Gratiszeitungen vermüllen die Bahnhöfe und fördern die Integration

“News”- schon am frühen Morgen beim Kaffee. Bei der Lektüre der bezahlten Qualitätszeitungen. Links im Blatt, ganzseitige Inserate, vierfarbig: Ein Mann, ganz in Schwarz, die Roger-Staub-Mütze übergezogen, das Gewehr schussbereit. Wir dürfen annehmen, dass es sich um einen Terroristen oder Freiheitskämpfer handelt. Es ist ein Bild wie wir sie schon zu Tausenden gesehen haben. Aus dem Nahen Osten. Den Krisenherden in Afrika. Afghanistan.

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Die Werber, die die neue Gratiszeitung “News” anpreisen, haben den ersten Test nicht bestanden. Konflikte, Schiessereien und dergleichen fernab der Heimat – das ist ein Overkill. Solche News interessieren uns kaum mehr, so abgebrüht, ja zynisch das klingen mag.

Doch zurück zu “News”: Branchenkenner sagen, dass es im Deutschschweizer Markt Platz für zwei Gratiszeitungen hat. Über Sein oder Nichtsein entscheidet nicht der Inhalt und das Layout. Wichtiger sind:

– die Werbewirtschaft
– die Potenz und Geduld der Investoren
– die Auflage, die die WEMF in einem Jahr erheben wird
– das Verhalten der Konkurrenz

“20 Minuten” hat sich längst etabliert und ist inzwischen klar die auflagenstärkste Zeitung. Bleibt der Kampf um Platz zwei. “News” sei nur lanciert worden, um das andere Gratisblatt “.ch” wieder vom Markt zu drängen. So die Behauptung, die sich hartnäckig hält. Markus Eisenhut, Co-Chefredaktor der “Berner Zeitung”, hielt am letzten Berner Medientag dagegen: “Wenn wir dieses Produkt nicht lanciert hätten, würde das ein ausländischer Verlag tun.”

Ich befasste mich vor einigen Jahren intensiv mit dem damals neuen Phänomen Gratiszeitung, diese Arbeit ist elektronisch leider nicht verfügbar. Das Forschungsobjekt war “Metro”, eine Zeitung, die von Sao Paolo bis Stockholm in etwa 100 grossen Städten mit Erfolg verbreitet wird. In der Schweiz hiess das Tochterblatt “Metropol”, dessen Produktion Anfang 2002 wieder eingestellt wurde.

Die Macher von “Metro” wollen einerseits der jungen Generation das Lesen von Zeitungen schmackhaft machen. Später, im Alter von 35 bis 40 Jahren, sollen sie an die Qualitätszeitungen herangeführt werden. Eine soeben veröffentlichte Studie des deutschen Journalistikprofessors Michael Haller zeigt auf, dass in diesem Alter das Bedürfnis nach vertiefter Information steigt.

Eine andere Zielgruppe: Migratinnen und Migranten, die die Landessprache(n) teilweise nur rudimentär beherrschen. Mit der regelmässigen Lektüre einer Gratiszeitung können sie ihre Sprachkompetenz sukzessive auf- und ausbauen, was wiederum die Integration dieser Menschen fördert. Auffälliger ist seit gestern die noch verstärktere Vermüllung der Bahnhöfe und Busstationen durch die Gratiszeitungen.

“News” kommt – wer muss gehen?

Morgen erscheint erstmals die neue Pendlerzeitung “News”. Sie wird von “Tages-Anzeiger”, “Berner Zeitung” sowie der “Basler Zeitung” herausgegeben. Sie drängt in einen Markt, der völlig übersättigt ist. Worum geht es also bei dieser Neulancierung? Eine Auslegeordnung.

