Zur Volkswahl des Bundesrates: ein Ladenhüter wird erneut aufgefrischt

Die Aussage ist lapidar und wird oft verwendet: “Das Volk hat immer Recht.” Ein Teil ebendieses Volkes sprach sich letzte Woche deutlich gegen die Volkswahl des Bundesrats aus. Laut einer Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Isopublic fanden 59 Prozent der Befragten, dass der Bundesrat weiterhin durch das Eidgenössische Parlament zu wählen sein, 3 Prozent hatten noch keine Meinung, währenddem 38 Prozent für eine Volkswahl votierten. *** Für die Volkspartei ist das ein Dämpfer.

Die Volkswahl des Bundesrats ist ein veritabler Ladenhüter. SVP-Titan Christoph Blocher hievte sie 1998 im “Albisgüetli” auf die Agenda. Sie hielt sich allerdings nicht lange. Unmittelbar nach der Abwahl von Bundesrat Christoph Blocher im Dezember 2007 wurde die Volkswahl erneut aufgewärmt. Damals von Fraktionschef Caspar Baader. Bald setzte die Idee erneut Staub an.

Es geht um die Ökonomie der Aufmerksamkeit

Nachdem die Schweizerische Volkspartei die Initiative zur Volkswahl bislang nicht aufgleisen konnte oder wollte, macht nun die SVP-Kantonalsektion Zürich Dampf. Sie hat die Initiative vor ein paar Tagen öffentlichkeitswirksam angekündigt, ein Zurückrudern würde deshalb unglaubwürdig. Allerdings entscheidet die Partei erst am 22. August abschliessend, ob sie die Volksinitiative wirklich lancieren will.

Das Ansinnen hat vorab zwei Gründe:

1.  Alfred Heer, der neue Präsident der Zürcher SVP, muss sich profilieren. Gerade weil der Aufstieg der Volkspartei im Kanton Zürich seinen Anfang nahm. Christoph Blocher präsidierte diese Kantonalsektion von 1977 bis 2003. In dieser Zeitspanne stemmte er seine Partei von einem Wähleranteil von 11,3 Prozent (1977) auf über 30 Prozent. Die Fussstapfen sind für Nationalrat Heer gross.

2.  Der Volkspartei geht es um “die Ökonomie der Aufmerksamkeit” wie sie der Philosoph Georg Franck 1998 in seinem Buch bezeichnete. Bei der Couchepin-Ersatzwahl vom 16. September hat die SVP nur eine Statistenrolle, deshalb musste sie einen eigenen medienwirksamen Vorstoss anschieben. (Er ist erneut medienwirksam bei der definitiven Lancierung,  in der Phase der Unterschriftensammlung, bei der Einreichung der Unterschriften, bei der Behandlung im Eidgenössischen Parlament und schliesslich im Abstimmungskampf selber).

Die SVP fühlt sich im Bundesrat untervertreten. Dass Eveline Widmer-Schlumpf  am 13. Dezember 2007 den zweiten Sitz der SVP sichern wollte, haben viele Parteimitglieder ausgeblendet. Hätte sie damals die Wahl nicht angenommen, wäre in der Folge CVP-Ständerat Urs Schwaller (FR) zum Handkuss gekommen. Eine Mehrheit der Vereinigten Bundesversammlung war zum Schluss gekommen, das sie das “Experiment Blocher im Bundesrat” nach vier Jahren beenden wollte.

Zweimal stimmte das Volk schon ab, zweimal sagte es Nein

Über die Volkswahl des Bundesrats stimmten die Schweizerinnen und Schweizer schon zweimal ab: Im Jahr 1900 scheiterte die Volksinitiative mit 65 Prozent Nein, 1942 mit 68 Prozent Nein. Die treibenden Kräfte hinter dem ersten Anlauf waren die Katholisch-Konservativen (die heutige CVP) und die SP, beim zweiten waren es die Sozialdemokraten alleine. Beiden Parteien ging es um eine adäquate Vertretung im Bundesrat: So stellten die Katholisch-Konservativen im Jahr 1900 mit dem legendären Josef Zemp erst einen Bundesrat (nebst sechs Freisinnigen).

Die SP, die seit der Einführung des Proporzwahlsystems 1919 stets zu den drei wählerstärksten Parteien gehört, musste mehrere Dutzend Male vergeblich anrennen, bis ihr die bürgerlichen Parteien mitten im Zweiten Weltkrieg erstmals den Einsitz in der Landesregierung erlaubten. Den zweiten Bundesratssitz errang die SP 1959, dem Geburtsjahr der Zauberformel, die bis 2003 Gültigkeit hatte (Je 2 Vertreter von CVP, FDP und SP, 1 Vertreter der SVP).

Mark Balsiger

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*** Stichprobe: 506 Befragte, Stichprobenfehler max. +/- 4,5%; die Befragung erfolgte vom 2. bis 4. Juli 2009

Von Strategen und “Strategen” im Bundesrats-Wahlkrimi

Am 16. September wird die Nachfolge von Bundesrat Pascal Couchepin bestimmt. Vor drei Wochen hatte er seine Demission auf Herbst bekannt gegeben. Seit Jahrzehnten ist es bei Bundesratswahlen nicht mehr vorgekommen, dass die Zeitspanne zwischen Rücktrittsankündigung und Wahltermin so lange ist.

