe aber ernst. Gleichwohl beobachte ich mich in dieser Rolle mit einem Augenzwinkern. Das Lachen auf den Stockzähnen bleibt, und sollte ich es einmal verlieren, werde ich mich beruflich verändern.

Zentral ist für mich Unabhängigkeit. Ich gelte zwar als “animal politique”, habe aber den Anspruch, dass meine Einschätzungen nie parteiisch sind. Das habe ich womöglich nicht ganz immer geschafft. Ebenso zentral ist, dass ich nie zwei veschiedene Hüte gleichzeitig trage. Wo meine Kommunikationsfirma involviert ist, nehme ich keine Medienanfragen wahr. So ist es in den letzten fünf Jahren zu keinem einzigen Interessenkonflikt gekommen.

Nehmen wir als Beispiel “Treffpunkt Bundesplatz”. Von allen Kandidaten, die ich am Sender bespreche, bestand mit keinem jemals ein Mandatsverhältnis. Dasselbe gilt auch für ihre Konkurrentinnen und Konkurrenten. Verquickungen lehne ich ab; ich kann und will sie mir nicht leisten. In meinem Berufsverständnis sind Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Unabhängigkeit und Ethik sehr wichtig.

Die Beurteilung des Berner FDP-Nationalrats Christian Wasserfallen, der heute in der Glasbox seine Wahlkampfrede hält, hätte ich abgelehnt. Er absolvierte vor drei Jahren bei mir ein Medientraining, bei dem er sich auf sein Zusammentreffen mit Christoph Blocher in der “Arena” vorbereitet hatte.

Mark Balsiger

Foto Glasbox auf dem Bundesplatz: Thomas Hodel

Vaterfreuden in Berns Westen

12. Dezember 2010: Fahrplanwechsel.

In Bern beginnt damit eine neue Epoche: Ab morgen sind die beiden grossen Quartiere im Westen der Bundesstadt, Bümpliz und Bethlehem, mit dem Tram erschlossen. Damit wachsen sie verkehrstechnisch und emotional wieder näher an die Stadt heran. Das ist bitter nötig, weil die Entfremdung dieser Quartiere schon seit Langem ein Problem darstellt.

Heute Abend fand die Einweihungsfeier für das Tram Bern West statt, verbunden mit einer Jungfernfahrt vom Hauptbahnhof Bern bis zum Einkaufszentrum Westside.

Weil meine Agentur 2006/2007 die beiden Abstimmungskampagnen konzipiert hatte bzw. für die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig war (2006 städtisch, 2007 kantonal), durfte ich an diesem Anlass teilnehmen. Die Stimmung war aufgeräumt – ein städtebaulich bedeutendes Projekt konnte, nach einigen Irrungen und Rückschlägen, schliesslich innerhalb weniger Jahre realilsiert werden.

Die zuständige Gemeinderätin Regula Rytz (Foto, Mitte) betonte in ihrer Ansprache, dass das Tram Bern West «viele Mütter und Väter» habe.


Und auch der Direktor von Bernmobil, René Schmied (Mitte), strahlte den ganzen Abend. Von morgen Früh an gilt es ernst auf den neuen Linien 7 und 8.


Das Stichwort Tram Bern West löst bei mir eine Art Film aus: Ich erinnere mich an viele Details – von der fiebrigen Phase vor der Konkurrenzpräsentation im Frühling 2006 bis zum Umtrunk der Sieger im legendären «Sternen» Bümpliz, etwa 15 Monate später.

Die Erinnerungen an die kreativen Prozesse teamintern bringen mich zum Schmunzeln. Am Anfang war die rohe Idee – eine Spielerei und zugleich eine Provokation.


Der Claim «Für dich und mich» wird seit einigen Jahren von Coop verwendet – allerdings in der umgekehrten Reihenfolge. Weil der andere grosse Detailhändler, Migros, das “Westside” baute und finanzierte, wäre ein solcher Claim beim “Pitch” natürlich hochkant durchgefallen.So einigten wir uns schliesslich auf eine andere Adaption:

In der heissen Phase des Abstimmungkampfes wurden die Plakate noch mit einem knalligen Kleber ergänzt:


Das Ja zu Tram Bern West ist nun sichtbar und das wird vermutlich auch in 40 Jahren noch so sein. Nicht bei jeder Kampagne lässt sich ähnliches behaupten.

Fotos: Mark Balsiger

Bundesratswahlen brauchen klare Regeln

Es war in zweifacher Hinsicht ein Versuch: Vor drei Jahren dampfte ich auf einem Podium im Politforum Käfigturm den “Wahlkampf” ad hoc auf einen Satz ein. Das tönte so: “Wahlkampf ist der Kampf um die Schlagzeilen von morgen.” Ein kurzer, einfacher und ziemlich knackiger Satz. Prompt schaffte er es tags darauf in die Berichterstattung der Regionalzeitung. Versuch geglückt.

