Wenn Politwerbung Schauder auslöst

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Im Kielwasser der Abzocker-Initiative segelt die Abstimmung über das revidierte Raumplanungsgesetz (RPG) in Richtung 3. März. Seit ein paar Tagen laufen die Kampagnen, was eine kurze Einschätzung ermöglicht.

Werbung kann vor allem dann eine Wirkung erzielen, wenn sie massiert sichtbar ist, das stärkste Argument verdichtet oder mit einer Provokation verknüpft.

Die Gegner des RPG setzen auf Provokation mit dem Vorschlaghammer. Das kann bei etlichen Betrachterinnen und Betrachtern Schauder auslösen. Die hässlichen Hochhäuser hinter dem Bundeshaus erinnern an Plattenbauten in Krakau oder Bratislava.

Die Kombination von gelber Farbe auf schwarzem Hintergrund knallt. Kreative, die ich befragte, bezeichnen das Sujet allerdings als “hässlich”, auch handwerklich überzeuge es nicht.

Meine Kritik zielt in eine andere Richtung: Stimmt die Aussage? Wären die Mieten in solchen Hochhäusern tatsächlich Horror? Zurzeit sicher nicht, das Gegenteil trifft zu: Wer in solchen Wohnungen lebt – oder leben muss -, zahlt tiefe Mieten. Der Transfer von “tief” zu “Horror-Mieten” funktioniert nicht. Deshalb dürfte dieses Sujet seine Wirkung weitgehend verfehlen.

Clever finde ich, dass das gegnerische Komitee insgesamt elf verschiedene Sujets produziert hat. Sie zeigen die zubetonierte Wohnsituation in elf verschiedenen Städten oder Gegenden, von Appenzell über Morcote (TI) bis Zürich. Diese Regionalisierung führt eher zu Betroffenheit als bloss ein Sujet, das in der ganzen Schweiz verwendet wird.

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Das Ja-Sujet präsentiert sich mit einer überlegten Aufteilung des Raums, die beiden Kernbotschaften stimmen. Gut ist, dass sowohl die URL wie der Kringelcode (auch QR-Code genannt) aufscheinen. Ein geschickter Zug ist die Verwendung des Schweizerkreuzes. Insgeheim dürfte das die Gegner ärgern.

Auf Plakaten erzeugt dieses Sujet aber keine Wirkung, weil es übersehen wird. Der weisse Hintergrund ist ein “No-go”. In den Inseraten werden die Köpfe einzelner Befürworterinnen und Befürworter dazugestellt. Das sieht ganz passabel aus. Dank der Prominenz und der Glaubwürdigkeit der Protagonisten kann bei dieser Vorlage etwas erreicht werden – ein Klassiker in der Politwerbung.


Die Kampagnen im Netz:

rpg-revision-nein.ch
ja-zum-raumplanungsgesetz.ch

Die beiden Facebook-Pages dümpeln noch in der Bedeutungslosigkeit vor sich hin: Die Gegner bringen es derzeit auf 64 “Likes” (Stand 15. Januar), die Befürworter auf 89.

Bezahlte Online-Kommentare: Medien tolerieren “Dialogkultur”, die ihnen schadet

Eine hässliche Blüte, die der Abstimmungskampf um die Abzocker-Initiative getrieben hat: Studenten schreiben im Stundenlohn und unter falschen Namen Online-Kommentare. “Pfui!” erschallt es vielstimmig in Social-Media-Kanälen. Mit Recht. Bewegen müssten sich allerdings die grossen Medienhäuser, die auf ihren Online-Portalen eine “Dialogkultur” heranwachsen liessen, die ihnen selber schadet.

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Wenn es bei Abstimmungen
hart auf hart geht, werden bei einzelnen Akteuren ethische Codices zu Makulatur. Eine Zürcher Werbeagentur verschob die Grenzen und heuerte Anfang Dezember ein paar Studenten an. Mit Textbausteinen ausgerüstet, füllten sie auf Online-Portalen die Kommentarspalten. Systematisch und mit falschen Namen schrieben sie gegen die Abzocker-InitIative an und manipulierten so die öffentliche Meinung. Wer die Instruktionen liest, die der “Tages-Anzeiger” in seiner heutigen Ausgabe publik macht, wähnt sich im falschen Film.

Es ist kein Problem, auf den grossen Online-Portalen mit einem Pseudonym oder mit einem falschen Namen mitzudebattieren; teilweise werden nicht einmal die hinterlegten E-Mail-Adressen verifiziert. Das Angebot ist bewusst niederschwellig, lautet doch die Devise bei den Medienhäusern: Je mehr Kommentare, desto besser. Sie wollen die User emotional an ihre Online-Portale binden, Communitys auf- und ausbauen. Das Rennen um Visits und Klicks geht weiter.

Exemplarisch der Aufruf zum Kommentieren von Blick online:

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Es liegt auf der Hand:
Wer online mit einem Pseudonym oder einem falschen Namen debattiert, kann kräftig und dumpf austeilen, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Das ist für ein paar Hundert Leute in diesem Land offensichtlich ein Freipass: Sie lassen Dampf ab, pöbeln und diffamieren. Wer sich einmal durch ein paar Dutzend Kommentare zu einem kontroversen Thema gelesen hat, kennt diese “Dialogkultur”. Sie konnte sich etablieren, weil die Betreiber zu viele Beiträge auf lamentablem Niveau freischalten.

