“YouTube”-Filmchen ab – die Langweile beginnt

Eine der Neuerungen im Wahlkampf sind die Videobotschaften bzw. Videoblogs, oftmals kurz Vlogs genannt. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel tritt regelmässig in dieser Form an die virtuelle Öffentlichkeit. Abrufbar sind diese Botschaften jeweils auf einer Website. Auch der Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber schaltet ab und zu einen Vlog auf.

Hillary Clinton hatte ihre Präsidentschaftskandidatur mit einer Videobotschaft bekannt gemacht. Die Schweizer Medienschaffenden nahmen das in der hiesigen Wahlkampfberichterstattung der letzten Monate immer wieder auf. Die Interpretation, dass Vlogs eine überragende Bedeutung im US-Wahlkampf hätten, ist aber nicht korrekt. Es war ein Coup Clintons, die eigene Kandidatur auf diese Weise zu verbreiten. Zu einer Medienkonferenz einzuladen hätte nach der heutigen Medienlogik nicht mehr funktioniert. Wieso? Die Spekulationen hätten bereits wenige Minuten, nachdem die Einladung verschickt worden wäre, begonnen. Zudem konnte Clinton mit ihrer Botschaft ungefiltert an ein Millionenpublikum gelangen.

Im aktuellen Wahlkampf gibt es mehrere hundert Kandidierende, die eine oder mehrere Botschaften oder Kurzfilme auf ihren Websites aufgeschaltet haben. Die allermeisten Vlogs sind „Eigenproduktionen“: Der älteste Sohn richtet eine Handycam auf den Kandidaten, der im Garten vor dem Lindenbaum steht. Oder die Menschenmenge eines Parteianlasses oder Quartierfestes wird als Staffage benützt. Der Kandidat spricht in die Linse, meistens angespannt oder angestrengt, ringt manchmal nach Worten, oft versteht man sie akustisch kaum, die Bilder sind unter- oder überbelichtet, verwackelt… Kurz und anständig: das Potenzial wird nicht ganz ausgeschöpft.

Viele dieser Vlogs findet man auf dem Videoportal von „YouTube“ wieder. Nach dem Motto „nützts nüt, so schads nüt“ schalten die Kandidierenden ihre Beiträge dort auf. Die Bedeutung lässt sich mit einer simplen Zahl festmachen. Bei Kandidat Hugo Hugentobler steht beispielsweise „Views: 94“. Der Beitrag wurde also 94 Mal angeklickt. Die „YouTube”-Filmchen, wie sie inzwischen despektierlich genannt werden, sind schlicht langweilig. Teilweise haben sie unfreiwillig Unterhaltungswert oder leben von der Situationskomik. Bei vielen versteht man schlicht nichts. Dass sie neue Wählersegmente erschliessen, dürfen wir bezweifeln.

Es gibt allerdings auch Ausnahmen: Mir gefällt der “20-Sekünder” der Berner Nationalrätin Margret Kiener Nellen. Gut gemacht ist auch der Imagefilm der FDP-Frauen. In beiden Fällen führten Profis Regie, das merkt man sofort. Es gibt eine Story, Schnitte, Hintergrundmusik, die passt usw. In beiden Kurzfilmen wird auf Statements verzichtet. Das ist klug, weil sich die meisten Computer nicht zum Abspielen von Ton eignen. Zudem haben Bilder eine viel stärkere Aussagekraft.

Mark Balsiger

Guerilla-Aktion zieht Kandidierende an

In den letzten Monaten habe ich unzählige Plakate, Inserate, Postkarten, Flyer und Give-Aways von National- und Ständeratskandidierenden betrachtet – und ein paar selber gestaltet.

Ich teile die Werbemittel jeweils in drei Kategorien ein:
– ausgezeichnet
– 08/15
– grottenschlecht

Das Prädikat „ausgezeichnet“ konnte ich bislang nur selten vergeben, mit verdeckter Kollegenschelte hat das nichts zu tun. Oftmals liegt das an den Auftraggebern, die keinen Mut haben, neue Wege zu beschreiten.