Inzwischen würde ich “von morgen” getrost weglassen. Die Onlineportale sind derart schnell und mächtig geworden, dass Schlagzeilen und News – ich bestehe auf der englischen Bezeichnung – in Windeseile über verschiedenste Kanäle weiterverbreitet werden, ja oftmals regelrechte Wellen auslösen. Bürokollege Suppino findet, dass die Medien viel zu stark aus Schlagzeilen, Instant-News und Hypes bestehen.

Um Schlagzeilen geht es auch im Vorfeld von Bundesratswahlen. Kein Thema eignet sich besser für den Wahlkampf. Das konnten wir in den letzten Jahren bei den oftmals taktisch motivierten Rücktritten gut beobachten. Den Parteien ist viel mediale Aufmerksamkeit gewiss, egal wie relevant ihre Äusserungen und Planspiele auch sein mögen. Weil sich viele Politiker selbst am nächsten sind, entspricht es dem Regelfall, dass auch Parteikollegen kritisiert werden. Das gehört zum Spiel und erhöht die Chancen auf Publizität markant.

Wenn es primär darum geht, Schlagzeilen zu generieren

Wer nicht kräftig auf die Tube drückt, bleibt aussen vor. Das zeigt sich beim Nachfolgekarussell von Moritz Leuenberger und Hans-Rudolf Merz deutlich. Anfänglich wollte die CVP keine Ansprüche anmelden und wurde prompt von den Medien vergessen. Geschmeidig hat sie ihre Position geändert und trommelt nun genauso wie die Grünen und die SVP.

Wie ernst dieser Lärm zu nehmen ist, zeigten jüngste Ersatzwahlen: 2008, bei der Nachfolge von Samuel Schmid, erreichte der Sprengkandidat der Grünen, Ständerat Luc Recordon (VD), nicht einmal 10 Stimmen – bei 24 Mitgliedern, die seine Fraktion zählt. Beim Ersatz von Pascal Couchepin im Herbst 2009 fand die SVP trotz lautem Gebell und wochenlanger Suche schliesslich nicht einmal einen eigenen Kandidaten.

Wir lernen: Das laute Tamtam verdiente eigentlich bloss Fussnoten, aber gewiss keine Schlagzeilen. Möglicherweise untergraben die Parteien mit dieser Form von Kommunikation langfristig ihre Glaubwürdigkeit. Die Diskussion rund um die Reform der Institution Bundesrat, die mehr Engagement verdiente und wichtiger wäre, verlaufen in ruhigen Bahnen.

Konkordanz ist zu einem verbogenen Begriff geworden

Das Tauziehen um Bundesratssitze, das seit 1999 immer wieder in Gang kommt, hat Unterhaltungswert, nützt sich allerdings auch schnell ab. Konkordanz (lat.: concordantia/Übereinstimmung) ist zu einem verbogenen Begriff geworden, unter dem fast alle etwas anderes verstehen (wollen). Die Konkordanz wird, je nach eigenem Vorteil, inhaltlich oder arithmetisch begründet. Es gibt weitere Interpretationen wie zum Beispiel die machtpolitische Konkordanz.

Damit die “daily soaps” im Vorfeld von Bundesratswahlen nicht Folgen ohne Ende werden, bräuchte es klare Regeln. Die Bundesverfassung schreibt in Artikel 175 lediglich vor, dass bei der Besetzung der Landesregierung “die Landesgegenden und Sprachregionen angemessen vertreten” sein sollten. Auf diese beiden Kriterien wurde seit 1848 grosses Gewicht gelegt – zum Glück für ein Land, das stark föderalistisch geprägt ist und nicht einem Nationalstaat entspricht.

Ich bringe zusätzliche Regeln, die nicht interpretierbar sind, in die Diskussion ein:

– Bei einer siebenköpfigen Landesregierung erhalten die drei grössten Parteien je 2 Sitze, die viertgrösste 1 Sitz
– Bei 9 Bundesräten lautet der Verteilschlüssel:
Variante a) die vier grössten Parteien erhalten je 2 Sitze, die fünftgrösste 1 Sitz
Variante b) erreicht die fünftgrösste Partei einen Wähleranteil von weniger als z.B. 8%, geht sie leer aus, die wählerstärkste Partei hingegen kriegt in einem solche Fall 3 Sitze
– Bei Bundesratsmitgliedern, die die Partei wechseln, zählt bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode ihre Parteizugehörigkeit bei der (letzten Wieder-)Wahl

Auch solche Überlegungen gehörten in den laufenden Prozess der Regierungsreform. Mit dem Modus, den ich anrege, wäre in der jetzigen Phase klar geregelt, dass die beiden Sitze bei der SP und an der FDP bleiben. Drohungen, “Theater” und Wahlkampfrhetorik blieben aus. Die Akteure könnten sich dafür mit vollem Engagement der Sachpolitik zuwenden.