Die Gratiszeitungen heissen:

– “20 Minuten” (mit regionalen Splitausgaben Zürich, Basel, Bern, Luzern, Ostschweiz und Romandie)
– “Le Matin bleu”
– “heute” (wird als einzige Zeitung der Schweiz jeweils ab ca. 16 Uhr aufgelegt)
– “.ch” (seit September auf dem Markt)
– “cash daily”

“20 Minuten” ist die bislang einzige Gratiszeitung, die Profit macht. Und wie: Sie hat inzwischen die höchste Auflage aller Schweizer Zeitungen erreicht. Das freut die Werbewirtschaft, die stark auf diesen Titel setzt. Die Insertionstarife von “20 Minuten” konnten deshalb schon mehrfach angehoben werden. Eine Erfolgsgeschichte – ökonomisch.

Zu den Verlierern zählen die so genannten Bezahlzeitungen. Sie haben in den letzten Jahren gesamthaft 10 Prozent ihrer Auflagen verloren. Ergatterten sie 1993 noch 50 Prozent des Werbekuchens, waren es im Jahr 2005 noch 34 Prozent.

Für die Verleger ist darum klar: Sie müssen im Gratiszeitungsmarkt mitmischen – um jeden Preis. Es geht nicht um das wichtige Gut namens Information, sondern darum, Geld zu machen bzw. zu überleben. Mit den Gratiszeitungen sollen die Bezahlzeitungen quersubventioniert werden. Dass die Rechnung nicht aufgehen kann, liegt auf der Hand. Eine Vielzahl der Inserate, die wir bei unserem täglichen Zeitungskonsum überblättern, sind heute nicht mehr bezahlt.

Die Ankündigung von “News” brachte Peter Wanner in Rage. Der Chef der AZ Medien Gruppe (“Mittelland Zeitung”, Radio Argovia, Tele M1)  sagte am 1. November 2007 in einem Interview mit seiner Zeitung, dass “News” keine publizistische Funktion habe, sondern lediglich dazu diene, “.ch” zu vernichten: “Gleichzeitig soll der ‘Mittelland Zeitung’ im Werbemarkt Schaden zugefügt werden. ‘News’ ist nichts anderes als das Zerstörungsschiff der Kriegsflotte von Tamedia-Chef Martin Kall. Ich persönlich halte es für höchst bedenklich, wenn nun in der Medienbranche eine solche Bedrohungs- , Einschüchterungs- und Zerstörungspolitik Einzug hält.”

Diese Vermutung hört man oft in der Branche: “News” soll die Gratiszeitung “.ch” von PR-Berater Sacha Widgorovits verdrängen. Verschiedentlich wurde darauf spekuliert, dass alleine die Ankündigung von “News” ausreicht, damit Widgorovits das Handtuch wirft. Das ist nicht passiert. Bislang.

Die zweite Sorge Wanners: Die Knautschzone zwischen Zürich, Bern und Basel ist wirtschaftlich interessant, allein im Kanton Aargau leben rund 550’000 Menschen. Deswegen will “News” in diesem Dreieck den Quasi-Monopolisten, die “Mittelland-Zeitung”, herausfordern. Peter Wanner hat bereits angekündigt, mit einem “innovativen Produkt” gegen den Markteintritt von “News” zu kämpfen. Ich vermute, dass der Regionalteil, der der “Aargauer Zeitung” im Tabloidformat in 10 Splitversionen eingesteckt wird, die Antwort Wanners sein wird. Gratis aufgelegt.

Das wird ein regelrechter Mehrfrontenkrieg: “News” vs “.ch”, “News” vs Wanners neues Produkt, alle gegen alle. Die Frage ist: Wem geht zuerst der Atem aus? Und auch Ringiers “cash daily” und “heute” sind noch lange nicht über den Berg. Weiter: Wer soll das alles lesen – oder wenigstens durchblättern?

In einem grösseren Kontext stellt sich eine weitere Frage: Was geschieht mit der “Basler Zeitung”? Wird sie von Tamedia geschluckt oder von Wanners “Mittelland-Zeitung”? Gut möglich, dass wir bereits im nächsten Jahr die Antwort erhalten werden.

