Calmy-Rey bleibt über 2011 hinaus

Micheline Calmy-Rey wurde mit nur 106 Stimmen zur neuen Bundespräsidentin gewählt. Dass sie ein schlechtes Ergebnis einfahren würde, war schon im Vorfeld klar. Nun wurde ihr sogar ein “Denkzettel” verpasst, den sie verdient habe. Calmy-Rey müsse in diesem neuen Amt “runder” werden, sagte ihre Parteikollegin, die Genfer Nationalrätin Maria Roth Bernasconi, über Mittag auf Schweizer Radio DRS.

Eveline Widmer-Schlumpf erzielte als neue Vizepräsidentin mit 146 Stimmen ein überraschend gutes Resultat. Daraus Schlüsse für die Gesamterneuerungswahlen in einem Jahr zu ziehen, wäre kühn. Am Mittwoch, 14. Dezember 2011 geht es um parteistrategische Machtpolitik. Bis dann wird die SVP weiterhin mit Artillerie und Kavallerie auf Widmer-Schlumpf feuern. Ihr Sitz wackelt.

Die SP wiederum hat dereinst wenig Spielraum, um ihren zweiten Bundesratssitz zu sichern. Tritt Calmy-Rey in einem Jahr zurück, steht ihr Sitz erst an siebten und letzter Stelle zur Disposition. Das kann brenzlig werden: Je nach Dynamik der vorherigen Wahlgänge  könnte sich die bürgerliche Mehrheit des Parlaments darauf verständigen, den offiziellen SP-Kandidaten aus der Romandie (mutmasslich den Fribourger Ständerat Alain Berset) nicht zu wählen.

Dieses Szenario wird realistischer, wenn Widmer-Schlumpf die Wiederwahl schaffen sollte. Dann käme es beim siebten Umgang zu einem Angriff des SVP-Kandidaten – vermutlich erneut Jean-François Rime -, auch er ein Fribourger.

Die SP-Spitze ist sich der Gefahren bewusst. Sie wird alles daran setzen, die wenig geliebte Calmy-Rey auf ein Ausharren in der Landesregierung bis 2012 oder sogar 2013 einzuschwören.

Foto Micheline Calmy-Rey: schweizer-illustrierte.ch

Orgasmus erhitzt katalanische Wähler

Im Wahljahr 2007 produzierten viele Kandidierende Kurzfilme, die sie auf ihren Websites einbanden und auf dem Videoportal Youtube hochluden. Die allermeisten dieser Videobotschaften waren „home made“: Der älteste Sohn richtete eine Handycam auf den Kandidaten, der im Garten vor dem Lindenbaum stand. Oder die Menschenmenge eines Parteianlasses oder Quartierfestes wurde als Staffage benützt.

Die Jungsozialisten des Partido Socialista in Katalonien gingen einen anderen Weg. Mit einem Werbespot wollen sie die jungen Wähler aufrütteln und an die Urne bringen. Am kommenden Sonntag finden Wahlen statt. Der Spot heisst “Votar es un placer”, übersetzt: Wählen ist ein Vergnügen.” Das Video verbreitete sich in den letzten Tagen rasend schnell – kein Wunder:

Die Provokation sitzt, im katholischen Spanien ist das kein Wunder. Der Spot wird in Onlineforen hitizig diskutiert, zum Beispiel hier oder hier.

Womöglich inspiriert diese Produktion die Juso-KollegInnen in der Schweiz.  Bürokollege Suppino schnalzt mit der Zunge: “Genau, wir wollen Cédric Wermuth im Wahllokal sehen.”

Wirklich?

Ausschaffungsinitiative: ein Zeichen setzen, Probleme anpacken oder weiterblöken?

Und wieder wird unser Land wegen einer Volksinitiative durchgeschüttelt. Im Gegensatz zur Anti-Minarett-Initiative vor Jahresfrist wird aber immerhin eine Debatte geführt, die diesen Namen verdient. Zwei Ereignisse sind absehbar:

– In den Leutschenbach-Studios schreien am 28. November die Exponenten der drei Lager Zettermordio. Je nach Ausgang der Abstimmung werden z.B. der Zerfall des Rechtsstaats, die “Pfui”-SVP oder die Kuscheljustiz angeprangert.
– Die nächste Volksinitiative von Rechtsaussen, die auf Ausländer zielt, folgt mit Sicherheit. Vermutlich bereits im nächsten Jahr.

