Kandidatenkür von CVP und FDP: Das Ziel ist identisch, die Strategie komplett anders

Bei der Nachfolgeregelung von Bundesrat Pascal Couchepin duellieren sich CVP und FDP. Die Freisinnigen verweisen auf den höheren Wähleranteil. Sie erreichten bei den Nationalratswahlen 2007 15,8 Prozent. Zusammen mit den Liberalen (2007: 1,9 Prozent), mit denen sie in diesem Jahr auf nationaler Ebene fusionierten, kommen sie auf 17,7 Prozent. Die CVP im Vergleich holte bei den Nationalratswahlen 2007 14,5 Prozent.

Die CVP streicht heraus, dass ihre Bundeshausfraktion grösser ist. Auch das stimmt. Zusammen mit den Grünliberalen (4 Sitze) und der EVP (2 Sitze) zählt die CVP/glp/EVP-Fraktion 52 Sitze. Demgegenüber kommen FDP.Die Liberalen auf 47 Sitze. Soviel zu den Zahlen.

Das Schaulaufen entspricht dem Courant normal

Um den Sitz des Parteikollegen Couchepin zu retten, setzen die Freisinnigen auf das sogenannte Schaulaufen. Das entspricht dem Courant normal, der von den Parteien seit Jahrzehnten praktiziert wird. Will heissen: Die Partei lanciert möglichst viele potenzielle, aber auch chancenlose Bewerber. So generiert sie Öffentlichkeit und kann aufzeigen, dass sie ein beträchtliches Reservoir an guten Politisierenden sie in ihren eigenen Reihen hat. Dass sich auf diese Weise jemand schnell schweizweit bekannt machen kann, ist klar. Das ist ein Sprungbrett, das nebst dem Bundesrat auch für andere Schlüsselämter dienen kann.

christian_luscher1_20minChristian Lüscher (Foto) ist ein Paradebeispiel dafür. Er wurde erst 2007 in den Nationalrat gewählt, hat als Genfer und als Liberaler jedoch bestenfalls marginale Chancen, Couchepin zu beerben. Das weiss er natürlich auch, packt die Chance aber, sich einem nationalen Publikum bekannt zu machen. Es gibt keine bessere Gelegenheit dafür als Bundesratswahlen bzw. die Phasen und ihre Eruptionen im Vorfeld.

Die CVP will nur Kandidaten, die auch eine Wahlchance haben

Die CVP-Spitze entschied sich für eine andere Strategie. Sie verzichtet auf das Schaulaufen, das sie unlängst als “Jekami” bezeichnete. Sie will nur Kandidaten, die auch eine Wahlchance haben, in die entscheidene parteiinterne Selektion vorlassen. Nach eigenen Aussagen wird der Luzerner Ständerat Konrad Graber, der den Wahlausschuss leitet, die Chancen der möglichen Kandidaten bei den anderen Parteien ausloten. Am 31. August, drei Wochen später als die FDP, will die CVP erste Entscheide fällen. Dann läuft der Anmeldeschluss ab, am 8. September will die Fraktion ihre Nomination vornehmen.

Ich erachte das Vorgehen der CVP als heikel. Aus drei Gründen:

1. Welchen Stellenwert haben Sondierungsgespräche, die Ständerat Graber in den nächsten Wochen anstrebt? Sie sind nicht im Ansatz verbindlich. Dazu kommt, dass nie so viel taktiert und gelogen wird wie vor Wahlen.
2. Das Feld während des langen Sommers weitgehend dem Klassenfeind FDP zu überlassen, gereicht der Christlichdemokraten nicht zum Vorteil. Sie verpassen die Möglichkeit, in einigen Kantonen ihre ambitioniertesten Mitglieder bekannter zu machen.
3. Die Chancen, dass die CVP Ende August den Super-Kandidaten aus dem Hut zaubert, werden nicht grösser. Der Wahlausschuss setzt sich selbst unter Druck.

Die CVP hätte einen Super-Kandidaten: den Fribourger Ständerat Urs Schwaller. Bloss haftet an ihm der Makel, kein echter Romand zu sein bzw. nicht französisch zu träumen. Solange er nicht klar Farbe bekennt, halten sich alle anderen möglichen Kandidaten zurück. Das ist die Crux der CVP.

