Minarett-Nachbeben: Ko-Initiantin räumt ein, dass es nicht um Betontürmchen ging

barbara_steinemann_svp_zh_large_zh_chEhrlichkeit ist nicht die ständige Begleiterin der Politik. Umso bemerkenswerter, was Barbara Steinemann, Zürcher Kantonsrätin (svp), heute mit verblüffender Offenheit preisgab. (Präziser: sie bestätigte, was seitens der Initiativ-Gegner schon lange ins Feld geführt wurde.)

Steinemann hatte im April 2006 eine parlamentarische Initiative mit dem Titel “Bauverbot von Minaretten” eingereicht. Der Kantonsrat lehnte ihren Vorstoss im Juni 2008 mit einem Verhältnis von 2:1 ab. Er legte aber den Grundstein für die nationale Volksinitiative, die das Egerkinger Komitee lancierte.

Aber zurück zur verblüffenden Ehrlichkeit. Barbara Steinemann, Ko-Initiantin der Volksinitiative, deren Ausgang seit Sonntag die Wogen hoch gehen lässt, sagte heute im “Tages-Anzeiger”:

“Uns ging es gar nicht um die Minarette, das sind bloss Betontürmchen.” Man habe bewusst versucht, eine Stellvertreterdiskussion anzustossen, einen Islamdiskurs anzuregen. “Wir konnten ja keine Initiative einreichen mit dem Titel: keine Extrawürste für Muslime.”

Foto Barbara Steinemann: zh.ch

Anti-Minarett-Initiative: Dank Nährboden, Medien und schwachen Gegnern gewonnen

minarett_lead_138730651256630723Volksinitiativen haben einen schweren Stand. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass seit 1891 nur gerade eine von zehn Initiativen angenommen wurde. Dass die Anti-Minarett-Initiative mit einem Ja endet, und das sehr deutlich, ist eine dicke Überraschung.

Normalerweise baut sich die Unterstützung für Volksinitiativen während den Abstimmungskampagnen sukzessive ab. Bei der Anti-Minarett-Initiative geschah das Gegenteil. Sie ist damit eine von drei Ausnahmen in den letzten 20 Jahren – nebst der Armeeabschaffungs-Initiative von 1989 und der Asyl-Initiative von 2002 (die allerdings trotzdem beide abgelehnt wurden).

Bei der letzten Umfrage, die vor drei Wochen gemacht wurde, standen sich 37% Ja und 53% Nein gegenüber (bei 10% Unentschlossenen). Die Befürworter haben also in der Zwischenzeit rund 20% zugelegt. Dieser Befund bringt der Demoskopie, die in der Schweiz noch immer um Anerkennung ringt, und insbesondere gfs.bern Kritik ein.

Ich plädiere für Fairness und die Einbettung in einen längeren Zeithorizont: Die allermeisten Umfragen und Hochrechnungen, die gfs.bern in den letzten Jahren gemacht hatte, waren präzis. Die hohe Trefferquote lässt sich noch heute jederzeit verifizieren. Der letzte echte “Fehltritt” liegt 10 Jahre zurück: Bei den eidgenössischen Wahlen 1999 wurde der SP noch am Abstimmungssonntag ein deutlicher Verlust prognostiziert. Schliesslich legte sie aber 0,7% zu.

Es liegt für mich auf der Hand, dass ein Teil der Befragten nicht ehrlich Auskunft gab. Man werde Nein stimmen, sagten viele im Vorfeld, warf an der Urne aber ein Ja ein. Die Demoskopen wissen um diese Problematik. Bei Wahlprognosen wird deshalb eine Gewichtung vogenommen, nicht aber bei Abstimmungsprognosen.

Die diffusen Ängste rund um den Islam, die seit Jahren vorhanden sind, konnten in den letzten Monaten nicht reduziert werden. Im Gegenteil: sie wurden noch verstärkt. Das hat viel mit dem Boden zu tun, der in der Schweiz seit Jahrzehnten regelmässig beackert und genährt wird. Den Auftakt machte die Schwarzenbach- bzw. Überfremdungs-Initiative von 1970. Es ist der Nährboden, auf dem die Saat gegen das Fremde, gegen das Andere aufgeht.

