Von Hobby-Schachspielern, die Königsmörder werden möchten

Es ist eine Binsenwahrheit: Wer Schlagzeilen generieren will, muss nicht den politischen Gegner angreifen, sondern Parteikollegen. Ein paar FDP-Nationalräte üben sich darin – erfolgreich. Sie zielen mit Schrot auf ihren Bundesrat Pascal Couchepin, weil er hauptverantwortlich sei für den erneuten Aderlass des Freisinns. Otto Ineichen (LU) forderte auf Schweizer Radio DRS gar den Rücktritt des Magistraten. Starker Tobak.

Zur Erinnerung: Noch im Frühsommer hatte die FDP-Fraktion beschlossen, im Dezember ihre beiden Bundesräte Merz und Couchepin wieder zu nominieren. Was also soll das Allotria? Bürokollege Suppino kommentiert giftig: “Da blasen zwei Hobby-Schachspieler zum Angriff, haben aber keine Ahnung, wie die Züge drei und vier aussehen sollen.”

Spielen wir theoretisch einen Couchepin-Abwahlversuch durch: Ein Rechtsbürgerlicher soll ihn ersetzen, das ist für die freisinnigen Kritiker klar.

Bei Bundesratswahlen bekommt die sprachregionale Herkunft stets eine entscheidende Rolle. Vor vier Jahren wählten beispielsweise bürgerliche Parlamentarierinnen aus der Ostschweiz nicht die Bernerin Christine Beerli, sondern einen der Ihren: den Appenzeller Hans-Rudolf Merz. Couchepin müsste also durch einen Lateiner ersetzt werden. Wen hätte die FDP – oder die SVP – im Köcher? Wohlverstanden mit einem klar rechtsbürgerlichen Profil?

Wir dürfen die ganze Nacht nachdenken. Ein valabler Kandidat wird uns nicht in den Sinn kommen. Die Hobby-Schachspieler wiederum dürfen nachsitzen, so wird man nicht zum Königsmörder.

Mark Balsiger

Galladé geht in die Offensive

Chantal Galladé und die SP Zürich halten sich an eine alte Fussballweisheit: Angriff ist die beste Verteidigung. Heute hat die Winterthurer Nationalrätin bekräftigt, für den zweiten Wahlgang anzutreten. Was die Grünliberalen und Verena Diener entscheiden, wird nicht abgewartet. Die Gespräche beider Parteien hat keine Einigung erzielt.

Die schnelle Ankündigung, erneut für den Ständerat zu kandidieren, ist durchaus geschickt. So wird der Druck auf Diener massiv erhöht, nun den Verzicht zu erklären. Sollte sie das nicht tun, ist der Mist geführt: Die Stimmenzersplitterung im Mitte-Links-Lager wäre zu gross, um Ueli Maurer gefährlich zu werden.

Ob Galladé allerdings auch alleine eine Chance hat, bezweifle ich – siehe auch den Beitrag von gestern (“Verheizen oder geschickt taktieren”). Es wäre ein ungleich besserer Start in vier intensive Wochen gewesen, wenn SP und Grünliberale die Grösse und Cleverness gehabt hätten, sich auf eine Kandidatin einzuschwören.

Ich bleibe dabei: Chantal Galladé hat ihr Stimmenpotential im ersten Wahlgang nahezu erreicht, viel mehr liegt nicht drin.  Und gegen einen Gegner wie Ueli Maurer reicht das bei weitem nicht. Zum derzeitigen Wahlkater der SP wird sich am 25. November noch der Katzenjammer dazukommen. Und bei Galladé ist der in diesem Jahr erkämpfte Glanz wieder weg.

Mark Balsiger

Verheizen oder geschickt taktieren?

Den aufwändigsten Wahlkampf hat wie gewohnt der Stand Zürich erlebt. Das Buhlen um die beiden gleichzeitig frei werdenden Ständeratssitze stellte alles andere in den Schatten.

In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob die Links- und Mitte-Links-Parteien zu einer gemeinsamen, kohärenten Strategie fähig sind. Alle gegen Ueli Maurer, lautet die Devise. Der Parteipräsident der SVP Schweiz holte hinter dem gewählten Felix Gutzwiller (fdp) den zweiten Platz. Die heiss diskutierte Frage: Wer kann Maurer im zweiten Wahlgang echt herausfordern, Chantal Galladé (sp, 3.) oder Verena Diener (Grünliberale, 4.)?

