Wahlen in Massachusetts: Ein klares Signal, aber kein Fanal für Barack Obama

Bei Wahlen in den USA gibt es eine Konstante: Die Bundesstaaten an der Ostküste wählen traditionell demokratisch. Vor diesem Hintergrund ist der Sieg des Republikaners Scott Brown (Foto unten) in Massachusetts eine zünftige Überraschung.

scott_brown_senator1_250_apBrown löst den legendären Edward “Ted” Kennedy als Senator ab, der im August letzten Jahres an einem Hirntumor verstarb. Ted Kennedy, der jüngste Brüder von John F. Kennedy, war von 1962 bis 2009 – 47 Jahre lang! – Senator von Massachusetts gewesen. Er galt bis zu seinem Tod nicht nur als herausragende und glamuröse, sondern auch als die bestimmende Figur im Establishment der Demokraten. Sein Positionsbezug im innerparteilichen Wahlkampf zugunsten von Obama (und gegen Hillary Clinton) war ein wichtiger Faktor für den Sieg des jetzigen Präsidenten.

Nach dem Sieg Browns in Massachusetts setzt sich der 100-köpfige Senat neu aus 59 Demokraten und 41 Republikanern zusammen. Das ist deshalb von Bedeutung, weil die Republikaner so erneut die wichtige Sperrminorität erreichen, dank der sie Reformen verschleppen und Gesetze verwässern können. In der europäischen Berichterstattung von heute ging weitgehend unter, dass das Kräfteverhältnis von 59:41 Sitzen wieder genau gleich aussieht wie vor Jahresfrist.

reprasentantenhaus_250_800px-111ushousestructuresvgDer Erfolg der Republikaner in einer demokratischen Hochburg ist für sie psychologisch wichtig. Er ist ein klares Signal, aber gewiss kein Fanal. Die allermeisten US-Präsidenten der letzten Jahrzehnte hatten keine soliden Mehrheiten im Kongress hinter sich. Obama hat sie – noch.

Bei der amerikanischen Bevölkerung hat sich seit der elektrisierenden Party vor Jahresfrist Ernüchterung breit gemacht, sie merkt, dass Barack Obama kein Hexer ist. Die Stunde der Wahrheit schlägt für ihn aber erst am 2. November 2010. Dann finden die Wahlen für einen Drittel des Senats sowie für alle 435 Sitze des Repräsentantenhauses statt. Auch dort haben die Demokraten zurzeit mit 256 Sitzen eine klar Mehrheit (siehe Grafik, blau), die Repulikaner kommen auf 178 Sitze (rot). 1 Sitz ist im Moment nicht vergeben.

Das Kabinett von Barack Obama ist auf dem harten Boden der Realität gelandet. Der Titel der ganzseitigen Analyse in der NZZ von heute, genau ein Jahr nach dem Amtseid, tönt versöhnlicher als meine saloppe Formulierung: “Obama ist auch nur ein Präsident”.

Obama ist auch nur ein Präsident (PDF)

Nachtrag vom 21. Januar: Martin Kilian, Korrespondent des “Tages-Anzeigers”, ist in seiner Analyse über die Auswirkungen der Massachusetts-Wahl weit kritischer:

Den Demokraten droht der politische Kollaps (PDF)

Kartenausschnitt US-Ostküste: netstate.com
Foto Scott Brown: ap
Grafik Repräsentantenhaus: wikipedia.org

Minarett-Nachbeben: Ko-Initiantin räumt ein, dass es nicht um Betontürmchen ging

barbara_steinemann_svp_zh_large_zh_chEhrlichkeit ist nicht die ständige Begleiterin der Politik. Umso bemerkenswerter, was Barbara Steinemann, Zürcher Kantonsrätin (svp), heute mit verblüffender Offenheit preisgab. (Präziser: sie bestätigte, was seitens der Initiativ-Gegner schon lange ins Feld geführt wurde.)

Steinemann hatte im April 2006 eine parlamentarische Initiative mit dem Titel “Bauverbot von Minaretten” eingereicht. Der Kantonsrat lehnte ihren Vorstoss im Juni 2008 mit einem Verhältnis von 2:1 ab. Er legte aber den Grundstein für die nationale Volksinitiative, die das Egerkinger Komitee lancierte.