P.S.  Diese Vorschläge ergänzen frühere, die ich in diesem Blog machte – work in progress.

Foto: wochenpostusa.com

YB und seine Geldgeber: Wer auf diese Weise kommuniziert, erntet eine Krise

Ein Verwaltungsrat ist keine Kuscheltruppe, die sich zweimal jährlich über ein paar müde Routinetraktanden beugt, um hernach einem opulenten Fünfgänger zuzusprechen. Ein Verwaltungsrat fällt die wichtigsten Personalentscheide, definiert die Strategie des Unternehmens und überwacht deren Umsetzung. So ist es auch bei der Sport & Event Holding AG, die den Traditionsverein BSC Young Boys und das “Stade de Suisse” besitzt. Anzufügen ist, dass es YB ohne diese Geldgeber nicht mehr geben würde.

Vor Wochenfrist stellten Verwaltungspräsident Benno Oertig (Foto) und die Rihs-Brüder Andy und Hans-Ueli, die zu dritt mehr als 90 Prozent des Aktienkapitals besitzen, Stadion- und YB-CEO Stefan Niedermaier kalt. Das Entlassungsgespräch fand am letzten Sonntag statt. Tags darauf wurde den Medien mit Ilja Kaenzig, ein Fussballmanager mit rund zehn Jahren Erfahrung aus der deutschen Bundesliga, bereits der Nachfolger präsentiert. Sie lobten ihn in den höchsten Tönen.

Niedermaier (Foto) habe betrieblich hervorragende Arbeit geleistet, sagte Oertig. Doch jetzt wolle man die dritte Phase zünden, in der man den Fussball nachhaltig fördere. Die Kaltstellung kam für Experten und Fans aus heiterem Himmel. Viele liessen ihrem Unmut freien Lauf und schossen sich sofort auf Kaenzig ein – die falsche Zielscheibe. Niedermaier war die letzten Jahre fraglos “Mister YB”: Er ist ein Macher, charmant, machtbewusst, hart, aber gleichwohl fair. Die Zahlen, die er ausweisen kann, sind beeindruckend. Gemäss der Sonntagspresse brechen die Sponsoren eine Lanze für Niedermaier und verurteilen die Art und Weise seiner Absetzung.

In etablierten Medien und Foren, beispielsweise im Blog “Zum Runden Leder”, wird der Fall  leidenschaftlich diskutiert. Die Fanorganisationen zeigten sich in einem Communiqué besorgt um ihren Klub, und sie solidarisieren sich mit Niedermaier. Eine bekannte Stimme hält dagegen: “Dumm und tendenziös” sei die Berichterstattung der “Berner Zeitung”, kritisiert Peter Jauch, der ehemalige CEO des “Stade de Suisse”, gestern in einem Leserbrief.

Beim gestrigen Meisterschaftsspiel gegen Xamax liessen die YB-Fans Verwaltungsratspräsident Benno Oertig mit einem Transparent wissen, was sie von seinen Plänen halten. Derweil verlor YB gegen den Tabellenletzten 0:1.

“Elf Freunde müsst ihr sein”, heisst der Klassiker aus den Fünfzigerjahren. Das gilt schon lange nicht mehr, und auch Mäzene à la Spross oder Facchinetti sind weitgehend verschwunden. Der Profifussball ist ein knallhartes Geschäft geworden, es geht in erster Linie um Geld. Viel Geld. Wer zahlt, befiehlt – Oertig und die Gebrüder Rihs können tun und lassen, was sie für richtig halten.

Als Kommunikationsspezialist interessiert mich, wie die sofortige Absetzung Niedermaiers kommuniziert wurde. Es gibt eine ganze Reihe Kritikpunkte, die ich strukturiert aufliste:

Die Schwachstellen:

– Es ist richtig, dass man eine Entscheidung dieser Tragweite mit einer Medienkonferenz auffangen wollte. Die Journalisten erst kurzfristig, d.h. mit einem Vorlauf von etwa zwei Stunden, einzuladen, macht Sinn. Offensichtlich wurden aber vorgängig nicht einmal Schlüsselfiguren des Vereins informiert. Viele vernahmen aus den Medien, was Sache ist. Verständlich und richtig ist, dass diese kommunikative Herausforderung nicht von der YB-Medienstelle bewältigt wurde, sondern durch ein externes Büro. Die Kapazitäten hätten gefehlt, vermutlich wäre auch zu viel Nähe zu den Akteuren vorhanden gewesen.