Blenden wir kurz zurück: Galladé war vorerst die Verlegenheitskandidatin der SP. Der Kronfavorit Markus Notter wollte nicht, später winkten die beiden populären Stadtpräsidenten, Ernst Wohlwend, Winterthur, und Elmar Ledergerber, Zürich, ab. Und auch Jacqueline Fehr, die profilierteste unter den national bekannten Zürcher SP-Persönlichkeiten, verspürte keine Lust, ein zweites Mal für das “Stöckli” anzutreten.

Chantal GalladéChantal Galladé ist im Verlaufe des Wahlkampfs über sich hinaus gewachsen. Sie fiel nicht nur mit Frische und Jugendlichkeit auf, sie rührte auch keck an einem Tabu der Linken. Mit ihrem “12-Punkte-Plan zur Bekämpfung der Jugendgewalt” lancierte sie geschickt ein Thema, das dank der Unterstützung von Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch noch zusätzlich Relevanz erhielt. Damit erreichten beide während Wochen grosse mediale Aufmerksamkeit.

Mit ihrem Resultat von rund 110’000 Stimmen und dem klaren dritten Platz darf Galladé mehr als zufrieden sein. Ohne die Ständeratskandidatur hätte sie um die Wiederwahl als Nationalrätin zittern müssen. Die Rechnung ist für sie und ihre Partei vorerst aufgegangen. Es wäre ein krasser Fehler, auf Grund dieser Ausgangslage für den zweiten Wahlgang anzutreten. Galladé, die ein pointiert linkes Profil hat, schöpfte ihr Stimmenpotential weitgehend aus. Sie kann im zweiten Wahlgang nur verlieren, und damit wäre der Glanz wieder weg. Und genau das kann sich die SP des Kantons Zürich nicht mehr leisten, ist sie doch die einzige Junge unter den Bisherigen. Die Partei tut gut daran, die 34-Jährige nicht zu verheizen. (Sie wiederum würde gut daran tun, ihre Website zu aktualisieren – kleiner Wink mit dem Zaunpfahl…)

Verena DienerBei Lichte betrachtet kann für die vereinte Linke nur Verena Diener die Kastanien aus dem Feuer holen. Sie geniesst bis weit in bürgerliche Kreise Sympathien und könnte einen bedeutend grösseren Teil des Elektorats mobilisieren; sie hat in harten Wahlkämpfen viel Erfahrung gewonnen; sie könnte als moderate Politikerin im Ständerat etwas bewirken; sie steht im Herbst einer langen politischen Laufbahn und hat deshalb nichts mehr zu verlieren. Man darf getrost davon ausgehen, dass viele FDP-Wähler am 25. November nicht mehr an die Urne gehen. Sie haben ihren Kandidaten im ersten Anlauf ins Ziel gebracht. Dass die Freisinnigen für Ueli Maurer, der sie während Jahren verhöhnt hat, Stricke zerreissen werden, dürfen wir ausschliessen. So weit geht die Bruderliebe nicht, auch wenn offiziell das Gegenteil behauptet wird.

Die vereinte Linke hätte die Chance, einen psychologisch wichtigen Sieg zu landen. Wenn sie dieses Ziel ins Zentrum stellt und interne Animositäten, die es zwischen SP, Grünen, Grünliberalen, CVP und EVP gibt, (vorübergehend) begräbt, liegt eine Überraschung drin. Die Parteispitzen haben jetzt die Gelegenheit zu zeigen, dass sie strategisch etwas auf dem Kasten haben.

Mark Balsiger

Es geht auch ohne viel Geld

Wahltage in diesem Land haben etwas bizarres: Das Medienzentrum in Zürich mutierte zu einem Bienenhaus, die Mehrheit des Schweizer Volkes machte wohl einen entspannten Spaziergang durchs Herbstlaub. Eidgenössische Wahlen sind ebenso bizarr: Die Verschiebungen sind in aller Regel marginal, wenn eine Partei fünf oder sechs Sitze verliert bzw. gewinnt, gilt das als Erdrutsch.

