Wahlen 2007: eine erste Einordnung

Der Begriff “Analyse” wurde heute inflationär gebraucht. Ich versuche lediglich, eine knappe Einordnung zu machen:

Ich habe erwartet, dass die SVP nochmals zulegen kann, gerade in der Zentralschweiz und in der Romandie hatte sie ihr Potential noch nicht ausgeschöpft. Dass sie auf über 28 Prozent kommt, ist die grösste Überraschung des Tages. Schon jetzt wissen wir auf Grund einer ersten Nachwahlbefragung: die Volkspartei hat am besten mobilisiert. Das ist nicht neu, hat aber möglicherweise den entscheidenden Unterschied ausgemacht.

Die letzten zwei Wochen waren wichtiger als bei früheren Wahlen. Das Elektorat wird volatiler, die Entscheidung fiel bei vielen Bürgerinnen und Bürgern erst wenige Tage vor dem Wahltermin. Der Krawallsamstag in Bern vom 6. Oktober erwies der politischen Linken einen Bärendienst.

Das links-grüne Lager geht leicht geschwächt in die nächste Legislaturperiode. Die Polarisierung, die in den letzten 12 Jahren die Politik dominiert hat, ist weiterhin nicht überwunden. Das Parlament wird farbiger, die Mehrheiten finden sich noch weniger entlang den üblichen Linien als bisher.

Das dümmste, was die FDP jetzt tun könnte, wäre eine Richtungsdiskussion lostreten. Sie ist auf dem richtigen Weg, mit dem richtigen Präsidenten, aber: Sie muss sich gedulden, bis sie ernten kann, was sie die letzten knapp zwei Jahre gesät hat.

Zur SP: Die Fraktion, die von 1987 bis 1991 wirkte, war personell auch reduziert, aber überdurchschnittlich erfolgreich. Und sie brachte neue starke Köpfe hervor, die sich von der legendären und übermächtigen “Viererbande” (Helmut Hubacher, BS, Liliane Uchtenhagen, ZH, Walter Renschler, ZH, Andreas Gerwig, BS) emanzipierten, beispielsweise Ursula Mauch, AG, Peter Bodenmann, VS, Elmar Ledergerber, ZH, und Paul Rechsteiner, SG. Das mag die Genossinnen und Genossen etwas trösten.

Die SP muss sich aber überlegen, ob sie mit ihrem pointierten Linkskurs auf dem richtigen Weg ist. Fast alle Parteien in Europa – gerade auch die sozialdemokratischen – positionierten sich als so genannte “catch-all-parties” in der Mitte. Eine Entwicklung in Richtung Mitte, so wie sie die SP schon zu Beginn der Neunzigerjahre einmal machte, wäre erfolgreich.

Mark Balsiger, 00:27 Uhr (und jetzt ist Lichterlöschen….)

Der “Messerstecher” will zurück

Kennen Sie Hans-Rudolf Abächerli?

 

Vermutlich nicht.

Mit Sicherheit kennen Sie aber seine Handschrift. Abächerli ist der Wegbereiter des umstrittenen Schaf-Sujets mit dem die SVP seit Monaten auf Stimmenfang geht.

Abächerli hatte 1993 das Messerstecher-Inserat in die Welt gesetzt, später folgen Kreationen gegen die „Linken und Netten“, das Stiefel-Inserat usw. usf. Hans-Rudolf Abächerli war von 1977 bis 1994 verantwortlich für alle Kampagnen der Zürcher SVP, und zwar für die Stadt- wie und die Kantonalsektion. 1977 begann übrigens auch der Aufstieg der Zürcher SVP, die damals einen Wähleranteil von nicht einmal 12 Prozent erreichte (seit Ende der 90er-Jahre hat sie mehr als 30 Prozent). 1977 wurde als Kantonalparteipräsident ein gewisser Christoph Blocher gewählt.

Doch zurück zu Abächerli: Nach seiner Pensionierung 1994 wanderte er aus. Auf eine Karibikinsel. Jetzt möchte der 79-jährige zurück und kandidiert auf der Auslandschweizer-Liste der SVP.

Das Schaf-Sujet hat nicht nur UNO und Dutzende von ausländischen Medien aufgeschreckt. Es wurde in Deutschland auch von der NDP kopiert. Die Kreativen der SVP Schweiz bedienten sich im Ausland. Wie der Frog-Blog berichtet, stammt das Original von einem englischen Illustrator.