Das es anders geht, zeigte das Wahlbistro, das ich 2008 lanciert hatte und 2010 aus zeitlichen Gründen leider wieder einstellen musste. Dort war die anonyme Teilnahme nicht möglich. Wer mitdebattieren wollte, musste nach der Registrierung zuerst von den Betreibern telefonisch verifiziert werden. Diese Massnahme wirkte sich positiv auf die Qualität der Kommentare aus, alle Teilnehmenden konnten nur mit ihren echten Vor- und Nachnamen Kommentare veröffentlichen.

Wenn die Medienhäuser ihre teilweise noch starken Marken nicht irreparabel schädigen wollen, sollten sie nun endlich Gegensteuer geben. Wer 15 Prozent Marge erzielt, kann es sich leisten, den Online-Kommentaren die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.

Dasselbe sollten sich die engagierten Leute der Diskussions-Plattformen Vimentis und Politnetz zu Herzen nehmen. Ich schaffte es vor ein paar Stunden auch dort problemlos, mit einem Fake-Konto (“Hans aus Bern”) Kommentare zu publizieren.

Screenshot aus “Politnetz”:

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Ich bin gespannt
, wie sich der Branchenverband der führenden Werbe- und Kommunikationsagenturen (bsw) und, so sie angerufen werden, die Schweizerische Lauterkeitskommission und der Schweizer Presserat zu diesem Fall äussern.

Weitere Beiträge zum Thema:

– Vimentis: Gegner der Abzocker-Initiative kaufen Leser-Kommentare (Thomas Minder)
Der identische Text erschien übrigens auch auf Politnetz. Dort aber wird Claudio Kuster als Autor genannt. Er ist die rechte Hand von Ständerat Minder.

– Arlesheim-Reloaded: Wissen Journis nicht, wie der Hase läuft?

– Cash: Gekaufte Studenten schreiben auf Newssites gegen Abzocker-Initiative
(Mit Updates der sda)

– Jacqueline Badrans Blog: Dauerbrenner Kommentare – ein Lösungsvorschlag

– Tages-Anzeiger/Bund: Polit-Werber auf Abwegen (31. Dez.; Iwan Städler)

– Medienwoche: Kommentare kaufen ist nicht Guerilla-PR (10. Jan. 2013; Daniel Jörg)


Foto: adi

 

 

 

Damit Kampagnen ins Schwarze treffen

In den letzten sechs Jahren habe ich es hier mehrfach thematisiert: Viele Abstimmungs- und Wahlkampagnen verpuffen wirkungslos. Die Gründe dafür sind vielfältig: Der Strategie fehlt die Stringenz, die Botschaft ist zu kompliziert, die Sujets werden übersehen…

Vor genau zwei Wochen stellte ich die Kampagne von economiesuisse gegen die Abzocker-Initiative von Ständerat Thomas Minder vor. So kritisierte ich unter anderem dieses Plakatsujet, weil die Protagonistin eine Nullaussage von sich gebe:

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In den darauffolgenden Tagen schrieb mir die Kommunikationsabteilung von economiesuisse eine Mail. Mein Posting habe sie “auf Trab gehalten”. Der Text mit der Frau sei in der Tat “etwas schwammig” und man habe meinen Input, der auch in der “SonntagsZeitung” aufschien, aufgenommen.

Die überarbeitete Version wird von heute an ausgehängt. Sie präsentiert sich so:

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Schön, wenn Postings stärkere Kampagnen ermöglichen. #schulterklopf

Trotz der klaren Verbesserung: Am Text hätte man noch weiter hobeln können. Ein Beispiel:

“Die Initiative ist nicht schlecht.
Aber nur der Gegenvorschlag wirkt sofort.”

Vorsicht, denn jetzt kommt die Werbung in eigener Sache: Meine Agentur hat in den letzten zehn Jahren rund vierzig Abstimmungs- und Wahlkampagnen konzipiert und teilweise auch umgesetzt – kleinere und grössere. Dabei konnten wir viel Erfahrung sammeln, Fehler sind uns dabei selbstverständlich auch unterlaufen – kleinere und grössere.

Insgesamt haben wir aber im Verlaufe dieser langen Zeit ein gutes Gespür dafür entwickelt, was funktioniert und was nicht. Die Konsequenz daraus: Wir haben ein neues Angebot entwickelt. Es heisst Strategie- und Kampagnen-Check. Mit einem Aufwand von einem bis drei Arbeitstagen röntgen wir Strategie, Umsetzung und Sujets. Und dann machen wir Verbesserungsvorschläge. Damit die Kampagne doch noch ins Schwarze trifft.

economiesuisse hat ein Budget von 6 bis 8 Millionen Franken zur Verfügung, um die Abzocker-Initiative zu bekämpfen. Ich bin gespannt, was der Wirtschaftsdachverband für meinen Input springen lässt. Ich würde den Obolus einem guten Zweck spenden.

 

Sujets zvg: economiesuisse

Abzocker-Initiative: Der Kampf zwischen Emotionen und Millionen

Wenn Volksabstimmungen auf Messers Schneide stehen, kann das Budget den Ausschlag geben. Oder die Kampagne, wenn sie ins Schwarze trifft. Genau drei Monate vor dem Abstimmung zu Thomas Minders Abzocker-Initiative lohnt es sich deshalb, die ersten Sujets der Gegner unter die Lupe zu nehmen. Ich machte das für die “SonntagsZeitung”. Hier die “extended version”.

