Erosion im Wahlkampf, Erosion bei allen etablierten Parteien

Druckversion: Erosion im Wahlkampf, Erosion bei den Parteien (PDF)

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit (Klassiker des deutschen Philosophen Georg Franck) ist unerbittlich. Das spüren derzeit die Berner Kandidierenden, die in der Schlussphase des Grossratswahlkampfes stehen. Hunderte von ihnen zeigen ein grosses zeitliches Engagement: frühmorgens verteilen sie in den Bahnhöfen Prospekte und Schöggeli, abends sind sie an Veranstaltungen, nachts werden Leserbriefe verfasst oder Postkarten verschickt. Dazu kommen Plakate, Inserate, Publireportagen und Postwurfsendungen, sofern die Kriegskasse gut gefüllt und der Wahlerfolg in Reichweite ist.

Auf den ersten Blick verläuft der Wahlkampf im Kanton Bern weitgehend traditionell, so wie er bereits in den Sechziger- oder Siebzigerjahren geführt worden war. Beim genaueren Hinschauen stellt man aber fest, dass die gängigen Wahlkampfinstrumente und -aktionen eine bedeutend schwächere Resonanz haben als früher. Parteiveranstaltungen sind keine kraftvollen Manifestationen mehr, sondern, so die Kritik vieler Journalisten, Rituale mit beträchtlichem „Gähn“-Faktor. Podien ziehen nur noch spärlich Publikum an, für Standaktionen und Unterschriftensammlungen finden sich mitunter kaum genügend Helfer. Fazit: Wahlen verlieren an Bedeutung, die Medien entpolitisieren sich schleichend, der traditionelle Wahlkampf erodiert, ohne dass der moderne Wahlkampf Einzug gehalten hätte.

Im Netz tummelt sich die Masse

Mit dem Aufkommen der neuen Medien sind Wahlkampagnen kostengünstiger und vielfältiger geworden. Viele Kandidierende fühlen sich überfordert und verzichten darauf, ihre Schwerpunkte neu zu definieren. Das hat verschiedene Gründe: Sie fürchten den Aufwand, viele glauben nicht, dass sie mit den neuen Kanälen auch tatsächlich potenzielle Wähler erreichen können, und die Internet-„Apostel“ sorgen mit ihrem euphorischen Fachchinesisch eher für Verwirrung anstatt bei Interessierten Überzeugungsarbeit zu leisten. Dabei wächst die Bedeutung des Internets weiter. Im Netz tummelt sich die Masse, auch in der Schweiz: 3,9 Millionen Menschen sind inzwischen täglich online, im Jahr 2005 waren es noch 2,1 Millionen. Jede vierte Person hat ein Facebook-Profil, die Benutzer sind im Durchschnitt 35 Jahre alt und verbringen 25 Minuten pro Tag auf dieser Plattform.

Die Verlagerung der Wahlkampfkommunikation ins Internet ist graduell im Gang, die neuen Bühnen, die Facebook, Twitter, Blogs usw. darstellen, sollten aber richtig bespielt werden. Was heisst richtig? Das A und O ist die Bereitschaft, ja die Lust, sich auf einen konstanten und glaubwürdigen Dialog mit den Mitmenschen einzulassen. Der Online-Dialog ist im Prinzip nichts anderes als modern verstandene Bürgernähe. Für den Aufbau eines klaren Profils im Netz braucht es einen langen Atem. Nur wer über Jahre hinweg informiert, Wissen teilt und auf andere eingeht, kann sich schliesslich neue Wählersegmente erschliessen. Das frisst viel Lebenszeit und verträgt sich deshalb kaum mit dem Milizsystem der Politik.

Die Parteien stecken in der Krise

Die Parteien sind auf mehreren Ebenen herausgefordert. Sie kämpfen zudem mit einem Problem, das kaum bekannt ist: dem Mitgliederschwund. Alle etablierten Parteien sind überaltert. In den letzten 15 Jahren haben ihre Kantons- und Ortssektionen zwischen einem Viertel und einem Drittel ihrer Mitglieder verloren.
Exemplarisch die Entwicklung der SVP des Kantons Bern, der noch immer mit Abstand grössten Kantonalpartei des Landes: In den Neunzigerjahren zählte sie noch rund 30’000 Mitglieder, heute sind es nach eigenen Angaben noch 18’000.