Fazit nach sechs Stunden multimedialer Bestrahlung: hinten links flimmert SF, auf der Seite Radio DRS und diverse private Stationen, direkt vor den Augen zahllose Online-Portale – klick-klick-klick, und weiter, manchmal Serverprobleme. Die Leistungen der Medien ist gut, die allermeisten Fehler entschuldbar. Das Schweizer Fernsehen macht aus dem Wahltag eine gigantische “Kiste” – beeindruckend.

Unter den Instant-Kommentaren vernimmt man Kluges, Unreflektiertes, Selbstkritisches – und manchmal schlicht Dummes.

Eine Aussage, die, wie schon in den letzten Tagen, oft gefallen ist: Die SVP habe 15 oder sogar 20 Millionen Franken in ihren nationalen Wahlkampf gepumpt. Keine Frage, die Volkspartei hatte so viel Geld zur Verfügung wie nie zuvor, Transparenz wäre indessen wünschbar. Aber die Grünen machten vor, wie man faktisch ohne Budget stark zulegen kann. Ein klares Profil macht den Unterschied und wirkt, wenn wenigen Themen auf Jahre hinaus konsequent bewirtschaftet werden. Der allererste Blogeintrag hier, datiert vom 22. Januar 2007, thematisiert, weshalb Grüne und SVP die Nase vorne haben werden.

Mark Balsiger, 18.40 Uhr

Grünliberale: Das Flirten beginnt

Auf Anhieb holten die Grünliberalen im Kanton Zürich drei Sitze. Das ist beachtlich und erklärt zu einem Teil die Schlappe der SP.

Drei Nationalratsmandate im eidgenössischen Parlament helfen aber gar nichts, die Grünliberalen wären Einzelmasken, ohne Möglichkeit, in Kommissionen Einsitz zu erhalten, ohne Fraktionsbeiträge, ohne Einfluss. Entsprechend werden sie sich nach einer Partnerin umschauen. Nur mit mindestens fünf Sitzen kann eine Fraktion gebildet werden. Es gibt nur drei Varianten:

a) Mit der EVP, die nur noch zwei Sitze hat und mit ihrer bisherigen Partnerin, der EDU, die Fraktionsstärke nicht mehr erreichen würde

b) Mit EVP und EDU zusammen, was ich als unwahrscheinlich erachte, weil die EDU zu konservativ positioniert ist

c) Eine Aufnahme bei der CVP, die ihre Avancen schon formuliert hat

Dass die Grünliberalen in den Schoss der Grünen zurückkehren könnten, ist auszuschliessen. Vor drei Jahren trat Martin Bäumle unter lautem Getöse aus und Verena Diener sistierte ihre Parteimitgliedschaft vorerst.

Die Grünliberalen werden also ab sofort umschwärmt wie eine Braut. Gleichzeitig sind aber auch bereits am Flirten. In den äusserst labilen Mehrheitsverhältnissen können sie in der kommenden Legislatur eine überproportional wichtige Rolle spielen.

Mark Balsiger, 23.30 Uhr

P.S. Wären die Grünliberalen forscher an die Gründung von kantonalen Sektionen gegangen, hätten sie aus eigener Kraft Fraktionsstärke erreicht. Selber Schuld.

Der “Messerstecher” will zurück

Kennen Sie Hans-Rudolf Abächerli?

 

Vermutlich nicht.

Mit Sicherheit kennen Sie aber seine Handschrift. Abächerli ist der Wegbereiter des umstrittenen Schaf-Sujets mit dem die SVP seit Monaten auf Stimmenfang geht.

Abächerli hatte 1993 das Messerstecher-Inserat in die Welt gesetzt, später folgen Kreationen gegen die „Linken und Netten“, das Stiefel-Inserat usw. usf. Hans-Rudolf Abächerli war von 1977 bis 1994 verantwortlich für alle Kampagnen der Zürcher SVP, und zwar für die Stadt- wie und die Kantonalsektion. 1977 begann übrigens auch der Aufstieg der Zürcher SVP, die damals einen Wähleranteil von nicht einmal 12 Prozent erreichte (seit Ende der 90er-Jahre hat sie mehr als 30 Prozent). 1977 wurde als Kantonalparteipräsident ein gewisser Christoph Blocher gewählt.

Doch zurück zu Abächerli: Nach seiner Pensionierung 1994 wanderte er aus. Auf eine Karibikinsel. Jetzt möchte der 79-jährige zurück und kandidiert auf der Auslandschweizer-Liste der SVP.