 

Die drei Sujets der Gegner überzeugen mich handwerklich. Teilweise missraten sind allerdings die Aussagen der Protagonisten. Wenn ein Hobby-Model sagt, es sei zuerst für die Abzocker-Initiative gewesen, jetzt aber für den Gegenvorschlag (siehe unten), so ist das faktisch eine Nullaussage. Die Begründung für den Meinungsumschwung fehlt.  Hat die Frau sich materiell mit der Vorlage, über die wir am 3. März 2013 abstimmen, auseinandergesetzt? Oder schwimmt sie einfach im Mainstream mit?

 

Ungut ist, dass einmal “Minder-Initiative”, ein anderes Mal “Abzocker-Initiative” verwendet wird. Redundanz ist in der Werbung zentral, das Publikum sollte nicht durch Synonyme irritiert werden. (1970 geschah dasselbe mit der Überfremdungs-Initiative, die oftmals auch Schwarzenbach-Initiative genannt wurde.)

Der Schlüsselbegriff, um die Abzocker-Initiative zu bodigen, wäre: Wirksamkeit. Ein Beispiel:

Nein zur Minder-Initiative.
Nur der Gegenvorschlag wirkt. Sofort.

Das zweite Kopf-Sujet (siehe unten) ist deutlich besser in seiner Aussage.

Ab morgen Montag beginnt die so genannte Sensibilisierungskampagne. Zunächst ist das Sujet mit der grossen Lupe zu sehen. In einer zweiten Phase werden dann die Köpfe mit ihrem Aussagen folgen.

Auf den ersten Blick ist die Lupe ein gutes “Key Visual”, die Internet-Domain „genauer-hinschauen.ch“ passt dazu. (Ungeschickt, dass sie umgeleitet wird auf “minder-nein.ch”.) Eine Lupe bedeutet aber auch: Es geht nur um kleine Details. Mithin könnten Teile des Stimmvolks zu interpretieren beginnen, lies: Ob Initiative oder Gegenvorschlag spielt keine grosse Rolle.

Sujets einer kohärenten Abstimmungskampagne lassen keine Interpretationen aufkommen, sondern bringen es auf den Punkt. Die Botschaft muss binnen zweier Sekunden rüberkommen. Länger gucken Herr und Frau Schweizer nicht hin.

 

Die prominente Nennung des „Parlaments“ taxiere ich als Schnitzer. Genau dieses Parlament verschleppte ja die Volksinitiative mehr als vier Jahre lang mit Nebelgranaten und allen möglichen Tricks – ein unrühmliches Kapitel. Für das Lager des parteilosen Schaffhauser Ständerats Thomas Minder ist dies erneut eine Steilvorlage, es kann mit Recht die Glaubwürdigkeit des Parlaments anprangern.

In diesem Abstimmungskampf stehen sich u.a. gegenüber:

– David vs. Goliath
– Wutbürger vs. Establishment
– Emotionen vs. Millionen.

Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse will mindestens 6 Millionen Franken für die Nein-Kampagne aufwerfen. Das ist für Schweizer Verhältnisse ein erkleckliche Summe. Der Ausgang der Abstimmung ist offen. Die Umfragen zeigten bislang ein deutliches Ja. Allerdings ist die Zustimmung bei den meisten Volksinitiativen am Anfang des Meinungsbildungsprozesses hoch. Wenn die Debatten und Kampagnen greifen, sinkt sie in den allermeisten Fällen und endet in 9 von 10 Fällen bei einem Nein.

Economiesuisse ist herausgefordert, die nächsten drei Monate die wichtigsten Inhalte unermüdlich zu repetieren. Sie appellieren an Ratio und funktionieren am stärksten über Schlüsselfiguren. Argumentieren diese inhaltlich überzeugend und betont sachlich, könnten sie am 3. März das “Ding” vielleicht doch noch zu einem Nein drehen.

Die Kampagnen im Netz

a) Befürworter:

Website: Ja zur Abzocker-Initiative
Facebook-Page: Volksinitiative gegen die Abzockerei
Twitter:VI gegen Abzockerei

b) Gegner:

Website: Minder-Nein
Facebook-Page: Minder-Initiative NEIN
Twitter: Volksinitiative Minder_NEIN 

Sujets: zvg durch “SonntagsZeitung”

Volksinitiativen dienen heute oft als Wahlkampfvehikel

In der Nachspielzeit hat es die FDP vielleicht doch noch geschafft: Sie konnte nach eigenen Angaben vor wenigen Minuten 100’650 beglaubigte Unterschriften für ihre Bürokratie-Initiative einreichen. Dass sie bis zum allerletzten Tag und über die offiziellen Arbeitszeiten des Bundeskanzlei hinaus dafür arbeiten und zählen musste, wird morgen nochmals für viel Spott sorgen.

Das direktdemokratische Instrument ist so populär wie noch nie zuvor in seiner rund 120-jährigen Geschichte. Für mehr als 25 verschiedene eidgenössische Volksinitiativen werden derzeit Stimmen gesammelt. Mehr als 20 weitere sind hängig, d.h. sie wurden eingereicht, harren aber noch der Behandlung durch Bundesrat, Parlament und Volk. Da hat sich ein grosser Stau ergeben.