Zwei weitere Gründe, die zu diesem deutlichen Ja geführt haben:

– Erstens, die Gegner der Anti-Minarett-Initiative: Sie kämpften wenig entschlossen, die Wirtschaft stand abseits und investierte weder Zeit noch Geld in eine Nein-Kampagne. Ich erinnere mich an kaum eine bekannte Person, die in den letzten Monaten beherzt für ein Nein eingestanden wäre.

Viele Politikerinnen und Politiker wähnten die Sache “im Trockenen”, die Wobmanns und Wabers des Egerkinger Komitees wurden nicht ernst genommen, zumal Schlüsselfiguren der SVP wie z.B. Nationalrat Peter Spuhler sich für ein Nein ausgesprochen hatten. Beklemmend: die einzigen Parteien, die die Ja-Parole beschlossen hatten, erreichen zusammen einen Wähleranteil von 30,7% (SVP: 28,9%, EDU: 1,3%, Lega: 0,5%). Heute sagten aber 57% Ja zur Initiative. Da sind die Schäfchen von mehr als einer grossen etablierten Partei ausgeschert. Wir dürfen im Januar die VOX-Analysen mit Spannung erwarten.

– Zweitens, die Medien: Sie übernahmen weitgehend das Vokabular der Befürworter. Sie agierten so, wie es im Drehbuch des Egerkinger Komitees stand. Sie fuhren das umstrittene Plakatsujet während Wochen gross und brachten so die Empörungsspirale sofort in Bewegung, ohne das über den Inhalt der Initiative diskutiert worden wäre. Das war Gratis-Propaganda in Millionenhöhe, wie wir es bei einem Abstimmungskampf kaum einmal erlebt haben. Transportiert und verstärkt haben die Medien auf diese Weise vor allem die Angst vor einer angeblichen Islamisierung.

Es wird noch kälter in unserem Land.

Mark Balsiger

Zum Thema:
– Kommentar NZZ: Ein Zeichen – keins von Selbstvertrauen
– Kommentar “Schaffhauser Nachrichten”: Man haut den Sack und meint den Esel
– Augenreiberei (Blog): Schöne heile Schweiz
– Thinkabout (Blog): Schweizer gegen Minarette – wie umgehen damit?

Foto des Minaretts in Genf: Reuters

Fraktionsbeiträge sind kein Geldregen, sondern gut investiert

geld_fraktionsbeitrage_small200_image-schweiz-chParteien sind in der Schweiz keine mächtigen Akteure. Ihre untergeordnete Stellung lässt sich mit einem nüchternen Fakt aufzeigen: Erst in der 1999 revidierten Bundesverfassung fand der Begriff “Partei” Unterschlupf, zuvor gab es ihn in der “Bibel der Schweizer Politik” 151 Jahre lang gar nicht.

Auch auf nationaler Ebene verfügen die Parteizentralen, die 1972 geschaffen wurden, nur über sehr bescheidene personelle Ressourcen. Die Generalsekretariate der vier grössten Parteien (SVP, SP, FDP, CVP) können je zwischen 8 und etwa 12 Vollzeitstellen besetzen. Aufgrund der Krise mussten in diesem Jahr zwei Generalsekretariate nach eigenen Angaben sogar Stellen abbauen.

Die Parteien in der Schweiz finanzieren ihren Betrieb hauptsächlich über vier Kanäle:

– Mitgliederbeiträge
– Spenden
– Abgaben von Mandatsträgern
– Fraktionsbeiträge

Die Fraktionsbeiträge wurden in den letzten Jahren für die Parteien existenziell. Fast alle sind überaltert – die Mitglieder sterben weg und es fliessen weniger Spenden. So beschloss der Nationalrat gestern abschliessend, die Fraktionsbeiträge zu erhöhen. Die mediale Verkürzung, dass neu rund 7,5 Millionen statt 5 Millionen Franken flössen, führt zu einer verzerrten Wahrnehmung. Teilweise war das zweifellos gewollt. Doch “langen” die Räte “schamlos” zu, wie vereinzelt kritisiert wurde, kann man wirklich von einem Geldregen sprechen?

