Martin Bäumle ist für SP eine zu “fette Kröte” – Daniel Jositsch wills richten

Stefan Feldmann, Präsident der SP des Kantons Zürich, sagte es so: glp-Nationalrat Martin Bäumle wäre für uns eine “ziemlich fette Kröte” gewesen. Diese Kröte wollten die Sozialdemokraten nicht schlucken, will heissen: sie verzichten auf eine Unterstützung Bäumle bei den Regierungsratsersatzwahlen von Ende November. Im Mitte-Links-Spektrum trachte(te)n drei Parteien danach, Rita Fuhrers (svp) Sitz anzugreifen: Grüne, Grünliberale, SP.

Anstelle von Bäumle, Präsident der Grünliberalen Partei der Schweiz, setzt die SP aber auf einen eigenen Kandidaten. Es zweifelt kaum jemand mehr daran, dass dieser Kandidat Daniel Jositsch heissen wird. Der medial omnipräsente Nationalrat macht aus seinen Ambitionen auch heute keinen Hehl.

Die SP ist mit zwei Mitgliedern in der siebenköpfigen Regierungs des Kantons Zürich vertreten. Jetzt greift sie nach einem dritten Sitz. Das ist legitim und die Stimmberechtigten haben am 29. November eine Auswahl. Bäumle verzichtet inzwischen auf eine Kandidatur – ohne die Unterstützung der SP hätte er keine Chance.

Interessant: Bäumle und Jositsch sind sich, nimmt man ihre Smartvote-Profile der Nationalratswahlen 2007 als Referenzwerte, inhaltlich ziemlich nahe. Einzig beim Politikfeld “Ausbau des Sozialstaats” gibt es deutliche Differenzen.

Martin Bäumles Profil ist lindengrün, dasjenige von Daniel Jositsch rot.

SP-Nationalrätin Chantal Galladé machte an der Delegiertenversammlung im Zürcher Volkshaus klar, worum es ihrer Partei geht: “Wenn wir nicht antreten, können wir uns gleich den Grünliberalen anschliessen.”

Dass die SP für Bäumle nicht Steigbügelhalterin spielen will, ist klar. Die Gründe dafür sollten wir in den nächsten Wochen ausleuchten.

Mark Balsiger

Wer mit der Wahl von Didier Burkhalter auch noch gewonnen hat

Seit Monaten wurde der heutige Morgen unter der Bundeshauskuppel als Wahlkrimi apostrophiert, man hoffte auf Spektakel. Daraus wurde nichts, und das ist gut so.

Nicht nur Didier Burkhalter und die FDP haben heute gewonnen. Es gibt weitere Gewinner:

– Die 245 Mitglieder der Vereinigten Bundesversammlung (der Sitz des verstorbenen Solothurner Ständerats Ernst Leuenberger ist derzeit noch verwaist) zeigten sich diszipliniert, keine verbalen Ausrutscher, keine riskanten Spielchen, kaum Seitenhiebe am Rednerpult. Damit verdienten sie sich Punkte und Glaubwürdigkeit.

– Die Kohäsion der Schweiz bleibt gewährleistet, nur noch ein Bundesratsmitglied mit welscher Zunge hätte zu wüsten Reaktionen geführt.

– Mit dieser Wahl werden die politischen Institutionen und das System gestärkt. Der Bundesrat verliert einen Provokateur und gewinnt einen Teamplayer.

– Die arithmetische Konkordanz, die 1959 eingeführt wurde, bleibt bestehen. Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf gilt für mich weiterhin als SVP-Politikerin, weil sie als solche gewählt wurde. (Inhaltlich geht sie weiterhin als SVPlerin durch.)

– Die SP, die einige Stimmen zur Wahl von Burkhalter beigesteuert hat. Damit reduziert sie die Gefahr, im Dezember 2011 bei den Gesamterneuerungswahlen von der FDP im Stich gelassen zu werden. Und das wiederum lässt weit vor diesem Termin auf eine Fortführung der stabilen Verhältnisse hoffen.