Die Politwerbung in der Schweiz ist konventionell und langweilig. So kann es nicht erstaunen, dass bei Wahlkampagnen die Guerilla-Werbung noch kaum Einzug gehalten hat. Ich erinnere mich einzig an die Aktion einer Kantonalpartei: Frühmorgens schwärmten die Mitglieder aus und klebten Post-it-Blättchen mir ihrem Slogan und Parteilogo auf eine Pendlerzeitung. Tausende von Exemplaren wurden so, noch unberührt in den Boxen schlummernd, verziert.

Die Aktion hatte aber angeblich ein dickes Ende: Der Verlag klagte die Partei ein und die Busse – pardon, ich kann es aus zeitlichen Gründen nicht verifizieren –, soll happig gewesen sein.

Eine Guerilla-Aktion verübte die Junge EVP in der Nacht auf Dienstag. Sie überklebten zwei Plakate der Migros Models, die für den Nationalrat kandidieren. Eines im Bahnhof Winterthur, das andere im Zürcher Hauptbahnhof. „Kleidet die Nackten!“ heisse es schon in der Bibel, schreiben die Jungpolitiker. Auf den neuen Plakaten waren die Models wieder angezogen…

Ich finde diese Aktion gelungen, weil nicht sie nicht auf Effekthascherei setzt. Zudem wurde ein Spezialkleber verwendet. So können die Kleider im Nu wieder entfernt werden – ohne Rückstände.

Alle Beteiligten profitieren von der Guerilla-Aktion: die Migros erhält mehr Publizität für ihre Wäschekampagne, die kandidierenden Models ebenso, und die Junge EVP hat ihr Anliegen in die Medien gebracht. Hintergrund: Vor Jahresfrist hat die Junge EVP eine Petition gegen sexistische Werbung eingereicht.

Zurück zu den Models, die für den Nationalrat kandidieren. “Anything Goes”, scheint sich im Wahlkampf durchzusetzen. Es besteht die Gefahr, dass Mirjam Arnold (oben in Unterwäsche, unten dank der EVP wieder bekleidet) und Co. auch in einigen Jahren immer noch mit dieser Plakatkampagne in Verbindung gebracht werden. Und das wäre dereinst womöglich nicht mehr erwünscht. Ich habe einer Mandantin, die wir dieses Jahr beraten, von der Teilnahme an den Wäsche-Shootings abgeraten.

Mark Balsiger

Und noch mehr Schafe…

Seit Wochen sage ich immer wieder dasselbe: Die Schweizer Politik leidet unter einer Verschafung. Jetzt schwappt das in den Sport über, wie Arlesheim Reloaded am Nachmittag meldete.

“Höchste Zeit nach Neuseeland auszuwandern”, knurrt Bürokollege Suppino.

“Neuseeland? Dort hats aber mehr Schafe als Menschen”, gebe ich ihm zur Antwort.

Suppino: “Gibt es einen Unterschied? Beide blöken pausenlos.”

Mark Balsiger

Wo bleibt die “Arenatauglichkeit”?

Wir leben im 15. Jahr der Politsendung „Arena“. Fast ebenso alt ist der Ausdruck „Arenatauglichkeit“. Es gibt viele Politiker und Kandidatinnen, die ihn leicht verächtlich gebrauchen.

Die Wahl-Arena „Energie und Umwelt“ von gestern Abend war eine gute Gelegenheit, spezifisch auf die Arenatauglichkeit zu achten. Sechs Arrivierte standen im Ring, rund ein Dutzend weitere Teilnehmende in der zweiten Reihe. Alle kamen mindestens einmal zu Wort.

Von Beginn weg wurde ein Zahlensalat angerichtet, jemand verlor den roten Faden, andere verhedderten sich in Schachtelsätzen, Abkürzungen und Fachausdrücke schwirrten durch den Raum.

