Didier Burkhalter ist bereits im Vorzimmer

Die FDP-Spitze zeigt mit der Nomination von Christian Lüscher und Didier Burkhalter Raffinesse. Aus sechs Gründen:

1.  Die Entscheidung kommt mindestens einen Tag früher als geplant und überraschte damit alle. So dominiert die FDP die Schlagzeilen: Heute Abend in der Primetime des Schweizer Fernsehens, morgen auf den Frontseiten der Tageszeitungen, tags darauf in der Sonntagspresse.

In der “Tagesschau” wurde angekündigt, dass es ein Zweierticket sein wird und zu einem späteren Zeitpunkt die Namen bekanntgegeben würden. In der Sendung “10vor10” schliesslich wurden die Namen präsentiert. Das nennt man geschicktes Agenda Setting – auch wenn es kaum bis ins Detail geplant war.

2.  Parteipräsident Fulvio Pelli
nimmt sich definitiv aus dem Rennen. So hat sein Taktieren in eigener Sache endlich ein Ende, die Reihen schliessen sich, die FDP kann in die Offensive.

3.  Mit einem Zweiervorschlag aus der welschen Schweiz offeriert die Fraktion der FDP.Die Liberalen der Vereinigten Bundesversammlung eine Auswahl. Das hat beim Freisinn Tradition.
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4.  Die Nomination von Christian Lüscher (Foto) ist vor allem taktisch motiviert, Wahlchancen hat er keine. Die Romands würden es nie zulassen, dass Genf nebst Micheline Calmy-Rey einen zweiten Bundesratssitz erhielte. Lüscher deckt aber die rechte Flanke des Freisinns ab. Deswegen wurde er Pascal Broulis (VD), dem angeblich linken Kandidaten, vorgezogen.

5.  Mit der Nomination von Rechtsaussen Lüscher nimmt die FDP der SVP den Wind aus den Segeln. Ich gehe davon aus, dass die Volkspartei nun auf eine eigene Kandidatur verzichten wird. Jean-François Rime, Nationalrat aus Fribourg und bislang als möglicher Kampfkandidat gehandelt, wird sich in dieser Konstellation kaum verheizen lassen. Seine Chancen dürften bei den Gesamterneuerungswahlen im Dezember 2011 bedeutend besser sein.
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6.  Mit Didier Burkhalter (Foto) steht ein waschechter Romand (wieder) als Favorit da, als der er schon seit Jahren gehandelt wurde. Wenn er am 16. September im Schlussgang dem Deutschfreiburger Urs Schwaller (cvp) gegenübersteht, ist Burkhalter im Vorteil. Die Welschen werden sich mehrheitlich für ihn entscheiden, die sprachregionale Zugehörigkeit ist ein entscheidender Faktor. Burkhalter ist – 19 Tage vor dem Wahltermin – bereits im Vorzimmer des Bundesrats angelangt.

Mark Balsiger

Foto Christian Lüscher: nzz.ch
Foto Didier Burkhalter: robosphere.ch

Hans-Rudolf Merz und die Erfolgsmeldung

Sprachregelungen sind “Anker”, gerade wenn die Medien Blut riechen oder ein Sturm aufkommt – so wie in der Libyen-Affäre. Gestern Abend noch hiess es, das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) bzw. der Bundesrat werde sich erst wieder verlauten lassen, wenn die beiden Schweizer Geschäftsleute, die seit rund 12 Monaten in der Schweizer Botschaft in Tripolis festsitzen, im Flugzeug Richtung Schweiz unterwegs seien.

calmy_rey_und_merz_1Nach der Bundesratssitzung wurde ein knappen Communiqué verbreitet mit dem Inhalt, dass die Landesregierung von Merz und Aussenministerin Micheline Calmy-Rey über den aktuellen Stand der bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und Libyen informiert worden seien. Das ist, pardon, “Gähn” – niemand wollte das wissen.

Vor einer knappen Stunde nun ein neues Communiqué aus dem EFD. Die beiden Geschäftsleute hätten nun ein Ausreisevisum erhalten, heisst es. Damit sind sie zwar noch lange nicht in der Heimat, ihr aber immerhin ein Schrittchen näher. Dass die Sprachregelung innerhalb von weniger als 24 Stunden geändert wurde,  lässt darauf schliessen, dass der mediale Druck zu gross ist. Man musste eine “Erfolgsmeldung” absetzen, die Volksseele kocht, die Medien heulen.