Es gibt zweifellos auch Verlierer am heutigen Tag und weit darüber hinaus. Ich will sie bewusst nicht benennen, das tun andere schon zur Genüge. Die Betonung des Negativen, der weit verbreitete Zynismus und das Bashing, das an Stammtischen und in virtuellen Foren zum Courant normal geworden ist, widern mich an.

Mark Balsiger

Die SP krankt auch in der Krise

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Kantonale Wahlen eignen sich vorzügig, um die Temperatur der Bevölkerung und der Parteien zu messen. Nach den Parlamentswahlen in den Kantonen Aargau und Solothurn von Anfang März kann man konstatieren: die SP hat nicht nur Fieber, sie ist sogar ernsthaft krank.

Genauso wie die Konjunktur ein Auf und Ab zeigt, steigt und sinkt die Wählerstärke der SP auf nationaler Ebene. In den letzten 40 Jahren schwankte sie zwischen 19,0 und 24,9 Prozent.

Die massiven Verluste der SP im Aargau (- 4,2% bzw. minus 8 Sitze) und im Kanton Solothurn (- 4,2% bzw. minus 4 Sitze) reihen sich ein in eine Serie von Niederlagen, die bereits 2004 ihren Anfang nahm. In der Mehrzahl der Kantone hat die SP seither verloren, ein klarer Trend ist aber trotzdem noch nicht zu erkennen. Bei den Nationalratswahlen 2007 verlor sie 3,8 Prozent, für Schweizer Verhältnisse ist das ein Erdrutsch.

Mitten in der Wirtschaftskrise taumelt auch die SP. Gerade angesichts der Wirtschaftslage, die die soziale Frage und die Arbeitsplatzsicherheit in den Vordergrund rücken, sind die jüngsten Wahlresultate eine dicke Überraschung.

Woran krankt die SP? Ich mache fünf Gründe aus:
1. Mobilisierung
2. Potpourri an Themen
3. Dogmatische Positionen
4. Bundesratsmitglieder
5. Konkurrenz durch Grünliberale

Das Problem der Mobilisierung (1) hat die SP schon seit vielen Jahren, und das ist der einzige Punkt in meiner Auflistung, der sich hart nachweisen lässt. Die Sozialdemokraten bringen viele Parteigänger und -sympathisanten nicht an die Urnen. Im Gegensatz zur SVP, die ihr Potential teilweise bis zu 95 Prozent ausschöpft.

Die Partei schafft es nicht, sich über Jahre hinweg auf ein paar wenige Themen zu konzentrieren (2). Sie tritt mit dem Anspruch an, fast überall kompetent zu sein, und ist das womöglich auch. Allein: die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist knallhart. Entsprechend bleibt beim breiten Publikum, das sich nur am Rande für Politik interessiert, wenig hängen. Oder die Themen kommen an wie ein Potpourri.

Herr und Frau Schweizer sind nüchtern und pragmatisch. Die Abkehr vom jahrzehntelang als “unverhandelbar” bezeichneten Bankgeheimnis, die sich binnen weniger als zwei Wochen durchsetzte, zeigt das exemplarisch. Gleichzeitig hat die grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung ein Problem mit dogmatischen Überzeugungen (3), die mitunter giftig oder arrogant artikuliert werden. Vereinzelte SP-Mitglieder müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, auf einem Auge blind zu sein. Bei den anderen Parteien zeigt sich eine ähnliche Problematik, allerdings scheint es, dass man ihnen gegenüber toleranter ist.

Heutzutage werden Parteien vor allem durch ihre Mitglieder im Bundesrat wahrgenommen (4). Das liegt vor allem am Mediensystem, das radikal personalisiert. Die Bundesräte machen in diesem Spiel allerdings aktiv mit und versuchen sich mit grossen Auftritten und Reisen ins Ausland zu profilieren.

Die SP hat den Malus, dass ihre beiden Mitglieder in der Landesregierung den Zenit überschritten haben. Moritz Leuenberger wurde 1995 gewählt, damals noch keine 50 Jahre alt. Er marschierte als 68er durch die Institutionen bis ganz nach oben, und war in seinen ersten Bundesratsjahren für die Linke ein Hoffnungsträger. Bei den eidgenössischen Wahlen 1999 lieh Leuenberger sein Konterfei sogar für eine Plakatkampagne der SP.