Erstes Fazit: In 60 Minuten wurden unzählige Chancen vertan.

Das ist schade: Viele Zuschauerinnen und Zuschauer möchten sich auf Grund der „Arena“ eine Meinung bilden, eigene Überzeugungen bestätigt wissen oder neue Aspekte kennenlernen. Den Protagonisten der Sendung schien es zu wenig bewusst zu sein, wer ihr Publikum ist. Eine Beobachtung, die ich oft mache. Die Debatte muss sich per se auf der Oberfläche bewegen, sonst kommen Herr und Frau Schweizer, die kein Parlamentsmandat innehaben, womöglich nicht mit.

Jede Aussage sollte darum
– einfach
– konzis (auf Deutsch: kurz und bündig)
– prägnant
sein. Dann bleibt sie eher haften. Wer zudem noch Beispiele und Bilder verwendet, wird verstanden. Das ist die hohe Schule der Arenatauglichkeit.

Bei unseren Coachings und Medientrainings sage ich jeweils: „Jedes Statement muss zu einem Goal führen.“ Gestern habe ich in 60 Minuten drei Goals miterlebt – eines war brillant.

In der Wirtschaft und im Militär haben sich Medientrainings durchgesetzt. In der Politik hingegen werden sie immer noch in Frage gestellt. Ich hörte tatsächlich in diesem Jahr Aussagen wie: „Ich habe das nicht nötig.“ Andere glauben, sie verlören ihre Authentizität.

Zweites Fazit: Es bleibt noch viel zu tun.

Mark Balsiger

P.S. Die nächste Wahl-Arena steigt heute Abend, 22.20 Uhr. Testen Sie die Kandidatinnen und Kandidaten selber!

Die Bilanz am Tag nach der Demo

Nach den Ereignissen von gestern in Berns Strassen eine nüchterne Einschätzung.

Die Sieger:

– autonome Gruppierungen: Sie haben verhindert, dass das SVP-Volk auf dem Bundesplatz feiern konnte.

– SVP: Sie bleibt in den Schlagzeilen und darf sich in der Opferrolle präsentieren. Das mobilisiert die eigene Basis enorm und treibt ihr neue Wähler in die Arme.

Die Verlierer:

– Demokratie: Es wurde das Recht auf freie Meinungsäusserung verletzt.

– Polizei: Offensichtlich war sie trotz einem Grossaufgebot nicht in der Lage, die Bühne und andere mobile Einrichtungen auf Bundesplatz permanent zu schützen.

– Berns Polizeidirektor Stephan Hügli: Er liess sich mit dem Organisator der Gegendemonstration, Daniele Jenni, auf einen Kuhhandel ein, indem er diesem informell zusicherte, die Gegendemo zu tolerieren, obwohl sie nicht bewilligt wurde.

– Daniele Jenni: Er hat nach dem Chaos von gestern den letzten Kredit verspielt, mit ihm muss man sich nicht mehr an einen Tisch setzen.

– JUSO: Auch Jungparteien sollten um ihre Glaubwürdigkeit besorgt sein. Das Mittun an der Gegendemonstration, im Wissen darum, dass es zu Ausschreitungen kommen wird, finde ich schade. Gut, dass sich die SP Schweiz und die grünen Parteien schon im Vorfeld klar von dieser Veranstaltung distanzierten.

Ich zweifle keinen Moment daran, dass die SVP-Strategen auf eine Eskalation hingearbeitet haben. Davon profitiert die Partei weit mehr als von einem friendlichen Umzug durch die Strassen. Die Gegenseite hat die Provokationen gerne als Einladung zum militanten Kampf angenommen.

Eine Frage bleibt: Wurde der gewaltbereite, autonome Block von Rechtsextremen unterwandert? Bei anderen Demonstrationen konnte das aufgedeckt werden, z.B. in Genua (Anti-G8-Gipfel).