Die Medien interpretieren täglich. In zwei Punkten herrscht Konsens:

1. Man spricht allgemein von einem Wahlkrimi
2. Der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Couchepin wird entweder FDP- oder CVP-Mitglied sein

Viele Medienschaffenden finden zudem, dass jetzt bloss ein “Vorgeplänkel” im Gang sei. Ich halte – halbwegs – dagegen, weil diese Phase immerhin aufgezeigt hat, wer strategisch talentiert ist und wer weniger.

Die Muttersprache als wichtigstes Kriterium?

Die ersten drei Wochen dieses Wahlkrimis waren dominiert von der Frage, was ein richtiger Romand sei. FDP-Chef Fulvio Pelli hatte diese Debatte früh losgetreten. In einem Interview strich er heraus, dass der Favorit in den Reihen der CVP, Ständerat Urs Schwaller, kein Romand sei. Schwaller ist in der Tat Deutschfreiburger, allerdings ein Bilingue, der während seiner 12 Jahre als Staatsrat (Regierungsrat) fast immer Französisch sprach. Zudem: die Bevölkerung Fribourgs ist zu 75 Prozent französischsprachig, der Kanton wird deshalb als welsch betrachtet.

Diese Debatte ist brandgefährlich. Wenn die Muttersprache das wichtigste Kriterium für die Besetzung einer Schlüsselposition in diesem Land wird, ist das ein Spiel mit dem Feuer. Einer, der das in einem Aufsatz gut auf den Punkt brachte, ist Ständeratspräsident Alain Berset (Fribourg).

Ich fürchte um den Zusammenhalt (Text von Alain Berset; PDF)

Indirekt bricht Berset, einer der wenigen Charismatiker unter der Bundeshauskuppel, mit diesem Text eine Lanze für seinen Ständeratskollegen Urs Schwaller. Das ist bemerkenswert, weil Berset selber als Bundesratskandidat gilt, der dereinst Micheline Calmy-Rey beerben könnte. Wird Schwaller gewählt, sinken Bersets Chancen auf praktisch Null. Die Kantonsklausel ist zwar gefallen, zwei Vertreter aus demselben Kanton werden aber wohl nur beim demografisch klar grössten Zürich geduldet (2003 – 2007: Moritz Leuenberger/Christoph Blocher; 2008 – …. : Moritz Leuenberger/Ueli Maurer).

Schwaller ist verwundet, ein Vorteil für Pelli?

Fulvio Pellis Angriff auf Schwaller war zwar kein Blattschuss, hat den stärksten CVP-Papabili aber doch verwundet. Pelli zeigt damit ein weiteres Mal auf, dass er ein cleverer Stratege ist. Dass er es nicht nur für seine Partei bzw. den Erhalt des zweiten FDP-Sitzes tut, sondern vermutlich auch für sich selbst, steht auf einem anderen Papier. Auch in eigener Sache verhält sich Pelli geschickt, obwohl wenn er damit seine Glaubwürdigkeit untergräbt. Zwei Jahre ist es her, da nahm sich Pelli selbst aus dem Rennen, ohne dass ich ihm das damals glaubte.

Strategisch in einer anderen Liga agierte bislang Ueli Leuenberger, Präsident der Grünen. Sein Flirt mit ein paar SVP-Hinterbänklern, sekundiert von Jungstar Bastien Girod, hat sich als hochsommerlicher Furz bereits wieder verflüchtigt. Die Idee, dass die SVP im September den Grünen zu einem Bundesratssitz verhelfen sollte, um 2011 der SP einen Sitz wegzuschnappen, hat Schnitzelbangg-Potential – oder wäre Stoff für die Satiresendung Giacobbo/Müller.

Die Grünen (24 Sitze) und die SVP (65 Sitze) erreichen zusammen maximal 89 Stimmen. Das reicht nicht, um einen Bundesrat zu küren. Nebst diesem mathematischen Problem sind die inhaltlichen Differenzen zu berücksichtigen: Grüne und SVP sind sich spinnefeind, einzig bei Vorlagen des VBS kommt es vor, dass die beiden Parteien an einem Strick ziehen, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Motiven. Die Wählerschaft beider Parteien würde ein Päckli nie goutieren.

Hüsch und Hott bei Grünen-Chef Ueli Leuenberger

Während des Flirts passierte auf dem Generalsekretariat der Grünen ein Fauxpax: Das Strategiepapier der Partei ging irrtümlich an den Medienverteiler. Eine knappe halbe Stunde später wurden die Empfänger aufgefordert, die vorherige Mail doch zu löschen, es handle sich lediglich um ein paar persönliche Gedanken. Das Hüsch und Hott fand ein vorläufiges Ende mit der Ankündigung vom 28. Juni, man strebe jetzt doch drei Sitze an – zusammen mit der SP. SP-Präsident Christian Levrat muss sich fragen, wie verlässlich der Präsident der Grünen als sein natürlicher Partner eigentlich ist.