Jimy Hofer und Peter Garrett: Musiker drängen an die Macht

Mit dem Sieg der Labor-Partei in Australien wird womöglich ein weltweit bekannter Rockmusiker in ein Ministeramt katapultiert: Peter Garrett, bis 2002 Sänger von “Midnight Oil”. Ein Jahr lang war er bereits Umweltminister im Schattenkabinett von Labor.  Der charismatische Glatzkopf ist von Haus aus Jurist und ein langjähriger Umweltaktivist, der auch als Frontman der “Oils” immer wieder pointiert für die Umwelt seine Stimme erhoben hatte.

Dasselbe kann von Jimy Hofer nicht behauptet werden. Der schillernde Alt-Rocker, “Bronco” und ehemalige Country-Musiker hat Klimawandel usw. noch nicht entdeckt. Obwohl er als Bewohner des Berner “Matte”-Quartiers die Auswirkungen schon zweimal am eigenen Leib zu spüren bekam (Überschwemmungen 1999 und 2005). 

Aber im nächsten Jahr möchte Hofer Stadtpräsident werden. Das ist für ihn seit geraumer Zeit eine abgemachte Sache. Ebenso, dass er bei den Exekutivwahlen auf die bürgerlichen Liste von CVP, FDP und SVP gesetzt wird. Und sollten ihm diese drei Parteien die Unterstützung verweigern, will er alleine antreten. Dieses Ansinnen hat Sprengkraft: Jimy Hofer ist bekannt wie ein bunter Hund und in der Stadt ziemlich populär, für viele ein sympathischer “Outlaw”. Gewählt wird er nie, aber er könnte den bürgerlichen Kandidierenden wichtige Stimmen abluchsen.  Gänzlich ohne Erfahrung im politischen Taktieren und Intrigieren hat Hofer den Parteipräsidenten ein Schnippchen geschlagen und ein kraftvolles Powerplay aufgezogen.

Stephan Hügli abserviert – alles im Lot?

Stephan Hüglis Tage als Gemeinderat in der Stadt Bern sind gezählt. Seine Partei will es so. Die Mehrheit der FDP favorisiert eine gemeinsame bürgerliche Liste mit je einer Vertretung von CVP, FDP und SVP. Seitens der FDP ist Barbara Hayoz die klare Nummer eins, bei der SVP heisst der Kronfavorit Beat Schori. Mit diesem Entscheid ist FDP-Parteipräsident Thomas Balmer desavouiert. Er hatte noch vor kurzem vermeldet, dass die beiden amtierenden FDP-Gemeinderatsmitglieder gesetzt seien.

Was die FDP gestern Abend via Medienmitteilung verbreitete, ist mehr als eine Vorentscheidung. Faktisch hat sie damit Hügli abserviert. Eine Kehrtwendung am Nominationsparteitag von Ende Januar wäre unglaubwürdig. Der Entscheid ist hart, aber unvermeidbar. Hügli war zu einer Hypothek geworden. Im Nachgang des Krawall-Samstags vom 6. Oktober kommunizierte er zuweilen mit einer lockeren Flapsigkeit, die ihn viele Sympathien kostete. Ihn deswegen zur Persona non grata oder gar zum “Buhmann der Nation” zu stempeln ist aber unfair und zeugt von einem schlechten Stil.  

Stephan Hügli mag jetzt nicht aufgeben: Ende Januar kämpft er parteiintern für seine Nomination. Wird sie ihm von der FDP verwehrt, hätte er noch eine Option: eine wilde Kandidatur. Das wäre zwar ein chancenloses Unterfangen, weil in der Stadt Bern das Proporzwahlsystem gilt, würde aber die Stimmen im bürgerlichen Lager zersplittern.

Die Sache ist also weiterhin nicht im Lot, die bisherige Kommunikation verdient keine Bestnoten. Kommt dazu, dass die CVP offenbar nichts wusste von der Idee des Freisinns, auf der bürgerlichen Liste einen allfälligen Quereinsteiger einzubinden. Affaire à suivre.