Das Schaf-Sujet hat nicht nur UNO und Dutzende von ausländischen Medien aufgeschreckt. Es wurde in Deutschland auch von der NDP kopiert. Die Kreativen der SVP Schweiz bedienten sich im Ausland. Wie der Frog-Blog berichtet, stammt das Original von einem englischen Illustrator.

Schockierende Plakate und Inserate sind in der Schweizer Politwerbung keine Erfindung der SVP. Zwischen den beiden Weltkriegen, insbesondere in den 30er-Jahren, griffen sich die Kommunisten und Faschisten oftmals heftig an. Die Bildsprache der damaligen Sujets zeigte beispielsweise die furchterregende Fratze von Stalin, der ein Messer zwischen den Zähnen hat.

Diesen Stil hat die SVP 1993 wieder aufgenommen. Einen Teil ihres Erfolgs verdankt sie Hans-Rudolf Abächerli.

Mark Balsiger

Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit

Die Selbstkritik zuerst: Der Titel des Podiums, das wir organisierten, war sperrig: „Wahlkampf – gestern – heute – morgen“. Der Anlass, der gestern Abend im „Käfigturm“ in Bern in Szene ging, war das hingegen nicht.

Unter der Leitung von Artur K. Vogel, Chefredaktor bei der Tageszeitung „Der Bund“ diskutierten:

  • – Nadine Masshardt, SP, die jüngste Grossrätin im Kanton Bern (22-jährig)
  • – Johannes Matyassy, Kantonalpräsident der FDP Bern
  • – Prof. Dr. Roger Blum, Medienwissenschaftler an der Uni Bern
  • – Der Bloggende (Mark Balsiger, Co-Autor des Buches „Wahlkampf in der Schweiz“)

Ein paar Aussagen, die in dieser Diskussionsrunde sinngemäss fielen:

Johannes Matyassy, FDP:

– Medienpräsenz ist sehr wichtig. Doch das alleine reicht nicht. Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit.
– Die FDP ist eine Partei voller Individualisten.
– Ich habe das Gefühl, dass bei uns sich alle für unsere Ständeratskandidatin Dora Andres einsetzen. Bei der SVP ist es umgekehrt: Kandidat Werner Luginbühl setzt sich für seine Partei ein.

Nadine Masshardt, SP:

– Jung sein ist noch kein Programm.
– Bei Gesprächen mit Unbekannten stelle ich fest, dass ich meistens auf Grund meiner inhaltlichen Arbeit angesprochen werde.
– Bei den Nationalratswahlen 2003 sind Kandidierende der SP auch dank des Strassenwahlkampfs gewählt worden.
– Für mich ist der persönliche Austausch mit den Menschen auf der Strasse sehr wichtig. Ich will mit ihnen diskutieren, ihre Anliegen hören.

Roger Blum:

– Wenn im redaktionellen Teil über einen Kandidaten berichtet wird, ist das glaubwürdiger als ein bezahltes Inserat.

Mark Balsiger:

– Der moderne Wahlkampf ist der Kampf um die Schlagzeilen von morgen.

Vor dem Podium beleuchtete Roger Blum in einem kurzen Referat den Wahlkampf.

Ein paar Aussagen Blums:

– In den 1850er Jahren nannten die Zeitungen im Kanton Basel-Landschaft manchmal erst eine Woche vor den Wahlen die Namen der Kandidaten.
– Während dieser Phase lag die Wahlbeteilung jeweils zwischen etwa 25 und 38 Prozent.
– 1967 spielte erstmals das Fernsehen im Wahlkampf eine Rolle: Die Parteien konnten in drei grossen Sendungen auftreten.
– Weil im Kanton Aargau das linksliberale „Team 67“ den deutschen Schriftsteller Günter Grass vor seinen Karren spannte, erschienen bei einer Versammlung einmal 5000 Leute. Bei den Wahlen holte das „Team 67“ nicht einmal 5000 Stimmen.
– Die Parteien haben die Herausforderungen der Mediengesellschaft noch zu wenig erkannt: Die FDP und die SP haben ihren den letzten 20 Jahren ihre herausragenden Köpfe, nämlich ihre Bundesräte und Parteivorsitzenden, viel zu wenig in der Vordergrund gestellt.