Seit geraumer Zeit ist Leuenberger aber zur Belastung für die eigene Partei geworden. Und auch bei Micheline Calmy-Rey ist inzwischen der Lack ab. In den ersten Jahren war sie jeweils das populärste Mitglied im Bundesrat. Das hat sich nach ihren regelmässigen Provokationen und Tritten in den Fettnapf geändert.

Schliesslich kriegte die SP im urbanen Raum eine neue Konkurrenz: die Grünliberalen (5). In den Städten und Agglomerationen gibt es eine gut gebildete Bevölkerungsschicht, die ökologisch denkt und handelt, mit der Rhetorik und den Themen der SP aber nur beschränkt etwas anfangen kann. Diese Schicht scheint mit den Grünliberalen eine (neue) Heimat gefunden zu haben.

Die SP krankt also auch in der Krise. Christian Levrat, seit einem Jahr Parteipräsident der SP Schweiz, hat alle Hände voll zu tun. Bei seiner Einschätzung zu den elektoralen Schlappen in den Kantonen Aargau und Solothurn nannte er zwei Gründe:

1. die Mobilisierung
2. die fehlende Zuspitzung

Mit Verlaub, Levrat ist ein Meister der Zuspitzung. Er politisiert mit List und Lust, ist ein ausgebuffter Campaigner, und er tanzt seinen Gegenspielern regelmässig auf der Nase herum. Ein fähiger Mann, beim eigenen Parteivolk beliebt, bloss: reicht das, um wieder Wahlen zu gewinnen?

Foto Christian Levrat: blick.ch

Selbstgerecht zur nächsten Wahlschlappe

Parteien tun gut daran, regelmässig ihre Positionen und ihre Aussenwirkung zu überprüfen, ja zu hinterfragen. Nur eine echte Reflexion gibt ihnen die Möglichkeit, den Kompass neu auszurichten. Diese Prozesse sind zeitintensiv und sie können schmerzhaft sein. Gerade nach Wahlschlappen gehörten sie deshalb zuoberst auf die Agenda.

Die SP der Stadt Bern kassiert bei Wahlen für Parlamente seit Jahren deutliche Niederlagen. Das krasseste Beispiel: Der Stimmenanteil bei den Stadtratswahlen (Legislative) betrug im Jahr 2000 stolze 34,1 Prozent, 2008 sind es noch 24,4 Prozent. Das entspricht einem Minus von 9,7 Prozent – ein Erdrutsch.

Am Montagabend trafen sich die Mitglieder der städtischen SP, um die Analyse des Wahldebakels gemeinsam zu diskutieren. Fazit der Diskussion, so wie sie die lokalen Medien heute abbildet: “Fehler hat die SP fast keine gemacht.” Co-Präsident Thomas Göttin wird so zitiert: “Wir haben den frischesten und konsistentesten Wahlkampf seit Langem geführt und trotzdem verloren.”

Schuld an der Niederlage, so die SP, seien drei unbeeinflussbare Faktoren:
1. die nationale Politik
2. das SP-Image
3. die neuen Mitte-Parteien

Diese “Analyse” kann ich, pardon, so nicht stehenlassen. Sie bedarf ein paar Zwischenrufen.

1. Die nationale Politik der SP prägt in der Tat auch die Kantone und Gemeinden. Die Grosswetterlage auf eidgenössischer Ebene beeinflusst entsprechend auch kantonale und kommunale Wahlen stark. Die SP Schweiz wird aber auch von zwei starken Nationalrätinnen aus der Stadt Bern geprägt: Ursula Wyss und Evi Allemann. Beide sind pragmatisch, glaubwürdig und omnipräsent in den Medien. Da hat die städtische Partei im Wahlkampf eine Chance verpasst.

“Frisch” und “konsistent”? Das ist, mit Verlaub, an mir vorbeigegangen.