Diese Entwicklung bedeutet, dass den Parteien an der Basis mehr und mehr die Leute fehlen, die im Wahlkampf direkt von den Zentralen postalisch, per E-Mail oder telefonisch mobilisiert werden können. Dabei haben Parteimitglieder und -sympathisanten als Multiplikatoren weiterhin eine eminent wichtige Rolle. Der Wahlkampf fördert zutage, dass die Parteien in der Krise stecken. Die Gesellschaft fragmentiert, die Parteibindungen haben sich praktisch vollständig aufgelöst. Es deutet vieles darauf hin, dass die traditionellen Mitgliederparteien zu Wählerorganisationen mutieren müssen. Welche Rolle sie in der Machtteilung mit Verbänden, Gewerkschaften, Nicht-Regierungsorganisationen und der Verwaltung dereinst noch spielen können, ist vorderhand offen.

Auf der Jöö-Welle surfen: Berner Parteien mit gelungenen und innovativen Videos

Noch vor Wochenfrist stellen wir im “Bund” fest, dass der Berner Wahlkampf fast ausschliesslich auf konventionelle Medien und Massnahmen ausgerichtet sei. Noch am selben Tag erfolgte ein erster Gegenbeweis: Die SP lancierte die beiden Bärchen Urs & Berna.

Die Namensvetter der putzigen Medienstars im Bärenpark, die derzeit täglich 5000 Besucher anlocken, kriegen im Film Besuch von einem vierbeinigen “Cervelat-Promi” aus der Stadt Zürich: Das Zebra, das die SP aus dem Kreis 11 verschiedentlich in Videoclips auftreten liess, gesellt sich zu den Bärchen. Aber schauen Sie selbst:

Der Clip ist gut gemacht, ohne Wenn und Aber. Die Macher reagierten schnell und clever: Sie surfen auf der Jöö- und Promi-Welle. Das Zebra generierte im Stadtzürcher Wahlkampf bereits viel Medienaufmerksamkeit und wurde dank der Satiresendung “Giacobbo/Müller” Kult – immer und immer wieder von Mike Müller lanciert, ein Running Gag eben.

Mit Politik hat das nichts am Hut, dafür mit Aufmerksamkeit, und die ist im zunehmend inhaltslosen Wahlkampf viel wert. Der Clip bringt ein Schmunzeln in die Gesichter der Zuschauer – und die Onlinemedien befassen sich ein weiteres Mal mit diesem Thema, dem Zebra sei Dank.

Bei “Youtube” wurde das Filmchen immerhin schon rund 2450 Mal angeschaut – für Produktionen im Schweizer Wahlkampf ist das ein beachtlicher Wert.

SP und Grüne haben inzwischen auch für ihre vier bisherigen Regierungsratsmitglieder ein Video hochgeladen:

In diesem Clip versuchen die Macher, Inhalte zu transportieren, was ihm prompt eine gewisse Schwere verleiht. Der Weg-Klickreflex muss gebändigt werden. Handwerklich ist der Clip aber gut, der Dreh mit der Uhr und der Sommerzeit passt.

alexandra_perina1_200Einen Entwicklungsschub voraus ist die Produktion der CVP-Regierungsratskandidatin Alexandra Perina-Werz (Foto). Technisch überzeugend gelöst ist die Verknüpfung mit verschiedenen politischen Kernbotschaften. Perina-Werz erklärt in kurzen Einblendungen zu jedem Thema, worum es ihr geht. Als “Talking Head” und mit ihrer eigenen Stimme, ein innovativer Ansatz.

Die Flash-Produktion – auf dem Videoportal von Youtube kann man sie vermutlich aus technischen Gründen nicht hochladen – basiert allerdings auf einem Drehbuch, das nicht überzeugt. So dauert die erste Sequenz beim Bahnhof Bern geschlagene 12 Sekunden, ohne dass etwas gesagt oder Spannung aufgebaut würde. Das strapaziert die Geduld der Betrachter stark, zu stark. Erneut kommt der Weg-Klickreflex.

Dabei wäre die zweite Sequenz ein gelungener und witziger Einstieg gewesen: Ein älterer Mann, der sich dem Plakat von Perina-Werz nähert, wird urplötzlich von ihr mit “Grüessech!” begrüsst. Mit diesem Überraschungseffekt hätte die Produktion dynamischer gewirkt.