Ueli Leuenberger hat sich ein Glaubwürdigkeitsproblem eingehandelt. Erinnert sei auch an die Bundesrats-Ersatzwahl im Dezember 2008, als der offizielle Kandidat der Grünen, Luc Recordon, von der eigenen Partei im Regen stehen gelassen wurde. Ihre Stimmen gingen bereits beim ersten Wahlgang zu einem beträchtlichen Teil an Hansjörg Walter (svp, TG).

Schliesslich: Wann wurde bislang darüber diskutiert, welche Eigenschaften der neuen Bundesrat haben muss bzw. welche Baustellen im EDI auf ihn warten?

Genau diese Baustellen würden das Profil des neuen Bundesrats definieren. Die “Arena” versuchte vor zwei Wochen, das in den Mittelpunkt der Sendung zu stellen, scheiterte aber aufgrund der Zusammensetzung im Ring. Christoph Blocher und Roger Schawinski verbissen sich alle paar Minuten in Blochers Vergangenheit.

Mark Balsiger

Vom Anspruch auf Bundesratssitze

Für die “NZZ am Sonntag” ist klar, dass die BDP bei der Couchepin-Ersatzwahl “die Mehrheitsmacherin” ist. Der “Sonntag” kommt zu einem anderen Schluss: Königsmacherin sei die SP. “News” von heute vermeldet, dass “die 10 Tessiner Parlamentarier das Zünglein an der Waage” seien.

Drei Medien, drei Thesen. Sie sind nicht falsch, führen aber zu einer Kakophonie, und das sorgt womöglich für Verwirrung.

Bis zum Wahltermin vom 16. September werden noch zahllose Spekulationen, Berichte und Zwischenstandsmeldungen, Analysen und “Analysen” erscheinen. Die Medien sind mächtige Akteure in diesem langem Wahlkrimi, obwohl das Wahlorgan schliesslîch bloss 246 Personen umfasst.

Ich werden in den nächsten drei Monaten einerseits Aspekte, die wenig berücksichtigt werden, thematisieren. Andererseits versuche ich, einzuordnen oder auf Beiträge hinzuweisen, die losgelöst von der fiebrigen Suche nach dem neusten Luftheuler einen Mertwert bedeuten.

Ein solcher Beitrag findet sich in der gestrigen Ausgabe der NZZ.

Konkordanz mit dem Rechenscheiber (NZZ; PDF)

Martin Senti beleuchtet anhand von Berechnungen des Politologen Daniel Bochsler die beiden relevanten Modelle. Das Fazit birgt eine veritable Überraschung – doch schauen bzw. lesen Sie selbst.

Tabelle

(Dieser Beitrag wurde gestern schon einmal gepostet, generierte aber technische Fallstricke und musste deshalb vorübergehend wieder vom Netz genommen werden, pardon. Insbesondere an J.C. – Ihr Kommentar ist entschwunden.)

Urs Schwaller (cvp) oder Didier Burkhalter (fdp) ist nicht gehupft wie gesprungen

Voraussichtlich am 16. September wird bestimmt, wer Nachfolger von Bundesrat Pascal Couchepin wird. Gesichert ist, dass die Ausmarchung zwischen einer FDP- und einer CVP-Kandidatur erfolgt. Sowohl die Grünen wie die SVP werden nicht antreten oder chancenlos ausscheiden.

Das Wahlorgan ist die Vereinigte Bundesversammlung, was in der Hitze der letzten zwei Tage zuweilen in Vergessenheit geriet. Wahlberechtigt sind also die 246 Mitglieder des National- und Ständerats. Da hilft es der FDP nur bedingt etwas, mit einer Karikatur die Wähleranteile in den Vordergrund zu stellen:

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Sollten SP, Grüne und die CVP/EVP/GLP-Fraktion geschlossen für einen CVP-Kandidaten stimmen, erreichte dieser genau 127 Stimmen und wäre damit gewählt. Soweit die Theorie.

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Als Königsmacherin fungiert, kraft ihrer Fraktionsstärke, die SP. Sowohl Parteipräsident Christian Levrat wie Fraktionschefin Ursula Wyss betonten bereits, dass es für die SP vor allem auf die Profile der Kandidaten ankäme und nicht auf deren Partei. Zweifellos ein geschicktes Wording, das sofort Druck aufbaut.

Die beiden Favoriten heissen bislang Urs Schwaller (cvp, 56-jährig) und Didier Burkhalter (fdp, 49-jährig). Beide sind Ständeräte – Schwaller für den Kanton Fribourg, Burkhalter für Neuenburg.

Betrachten wir die Smartspider von Smartvote der beiden Papabili aus dem Wahljahr 2007.

Zuerst der Smartspider von Urs Schwaller:

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Und nun der Smartspider von Didier Burkhalter:

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Die inhaltlichen Unterschiede zwischen Schwaller und Burkhalter, die beide Bundesratsformat haben, sind bedeutend. Es wäre also nicht gehupft wie gesprungen, welcher der beiden auf den Wahlzetteln notiert wird. Burkhalter sei ein Linksfreisinniger, monierten diverse bürgerliche Parlamentarier. Dessen Smartspider korrigiert diese Aussagen.