2. Das Image einer Partei wird stark durch ihre Aushängeschilder geprägt. Das kann sich eine Partei zunutze machen und die Personalisierungswelle nützen. Ein zweiter Punkt betrifft die Inhalte. Das Sicherheitspapier, das die SP als Folge der Krawalle in der Stadt vom 6. Oktober 2007 erarbeitete, war im Original stark – ein Abkehr des zuvor verdrängten oder nur mit Scheuklappen geführten Diskurses. In der parteiinternen Vernehmlassung würde das Sicherheitspapier aber verwässert. Ich erinnere mich an Diskussionen mit SP-Mitgliedern, die den “Saubannerzug” vom 6. Oktober 2007 mit einer lässigen Handbewegung unter den Tisch wischen wollten. Nichts gelernt.

3. Für die Entstehung der BDP kann die SP nichts. Dass aber mit den Grünliberalen in den urbanen Zentren eine ernst zu nehmende Konkurrenz heranwächst, hat sehr wohl mit den Positionen der SP zu tun. In den Städten gibt es inzwischen eine gut gebildete Bevölkerungsschicht, die mit der verstaubten Rhetorik der SP wenig anfangen kann, ökologisch denkt und handelt, gleichzeitig den Markt nicht verteufelt und pragmatische Lösungen anstrebt. Diese Schicht kann die SP nicht mehr abholen – selbstverschuldet.

Von “unbeeinflussbaren Faktoren” zu sprechen, ist also etwas gar einfach. Mir missfällt diese Selbstgerechtigkeit. So ist die nächste Wahlschlappe der SP vorprogrammiert.

Die FDP der Stadt Bern tagte übrigens am gleichen Abend wie die SP. Auch sie rast ungebremst talwärts, hat sie doch in den letzten acht Jahren 8,8 Prozentpunkte eingebüsst. Über die Analyse, die präsentiert wurde, wollte kein einziges Parteimitglied diskutieren. Es herrschte Schweigen und das lässt wenig Hoffnung für die Zukunft: Ohne Diskussion dürfte der Turnaround schwierig werden.

Wenn die beiden Parteien, die die Stadt Bern in den letzten 80 Jahren am stärksten prägten, nicht zu Selbstreflexion und Kurskorrekturen fähig sind, dürften sie in Zukunft eine marginalisierte Rolle spielen. Die eben begonnene Legislatur wird zeigen, ob BDP, GFL, GB und glp das Vakuum, das entstanden ist, ausfüllen können.

Neo-Regierungsrat Christoph Neuhaus bleibt bei der Berner SVP – natürlich

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Das ist fürwahr keine Überraschung: Christoph Neuhaus hat sich entschieden, der SVP des Kantons Bern die Stange zu halten. Aus seiner Sicht ist das verständlich. Er wurde erst gerade vor wenigen Wochen als Regierungsrat gewählt.

Sein Noch-Parteikollege in der Berner Regierung, Urs Gasche, wird der SVP den Rücken kehren und zur neuen liberaleren Gruppierung wechseln. Er kann sich dennoch gute Chancen ausrechnen, in zwei Jahren gewählt zu werden. Gasche ist populär, dossiersicher und hat sich mit seiner Arbeit seit 2001 Respekt und Anerkennung geholt.

Neuhaus hatte realistischerweise gar keine andere Option als zu bleiben. Wenn einer die Schoss der SVP verlässt, muss der andere bleiben, sonst läuft er ins Messer. Als zweiter dissidenter Regierungsrat würde es Neuhaus bei den nächsten Wahlen hinter Gasche nur für den zweiten Platz reichen – und auf Platz 2 der SVP-Dissidenten dürfte man kaum in der Berner Kantonsregierung verbleiben.

Christoph Neuhaus zeigte im Herbst letzten Jahres viel Cleverness auf dem Weg zur Nomination. Jetzt fällte er einen pragmatischen Entscheid. Wer will es ihm verargen? Niemand möchte bloss für zwei Jahre Regierungsrat sein.

Foto: keystone

Die SP – bald schon eine bürgerliche Partei?

Zweifellos eines der spannendsten Themen unter Medienschaffenden, SP-Mitgliedern und Politbeobachtern: die Positionierung der SP nach dem Wahldebakel. Die Debatte ist Paul Rechsteinervoll entbrannt. Noch pronocierter nach links vs. eine Kurskorrektur Richtung Mitte – das sind prima vista die beiden Optionen.