Kaum ungeschoren wird Micheline Calmy-Rey davonkommen. Noch konzentrieren sich aber fast alle auf Hans-Rudolf Merz. Er muss sich warm anziehen. Böse Kommentare und Wortspiele schiessen ins Kraut. Ein Beispiel: Kriegen wir für unseren alten Merz noch eine Abwrackprämie?

Mark Balsiger

Archivfoto Micheline Calmy-Rey und Hans-Rudolf Merz: keystone

Urs Schwallers Vorteil gegenüber Pelli

SWITZERLAND/

Die Katze ist aus dem Sack: Ständerat Urs Schwaller (FR) will Bundesrat werden. Ohne sein Ja wäre die Couchepin-Ersatzwahl für die CVP zu einem aussichtslosen und vermutlich auch imageschädigenden Unterfangen geworden. Was, wenn bloss Nationalrat Dominique de Buman (FR) angetreten wäre, der sich letzte Woche mit seinem Vorprellen parteiintern zu Buhmann gemacht hat?

Mit Schwaller steigt der Wägste und Beste der Christlichdemokraten in den Ring. Er wurde bereits vor rund drei Jahren genannt, als es um die Nachfolge von Joseph Deiss ging. Damals liess er Parteipräsidentin Doris Leuthard den Vortritt. Bei der denkwürdigen Abwahl von Christoph Blocher im Dezember 2007 wäre Schwaller Bundesrat worden, wenn Eveline Widmer-Schlumpf verzichtet hätte.

Der Präsident der CVP/EVP/glp-Fraktion hat nun die letzte Chance, konsequenterweise packt er sie. Die einstimmige Nomination Schwallers durch die CVP/EVP/glp-Fraktion ist eine reine Formsache. Ebenso, dass er als alleiniger Kandidat ins Rennen geschickt wird. De Buman wird so regelrecht abgestraft, was dieser zu 100 Prozent auf die eigene Kappe nehmen muss.

Mit Schwallers Schritt nach vorne schliessen sich bei der CVP die Reihen, es kehrtwieder Ruhe ein. Ganz im Gegensatz zur FDP, wo nach den Pelli-Pirouetten vom Montag plötzlich viele Parteimitglieder öffentlich mitreden und kritisieren – Schelte allenthalben anstelle von one voice, one goal. Die FDP steht die nächsten Wochen vor einer Zerreissprobe – ausgelöst von ihrem eigenen Parteipräsidenten.

Ich wage hier zwei Prognosen:

1. Wenn sich im Showdown vom 16. September Schwaller und Pelli gegenüberstehen, hat Schwaller als Vertreter eines welschen Kantons einen leichten Vorteil. Die Romands im eidgenössischen Parlament dürften ihm eher die Stimme geben als dem Tessiner Pelli (58).

2. Stehen sich am Schluss Schwaller und Didier Burkhalter (49) gegenüber, ist der Neuenburger im Vorteil. Er ist definitiv ein Romand, wohlgelitten, breit abgestützt von links bis rechts, und er hat viel Exekutiverfahrung. Zudem verkörpert er das, was die FDP schon lange fordert: einen Generationswechsel und – jüngere Bundesräte.

Nicht zu vergessen: Die FDP (17,7%) hat eher Anspruch auf einen zweiten Sitz als die CVP (14,5%). Das zeigen die Wähleranteile, die die beiden Parteien bei den Nationalratswahlen errungen haben. Die Arithmetik ist seit 1959 der wichtigste Faktor für die Besetzung der Bundesratssitze. Es gibt keine Veranlassung, jetzt davon abzuweichen.

Mark Balsiger

Foto Urs Schwaller: Reuters

Fulvio Pelli spielt mit dem Feuer

Konfusion am frühen Nachmittag bei den Nachrichtenagenturen sda und ap, Konfusion und plötzliche Hektik auch auf den Redaktionen und in der FDP-Parteizentrale: Ist Fulvio Pelli nun Bundesratskandidat – oder ist er es nicht? Die ersten Agenturmeldungen waren widersprüchlich, so dass sich selbst bei der NZZ vorübergehend Tippfehler einschlichen – ein klares Indiz für Hektik.