Die Frage ist nun, inwiefern die Smartspider, die womöglich auf taktisch bedingten Antworten basieren, die SP als Königsmacherin beeinflussen. Zweifellos verlässlicher wäre es, wenn sie das Abstimmungsverhalten der Kandidaten in den letzten Jahren systematisch auswertet. Eine Aufgabe, die auch die Medien wahrnehmen könnten.

Mark Balsiger

Sujets:

– Karikatur Radfahrer: fdp.ch
– Sitzverteilung Parlament: zoonpoliticon.ch

Der Bundesrat kriegt Noten

SCHWEIZ BUNDESRATSFOTO 2009

Unlängst beklagte ich den grassierenden Benotungsfimmel in unserem Land. Heute kriegte die Landesregierung für einmal nicht nur verbale Prügel: Im Newsnetz erhalten die sieben Mitglieder auch Noten wie vor vielen Jahren als sie noch Primarschüler waren. Moritz Leuenberger glänzt als Bester mit einer 5, Hans-Rudolf Merz erhält bloss eine 3,5.

Der Autor (Hubert Mooser) stiefelt bei jedem Bundesrat ein paar Plus- und Minuspunkte zusammen, zieht ein knappes Fazit – und schwupps auch eine Note aus dem Hut. Willkommen im Politjournalismus 2009.

Über die Bewertungskriterien tappen wir auch nach der Lektüre des Artikels im Dunkeln. Wurden Charisma, Sozialkompetenz, Durchsetzungsvermögen, Führungsstärke, Verhandlungsgeschick und Eloquenz gemessen? Und falls Ja: Wie misst man solche Qualitäten nach einigermassen objektiven Kriterien?

Ich weiss es nicht. Zudem: Wer war die Jury? Der Autor alleine? Ein paar seiner Kolleginnen und Kollegen, die er am Kaffeeautomaten befragte? Politiker? Experten?

Es wäre durchaus möglich, einzelne Aspekte zu messen, etwa die Anzahl gewonnener Volksabstimmungen oder die Anzahl gewonnener Abstimmungen im Parlament. Eine solche Gesamtbewertung hätte eine gewisse Relevanz erreicht, aber eine aufwändigere Recherche bedingt.

Fazit: So schwach der Bundesrat seit Monaten regieren mag, die als “Analyse” angepriesene Geschichte mit dem Titel “Wie schlecht ist dieser Bundesrat wirklich?” verdient keine genügende Note.

Nachtrag vom Freitag, 8. Mai:

Was eine Analyse sein kann, zeigt in der Printausgabe des heutigen “Tages-Anzeigers”. Verena Vonarburg nimmt sich Bundesrat Pascal Couchepin zur Brust – ohne Note.

Dieser Vergleich hat einige tragische Note: Bei der Redaktion des Print-Tagi wird demnächst eine Massenkündigung ausgesprochen, die Online-Redaktion geniesst Heimatschutz.


Offizielles Bundesratsfoto 2009: keystone

Samuel Schmid bricht sein langes Schweigen

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Samuel Schmid hat seinen Urlaub vorzeitig abgebrochen. Gestern war er wieder im Bundeshaus, heute um 15 Uhr stellte er sich kurzfristig den Medien. Geduldig nahm er sich den Fragen an, zwei- oder dreimal verlor er kurz den Faden. Sein Auftritt war aber insgesamt solid. Er machte klar, dass er “voll und ganz” hinter Armeechef Roland Nef stehe.

Viele Fragen kreisten um den Umstand, dass Schmid vor Jahresfrist den Gesamtbundesrat nicht über die damals noch laufende Strafuntersuchung gegen Nef informiert hatte. Dahinter sei “keine Absicht gewesen, den Bundesrat hinters Licht zu führen”, erklärte der VBS-Vorsteher. “Die Strafuntersuchung war ein kalkulierbares Risiko.”

Im Verlauf dieser Medienkonferenz hat sich bei mir der Eindruck verstärkt, dass es sehr schwierig ist, die Abläufe von Verfahren zu verstehen. Das ist eine echte Herausforderung, gerade für Nicht-Juristen. Dass Schmid den Inhalt der Strafuntersuchung gegen Nef nicht kennt, nicht kennen will, überrascht. Er begründete das mit dem Respekt vor der Privatsphäre Nefs.

Ob er, Bundesrat Schmid, noch handlungsfähig sei, frage einer der Journalisten. Schmid fragte zurück: “Welche Bundesräte sind aus ihrer Sicht handlungsfähig – ich höre?” Der überrumpelte Journalist gab zur Antwort: Doris Leuthard. “Dann wären also sechs Bundesräte nicht mehr handlungsfähig”, konstatierte Schmid. Erheiterung im Saal. Womöglich hatte da einer nicht gemerkt, wie ihm die Hosen heruntergezogen wurden.