Aber zurück zur verblüffenden Ehrlichkeit. Barbara Steinemann, Ko-Initiantin der Volksinitiative, deren Ausgang seit Sonntag die Wogen hoch gehen lässt, sagte heute im “Tages-Anzeiger”:

“Uns ging es gar nicht um die Minarette, das sind bloss Betontürmchen.” Man habe bewusst versucht, eine Stellvertreterdiskussion anzustossen, einen Islamdiskurs anzuregen. “Wir konnten ja keine Initiative einreichen mit dem Titel: keine Extrawürste für Muslime.”

Foto Barbara Steinemann: zh.ch

Anti-Minarett-Initiative: Dank Nährboden, Medien und schwachen Gegnern gewonnen

minarett_lead_138730651256630723Volksinitiativen haben einen schweren Stand. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass seit 1891 nur gerade eine von zehn Initiativen angenommen wurde. Dass die Anti-Minarett-Initiative mit einem Ja endet, und das sehr deutlich, ist eine dicke Überraschung.

Normalerweise baut sich die Unterstützung für Volksinitiativen während den Abstimmungskampagnen sukzessive ab. Bei der Anti-Minarett-Initiative geschah das Gegenteil. Sie ist damit eine von drei Ausnahmen in den letzten 20 Jahren – nebst der Armeeabschaffungs-Initiative von 1989 und der Asyl-Initiative von 2002 (die allerdings trotzdem beide abgelehnt wurden).

Bei der letzten Umfrage, die vor drei Wochen gemacht wurde, standen sich 37% Ja und 53% Nein gegenüber (bei 10% Unentschlossenen). Die Befürworter haben also in der Zwischenzeit rund 20% zugelegt. Dieser Befund bringt der Demoskopie, die in der Schweiz noch immer um Anerkennung ringt, und insbesondere gfs.bern Kritik ein.

Ich plädiere für Fairness und die Einbettung in einen längeren Zeithorizont: Die allermeisten Umfragen und Hochrechnungen, die gfs.bern in den letzten Jahren gemacht hatte, waren präzis. Die hohe Trefferquote lässt sich noch heute jederzeit verifizieren. Der letzte echte “Fehltritt” liegt 10 Jahre zurück: Bei den eidgenössischen Wahlen 1999 wurde der SP noch am Abstimmungssonntag ein deutlicher Verlust prognostiziert. Schliesslich legte sie aber 0,7% zu.

Es liegt für mich auf der Hand, dass ein Teil der Befragten nicht ehrlich Auskunft gab. Man werde Nein stimmen, sagten viele im Vorfeld, warf an der Urne aber ein Ja ein. Die Demoskopen wissen um diese Problematik. Bei Wahlprognosen wird deshalb eine Gewichtung vogenommen, nicht aber bei Abstimmungsprognosen.

Die diffusen Ängste rund um den Islam, die seit Jahren vorhanden sind, konnten in den letzten Monaten nicht reduziert werden. Im Gegenteil: sie wurden noch verstärkt. Das hat viel mit dem Boden zu tun, der in der Schweiz seit Jahrzehnten regelmässig beackert und genährt wird. Den Auftakt machte die Schwarzenbach- bzw. Überfremdungs-Initiative von 1970. Es ist der Nährboden, auf dem die Saat gegen das Fremde, gegen das Andere aufgeht.

Zwei weitere Gründe, die zu diesem deutlichen Ja geführt haben:

Erstens, die Gegner der Anti-Minarett-Initiative: Sie kämpften wenig entschlossen, die Wirtschaft stand abseits und investierte weder Zeit noch Geld in eine Nein-Kampagne. Ich erinnere mich an kaum eine bekannte Person, die in den letzten Monaten beherzt für ein Nein eingestanden wäre.