Schockierende Plakate und Inserate sind in der Schweizer Politwerbung keine Erfindung der SVP. Zwischen den beiden Weltkriegen, insbesondere in den 30er-Jahren, griffen sich die Kommunisten und Faschisten oftmals heftig an. Die Bildsprache der damaligen Sujets zeigte beispielsweise die furchterregende Fratze von Stalin, der ein Messer zwischen den Zähnen hat.

Diesen Stil hat die SVP 1993 wieder aufgenommen. Einen Teil ihres Erfolgs verdankt sie Hans-Rudolf Abächerli.

Mark Balsiger

“YouTube”-Filmchen ab – die Langweile beginnt

Eine der Neuerungen im Wahlkampf sind die Videobotschaften bzw. Videoblogs, oftmals kurz Vlogs genannt. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel tritt regelmässig in dieser Form an die virtuelle Öffentlichkeit. Abrufbar sind diese Botschaften jeweils auf einer Website. Auch der Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber schaltet ab und zu einen Vlog auf.

Hillary Clinton hatte ihre Präsidentschaftskandidatur mit einer Videobotschaft bekannt gemacht. Die Schweizer Medienschaffenden nahmen das in der hiesigen Wahlkampfberichterstattung der letzten Monate immer wieder auf. Die Interpretation, dass Vlogs eine überragende Bedeutung im US-Wahlkampf hätten, ist aber nicht korrekt. Es war ein Coup Clintons, die eigene Kandidatur auf diese Weise zu verbreiten. Zu einer Medienkonferenz einzuladen hätte nach der heutigen Medienlogik nicht mehr funktioniert. Wieso? Die Spekulationen hätten bereits wenige Minuten, nachdem die Einladung verschickt worden wäre, begonnen. Zudem konnte Clinton mit ihrer Botschaft ungefiltert an ein Millionenpublikum gelangen.

Im aktuellen Wahlkampf gibt es mehrere hundert Kandidierende, die eine oder mehrere Botschaften oder Kurzfilme auf ihren Websites aufgeschaltet haben. Die allermeisten Vlogs sind „Eigenproduktionen“: Der älteste Sohn richtet eine Handycam auf den Kandidaten, der im Garten vor dem Lindenbaum steht. Oder die Menschenmenge eines Parteianlasses oder Quartierfestes wird als Staffage benützt. Der Kandidat spricht in die Linse, meistens angespannt oder angestrengt, ringt manchmal nach Worten, oft versteht man sie akustisch kaum, die Bilder sind unter- oder überbelichtet, verwackelt… Kurz und anständig: das Potenzial wird nicht ganz ausgeschöpft.

Viele dieser Vlogs findet man auf dem Videoportal von „YouTube“ wieder. Nach dem Motto „nützts nüt, so schads nüt“ schalten die Kandidierenden ihre Beiträge dort auf. Die Bedeutung lässt sich mit einer simplen Zahl festmachen. Bei Kandidat Hugo Hugentobler steht beispielsweise „Views: 94“. Der Beitrag wurde also 94 Mal angeklickt. Die „YouTube”-Filmchen, wie sie inzwischen despektierlich genannt werden, sind schlicht langweilig. Teilweise haben sie unfreiwillig Unterhaltungswert oder leben von der Situationskomik. Bei vielen versteht man schlicht nichts. Dass sie neue Wählersegmente erschliessen, dürfen wir bezweifeln.

Es gibt allerdings auch Ausnahmen: Mir gefällt der “20-Sekünder” der Berner Nationalrätin Margret Kiener Nellen. Gut gemacht ist auch der Imagefilm der FDP-Frauen. In beiden Fällen führten Profis Regie, das merkt man sofort. Es gibt eine Story, Schnitte, Hintergrundmusik, die passt usw. In beiden Kurzfilmen wird auf Statements verzichtet. Das ist klug, weil sich die meisten Computer nicht zum Abspielen von Ton eignen. Zudem haben Bilder eine viel stärkere Aussagekraft.

Mark Balsiger

Guerilla-Aktion zieht Kandidierende an

In den letzten Monaten habe ich unzählige Plakate, Inserate, Postkarten, Flyer und Give-Aways von National- und Ständeratskandidierenden betrachtet – und ein paar selber gestaltet.

Ich teile die Werbemittel jeweils in drei Kategorien ein:
– ausgezeichnet
– 08/15
– grottenschlecht

Das Prädikat „ausgezeichnet“ konnte ich bislang nur selten vergeben, mit verdeckter Kollegenschelte hat das nichts zu tun. Oftmals liegt das an den Auftraggebern, die keinen Mut haben, neue Wege zu beschreiten.