Ein Aufwand von fünf Minuten reicht aus, um die Ausschaffungsinitiative materiell einschätzen zu können – im Bundesbüchlein auf Seiten 16 und 17. Ins Auge sticht der Deliktkatalog, weil er unvollständig und damit willkürlich ist. Schwere Wirtschaftsdelikte oder schwere Körperverletzung werden beispielsweise nicht aufgeführt. Das ist hochproblematisch. Ein Beispiel:

Ein amerikanischer Staatsbürger arbeitet in Zug als Anwalt. Er wird wegen qualifizierter Geldwäscherei, Steuerbetrug in Millionenhöhe und anderen Wirtschaftsdelikten rechtskräftig verurteilt. Er darf bleiben. Ein junger Serbe, der in Kleinbasel als Ameisenhändler geringe Mengen an Kokain verkaufte, wird hingegen ausgeschafft.

Der Initiativtext ist konfus. Er liest sich so, als hätten ein paar Jusstudenten im zweiten Semester nach einer durchzechten Nacht irgendetwas zu Papier gebracht. In der Bundesverfassung hat ein solcher Artikel nichts zu suchen.

Den Gegenvorschlag des Parlaments als Wurf zu bezeichnen wäre verfehlt. Aber er entspricht einem Kompromiss, der die Bundesverfassung nicht verletzt, und er umfasst alle schweren Straftaten. Das ist sein entscheidender Vorteil. In den letzten Wochen betonten die Initianten oft, man müsse jetzt ein Zeichen setzen. Das tönt gut. Zielführend wäre es, wenn das schwelende Problem auch tatsächlich angepackt würde. Gefordert sind insbesondere die Kantone; sie müssen sich in der Praxis auf eine einheitliche Handhabung verständigen.

In breiten Teilen der Bevölkerung ist ein diffuses Gefühl des Unbehagens spürbar; es mischt sich mit Ängsten – etwa vor dem Arbeitsplatzverlust. Der SVP darf man zugute halten, dass sie mit der Ausländerkriminalität ein real existierendes Problem an die Öffentlichkeit gezerrt hat. Problemlösungskompetenz müssten nun alle anderen Parteien beweisen. Dazu gehörte vorerst Pragmatismus. Ein zweifaches Nein, wie es SP und Grüne beschlossen haben, erhöht bloss die Chancen der Initiative.

Die aktuelle Debatte zeigt deutlich auf, dass es in diesem Land viele Zeichensetzer gibt, die laut und mit markigen Worten auftreten. Es gibt aber auch viele Linke, die nicht inhaltlich argumentieren, sondern nur dumpf gegen die SVP blöken. Es sind dieselben Leute, die immer genau wissen, was richtig und was falsch ist. Sie nehmen für sich in Anspruch, Andersdenkende diffamieren zu dürfen.

Beide Gruppierungen, die Zeichensetzer und die Blöker, haben sich, so scheint es mir, von der Mitgestaltung dieses Landes verabschiedet.

Sujets:  svp.ch, fdp.ch

Wiegenfest von Barack Obama vergolden

Michelle Obama hat mir eine Mail geschrieben:

“Mark, will you wish Barack a happy birthday with me?”

Warum auch nicht, dachte ich, schliesslich wird ihr Mann heute 49 Jahre alt. Der Link ist nicht zu übersehen, zwei Mausklicks, ein persönlicher Satz – erledigt.

Eine halbe Sekunde später ist auf der Website mybarackobama.com, deren Newsletter ich genauso wie Hunderttausend andere “ordinary people” auch abonniert habe, bereits ein neues Fenster offen:

“Thank you for standing alongside us, with the President. Now can you make a donation to help us take on the year ahead?”

