Bundesratswahlen (IV): Sieben Gründe, weshalb Ueli Maurer heute Bundesrat wird

1. Die FDP-Fraktion steht praktisch geschlossen hinter Ueli Maurer Kandidatur. Das tut sie nicht aus tiefster Überzeugung, sondern aus taktischen Gründen. In ein paar Monaten dürfte die Nachfolge von Pascal Couchepin (fdp) zu wählen sein. Dann ist die FDP auf die Stimmen der SVP angewiesen, auch wenn diese zuerst wieder mit einer eigenen Kandidatur zeuseln wird.

2. Die meisten SVP-Mitglieder der Bundeshausfraktion haben genug von der selbst verursachten „Opposition“. Nach einem Jahr möchten sie zurück in den Bundesrat und die Ära Blocher abschliessen. Christoph Blocher dürfte es mit respektablen Resultaten bis in den dritten Wahlgang schaffen – wenn er will. Vielleicht zieht er sich nach dem ersten Wahlgang bereits zurück. (Zum letzten Mal in seiner langen politischen Karriere ans Rednerpult zu treten, wird er sich dabei nicht entgehen lassen.) Das ist eine letzte Ehrerweisung seiner Parteikollegen. Nachher werden sie zu Ueli Maurer umschwenken.

3. CVP-Mitglieder aus den ehemaligen schwarzen Hochburgen (St. Gallen, Zentralschweiz) fürchten, dass ein weiterer Affront gegenüber der SVP sich negativ auf die CVP in diesen Regionen auswirken kann. Sie werden sich hüten, Ueli Maurer nicht zu wählen.

4. Eine klare Mehrheit der Vereinigten Bundesversammlung will, dass die SVP in den Bundesrat zurückkehrt. Sie erhofft sich dabei mehr Stabilität und etwas weniger Lärm der grössten Partei. Die wirtschaftlich schwere Zeiten, die die Schweiz vor sich haben, wirken weiter disziplinierend auf die Bundesratswahlen.

5. Ueli Maurer ist nicht Christoph Blocher. Entsprechend kann man die heutigen Wahlen nicht mehr mit der Situation vor einem Jahr vergleichen.

6. Luc Recordon machte einen taktischen Fehler, indem er bereits gestern verkündete, er würde seine Kandidatur zugunsten einer anderen zurückziehen.

7. Viele Mitglieder des Parlaments wollen spielen. Aber nur ein wenig. Auf die knallharten Games haben sie keine Lust. Das gilt gerade für Ursula Wyss (sp) und Christophe Darbellay (cvp), die beiden Fraktionsvorstehenden, die sich im Dok-Film „Die Abwahl“ selber feierten. Und prompt auch parteiintern heftig unter Beschuss kamen.

Bundesratswahlen (V): Längst ein Medienspektakel par excellence

Seit den 1990er-Jahren sind Bundesratswahlen stets ein Medienspektakel par excellence. Das hat zwei Gründe: einerseits gibt es bedeutend mehr Medien als früher. Sie stehen heute in einem beinharten Konkurrenz- ja einem Verdrängungskampf. Es ist ein Kampf um Quoten und Auflagen, News und exklusiven Geschichten. Andererseits liegt es an den Möglichkeiten des Mediums Fernsehen.

Heute Morgen waren mehr als 250 Medienschaffende in und um das Bundeshaus an der Arbeit. Dieser vermutete Rekord ist auf DRS4 und die Online-Medien zurückzuführen, die seit wenigen Monaten auch personell im grossen Stil aufgerüstet wurden.

Seit 1994 sind in der Schweiz private TV-Anbieter auf dem Markt, die einen anderen Zugang zur Politik suchen als das Schweizer Fernsehen SF. Die haben die Art der Politikvermittlung verändert und beschleunigt.

Bundesratswahlen eignen sich vorzüglich für das Medium Fernsehen: Es ist unmittelbar und transportiert Emotionen, es suggeriert den Zuschauenden, selber mit von der Partie zu sein.

Die Live-Berichterstattungen mit all ihren Möglichkeiten (Instant-Analysen, Schaltungen an verschiedene Schauplätze, Interviews, Einspielungen von älterem Bildmaterial) zeigen allerdings auch schonungslos auf, wenn Fehlleistungen passieren. Technische und journalistische. Das ist der Preis.

Die tiefschürfendste Frage, die ich heute hörte, stellte eine SF-Reporterin, als sie an einen Parlamentarier herantrat: “Wie fühlen sie sich so bei den Bundesratswahlen?”