Die vielen Initiativen lassen auf den ersten Blick die Vermutung zu, die direkte Demokratie sei sehr lebendig. Das entpuppt sich beim genauen Hinsehen nur als Teil der Wahrheit. Der Charakter der Volksinitiative hat sich in den letzten Jahren verändert. Es geht längst nicht immer darum, Innovationen oder Veränderungsvorschläge zu lancieren. Volksinitiativen dienen heute vielfach als Instrumente des politischen Marketings. Sie werden strategisch auf vier Jahre hinaus geplant, die wichtigste Phase der Unterschriftensammlung liegt oft in einem eidgenössischen Wahljahr.

Damit sind die Parteimitglieder aufgefordert, auf die Strasse zu gehen und Unterschriften zu sammeln. (Ein grober Erfahrungswert zeigt, dass zwei Drittel aller Unterschriften auf der Strasse gesammelt werden müssen. Das Verschicken und Beilegen von Unterschriftenbogen ist weit weniger einträglich.) Das mobilisiert und sorgt für viele, wenn auch flüchtige Kontakte mit dem Volk. Volksinitiativen werden von Parteistrategen deshalb auch als Wahlkampfvehikel betrachtet. Bei der Ausschaffungsinitiative der SVP traf dies zweifellos zu, beim Bürokratiestopp des Freisinns nicht.

Volksinitiativen generieren Medienpräsenz, Spenden und zuweilen auch neue Mitglieder. Sie sind im Weiteren eine Möglichkeit zur Profilierung; wer “initiativfähig” ist, wird wahrgenommen. All das macht sie für politische Akteure zu einem wertvollen Instrument. Dass die Stossrichtung der Initiativen nicht mehr zentral ist, zeigten in jüngster Zeit die Anti-Minarett-Initiative oder das heute eingereichte Bürokratie-Stopp-Anliegen der FDP.

Als die Volksinitiative 1891 eingeführt wurde, lag die Hürde bei 50’000 Unterschriften. Das entsprach damals 7,5 Prozent der Stimmbevölkerung. Heute sind für eine gültige Initiative 100’000 Unterschriften nötig, was noch knapp 2 Prozent der Stimmberechtigen entspricht. (2011 gab es gem. BfS 5,09 Millionen Stimmberechtigte in unserem Land.) Aufgrund dieser Entwicklung wäre es an der Zeit, an eine Erhöhung der Unterschriftenzahl zu denken. Die Flut an Initiativen strapaziert Volk, Parlament und Verwaltung, das politische System steht unter Dauerstress.

Mark Balsiger

Nachtrag vom Freitag, 13. April 2012:

Blogger-Kollege Ruben Schönenberger fokussiert auf der Zitterpartie, die bei der FDP weitergeht. Er berechnete, dass bei den letzten zehn Initiativen im Durchschnitt 0.67 Prozent der eingereichten Unterschriften ungültig waren. Trifft das auch bei der Bürokratie-Initiative zu, erreicht sie die 100’000er-Hürde ganz knapp nicht.

 

Foto FDP-Unterschriftensammlung: key

Wo der Rubel bei Volksabstimmungen liegt

Die Rufe nach mehr Transparenz bei Volksabstimmungen und Wahlkämpfen erschallen seit Jahren regelmässig. Druck aufgesetzt hat im letzten Herbst die Staatengruppe des Europarats gegen Korruption, besser unter dem Namen Greco bekannt. Nachdem das welsche Magazin “L’Hébdo” vor Jahresfrist das Thema mit grossem Engagement aufgearbeitet hatte, publizierte heute die Universität Zürich (Forschungsstelle sotomo) eine Studie dazu.

Im 41 Seiten umfassenden Dokument mit dem schönen Titel “Das politische Profil des Geldes” wurden u.a. 35 Volksabstimmungen analysiert. Erfasst haben die Forscher Plakatwerbung, Print (Inserate, Reklamen, Publireportagen) und Kinospots. Die Data stellte die Marktforschungsfirma Media Focus zur Verfügung. Nicht eruiert wurden beispielsweise Postwurfsendungen, ein Teil der Onlinewerbung sowie die Kosten für Beratung und Kreation.

Dank dieser Studie wissen wir nun, welche Budgets bei den Volksabstimmungen zwischen Mai 2005 und Februar 2011 zur Verfügung standen. Am meisten Geld wurde bei der Abstimmung für die Fortführung/Erweiterung der Personenfreizügigkeit vom Februar 2009 ausgegeben, nämlich 11,1 Millionen Franken. Das Schlusslicht markiert die Vorlage “Verzicht auf allgemeine Volksinitiative” vom September 2009. Dafür wurden nur gerade 1000 Franken eingesetzt.