Die Option, das eigene Foto einzubauen und so das Video personalisiert an Freunde und Bekannte zu mailen, animiert zu wenig. Und auch der Begleittext hätte nochmals überarbeitet werden müssen:

Hallo
Vielleicht interessiert Dich dieses Video. Alexandra Perina-Werz freut sich über Deine Unterstützung. Klicke einfach auf den Link:
http://www.perina-werz.ch/2010/index.html?code=gz9ioqbdv06vdov3bdv1jfg4ikbdv2

Bester Gruss

Ein solcher Hilfstext macht etwa soviel Lust auf das Anklicken wie zum vierten Mal Kartoffelsalat in derselben Woche. Die virale Verbreitung im grossen Stil dürfte ausbleiben. Das “Masterpiece” mit dem ehemaligen “Tagesschau”-Sprecher Charles Clerc, der im Februar 2008 in einem famosen Beitrag für die Personenfreizügigkeit warb, bleibt weiterhin unerreicht. Schätzungsweise 600’000 Mal wurde es angeklickt.

Virtuelle Bühnen sollten gut bespielt werden

Wahlen werden weiterhin nicht im Netz entschieden. Das Internet und seine unerschöpflichen Möglichkeiten gewinnen aber auch bei Wahlkämpfen in der Schweiz an Bedeutung. Das treibende Medium dieser Dynamik, die im Sommer 2008 einsetzte, ist Facebook. Heute haben 2 Millionen Menschen in unserem Land ein Facebook-Profil, im Durchschnitt sind die User täglich 25 Minuten online.

Grossrat Marc Jost (evp, Thun) ist einer der wenigen Berner Politiker, die schon seit Jahren die neuen Medien nutzen. Als er bei Facebook begann, wussten die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen noch gar nichts von dieser Social-Media-Plattform. Inzwischen hat er rund 560 “Friends” – eine solide Basis für einen glaubwürdigen Dialog und für wirkungsvolle Mundpropaganda. Jost nutzt diesen Kanal seit langem rege. Das hilft – im Gegensatz zu den Fangruppen, die erst in den letzten zwei Monaten entstanden sind.

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Im Weiteren führt Marc Jost seit nunmehr drei Jahren einen Blog, seine Postings erfolgen ziemlich regelmässig. Das ist eine weitere Möglichkeit, als Kandidat sein Online-Profil dauerhaft zu schärfen und potenzielle Neuwähler zu binden. Die Ansprache des Publikums erfolgt direkt, nicht über die Massenmedien, die ja oftmals als Gatekeeper fungieren.

Blogs werden meistens erst wenige Monate vor dem Wahltermin lanciert, schlafen danach aber in der Regel schnell wieder ein. Das wirkt sich negativ aus, wenn der Auftritt online bleibt. Es gibt im Kanton Bern einige solche Online-Ruinen, die seit 2007 nicht mehr bewirtschaftet wurden.

Nebst Marc Jost verdienen drei weitere Berner Politiker Anerkennung für ihren langen Blogger-Atem: Christian Wasserfallen (fdp, Bern), Konrad Hädener (cvp, Thun) und Reto Müller (sp, Langenthal). Letzterer mischt Politik und Privates nach Lust und Laune. Das kann Angriffsflächen bieten und irgendeinmal ausgenützt werden.

Doch zurück zu Marc Jost. Er produzierte als Regierungsratskandidat einen Videoclip. Das ist zwar alles andere als neu, wurden doch im eidgenössischen Wahljahr 2007 viele “Videos” ins Netz gestellt. Viele davon sind allerdings dilletantisch oder unfreiwillig satirisch. Josts Video ist weder das eine noch das andere. Der 3 Minuten 47 dauernde Clip wirkt zwar “home made”, hat aber gerade deswegen seinen Charme. Jost kommt sympathisch herüber, obwohl seine Texte auswendig gelernt erscheinen, er thematisiert das, was ihm am Herzen liegt.

Fazit: Marc Jost bespielt die virtuellen Bühnen Facebook, Blog und Youtube. Damit erreicht er neue Wählersegmente, was zusätzliche Stimmen generieren kann. Die Wiederwahl in den Grossen Rat dürfte unproblematisch sein, die Hürden für eine Wahl in den Regierungsrat sind für ihn zu hoch. Das weiss Jost auch.