–  Fritz Bösch, Unternehmer aus dem Seeland und das vierte Mitglied im Verwaltungsrat, wurde komplett übergangen und erst gar nicht über die Entscheidung informiert. Nun wird er unter dem Absingen wüster Lieder seinen Rücktritt geben – medial begleitet. Das hinterlässt einen Flurschaden.

– Der YB-Beirat, bestehend aus 22 Persönlichkeiten und als Bindeglied zwischen Klub und Basis aktiv, erfuhr genauso wie Bösch aus den Medien, dass Niedermaier abgesetzt und Kaenzig als neuer CEO installiert wurde. Zu einem ersten Austausch eingeladen wurden sie gestern Nachmittag, geschlagene sechs Tage nachdem die Würfel gefallen waren. Beirat Kuno Lauener ist unter Protest ausgetreten, weitere werden folgen. Auch solche Reaktionen scheint der Verwaltungsrat mit seiner Aktion zu wenig berücksichtigt zu haben. Kuno ist eine Kultfigur in Bern.

–  Die Floskel “im gegenseitigen Einvernehmen” ist schon lange strapaziert. Im vorliegenden Fall ist sie schlicht verlogen: Niedermaier wurde kaltgestellt.

– Wenn Oertig eine “Hochphase von 20 bis 30 Jahren wie bei Bayern München” als Ziel definiert, übernimmt er sich kräftig. Solche Aussagen werden ihm noch Jahre später um die Ohren geschlagen.

– Schliesslich: der Zeitpunkt. Es sorgt für viel Unruhe, den Wechsel von Niedermaier zu Kaenzig ausgerechnet kurz nach Beginn der Meisterschaft zu vollziehen. Wenn YB nicht bald die Resultate bringt, die es sollte, wird auch Trainer Vladimir Petkovic abserviert. 

Die Analyse:

Die Art und Weise, wie Stefan Niedermaier aus seinem Amt gejagt wurde, ist auch für das knallharte Fussballbusiness hässlich. Das hinterlässt mehr als nur einen schalen Nachgeschmack. Nicht nur die Supporter des Klubs, auch weite Teile der Bevölkerung sind irritiert. Dasselbe gilt für die Sponsoren. Vertrauen und Zuverlässigkeit sind für sie ähnlich wichtig wie die Resultate auf dem Platz. Der Verwaltungsrat unterschätzte offensichtlich Niedermaiers Popularität und die tiefe Verankerung des Klubs in der Gesellschaft.

Die Chance, an der Medienkonferenz vom letzten Montag proaktiv für Transparenz zu sorgen, wurde vertan. Weshalb die Absetzung Niedermaiers so kurzfristig nötig wurde, blieb im Dunkeln. Umso kräftiger wird seither spekuliert und interpretiert. In diesem Klima der Unsicherheit ist es für alle Beteiligten schwer, gute Leistungen zu erbringen. Gerade vor dem Playoff-Spiel gegen Tottenham vom kommenden Dienstag, wenn es um den Einzug in die Champions League geht, wäre Ruhe wichtig gewesen.

Fazit: Mit dieser Hauruck-Aktion “veryoungboyste” der Verwaltungsrat vieles. Er verliert dauerhaft an Glaubwürdigkeit und Kredit. Dass etliche Schlüsselfiguren von den Umwälzungen aus den Medien erfahren mussten, ist unverzeihlich. Es zeigt auf, wie wenig Wertschätzung gegenüber diesen Leistungsträgern vorhanden ist. Wer überhastet und intransparent informiert, löst unweigerlich eine Krise aus.

Der Reputationsschaden, der ohne Not angerichtet wurde, ist gross. Wenn YB in dieser Saison so spielt, wie der Verwaltungsrat in dieser Causa kommunizierte, wird der Traditionsklub mit seinen 15’000 Mitgliedern absteigen. Und spätestens dann platzen die hochfahrenden Träume: Challenge League statt Champions League. Dann wäre YB am selben Ort wie vor zehn Jahren schon einmal. Bonjour tristesse.

Interviews mit Ilja Kaenzig und Benno Oertig:

“Bei YB ist gute Arbeit geleistet worden” (BZ, 13. August)
“Wir wollen nicht immer nur Zweiter werden” (Bund, 14. August)

Medienspiegel vom Samstag, 21. August:

Was Bern von YB lernen muss (BZ-Zeitpunkt; Jürg Steiner)
Eine YB-Sternstunde zur rechten Zeit (Bund, Ruedi Kunz, PDF)

Fotos:
– Benno Oertig: intrum.com
– Stefan Niedermaier: 20min.ch
– Pyro und Transparent im Stade de Suisse: Thomas Hodel