Die aufgelisteten Summen führen uns vor Augen, wie ungleich die Mittel verteilt sind. Bei fünf von sechs kann ein Lager mehr als doppelt so viel Geld verwenden wie das andere Lager. Bei fast 70 Prozent aller Abstimmungen sei das Ungleichgewicht sogar grösser als das Verhältnis 4:1, schreiben die Forscher. Überraschend ist dieser Befund weiss Gott nicht. Nur gerade bei 3 der 35 Vorlagen waren die Spiesse in etwa gleich lang:

– Beitritt Schengen/Dublin: je 3,4 Mio. Franken  (5. Juni 2005)
– Abschaffung des Verbandsbeschwerderechts: 1,5 Mio. (Ja-Lager) vs. 1,4 Mio. (Volksabstimmung vom 30. Nov. 2008)
– Personenfreizügigkeit: 6 Mio. (Ja) vs. 5,1 Mio. (8. Febr. 2009)

Die Studie von Sozialgeograf Michael Hermann et al. ist eine Fleissarbeit und innerhalb von wenigen Monaten entstanden. Sie liefert wichtige Anhaltspunkte. Die beiden entscheidenden Fragen bleiben aber weiterhin unbeantwortet:

– Woher genau stammt jeweils das Geld für die Kampagnen?
– Gibt es einen dynamischen Zusammenhang zwischen Mitteleinsatz, Werbung und Abstimmungserfolg?

Die erste Frage wasserdicht aufzuarbeiten, wäre schier unmöglich gewesen; über Geld spricht man nicht in diesem Land. Die Beantwortung der zweiten Frage hätte eine grössere Gruppe Politikwissenschaftler und aufwendige Regressionsanalysen benötigt. Dafür fehlte die Zeit und – nomen est omen – das Geld. So liegt nun eine Studie vor und wir wissen eigentlich doch nur, was wir schon immer ahnten.

In der Frühjahrssession wird sich der Nationalrat mit der Motion “Transparenz bei der Finanzierung von Abstimmungskampagnen” befassen. Der Ständerat votierte bereits im letzten Jahr dafür. In der grossen Kammer wird es ein Nein geben. Auf “hold” sind mehrere Volksinitiativen, die eine kleine Gruppe um die beiden SP-Nationalräte Andreas Gross (ZH) und Andy Tschümperlin (SZ) ausgearbeitet hatte. Um ihr Anliegen breiter abzustützen, wurde inzwischen den Trägerverein “Mehr Transparenz” ins Leben gerufen. Das Geld für die Lancierung einer Volksinitiative fehlte bislang allerdings.

Download: Studie: “Das politische Profil des Geldes” (PDF)

– Foto Banknoten: keystone
– Grafik/Smartspider: sotomo

In welche Politikfelder bei Volksabstimmungen zwischen 2005 und 2011 am meisten Werbegeld floss:

Von politischem Lärm und echter Wirkung

FDP und CVP gewinnen mit Abstand am meisten Abstimmungen an der Urne und im eidgenössischen Parlament. Das ist bekannt und kann mit Fleiss jederzeit nachgeprüft werden. Neu hingegen ist, dass die oft beklagte Polarisierung medial komplett überzeichnet wird. Eine Untersuchung über die letzten zehn Jahre zeigt nämlich auf, dass die Wirkung des Parlaments im Gesetzgebungsprozess konstant geblieben ist.

Lesebeispiel: Die SVP (dunkelgrün) erzielte im Jahr 2001 von 100% erfassten indexierten Punkten 18%, im Jahr 2010 waren es 17%.

Viele Freunde und Feinde der SVP sind überzeugt, dass diese Partei die Deutungshoheit über alle Politikfeldern erlangt hat. Tatsache ist, dass sie zwischen 1991 und 2007 ihren Wähleranteil um satte 17 Prozentpunkte heraufschrauben konnte. Für Schweizer Verhältnisse waren die Wahlerfolge der SVP von 2003 und 2007 spektakulär.

Dass die SVP in der Medienarena den Ton angibt, ist seit der EWR-Abstimmungsschlacht von anno 1992 nicht zu überhören. Mehrere Studien kamen in den letzten Jahren zum Schluss, dass die Volkspartei am meisten mediale Beachtung erhält. Dabei ist der Tenor in den Kommentaren zwar meistens negativ, was zur Küchentisch-Hypothese führt: Es ist egal, ob positiv oder negativ über die SVP berichtet wird, Hauptsache: sie ist Thema.

Die Forscher von gfs.bern haben nun die Wirkung des Parlaments der Jahre 2000 bis 2010 untersucht. Berücksichtigt wurden alle 98 Volksabstimmungen in dieser Zeitspanne sowie 114 relevante Geschäfte, mit denen sich National- und Ständerat auseinandergesetzt hatten. Die Vermutungen, dass die Polarisierung zugenommen und selbst die Arbeit in den Kommissionen erfasst hat, konnte dabei nicht bestätigt werden. Kurz: Die Wirkung, die das Parlament in den Gesetzgebungsprozessen erreichte, ist so gut wie eh und je.

Verblüffend: Die Jahre 2008 und 2009 gehörten aus “gesetzgeberischer Sicht zu den produktivsten”, heisst es in der Forschungsarbeit von gfs.bern. Das ist angesichts des Furors von damals eine Überraschung. Wir erinnern uns: Christoph Blocher wurde als Bundesrat abgewählt, die Hexenjagd auf seine Nachfolgerin Eveline Widmer-Schlumpf begann, die SVP Schweiz schloss ihre Bündner Kantonalsektion aus, die “netten SVPler” spalteten sich zur BDP ab, das Trommelfeuer zermürbte schliesslich Samuel Schmid, zuerst halber SVP-, dann noch für ein paar Monate BDP-Bundesrat.