Gewisse Medien versuchten, die Gewerkschaften in die Ecke der Ewiggestrigen zu drängen, sagte gestern Paul Rechsteiner (Foto), der Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB). Der “Tages-Anzeiger” zitiert ihn so: “In der Schweiz gibt es schon genug bürgerliche Parteien. Es braucht nicht noch eine weitere.”

Rechsteiners Votum markiert den Auftakt einer Debatte, die ich mir auf diesem parteipolitisch nicht gefärbten Blog erhoffe.

Mark Balsiger

Die Grenzen des Milizsystems

Eine weitere Rücktrittsmeldung: Nach Ueli Maurer (svp) und Hans-Jürg Fehr (sp) wird im Frühjahr 2008 auch Ruth Genner (grüne) das Parteipräsidium abgeben. Sie machte die Grünen zur stärksten Nicht-Regierungspartei, die es in der Schweiz seit der Einführung des Proporzwahlsystems im Jahr 1919 je gab.

Die Häufung der Rücktritte ist zufällig.

Vom Pensum her ist das Präsidium bei den fünf grössten Parteien ein Fulltime-Job. Vermutlich sogar einiges mehr. Ueli Maurer sagte einmal, er seit pro Jahr durchschnitlich 250 Abende unterwegs. Auf diese Weise sind Hunderte von neuen SVP-Sektionen gegründet worden.

Schleichend hat sich das Arbeitspensum und die Belastung der Parteipräsidenten erhöht. Bei gewissen Parteien ist dieses Amt schlecht entlöhnt, was es noch weniger attraktiv macht. Kommt dazu, dass man parteiintern, von politischen Gegnern usw. regelmässig “angepflaumt” wird und den Medien immer zur Verfügung stehen sollte.

Das Milizsystem stösst an Grenzen: Augenfällig wird es bei den Präsidien, die zeitliche Belastung von Nationalratsmitgliedern liegt heutzutage bei 50 bis 70 Prozent, bei Ständeräten ist sie oftmals noch höher. Da drängen sich echte Reformen auf, auch wenn das Volk dafür bislang wenig Verständnis hatte.

Seit Jahren beobachte ich Parlamentarier – teilweise arbeite ich auch mit ihnen -, die jahrein, jahraus ihrer übervollen Agenda nachrennen. Das wirkt sich nicht positiv aus auf die Qualität der parlamentarischen Arbeit.

Wir belügen uns selber, wenn wir weiterhin am Milizsystem festhalten wollen.

Mark Balsiger

SP: Flügelkämpfe im Lazarett

Hans-Jürg FehrHans-Jürg Fehr (Foto) war ein guter Präsident für die SP Schweiz. Er ist klug, ein aufmerksamer Zuhörer und gewiefter Debattierer, authentisch, bescheiden und fair. Er wirkte integrierend, was in einer heterogenen Partei wie der SP sehr wichtig ist. Er war aber im Gegensatz zu Ueli Maurer kein starker Präsident. Fehr stand seinen eigenen Leuten, unter denen es viele Gockel – auch weibliche – hat, nie auf die Zehen. Vermutlich würde die SP auch keinen starken Präsidenten, wie Helmut Hubacher das von 1975 bis 1990 noch war, mehr zulassen.

Was Fehr weitgehend abgeht, ist die Spritzigkeit. Er wirkt trocken und mitunter lehrerhaft. Dass er anständig sei, wurde ihm oft vorgeworfen. Ein merkwürdiger Vorwurf. Ist es negativ, anständig zu sein? Oder muss ein Spitzenpolitiker heute ständig irgendwelche Rüppeleien und “Görpsli” von sich geben? Dank der Verstärkung durch Mikrofone tönen diese “Görpsli” dann wie Rülpser. Das führt zu fetten Schlagzeilen, tags darauf ist alles wieder vergessen – und das Land kommt kein Schrittchen weiter.

Zurück zur SP: Für die Nachfolge geht es nicht nur um Personen, sondern vor allem um die Positionierung der Partei. Man darf davon ausgehen, dass nun die Grabenkämpfe offen ausbrechen werden. Die grossen Wahlverlierer vom letzten Sonntag werden sich im Lazarett bekämpfen statt wieder zu Kräften zu kommen.