Die Politwerbung in der Schweiz ist konventionell und langweilig. So kann es nicht erstaunen, dass bei Wahlkampagnen die Guerilla-Werbung noch kaum Einzug gehalten hat. Ich erinnere mich einzig an die Aktion einer Kantonalpartei: Frühmorgens schwärmten die Mitglieder aus und klebten Post-it-Blättchen mir ihrem Slogan und Parteilogo auf eine Pendlerzeitung. Tausende von Exemplaren wurden so, noch unberührt in den Boxen schlummernd, verziert.

Die Aktion hatte aber angeblich ein dickes Ende: Der Verlag klagte die Partei ein und die Busse – pardon, ich kann es aus zeitlichen Gründen nicht verifizieren –, soll happig gewesen sein.

Eine Guerilla-Aktion verübte die Junge EVP in der Nacht auf Dienstag. Sie überklebten zwei Plakate der Migros Models, die für den Nationalrat kandidieren. Eines im Bahnhof Winterthur, das andere im Zürcher Hauptbahnhof. „Kleidet die Nackten!“ heisse es schon in der Bibel, schreiben die Jungpolitiker. Auf den neuen Plakaten waren die Models wieder angezogen…

Ich finde diese Aktion gelungen, weil nicht sie nicht auf Effekthascherei setzt. Zudem wurde ein Spezialkleber verwendet. So können die Kleider im Nu wieder entfernt werden – ohne Rückstände.

Alle Beteiligten profitieren von der Guerilla-Aktion: die Migros erhält mehr Publizität für ihre Wäschekampagne, die kandidierenden Models ebenso, und die Junge EVP hat ihr Anliegen in die Medien gebracht. Hintergrund: Vor Jahresfrist hat die Junge EVP eine Petition gegen sexistische Werbung eingereicht.

Zurück zu den Models, die für den Nationalrat kandidieren. “Anything Goes”, scheint sich im Wahlkampf durchzusetzen. Es besteht die Gefahr, dass Mirjam Arnold (oben in Unterwäsche, unten dank der EVP wieder bekleidet) und Co. auch in einigen Jahren immer noch mit dieser Plakatkampagne in Verbindung gebracht werden. Und das wäre dereinst womöglich nicht mehr erwünscht. Ich habe einer Mandantin, die wir dieses Jahr beraten, von der Teilnahme an den Wäsche-Shootings abgeraten.

Mark Balsiger

Und noch mehr Schafe…

Seit Wochen sage ich immer wieder dasselbe: Die Schweizer Politik leidet unter einer Verschafung. Jetzt schwappt das in den Sport über, wie Arlesheim Reloaded am Nachmittag meldete.

“Höchste Zeit nach Neuseeland auszuwandern”, knurrt Bürokollege Suppino.

“Neuseeland? Dort hats aber mehr Schafe als Menschen”, gebe ich ihm zur Antwort.

Suppino: “Gibt es einen Unterschied? Beide blöken pausenlos.”

Mark Balsiger

Wo bleibt die “Arenatauglichkeit”?

Wir leben im 15. Jahr der Politsendung „Arena“. Fast ebenso alt ist der Ausdruck „Arenatauglichkeit“. Es gibt viele Politiker und Kandidatinnen, die ihn leicht verächtlich gebrauchen.

Die Wahl-Arena „Energie und Umwelt“ von gestern Abend war eine gute Gelegenheit, spezifisch auf die Arenatauglichkeit zu achten. Sechs Arrivierte standen im Ring, rund ein Dutzend weitere Teilnehmende in der zweiten Reihe. Alle kamen mindestens einmal zu Wort.

Von Beginn weg wurde ein Zahlensalat angerichtet, jemand verlor den roten Faden, andere verhedderten sich in Schachtelsätzen, Abkürzungen und Fachausdrücke schwirrten durch den Raum.

Erstes Fazit: In 60 Minuten wurden unzählige Chancen vertan.

Das ist schade: Viele Zuschauerinnen und Zuschauer möchten sich auf Grund der „Arena“ eine Meinung bilden, eigene Überzeugungen bestätigt wissen oder neue Aspekte kennenlernen. Den Protagonisten der Sendung schien es zu wenig bewusst zu sein, wer ihr Publikum ist. Eine Beobachtung, die ich oft mache. Die Debatte muss sich per se auf der Oberfläche bewegen, sonst kommen Herr und Frau Schweizer, die kein Parlamentsmandat innehaben, womöglich nicht mit.