Fassen wir also knapp zusammen: die Tessiner FDP nominierte Pelli nicht, wünscht aber ausdrücklich dessen Kandidatur. Die Bundeshausfraktion soll sie Anfang September vornehmen. Dieses Vorgehen ist möglich; der courant normal sieht vor, dass die Kantonalparteien zuhanden der Bundeshausfraktion nominieren. Pelli würde sich dem Wunsch seiner Fraktion nicht verschliessen, so sie ihn aufstellen möchte.

Mit diesem Vorgehen hält sich Fulvio Pelli weiterhin alle Optionen offen – und bleibt sich mit seinen verklausilierten und von Taktik komplett durchdrungenen Aussagen selber treu. Verspürt Pelli eine starke Unterstützung seiner eigenen Fraktion, wird er sich aufstellen lassen. Der eigentliche Entscheid dürfte er knapp vor dem 8. September fallen. Dann entscheidet die Bundeshausfraktion der FDP.Die Liberalen.

Die Chance, Bundesrat zu werden, hat jeder Politiker nur einmal

Pellis Taktieren ist clever – und ein Spiel mit dem Feuer. Er setzt seine Fraktion unter Druck: Nominiert sie ihn nicht, käme das einem Desavouieren des Parteipräsidenten gleich. Hebt sie ihn auf den Schild, verliert Pelli seine Glaubwürdigkeit: Vor zwei Jahren sagte er nämlich öffentlich, dass er seine Ambitionen auf einen Bundesratssitz begraben habe. Seine Partei müsse verjüngt werden.

Nun, heute sieht die Situation anders aus. Die Chance, Bundesrat zu werden, hat jeder Schweizer Spitzenpolitiker in der Regel nur einmal. Pelli (58) hat sie jetzt. Und deshalb gilt nicht mehr, was er früher sagte. (Pelli war 2003 offizieller Bundesratskandidat. Damals schlug seine Fraktion der vereinigten Bundesversammlung allerdings Christine Beerli und Hans-Rudolf Merz vor.)

Es kann am 16. September auf ein Duell Fulvio Pelli gegen Ständerat Urs Schwaller (FR), den Kronfavoriten der CVP, hinauslaufen. Dann besitzt Pelli womöglich die schlechteren Karten. Die Romands könnten den Deutschfreiburger Schwaller, der perfekt bilingue ist, eher unterstützen als den Tessiner Pelli. Dieser geht noch weniger als Romand durch als Schwaller.

Tritt dieses Szenario ein, kann Pelli zu einer tragischen Figur des Freisinns werden: Er hat Schwaller kurz nach der Rücktrittsankündigung von Bundesrat Pascal Couchepin mit seiner Sprachen-Attacke schwer verwundet. Wenn Pelli nun aber Schwallers Gegenspieler werden sollte, baut er diesen wieder auf.

Nebenbei: Pelli könnte den zweiten Sitz der FDP ohne grössere Probleme retten. Indem er nicht antritt und den beiden chancenreichen Kandidaten aus der Romandie, Didier Burkhalter (NE) und Pascal Broulis (VD), den Vorrang lässt. Damit wäre der erste Schritt für die längst verlangte – und nötige – Verjüngung der FDP gemacht. Das zahlte sich aus – 2011 sind eidgenössische Wahlen. Für die FDP, die sieben Mal nacheinander stets Wählerverluste einfuhr, steht viel auf dem Spiel.

Mark Balsiger

Foto Fulvio Pelli: keystone

Das politische System der Schweiz: eigentümlich oder einzigartig?

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Geoff Mungham schaute mich lange an. Der Politologieprofessor, der mich bei meiner Abschlussarbeit an der Uni Cardiff (GB) betreute, deutete auf das Papier vor sich. “Does it work?”, fragte Mungham. Auf 15 Seiten hatte ich das politische System der Schweiz zusammengefasst. So wie er fragte, schwang die Antwort schon mit.

In den letzten Jahren hörte ich im Ausland dieselbe Frage immer wieder. Und bei Diskussionen beschlicht mich oft das Gefühl, dass man der Schweiz insgeheim das Etikett als politisch “exotisches Alpenparadies” umhängt.