Wahlbistro – die Antwort auf die anonyme Bashing-Kultur in Foren und Blogs

Die politischen Akteure bekunden zunehmend Mühe, die Menschen in diesem Land zu erreichen. Die Gründe liegen einerseits bei der Politik selber. Andererseits aber auch bei den etablierten Medien, die mit schlechten Arbeitsbedingungen kämpfen und sich schleichend entpolitisieren.

Innert kurzer Zeit haben verschiedene Onlinemedien den Durchbruch geschafft. Mit ihrem Aufkommen ist ein neues Phänomen akzentuiert zu Tage getreten: das Kommentieren von Artikeln bzw. das Mitdiskutieren in Foren. Wer sich einmal durch die vielen Kommentare gelesen hat, braucht danach, je nach Naturell, Baldrian oder einen Boxsack. Wer das noch vor sich hat: exemplarisch wird die Problematik im Forum des “Club” vom 1. Dezember 2009 sichtbar.

Das Niveau ist oft lamentabel. Viele Kommentare sind diffamierend, und in aller Regel geben sich die Verfasser nicht mit ihrem echten Namen zu erkennen, sondern verstecken sich hinter Pseudonymen.

Gerade in der jetzigen Phase wären aber echte Debatten wichtig – auch in der Breite. Es reicht nicht, wenn die Mitglieder des “Club Helvetique” mit fein gedrechselten Worten in die Tiefe gehen und dank ihrer Deutungsmacht eine grosse mediale Beachtung finden. Eine breitere Masse sollte involviert werden.

Hier setzt das virtuelle Diskussionsforum Wahlbistro an. Es handelt sich um ein Non-Profit-Projekt, das die Interaktion unter politisch Interessierten verbessern will.

Im Gegensatz zu allen anderen Foren oder Blogs ist im Wahlbistro die anonyme Teilnahme nicht möglich. Wir als Betreiber werden alle Interessierten, die mitdebattieren möchten, zuerst telefonisch verifizieren. Auf diese Weise sorgen wir für eine bessere Diskussionskultur. Fakes und sogenannte Trolls sollen sich anderswo austoben.

Das Wahlbistro war bereits im Herbst 2008 als Pilotprojekt geöffnet. Rund 180 Personen beteiligten sich im Vorfeld der kommunalen Wahlen im Kanton Bern an den Debatten. Jetzt steht das Wahlbistro Bern vor der Wiedereröffnung, Mitte Februar geht es los. Im Wahlbistro Zürich ist seit Anfang dieser Woche die erste Debatte im Gang. Sie zeigt, dass offensichtlich das Bedürfnis nach einem solchen Forum besteht.

Für das Wahlbistro erkenne ich auch langfristig kein Geschäftsmodell. Es soll jeweils nur in den letzten Wochen vor einem Wahltermin betrieben werden. Längere Öffnungszeiten machen keinen Sinn bzw. sie würden zu viel zeitliche Ressourcen fressen.

Entscheidend sind in der jetzigen Phase Parteien, Kandidierende, politisch Interessierte und Blogger. Nur wenn sie alle mithelfen, dieses Diskussionsforum bekannter zu machen, kann es ein Erfolg werden. Gefragt sind: Links, Links und nochmals Links.

Bereits beim Pilot im Herbst 2008 zeigte sich: Jeder Kommentar im Wahlbistro erreicht pro Tag mehr Leute als jedwelche Aktion einer Partei. Nur schon aufgrund dieser Tatsache müssten eigentlich innerhalb von 24 Stunden hunderte von Links auf das Wahlbistro gesetzt werden.

Aber halt, ich habe vorübergehend vergessen, dass wir uns in Milizstrukturen und in einem Umfeld bewegen, das Neuerungen skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen.