Jede der insgesamt sechs Fraktionen erhält einen Fixbeitrag von jährlich 144’500 (bislang 94’500) Franken. Zudem werden pro Fraktionsmitglied in Zukunft 26’800 Franken (bisher 17’500) Franken überwiesen. Dieses Geld fliesst aber nicht in die Taschen der Politiker, sondern es geht an die Fraktionen.

Der Umgang mit dieser staatlichen Subvension ist unterschiedlich: Es gibt Fraktionen, die den gesamten Betrag an die Parteizentralen weiterleiten. Andere wenden einen Verteilschlüssel an und behalten einen Teil für die Aufwendungen des Fraktionssekretariats. Für eine Vollzeitstelle (Fraktionssekretär, wissenschaftliche Mitarbeiterin) werden insgesamt etwa 150’000 Franken pro Jahr eingesetzt. In jedem Fall können die Parteien so wenigstens einen Minimalbetrieb sicherstellen.

Vor diesem Hintergrund ist die Kritik und die angedrohte Volksinitiative der SVP nur schwer verständlich. Im internationalen Vergleich wird der parlamentarische Betrieb der Schweiz nur mit Almosen unterstützt. Die Überzeugung, dass er auch auf antionaler Ebene weiterhin im Milizsystem funktionieren müsse, hält sich hartnäckig. Was Wunder, verliert das Parlament kontinuierlich an Einfluss, ja es ist oftmals heillos überfordert.

Auflistung der Summen, die die Fraktionen erhalten:

– SVP:   1,91 Mio. Franken (bislang 1,25 Mio.)
– CVP/EVP/glp:   1,54 Mio. (bislang 1 Mio.)
– SP:   1,51 Mio. (bislang 987’000 Franken)
– FDP.Die Liberalen:   1,4 Mio. (bislang 917’000)
– Grüne:   787’000 (514’000)
– BDP:   305’000 (—-)

Bild: image-schweiz.ch

Druckversuch mit einer Inseratekampagne

Eine statt zwei Wochen Skiurlaub, der geplante Kauf eines Neuwagen wird nochmals aufgeschoben, im Ausgang sitzt der Geldbeutel weniger locker als in wirtschaftlich guten Zeiten. Kurz: Der private Konsum in der Schweiz dümpelt weiter vor sich hin. Angesichts der steigenden Arbeitslosenzahlen und der Angst vor einem Arbeitsplatzverlust erstaunt das nicht.

Auf einem anderen Papier steht, dass genau in Phasen des dümpelnden Privatkonsums am meisten Geld auf die hohe Kante gelegt wird. Die Psychologie –  oder die schiere Angst? – verhindert offensichtlich ein antizyklisches Verhalten, welches die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer praktizieren könnte.

Der Wirtschaftsdachverband economiesuisse und zugewandte Orte lancierten dieser Tage einen “Aufruf”, um den Einheitssteuersatz bei der Mehrwertsteuer auf die Agenda zu bringen. Er manifestiert sich in einer Inseratekampagne. Die halbseitigen Inserate sind am Samstag in der “Neuen Zürcher Zeitung” und “Le Matin” und heute u.a. in der “Berner Zeitung” und im “Bund” erschienen (Bild).

Mit der Offensive soll weiter Druck auf die Reform der Mehrwertsteuer ausgeübt werden. Bundesrat und Parlament sollten “nicht auf halber Strecke” stehen bleiben, heisst es in einer Medienmitteilung von economiesuisse. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: die WAK, die Kommission für Wirtschaft und Abgaben, nimmt sich in nächster Zeit erneut dem heiklen Thema Einheitssatz an. An ihrer gestrigen Sitzung wurde das Traktandum allerdings aus Zeitgründen verschoben.

Der Einheitssatz bei der Mehrwertsteuer soll auf 6,1% festgelegt werden. Zurzeit leisten wir uns noch drei verschiedene Sätze: 7,6%, 3,6% und 2,4% – zudem Hunderte von Ausnahmeregelungen.Wer sich im Dschungel dieser Ausnahmen einigermassen zurechtfinden will, braucht Zeit und Geduld.