CEO Martin Kall – verloren in Bern?

In den alten, angeblich guten Zeiten war “Unglücksfälle und Verbrechen” die meistgelesene Rubrik in den Zeitungen. Inzwischen dürfte das für “Classe politique” (NZZ am Sonntag) und “Politohr” (SonntagsZeitung) gelten. Ein paar wenige Zeilen, eine Mischung aus Gossips, Interna und liebevollen kleinen Bösartigkeiten – et voilà, schon hat man beisammen, was die halbe Nation beim Brunch liest.

Ganz nach diesem Erfolgsmuster ist meine Meldung gestrickt:

Martin Kall, gefürchteter Zahlenjongleur im Solde der tamedia, wurde in Bern, also dem Herzen seines neuen Untertanengebiets, gesichtet. Am letzten Sonntag wars. Allerdings nicht wie üblich, entschlossen und mit kantigem Gesicht. Nein, Kall machte einen eher verlorenen Eindruck. Auf dem Kornhausplatz stand er im eisigen Wind, vertieft in seinen Stadtplan und versuchte sich ganz offensichtlich zu orientieren.

Seither wird spekuliert: Wollte er die Redaktionen von Bund und Berner Zeitung kontrollieren, ob sie auch sonntags ihr Bestes geben? Oder einen persönlichen Augenschein der “verslumten Stadt”, die man nun publizistisch erst recht aufs Korn nehmen muss?

Verbürgt ist nur etwas, und zwar ein Bonsai-Primeurchen an die Mitarbeitenden am “Bund”: Martin Kall und der neue VR-Präsident der tamedia, Pietro Supino, werden demnächst der “Bund”-Redaktion einen Besuch abstatten. Bislang unbestätigt ist hingegen, dass sie Charles von Graffenried, ausgewiesener Kenner von Berner Medien und Gassen, als Stadtführer verpflichtet konnten.

Bern-Bashing – und die unverzerrte Analyse

Bern-Bashing wurde bis vor kurzem mit einem Namen verknüpft: Urs-Paul Engeler. Regelmässig drischt er in der “Weltwoche” auf die Bundeshauptstadt und ihre Exponenten ein. Man hat sich an die Schläge gewöhnt, knirscht mit den Zähnen, die Lokalpresse relativiert oder repliziert, eine Flut von Leserbriefen folgen – und dann kehrt wieder Ruhe ein. Bis zum nächsten Mal.

Die galligen Texte Engelers werden jeweils als “Kritik aus Zürich” eingestuft, womit man bequem einen Reflex auslösen kann. Daneben gibt es aber auch das hausgemachte Bern-Bashing. Es hat Tradition und schadet dem Image der Stadt enorm. Es sind lokale Miesepeter, die alle und alles schlecht machen.

Seit dem Krawall-Samstag vom 6. Oktober betreiben die Medien schweizweit Bern-Bashing. In diesen Tenor stimmen viele ein, auch solche, die die Stadt nur vom Hörensagen kennen. Das Image leidet – “perception is reality”-, Sündenböcke müssen her.

Höchste Zeit für eine echte Analyse. Jean-Martin Büttner gelingt sie im heutigen “Tages-Anzeiger”. Wach und mit offenem Blick auf das Wesentliche hat er sich mit Berns Problemen auseinandergesetzt, behält dennoch die Distanz, recherchierte sauber und, wie fast immer bei Büttner, schreibt brillant. Zur Versachlichung hilft dieser Text gewiss.

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Mehr Sicherheit wird zu einem dominanten Thema im Wahljahr 2008

Rund 12 Monate vor den Wahlen in der Stadt Bern steht ein grosses Wahlkampfthema bereits fest: Sicherheit. Den Boden bereiten seit langem die Meldungen über Raub und Schlägereien, Drogenszene und Vergewaltigung. Vor etwa vier Jahren wurde ein Velofahrer in der Postgasse fast zu Tode geprügelt, mit Folgen, die ihn bis ans Lebensende ständig begleiten. Ein Fanal. Die Stadt war schockiert, ein Protestmarsch folgte. Und dann ging die Sache wieder vergessen.