Archiv zum Thema:

Virtuelles Wahlbistro ermöglicht Debatten rund um die Uhr (5. August 2008)

Wahlkampfblog: Heute drei Jahre alt und wieder werbefrei

Vor Jahresfrist stand die weitere Existenz des Wahlkampfblogs auf der Kippe: Aufgrund der chronischen Arbeitsüberlastung zog ich in Erwägung, ihn vom Netz zu nehmen. Bloggen macht Freude, fast nie zu bloggen hingegen sorgt bei mir für ein schlechtes Gewissen.

kuno_bund_rettung_200In der Phase von Januar bis Mai konnte ich dieses Blog nur stiefmütterlich pflegen. Das lag an der Rettungsaktion zugunsten der Berner Traditionszeitung “Der Bund”, ein unbezahltes Idealisten-Projekt, das weit mehr von meinen Ressourcen brauchte als ursprünglich eingeplant. Das Kampagnensujet (links) wollten übrigens diverse Fans kaufen. (Die gute Nachricht: Wir haben bei der letzten Büroräumungsaktion nochmals eine paar Plakate im Format A3 gefunden. Wer noch ein Plakat möchte, soll mir eine Mail schicken.)

Vom Juni an ging es wieder aufwärts, ich konnte bedeutend mehr Zeit in dieses Bonsai-Medium investieren. Und so flackern heute drei kleine Kerzen auf dem Kuchen.

Zum dritten Geburtstag gibt es ein paar Änderungen:

1.  Das Wahlkampfblog ist wieder werbefrei. Das hat einen triftigen Grund: Der Betreiber des Premium-Blog-Netzwerks “logcut” bezahlt seit nunmehr einem Jahr keine Beträge mehr für die Banner, die bis gestern hier geschaltet wurden. Das bedeutet eine Vertragsverletzung und entgangene Erträge. Alle meine Telefonanrufe und Mails, schliesslich auch ein eingeschriebener Brief blieben unbeantwortet. Anderen Blogbetreibern wie BloggingTom und Ignoranz ist es gleich ergangen.

2.  Am Ende jedes Postings scheinen nun ein paar gängige Icons auf. Die Beiträge können beispielsweise auch über andere Web2.0-Kanäle wie Facebook oder Twitter ins Netz geblasen werden.

Das oberste Ziel dieses Blog bleibt eine gute Diskussionskultur. Das in vielen Foren und Blogs grassierende Diffamieren wird hier nicht Einzug halten. Ganz einfach deshalb, weil es nicht möglich ist, anonym zu kommentieren. Zumindest ich als Blogbetreiber will wissen, welche Personen hinter den Kommentaren mit einem Pseudonym stehen.

4.  In der Sidebar rechts habe ich eine neue Rubrik aufgenommen: Medienblogs. Seit längerem lese ich regelmässig mehrere davon und bin angetan vom Niveau, dem unabhängigen Ansatz und der Konstanz, die ihre Betreiber auszeichnen. Deren Arbeit ist umso wichtiger, weil es in den etablierten Medien keine Ressorts oder Spezialisten mehr gibt, die sich explizit mit den Medien selbst befassen. (Rainer Stadler von der NZZ ist die Ausnahme, und er macht seinen Job gut.)

Neu verlinkt sind deshalb: der Medienspiegel von Martin Hitz, Ronnie Grob, Bugsierer sowie das Blog des Medienmagazins “Klartext“. Die Leute, die hinter diesen Medienblogs stehen, kenne ich mit einer Ausnahme nicht persönlich.

Schliesslich ein paar statistische Angaben: In den letzten drei Jahren publizierte ich hier 324 Postings, die 1755 Kommentare generierten. Mein Ziel, auch in Zukunft mindestens einmal pro Woche zu schreiben, bleibt unverändert.

Rückblick auf die beiden vorangegangenen Jubiläums-Postings:

22. Januar 2008
22. Januar 2009

Das Schlusswort zum Thema Bloggen hat David Bauer, preisgekrönter Jungjournalist, Blogger und Twitterer: “Wer jetzt noch schreibt, hat Ausdauer oder Erfolg. […] Wer jetzt noch bloggt, der hat es geschafft. Oder ist wirklich nicht zu retten.”

P.S.  Ich finde: Kategorisierungen im Netz bringen nichts.