Christian LevratDie SP in der Romandie fährt einen pointierten Linkskurs und ist stark gewerkschaftlich geprägt. Eines ihrer Aushängeschilder ist Christian Levrat (NR, FR, Foto), Präsident der Gewerkschaft Kommunikation. Levrat ist jung, dynamisch, clever, eloquent, und er spricht ausgesprochen gut Deutsch. Er dürfte in den Startblöcken sein.

In der deutschen Schweiz drängen sich Ursula Wyss (BE) und Jacqueline Fehr (ZH, Foto unten) auf. Wyss hat als Fraktionschefin an Statur gewonnen, Fehr ist eine begabte Machtmechanikerin. Beiden ist dieses Amt zuzutrauen.

Javqueline FehrEinige valable NachfolgerInnen haben sich sofort aus dem Rennen genommen, was das Dilemma der Partei andeutet: fast niemand will diesen Job. Urs Hofmann (AG), Simonetta Sommaruga (BE) oder Claude Janiak (BL) brächten die Fähigkeit mit, die Sozialdemokraten wieder auf Kurs zu bringen.

Der Wähleranteil der SP bewegt sich seit Jahrzehnten zwischen 18 und 24 Prozent. Entscheidet sich die Partei, ihren Linkskurs beizubehalten oder noch zu akzentuieren, wird sie weiter verlieren und unter die 18-Prozent-Marke fallen. Lachende Erben im Mitte-Links-Spektrum dürften die Grünliberalen sein. In Deutschland zeigt die SPD seit zwei Jahren, wie man es nicht machen sollte. Generell ist die Sozialdemokratie europaweit in der Krise, auch weil sie vielfach am Gängelband der Gewerkschaften ist.

Entscheidet sich die SP, eine echte Reformpartei zu werden und sich auch in der Sozialpolitik aus ihrer konservativen Haltung zu lösen, wird es wieder aufwärts gehen.

Mark Balsiger

Ueli Maurer tritt ab, Verena Diener tritt an – und Rot-Grün kriegt einen Tritt ans Bein

Das Zusammenfallen dieser beiden Nachrichten ist Zufall: Ueli Maurer hat eben bekanntgegeben, dass er im nächsten Jahr als Präsident der SVP Schweiz abtritt. In Zürich erklärte Verena Diener fast zeitgleich vor den Medien, dass sie auch beim zweiten Wahlgang für den freien Ständeratssitz antreten wird.

Damit knallen bei der SVP Zürich schon über Mittag die Korken: Maurer wird am 25. November als Ständerat gewählt. Weil sich Verena Diener und Chantal Galladé das Stimmenpotential im Mitte-Links-Spektrum teilen müssen, werden sie beide weit abgeschlagen hinter Ueli Maurer landen. Tragisch, dass sich die beiden Kandidatinnen und ihre Parteien nicht finden könnten. So kriegen sie am 25. November gleich nochmals einen heftigen Tritt ans Bein.

Zu Ueli Maurer: Er war Anfang 1996 als weitherum unbekannter Parteipräsident gestartet. SP-Chef Peter Bodenmann verspottete ihn damals als “Suppenkaspar”. Maurer wuchs aber kontinuerlich in seinem Amt und ist seit einigen Jahren eine der wichtigsten Figuren innerhalb der Erfolgs-SVP. Er hinterlässt grosse Fussstapfen, und man darf gespannt sein, ob sein Nachfolger sie ausfüllen kann.

Kommt dazu, dass Gregor Rutz im nächsten Jahr als Generalsekretär aufhören wird. Auch er ist eine Schlüsselfigur. Beide haben den richtigen Zeitpunkt für ihre Demission gewählt. Man soll dann aufhören, wenn es am schönsten ist.

Ueli Maurer gibt seinen Brotberuf beim Bauernverband ab und macht sich selbständig. Er möchte in die Kommunikationsbranche. Zu Beginn, und jetzt werde ich ausnahmsweise polemisch (ein präventives Pardon!), sollte er den Spitzen der Zürcher SP und den Grünliberalen die “Basics” für einen strategisch und taktisch erfolgreichen Wahlkampf erklären.

Mark Balsiger