Does it work, funktioniert unser eigentümliches System? Diese Frage darf uns am Vorabend des Nationalfeiertags beschäftigen – oder gerade auch im Kontext mit der Bundesratsersatzwahl von Mitte September.

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Das politische System unseres Landes ist gekennzeichnet von Besonderheiten, die man weltweit nirgendwo findet. Ein paar herausstechende Merkmale:

– Die 246 Mitglieder des Eidgenössischen Parlaments sind Milizpolitiker;
– In keinen anderen Land werden die Stimmbürger so oft an die Urnen gerufen wie in der Schweiz. Am Laufmeter entscheiden wir abschliessend über Gesetzesänderungen, Volksintiativen und Referenden. In einer Legislaturperiode (4 Jahre) stimmt ein Schweizer etwa gleich oft ab wie ein Deutscher in seinem ganzen Leben mitbestimmen kann;
– Die Mitglieder der Landesregierung werden vom Parlament gewählt. Der Bundespräsident wechselt alljährlich, er ist aber auch in seinem Präsidialjahr nur ein “primus inter pares”, der Erste unter Gleichen;
– Bundesräte sind im Prinzip auf Lebzeiten gewählt, sie allein entscheiden, wann es Zeit ist für den Rücktritt. Die Bundesverfassung sieht keinen Misstrauensantrag an einzelne Mitglieder vor und keine Auflösung der gesamten Regierung;
– Im Bundesrat sind seit 1943 alle grossen Parteien vertreten – abgesehen von einem Intermezzo ohne SP, das von 1953 bis 1959 dauerte. Eine Koalitionsregierung gab es allerdings noch nie.

Regieren ohne Koalitionsvertrag – “does it work?”

Genau diese Konstellation sorgt bei Diskussionen im Ausland stets für Irritationen, ja komplettes Unverständnis. Alle starken politischen Kräfte sind in die Regierung eingebunden, aber es gibt keinen Koalitionsvertrag, nicht einmal minimale Vereinbarungen werden zu Beginn einer neuen Legislatur ausgehandelt und festgehalten. “Does it work?”

Ja, bislang hat es funktioniert, ziemlich gut sogar. Die politische Stabilität ist womöglich der wichtige Standortvorteil unseres Landes, und die Verfechter bezeichnen das bewährte System als einzigartig. Seit 1959 sind die grössten Parteien nach ihren Stärkeverhältnissen im Bundesrat vertreten. Von 1959, dem Geburtsjahr der Zauberformel, bis 2003 änderte sich der Verteilschlüssel nie: 2 CVP, 2 FDP, 2 SP, 1 SVP.

Im Dezember 2003 kam es nach 44 Jahren zu einem Wechsel: Die SVP eroberte zulasten der CVP einen zweiten Sitz, Christoph Blocher (svp) ersetzte Ruth Metzler (cvp). Mit diesem Entscheid berücksichtigte das Eidgenössische Parlament die Wählerstärke. Bei den eidgenössischen Wahlen 1999 hatte die SVP nämlich die CVP in der Wählergunst überflügelt. Den um vier Jahre verzögerten Nachvollzug bei der Besetzung der Landesregierung erachte ich grundsätzlich als richtig. Es gibt keine Veranlassung, die Anpassung innerhalb von kurzer Zeit zu vollziehen. Auch die SP musste sich gedulden, bis sie einen Bundesratssitz erhielt, mehrere Jahrzehnte sogar.

Seit Herbst 2003 kam es zu mehreren einschneidenden Ereignissen – eine kurze Chronologie:

– Oktober 2003: Die SVP tritt noch am Wahlabend in der Elefantenrunde von SF mit dem ultimativen Anspruch an: “Wir wollen einen zweiten Bundesratssitz – Blocher oder keiner!”;
– Dezember 2003: Ruth Metzler wird abgewählt. Es ist die erste Abwahl eines amtierenden Bundesrats seit mehr als 130 Jahren
– Dezember 2007: Christoph Blocher wird abgewählt;
– Frühling 2008: Die SVP Schweiz macht eine regelrechte Hetzjagd gegen Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf. Schliesslich schliesst die SVP-Mutterpartei die Bündner Kantonalsektion aus, weil diese Widmer-Schlumpf nicht aus der Partei werfen will;
– Juni 2008: Die BDP des Kantons Bern wird als Abspaltung der SVP gegründet, es folgen weitere BDP-Kantonalsektionen;
– Sommer 2008: Eveline Widmer-Schlumpf und Samuel Schmid wechseln von der SVP zur BDP;
– November 2008: Samuel Schmid tritt nach einem langen Kampf zurück;
– Frühjahr 2009: Die BDP erreicht dank einer Ersatzwahl im Kanton Glarus Fraktionsstärke. Ihre Bundesrätin Widmer-Schlumpf hat im Parlament wieder eine Basis, wenn auch eine sehr kleine.

Medienlogik verlangt nach einer Konkurrenzdemokratie

Diese einschneidenden Ereignisse haben das Haus Schweiz erschüttert. Womöglich kam es zu irreparablen Schäden, es ächzt auch weiter im Gebälk. In den letzten knapp sechs Jahren hat die ausgeprägte Kultur des Konsens, die zur Schweiz gehört wie die Höhenfeuer zum 1. August, gelitten. Der Diskurs wurde ruppig und unversöhnlicher, phasenweise ist er vergiftet. Das politische System der Schweiz erweist sich aber trotz allen Erschütterungen und Brunnenvergiftern als ungemein stabil, und das ist gut so.

In den letzten Jahren flammten vermehrt Diskussionen über eine Abkehr vom Konkordanzmodell auf. Es gibt Akteure, die mit einer Mitte-Links- bzw. mit einer Mitte-Rechts-Regierung sympathisieren. Den Massenmedien käme ein System mit Regierung und Opposition entgegen, sie betonen das Trennende, den Konflikt – manchmal auf Teufel komm raus.

Genf versuchte es einmal mit einer Regierungskoalition

Wie der politische Alltag nach dem Systemwechsel aussehen würde, ist schwer abzuschätzen. Uns fehlt die Erfahrung, wir kennen nur dieses eine System, das keine grossen Schritte erlaubt. Anstelle von grossen Würfen sind Verbesserungen “mit gezielten Pinselstrichen” möglich, wie es der Waadtländer Regierungspräsident Pascal Broulis nennt. Das ist unspektakulär, und passt schlecht zum Zeitgeist – so what?

Einzig der Kanton Genf versuchte sich vor ein paar Jahren einmal mit einer bürgerlichen Regierungskoalition und den linken Parteien in der Opposition. Nach einer Legislatur war die Lust an diesem Experiment schon wieder verflogen.

Möglich würde eine Konkurrenzdemokratie nur mit einschneidenden Veränderungen, die direktdemokratischen Instrumente etwa hätten ausgedient. So überdrüssig wir zuweilen der vielen Initiativen und Referenzen auch sein mögen: Wären wir bereit, diesen Preis zu bezahlen?

Ich finde, dass sich eigentümlich und einzigartig nicht gegenseitig ausschliessen. Dass unsere Diskussionspartner im Ausland nicht nachvollziehen können, wie unser System funktioniert, können wir verschmerzen.

Foto Schweizerfahne in Bern: toggenburgertagblatt.ch

 

SVP-Chef Toni Brunner und die Opposition

toni_brunner2_tagesanzeigerDie Sonntagspresse hat Toni Brunner (Bild) viel Raum gegeben. Seine Aussagen schlugen sich auch heute noch fast überall nieder. Damit hat Brunner das erste Ziel erreicht: das mediale Feld beackern.

Ansonsten tat SVP-Präsident Brunner, was SVP-Präsidenten in solchen Situationen tun müssen: weiter Druck aufbauen und den Preis für einen FDP-Bundesratskandidaten hinauf schrauben. Salopper ausgedrückt: Man will die Freisinnigen weich klopfen oder zumindest versuchen, sie gefügiger zu machen. Ob das Brunner gelungen ist, bleibt offen.