Politik-Blogs auf einen Blick

Wenn Medienschaffende recherchieren oder schreiben, greifen sie auf Wikipedia, Google, vor allem aber auch auf Swissdox oder die Schweizer Mediendatenbank (SMD) zurück. Die beiden letztgenannten Angebote sind nicht gerade günstig, für die Arbeit aber unerlässlich.

slug_buton1_20060125-slugbWenn ich schreibe – für andere oder für mich – ist ein weiterer Browser immer offen: slug.ch. Slug ist die grösste Suchmaschine für Schweizer Blogs, sie aktualisiert im 30-Minuten-Takt die Postings von rund 1’800 Blogs. Das erschliesst zusätzliche Quellen.

Inzwischen sind, so die Betreiber von slug.ch, bereits mehr als 600’000 Beiträge abrufbar. Die Lorbeeren für den Aufbau und den jahrelangen Betrieb von slug.ch gehören Benny Rüegg. 2005 hatte er als Privatperson seinen Blog-Aggregator lanciert, im letzten Herbst verkaufte er ihn an eine Firma im Baselbiet.

Bevor ich mich an ein neues Posting mache, verschaffe ich mir jeweils über slug.ch einen Überblick, was andere Bloggerinnen und Blogger zum Thema bereits publizierten. Das ist oft leidlich wenig, Politik bewegt die hiesige Blogosphäre selten intensiv.

Vor diesem Hintergrund finde ich die Initiative von Christian Schenkel, der jahrelang starke Gedanken ins Netz entliess, löblich. Er betreibt einen Aggregator für Politik-Blogs: aggregator.edemokratie.ch. Das ist zwar alles andere als neu, neuer ist das Design – und die Absicht, diese Plattform weiter auszubauen.

Dazu braucht es weitere Blogs, damit das Panoptikum erweitert werden kann. Wer sich schwerpunktmässig mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzt, sollte seinen Blog also bei “eDemokratie” anmelden. Das hülfe, die Diskussion anzukurbeln und es motivierte vermutlich, selber regelmässiger zu schreiben oder zu kommentieren.

Angesichts der Entwicklung der etablierten Medien wird das unabhängige Denken und Schreiben der Micropublizisten im Netz wichtiger denn je. Die allermeisten Politiker haben immer noch nicht erkannt, welche Möglichkeiten ihnen ein langfristiges Engagement im Netz eröffnen würde. Es reicht eben nicht, bloss die letzten Monate vor einem Wahltermin regelmässig zu bloggen.

P.S. Ein feines Projekt, zudem liebevoll betreut, möchte ich hier nicht unterschlagen: Es ist die Blogbibliothek, die dieser Tage ihren ersten Geburtstag feiern konnte. Gerade wer Blogs pauschal unter “Bla-bla” abbuchen möchte, und das sind ja immer noch Heerscharen, findet dort sorgsam ausgesuchte Trouvaillen. Sich Zeit nehmen und reingucken.

Tschilp – ich zwitschere jetzt auch mit

twitter_vogel_4Mein erster direkter Kontakt mit dem Microblogging-Dienst Twitter war prägend. Etwa vor einem Jahr traf ich an der Aare einen Berufskollegen. Er war daran, auf seinem Handy eine Kurznachricht – in der Fachsprache Tweet genannt – zu verfassen. Ich guckte ihm über die Schultern: “Aare ist kuul, 17 Grad”, konnte ich entziffern.

Ich war überwältigt. “Bei derart epochaler Kurzprosa kann ich nicht mithalten”, dachte ich mir und beschloss, Twitter zu ignorieren.

Als während der Jahreswende 2008/2009 im Gazastreifen der Krieg ausbrach, waren die Tweets für die isolierten Journalisten oftmals die einzigen Quellen. Allerdings missbrauchten Palästinenser wie die israelische Armee diesen neuen Medienkanal auch für ihre Zwecke – “Kriegsgezwitscher”.

Am 15. Januar 2009 tauchte Twitter wieder auf meinem Radar auf und weckte nun definitiv mein Interesse: Der Amerikaner Janis Krums machte mit seinem iPhone ein Foto und veröffentlichte es sofort auf Twitter. Das Foto schaffte es in kürzester Zeit rund um den Erdball. “There’s a plane in the Hudson. Crazy”, schrieb Krums dazu. Der Airbus in New York hatte wegen Vogelschlag sofort wassern müssen.