Viele Politikerinnen und Politiker wähnten die Sache “im Trockenen”, die Wobmanns und Wabers des Egerkinger Komitees wurden nicht ernst genommen, zumal Schlüsselfiguren der SVP wie z.B. Nationalrat Peter Spuhler sich für ein Nein ausgesprochen hatten. Beklemmend: die einzigen Parteien, die die Ja-Parole beschlossen hatten, erreichen zusammen einen Wähleranteil von 30,7% (SVP: 28,9%, EDU: 1,3%, Lega: 0,5%). Heute sagten aber 57% Ja zur Initiative. Da sind die Schäfchen von mehr als einer grossen etablierten Partei ausgeschert. Wir dürfen im Januar die VOX-Analysen mit Spannung erwarten.

Zweitens, die Medien: Sie übernahmen weitgehend das Vokabular der Befürworter. Sie agierten so, wie es im Drehbuch des Egerkinger Komitees stand. Sie fuhren das umstrittene Plakatsujet während Wochen gross und brachten so die Empörungsspirale sofort in Bewegung, ohne das über den Inhalt der Initiative diskutiert worden wäre. Das war Gratis-Propaganda in Millionenhöhe, wie wir es bei einem Abstimmungskampf kaum einmal erlebt haben. Transportiert und verstärkt haben die Medien auf diese Weise vor allem die Angst vor einer angeblichen Islamisierung.

Es wird noch kälter in unserem Land.

Mark Balsiger

Zum Thema:
– Kommentar NZZ: Ein Zeichen – keins von Selbstvertrauen
– Kommentar “Schaffhauser Nachrichten”: Man haut den Sack und meint den Esel
– Augenreiberei (Blog): Schöne heile Schweiz
– Thinkabout (Blog): Schweizer gegen Minarette – wie umgehen damit?

Foto des Minaretts in Genf: Reuters

Linke Alternative versucht es “Top-down” statt “Bottom-up” – eine Première

Die Schweiz scheint ein guter Nährboden zu sein für neue Parteien. So sind in den letzten Jahren entstanden:

Grünliberale Partei GLP (2004, Abspaltung von den Grünen Zürich)
Bürgerlich-Demokratische Partei BDP (2008, Abspaltung der SVP)
Familiä-Partei (2007, inzwischen 3 Sektionen: Aargau, Bern, Solothurn)
Onlinepartei (2007, früher Internetpartei)
Piratenpartei (2009)

Gestern formierte sich eine weitere neue Partei, ihr Name: Linke Alternative. Sie will sich mit einem akzentuierten Linkskurs positionieren, weil die etablierte Linke in der Sackgasse stecke.

Neue Parteien werden gegründet und verschwinden meistens wieder. Das belebt jeweils die etablierten Parteien zu Beginn (wenn die Neuen Druck machen und erste Mandate gewinnen) und direkt nach der letzten Phase (aufgrund von Parteiübertritten).

Im linken Lager entstanden aus den Studentenunruhen von Ende der Sechzigerjahre die Progressiven Organisationen Schweiz (POCH, 1969 – 1993), die Revolutionäre Marxistische Liga (RML, 1969 – 1980) sowie die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP, 1980 – 1990, als Nachfolgepartei der RML). Nach den Auflösungen dieser Parteien schlossen sich viele Mitglieder der SP oder den Grünen an.

Ob die Linke Alternative Fuss fassen kann, ist offen. In jedem Fall ist der Weg zu Mandaten und Einfluss lang und steinig. Vermutlich macht ihr der Erfolg der deutschen Schwesterpartei Die Linke, die bei den Bundestagswahlen vor ein paar Monaten 11,9 Prozent erreichte, Mut.

linke_2Allerdings erkenne ich keine Parallelen zu der Entwicklung in Deutschland: Die SPD kann man nur beschränkt mit der SP Schweiz vergleichen. Zudem konnte Die Linke in den fünf deutschen Bundesländern im Osten die Strukturen und viele Mitglieder der DDR-Staatspartei SED (Sozialistische Einheitspartei) übernehmen. Sie hat aber auch zwei charismatische Leaderfiguren, die den anderen Parteien, insbesondere der SPD, auf der Nase herumtanzen: Oskar Lafontaine und Gregor Gysi.