Berichterstattung:
Podium Politforum Käfigturm (“Bund”, 6. September 2007; PDF)

Mark Balsiger

P.S.  Einmal mehr absolute Transparenz: Ich berate weder Nadine Masshardt noch Johannes Matyassy im Wahlkampf. Sonst wären sie für uns als Podiumsteilnehmende nicht infrage gekommen. Das ändert nichts an meiner Überzeugung, dass Masshardt und Matyassy im Berner Wahljahr 2007 zwei ausgesprochen spannende Personen sind.

Was die SVP besser macht

Dieser Tage scheint ein “Wahlvertrag” auf. Diverse Schweizer Tageszeitungen drucken ihn in halb- oder sogar ganzseitigen Inseraten ab. Darin verspricht die SVP, der Europäischen Union nicht beizutreten; kriminelle Ausländer auszuschaffen; für alle die Steuern zu senken. Es handelt sich um Themen, die die SVP seit vielen Jahren bewirktschaftet.

Wahlverträge sind nicht neu. Bereits in den 1990er Jahren schloss Jörg Haider einen Vertrag mit seinen Landsleuten ab. Auch damals unterzeichnete nur eine Seite, man müsste folglich eher von einer Offerte reden. Vor vier Jahren präsentierte die CVP Schweiz ebenfalls einen Wahlvertrag, dieses Jahr gibt es eine Wiederauflage.

Was die SVP also bietet, kommt spät wie die alte Fasnacht. Das vergass die Schnitzelbangg-Gruppe “d’Striggedde”, die am Parteitag in Basel nicht nur Maschen fallenliess, zu persiflieren. Weshalb aber hat der Wahlvertrag der SVP mehr Resonanz als derjenige der CVP?

1.  Die SVP setzt einen klaren Schwerpunkt und bewirbt den Wahlvertrag mit ziemlich viel Geld.

2.  Sie hat in den letzten 15 Jahren gelernt, was politisches Marketing heisst.

3.  Die SVP ist bestens vertraut mit den neuen Mechanismen der Medien.

4.  Sie steht unter der permanenten Beobachtung der Medien – über keine andere Partei wird so viel geschrieben -, womit sie für ihre Aktionen und Winkelzüge stets auf die unentgeltliche Verbreitung ihrer Botschaften durch die Massenmedien bauen kann.

Mark Balsiger

Vom Neid in den eigenen Reihen

Reto Nause in einem Gratisblatt, wo er sich über die abgesenkten Pflastersteine der Berner Altstadt mokiert. Reto Nause in fast allen Tageszeitungen, wo er zum Angriff gegen die FDP-Doppelvertretung im Bundesrat bläst. Reto Nause im Fernsehen, wo er erklärt, weshalb seine CVP nun auch noch eine Wirtschaftspartei sein will.

Nause auf vielen Kanälen, er beherrscht die Schlagzeilen: Unermüdlich weibelt und wirbelt er für seine Partei – und für sich selbst. Ersteres ist normal, das gehört zu seiner Funktion als Generalsekretär, gerade in einem Wahljahr. Zweiteres sollte man ihm nicht verargen, die meisten Kandidaten schauen vor allem für sich.

Die Medienpräsenz Nauses ist enorm, die Kritik lässt nicht auf sich warten. Sie kommt auch aus den eigenen Reihen. Aber selbstverständlich getraut sich niemand, mit dem eigenen Namen hinzustehen. Das ist feige und typisch – und bei allen Parteien anzutreffen. Die gefährlichsten Gegner finden sich fast immer in den eigenen Reihen. Es sind Heckenschützen, oftmals Defätisten und kleinkrämerische Neider in korrekt gebügelten, karierten Hemden. Wehe, wenn einer nicht ganz der helvetischen Durchschnittsnorm entspricht, Ambitionen hat und auch noch offen dazu steht!

Ich beobachte Reto Nause seit nunmehr 15 Jahren. Er kämpft wie ein Löwe und ohne sich zu schonen. Seit sechs Jahren als Generalsekretär. Früher, damals noch als Student, für die Aargauer CVP. Stets steht er unter Hochspannung. „Ideengenerator“, „Euro-Turbo“, “Verpackungskünstler” oder „Hans-Dampf-in-allen-Gassen“ – schon viele Etiketten wurden ihm verpasst. Meistens mit einer Mischung aus Bewunderung und leisem Spott. Mitunter sind seine Strategien nicht fertig gedacht, einzelne Aktionen waren in den Augen einiger Beobachter sauglatt. Aber Nause hat zwei Qualitäten, die ich bei vielen Politikern und Parteifunktionären vermisse: Biss und Leidenschaft.