Schliesslich noch ein Schlaglicht auf die Medien: Wer von “kriegsähnlichen Zuständen” schreibt, hat sich in der Wortwahl massiv vergriffen. Die Ereignisse in Berns Innenstadt sind hässlich, wer von kriegsähnlichen Zuständen schreibt, hat solche selber noch nie erlebt.

Mark Balsiger

Zwischen zwei Schweizen

Ab 12 Uhr pendelte ich zwischen den beiden Lagern hin und her. Unten am Bärengraben die Jeremias-Gotthelf-Schweiz mit Treicheln und Fahnen. Ihre Mitglieder akzeptieren offensichtlich kritiklos und ziemlich dumpf alles, was von ihrer Führungsspitze kommt, ja sie finden es sogar richtig. Vom Messerstecher-Inserat bis zum Schaf-Plakat. Sie wissen genau, was gut und was schlecht ist. Ihre Welt ist schwarz-weiss.

In der Innenstadt ist die Chaoten-Schweiz stark präsent. Vielen Anwesenden nehme ich nicht ab, aus echter Entrüstung da gewesen zu sein. Es ging vor allem um Spektakel, um den Kick. Das schwarz-weisse Denken und Handeln auch hier.

Irgendwo in einer versteckten Ecke entdecke ich ein Wahlplakat. Darauf prangt ein sperriger Slogan:

“Für den Respekt vor jedem Einzelnen und gegen die Ausgrenzung”

Beide Schweizen hätten an diesem Plakat vorbeiziehen müssen. Vielleicht wäre ihnen ein Licht aufgegangen.

Mark Balsiger

Samstag ist Demotag

Inzwischen weiss es vermutlich jeder Teenager im Umkreis von 200 Kilometern: Am Samstag ist Demotag in Bern. Seit vier Wochen wird in den Medien fast unablässig darüber berichtet, das Klima ist aufgeheizt. Mehr als 60 Organisationen wollen sich an der unbewilligten Contra-Demonstration beteiligen.

Das zieht, wie immer, nicht nur echte Demonstranten an. Es ist wie ein Ritual, überall dasselbe: an den 1-Mai-Kundgebungen in Zürich, bei Anti-WEF-Manifestationen oder, wie neulich, als Bundesrat Christoph Blocher die Comptoire in Lausanne eröffnete. Die Bilder, die danach verbreitet werden, sind austauschbar: an jeder Ecke eine massierte Polizeipräsenz, zugenagelte Geschäfte, eingeschlagene Schaufenster, brennende Autos, Vermummte, die Steine und manchmal sogar Molotow-Cocktails werfen.

Der Sache erweisen sie so einen Bärendienst. Eine kraftvolle Gegendemonstration, in einer anderen Stadt, wäre die bessere Antwort gewesen. In der heissen Phase des Wahljahres 1995 war das noch möglich gewesen. Etwa 5000 Personen standen damals in Zürich zusammen, unter ihnen Bundesrat Otto Stich, der als Redner auftrat. Die Kundgebung verlief friedlich.

Morgen werden die üblichen Krawall-Bilder scharf mit anderen kontrastieren: Eine Art Alpaufzug der Volkspartei steht auf der Affiche. Mit 10’000 Supportern will sie vom Bärengraben zum Bundesplatz ziehen. Vorne Zottel, die beiden Bundesräte, die Parteipräsidenten Maurer und Joder, dann die liebe Froue und Manne. Das gibt schon beim Marsch durch die Innenstadt Scharmützel.

Der 6. Oktober wird ein zweifelhafter Höhepunkt des Wahljahres 2007. Das sind die Folgen der “Verschafung der Politik”. Wenn die SVP clever ist, und das ist sie, schlägt sie aus den Ereignissen des morgigen Tages Kapital. Bilder haben eine unglaubliche Kraft: hier die SVP-Mitglieder, die in Trachten friedlich durch die Strassen ziehen. Dort die Chaoten.