Der Umbau des linken politischen Spektrums ist zwar auch in der Schweiz im Gang. Zum einen kommen sich Grüne und SP zunehmend in die Quere. Zum anderen ergatterten sich die Grünliberalen in der Mitte eine Mische. Ihr schnelles Wachstum im urbanen Raum schmerzen SP und Grüne, aber auch die FDP.


Die Linke Alternative
wählt einen atyptischen Weg und gerade das macht es spannend, ihre weiteren Schritte zu verfolgen: Sie setzt nicht auf “Bottom-up”, wie das in der föderalistischen Schweiz üblich ist. Nein, sie will zuerst eine gesamtschweizerische Partei gründen. Sie versucht es also andersrum, “Top-down”. Für die Schweiz ist das eine Première.


Link: TV-Interview mit Florian Keller, Schaffhauser Kantonsrat der Alternativen Liste und einem der treibenden Kräfte der neuen Partei

Minarett-Verbotsinitiative: Die Befürworter haben Waffen, aber keine Munition

minarette_plakat_200_quelle_unbekanntDiese Stellungnahme hat Gewicht: Die eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) kritisiert zwar das Plakatsujet der Befürworter, drängt aber nicht darauf, es zu verbieten. Das hätte dem rechtsnationalen Egerkinger Komitee rund um SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer erst recht Zulauf und Kleinspenden gebracht.

Die Entscheidung obliegt nun den Städten: In Basel und Lausanne dürfen die Plakate nicht ausgehängt werden, in St. Gallen und Genf hingegen sind sie erlaubt. Zürich, Luzern und Bern werden morgen oder in den nächsten Tagen entscheiden. Schon jetzt ist klar: Die Schweiz wird zu einem Plakat-Flickenteppich.

Die Publizität, die das Kampagnensujet in den letzten drei Tage erlangte, dürfte bereits den Werbewert einer hohen sechsstelligen Summe erreicht haben. Das Thema ist gesetzt, der Niederschlag im redaktionellen Teil der Medien enorm und fast überall wird das Sujet abgebildet – gratis.

Die Strategie der Befürworter ist fürs Erste aufgegangen: das Sujet soll provozieren, das Geschäft mit der Angst ankurbeln und so den öffentlichen Diskurs befeuern. Es wird nicht über den Inhalt der Initiative diskutiert, sondern über Stil, Verbote, Meinungsäusserungsfreiheit und anderes mehr. Seit dem Messerstecher-Inserat von 1993 ist diese Strategie schon einige Male erfolgreich umgesetzt worden.

Das Empörungsritual setzte schnell ein, es gibt dem Thema erst recht einen Resonanzkörper. Die missionarischen Gegner, die mit fast schon heiligem Eifer kämpfen, leiten weiter Wasser auf die Mühlen der Befürworter. Sie täten gut daran, gelassener aufzutreten, ohne aber arrogant zu werden. Wenn die Emotionen hochgehen, reagiert man besser betont sachlich und ruhig. Es dürfte Baldrian für sie sein, dass laut einer aktuellen Meinungsumfrage 51 Prozent die Initiative ablehnen und nur 35 Prozent befürworten.

Doch zurück zu den Befürwortern. Sie haben einen entscheidenden Fehler begangen: ihre Kampagne startete zu früh. Sie zielt auf den Bauch des Publikums, es geht nur um Emotionen. Das reicht nicht, zumal die Initiative ein kompletter Schwachsinn ist.

Um auf ihr Sujet anzuspielen: Sie stellten zwar die Waffen bereits, aber es fehlt ihnen schlicht die Munition. Das merkt eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizern. Nüchtern wie wir nun mal sind, werden wir bald einmal nach der Substanz der Initiative suchen – und nichts finden.

Staubtrocken müssen wir festzustellen: Wer sich auch nur 10 Minuten mit dieser Initiative auseinandersetzt, wird den Kopf schütteln und konstatieren: sie nützt nichts. Lesen Sie selbst.