Mark Balsiger

Foto Christian Lüscher: 20min.ch

Didier Burkhalter will Bundesrat werden – wie reagiert Fulvio Pelli?

didier_burkhalter1_keystone Neuenburgs Ständerat Didier Burkhalter will Bundesrat werden. Das hat der aussichtsreichste Vertreter der welschen Radicaux gestern Abend bekanntgegeben. Die Nomination, die der Kantonalvorstand der FDP Neuenburg gestern Abend vornahm, war eine reine Formsache. Es wäre ein denkbar merkwürdiges Signal gewesen, wenn Burkhalter von seinen Neuenburger Kollegen nicht einstimmig auf den Schild gehoben worden wäre.

In den letzten zwei Wochen kamen Zweifel auf, ob Burkhalter überhaupt für die Couchepin-Nachfolge kandidieren wolle. Er schien in der Tat zu zögern, was ihm in den Medien den Ruf eines “Zauderers” eintrug. Womöglich war dieses öffentlich gemachte Zögern aber eine geschickte Finte. So rückte der zweite heisse Kandidat, Fulvio Pelli, in den medialen Fokus und wurde schnell zum Favoriten geschrieben.

Wer früh in der Pole-Position ist, kann dort verglühen

Dieses mediale Interesse schadete Pelli, weil sein Tessiner Umfeld näher untersucht wurde, was Pelli nicht zum Vorteil gereicht. Vielleicht war genau das die Absicht Burkhalters. Wer früh, zu früh in der Pole-Position ist, kann dort verglühen. Die Liste der so gescheiterten Anwärter ist lang.

Die Frage ist, wie Pelli nun reagiert. Wartet er ab, etwa auf echte oder vermeintliche Enthüllungen über Didier Burkhalter? Spekuliert er darauf, erst kurz vor Schluss der Anmeldefrist (10. August) oder gar erst vor den entscheidenden Gesprächen der Bundeshausfraktion definitiv ins Spiel zu kommen? So viel ist sicher: seine Tessiner Kollegen werden vieles daran setzen, Pelli noch zu lancieren. Sie werden es dann tun, wenn es ihm am ehesten nützt.

Es ist auch möglich, dass Pelli seine Ambitionen klammheimlich begräbt, obwohl er ja bislang offenliess, ob er nun kandidieren will oder nicht. In den nächsten Wochen kann noch vieles passieren.

Mark Balsiger


Foto Didier Burkhalter: keystone

Die 4 Phasen bis zur Bundesratswahl

Die 4 Phasen bis zur Bundesratswahl

Es gibt immer wieder Unsicherheiten über den Nominationsprozess, den die Parteien bis zu den Bundesratwahlen vornehmen müssen. Ich habe deshalb ein simples Modell entwickelt, das von 4 Phasen bis zum Wahltermin ausgeht. Betrachten wir es anhand des Fahrplans, den die FDP Schweiz für die Nachfolge von Pascal Couchepin festgelegt hat:

Phase 1: Das Kandidatenkarussell dreht sich. Vereinzelte Politiker springen ab, andere bekräftigen, eine Kandidatur anzustreben, Dritte zögern. Hinter den Kulissen werden Sondierungsgespräche mit möglichen Interessenten geführt. Dabei geht es nicht nur darum, wer auch wirklich Chancen hat und gewählt werden will, es geht auch um ein Schaulaufen der Partei. Sie kann auf diese Weise aufzeigen, wie viele fähige Schlüsselpersonen sie in ihren eigenen Reihen hat.

Das kantonale Parteipräsidium setzt den Interessierten eine Frist; bis zum Tag X müssen sich diese entscheiden und das zumindest intern kommunizieren. Ein konkretes Beispiel: Der Neuenburger Ständerat Didier Burkhalter gab am 8. Juli bekannt, dass er kandidieren möchte. Die erste Phase dauert je nach Politiker unterschiedlich lange. (Nachtrag vom 10. Juli: Der Fall des Liberalen Nationalrats Christian Lüscher aus Genf ist exemplarisch, wie es abläuft. Er bekundete am 9. Juli öffentlich sein Interesse an einer Kandidatur. Jetzt obliegt es der Genfer Kantonalsektion, ihn zu nominieren.)

Phase 2: Die Kantonalparteien – und nur sie! – haben in dieser Phase die Entscheidungskompetenz, jemanden ins Rennen zu schicken. Welches Gremium auf kantonaler Stufe entscheidet, ist unterschiedlich. Manchmal ist es ein ausserordentlicher Parteitag, manchmal der Kantonalvorstand. Um beim Beispiel von Didier Burkhalter zu bleiben: Die FDP des Kantons Neuenburg nominierte ihn am selben Tag wie er seine Kandidatur offiziell bekanntgab (8. Juli). Das ist allerdings nicht zwingend. Nominationen zuhanden der FDP-Bundeshausfraktion können noch bis am Montag, 10. August vorgenommen werden.