Nur das Stimmvolk ist fallweise in der Oppositionsrolle

Wenn Brunner sagt, dass wohl ein CVP-Kandidat das Rennen mache und von “einem abgekarteten Spiel” ausgeht, tönt das wie ein zu früh losgegangene 1.-August-Rakete vom Billigdiscounter. Wenn er ferner behauptet, man wolle eine Koalitionsregierung links der Mitte installieren, melden sich beim Beobachter Zweifel. Wenn Brunner schliesslich droht, die SVP würde sich womöglich den Gang in die Opposition überlegen, beginnt man sich am Kopf zu kratzen.

Erstens ermöglicht das politische System der Schweiz gar keine echte Opposition. Wenn schon, ist das Stimmvolk bei Abstimmungen fallweise in der Oppositionsrolle, aber gewiss nicht eine Partei.

Zweitens schien Toni Brunner vergessen zu haben, dass seine Partei mit der selbst verordneten “Opposition” gar nicht zu Rande kam. Nach der Abwahl von Christoph Blocher im Dezember 2007 wars, als eben diese “Opposition” lauthals verkündigt wurde. Aber: aus dem SVP-Kampfblatt, der Initiative für die Volkswahl des Bundesrats, einer Salve an Volksinitiativen – aus all diesen Drohungen wurde nichts.

Schon vor Jahresfrist zeigte sich, dass eine Mehrheit der SVP-Schlüsselfiguren es vorzieht, wieder mit eigenen Vertreter in der Landesregierung zu sein. Der Wille zur “Oppo… Oppodingsa… Opposition!!!” – schon die Aussprache dieses Wortes war nicht einfach – dauerte gerade einmal 12 Monate, bis zur Wahl von Ueli Maurer. Das Brot der echten und so genannten “Opposition” in der Schweiz ist hart, der Gestaltungsraum sehr beschränkt. Das hat Brunner ausgeblendet.

Foto Toni Brunner: tagesanzeiger.ch

Kandidatenkür von CVP und FDP: Das Ziel ist identisch, die Strategie komplett anders

Bei der Nachfolgeregelung von Bundesrat Pascal Couchepin duellieren sich CVP und FDP. Die Freisinnigen verweisen auf den höheren Wähleranteil. Sie erreichten bei den Nationalratswahlen 2007 15,8 Prozent. Zusammen mit den Liberalen (2007: 1,9 Prozent), mit denen sie in diesem Jahr auf nationaler Ebene fusionierten, kommen sie auf 17,7 Prozent. Die CVP im Vergleich holte bei den Nationalratswahlen 2007 14,5 Prozent.

Die CVP streicht heraus, dass ihre Bundeshausfraktion grösser ist. Auch das stimmt. Zusammen mit den Grünliberalen (4 Sitze) und der EVP (2 Sitze) zählt die CVP/glp/EVP-Fraktion 52 Sitze. Demgegenüber kommen FDP.Die Liberalen auf 47 Sitze. Soviel zu den Zahlen.

Das Schaulaufen entspricht dem Courant normal

Um den Sitz des Parteikollegen Couchepin zu retten, setzen die Freisinnigen auf das sogenannte Schaulaufen. Das entspricht dem Courant normal, der von den Parteien seit Jahrzehnten praktiziert wird. Will heissen: Die Partei lanciert möglichst viele potenzielle, aber auch chancenlose Bewerber. So generiert sie Öffentlichkeit und kann aufzeigen, dass sie ein beträchtliches Reservoir an guten Politisierenden sie in ihren eigenen Reihen hat. Dass sich auf diese Weise jemand schnell schweizweit bekannt machen kann, ist klar. Das ist ein Sprungbrett, das nebst dem Bundesrat auch für andere Schlüsselämter dienen kann.

christian_luscher1_20minChristian Lüscher (Foto) ist ein Paradebeispiel dafür. Er wurde erst 2007 in den Nationalrat gewählt, hat als Genfer und als Liberaler jedoch bestenfalls marginale Chancen, Couchepin zu beerben. Das weiss er natürlich auch, packt die Chance aber, sich einem nationalen Publikum bekannt zu machen. Es gibt keine bessere Gelegenheit dafür als Bundesratswahlen bzw. die Phasen und ihre Eruptionen im Vorfeld.