Mark Balsiger

“The Sun” lässt Gordon Brown fallen

“The Sun” ist nicht einfach ein Boulevardblatt, sondern noch immer eine Macht. Mit einer Auflage von 3,1 Millionen Exemplaren und rund 10 Millionen Lesern ist sie die grösste Zeitung Grossbritanniens. Gestern beschied “The Sun” ihren Lesern, dass sie die Labour-Partei nicht weiter unterstützen werde.

gordon_brown_11tech_wordpress_com_small200Für den erfolglosen Premierminister Gordon Brown (Bild) ist das ein weiterer herber Schlag, viele Kommentatoren zählen ihn seit geraumer Zeit aus. “We have to swim with the tide”, begründet die Redaktion ihren Wechsel zu den Tories. In der Tat führen die Konservativen in Meinungsumfragen deutlich: Sie erreichten Ende September 43 Prozent, Labour 26 Prozent.

In der Geschichte von “The Sun” gab es mehrere Seitenwechsel: 1997 unternahm der Spitzenkandidat der neuformierten Labour-Partei, Tony Blair, eine Reise nach Australien, um “Sun”-Besitzer Rupert Murdoch um Unterstützung für seine Kampagne zu bitten. In den Jahren zuvor ballerte das Revolverblatt auf Labour in einem Stil, den man auf dem Festland nicht kennt.

Das Treffen zwischen Blair und Murdoch fruchtete – kurz vor dem Wahltermin im März 1997 lautete die Schlagzeile auf der Front: “The Sun Backs Blair”. Das war ein zentrales Element der Labour-Kampagne, die damals neue Dimensionen und ein zuvor nie dagewesene Professionalität erreichte.

In verschiedenen Büchern, die nach dem erdrutschartigen Sieg von Labour erschienen sind, wird in diesem Zusammenhang eine Notiz von Blair erwähnt. Er soll Medienmogul Murdoch handschriftlich für die Unterstützung gedankt haben, die “Sun” habe den Unterschied ausgemacht.

Foto Gordon Brown: 11tech.wordpress.com

So lau der Wahlkampf, so spannend wird nun der Umbruch im linken Lager

Im Sommer 1998 war in Deutschland unterwegs. Das Land vibrierte im Wahlkampf: in den Zeitungsspalten, auf den Strassen, in Biergärten – überall. Die beiden grossen Volksparteien CDU und SPD lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, zuvorderst die beiden Schlachrösser Helmut Kohl und Gerhard Schröder. Da war Pfeffer drin, Selbstvertrauen, der Wille zum Sieg.

Dass schliesslich die SPD und Schröder obsiegten, hat viel mit der hochprofessionellen Kampagnenarbeit zu tun. Die Hauptbotschaft verfing: “16 Jahre Kohl sind genug, es braucht einen Wechsel” – zehn Jahre vor Obamas “Change”. Viele Elemente des Wahlkampfes importierte die SPD von der britischen Labour-Partei, die 1997 einen triumphalen Sieg feiern konnten.

Deutschland 2009: Eigentlich plante ich, dieses Wahljahr hier als Schwerpunkt zu setzen. Doch als schon vor einigen Monaten klar wurde, dass kein echter Wahlkampf stattfindet und faktisch nur eine Frage offen ist, liess ich es bleiben. Die Frage lautete: schafft es Schwarz-Gelb (CDU/FDP) oder muss die grosse Koalition der beiden ehemals grossen, aber inzwischen degenerierten Volksparteien von CDU und SPD in eine zweite Runde. Nun, die Frage ist bereits am Wahlabend, anders als vor vier Jahren, klar beantwortet.

Streiflichter auf die Schlüsselfiguren:

Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier haben, nicht erst seit diesem Jahr, die mutmasslich traurigsten Gesichter Deutschlands. Mit matten Augen blicken sie in die Welt, die Mundwinkel zeigen immer nach unten, die Furchen sind tief. Von ihnen ist keine Spur Enthusiasmus zu spüren, Emotionen kennen sie nicht. Gerade im Wahlkampf hätte das beflügelt.