Ich werde mir das aus der Nähe ansehen müssen – und allenfalls hier darüber berichten.

Mark Balsiger

Eine Beübung des Publikums

“Man sollte die Herbstsession im Wahljahr abschaffen” – eine Aussage, die ich immer wieder höre. Nicht zu unrecht. Einige Parlamentarier schaffen es in diesen drei Wochen nicht mehr in den grünen Bereich. Die Nervosität ist kaum mehr zu überbieten, jede Möglichkeit für etwas Aufmerksamkeit will genutzt werden. Klar, wer seinen Kopf herausstrecken kann – am liebsten in der “Tagesschau” oder “10vor10” -, erhöht seine Chancen für die Wiederwahl. Dass diese Bemühungen mitunter peinlich sind, liegt auf der Hand.

Die Sonderdebatte zum Fall Roschacher/Blocher wurde durchgedrückt. Ich sparte mir die Zeitungslektüre, weil der “Bund” schon in seinem ersten Satz alles klar machte:

“NEUE ERKENNTNISSE HAT DIE GESTRIGE DEBATTE IM NATIONALRAT NICHT GEBRACHT.”

Bis die Untersuchungen abgeschlossen sind, dürfte es Dezember werden. Oder später. Dann wäre die politische Aufarbeitung dieses Falles angebracht gewesen. Der gestrige Schlagabtauch war eine Beübung der Medien – und des Publikums. Was Wunder, wenn es sich angesichts des Gebotenen abwendet.

Am Freitag wird Bundesrat Christoph Blocher in der “Arena” auftreten. Er kriegt also nochmals 80 Minuten Gelegenheit, seine Sicht der Dinge darzulegen – eine Plattform par excellence. Das dürfte Arbeit für Ombudsmann Achille Casanova geben. Derweil schreibt CVP-Generalsekretär Reto Nause von einem “Service Hickhack im Berlusconi TV”.

Mark Balsiger

Bierdeckel und Blogs

Am Kornhausplatz steht er plötzlich vor mir. Grossgewachsen. Edles Tuch. Dunkle Augenringe.

„Den habe ich doch schon einmal gesehen“, schiesst es mir durch den Kopf. Genau, auf einem Plakat. Pierre Triponez, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes und FDP-Nationalrat, drückt mir etwas Flaches und gleichzeitig Rundes in die Hand. Lächelt. Und dann gibt’s noch ein Schöggeli dazu. „Nicht schon wieder Schokolade“, denke ich, sagte „merssi vöumou“ – und weg bin ich.

Auf dem Bundesplatz hat sich weitere freisinnige Prominenz versammelt. Und alle halten Bierdeckel in den Händen. „Weniger ist mehr“ prangt darauf. Die FDP wirbt damit für ihre „Easy Swiss Tax“. Auf der Rückseite das Muster einer Steuererklärung:

Einkommen abzüglich Kinderabzug und Berufsabzug gleich steuerbares Einkommen. Et voilà, so einfach liest sich das.

Die FDP setzt mit diesem „Give away“ um, was sie seit Monaten propagiert: Das Steuersystem wird radikal vereinfacht, die Steuererklärung hat auf einem Bierdeckel Platz.

Gut gemacht. Und gut inszeniert: Eine Crew des Schweizer Fernsehens ist da, ein Keystone-Fotograf und andere. Der Vater des „Flat Tax“, der Zürcher Kantonsrat Hans-Peter Portmann, hat angeblich den Reporter von Radio24 gleich selber nach Bern chauffiert.

Draussen wir gebierdeckelt, drinnen gebloggt. Die SP hat den ersten Live-Blog lanciert. Direkt aus dem Bundeshaus. Und in der Tat: Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier hauen munter in die Tasten und berichten von ihren Einsichten zur Steuerdebatte, die läuft. Ab und zu getraut sich auch ein Normalsterblicher, eine Frage oder einen Kommentar einzubringen.