Phase 3: Die Kandidatinnen und Kandidaten sind seit spätestens dem 10. August namentlich bekannt; sie alle wurden von ihren Kantonalparteien nominiert. Am Mittwoch, 27. August präsentieren sie sich den kantonalen Parteipräsidenten. Es handelt sich dabei um eine Anhörung, die normalerweise in keine Empfehlung zuhanden der Bundeshausfraktion mündet. Voraussichtlich am Dienstag, 8. September entscheidet die FDP-Bundeshausfraktion, wen sie auf den Schild heben will. Im aktuellen Fall der Couchepin-Nachfolge steht eine Einerkandidatur im Vordergrund. Die CVP/EVP/glp-Fraktion wird übrigens ebenfalls am 8. September beschliessen, mit welchem Kandidaten sie antritt. Es ist möglich, dass die Bundeshausfraktionen in dieser Phase neue Kandidaten ins Spiel bringen oder sogar nomieren.

Phase 4: Die offiziellen Bundesratskandidaten sind seit dem 8. September bekannt. In der Regel werden sie nun von den Fraktionen der anderen Parteien zu Hearings eingeladen. Basierend auf diesen Hearings sind Wahlempfehlungen möglich. Die Kandidaten absolvieren in diesen Tagen einen regelrechten Marathon an Interviews. Diese Phase ist beendet, wenn am Mittwochmorgen, 16. September Nationalratspräsidentin Chiara Simoneschi-Cortesi mit der Glocke läutet und die 246 Mitglieder der Vereinigten Bundesversammlung auf das Wahlgeschäft einstimmt. Gewählt wird geheim, Abweichungen zu Fraktionsbeschlüssen kommen häufig vor.

Mark Balsiger

Zur Volkswahl des Bundesrates: ein Ladenhüter wird erneut aufgefrischt

Die Aussage ist lapidar und wird oft verwendet: “Das Volk hat immer Recht.” Ein Teil ebendieses Volkes sprach sich letzte Woche deutlich gegen die Volkswahl des Bundesrats aus. Laut einer Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Isopublic fanden 59 Prozent der Befragten, dass der Bundesrat weiterhin durch das Eidgenössische Parlament zu wählen sein, 3 Prozent hatten noch keine Meinung, währenddem 38 Prozent für eine Volkswahl votierten. *** Für die Volkspartei ist das ein Dämpfer.

Die Volkswahl des Bundesrats ist ein veritabler Ladenhüter. SVP-Titan Christoph Blocher hievte sie 1998 im “Albisgüetli” auf die Agenda. Sie hielt sich allerdings nicht lange. Unmittelbar nach der Abwahl von Bundesrat Christoph Blocher im Dezember 2007 wurde die Volkswahl erneut aufgewärmt. Damals von Fraktionschef Caspar Baader. Bald setzte die Idee erneut Staub an.

Es geht um die Ökonomie der Aufmerksamkeit

Nachdem die Schweizerische Volkspartei die Initiative zur Volkswahl bislang nicht aufgleisen konnte oder wollte, macht nun die SVP-Kantonalsektion Zürich Dampf. Sie hat die Initiative vor ein paar Tagen öffentlichkeitswirksam angekündigt, ein Zurückrudern würde deshalb unglaubwürdig. Allerdings entscheidet die Partei erst am 22. August abschliessend, ob sie die Volksinitiative wirklich lancieren will.

Das Ansinnen hat vorab zwei Gründe:

1.  Alfred Heer, der neue Präsident der Zürcher SVP, muss sich profilieren. Gerade weil der Aufstieg der Volkspartei im Kanton Zürich seinen Anfang nahm. Christoph Blocher präsidierte diese Kantonalsektion von 1977 bis 2003. In dieser Zeitspanne stemmte er seine Partei von einem Wähleranteil von 11,3 Prozent (1977) auf über 30 Prozent. Die Fussstapfen sind für Nationalrat Heer gross.

2.  Der Volkspartei geht es um “die Ökonomie der Aufmerksamkeit” wie sie der Philosoph Georg Franck 1998 in seinem Buch bezeichnete. Bei der Couchepin-Ersatzwahl vom 16. September hat die SVP nur eine Statistenrolle, deshalb musste sie einen eigenen medienwirksamen Vorstoss anschieben. (Er ist erneut medienwirksam bei der definitiven Lancierung,  in der Phase der Unterschriftensammlung, bei der Einreichung der Unterschriften, bei der Behandlung im Eidgenössischen Parlament und schliesslich im Abstimmungskampf selber).