Das Vorgehen von economiesuisse und Co. ist clever: Die Wirtschaftsverbände und Handelskammern – der Schweizerische Gewerbeverband ist nicht im Boot – stellen in ihrer Inseratekampagne die Kaufkraft in den Vordergrund und nicht die technisch-abstrakte Reform der Mehrwertsteuer. Das ist populär. Bloss: Bis die Reform umgesetzt werden kann, ist die rezessive Phase längst vorbei. Oder wir stecken bereits in der nächsten.

Foto: Mark Balsiger

Roger Köppel: Draussen vor der “Arena”- Tür, und das Sägemehl stäubt

roger_koppel_1Die heutige “Arena” beim Schweizer Fernsehen findet also ohne Roger Köppel (Bild), Chefredaktor und Verleger der “Weltwoche”, statt. Das reicht offensichtlich aus, um mächtig Sägemehl aufzuwirbeln. Da fällt der Begriff  Pressezensur und Vergleiche mit Nordkorea oder Kuba werden bemüht.

Zugegeben: Zuerst jemanden in die Sendung einzuladen, dann aber wieder auszuladen, ist nicht die feine Art. Allerdings war die Einladung erst provisorisch. Und wenn dieser provisorisch Eingeladene Roger Köppel heisst, der die FDP seit Jahren systematisch schlecht und lächerlich macht, sollte man nicht überrascht sein, wenn der Generalsekretär ebendieser FDP entscheidet: Nein, unser frisch gebackene Bundesrat Didier Burkhalter muss in seiner ersten “Arena” nicht auf Köppel treffen.

Die Argumentation von FDP-Generalsekretär Stefan Brupbacher ist klar und schlüssig: “Herr Köppel ist kein Experte, sondern ein Opponent […].” Er setzte Druck auf:  Bundesrat Burkhalter ohne Köppel, so lautete sein Angebot. Im Wissen darum, dass die “Arena”-Redaktion einlenken wird.

Köppels Reaktion führt uns einmal mehr vor Augen: dieser Mann ist verletzt, er gefällt sich in der Rolle des grossen Aufklärers und Denkers und kriegt trotzdem stets zu wenig Streicheleinheiten und Anerkennung. Also braucht es noch mehr Gift, noch mehr Zynismus, noch mehr Überheblichkeit.

Der “Weltwoche”-Chef – belesen, gescheit und scharfzüngig – ist praktisch Stammgast in der “Arena”, er ist regelmässig im “Club” und anderswo. Von ihm weiss man, was man hat. Ausgerechnet heute Abend einmal etwas Neues von ihm zu erwarten, wäre vermessen. Vor diesem Hintergrund wird die Sendung ohne ihn ebenso gut oder vielleicht auch ebenso schlecht über die Bühne gehen.

Die “Arena”-Redaktion darf im stillen Kämmerlein einmal über die Bücher: Sie sollte die Kartei der Medienleute bzw. Experten erweitern. Immer wieder Köppel, immer wieder Schawinski, immer wieder Rothenbühler. Das ist ähnlich einfallslos, wie Köppel auf der FDP herumtrampelt.

Mark Balsiger

Nachtrag vom Samstag, 19. September, 17 Uhr: Blogger Ronnie Grob findet, dass die “Arena”-Redaktion zu leicht beeinflussbar ist. Sein Posting finden Sie hier:

http://blog.ronniegrob.com/2009/09/19/leicht-zu-beeinflussen-marianne-gilgen/

Foto Roger Köppel: keystone

Wer mit der Wahl von Didier Burkhalter auch noch gewonnen hat

Seit Monaten wurde der heutige Morgen unter der Bundeshauskuppel als Wahlkrimi apostrophiert, man hoffte auf Spektakel. Daraus wurde nichts, und das ist gut so.

Nicht nur Didier Burkhalter und die FDP haben heute gewonnen. Es gibt weitere Gewinner:

– Die 245 Mitglieder der Vereinigten Bundesversammlung (der Sitz des verstorbenen Solothurner Ständerats Ernst Leuenberger ist derzeit noch verwaist) zeigten sich diszipliniert, keine verbalen Ausrutscher, keine riskanten Spielchen, kaum Seitenhiebe am Rednerpult. Damit verdienten sie sich Punkte und Glaubwürdigkeit.