Die CVP will nur Kandidaten, die auch eine Wahlchance haben

Die CVP-Spitze entschied sich für eine andere Strategie. Sie verzichtet auf das Schaulaufen, das sie unlängst als “Jekami” bezeichnete. Sie will nur Kandidaten, die auch eine Wahlchance haben, in die entscheidene parteiinterne Selektion vorlassen. Nach eigenen Aussagen wird der Luzerner Ständerat Konrad Graber, der den Wahlausschuss leitet, die Chancen der möglichen Kandidaten bei den anderen Parteien ausloten. Am 31. August, drei Wochen später als die FDP, will die CVP erste Entscheide fällen. Dann läuft der Anmeldeschluss ab, am 8. September will die Fraktion ihre Nomination vornehmen.

Ich erachte das Vorgehen der CVP als heikel. Aus drei Gründen:

1. Welchen Stellenwert haben Sondierungsgespräche, die Ständerat Graber in den nächsten Wochen anstrebt? Sie sind nicht im Ansatz verbindlich. Dazu kommt, dass nie so viel taktiert und gelogen wird wie vor Wahlen.
2. Das Feld während des langen Sommers weitgehend dem Klassenfeind FDP zu überlassen, gereicht der Christlichdemokraten nicht zum Vorteil. Sie verpassen die Möglichkeit, in einigen Kantonen ihre ambitioniertesten Mitglieder bekannter zu machen.
3. Die Chancen, dass die CVP Ende August den Super-Kandidaten aus dem Hut zaubert, werden nicht grösser. Der Wahlausschuss setzt sich selbst unter Druck.

Die CVP hätte einen Super-Kandidaten: den Fribourger Ständerat Urs Schwaller. Bloss haftet an ihm der Makel, kein echter Romand zu sein bzw. nicht französisch zu träumen. Solange er nicht klar Farbe bekennt, halten sich alle anderen möglichen Kandidaten zurück. Das ist die Crux der CVP.

Mark Balsiger

Foto Christian Lüscher: 20min.ch

Didier Burkhalter will Bundesrat werden – wie reagiert Fulvio Pelli?

didier_burkhalter1_keystone Neuenburgs Ständerat Didier Burkhalter will Bundesrat werden. Das hat der aussichtsreichste Vertreter der welschen Radicaux gestern Abend bekanntgegeben. Die Nomination, die der Kantonalvorstand der FDP Neuenburg gestern Abend vornahm, war eine reine Formsache. Es wäre ein denkbar merkwürdiges Signal gewesen, wenn Burkhalter von seinen Neuenburger Kollegen nicht einstimmig auf den Schild gehoben worden wäre.

In den letzten zwei Wochen kamen Zweifel auf, ob Burkhalter überhaupt für die Couchepin-Nachfolge kandidieren wolle. Er schien in der Tat zu zögern, was ihm in den Medien den Ruf eines “Zauderers” eintrug. Womöglich war dieses öffentlich gemachte Zögern aber eine geschickte Finte. So rückte der zweite heisse Kandidat, Fulvio Pelli, in den medialen Fokus und wurde schnell zum Favoriten geschrieben.

Wer früh in der Pole-Position ist, kann dort verglühen

Dieses mediale Interesse schadete Pelli, weil sein Tessiner Umfeld näher untersucht wurde, was Pelli nicht zum Vorteil gereicht. Vielleicht war genau das die Absicht Burkhalters. Wer früh, zu früh in der Pole-Position ist, kann dort verglühen. Die Liste der so gescheiterten Anwärter ist lang.

Die Frage ist, wie Pelli nun reagiert. Wartet er ab, etwa auf echte oder vermeintliche Enthüllungen über Didier Burkhalter? Spekuliert er darauf, erst kurz vor Schluss der Anmeldefrist (10. August) oder gar erst vor den entscheidenden Gesprächen der Bundeshausfraktion definitiv ins Spiel zu kommen? So viel ist sicher: seine Tessiner Kollegen werden vieles daran setzen, Pelli noch zu lancieren. Sie werden es dann tun, wenn es ihm am ehesten nützt.

Es ist auch möglich, dass Pelli seine Ambitionen klammheimlich begräbt, obwohl er ja bislang offenliess, ob er nun kandidieren will oder nicht. In den nächsten Wochen kann noch vieles passieren.