Die SVP fühlt sich im Bundesrat untervertreten. Dass Eveline Widmer-Schlumpf  am 13. Dezember 2007 den zweiten Sitz der SVP sichern wollte, haben viele Parteimitglieder ausgeblendet. Hätte sie damals die Wahl nicht angenommen, wäre in der Folge CVP-Ständerat Urs Schwaller (FR) zum Handkuss gekommen. Eine Mehrheit der Vereinigten Bundesversammlung war zum Schluss gekommen, das sie das “Experiment Blocher im Bundesrat” nach vier Jahren beenden wollte.

Zweimal stimmte das Volk schon ab, zweimal sagte es Nein

Über die Volkswahl des Bundesrats stimmten die Schweizerinnen und Schweizer schon zweimal ab: Im Jahr 1900 scheiterte die Volksinitiative mit 65 Prozent Nein, 1942 mit 68 Prozent Nein. Die treibenden Kräfte hinter dem ersten Anlauf waren die Katholisch-Konservativen (die heutige CVP) und die SP, beim zweiten waren es die Sozialdemokraten alleine. Beiden Parteien ging es um eine adäquate Vertretung im Bundesrat: So stellten die Katholisch-Konservativen im Jahr 1900 mit dem legendären Josef Zemp erst einen Bundesrat (nebst sechs Freisinnigen).

Die SP, die seit der Einführung des Proporzwahlsystems 1919 stets zu den drei wählerstärksten Parteien gehört, musste mehrere Dutzend Male vergeblich anrennen, bis ihr die bürgerlichen Parteien mitten im Zweiten Weltkrieg erstmals den Einsitz in der Landesregierung erlaubten. Den zweiten Bundesratssitz errang die SP 1959, dem Geburtsjahr der Zauberformel, die bis 2003 Gültigkeit hatte (Je 2 Vertreter von CVP, FDP und SP, 1 Vertreter der SVP).

Mark Balsiger

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*** Stichprobe: 506 Befragte, Stichprobenfehler max. +/- 4,5%; die Befragung erfolgte vom 2. bis 4. Juli 2009

Von Strategen und “Strategen” im Bundesrats-Wahlkrimi

Am 16. September wird die Nachfolge von Bundesrat Pascal Couchepin bestimmt. Vor drei Wochen hatte er seine Demission auf Herbst bekannt gegeben. Seit Jahrzehnten ist es bei Bundesratswahlen nicht mehr vorgekommen, dass die Zeitspanne zwischen Rücktrittsankündigung und Wahltermin so lange ist.

Die Medien interpretieren täglich. In zwei Punkten herrscht Konsens:

1. Man spricht allgemein von einem Wahlkrimi
2. Der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Couchepin wird entweder FDP- oder CVP-Mitglied sein

Viele Medienschaffenden finden zudem, dass jetzt bloss ein “Vorgeplänkel” im Gang sei. Ich halte – halbwegs – dagegen, weil diese Phase immerhin aufgezeigt hat, wer strategisch talentiert ist und wer weniger.

Die Muttersprache als wichtigstes Kriterium?

Die ersten drei Wochen dieses Wahlkrimis waren dominiert von der Frage, was ein richtiger Romand sei. FDP-Chef Fulvio Pelli hatte diese Debatte früh losgetreten. In einem Interview strich er heraus, dass der Favorit in den Reihen der CVP, Ständerat Urs Schwaller, kein Romand sei. Schwaller ist in der Tat Deutschfreiburger, allerdings ein Bilingue, der während seiner 12 Jahre als Staatsrat (Regierungsrat) fast immer Französisch sprach. Zudem: die Bevölkerung Fribourgs ist zu 75 Prozent französischsprachig, der Kanton wird deshalb als welsch betrachtet.

Diese Debatte ist brandgefährlich. Wenn die Muttersprache das wichtigste Kriterium für die Besetzung einer Schlüsselposition in diesem Land wird, ist das ein Spiel mit dem Feuer. Einer, der das in einem Aufsatz gut auf den Punkt brachte, ist Ständeratspräsident Alain Berset (Fribourg).