Mit diesem Auftritt Schmids ist der Wind nicht aus den Segeln, aber der grösste Sturm dürfte vorüber sein. An der ersten Bundesratssitzung nach den Sommerferien am 20. August wird dieser Fall traktandiert. Bei der Sicherheitspolitischen Kommission (SiK) bereits zwei Tage vorher. Dass der Gesamtbundesrat Schmids Handeln öffentlich kritisieren wird, können wir ausschliessen. Ausser der SVP hat keine Partei ein Interesse daran, dass Schmids Position weiter geschwächt wird oder sogar sein Kopf rollt.

Samuel Schmid hätte sich bereits am Montag den Fragen der Medien stellen müssen. So wäre der Sturm gar nicht erst aufgekommen. Weiter hätte er ein starkes Zeichen gesetzt, wenn er gemeinsam mit Roland Nef aufgetreten wäre. Gestern wäre die Gelegenheit dazu da gewesen.

Interessant ist, dass er sich hinter seinen Armeechef stellt. Genauso ist diese Aussage auch zu verstehen. Schmid schob Roland Nef in den Vordergrund, sein eigenes Wirken hingegen versuchte er zu dethematisieren.

Schmid hat mit seinem heutigen Auftritt nicht an Statur gewonnen. Er stünde besser da, wenn er sein langes Schweigen als Fehler bezeichnet hätte. Er hätte auch bekennen können, dass das Auswahlprozedere angesicht der Strafuntersuchung aus heutiger Sicht nicht optimal gewesen war. Damit hätte er gepunktet, Ehrlichkeit wird belohnt.

Schmid verzichtete aber auf Selbstkritik, stattdessen kritisierte er die Medien. Diese wiederum verbissen sich in die Geschichte, weil die beiden Schlüsselakteure zu lange auf Tauchstation gingen. Und weil die Ernennung Nefs Samuel Schmid nicht als umsichtigen VBS-Vorsteher erscheinen lässt.

Das letzte Kapitel dieser Story ist noch lange nicht geschrieben. Die Skandalisierungsspirale dreht sich weiter. Wir dürfen mit neuen Enthüllungen und “Enthüllungen” zur Causa Nef rechnen. Das nächste Mal am Sonntag.

Foto Samuel Schmid: Reuters

Samuel Schmid und die Volksjustiz

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Aus einer Mücke wird ein Elefant, aus einem politischen Fehler eine Staatsaffäre. Aus Spekulationen werden innerhalb von 24 Stunden knallharte Fakten. Bundesräte sollen zurücktreten. Journalisten machen Überstunden, Kommunikationsspezialisten auch. Köpfe werden röter, die Temperaturen steigen.

Willkommen im Sommertheater 2008.

Vor Jahresfrist wählte der Gesamtbundesrat Roland Nef zum neuen Chef der Armee. Zu diesem Zeitpunkt war das Strafverfahren, das seine ehemalige Partnerin ausgelöst hatte, noch nicht eingestellt. Sie bekundete aber schon damals, dass sie kein Interesse mehr an einer rechtlichen Beurteilung ihrer Vorwürfe habe.

Aus heutiger Sicht wäre es zweifellos richtig gewesen, wenn Samuel Schmid die anderen Mitglieder des Bundesrats über das Strafverfahren gegen Nef informiert hätte. Aus der damaligen Sicht war diese Information nicht zwingend. Die private Angelegenheit Nefs war de facto abgeschlossen, nicht aber de jure. Das ist gemäss Juristen jeweils eine reine Formsache.

Ich finde es falsch, dass Schmid die Krise – und das ist seit Montag definitiv eine! – nun offenbar aussitzen will. Nachdem der Fall in der “SonntagsZeitung” angestossen wurde, hätte ein schnelles Handeln den Brand löschen können. Schon am frühen Sonntagmittag hätte im VBS klar sein müssen, dass der Vorsteher an die Öffentlichkeit treten muss – Ferien hin oder her.

Eine Medienkonferenz am Montagmorgen wäre die richtige Strategie gewesen. Auch wenn Schmid vermutlich kaum etwas Neues zu sagen gehabt hätte. In solchen Situationen geht es schlicht darum hinzustehen und sich den vielen Fragen der Journalisten zu stellen. Auf diese Weise kann die Spitze des Speeres gebrochen werden.

Der Aufwand für eine offensive Abwicklung des Falles wäre bescheiden gewesen. Stattdessen ist jetzt eine Medienkampagne im Gang, die so schnell nicht mehr stoppt. Sie braucht Nerven, kostet Zeit und hinterlässt einen beträchtlichen Flurschaden. Hässlich ist die eigentliche Volksjustiz, die eingesetzt hat. Wider besseren Wissens wird in Internet-Foren anonym diffamiert, dass einem bei der Lektüre angst und bange wird.

Foto Samuel Schmid: keystone

Eveline Widmer-Schlumpf: Gibt es einen Ausweg aus der Empörungsspirale?