Jede Aussage sollte darum
– einfach
– konzis (auf Deutsch: kurz und bündig)
– prägnant
sein. Dann bleibt sie eher haften. Wer zudem noch Beispiele und Bilder verwendet, wird verstanden. Das ist die hohe Schule der Arenatauglichkeit.

Bei unseren Coachings und Medientrainings sage ich jeweils: „Jedes Statement muss zu einem Goal führen.“ Gestern habe ich in 60 Minuten drei Goals miterlebt – eines war brillant.

In der Wirtschaft und im Militär haben sich Medientrainings durchgesetzt. In der Politik hingegen werden sie immer noch in Frage gestellt. Ich hörte tatsächlich in diesem Jahr Aussagen wie: „Ich habe das nicht nötig.“ Andere glauben, sie verlören ihre Authentizität.

Zweites Fazit: Es bleibt noch viel zu tun.

Mark Balsiger

P.S. Die nächste Wahl-Arena steigt heute Abend, 22.20 Uhr. Testen Sie die Kandidatinnen und Kandidaten selber!

Die Bilanz am Tag nach der Demo

Nach den Ereignissen von gestern in Berns Strassen eine nüchterne Einschätzung.

Die Sieger:

– autonome Gruppierungen: Sie haben verhindert, dass das SVP-Volk auf dem Bundesplatz feiern konnte.

– SVP: Sie bleibt in den Schlagzeilen und darf sich in der Opferrolle präsentieren. Das mobilisiert die eigene Basis enorm und treibt ihr neue Wähler in die Arme.

Die Verlierer:

– Demokratie: Es wurde das Recht auf freie Meinungsäusserung verletzt.

– Polizei: Offensichtlich war sie trotz einem Grossaufgebot nicht in der Lage, die Bühne und andere mobile Einrichtungen auf Bundesplatz permanent zu schützen.

– Berns Polizeidirektor Stephan Hügli: Er liess sich mit dem Organisator der Gegendemonstration, Daniele Jenni, auf einen Kuhhandel ein, indem er diesem informell zusicherte, die Gegendemo zu tolerieren, obwohl sie nicht bewilligt wurde.

– Daniele Jenni: Er hat nach dem Chaos von gestern den letzten Kredit verspielt, mit ihm muss man sich nicht mehr an einen Tisch setzen.

– JUSO: Auch Jungparteien sollten um ihre Glaubwürdigkeit besorgt sein. Das Mittun an der Gegendemonstration, im Wissen darum, dass es zu Ausschreitungen kommen wird, finde ich schade. Gut, dass sich die SP Schweiz und die grünen Parteien schon im Vorfeld klar von dieser Veranstaltung distanzierten.

Ich zweifle keinen Moment daran, dass die SVP-Strategen auf eine Eskalation hingearbeitet haben. Davon profitiert die Partei weit mehr als von einem friendlichen Umzug durch die Strassen. Die Gegenseite hat die Provokationen gerne als Einladung zum militanten Kampf angenommen.

Eine Frage bleibt: Wurde der gewaltbereite, autonome Block von Rechtsextremen unterwandert? Bei anderen Demonstrationen konnte das aufgedeckt werden, z.B. in Genua (Anti-G8-Gipfel).

Schliesslich noch ein Schlaglicht auf die Medien: Wer von “kriegsähnlichen Zuständen” schreibt, hat sich in der Wortwahl massiv vergriffen. Die Ereignisse in Berns Innenstadt sind hässlich, wer von kriegsähnlichen Zuständen schreibt, hat solche selber noch nie erlebt.

Mark Balsiger

Zwischen zwei Schweizen

Ab 12 Uhr pendelte ich zwischen den beiden Lagern hin und her. Unten am Bärengraben die Jeremias-Gotthelf-Schweiz mit Treicheln und Fahnen. Ihre Mitglieder akzeptieren offensichtlich kritiklos und ziemlich dumpf alles, was von ihrer Führungsspitze kommt, ja sie finden es sogar richtig. Vom Messerstecher-Inserat bis zum Schaf-Plakat. Sie wissen genau, was gut und was schlecht ist. Ihre Welt ist schwarz-weiss.

In der Innenstadt ist die Chaoten-Schweiz stark präsent. Vielen Anwesenden nehme ich nicht ab, aus echter Entrüstung da gewesen zu sein. Es ging vor allem um Spektakel, um den Kick. Das schwarz-weisse Denken und Handeln auch hier.