Ich fürchte um den Zusammenhalt (Text von Alain Berset; PDF)

Indirekt bricht Berset, einer der wenigen Charismatiker unter der Bundeshauskuppel, mit diesem Text eine Lanze für seinen Ständeratskollegen Urs Schwaller. Das ist bemerkenswert, weil Berset selber als Bundesratskandidat gilt, der dereinst Micheline Calmy-Rey beerben könnte. Wird Schwaller gewählt, sinken Bersets Chancen auf praktisch Null. Die Kantonsklausel ist zwar gefallen, zwei Vertreter aus demselben Kanton werden aber wohl nur beim demografisch klar grössten Zürich geduldet (2003 – 2007: Moritz Leuenberger/Christoph Blocher; 2008 – …. : Moritz Leuenberger/Ueli Maurer).

Schwaller ist verwundet, ein Vorteil für Pelli?

Fulvio Pellis Angriff auf Schwaller war zwar kein Blattschuss, hat den stärksten CVP-Papabili aber doch verwundet. Pelli zeigt damit ein weiteres Mal auf, dass er ein cleverer Stratege ist. Dass er es nicht nur für seine Partei bzw. den Erhalt des zweiten FDP-Sitzes tut, sondern vermutlich auch für sich selbst, steht auf einem anderen Papier. Auch in eigener Sache verhält sich Pelli geschickt, obwohl wenn er damit seine Glaubwürdigkeit untergräbt. Zwei Jahre ist es her, da nahm sich Pelli selbst aus dem Rennen, ohne dass ich ihm das damals glaubte.

Strategisch in einer anderen Liga agierte bislang Ueli Leuenberger, Präsident der Grünen. Sein Flirt mit ein paar SVP-Hinterbänklern, sekundiert von Jungstar Bastien Girod, hat sich als hochsommerlicher Furz bereits wieder verflüchtigt. Die Idee, dass die SVP im September den Grünen zu einem Bundesratssitz verhelfen sollte, um 2011 der SP einen Sitz wegzuschnappen, hat Schnitzelbangg-Potential – oder wäre Stoff für die Satiresendung Giacobbo/Müller.

Die Grünen (24 Sitze) und die SVP (65 Sitze) erreichen zusammen maximal 89 Stimmen. Das reicht nicht, um einen Bundesrat zu küren. Nebst diesem mathematischen Problem sind die inhaltlichen Differenzen zu berücksichtigen: Grüne und SVP sind sich spinnefeind, einzig bei Vorlagen des VBS kommt es vor, dass die beiden Parteien an einem Strick ziehen, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Motiven. Die Wählerschaft beider Parteien würde ein Päckli nie goutieren.

Hüsch und Hott bei Grünen-Chef Ueli Leuenberger

Während des Flirts passierte auf dem Generalsekretariat der Grünen ein Fauxpax: Das Strategiepapier der Partei ging irrtümlich an den Medienverteiler. Eine knappe halbe Stunde später wurden die Empfänger aufgefordert, die vorherige Mail doch zu löschen, es handle sich lediglich um ein paar persönliche Gedanken. Das Hüsch und Hott fand ein vorläufiges Ende mit der Ankündigung vom 28. Juni, man strebe jetzt doch drei Sitze an – zusammen mit der SP. SP-Präsident Christian Levrat muss sich fragen, wie verlässlich der Präsident der Grünen als sein natürlicher Partner eigentlich ist.

Ueli Leuenberger hat sich ein Glaubwürdigkeitsproblem eingehandelt. Erinnert sei auch an die Bundesrats-Ersatzwahl im Dezember 2008, als der offizielle Kandidat der Grünen, Luc Recordon, von der eigenen Partei im Regen stehen gelassen wurde. Ihre Stimmen gingen bereits beim ersten Wahlgang zu einem beträchtlichen Teil an Hansjörg Walter (svp, TG).

Schliesslich: Wann wurde bislang darüber diskutiert, welche Eigenschaften der neuen Bundesrat haben muss bzw. welche Baustellen im EDI auf ihn warten?

Genau diese Baustellen würden das Profil des neuen Bundesrats definieren. Die “Arena” versuchte vor zwei Wochen, das in den Mittelpunkt der Sendung zu stellen, scheiterte aber aufgrund der Zusammensetzung im Ring. Christoph Blocher und Roger Schawinski verbissen sich alle paar Minuten in Blochers Vergangenheit.

Mark Balsiger

Vom Anspruch auf Bundesratssitze

Für die “NZZ am Sonntag” ist klar, dass die BDP bei der Couchepin-Ersatzwahl “die Mehrheitsmacherin” ist. Der “Sonntag” kommt zu einem anderen Schluss: Königsmacherin sei die SP. “News” von heute vermeldet, dass “die 10 Tessiner Parlamentarier das Zünglein an der Waage” seien.