GAST-BEITRAG von Silvano Moeckli*

Dieser Text zum Herunterladen (PDF)

kantonsrat_document_3adca0d8-1511-43f1-b061-1a12725f0e4a.jpgDer Konflikt um Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf trägt die typischen Züge einer Eskalation. Ein aufwühlendes Ereignis führt zu einer empörten Reaktion auf der Gegenseite, die andere Seite reagiert wiederum mit Empörung, Ultimaten stossen auf noch energischeren Widerstand, Druck erzeugt Gegendruck usw. Kann man diese Spirale der Empörung durchbrechen? Ja, man kann, sofern der Wille dazu besteht und kreative Kompromisslösungen gefunden werden. In diesem Beitrag wird zunächst der Konflikt näher beleuchtet. Dann folgt ein konkreter Vorschlag, wie er gelöst werden könnte.

Die Akteurs- und Parteienebene

Bei politischen Konflikten stehen einander Einzelakteure und Lager gegenüber, bei personellen Konflikten im Zusammenhang mit Wahlen erst recht. In einer sozialen Organisation wie einer politischen Partei muss es heftige emotionale Reaktionen auslösen, wenn einem Mitglied vorgeworfen wird, gegen Regeln und Abmachungen der eigenen Organisation verstossen, mit dem politischen Gegner zusammengearbeitet, ja die eigene Organisation angelogen zu haben. Der Vorwurf, Eveline Widmer-Schlumpf habe persönliche Interessen über die Interessen der Partei(führung) gestellt, wiegt schwer. Bei Parteien und Parlamentariern, welche die Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf unterstützt haben, stösst der rüde Stil, mit der die SVP mit einer gewählten Bundesrätin umgeht, auf heftige Ablehnung. Das Interesse dieser Akteure war weniger die Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf, sondern vielmehr die Nichtwiederwahl von Christoph Blocher. Es brauchte, um Christoph Blocher aus dem Bundesrat zu entfernen, nicht nur eine Mehrheit gegen ihn, sondern auch eine Mehrheit für eine andere Person. Diese musste aber erst gefunden werden.

Die Systemebene

Wechseln wir jetzt die Perspektive und betrachten wir den Konflikt aus der Ebene des gesamten politischen Systems. Hier können wir zunächst feststellen, dass nach den Wahlen vom 21. Oktober 2007 sämtliche Bundesratsparteien an der proportionalen Konkordanz im Bundesrat festhalten wollten. Jene Parlamentarier, die Christoph Blocher nicht mehr gewählt haben, wollten mit der Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf ausdrücklich die proportionale Konkordanz wahren. In der Tat funktioniert unser politisches System am besten, wenn die proportionale Konkordanz gegeben ist. Es ist verblüffend zu sehen, wie sich längerfristig in fast allen Gemeinden und Kantonen der Schweiz die parteipolitischen Kräfteverhältnisse in der Regierungszusammensetzung widerspiegeln. Die direkte Demokratie zwingt zur Einbindung der stärksten politischen Kräfte. Mit parteilosen Regierungsmitgliedern ist diese Einbindung nicht gewährleistet.

Bundesrätin ohne Fraktion und Partei – funktioniert das?

Wenn nun die SVP die Bündner Kantonalpartei ausschliesst und Eveline Widmer-Schlumpf dann nicht mehr Mitglied einer Landespartei wäre – funktioniert das? Rein formell sicher. Bundesräte sind auf vier Jahre fest gewählt, kein Staatsorgan und erst recht kein Parteiorgan kann sie aus dem Amt entfernen. Aber die wichtigere Frage ist: Welche Auswirkungen hätte dies auf die politischen Prozesse und die Politikergebnisse insgesamt? Und hier lautet die Antwort: Eher negative. Denn was ist der Sinn der Einbindung der stärksten politischen Kräfte in die Regierung? Es soll ein Transfer in zwei Richtungen stattfinden: Die gewählten Parteienvertreter sollen die Forderungen und Werthaltungen ihrer Lager in die Regierung einbringen. Insofern ist es durchaus erwünscht, dass die stärksten Persönlichkeiten in den Bundesrat gewählt werden. Auf der anderen Seite sollten Parteienvertreter, einmal gewählt, als Staatsmänner und –frauen agieren, tragfähige Lösungen suchen, zusammenführen und nicht spalten sowie für die erarbeiteten Kompromisse innerhalb der eigenen politischen Gruppierung um Unterstützung werben. Wer das nicht kann oder will, ist für eine Konkordanzregierung ungeeignet. Insofern war Christoph Blocher eine Fehlbesetzung.

Eveline Widmer-Schlumpf wird ohne Partei und Fraktion das Systemerfordernis des Transfers nach beiden Seiten nicht erfüllen können, weil eben die eine Seite fehlt. Und es wird ihr auch das politische Basislager fehlen, welches Bundesräten eine Grundunterstützung bietet. Insofern ist es für das Gesamtsystem und Politikergebnisse nicht positiv, wenn es „fraktionslose“ Bundesräte gibt. Darüber hinaus verpuffen viele politische Energien in der Pflege der persönlichen Konflikte, statt dass die Energien für die Lösung politischer Probleme verwendet werden. Nun kann man argumentieren, „parteilose“ Regierungsmitglieder gäbe es auch in Gemeinden und Kantonen. Dies ist richtig. Aber diese werden nicht vom Parlament, sondern direkt vom Elektorat gewählt und sind damit auch unabhängiger von den Parteien. Und je höher man bei den Staatsebenen kommt, desto schwieriger wird es, ohne „Basislager“ zu politisieren. Politik ist ein Mannschaftssport, keine Einzeldisziplin.