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Guido Westerwelle (Bild) ist genau das Gegenteil von Merkel und Steinmeier, nämlich ein hoch begabter Wahlkämpfer. Er peitscht seine Leute auf, hämmert die immergleichen Botschaften in die Säle und Mikrofone, rotiert unermüdlich. Zwei Fragen drängen sich nun auf: Hat Westerwelle auch das Zeug zum Regieren? Schliesslich wird er Aussenminister und die Nummer zwei des Landes. Und: was hat seine Partei personell zu bieten, weil: bislang machte es den Eindruck, Westerwelle sei die FDP.

Oskar Lafontaine ist der einzige Charismatiker in dieser Runde. Und er ist eigentlich der Architekt der neuen schwarz-gelben Koalition. Ohne ihn wäre die politische Landschaft Deutschland nicht derart umgepflügt worden. Ohne Lafontaine, den verletzten und scharfzüngigen “Napoleon von der Saar” wäre Die Linke nicht zu einer neuen Heimat für enttäuschte SPD-Wähler geworden. Der Einbruch von mehr als 10 Wählerprozenten der Sozialdemokraten hat viel mit dem Aufstieg der Linkspartei zu tun.

Das linke Spektrum (SPD, Grüne, Die Linke) in Deutschland ist im Umbruch, es gruppiert sich sei. Das kann für die SPD regenerierend sein, und dieser weitere Prozess wird spannend.

Spannend wäre es, einen Kontext mit dem Umbruch des linken Lagers in der Schweiz herzustellen: Vor zwei Jahren erlitt die SP eine historische Niederlage. Mit den Grünliberalen wächst eine neue Kraft heran, die der SP im urbanen Raum das Wasser abgräbt. Was im Kanton Zürich im Moment abgeht, ist eine Reaktion darauf.

Mark Balsiger

Fotomontage: sueddeutsche.de
Foto Guido Westerwelle: motor-talk.de

Martin Bäumle ist für SP eine zu “fette Kröte” – Daniel Jositsch wills richten

Stefan Feldmann, Präsident der SP des Kantons Zürich, sagte es so: glp-Nationalrat Martin Bäumle wäre für uns eine “ziemlich fette Kröte” gewesen. Diese Kröte wollten die Sozialdemokraten nicht schlucken, will heissen: sie verzichten auf eine Unterstützung Bäumle bei den Regierungsratsersatzwahlen von Ende November. Im Mitte-Links-Spektrum trachte(te)n drei Parteien danach, Rita Fuhrers (svp) Sitz anzugreifen: Grüne, Grünliberale, SP.

Anstelle von Bäumle, Präsident der Grünliberalen Partei der Schweiz, setzt die SP aber auf einen eigenen Kandidaten. Es zweifelt kaum jemand mehr daran, dass dieser Kandidat Daniel Jositsch heissen wird. Der medial omnipräsente Nationalrat macht aus seinen Ambitionen auch heute keinen Hehl.

Die SP ist mit zwei Mitgliedern in der siebenköpfigen Regierungs des Kantons Zürich vertreten. Jetzt greift sie nach einem dritten Sitz. Das ist legitim und die Stimmberechtigten haben am 29. November eine Auswahl. Bäumle verzichtet inzwischen auf eine Kandidatur – ohne die Unterstützung der SP hätte er keine Chance.

Interessant: Bäumle und Jositsch sind sich, nimmt man ihre Smartvote-Profile der Nationalratswahlen 2007 als Referenzwerte, inhaltlich ziemlich nahe. Einzig beim Politikfeld “Ausbau des Sozialstaats” gibt es deutliche Differenzen.

Martin Bäumles Profil ist lindengrün, dasjenige von Daniel Jositsch rot.

SP-Nationalrätin Chantal Galladé machte an der Delegiertenversammlung im Zürcher Volkshaus klar, worum es ihrer Partei geht: “Wenn wir nicht antreten, können wir uns gleich den Grünliberalen anschliessen.”

Dass die SP für Bäumle nicht Steigbügelhalterin spielen will, ist klar. Die Gründe dafür sollten wir in den nächsten Wochen ausleuchten.

Mark Balsiger

Diplomatie kommt vor Medienfreiheit

calmy_rey_merz_small_nzzViele Bundeshausjournalisten waren zunächst verärgert. An der gestrigen “Medienkonferenz” verzichteten Micheline Calmy-Rey und Hans-Rudolf Merz darauf, Fragen zu beantworten. Es wurde lediglich eine sorgsam ausformulierte Erklärung vorgelesen, danach verliessen die beiden Magistraten das Medienzentrum wieder, von Bodyguards abgeschirmt.