Drei Medien, drei Thesen. Sie sind nicht falsch, führen aber zu einer Kakophonie, und das sorgt womöglich für Verwirrung.

Bis zum Wahltermin vom 16. September werden noch zahllose Spekulationen, Berichte und Zwischenstandsmeldungen, Analysen und “Analysen” erscheinen. Die Medien sind mächtige Akteure in diesem langem Wahlkrimi, obwohl das Wahlorgan schliesslîch bloss 246 Personen umfasst.

Ich werden in den nächsten drei Monaten einerseits Aspekte, die wenig berücksichtigt werden, thematisieren. Andererseits versuche ich, einzuordnen oder auf Beiträge hinzuweisen, die losgelöst von der fiebrigen Suche nach dem neusten Luftheuler einen Mertwert bedeuten.

Ein solcher Beitrag findet sich in der gestrigen Ausgabe der NZZ.

Konkordanz mit dem Rechenscheiber (NZZ; PDF)

Martin Senti beleuchtet anhand von Berechnungen des Politologen Daniel Bochsler die beiden relevanten Modelle. Das Fazit birgt eine veritable Überraschung – doch schauen bzw. lesen Sie selbst.

Tabelle

(Dieser Beitrag wurde gestern schon einmal gepostet, generierte aber technische Fallstricke und musste deshalb vorübergehend wieder vom Netz genommen werden, pardon. Insbesondere an J.C. – Ihr Kommentar ist entschwunden.)

Urs Schwaller (cvp) oder Didier Burkhalter (fdp) ist nicht gehupft wie gesprungen

Voraussichtlich am 16. September wird bestimmt, wer Nachfolger von Bundesrat Pascal Couchepin wird. Gesichert ist, dass die Ausmarchung zwischen einer FDP- und einer CVP-Kandidatur erfolgt. Sowohl die Grünen wie die SVP werden nicht antreten oder chancenlos ausscheiden.

Das Wahlorgan ist die Vereinigte Bundesversammlung, was in der Hitze der letzten zwei Tage zuweilen in Vergessenheit geriet. Wahlberechtigt sind also die 246 Mitglieder des National- und Ständerats. Da hilft es der FDP nur bedingt etwas, mit einer Karikatur die Wähleranteile in den Vordergrund zu stellen:

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Sollten SP, Grüne und die CVP/EVP/GLP-Fraktion geschlossen für einen CVP-Kandidaten stimmen, erreichte dieser genau 127 Stimmen und wäre damit gewählt. Soweit die Theorie.

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Als Königsmacherin fungiert, kraft ihrer Fraktionsstärke, die SP. Sowohl Parteipräsident Christian Levrat wie Fraktionschefin Ursula Wyss betonten bereits, dass es für die SP vor allem auf die Profile der Kandidaten ankäme und nicht auf deren Partei. Zweifellos ein geschicktes Wording, das sofort Druck aufbaut.

Die beiden Favoriten heissen bislang Urs Schwaller (cvp, 56-jährig) und Didier Burkhalter (fdp, 49-jährig). Beide sind Ständeräte – Schwaller für den Kanton Fribourg, Burkhalter für Neuenburg.

Betrachten wir die Smartspider von Smartvote der beiden Papabili aus dem Wahljahr 2007.

Zuerst der Smartspider von Urs Schwaller:

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Und nun der Smartspider von Didier Burkhalter:

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Die inhaltlichen Unterschiede zwischen Schwaller und Burkhalter, die beide Bundesratsformat haben, sind bedeutend. Es wäre also nicht gehupft wie gesprungen, welcher der beiden auf den Wahlzetteln notiert wird. Burkhalter sei ein Linksfreisinniger, monierten diverse bürgerliche Parlamentarier. Dessen Smartspider korrigiert diese Aussagen.

Die Frage ist nun, inwiefern die Smartspider, die womöglich auf taktisch bedingten Antworten basieren, die SP als Königsmacherin beeinflussen. Zweifellos verlässlicher wäre es, wenn sie das Abstimmungsverhalten der Kandidaten in den letzten Jahren systematisch auswertet. Eine Aufgabe, die auch die Medien wahrnehmen könnten.