Risiken des Ausschlusses der Bündner SVP

Wenn die SVP die Bündner Kantonalpartei ausschliesst, ist das für sie nicht ohne Risiko. Die Empörungsspirale dreht sich dann weiter, und niemand ist mehr in der Lage, mögliche Prozesse der Umbildung in der Parteienlandschaft zu steuern. Es ist sehr wohl ein Szenario denkbar, wonach sich auch in anderen Kantonen Teile der SVP zur Mitte hin orientieren und abspalten. Das wäre dann eine Neuauflage der Bündner Demokraten, aber schweizweit. Man darf nicht vergessen, dass die SVP nicht nur dank Stimmen aus CVP und FDP so stark geworden ist, sondern auch dank des Aufsaugens der kleinen Rechtsparteien. 1991 hatten Freiheitspartei, Republikaner und Schweizer Demokraten zusammen einen Wähleranteil von 8,5 Prozent. Wenn sich die liberalen Teile von der SVP abspalten, könnte die Rumpf-SVP erst Recht die Rolle der ehemaligen Rechtsparteien übernehmen. Zu dieser Rolle gehört auch, nicht im Bundesrat vertreten zu sein. Das würde dann die neue Partei übernehmen – freilich mit bloss noch einem Vertreter.

Ein möglicher Ausweg

Ein Stoppen der Empörungsspirale ist nur möglich, wenn von beiden Seiten der Wille zu einer Konfliktlösung vorhanden ist. Eine solche Lösung kann natürlich nur in einem Kompromiss bestehen, bei dem beide Seiten aufeinander zugehen und das Gesicht wahren können. Ein solcher Kompromiss könnte wie folgt aussehen:

1. Die SVP nimmt Eveline Widmer-Schlumpf nach einer gewissen „Abkühlungsperiode“ in die Fraktion auf. Sie respektiert damit, dass die Bundesrätin demokratisch von der Bundesversammlung gewählt worden ist.

2. Eveline Widmer-Schlumpf anerkennt, dass bei den nächsten Bundesratswahlen das Nominationsrecht für SVP-Bundesräte der Partei zusteht. Sie verpflichtet sich, vor der erneuten Kandidatur 2011 ein parteiinternes Nominationsverfahren zu durchlaufen. Sie sagt zu, nicht mehr zu kandidieren, falls ein nationales Parteigremium 2011 mit Zweidrittelmehrheit ihre Kandidatur nicht mehr wünschen würde.

3. Eveline Widmer-Schlumpf könnte ihre Energien auf inhaltliche Politik konzentrieren und hätte mehr als drei Jahre Zeit, in Partei und Fraktion zu beweisen, dass sie eine „SVP-Bundesrätin“ ist. Wer sich regelmässig innerhalb von Institutionen trifft, kommt sich in der Regel auch menschlich näher.

Auf der Höhe, auf welcher die Empörungsspirale sich jetzt befindet, werden die beteiligten Akteure auf einen solchen Vorschlag nicht eintreten wollen. Aber sie sollten sich einmal zurücklehnen und fragen, welches die Folgen sind, wenn der Konflikt über die ganze Legislaturperiode andauert – nicht nur für das Land, sondern auch für sie selbst. Allerdings: Mit meinem Vorschlag würden beide Seiten ein Risiko eingehen. Das Risiko des “Weitermachens wie bisher” ist jedoch für beide Seiten höher.

* Silvano Moeckli ist Politologieprofessor an der Universität St. Gallen. Von ihm ist unlängst die zweite Auflage seines Buches „Das politische System der Schweiz verstehen. Wie es funktioniert, wer partizipiert, was resultiert“ erschienen; Tobler-Verlag Altstätten 2008.
Wir lernten uns vor einigen Jahren in der damals noch südserbischen Provinz Kosovo kennen. Moeckli war Wahlbeobachter für die OSZE, ich Pressesprecher für die “Swisscoy”-Truppe. Dieser Beitrag ist in einer gekürzten Version bereits im “St. Galler Tagblatt” erschienen.

Von Hobby-Schachspielern, die Königsmörder werden möchten

Es ist eine Binsenwahrheit: Wer Schlagzeilen generieren will, muss nicht den politischen Gegner angreifen, sondern Parteikollegen. Ein paar FDP-Nationalräte üben sich darin – erfolgreich. Sie zielen mit Schrot auf ihren Bundesrat Pascal Couchepin, weil er hauptverantwortlich sei für den erneuten Aderlass des Freisinns. Otto Ineichen (LU) forderte auf Schweizer Radio DRS gar den Rücktritt des Magistraten. Starker Tobak.

Zur Erinnerung: Noch im Frühsommer hatte die FDP-Fraktion beschlossen, im Dezember ihre beiden Bundesräte Merz und Couchepin wieder zu nominieren. Was also soll das Allotria? Bürokollege Suppino kommentiert giftig: “Da blasen zwei Hobby-Schachspieler zum Angriff, haben aber keine Ahnung, wie die Züge drei und vier aussehen sollen.”