Foto: keystone

Christoph Blocher ebnet dem zweitbesten SVPler den Weg in den Bundesrat

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Die Szenerie hatte etwas Bizarres: An der Medienkonferenz spricht vor allem der Zürcher Kantonalpräsident und Nationalrat Ueli Maurer. Neben ihm sitzt stoisch und mit vorgeschobener Unterlippe Christoph Blocher.

Maurer war in den letzten Tagen zum Kronfavoriten für die Schmid-Nachfolge geworden. Jetzt musste er wortreich erklären, weshalb die Überfigur der einzig richtige Kandidat sei.

Der Parteivorstand der Zürcher SVP nominierte Blocher vor ein paar Minuten als Bundesratskandidaten. Am nächsten Montag darf die Delegiertenversammlung den Einervorschlag durchwinken. Blochers Name wird auch 10. Dezember auf den Ticket der Bundeshausfraktion stehen.

Gewählt hingegen wird Blocher er nicht ein zweites Mal. Das weiss er, das wissen seine Getreuen. Damit geht es auch gar nicht. Es geht darum, dem zweiten Kandidaten auf dem Ticket den Weg in den Bundesrat zu ebnen. Dieser zweite Kandidat dürfte Adrian Amstutz oder Ueli Maurer heissen. Blocher, der gestürzte Kaiser, wird also zu einer Art Königsmacher.

P.S. Adrian Amstutz hatte sich vor wenigen Monaten aus dem Rennen genommen, was damals in vielen Zeitungen zu Schlagzeilen führte. Heute gilt das nicht mehr. Merke: Das Wort eines Spitzenpolitikers hat etwa denselben Wert wie die Aussagen eines Fussballtrainers.

Archivbild Ueli Maurer und Christoph Blocher: Sabina Bobst

Die SVP von heute ist in der Rolle der SP von damals – selbst verschuldet

Kaum hatte Samuel Schmid mit seinen berührenden Auftritten angekündigt, auf Ende Jahr zurückzutreten, begann der Furor. Akteure skizzieren Anforderungsprofile, lassen Versuchsballone steigen oder werfen Nebelgranaten, Bedingungen werden in Mikrofone diktiert und Drohungen ausgestossen.

Business as usual? Nein, nicht ganz. Für einmal geht es um mehr.

Versuchen wir, die Ausgangslage aus einer historischen Warte auszuleuchten. Völlig unbestritten ist nur etwas: das Departement, das der Schmid-Nachfolger erben darf, ist das VBS. Eine Rochade können wir ausschliessen. Einerseits stehen die Bundesräte Leuenberger, Couchepin und Merz im Spätherbst ihrer Karriere. Spätestens im Dezember 2011 werden sie zurücktreten, darum kommt für sie ein Wechsel nicht mehr in Frage.

Andererseits sind Doris Leuthard und Eveline Widmer-Schlumpf erst seit Sommer 2006 bzw. Januar 2008 in der Landesregierung. Ein Departementswechsel macht für sie keinen Sinn, gerade auch vor dem Hintergrund der Finanzkrise mit ihren Auswirkungen, die wir erst teilweise erahnen können. Micheline Calmy-Rey, um das Septett zu komplettieren, kann man sich im VBS nicht vorstellen.

Das VBS steht also zur Disposition. Es hülfe zweifellos, wenn das neue Mitglied des Bundesrats mehr als nur eine Ahnung hat von Militär und Sicherheit. Ein höherer Offiziersgrad kann ein Vorteil sein, wenn man von den “Generälen” in der Schweizer Armee, die zum Teil immer noch über dem Teppich schweben, ernst(er) genommen werden will. Ein Zivildienstler oder Gefreiter hätte es ungleich schwerer.

Ein Plus wäre sicher die ausgewiesene Tätigkeit als Sicherheitspolitiker oder als Militär- und Sicherheitsdirektor eines Kantons. Die Betonung liegt auf “ausgewiesen”. Es gibt in den beiden Sicherheitspolitischen Kommissionen (SiK) Mitglieder, die von Verteidigung und Sicherheit noch nicht viel verstanden haben.

Die arithmetische Konkordanz gibt es erst seit 1959

Die SVP reklamiert den frei werdenden Sitz für sich. Das ist grundsätzlich ihr gutes Recht, mit einem Wähleranteil von 28,9 Prozent ist sie mit Abstand die stärkste Partei. Es gibt allerdings zwei Gründe, die es zu bedenken gilt:

Erstens hat die Volkspartei nach einem langen und gehässigen Rachefeldzug Eveline Widmer-Schlumpf aus der Partei ausgeschlossen. Genau jene Widmer-Schlumpf, die die SVP-Spitze zuvor während Jahren immer wieder als mögliche Bundesratskandidatin genannt hatte.