Die Verlautbarungen und Vorstösse der SVP halten die Problematik in den Schlagzeilen. Zuletzt mit der Ausschaffungsinitiative. Inhaltlich will diese straffällige Ausländer ausschaffen – obwohl das schon heute möglich ist -, beim Publikum klingt aber einmal mehr noch etwas anderes an: Sicherheit, präziser: der Mangel an Sicherheit.

Vollends ins Zentrum der Diskussion rückte die Sicherheit nach dem Krawall-Samstag vom 6. Oktober, als eine unbewilligte Kundgebung von autonomen Gruppierungen den bewilligten Marsch der SVP vom Bärengraben bis zum Bundesplatz verhinderte. Die Polizei war mit einem zu kleinen Aufgebot präsent und erntete in der Folge massive Kritik, ebenso Polizeidirektor Stephan Hügli.

Vor Monatsfrist trat ein überparteiliches Komitee “Für ein Bern, in dem wir uns wohl fühlen” an die Öffentlichkeit. Motto: “Jitze längts”. Mit einer Petition fordert es u.a., dass unbewilligte Demonstrationen nicht mehr geduldet werden. Letzte Woche stiess die CVP nach mit einer Resolution “Damit Bern sicherer wird”. Und jetzt kündigt FDP-Stadtrat Philippe Müller eine Volksinitiative “Für mehr Sicherheit in der Stadt Bern” an. Diese fordert die Aufstockung des Polizeicorps um 37 Stellen und eine höhere Präsenz an den neuralgischen Stellen.

Der Zeitpunkt dieser Ankündigung ist geschickt gewählt, das Thema bewegt und wird so weiterhin eines bleiben. Die Volksinitiative soll im Januar lanciert werden. Sie hat gute Chancen, im Nu genügend Unterschriften zusammenzubringen. Womöglich können die Stadtberner noch im Wahljahr 2008 darüber abstimmen. Das müsste das Ziel des Initianten sein. Philippe Müller hat ein Flair für publikumswirksame Auftritte. Ihm dieses Mal Populismus und Eigennutz vorzuwerfen greift aber zu kurz. Er nahm sich bei der möglichen Auswechslung von Gemeinderat Stephan Hügli, die die FDP diskutiert, bereits aus dem Rennen.

Sicherheit ist nicht per se ein Thema der bürgerlichen Parteien. Die GFL fällt schon seit mindestens drei Jahren mit teilweise abweichenden Meinungen zur RGM-Stossrichtung auf. Der Positionsbezug der SP, gerade nach ihrem Aderlass bei den Nationalratswahlen, darf mit Spannung erwartet werden. Wenn sie keine glaubwürdigen Antworten und Konzepte findet, bleibt sie bis zum Wahltermin von Ende November 2008 angeschlagen. Das Thema Sicherheit ist die Achillesferse der SP.

Mark Balsiger

Wasserfallen junior will nicht – wer packts?

Christian Wasserfallen will nicht in die Exekutive der Stadt Bern. Dieser Entscheid ist klug: Erst gerade 26-jährig geworden hat Wasserfallen junior noch alle Zeit der Welt, in verschiedenen Gremien Einsitz zu nehmen. Vorerst einmal darf er sich jetzt im Nationalrat einbringen. Ich bin gespannt, wie er sich in der FDP-Fraktion positionieren und artikulieren wird. Es kann nicht schaden, wenn dort der Altersmix ein wenig besser wird – Wasserfallen hat, ganz der Vater seelig, Energie für zwei, und ist kein Leisetreter. Die meisten seiner Kollegen haben eine 20-jährige Ochsentour hinter sich.