Just in dieser Phase der selbstdeklarierten “Opposition” der SVP und dem Lärm, der damals veranstaltet wurde, erreichte das Parlament überdurchschnittlich viel Konstruktives. Die gescheiterte 11. AHV-Revision, die immer wieder als Beispiel der totalen Polarisierung erwähnt wird, war eine spektakuläre und medial aufgebauschte Ausnahme. (Eine unheilige Allianz von SVP, SP und Grünen versenkte im Herbst 2010 die 11. AHV-Revision in der Schlussabstimmung aus taktischen Gründen.)

Lesebeispiel: Insgesamt ist die FDP die Partei, die mit 475 Punkten knapp vor der CVP die stärkste Kraft beim Gesetzgebungsprozess in den letzten zehn Jahren war. SP und SVP folgen auf den weiteren Rängen.

 

Spannend ist im Weiteren, dass CVP und FDP bei der gesetzgeberischen Arbeit eine konstant hohe Wirkung erzielen – obwohl ihre Wähleranteile und Sitze seit vielen Jahren sukzessive schwinden. Die SVP wiederum kann ihren elektoralen Erfolg in keiner Weise in eine verstärkte Wirkung umsetzen. Veranschaulicht: Die FDP.Liberalen erreichen mit einem Wähleranteil von 17.7 Prozent 548 indexierte Wirkungspunkte. Die SVP mit 28.9 Prozent hingegen nur 361 Punkte. Befunde, die beruhigen – oder beunruhigen.

Mark Balsiger

Der gesamte Bericht sowie die hochauflösenden Grafiken von gfs.bern zum Herunterladen:

– Bericht: Parlamentswirkung 2000 bis 2010 (PDF)
– Grafik: Parteien pro Jahr (JPG)
– Grafik: Parteien summiert (JPG)

 

Grafiken: gfs.bern

Die Emanzipation des Bundesrats

GAST-BEITRAG von Patrik Müller *

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«WER REGIERT DIE SCHWEIZ?» So lautet der Titel des viel beachteten Buches, das der Publizist Hans Tschäni im Jahr 1983 schrieb.
Er kam, vereinfacht gesagt, zum Schluss: Es sind die Lobbyisten aus Banken, Industrie und Landwirtschaft, die in Bern das Sagen haben. Die Politiker sind bloss ihre Marionetten.

JA, DIE WIRTSCHAFT zeigte in der Schweiz, dem bürgerlichsten Land Europas, jahrzehntelang, wos langgeht. Wenn Economiesuisse, der Dachverband der Unternehmen (der früher Vorort hiess), mal entschieden hatte, dann spurten Bundesrat und Parlament. Und am Schluss – nicht immer, aber meistens – auch das Volk, dank der millionenschweren Abstimmungs-Kampagnen, für welche die Unternehmen ihre Schatullen öffneten.

SO FUNKTIONIERTE DIE SCHWEIZ bis vor kurzem, und diese «Filzokratie» (Tschäni) wurde zum Erfolgsmodell. Was gut ist für die Wirtschaft, ist gut für das Land. Die Linken konnten diese Gleichung noch so lange verteufeln, sie drangen beim Volk damit nicht durch. Denn die Bürger merkten, dass es ihnen tatsächlich immer besser ging.

BEISPIELE DAFÜR, wie die Wirtschaft die Politik bestimmte, gibt es zuhauf. In den 70er-Jahren, als der Bundesrat wegen der Ölkrise ein neues Energiekonzept ausarbeitete, berief er Michael Kohn zum Präsidenten der Expertenkommission. Kohn, der seither «Energiepapst» genannt wird, war für die atomnahen Unternehmen Motor-Columbus und Atel tätig. Initiativen für einen besseren Mieterschutz wurden abgelehnt, Vorstösse für tiefere Unternehmenssteuern angenommen. Die Mutterschafts-versicherung hatte so lange keine Chance, bis die Wirtschaftsverbände kehrten und 2004 ein Ja empfahlen. Erst dann kam sie in der Schweiz durch, als letztem Land in Europa.

DIE GLOBALISIERUNG verstärkte die Dominanz der Wirtschaft zusätzlich. Die Unternehmen begannen ab den 90er-Jahren, Standorte und damit Staaten gegeneinander auszuspielen. Dadurch verlor die nationale Politik ihre Gestaltungskraft. Die CEOs sagten cool: Wenn ihr dieses Gesetz verschärft, dann verlagern wir anderswo hin. Diese Dominanz mündete in Arroganz: «Was die Politik von der Wirtschaft lernen muss», lautete der imperative Titel eines Essays, das im Jahr 2000 der damalige CS-Chef Lukas Mühlemann im «Magazin» schrieb.

NUN ABER GESCHIEHT UNERHÖRTES: Der Bundesrat, zumindest seine Mehrheit, folgt der Befehlsausgabe der Wirtschaft nicht mehr. Und dies ausgerechnet in zwei zentralen Themen. Erst liess die Regierung die einflussreichen Grossbanken UBS und CS abblitzen. Vergeblich lobbyierten diese gegen strenge «Too big to fail»-Regeln. Nicht einmal die bewährte Drohung «sonst ziehen wir ins Ausland» wirkte diesmal. Und auch mit den Privatbanken legt sich der Bundesrat an, indem er Gelder arabischer Potentaten neuerdings sehr schnell sperrt, was Julius-Bär-Präsident Raymond Bär im «Sonntag»-Interview scharf kritisiert.