Aha, der Geburtstag des Präsidenten will vermarktet werden, die Demokraten brauchen dringend Geld. Viel Geld. Am 2. November finden Kongresswahlen statt: Alle 435 Sitze des Repräsentantenhauses stehen zur Disposition (aktuelle Verteilung: Demokraten 257 Sitze, Republikaner 178 Sitze). Im Weiteren wird rund ein Drittel des 100-köpfigen Senats neu bestellt (Verteilung: 59 Demokraten, 41 Republikaner). Den Demokraten drohen empfindliche Verluste, weil die Unterstützung für ihre Politik und Präsident Obama drastisch schwindet.

Mit einem beispiellosen Effort versuchen Partei und Lobbys, das Wiegenfest Obamas zu vergolden. Gerade an diesem Beispiel zeigt sich, wie gross die kulturellen Unterschiede zwischen den USA und der Schweiz sind.

Man stelle sich vor, der Ehemann von Bundespräsidentin Doris Leuthard würde an ihrem Geburtstag 700 exklusive Gäste zu einem lukullischen Dinner auf das Rütli einladen. Jeder Gast müsste 1200 Franken hinblättern, die Fotorechte gingen exklusiv an Ringier. Auf diese Weise hätte die CVP ihr Budget für das kommende Wahljahr beisammen.

Ergänzend zum Thema: das Amerikanisierungsmodell der politischen Kommunikation von Winfried Schulz aus dem Jahre 1997, immer noch etwas vom besten in deutscher Sprache.

Foto Barack & Michelle Obama: bookerrising.net

Vom Austausch zwischen Journalisten und Regierungssprechern in Deutschland

Berlin Blogger Tour 2010/IV

Das Beschaffen von Informationen verschlingt im Arbeitsalltag eines Journalisten viel Zeit. Eine Möglichkeit, dieses Problem zu entschärfen, setzten die deutschen Journalisten schon 1949 um. Sie gründeten in der damals noch blutjungen Bundesrepublik Deutschland, nur wenige Tage nach der Wahl Konrad Adenauers, die Bundespressekonferenz – einen Verein. Dieser organisiert in der Regel dreimal pro Woche eine Regierungspressekonferenz. Daran nehmen manchmal einzelne Minister, aber stets alle Regierungssprecher sowie alle Sprecher der Ministerien teil.

Die Präsenz aller Sprecherinnen und Sprecher ist zwingend. Die Pressekonferenzen werden stets von einem Vorstandsmitglied des Vereins, also einem Journalisten, geleitet und moderiert. Er erteilt im Saal seinen Berufskollegen das Wort. Er gibt den Ball weiter an die Sprecher, und er entscheidet, wann Schluss ist. Zugang zu diesen Anlässen haben in der Regel nur die Vereinsmitglieder, es sind rund 900 an der Zahl, die über Deutschlands Bundestag und die Regierung berichten.

Montags, mittwochs und freitags haben also die Medienschaffenden Gelegenheit, ihre Fragen zu x-beliebigen Geschäften und Themen direkt  zu stellen. Kann eine Frage nicht beantwortet werden, wird sie im Anschluss per Mail nachgeliefert, und zwar subito. Die Pressekonferenzen dauern manchmal nur 20 Minuten, manchmal bis zu zwei Stunden. Wie ein abgestumpftes Ritual wirkten sie nicht auf mich. Beide Seiten scheinen diesen Austausch zu schätzen und respektvoll damit umzugehen.  Nicht ohne Stolz betonen verschiedene Protagonisten, dass diese Institution weltweit einzigartig sei.

An der Bundespressekonferenz gelten Codes. Der wichtigste legt fest, wie die Informationen zu verwenden sind.

unter eins: heisst, dass der Sprecher namentlich als Quelle genannt werden darf.

unter zwei: eine Aussage darf einer Institution zugeschrieben werden (z.B. “für das Bundesfinanzministerium ist klar, dass…”).

unter drei: So klassierte Informationen dürfen von den Journalisten nicht verwendet werden. Sie sollen z.B. bei Geschäften, die noch nicht reif sind, Hintergründe liefern.