– Die Kohäsion der Schweiz bleibt gewährleistet, nur noch ein Bundesratsmitglied mit welscher Zunge hätte zu wüsten Reaktionen geführt.

– Mit dieser Wahl werden die politischen Institutionen und das System gestärkt. Der Bundesrat verliert einen Provokateur und gewinnt einen Teamplayer.

– Die arithmetische Konkordanz, die 1959 eingeführt wurde, bleibt bestehen. Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf gilt für mich weiterhin als SVP-Politikerin, weil sie als solche gewählt wurde. (Inhaltlich geht sie weiterhin als SVPlerin durch.)

– Die SP, die einige Stimmen zur Wahl von Burkhalter beigesteuert hat. Damit reduziert sie die Gefahr, im Dezember 2011 bei den Gesamterneuerungswahlen von der FDP im Stich gelassen zu werden. Und das wiederum lässt weit vor diesem Termin auf eine Fortführung der stabilen Verhältnisse hoffen.

Es gibt zweifellos auch Verlierer am heutigen Tag und weit darüber hinaus. Ich will sie bewusst nicht benennen, das tun andere schon zur Genüge. Die Betonung des Negativen, der weit verbreitete Zynismus und das Bashing, das an Stammtischen und in virtuellen Foren zum Courant normal geworden ist, widern mich an.

Mark Balsiger

Didier Burkhalter macht das Rennen

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Es brauchte vor 19 Tagen weder ein Orakel noch einen langen Blick in die Kristallkugel. Ich traute mir lediglich zu, einschätzen zu können, wie die Fraktionen ticken. So liess sich schon damals der Ausgang der Couchepin-Ersatzwahl erkennen. Ein paar Additionen stützten meine Annahme.

In meinem Posting vom 28. August schrieb ich, dass “Didier Burkhalter bereits im Vorzimmer” des Bundesrats angelangt sei. Am letzten Freitag schliesslich vertrat ich hier die Meinung, dass Hearings bloss Rituale seien und keinen Einfluss auf die Wahlempfehlungen hätten.

In etwa neun Stunden wissen wir, ob meine Burkhalter-Prognose eingetroffen ist. Ich verfeinere sie: Didier Burkhalter schafft es im 5. Wahlgang, er erreicht 125 Stimmen.

Burkhalter wird gewählt, weil

– die sprachregionale Zugehörigkeit ein entscheidender Faktor darstellt
– er im Gegensatz zu Urs Schwaller ein echter Romand ist
– die SP ihre Basis in der Romandie nicht verärgern will
– die Mehrheit der Vereinigten Bundesversammlung die FDP als drittstärkste Partei nicht düpieren und an der arithmetischen Konkordanz festhalten will
– weit und breit keine glaubwürdige Kampfkandidatur lanciert werden kann
– keine Fraktion ernsthaft an “Games” denkt, zumal ihr der Spielraum dazu schlicht fehlt und sonst die Unfallgefahr akut wäre
– die SP ihrer starken welschen Persönlichkeit Alain Berset (FR) durch die Wahl des Deutschfreiburgers Urs Schwaller nicht den Weg in den Bundesrat (als Nachfolger von Micheline Calmy-Rey) verbauen will (Obwohl die Kantonsklausel 1999 gefallen ist, sind zwei Bundesräte aus dem Kanton Fribourg kaum denkbar)
– Christian Lüscher ausserhalb von FDP und SVP keine Stimmen ergattert
– die SVP-Mitglieder Wort halten und nicht vereinzelt “Schwaller” auf ihren Zettel schreiben (Nach der Wahl Schwallers könnten sie die angebliche Mitte-Links-Regierung permanent angreifen, was sich elektoral positiv auswirken würde)

Mark Balsiger

Foto Didier Burkhalter: keystone

Die Mär von der Mitte-Links-Regierung

Die Posauenstösse aus dem Toggenburg ertönen so laut, dass sie selbst im lieblichen Genfer Stadtteil Carouge gehört werden. SVP-Chef Toni Brunner erklärt seit geraumer Zeit, dass der Freiburger CVP-Ständerat Urs Schwaller zum Couchepin-Nachfolger erkoren wird. Seit wenigen Tagen sagt er ebenso deutlich, dass Schwaller am nächsten Mittwoch keine einzige Stimme aus der SVP-Fraktion erhalten werde.