Die FDP der Stadt Bern ist in einer Situation, die sie sehr herausfordert. Für die Gemeinderatswahlen (für Nicht-Berner: Gemeinderat = Exekutive) im November 2008 ist Barbara Hayoz*** gesetzt und unbestritten. Der zweite Freisinnige in der Stadtregierung, Stephan Hügli, ist seit dem Krawall-Samstag vom 6. Oktober, stark umstritten. Das muss er selber verantworten, zuvor standen seine Chancen für eine Wiederwahl nicht schlecht, wie mein Blog-Eintrag vom 19. März aufzeigt.

Die Gretchenfragen für die FDP:

– Soll sie Hügli die Stange halten oder ihn aus dem Rennen nehmen?
– Falls sie ihn nicht mehr nominieren will: Gibt es eine andere Kandidatur?

Parteipräsident Thomas Balmer hat sich in der Lokalpresse für ersteres ausgesprochen, die Partei will sich allerdings zuerst an einer Klausursitzung mit der Causa Hügli befassen. Die Nomination ist auf Ende Januar anberaumt. So lange werden noch Spekulationen ins Kraut schiessen, Intrigen lanciert und hinter den Kulissen mögliche Papabili angefragt. Hat jemand den Mut, es zu packen? Es müsste wohl ein klassischer Quereinsteiger sein.

Heikel ist der Entscheid vor allem auch deswegen, weil die SVP Druck macht. Ihr Parteipräsident Beat Schori ist in den Startlöchern, er will unbedingt in die Regierung, ein Unterfangen, das 2004 noch deutlich scheiterte. Wenn die SVP ohne gemeinsame Liste (bei Exekutivwahlen eine Besonderheit des Kantons Bern) mit der FDP und anderen Parteien antritt, ist ihr Spitzenkandidat so gut wie gewählt.

Mark Balsiger

*** Transparenz: Meine Agentur konzipierte und führte im Jahr 2004 den Wahlkampf von Barbara Hayoz.

Klammheimlich zum neuen Steuerparadies geworden

Die “Berner Zeitung” wartete heute mit einer überraschenden Schlagzeile auf:

“Für Milliardäre ist Bern besser als die Goldküste”

Der Kanton Bern ist für Superreiche – es sind angeblich 557 an der Zahl – höchst attraktiv. Nur gerade in den Kantonen Nidwalden, Obwalden und Schwyz werden ihnen noch weniger Steuern abgezogen. Der Grund ist die so genannte Vermögenssteuerbremse. Sie wurde im Jahr 2001 eingeführt, weil man Minderprivilegierte schützen wollte. Die Vermögenssteuerbremse begrenzt nämlich die Vermögenssteuer nicht nur nach oben, sondern auch nach unten.

Bislang wurde Bern immer wieder als Steuerhölle bezeichnet.

Ende Februar 2008 werden wir im Kanton Bern erneut über eine Steuersenkung abstimmen können. Zur Auswahl stehen zwei verschiedene Vorschläge: Die Vorlage des Kantonsparlaments, getragen von FDP, SVP und Wirtschaftsverbänden, will eine massive Steuersenkung erwirken. Der Volksvorschlag, den SP, Grüne, EVP und Gewerkschaften vorziehen, will ausschliesslich tiefe und mittlere Einkommen entlasten.

Seitens der Bürgerlichen hat der Steuerwettbewerb unter den Kantonen eine zentrale Bedeutung. Zudem möchte man die Abwanderung guter Steuerzahler stoppen.

Die Imagekorrektur in Richtung Steuerparadies wird die Ausrichtung der Kampagnen beeinflussen. Im Hintergrund haben die Vorbereitungen längst begonnen, womöglich müssen nun die Entwürfe überarbeitet werden. Das Schlagwort “Steuerhölle” hat an Wirkung verloren.