Mark Balsiger


Foto Didier Burkhalter: keystone

Die 4 Phasen bis zur Bundesratswahl

Die 4 Phasen bis zur Bundesratswahl

 

Es gibt immer wieder Unsicherheiten über den Nominationsprozess, den die Parteien bis zu den Bundesratwahlen vornehmen müssen. Ich habe deshalb ein simples Modell entwickelt, das von 4 Phasen bis zum Wahltermin ausgeht. Betrachten wir es anhand des Fahrplans, den die FDP Schweiz für die Nachfolge von Pascal Couchepin festgelegt hat:

Phase 1: Das Kandidatenkarussell dreht sich. Vereinzelte Politiker springen ab, andere bekräftigen, eine Kandidatur anzustreben, Dritte zögern. Hinter den Kulissen werden Sondierungsgespräche mit möglichen Interessenten geführt. Dabei geht es nicht nur darum, wer auch wirklich Chancen hat und gewählt werden will, es geht auch um ein Schaulaufen der Partei. Sie kann auf diese Weise aufzeigen, wie viele fähige Schlüsselpersonen sie in ihren eigenen Reihen hat.

Das kantonale Parteipräsidium setzt den Interessierten eine Frist; bis zum Tag X müssen sich diese entscheiden und das zumindest intern kommunizieren. Ein konkretes Beispiel: Der Neuenburger Ständerat Didier Burkhalter gab am 8. Juli bekannt, dass er kandidieren möchte. Die erste Phase dauert je nach Politiker unterschiedlich lange. (Nachtrag vom 10. Juli: Der Fall des Liberalen Nationalrats Christian Lüscher aus Genf ist exemplarisch, wie es abläuft. Er bekundete am 9. Juli öffentlich sein Interesse an einer Kandidatur. Jetzt obliegt es der Genfer Kantonalsektion, ihn zu nominieren.)

Phase 2: Die Kantonalparteien – und nur sie! – haben in dieser Phase die Entscheidungskompetenz, jemanden ins Rennen zu schicken. Welches Gremium auf kantonaler Stufe entscheidet, ist unterschiedlich. Manchmal ist es ein ausserordentlicher Parteitag, manchmal der Kantonalvorstand. Um beim Beispiel von Didier Burkhalter zu bleiben: Die FDP des Kantons Neuenburg nominierte ihn am selben Tag wie er seine Kandidatur offiziell bekanntgab (8. Juli). Das ist allerdings nicht zwingend. Nominationen zuhanden der FDP-Bundeshausfraktion können noch bis am Montag, 10. August vorgenommen werden.

Phase 3: Die Kandidatinnen und Kandidaten sind seit spätestens dem 10. August namentlich bekannt; sie alle wurden von ihren Kantonalparteien nominiert. Am Mittwoch, 27. August präsentieren sie sich den kantonalen Parteipräsidenten. Es handelt sich dabei um eine Anhörung, die normalerweise in keine Empfehlung zuhanden der Bundeshausfraktion mündet. Voraussichtlich am Dienstag, 8. September entscheidet die FDP-Bundeshausfraktion, wen sie auf den Schild heben will. Im aktuellen Fall der Couchepin-Nachfolge steht eine Einerkandidatur im Vordergrund. Die CVP/EVP/glp-Fraktion wird übrigens ebenfalls am 8. September beschliessen, mit welchem Kandidaten sie antritt. Es ist möglich, dass die Bundeshausfraktionen in dieser Phase neue Kandidaten ins Spiel bringen oder sogar nomieren.

Phase 4: Die offiziellen Bundesratskandidaten sind seit dem 8. September bekannt. In der Regel werden sie nun von den Fraktionen der anderen Parteien zu Hearings eingeladen. Basierend auf diesen Hearings sind Wahlempfehlungen möglich. Die Kandidaten absolvieren in diesen Tagen einen regelrechten Marathon an Interviews. Diese Phase ist beendet, wenn am Mittwochmorgen, 16. September Nationalratspräsidentin Chiara Simoneschi-Cortesi mit der Glocke läutet und die 246 Mitglieder der Vereinigten Bundesversammlung auf das Wahlgeschäft einstimmt. Gewählt wird geheim, Abweichungen zu Fraktionsbeschlüssen kommen häufig vor.

Mark Balsiger