Mit dem Ausschluss Widmer-Schlumpfs kam es zur Spaltung der SVP. Die BDP wurde in der Folge gegründet und so auch zur neuen politischen Heimat von Samuel Schmid, dem zweiten SVP-Bundesrat. Im Verlaufe der letzten elf Monate hat die SVP der politischen Kultur unseres Landes ireparablen Schaden zugefügt. Dass sie nicht mehr im Bundesrat vertreten ist, hat sie sich selbst eingebrockt.

Zweitens ist die arithmetische Konkordanz, die dieser Tage oft bemüht wird, vergleichsweise jung. Von 1848 bis 1959 bildete die Zusammensetzung des Bundesrats die Bevölkerung nicht ab. Das geschah erst mit der Installierung der Zauberformel (2 FDP, 2 CVP, 2 SP, 1 SVP), die 2003 mit der Wahl Christoph Blochers als zweitem SVP-Vertreter gesprengt wurde.

Wer weder die Interessen des Landes glaubwürdig vertritt noch die Konsenskultur pflegt, hat im Bundesrat nichts zu suchen. Diese Erfahrung musste die SP machen: Obwohl sie seit der Einführung des Proporzwahlsystems 1919 zu den drei wählerstärksten Parteien gehört, erhielt sie erst während des Zweiten Weltkriegs einen Sitz, 1959 schliesslich einen zweiten zugesprochen. Von den 1920er-Jahren an stellte sie immer und immer wieder Bundesratskandidaten – erfolglos.

Die Situation der SP von damals darf man mit der SVP von heute vergleichen. Die SP bekannte sich bis 1929 nicht zur Landesverteidigung – und blieb deshalb draussen vor der Tür. Es gibt heute keine zwingenden Gründe, die SVP trotz ihrer permanenten Obstruktionspolitik bereits wieder mit einem Bundesratssitz zu belohnen. Sie soll, so die Argumentationslinie gewisser Akteure, noch etwas warten und unter Beweis stellen, dass sie Werte wie Anstand und Fairplay auch kennt.

Bundesrat Samuel Schmid tritt zurück

Vor ein paar Minuten hat Bundesrat Samuel Schmid seinen Rücktritt bekanntgegeben. Der Zeitpunkt kommt auf den ersten Blick überraschend, war der Druck auf dem VBS-Vorsteher in den letzten Wochen doch immer geringer geworden.

Zudem konnte er gerade dieser Tage einen wichtigen Erfolg verbuchen: Die SVP-Fraktion schwenkte in der Frage des Rüstungsprogramms zu einem Ja um. Entsprechend wir dieses 920-Millionen-Franken-Geschäft im zweiten Anlauf im Dezember durchkommen. In der Herbstsession war dieses Geschäft noch deutlich abgelehnt worden – eine empfindliche Niederlage für Schmid.

Was wir hier und jetzt diskutieren können:

– Weshalb geht Bundesrat Schmid gerade jetzt?
– Wer soll die Nachfolge antreten?
– Darf die SVP nach ihrer “Täupeliphase” bereits zurück in den Bunderat?
– Ist es verantwortungsvoll, wenn Schmid gerade jetzt, in der Finanzkrise, zurücktritt?


Der Rücktritt von Bundesrat Samuel Schmid ist logisch und taktisch geschickt gewählt

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Samuel Schmid wurde von Freund und Feind unterschätzt. Mit seiner Demission narrt er noch einmal alle. Vorab gewisse Medien, die ihn schon seit Monaten wegschreiben wollten, die vielen Kritiker – und die Auguren.

Dass Schmids Tage im Bundesrat gezählt sind, wussten wir schon lange. Allein der Zeitpunkt seines Rücktritts blieb lange Zeit offen. Bis heute Morgen um 10 Uhr.

Der Zeitpunkt für Schmids Ankündigung scheint mir nach einem Spaziergang durch die Lauben logisch – aus drei Gründen:

1. In den letzten Tagen ist die SVP beim Rüstungsprogramm umgeschwenkt. Es handelt sich um eine weitere Pirouette der Volkspartei: Noch vor drei Monaten hiess es im SVP-Pressedienst, dass man Rüstungskredite erst dann berate, “wenn der Verteidigungsminister abgetreten ist”.

Nach dieser Pirouette wird das Rüstungsprogramm beim zweiten Anlauf in der Wintersession problemlos durchkommen. Samuel Schmid kann damit einen wichtigen Erfolg verbuchen. Gepunktet hat er schon gestern, beim Auftritt vor der Sicherheitspolitischen Kommission (SiK) des Nationalrats, die jetzt geschlossen hinter dieser Vorlage steht.

Am 9. Dezember wird der Nationalrat den abtretenden Verteidigungsminister bei seinem letzten grossen Geschäft nicht desavouieren, sondern das Rüstungsprogramm bewilligen. Schmids geschickte Taktik geht auf.