Mark Balsiger

Adrian Amstutz: Tanz auf drei Hochzeiten

Zwei auflagenstarke Zeitungen befassen sich heute ausgiebig mit dem Berner SVP-Nationalrat Adrian Amstutz. Für die “Berner Zeitung” ist er in der “Poleposition” für den Regierungsratssitz, der durch Werner Luginbühls Wechsel in den Ständerat frei wird. Amstutz erzielte am Sonntag rund 124’000 Stimmen – ein Glanzresultat, an das niemand der 25 anderen Berner Nationalratsmitglieder nur annährend herankam.

Der “Blick” wiederum sieht den “smarten Adrian” als möglichen Nachfolger von Bundesrat Samuel Schmid. Gegen diesen braut sich offenbar etwas zusammen. In der “Elefantenrunde” vom letzten Sonntag hatte SVP-Chef Ueli Maurer die Idee Fulvio Pellis aufgenommen, die drei amtsältesten Bundesräte, also Leuenberger, Couchepin und Schmid, auszuwechseln. Nicht irgendwann, sondern bald. Damit war die Lunte gelegt.

“Wenn Samuel Schmid weiss, zu welcher Partei er gehört, gibt es keinen Grund, ihn auszuwechseln”, sagt Amstutz im “Blick”. Keine Zweifel, da wird Druck aufgebaut. Wie schon bei Adolf Ogi versucht die Spitze der Volkspartei, Schmid auf ihre Linie zu bringen. Sonst droht mehr als nur Liebesentzug.

Amstutz wäre für die Parteioberen eine ideale Neubesetzung. Er politisiert auf dem rechten Parteiflügel, ist ehrgeizig, gut aussehend, umtriebig und im Volk gleichwohl beliebt. Wenn er spricht, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Sein Aufstieg verlief schnell: 1998 wurde er in den Grossen Rat gewählt, seit 2003 ist er im Nationalrat und schon bald eine tonangebende Figur innerhalb der SVP Schweiz.

Wichtig bei der Bundesratsfrage: Amstutz ist Berner. Von zwei Ausnahmen abgesehen (Leon Schlumpf, Graubünden, sowie Christoph Blocher, Zürich) waren bislang alle SVP-Bundesräte aus dem Kanton Bern. Den Auftakt machte anno 1929 der legendäre Bauernführer Rudolf Minger. Die Berner SVP-Sektion ist nicht nur die traditionsreichste – hier entstand im November 1917 die Bernische Bauern- und Bürgerpartei als eine Abspaltung des Freisinns -, sondern weiterhin auch die grösste. Als Berner hätte Adrian Amstutz eine grosse Hausmacht hinter sich und er profitiert alleine schon davon, nicht zu den von vielen verachteten Zürchern zu gehören.

Amstutz tanzt noch auf einer dritten Hochzeit: Er wird auch als Nachfolger von Ueli Maurer gehandelt – zusammen mit Toni Brunner (SG). Der Berner Oberländer wird gut abwägen müssen, ob er als Parteipräsident der SVP Schweiz dereinst bessere Chancen hat, Bundesrat zu werden. Dass er Regierungsrat werden will, kann ich mir nicht vorstellen. (Er wäre auch der Favorit von Hermann Weyeneth als Präsident der SVP des Kantons Bern gewesen, sagte aber ab.) Statt sofort abzuwinken, hält er sich vorerst im Gespräch. Das ist geschickt, und er wird in der Öffentlichkeit an Statur gewinnen, wenn er einer Frau den Vortritt lässt.

Und weil es in der eidgenössischen Politik kaum mehr Tabus gibt, könnte auch urplötzlich ein Powerplay aufgezogen werden, genauso wie vor vier Jahren (“Blocher oder Opposition”). Die SVP beantsprucht einen dritten Sitz im Bundesrat. Mit einem fast doppelt so hohen Wähleranteil wie die FDP könnte die SVP-Führungsriege versucht sein, ihren Anspruch als legitimiert zu bezeichnen. Am 12. Dezember schlägt allenfalls die grosse Stunde von Adrian Amstutz – wenn er als Kampfkandidat gegen Pascal Couchepin antritt.

Mark Balsiger