Keine Frage, die Veranstaltung verdient den Namen Medienkonferenz nicht. Usus ist, dass nach Medienkonferenzen Fragen gestellt werden dürfen. Auch bei Auftritten von Bundesräten wird das so gehandhabt, auch wenn in der Regel zeitliche Limiten gesetzt oder die Anzahl Fragen pro Medium auf zwei limitiert werden.

Calmy-Reys und Merz’ gemeinsamer Kurzauftritt war Einwegkommunikation – mit zwei Zielen:

– aussenpolitisch: ein deutliches Signal nach Tripolis, dass der Vertrag, den Merz unterzeichnete, eingehalten wird und dass man von Libyen dasselbe erwartet.
– innenpolitisch: der Bundesrat hat diesen Fall an das Departement delegiert, das sich auch aufgrund seiner Ressourcen und Erfahrungen darum kümmern sollte; die törichte Soloaktion von Merz ist zu Ende.

Das EDA kann und soll nun mit den Instrumenten der Diplomatie arbeiten. Dazu braucht es den Druck der Öffentlichkeit nicht, im Gegenteil: dieser könnte die Bemühungen des EDA bloss gefährden.

Vereinzelte Medien und Kommentatoren bezeichneten die “Medienkonferenz” als “absurd”. Dieser Vorwurf geht zu weit. Die Medienfreiheit ist ein Eckpfeiler der Demokratie, mit der Libyen-Affäre wird sie aber nicht ausgehebelt. Für einmal kommt Diplomatie vor Medienfreiheit – im Sinne der Sache.

Bei den Medien wären vermehrt Selbstkritik und Reflexion vonnöten. Wenn sie Schlagzeilen wie “Rambo, bitte übernehmen Sie!” ins WWW pfeffern, passiert nämlich nur etwas: ihre Glaubwürdigkeit wird unterspült.

Mark Balsiger

Foto: Micheline Calmy-Rey und Hans-Rudolf Merz: nzz.ch

Hans-Rudolf Merz und die Erfolgsmeldung

Sprachregelungen sind “Anker”, gerade wenn die Medien Blut riechen oder ein Sturm aufkommt – so wie in der Libyen-Affäre. Gestern Abend noch hiess es, das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) bzw. der Bundesrat werde sich erst wieder verlauten lassen, wenn die beiden Schweizer Geschäftsleute, die seit rund 12 Monaten in der Schweizer Botschaft in Tripolis festsitzen, im Flugzeug Richtung Schweiz unterwegs seien.

calmy_rey_und_merz_1Nach der Bundesratssitzung wurde ein knappen Communiqué verbreitet mit dem Inhalt, dass die Landesregierung von Merz und Aussenministerin Micheline Calmy-Rey über den aktuellen Stand der bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und Libyen informiert worden seien. Das ist, pardon, “Gähn” – niemand wollte das wissen.

Vor einer knappen Stunde nun ein neues Communiqué aus dem EFD. Die beiden Geschäftsleute hätten nun ein Ausreisevisum erhalten, heisst es. Damit sind sie zwar noch lange nicht in der Heimat, ihr aber immerhin ein Schrittchen näher. Dass die Sprachregelung innerhalb von weniger als 24 Stunden geändert wurde,  lässt darauf schliessen, dass der mediale Druck zu gross ist. Man musste eine “Erfolgsmeldung” absetzen, die Volksseele kocht, die Medien heulen.

Kaum ungeschoren wird Micheline Calmy-Rey davonkommen. Noch konzentrieren sich aber fast alle auf Hans-Rudolf Merz. Er muss sich warm anziehen. Böse Kommentare und Wortspiele schiessen ins Kraut. Ein Beispiel: Kriegen wir für unseren alten Merz noch eine Abwrackprämie?

Mark Balsiger

Archivfoto Micheline Calmy-Rey und Hans-Rudolf Merz: keystone