Die Steuerdebatte ist ein Scheingefecht, die Positionen sind längst bezogen. Es geht darum, wer am Abend in der „Tagesschau“ aufscheint. Kurze, knackige Statements sind gefragt. Solche, die isoliert Sinn machen. Wer versucht sich wohl mit dem Dreh „Bierdeckel = Bieridee“?

 
Mark Balsiger

Weshalb drei Themen und drei Bundesräte die entscheidenden Faktoren sind

wahlkampf2007_prognose_28september2007_printversion.pdf

Das Publikum zu erreichen ist die grösste Herausforderung für die Parteien. Das zeigt der Wahlkampf 2007 exemplarisch. Unter dem Strich gibt es drei dominante Themen und drei Bundesräte, die die Wahlen am 21. Oktober entscheiden werden. Eine These.

Die Kurzformel der erfolgreichen Kampagnenführung lautet: Profil, Themenführerschaft, Köpfe, Medienpräsenz. „Wer über Jahre hinweg klare Positionen vertritt und diese auch verkaufen kann, wer seine besten Köpfe konsequent ins Schaufenster stellt und die Mechanismen der Medien verinnerlicht hat, schläft bis zum Wahltag am 21. Oktober 2007 ruhiger.“ Diese Aussage machte ich vor einem Jahr. Betrachten wir den Wahlkampf 2007 nach diesen Kriterien. Er wurde bislang von drei Themen dominiert:

– Klimawandel
– Ausländer
– Christoph Blocher

Der Klimawandel ist seit dem Jahrhundertsommer 2003 omnipräsent. Wir alle sehen und spüren ihn. Deswegen spielt er eine überragende Rolle und wird sich am deutlichsten im Wahlergebnis vom 21. Oktober niederschlagen. Der UNO-Klimabericht, Al Gores Film und die „Life Earth“-Konzerte im Sommer leisteten das ihre, um dieses Thema im Sorgenbarometer vorübergehend auf den ersten Platz zu hieven. Das beflügelt die Grünen. Sie haben bereits in den letzten vier Jahren bei allen kantonalen Wahlen zugelegt. Sie ernten die Früchte ihres konsequenten Kampfes für die Umwelt. In der Wahrnehmung der Bevölkerung haben sie in der Klimapolitik die alleinige Themenführerschaft.

Den Problemkreis Ausländer und Integration bewirtschaftet die SVP seit langem konsequent und höchst erfolgreich. Die tragischen Ereignisse in Zürich-Seebach, schlecht integrierte Ausländer, die herumlungern oder straffällig werden, aber auch die Polemik um Minarette befeuern die Propaganda der Partei. Die unterschwellig xenophobe Stimmung, die seit den beiden Überfremdungsinitiativen von James Schwarzenbach vor 40 Jahren Einzug gehalten hat, gibt ihr den Nährboden. Die Schweizer Bevölkerung schreibt beim Thema Ausländer nur der SVP die Themenführerschaft zu.

Die Identifikation bei der SVP geschieht weiterhin über ihre Überfigur, und das hilft ihr enorm. Zudem: Keine andere Partei verfügt über eine ähnlich gut gefüllte Kriegskasse, die flächendeckenden Inserate- und Plakatwellen der letzten zwei Monate haben alle Rekorde gebrochen. Die SVP hat als einzige Partei begriffen, wie man schweizweit Kampagnen fährt. Gewählt wird zwar weiterhin in 26 verschiedenen Wahlkreisen, die Kantonsgrenzen sind aber im modernen Wahlkampf kaum mehr relevant.

Christoph Blocher ist – paradoxerweise – ebenfalls ein Thema zur Sache. Von seinem „Kniefall in Ankara“ im letzten Herbst bis zum angeblichen „Komplott“ und seinem „Blocher-TV“ – der Justizminister diktiert regelmässig die Schlagzeilen. Er surft geschickt auf den hohen Wellen, die er und die SVP schlagen. Die anderen Parteien und die meisten Medien reagieren gleich wie eh und je: Sie heulen reflexartig auf. Blocher bleibt ein thematischer Dauerbrenner – am Stammtisch wie im Feuilleton.