Irgendwo in einer versteckten Ecke entdecke ich ein Wahlplakat. Darauf prangt ein sperriger Slogan:

“Für den Respekt vor jedem Einzelnen und gegen die Ausgrenzung”

Beide Schweizen hätten an diesem Plakat vorbeiziehen müssen. Vielleicht wäre ihnen ein Licht aufgegangen.

Mark Balsiger

Samstag ist Demotag

Inzwischen weiss es vermutlich jeder Teenager im Umkreis von 200 Kilometern: Am Samstag ist Demotag in Bern. Seit vier Wochen wird in den Medien fast unablässig darüber berichtet, das Klima ist aufgeheizt. Mehr als 60 Organisationen wollen sich an der unbewilligten Contra-Demonstration beteiligen.

Das zieht, wie immer, nicht nur echte Demonstranten an. Es ist wie ein Ritual, überall dasselbe: an den 1-Mai-Kundgebungen in Zürich, bei Anti-WEF-Manifestationen oder, wie neulich, als Bundesrat Christoph Blocher die Comptoire in Lausanne eröffnete. Die Bilder, die danach verbreitet werden, sind austauschbar: an jeder Ecke eine massierte Polizeipräsenz, zugenagelte Geschäfte, eingeschlagene Schaufenster, brennende Autos, Vermummte, die Steine und manchmal sogar Molotow-Cocktails werfen.

Der Sache erweisen sie so einen Bärendienst. Eine kraftvolle Gegendemonstration, in einer anderen Stadt, wäre die bessere Antwort gewesen. In der heissen Phase des Wahljahres 1995 war das noch möglich gewesen. Etwa 5000 Personen standen damals in Zürich zusammen, unter ihnen Bundesrat Otto Stich, der als Redner auftrat. Die Kundgebung verlief friedlich.

Morgen werden die üblichen Krawall-Bilder scharf mit anderen kontrastieren: Eine Art Alpaufzug der Volkspartei steht auf der Affiche. Mit 10’000 Supportern will sie vom Bärengraben zum Bundesplatz ziehen. Vorne Zottel, die beiden Bundesräte, die Parteipräsidenten Maurer und Joder, dann die liebe Froue und Manne. Das gibt schon beim Marsch durch die Innenstadt Scharmützel.

Der 6. Oktober wird ein zweifelhafter Höhepunkt des Wahljahres 2007. Das sind die Folgen der “Verschafung der Politik”. Wenn die SVP clever ist, und das ist sie, schlägt sie aus den Ereignissen des morgigen Tages Kapital. Bilder haben eine unglaubliche Kraft: hier die SVP-Mitglieder, die in Trachten friedlich durch die Strassen ziehen. Dort die Chaoten.

Ich werde mir das aus der Nähe ansehen müssen – und allenfalls hier darüber berichten.

Mark Balsiger

Eine Beübung des Publikums

“Man sollte die Herbstsession im Wahljahr abschaffen” – eine Aussage, die ich immer wieder höre. Nicht zu unrecht. Einige Parlamentarier schaffen es in diesen drei Wochen nicht mehr in den grünen Bereich. Die Nervosität ist kaum mehr zu überbieten, jede Möglichkeit für etwas Aufmerksamkeit will genutzt werden. Klar, wer seinen Kopf herausstrecken kann – am liebsten in der “Tagesschau” oder “10vor10” -, erhöht seine Chancen für die Wiederwahl. Dass diese Bemühungen mitunter peinlich sind, liegt auf der Hand.

Die Sonderdebatte zum Fall Roschacher/Blocher wurde durchgedrückt. Ich sparte mir die Zeitungslektüre, weil der “Bund” schon in seinem ersten Satz alles klar machte:

“NEUE ERKENNTNISSE HAT DIE GESTRIGE DEBATTE IM NATIONALRAT NICHT GEBRACHT.”

Bis die Untersuchungen abgeschlossen sind, dürfte es Dezember werden. Oder später. Dann wäre die politische Aufarbeitung dieses Falles angebracht gewesen. Der gestrige Schlagabtauch war eine Beübung der Medien – und des Publikums. Was Wunder, wenn es sich angesichts des Gebotenen abwendet.

Am Freitag wird Bundesrat Christoph Blocher in der “Arena” auftreten. Er kriegt also nochmals 80 Minuten Gelegenheit, seine Sicht der Dinge darzulegen – eine Plattform par excellence. Das dürfte Arbeit für Ombudsmann Achille Casanova geben. Derweil schreibt CVP-Generalsekretär Reto Nause von einem “Service Hickhack im Berlusconi TV”.

Mark Balsiger