Eben hat er im Kanton Bern mit 50 Getreuen „Die Liberalsozialen“ aus der Taufe gehoben. Klar, das ist ein Griff in die politische Trickkiste. Der Begriff „liberal“, ohnehin schon schwammig, wird seit geraumer Zeit strapaziert, dürfte aber ziehen. Sicher ist: Mit einer zusätzlichen Liste, die nicht nach CVP und Katholizismus riecht, lassen sich am 21. Oktober ein paar Tausend zusätzliche Stimmen generieren.

Vielleicht reicht das unter dem Strich, um der CVP-Stammliste, die mit den „Liberalsozialen“ eine Listenverbindung eingehen wird, den einzigen Sitz zu sichern. Der wackelt nämlich bedenklich, mehr noch als 1999 und 2003. Norbert Hochreuteners Sitz soll gesichert werden – darum gehts bei den „Liberalsozialen“. Vorläufig. Erst sekundär geht es auch um Nauses eigene Ambitionen. Er spekuliert auf einen Sitz in der Stadtberner Regierung. Doch davon später.

Mark Balsiger

P.S.  Um dem Verdacht von zu viel Nähe entgegenzutreten: Es trifft nicht zu, dass meine Agentur je ein Mandat aus den Bereichen Kampagne, Medienarbeit, Wahlkampf oder Werbung der CVP Schweiz erhalten hätte. Es trifft aber zu, dass ich mich seit 2002 etwa zweimal pro Jahr mit Reto Nause auf ein Bier treffe.

Fulvio Pelli: Die Ambitionen begraben – oder nur vorübergehend zurückgestellt?

FDP-Präsident Fulvio Pelli (56) habe seine Ambitionen auf einen Bundesratssitz begraben. Das sagte er gestern gegenüber Radio RSI. Es wäre nicht konsequent, wenn er eine Verjüngung der Landesregierung fordere, sich aber gleichzeitig um die Nachfolge von Bundesrat Pascal Couchepin bemühen würde.

Diese Ankündigung kommt nicht von ungefähr. Am Mittwoch hatte die FDP bekannt gemacht, dass Couchepin bei den Gesamterneuerungswahlen im Dezember nochmals antreten, die Legislaturperiode 2007-2011 aber vermutlich nicht beenden würde. Eine Frage, die sich ab sofort stellt: Wer soll auf Couchepin folgen? Periodisch wird sich die Medienschar auf die möglichen Nachfolger und Interessierten stürzen. Unter ihnen gilt die goldene Regel: Wer sich zu früh bewegt, ist weg vom Fenster.

Pelli ist gescheit – und clever dazu. Mit seinem „No“ zum richtigen Zeitpunkt entzieht er sich diesen „Kaffeesatz“-Geschichten – und nimmt sich aus dem Schussfeld. Sollte die FDP bei den Nationalratswahlen im Oktober erneut Wähleranteile verlieren, muss er vermutlich sein Präsidialamt abgeben. Vier Jahre später könnte er immer noch Dick Marty als  Ständerat ablösen.

Kann sich die FDP aber behaupten, bessert sich auch die Ausgangslage Pellis wieder. Klar ist nämlich, dass die Nachfolge von Pascal Couchepin aus der lateinischen Schweiz stammen muss. Dort ist die Personaldecke dünn: Die Langzeitkandidatin Marina Masoni (TI) ist nach ihrer Abwahl als Regierungsrätin kein Thema mehr, der shooting star der „Radicaux“, Pierre Maudet – im Frühjahr in die Regierung Genfs gewählt – noch zu jung. Zudem hat er sich mit der Abschaffung der direkten Bundessteuer FDP-intern einige Feinde geschaffen.

Aus heutiger Sicht bleiben nur zwei Anwärter übrig: Didier Burkhalter (NE) und… Fulvio Pelli. Wenn bei Couchepins Rücktritt auf Ende 2008 oder 2009 Not am Manne ist, dürfte er wie Phönix aus der Asche steigen.

Mark Balsiger