Gibt es andere Themen, die bis in weite Teile der Bevölkerung vorgedrungen sind? Etwa die „Easy Swiss Tax“? Parallelimporte? Die Finanzierung von Kinderkrippen? Diese Liste liesse sich beliebig erweitern, der Befund bleibt gleich: Diese Themen sind zu wenig brisant, emotional kaum aufladbar. Und deshalb taugen sie wenig für einen effektvollen Wahlkampf. CVP, FDP und SP schafften es bislang nicht, die Agenda zu prägen.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Schweizerinnen und Schweizer sich stärker über Personen als über Sachthemen identifizieren. Die Personalisierung der Politik ist weit fortgeschritten. Ein paar Leaderfiguren dominieren die politische Arena. Das mediale Interesse fokussiert sich inzwischen auf die Bundesräte. Dort sitzen die interessantesten Persönlichkeiten. Die Veränderung ist offensichtlich: Noch in den neunziger Jahren standen die Parteipräsidenten im Zentrum, erinnert sei an Franz Steinegger (fdp), Peter Bodenmann (sp) oder Carlo Schmid (cvp).

Der moderne Wahlkampf ist stark personalisiert. In der Schweiz wird er von drei Bundesratsmitgliedern dominiert:

– Micheline Calmy-Rey
– Doris Leuthard
– Christoph Blocher

Das monatelange Theater um die Rütlifeier wird in die Lehrbücher politischer PR eingehen. Bundespräsidentin Calmy-Rey eroberte in wenigen Wochen das ureigene Terrain der SVP. Sie holte sich diesen Triumph mit einer Mischung aus sicherem Instinkt, Raffinesse, der ihr eigenen Hartnäckigkeit sowie der Unterstützung einiger Massenmedien.

Doris Leuthard wiederum ist die Ausnahmeerscheinung der Schweizer Politik. Sie hat der CVP ein Gesicht und neues Selbstvertrauen gegeben, sie ist in der Bevölkerung ungemein populär. Auch wenn sie nicht so öffentlichkeitswirksam wie andere kämpft, ist sie der beste Trumpf für ihre Partei. In der Wahrnehmung des Publikums gilt die Gleichung: Doris Leuthard = CVP. Folgerichtig hat ihre Partei den passende Slogan geboren: „CVP wählen heisst Doris Leuthard stärken.“ Praktisch gleich lautet die Propaganda für Christoph Blocher. Er ist der beste Wahlkämpfer der SVP, eine Rolle, die er bereits seit 1991 innehat. Sein Wechsel in den Bundesrat im Dezember 2003 ändert nichts an diesem Befund.

Die entscheidenden Faktoren des Wahlkampfs 2007 münden in folgende Prognosen:

SP: 2003: 23,2% 2007: minus 1,5 bis 2%
Grüne: 2003: 7,4% 2007: plus 2 bis 2,5%
CVP: 2003: 14,4% 2007: leichtes Plus von max. 0,8%
FDP: 2003: 17,3% 2007: minus 1,5 bis 2,5%
SVP: 2003: 26,7% 2007: plus 0,5 bis 1,5%

(Wähleranteile lassen nicht eins zu eins auf Sitzgewinne oder -verluste schliessen. Mitunter hat das Wahlsystem Überraschendes zur Folge: 1999 verlor die CVP beispielsweise Wähleranteile, holte aber einen zusätzlichen Sitz.)

Mark Balsiger

P.S. Tony Blair sagte einmal: „Du kannst im Wahlkampf hundert kleine Dinge richtig tun. Wenn du aber bei den entscheidenden Faktoren versagst, wirst du verlieren.“ Der ehemalige britische Premierminister muss es wissen: Kaum ein anderer europäischer Spitzenpolitiker hat Triumph und Niedergang derart extrem erlebt.