Amtliche Sprecher stehen seit jeher im Verdacht, die Medien zu massieren. Eine klare Grenze  zwischen Information und Beeinflussung ist allerdings kaum zu ziehen. Dieses Problem schafft auch die Bundespressekonferenz nicht aus dem Weg. Aber sie ermöglicht es immerhin, dreimal wöchentlich Fragen zu stellen – von Angesicht zu Angesicht.

Wäre ein ähnliches Modell – beispielsweise ein wöchentliche Fragestunde – auch in der Schweiz  eine Entspannung für die seit langem vertrackte Zweierkiste Medien-Bundeshaus?

Fotos Bundespressekonferenz: Mark Balsiger

Bloggen aus unfreien Staaten

Blogger Tour Berlin 2010/III

Eine Mehrheit meiner Bloggerkollegen kommen aus Staaten, die zum Teil enorme Defizite mit demokratischen Grundrechten haben. Trotzdem oder gerade deswegen bloggen sie. Drei Beispiele.

Michael Anti alias Zhao Jing (Bild) aus China ist extravertiert, voller Energie, witzig, blitzgescheit und ein feuriger Debattierer. Dabei spielt es keine Rolle, ob er im Plenum oder mit einem deutschen Diplomaten spricht.

Als Microsoft Ende 2005 seinen Blog vom Netz nahm, sorgte das weltweit für Schlagzeilen. Der amerikanische Konzern hatte diese Massnahme nicht etwa auf Druck der chinesischen Regierung vollzogen, sondern in vorauseilendem Gehorsam. Dass derzeit 76 andere Blogger in seinem Land inhaftiert sind (weltweit sind es insgesamt 117), scheint Michael nicht gross zu stören. Er publiziert weiter für seine Landsleute, unterzieht sich aber wie die allermeisten anderen Blogger Chinas der Selbstzensur.

Eman Al-Nafjan ist gebildet, ihr Englisch praktisch akzentfrei. Die attraktive Frau hat drei Kinder und lebt in Saudi-Arabien. In Berlin trägt sie Jeans und Blusen, in ihrer Heimat wäre ihr das verwehrt, dort ist die Verschleierung Pflicht. Im öffentlichen Raum ist es ihr beispielsweise untersagt, mit Männern, die nicht mit ihr verwandt sind, zu sprechen. An der Uni musste sie und die anderen Frauen die Vorlesungen von Männern via Videoübertragung aus anderen Räumen verfolgen.

Auf ihrem Blog schreibt sie am liebsten über Frauenrechte. Angst, verhört oder gar inhaftiert zu werden, hat sie nicht. Es macht den Anschein, dass sie genau weiss, wo die Grenzen liegen. (Eman hat darum gebeten, in Berlin nie fotografiert zu werden.)

Mahmood Al Yousif lebt und arbeitet in Bahrain, einem kleinen Inselstaat im Persischen Golf, östlich von Saudi-Arabien gelegen. Er  ist weltgewandt und clever, hat ein sonniges Gemüt und fast immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Er war einer der ersten Blogger in der Golfregion. Schon am zweiten Tag hat er in unserem Kreis einen Übernahmen erhalten: Blogfather, in Anlehnung an James Brown seelig, The Godfather of Soul.

In seinem Blog befasst er sich mit einer breiten Palette an Themen – Menschenrechte und Medienfreiheit spart er nicht aus. Das hat zur Folge, dass Mahmood gelegentlich von der Regierung “zum Tee eingeladen” wird, wie er es nennt. Als bekannter Geschäftsmann hat er aber offensichtlich eine Position erlangt, die ihm eine gewisse Freiheit ermöglicht. Pressionsversuche habe es bislang nicht gegeben, erzählt Mahmood.

Fotos Michael Anti und Mahmood Al Yousif: Mark Balsiger

Schweizer und “Schweizer”, die hängen

Berlin Blogger Tour 2010/II

Womöglich ist heutzutage Josef “Joe” Ackermann der bekannteste Schweizer in Deutschland. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank ist allerdings alles andere als populär. Bei Demonstrationen wurde er auch schon mal mit Transparenten wie “Mach dich vom Acker, Mann!” angegriffen.