DANN KAM DER MITTWOCH, 25. Mai, der Tag, an dem der Bundesrat den Atomausstieg beschloss. Es ist eine Kehrtwende in der Energiepolitik um 180 Grad, die gegen den Willen von Economiesuisse und gegen den Willen der Stromkonzerne erfolgte. Auf einen Schlag war ein jahrzehntelanges, mit Dutzenden Millionen gespeistes Atomlobbying zunichte. Eine Sensation, die den Präsidenten von Economiesuisse, Gerold Bührer, fassungslos machte: «Oberflächlich, unseriös, übers Knie gebrochen» sei der Entscheid, schnaubte er. Der Chefredaktor der «Basler Zeitung» erklärte den Entscheid verzweifelt mit der «fast esoterischen Selbstsicherheit» der «vier Frauen im Bundesrat».

ES IST EIN NEUES GEFÜHL für Wirtschaftsvertreter, vom Bundesrat die kalte Schulter gezeigt zu bekommen. Und dann noch von vermeintlich Verbündeten! Dass die als «Atom-Doris» verschriene CVP-Ministerin Leuthard die Energiewende innerhalb von wenigen Monaten vollzog – was SP-Mann Moritz Leuenberger 15 Jahre lang nicht gelang –, versetzte die Stromwirtschaft in einen Schockzustand. Wer so etwas vor einem halben Jahr vorausgesagt hätte, wäre für verrückt erklärt worden.

DIE EMANZIPATION DES BUNDESRATS von der Wirtschaft ist historisch. Herbeigeführt wurde sie allerdings nicht aktiv, sondern als Reaktion auf zwei äussere Ereignisse: Die weltweite Finanzkrise mit dem Beinahe-Crash der UBS machte möglich, dass der Bundesrat sich von den Grossbanken lossagte. Und die Atomkatastrophe von Fukushima brachte die Bundesrätinnen Doris Leuthard und Eveline Widmer-Schlumpf zum Umdenken, was dann mit der SP eine 4:3-Mehrheit für den Ausstieg ergab.

WER REGIERT DIE SCHWEIZ? Offenbar nicht mehr die Wirtschaft, sondern die Politik, lautet die neue, aber vorläufige Antwort. Ob die strengen Bankenregeln wirklich kommen, ob der Atomausstieg tatsächlich vollzogen wird: Das ist offen. Denn im Parlament ist der Einfluss von Bank- und Stromwirtschaft noch immer gewaltig. Die Bundesratsentscheide könnten im National- und vor allem im Ständerat noch umgestossen werden.

DASS DIES ABER UNWAHRSCHEINLICH ist, liegt an der Stimmung im Volk: Es hat sich schon früher als der Bundesrat von der Wirtschaft emanzipiert, wie vor gut einem Jahr das haushohe Abstimmungs-Nein zu Rentenkürzungen in der Pensionskasse zeigte. Und heute scheint eindeutig: Das Volk will scharfe Bankenregeln, und es will keine neuen AKW.

BLEIBT DIE FRAGE: Ist es nun eigentlich gut, dass die Wirtschaft der Politik nicht mehr sagen kann, wos langgeht? Als Demokrat muss man die Frage mit Ja beantworten. Gleichzeitig aber wissen wir: Dass unser Wohlstand so gross ist, dass unsere Arbeitslosenquote und unsere Steuern so tief sind, hängt eben auch damit zusammen, dass Wirtschaft und Politik miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. Deshalb sollten sie nun gemeinsam die Chancen nutzen, die sich aus dem Atomausstieg ergeben.

ES IST GUT, wenn die «Filzokratie» verschwindet. Der Pragmatismus aber muss bleiben.

* Patrik Müller ist Chefredaktor der Zeitung „Sonntag“. Sein Leitartikel erschien in der Ausgabe vom 29. Mai 2011. Die Publikation im wahlkampfblog erfolgt nach Rücksprache mit dem Autor.

Foto Patrik Müller: radio 1.ch

Volksvorschlag und Stichfrage oder Das Kreuz mit dem Kreuzchen

In den guten alten Zeiten konnte das Stimmvolk zu einer Abstimmungsvorlage jeweils Ja oder Nein sagen – und damit hatte es sich. Seit der Volksabstimmung vom 5. April 1987 ist es auf eidgenössischer Ebene mehrschichtig und etwas komplizierter geworden: Das Parlament kann nämlich einer Volksinitative, die dank mindestens 100’000 Unterschriften zustande gekommen ist, einen sogenannten Gegenvorschlag (auch Gegenentwurf genannt) erarbeiten.

Dem Volk werden in solchen Fällen zwei Vorschläge unterbreitet, ergänzt mit einer Stichfrage. Diese kommt zum Zug, wenn beide Vorlagen angenommen werden, also ein doppeltes Ja resultiert. Der Haken: das Kreuzchen bei der Stichfrage wird oft vergessen.