Mark Balsiger

Sujets:

– Karikatur Radfahrer: fdp.ch
– Sitzverteilung Parlament: zoonpoliticon.ch

Der Bundesrat kriegt Noten

SCHWEIZ BUNDESRATSFOTO 2009

Unlängst beklagte ich den grassierenden Benotungsfimmel in unserem Land. Heute kriegte die Landesregierung für einmal nicht nur verbale Prügel: Im Newsnetz erhalten die sieben Mitglieder auch Noten wie vor vielen Jahren als sie noch Primarschüler waren. Moritz Leuenberger glänzt als Bester mit einer 5, Hans-Rudolf Merz erhält bloss eine 3,5.

Der Autor (Hubert Mooser) stiefelt bei jedem Bundesrat ein paar Plus- und Minuspunkte zusammen, zieht ein knappes Fazit – und schwupps auch eine Note aus dem Hut. Willkommen im Politjournalismus 2009.

Über die Bewertungskriterien tappen wir auch nach der Lektüre des Artikels im Dunkeln. Wurden Charisma, Sozialkompetenz, Durchsetzungsvermögen, Führungsstärke, Verhandlungsgeschick und Eloquenz gemessen? Und falls Ja: Wie misst man solche Qualitäten nach einigermassen objektiven Kriterien?

Ich weiss es nicht. Zudem: Wer war die Jury? Der Autor alleine? Ein paar seiner Kolleginnen und Kollegen, die er am Kaffeeautomaten befragte? Politiker? Experten?

Es wäre durchaus möglich, einzelne Aspekte zu messen, etwa die Anzahl gewonnener Volksabstimmungen oder die Anzahl gewonnener Abstimmungen im Parlament. Eine solche Gesamtbewertung hätte eine gewisse Relevanz erreicht, aber eine aufwändigere Recherche bedingt.

Fazit: So schwach der Bundesrat seit Monaten regieren mag, die als “Analyse” angepriesene Geschichte mit dem Titel “Wie schlecht ist dieser Bundesrat wirklich?” verdient keine genügende Note.

Nachtrag vom Freitag, 8. Mai:

Was eine Analyse sein kann, zeigt in der Printausgabe des heutigen “Tages-Anzeigers”. Verena Vonarburg nimmt sich Bundesrat Pascal Couchepin zur Brust – ohne Note.

Dieser Vergleich hat einige tragische Note: Bei der Redaktion des Print-Tagi wird demnächst eine Massenkündigung ausgesprochen, die Online-Redaktion geniesst Heimatschutz.


Offizielles Bundesratsfoto 2009: keystone

Samuel Schmid bricht sein langes Schweigen

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Samuel Schmid hat seinen Urlaub vorzeitig abgebrochen. Gestern war er wieder im Bundeshaus, heute um 15 Uhr stellte er sich kurzfristig den Medien. Geduldig nahm er sich den Fragen an, zwei- oder dreimal verlor er kurz den Faden. Sein Auftritt war aber insgesamt solid. Er machte klar, dass er “voll und ganz” hinter Armeechef Roland Nef stehe.

Viele Fragen kreisten um den Umstand, dass Schmid vor Jahresfrist den Gesamtbundesrat nicht über die damals noch laufende Strafuntersuchung gegen Nef informiert hatte. Dahinter sei “keine Absicht gewesen, den Bundesrat hinters Licht zu führen”, erklärte der VBS-Vorsteher. “Die Strafuntersuchung war ein kalkulierbares Risiko.”

Im Verlauf dieser Medienkonferenz hat sich bei mir der Eindruck verstärkt, dass es sehr schwierig ist, die Abläufe von Verfahren zu verstehen. Das ist eine echte Herausforderung, gerade für Nicht-Juristen. Dass Schmid den Inhalt der Strafuntersuchung gegen Nef nicht kennt, nicht kennen will, überrascht. Er begründete das mit dem Respekt vor der Privatsphäre Nefs.

Ob er, Bundesrat Schmid, noch handlungsfähig sei, frage einer der Journalisten. Schmid fragte zurück: “Welche Bundesräte sind aus ihrer Sicht handlungsfähig – ich höre?” Der überrumpelte Journalist gab zur Antwort: Doris Leuthard. “Dann wären also sechs Bundesräte nicht mehr handlungsfähig”, konstatierte Schmid. Erheiterung im Saal. Womöglich hatte da einer nicht gemerkt, wie ihm die Hosen heruntergezogen wurden.

Mit diesem Auftritt Schmids ist der Wind nicht aus den Segeln, aber der grösste Sturm dürfte vorüber sein. An der ersten Bundesratssitzung nach den Sommerferien am 20. August wird dieser Fall traktandiert. Bei der Sicherheitspolitischen Kommission (SiK) bereits zwei Tage vorher. Dass der Gesamtbundesrat Schmids Handeln öffentlich kritisieren wird, können wir ausschliessen. Ausser der SVP hat keine Partei ein Interesse daran, dass Schmids Position weiter geschwächt wird oder sogar sein Kopf rollt.