Brunners Posaunenstösse haben strategische Gründe: sie sollen die eigenen Mannen und Frauen, ebenso die FDP, wachrütteln und auf Linie bringen. Bei der zweiten Aussage handelt es sich um einen frommen Wunsch: Brunner weiss so gut wie alle anderen eidgenössischen Parlamentarier, dass bei Bundesratswahlen kaum je eine Fraktion geschlossen stimmt.

– Erstens erfolgt die Stimmabgabe geheim
– zweitens ist kein Mitglied der Vereinigten Bundesversammlung weisungsgebunden
– drittes zählt für einige die Frage der regionalen Vertretung mehr als die Entscheidung der eigenen Fraktion
– viertens käme der SVP ein Schwaller-Sieg entgegen. So könnte sie die nächsten zwei Jahre die angebliche “Mitte-Links-Regierung” anschwärzen mit dem strategischen Ziel, im Dezember 2011 wieder je 2 FDP- und SVP-Vertreter in den Bundesrat zu hieven.

Das oft bemühte “Päckli” von SP, CVP und Grüne werde sich am Mittwoch erneut durchsetzen, prophezeit Brunner, genauso wie im Dezember 2007, als Christoph Blocher abgewählt wurde. Dabei unterschlägt Brunner, dass damals einerseits mehr als ein Dutzend FDP’ler bei der Blocher-Abwahl mitmachten, andererseits die CVP alles andere als einstimmig gegen SVP-Volkstribun votierte.

In Toni Brunners Argumentation wird der Begriff Mitte-Links-Regierung oft verwendet. Damit ist er inzwischen in guter Gesellschaft: Zum Beispiel von Felix E. Müller, Chefredaktor der “NZZ am Sonntag”. Es stünde einiges auf dem Spiel, schreibt Müller gestern in seinem Kommentar:

“Es geht erstens um die Frage, ob der Freisinn, Schöpfer der modernen Schweiz […] auf die Minimalvertretung von einem einzigen Bundesrat reduziert werden soll. Und es geht zweitens darum, ob die Landesregierung künftig Mitte-Links agiert oder Mitte-Rechts.”

Für Müller und andere Meinungsmacher geht es also um eine Richtungswahl. Ich widerspreche, aus zwei Gründen:

1.  Urs Schwaller ist wertkonservativ, ein solider Bürgerlicher. Das zeigt sein Smartspider, das zeigen seine Aussagen. Wäre der Freiburger Schwaller 25 Kilometer weiter östlich und protestantisch aufgewachsen, hätte er ein Freisinniger oder sogar ein SVPler werden können.

2.  Die Richtungswahl-These suggeriert, dass Doris Leuthard (cvp) im Bundesrat jeweils mit den beiden SP-Mitglieder Calmy-Rey und Leuenberger stimmt. Das trifft nicht zu. Wenn es in der Landesregierung zu umkämpften Abstimmungen kommt, dominiert weiterhin eine Konfliktlinie: bürgerlich vs links. Bei kontroversen Abstimmungen im Bundesrat lautet das Ergebnis mehrheitlich 5 zu 2.

Der Begriff “Mittepartei” wird erst seit Ende der Neunziger Jahren regelmässig verwendet. In der Diktion der Medien sind CVP und FDP Mitteparteien, obwohl FDP-Präsident Fulvio Pelli seit mehreren Jahren immer betont, seine Partei sei rechts der Mitte positioniert.

Die Verwendung des Begriffs Mittepartei hat viel mit dem Umbau der SVP zu tun. Aus der 11-Prozent-Partei mit einer Verwurzelung in Gewerbe und Landwirtschaft (1987) wurde eine Volksbewegung mit einer charismatischen Führerperson an der Spitze und einem Wähleranteil von 28,9% (2007). Die SVP saugte in dieser Zeitspanne die rechtsbürgerlichen Kleinparteien weitgehend auf und verschärfte ihre Rhetorik – gerade auch, um sich von den anderen bürgerlichen Parteien CVP und FDP abzugrenzen.

 

Mark Balsiger