2. Nächste Woche wird über die Euro 2008 Bilanz gezogen. Im Mittelpunkt dieser Medienkonferenz: Sportminister Samuel Schmid. Die Euro ist uns allen in guter Erinnerung, Schmid kann sie als Erfolg für sich verkaufen.

3. Bis Ende November wird der Spezialbericht zur Affäre um Armeechef Roland Nef veröffentlicht. Neues ist dabei nicht zu erwarten.

Bundesrat Schmid hat schliesslich das Rüstungsprogramm doch noch durchgebracht, Lorbeeren für die Euro 2008 geerntet und keine neuen Vorwürfe zur Affäre Nef eingefangen. Dank dieser Bilanz kann Schmid halbwegs aufrecht zurücktreten, er muss sich nicht durch den Hinterausgang davonschleichen.

Ein noch besserer Abgang war nicht möglich. Das wusste Schmid. Darum hat er seine Demission bekanntgegeben.

Foto Samuel Schmid: nzz.ch

Baldrian fürs Volk

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…verabreicht von der Berner Tageszeitung “Der Bund” und zwei Banken am Bundesplatz, wobei die Botschaft des einen Geldinstituts nicht ganz kongruent ist.

P.S. Ein neues Wort macht die Runde: Marxwirtschaft.

Fotos: Mark Balsiger

Miss-Wahlen, Moritz Leuenberger und sein Tipp an den abgewählten Bundesrat

Es gibt Menschen, die möchten ihn ins Pfefferland fahren sehen – mit oder ohne Hybrid. Andere sagen, Bundesrat Moritz Leuenberger sei immer noch lustvoll an der Arbeit.

Sicher ist: die Lektüre seiner Postings lohnt sich regelmässig. Leuenberger ist der prominenteste Blogger der Schweiz und kraft seiner Prominenz haben sich die Besucherzahlen auf seinem Blog bei 3000 pro Tag eingependelt.

In seinem aktuellen Beitrag nähert sich Leuenberger den Miss-Wahlen an. Dabei sucht und findet er Gegensätzlichkeiten und Parallelen zur Politik. Der Schluss ist ein fast schon väterlicher Tipp an seinen ehemaligen Bundesratskollegen aus dem Kanton Zürich, der sich seither gerne als “abgewählter Bundesrat” bezeichnet:

“Umgekehrt kann vielleicht auch die Politik etwas von den Miss-Schweiz-Wahlen lernen: Noch nie ist eine Ex-Miss-Schweiz nochmals zur Wahl angetreten.”

SVP emanzipiert sich weiter von Christoph Blocher, hält sich aber alle Optionen offen

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Geschlagene vier Stunden diskutierte die SVP-Fraktion. Ihr Entscheid fiel knapp, was sonst in dieser Partei nur sehr, sehr selten vorkommt. Entgegen allen Erwartungen wurde nicht Christoph Blocher als möglicher Nachfolger von Bundesrat Samuel Schmid nominiert, sondern – niemand. Noch niemand.

Das Ergebnis von 29 zu 27 Stimmen (bei 4 Enthaltungen) kann als weiterer Emanzipierungsschritt der Partei von ihrer Überfigur interpretiert werden. Zuerst ist das eine Niederlage für die Parteileitung unter Präsident Toni Brunner. Sie wollte Christoph Blocher als Kandidat durchdrücken.

Viele Medienschaffende werden jetzt von einem Druchbruch der gemässigten Kräfte gegen die verhassten “Blocherianer” sprechen. Ich halte das für verfrüht. Mit ihrem Entscheid hält sich die SVP-Fraktion alle Optionen offen, und das ist nicht dumm. Es ist gut möglich, dass sie dereinst doch Blocher als Nachfolger von Samuel Schmid auf den Schild heben wird. Im Wissen darum, dass er chancenlos ist.

Einmal mehr zeigt sich, dass man das Fell des Bären nicht aufteilen kann, solange er noch am Leben ist. Der Bär heisst Schmid, und Schmid bleibt vielleicht noch länger als viele Auguren glauben.

Für die SVP ist Schmid – und die Armeekrise – ein Glücksfall. Sie profitiert, solange sie Spitzen gegen ihn abfeuern und gleichzeitig immer wieder darauf hinweisen kann, dass sie Anspruch auf zwei Sitze im Bundesrat habe.

Aus dieser Perspektive ist das Tamtam um die heutige (Nicht-)Nominierung von Christoph Blocher verlogen. Seine Kandidatur wäre chancenlos.

Foto Peter Spuhler, Christoph Blocher und Bruno Zuppiger: keystone