Während und nach den Wahlen im Iran zeigte sich erstmals in aller Deutlichkeit, welchen Einfluss die Web2.0-Kanäle wie Facebook, Blogs und eben Twitter haben können. Etwa 2 Millionen Tweets wurden während der Proteste verbreitet, weltweit machten fast 500’000 Personen bei der Diskussion über die Ereignisse mit. Oppositionsführer Mousavi höchstpersönlich verbreitete unermüdlich Updates über seinen Account (Twittername: Mousavi1388). Ein Beispiel:

Next peaceful protest, Tomorrow (05 Aug.), 9 am, Baharestan Sq. in front of parliament #iranElection RT plz

Dass die Welt nicht wissen möchte, ob ich am Sonntagmorgen Erdbeerkonfitüre oder kalt geschleuderten Waldhonig aus der Provence auf mein Brot streiche, ist klar. Also lass’ ich derart unsinniges Blabla auch sein. Beim Zwitschern bleibe ich meinen Themen treu, angereichert mit Halbprivatem, das Augenzwinkern wird nicht fehlen.

Mark Balsiger

Dank den Botellónes schaffte Facebook in der Schweiz den Durchbruch

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Heute Abend soll also der zweite Botellón in Bern stattfinden. Vor wenigen Stunden haben die Organisatoren via Facebook den Standort bekannt gegeben. Die Öffentlichkeit, die die zweite Auflage bislang generierte, war bislang bescheiden.

Im letzten Sommer war das komplett anders. Das angebliche “Massenbesäufnis”, das es in Spanien seit Jahren gibt, schaffte es – nach einem Zwischenstopp in Genf – auch in die deutsche Schweiz. Fast alle diskutierten mit, die Leute aus dem Altersheim in Amriswil genauso wie die Schulpflege in Zäziwil. Viele moralisierten oder wetterten, andere sahen die Jugend schon kollektiv im Morast versinken. Über das Land fegte ein Medienhype.

Damals, Ende August 2008, konnte ich den Organisator des ersten Berner Bottelóns interviewen.

Heute können wir trocken feststellen: die Welt ist trotz den Botellónes nicht untergegangen. Dafür ging für Facebook der Stern auf. Durch die Dauerberichterstattung während einiger Wochen schaffte, so meine These, diese soziale Netzwerk den grossen Durchbruch in der Schweiz. Unzählige Berichte nannten Facebook als Quelle, weil es jeweils Details zu den Veranstaltungen ankündigte. Das blieb nicht ohne Wirkung.

Längst haben nicht nur alle Medienschaffenden einen Account, sondern schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen in diesem Land, also etwa jede fünfte Person. Das ist im internationalen Vergleich beachtlich. In Deutschland beispielsweise liegt die Facebook-“Penetration” bei 6 Prozent.

Und noch eine Zahl dürfte erstaunen: Das Durchschnittsalter der Facebook-Nutzer in unserem Land liegt bei 35 Jahren.

Foto: tagblatt.ch

www.parlamentsgeschichte.ch: eine Zeitreise im Web bis zurück ins Jahr 1848

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Die politische Bildung fristet ein Schattendasein in unserem Land. Das liegt unter anderem an den Lehrplänen, teilweise auch an Lehrpersonen, die Politik für sich nicht entdeckt haben. Entsprechend vermitteln sie Politik als Pflichtstoff, die die Schülerinnen und Schüler als ebensolchen wahrnehmen. Die Auswirkungen sind bekannt und für unser System, das auf Partizipation und Milizstrukturen aufbaut, gravierend.

Die Parlamentsdienste geben dieser Entwicklung nun Gegensteuer: Sie haben mit parlamentsgeschichte.ch eine Internet-Plattform entwickelt, die spielerisch auf viele Fragen rund um die Bundespolitik eingeht. Wann wurde das Proporzwahlsystem eingeführt? Was versteht man unter Zauberformel? Worum ging es bei der Fichenskandal?

Das sind bloss drei von vielen markanten Schwerpunkten, die man mit ein paar wenigen Klicks abrufen kann. Die Informationen werden knapp auf den Punkt gebracht. Dank weiter führenden Links besteht die Möglichkeit, sich vertiefter mit jedem Thema auseinanderzusetzen. Etliche Beiträge werden durch Bilder oder Videoclips ergänzt.

Fazit: Die Web-Zeitwalze, die bis 1848, ins Gründungsjahr des modernen Bundesstaats, zurückdreht, ist ein gelungenes Tool.