Samuel Schmid hätte sich bereits am Montag den Fragen der Medien stellen müssen. So wäre der Sturm gar nicht erst aufgekommen. Weiter hätte er ein starkes Zeichen gesetzt, wenn er gemeinsam mit Roland Nef aufgetreten wäre. Gestern wäre die Gelegenheit dazu da gewesen.

Interessant ist, dass er sich hinter seinen Armeechef stellt. Genauso ist diese Aussage auch zu verstehen. Schmid schob Roland Nef in den Vordergrund, sein eigenes Wirken hingegen versuchte er zu dethematisieren.

Schmid hat mit seinem heutigen Auftritt nicht an Statur gewonnen. Er stünde besser da, wenn er sein langes Schweigen als Fehler bezeichnet hätte. Er hätte auch bekennen können, dass das Auswahlprozedere angesicht der Strafuntersuchung aus heutiger Sicht nicht optimal gewesen war. Damit hätte er gepunktet, Ehrlichkeit wird belohnt.

Schmid verzichtete aber auf Selbstkritik, stattdessen kritisierte er die Medien. Diese wiederum verbissen sich in die Geschichte, weil die beiden Schlüsselakteure zu lange auf Tauchstation gingen. Und weil die Ernennung Nefs Samuel Schmid nicht als umsichtigen VBS-Vorsteher erscheinen lässt.

Das letzte Kapitel dieser Story ist noch lange nicht geschrieben. Die Skandalisierungsspirale dreht sich weiter. Wir dürfen mit neuen Enthüllungen und “Enthüllungen” zur Causa Nef rechnen. Das nächste Mal am Sonntag.

Foto Samuel Schmid: Reuters

Samuel Schmid und die Volksjustiz

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Aus einer Mücke wird ein Elefant, aus einem politischen Fehler eine Staatsaffäre. Aus Spekulationen werden innerhalb von 24 Stunden knallharte Fakten. Bundesräte sollen zurücktreten. Journalisten machen Überstunden, Kommunikationsspezialisten auch. Köpfe werden röter, die Temperaturen steigen.

Willkommen im Sommertheater 2008.

Vor Jahresfrist wählte der Gesamtbundesrat Roland Nef zum neuen Chef der Armee. Zu diesem Zeitpunkt war das Strafverfahren, das seine ehemalige Partnerin ausgelöst hatte, noch nicht eingestellt. Sie bekundete aber schon damals, dass sie kein Interesse mehr an einer rechtlichen Beurteilung ihrer Vorwürfe habe.

Aus heutiger Sicht wäre es zweifellos richtig gewesen, wenn Samuel Schmid die anderen Mitglieder des Bundesrats über das Strafverfahren gegen Nef informiert hätte. Aus der damaligen Sicht war diese Information nicht zwingend. Die private Angelegenheit Nefs war de facto abgeschlossen, nicht aber de jure. Das ist gemäss Juristen jeweils eine reine Formsache.

Ich finde es falsch, dass Schmid die Krise – und das ist seit Montag definitiv eine! – nun offenbar aussitzen will. Nachdem der Fall in der “SonntagsZeitung” angestossen wurde, hätte ein schnelles Handeln den Brand löschen können. Schon am frühen Sonntagmittag hätte im VBS klar sein müssen, dass der Vorsteher an die Öffentlichkeit treten muss – Ferien hin oder her.

Eine Medienkonferenz am Montagmorgen wäre die richtige Strategie gewesen. Auch wenn Schmid vermutlich kaum etwas Neues zu sagen gehabt hätte. In solchen Situationen geht es schlicht darum hinzustehen und sich den vielen Fragen der Journalisten zu stellen. Auf diese Weise kann die Spitze des Speeres gebrochen werden.

Der Aufwand für eine offensive Abwicklung des Falles wäre bescheiden gewesen. Stattdessen ist jetzt eine Medienkampagne im Gang, die so schnell nicht mehr stoppt. Sie braucht Nerven, kostet Zeit und hinterlässt einen beträchtlichen Flurschaden. Hässlich ist die eigentliche Volksjustiz, die eingesetzt hat. Wider besseren Wissens wird in Internet-Foren anonym diffamiert, dass einem bei der Lektüre angst und bange wird.

Foto Samuel Schmid: keystone