Die höchsten Popularitätswerte hat – weiterhin – ein anderer Schweizer:

Emil Steinberger ist, rund 35 Jahre nachdem er auch in Deutschland den Durchbruch geschafft hat, offensichtlich immer noch so bekannt, dass sein Konterfei reicht, um ihn wiederzuerkennen. Rivella versucht derzeit mit ihm Berlin zu erobern, was bei der Lancierung für einige Kritik sorgte. Der Kult-Komiker hängt an vielen Ecken in der deutschen Hauptstadt, was beim Schweizer Betrachter eine Mischung aus “Déjà-vu” und versteckter Freude auslöst.

Ottmar Hitzfeld hängt derzeit auch in Berlin. Er hat zwar keinen Schweizer Pass, wird aber von den Eidgenossen praktisch als einer der ihren betrachtet. 1973 wurde er, im Grenzstädtchen Lörrach aufgewachsen, beim FC Basel Torschützenkönig.

In der Schweiz – Zug, Aarau, GC – legte er den Grundstein für seine beeindruckende Karriere als Fussballtrainer. Sollte die Nationalmannschaft an der WM in Südafrika über sich hinauswachsen, würde Hitzfeld wohl definitiv vom “Schweizer” zum Schweizer.

Fotos Emil Steinberger & Ottmar Hitzfeld: Mark Balsiger

Schreiben, was ist, auch wenn “es” in der offiziellen Diktion gar nicht existiert

Berlin Blogger Tour 2010/I

Bei den Referaten hört Andrew Loh von der ersten bis zur letzten Minute mit aufmerksamem Gesicht zu und macht sich Notizen. Wenn wir diskutieren, bringt sich der Singapurer ein und stellt durchdachte Fragen.

Andrew  ist ein Blogivist, so wird die Kombination von Blogger und Aktivist gemeinhin bezeichnet. Ein bislang moderater Blogivist, muss ich anfügen, damit keine falschen Schlüsse gezogen werden. Bei den Wahlen 2006 unterstützte Andrew eine kleine Oppositionspartei – angesichts der politischen Konstellation und der Machtballung ein aussichtsloses Unterfangen.

Seit die Republik Singapur Anfang der 1960er-Jahre die Unabhängigkeit der britischen Krone erlangte, wird sie allein von der People’s Action Party regiert. Andrew (Foto) spricht mit ruhiger Stimme: “Wenige Tage vor den Wahlen landete die Regierungspartei einen Coup. Sie zahlte jedem Bürger eine nahmhafte Summe aus.” (Umgerechnet mehrere hundert Franken, Red.). Sie errang schliesslich 82 von 84 Sitzen im Parlament, bei einem Wähleranteil von etwa 65 Prozent. (Die Verzerrungen, die das Majorzwahlsystem auch in Grossbritannien seit jeher produziert, lassen grüssen.)

Im “The Online Citizen” schreiben Bürger für Bürger

Das Gefühl der Machtlosigkeit löste Andrews Entscheidung aus: Er verliess das Gastrounternehmen, das er mit seinem Bruder geführt hatte, und lancierte Ende 2006 ein eigenes Blog. Es heisst: “The Online Citizen”. Inzwischen arbeiten rund 200 freie Mitarbeiter für dieses Medium, der jüngste Kollege ist gerade einmal 17, der älteste 60 Jahre alt. Das Blog versucht sich seit neuem mit Banner-Werbung zu finanzieren, früher mit Google-Ads. Wie das Budget aussieht, getraute ich mich nicht zu fragen.

Andrew hat sich das journalistische Handwerk “learning by doing” angeeignet, wie er bescheiden erklärt. Dasselbe gilt für praktisch alle seiner Kollegen, “wir betreiben Bürgerjournalismus”, Bürger schreiben für Bürger, und genau so will er es auch verstanden wisssen. Täglich zählt das Blog laut seinem Betreiber rund 20’000 Besuche.