Spielen wir theoretisch einen Couchepin-Abwahlversuch durch: Ein Rechtsbürgerlicher soll ihn ersetzen, das ist für die freisinnigen Kritiker klar.

Bei Bundesratswahlen bekommt die sprachregionale Herkunft stets eine entscheidende Rolle. Vor vier Jahren wählten beispielsweise bürgerliche Parlamentarierinnen aus der Ostschweiz nicht die Bernerin Christine Beerli, sondern einen der Ihren: den Appenzeller Hans-Rudolf Merz. Couchepin müsste also durch einen Lateiner ersetzt werden. Wen hätte die FDP – oder die SVP – im Köcher? Wohlverstanden mit einem klar rechtsbürgerlichen Profil?

Wir dürfen die ganze Nacht nachdenken. Ein valabler Kandidat wird uns nicht in den Sinn kommen. Die Hobby-Schachspieler wiederum dürfen nachsitzen, so wird man nicht zum Königsmörder.

Mark Balsiger

Adrian Amstutz: Tanz auf drei Hochzeiten

Zwei auflagenstarke Zeitungen befassen sich heute ausgiebig mit dem Berner SVP-Nationalrat Adrian Amstutz. Für die “Berner Zeitung” ist er in der “Poleposition” für den Regierungsratssitz, der durch Werner Luginbühls Wechsel in den Ständerat frei wird. Amstutz erzielte am Sonntag rund 124’000 Stimmen – ein Glanzresultat, an das niemand der 25 anderen Berner Nationalratsmitglieder nur annährend herankam.

Der “Blick” wiederum sieht den “smarten Adrian” als möglichen Nachfolger von Bundesrat Samuel Schmid. Gegen diesen braut sich offenbar etwas zusammen. In der “Elefantenrunde” vom letzten Sonntag hatte SVP-Chef Ueli Maurer die Idee Fulvio Pellis aufgenommen, die drei amtsältesten Bundesräte, also Leuenberger, Couchepin und Schmid, auszuwechseln. Nicht irgendwann, sondern bald. Damit war die Lunte gelegt.

“Wenn Samuel Schmid weiss, zu welcher Partei er gehört, gibt es keinen Grund, ihn auszuwechseln”, sagt Amstutz im “Blick”. Keine Zweifel, da wird Druck aufgebaut. Wie schon bei Adolf Ogi versucht die Spitze der Volkspartei, Schmid auf ihre Linie zu bringen. Sonst droht mehr als nur Liebesentzug.

Amstutz wäre für die Parteioberen eine ideale Neubesetzung. Er politisiert auf dem rechten Parteiflügel, ist ehrgeizig, gut aussehend, umtriebig und im Volk gleichwohl beliebt. Wenn er spricht, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Sein Aufstieg verlief schnell: 1998 wurde er in den Grossen Rat gewählt, seit 2003 ist er im Nationalrat und schon bald eine tonangebende Figur innerhalb der SVP Schweiz.

Wichtig bei der Bundesratsfrage: Amstutz ist Berner. Von zwei Ausnahmen abgesehen (Leon Schlumpf, Graubünden, sowie Christoph Blocher, Zürich) waren bislang alle SVP-Bundesräte aus dem Kanton Bern. Den Auftakt machte anno 1929 der legendäre Bauernführer Rudolf Minger. Die Berner SVP-Sektion ist nicht nur die traditionsreichste – hier entstand im November 1917 die Bernische Bauern- und Bürgerpartei als eine Abspaltung des Freisinns -, sondern weiterhin auch die grösste. Als Berner hätte Adrian Amstutz eine grosse Hausmacht hinter sich und er profitiert alleine schon davon, nicht zu den von vielen verachteten Zürchern zu gehören.

Amstutz tanzt noch auf einer dritten Hochzeit: Er wird auch als Nachfolger von Ueli Maurer gehandelt – zusammen mit Toni Brunner (SG). Der Berner Oberländer wird gut abwägen müssen, ob er als Parteipräsident der SVP Schweiz dereinst bessere Chancen hat, Bundesrat zu werden. Dass er Regierungsrat werden will, kann ich mir nicht vorstellen. (Er wäre auch der Favorit von Hermann Weyeneth als Präsident der SVP des Kantons Bern gewesen, sagte aber ab.) Statt sofort abzuwinken, hält er sich vorerst im Gespräch. Das ist geschickt, und er wird in der Öffentlichkeit an Statur gewinnen, wenn er einer Frau den Vortritt lässt.

Und weil es in der eidgenössischen Politik kaum mehr Tabus gibt, könnte auch urplötzlich ein Powerplay aufgezogen werden, genauso wie vor vier Jahren (“Blocher oder Opposition”). Die SVP beantsprucht einen dritten Sitz im Bundesrat. Mit einem fast doppelt so hohen Wähleranteil wie die FDP könnte die SVP-Führungsriege versucht sein, ihren Anspruch als legitimiert zu bezeichnen. Am 12. Dezember schlägt allenfalls die grosse Stunde von Adrian Amstutz – wenn er als Kampfkandidat gegen Pascal Couchepin antritt.

Mark Balsiger