Volksrechte fordern: Wird das Kreuzchen bei der Stichfrage vergessen, gilt sie als nicht beantwortet. Gestern “vergassen” rund 6200 Berner die Stichfrage – überfordert? (Musterstimmzettel: energievernunft.ch)

In den Kantonen Bern, Nidwalden und Zürich wurden die Volksrechte in den letzten Jahren ausgebaut. Dort kann einer Abstimmungsvorlage des kantonalen Parlaments jeweils eine modifizierte Vorlage gegenübergestellt werden. Der Meccano ist derselbe wie bei einem Referendum: Es müssen zunächst Unterschriften für diese modifizierte Vorlage gesammelt werden: Im Kanton Bern braucht es zum Beispiel mindestens 10’000 (innerhalb von 3 Monaten), in Nidwalden 250 Unterschriften (innerhalb von 60 Tagen).

Die Instrumente sind vergleichbar, heissen aber in den drei Kantonen anders:

– BE: Volksvorschlag (oder konstruktives Referendum)
– NW: Gegenvorschlag
– ZH: Gegenvorschlag von Stimmberechtigten

Der Begriff Volksvorschlag dürfte gestern unter den Berner Akteuren Unmut ausgelöst haben. Bei der Abstimmung über das kantonale Energiegesetz setzte sich ebendieser Volksvorschlag mit fast 68 Prozent Ja-Stimmen sehr deutlich durch. (Er unterschied sich in zwei relevanten Punkten von der Abstimmungsvorlage des Parlamentes.)

In einem Tweet lamentiert jemand:

“Woher hat der Volksvorschlag seinen Namen? […] Allein der Begriff ist abstimmungsverfälschend.”

Diese Einschätzung scheint mir überzeichnet. In der Tat suggeriert allerdings der Name, dass irgendjemand aus dem Volk die Bürde auf sich nimmt, Unterschriften für eine modifizierte Vorlage zu sammeln. Dabei waren es beim Energiegesetz die Wirtschaftsverbände, die Know-how, Zeit und Geld für die Unterschriftensammlung und die Abstimmungskampagne anzapften. In anderen Fällen waren Gewerkschaften oder Parteien die treibenden Kräfte hinter den Volksvorschlägen.

Unvergessen und gleichzeitig erhellend bleibt die Abstimmung über die Senkung der Motofahrzeugsteuer vom 13. Februar 2011: Damals stimmten

– 52,7% für die Vorlage des Parlaments
– 50,4% für den Volksvorschlag

In der Stichfrage obsiegte allerdings der Volksvorschlag – mit einem Zufallsmehr von 134 Stimmen. Rund 20’300 Stimmberechtigte (6 Prozent!) machten bei der Stichfrage kein Kreuzchen – aus Nachlässigkeit, Vergesslichkeit – oder weil sie schlicht überfordert waren.

Mark Balsiger

Die Parteien und das liebe Geld

Ein Hoch auf die Bereitschaft, mit viel Fleiss ein Tabuthema aufzuarbeiten. Das welsche Magazin “L’Hebdo” zeigt in der Ausgabe von heute auf, wieviel Geld die Parteien für Werbung aufwenden. Das ist ein erster Schritt in Richtung mehr Transparenz, die von vielen verlangt wird.

Über Geld spricht man nicht in unserem Land – entweder man hat es oder man hat es nicht. Auch bei den Parteien ist Geld ein Tabu.

Die “L’Hebdo”-Journalisten trugen u.a. die Daten und Zahlen zusammen, was ihnen von Media Focus zur Verfügung gestellt wurde. Diese Marktforschungsfirma misst seit rund 20 Jahren den sogenannten Werbedruck. Dazu gehören: Print (Inserate, Reklamen, Publireportagen), TV, Kino, Internet, Radio und Plakat. Weil politische Werbung in TV und Radio verboten ist, dürften bei Parteien die Bereiche Print und Plakat noch immer den Löwenanteil der Werbebudgets ausmachen.

Dank dem Effort von “L’Hebdo” liegen nun Zahlen vor, die verlässlich sein dürften. Und so viel gaben die fünf grössten Parteien in den letzten vier Jahren gesamthaft für Plakate und Inserate aus:


Werbeausgaben der Parteien – Grafik gross (PDF)

Auf den ersten Blick sind das stolze Zahlen, zumindest bei SVP und FDP. Die SVP hatte demnach pro Jahr approx. 8,75 Millionen Franken zur Verfügung, die FDP 5 Millionen. Zieht man in Betracht, dass die Zahlen in der Grafik für Abstimmungen und Wahlen sowie alle Sektionen gelten – also nicht nur die Mutterparteien -, relativiert sich das Bild allerdings massiv.

Der Artikel von “L’Hebdo” zum Herunterladen:

L’Hebdo: L’INSOUTENABLE OMERTA (31. März; PDF)

Die Zeit für eine Zusammenfassung fehlt mir, je suis desolé. Die Diskussion über Transparenz und Parteienfinanzierung erhält mit diesem Bericht schon wieder neuen Schub und vor allem erste Messwerte.

Gespannt bin ich, wie die Deutschschweizer Medien dieses Thema nun aufgreifen werden. Es ist möglich, dass der ehemalige CVP-Generalsekretär und Journalist Hilmar Gernet, der diese Woche seine Dissertation zur Parteienfinanzierung vorlegte, bewusst näher mit dem Lausanner Magazin zusammenarbeitete. Schlauer Fuchs.

– Montage: L’Hebdo
– Grafik: Thomas Hodel

Ein weiteres Posting zum Thema: Vom Geld der Parteien (Zoonpoliticon)