Singapur hat international ein weitgehend properes Image. Der Stadtstaat ist ein Shoppingparadies, sauber und sicher, die Skyline (Foto) imposant, die Arbeitslosigkeit tief, es gibt keine sozialen Unruhen oder Umsturzversuche. Der schnelle Aufstieg zu einer Industrienation, einem sogenannten Tigerstaat, ist eine Erfolgsgeschichte. Das ist eine Seite der Medaille. Die andere: Das rund 4,5 Millionen Einwohner zählende Land ist nicht das, was wir unter einer Demokratie verstehen. Die Einparteienregierung führt autoritär.

Beleuchten wir exemplarisch die Medienfreiheit etwas näher: Die Medien, die in den vier offiziellen Sprachen Englisch, Chinesisch, Malaiisch und Tamilisch berichten, gehören allesamt zu Unternehmen, die direkt durch den Staat kontrolliert werden. Laut Andrew ist es Usus, dass viele Schlüsselstellen bei den staatlichen Medien nicht durch Journalisten, sondern beispielsweise mit Nachrichtendienstlern besetzt werden.

Gemäss der letzten Erhebung von “Reporter ohne Grenzen” belegt Singapur zur Situation der Medienfreiheit weltweit den 133. Rang – ein weiterer Hinweis auf die stark eingeschränkten Möglichkeiten der Journalisten. Bislang blieb die Crew von “The Online Citizen” von massiven Interventionen verschont. Der Server des Blogs steht in den USA.

Die Regierung wacht streng darüber, dass die Medien nur das schreiben oder senden, was sie als relevant erachtet. Den wenigen ausländischen Journalisten macht sie das Arbeiten systematisch schwer. Andrew erzählt, dass diese aufgrund von kritischen Berichten schon mehrfach vor Gericht gebracht wurden. Dort verloren sie praktisch immer und mussten hohe Geldstrafen bezahlen. Die britische BBC knickte schliesslich ein und zog ihr Team aus Singapur ab, berichtet Andrew. Auf diese Weise kriegt das sauber polierte Image Singapurs kaum Kratzer.

Kratzer gibt es aber sehr wohl, und diese nimmt das Blog “The Online Citizen” zuweilen auf. “In einer Serie berichteten wir einmal über Obdachlosigkeit. Ein Problem, das in der offiziellen Diktion der Regierung gar nicht existiert”, führt Andrew aus. Aber es gäbe die Obdachlosigkeit eben doch, “also machten wir sie zum Thema”. Schreiben, was ist.

Fotos:
– Andrew Loh: Mark Balsiger
– Singapur Skyline: Wikipedia

Bloggen in Berlin, Blogger in Berlin

Ob ich denn Lust hätte, ein paar Tage in Berlin zu verbringen, fragte mich die freundliche Dame am anderen Ende der Leitung. Ich bejahte, blieb aber skeptisch. “Wo… wo liegt der Hund begraben?”, schob ich nach. Die Dame der deutschen Botschaft musste schmunzeln.

Das Telefongespräch liegt ein paar Wochen zurück. Im Moment bin ich gerade daran, in Ruhe durchzugehen, was alles in den Koffer für Berlin muss. Am Auffahrtstag gehts los.

Es hatte Tradition, dass das Auswärtige Amt Deutschlands gruppenweise Medienschaffende aus aller Welt einlädt. Ein erstes Mal findet nur eine solche Reise auch für Blogger statt. Rund 15 verschiedene Poltitblogger aus 15 verschiedenen Ländern sind in diesem Programm mit dabei. Thematisch geht es um, was Wunder: Politik und Medien, vor und hinter den Kulissen, off- und online.

Bei der Suche nach einem Schweizer Politblogger sind die Deutschen auf meinem wahlkampfblog hängengeblieben. Und schliesslich kam die formelle Anfrage der deutschen Botschaft. Ich finde das grossartig und danke den Suchmaschinen, die diese Wahl wohl erst möglich gemacht haben. Bürokollege Suppino flachst irgendetwas von “15 Blogger in einem Raum – wer hält das aus?”

Wenn die Zeit reicht, werde ich die nächsten Tage über die Diskussionen und Erlebnisse in Berlin, allenfalls auch über den einen oder anderen Teilnehmer der “Berlin Blogger Tour 2010” berichten. Diese Postings werden mit diesem farbigen Berlin-Banner gekennzeichnet.

Und natürlich hoffe ich, den Schweizer Medienblogger, der schon seit mehreren Jahren in Berlin arbeitet, einmal auf eine Latte Macchiato zu treffen.

– Foto: schlawien-naab.de
– Berlin-Banner: fatalin.wordpress.com

Der Hauswerber der SVP: Hart am Wind, aber bescheiden und sehr sympathisch

svp_schaefliEr hat das berühmte Schäfli-Plakat (links) oder das Sujet zur Anti-Minarett-Abstimmung vom letzten November zu verantworten. Beide Kampagnen sorgten während Monaten für Furore wie selten zuvor. Alexander Segert ist der Nachfolger des legendären Hans-Rudolf Abächerli, der 17 Jahre lang den Werbestil der Zürcher SVP prägte, so auch das Messerstecher- und das Stiefel-Inserat.

Wer werberisch so gnadenlos wie Segert draufhauen kann, muss ein harter Hund sein, dachte im Vorfeld wohl manch ein Gast, der sich gestern Abend zum Talk im “Hotel Bern” einfand. Doch weit gefehlt: Der Norddeutsche ist sympathisch und ehrlich, ab und an blitzt feiner Humor auf. Er ist bescheiden und nimmt sich nicht wichtig, sondern betont sein abgeklärtes Verhältnis zu den Mandaten und Aufträgen. “Mit den Entscheidungsträgern der SVP arbeite ich auf einer professionellen Ebene zusammen”, privat verkehre er nicht mit ihnen.

Er sei gerne “hart am Wind”, sagt Segert. So setzte er unlängst für die SVP Zürich eine Kampagne gegen die Deutschen um. Diese knallte und brachte ihm erneut heftige Vorwürfe und Klagen ein.

Bei der Erarbeitung von Kampagnen lässt er sich von der Intuition leiten. Mit Fokusgruppen arbeitet er nie, er übernehme stets die Verantwortung, ob eine Kampagne funktioniere oder nicht. Für ihn ist klar: “Sujets müssen in einer oder zwei Sekunden etwas auslösen.” Die Rentenklau-Kampagne der Gewerkschaften fand er ausgezeichnet, diejenige von economiesuisse mit dem Schokoladenkuchen hingegen “war tragisch. Ich verstand sie nicht.”

Dass seine Sujets zum Teil als rassistisch eingestuft werden, nimmt er gelassen hin. Solange sie strafrechtlich nicht belangt würden, sei das unproblematisch. Die Kritik, die auf diese Aussage anschwillt, prallt an ihm ab wie an Teflon. Er lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen.

Alexander Segert studierte an der Universität Konstanz und war auf dem Weg, eine Laufbahn als Mittelschullehrer einzuschlagen. Während einem Austauschsemester in Zürich fand er Gefallen an der Limmatstadt und einer Schweizerin, arbeitete zuerst als Journalist für Nationalrat Ulrich Schlüers “Schweizerzeit” und stieg später bei Abbächerlis Werbeagentur ein. Der Mitvierziger hat zwei Adoptivsöhne aus Nordafrika, die auch schon bei SVP-Veranstaltungen mit dabei gewesen seien. Segert könnte sich gut vorstellen, auch einmal eine Kampagne für die SP oder die Grünen zu entwerfen. “Intellektuelle Arbeit reizt mich.”

Bei Segerts Agentur sind nach seinen Angaben 13 Personen angestellt, auch solche aus Ägypten und Portugal.

Foto Alexander Segert: Mark Balsiger

Die neue Talkreihe des WerbeClubs Bern, die gestern begann, nennt sich “standPunkt”. Nick Lüthi, der Chefredaktor des Medienmagazins “Klartext”, wird in loser Folge Menschen vorstellen, die erfolgreich kommunizieren. Der Auftakt ist gelungen, allerdings eignet sich das Lokal für solche Anlässe weniger.