Von Prominenz und Kompetenz

regula_fecker2_small250_werbewocheVor Monatsfrist wurde Regula Fecker (Foto) zur Werberin des Jahres 2010 erkoren. Ein prestigeträchtiger Titel, den sie zurecht erhielt. Fecker wählt mit ihrer Agentur unkonventionelle Ansätze, denkt konsequent crossmedial und setzt das auch um. Der Erfolg der Kampagne “slown down, take it easy” ist der beste Beweis dafür.

Auch sonst ist Fecker erfrischend anders: Sie nimmt sich selber zurück und will deshalb nicht so recht in das gängige Bild der Werbeszene passen. Wir erinnern uns beispielsweise an ihren Vorgänger. In einer “Arena” im Herbst letzten Jahres begann dieser ein Votum so: “Ich bin ja nicht nur Werber des Jahres 2009, sondern auch…”

Der “Tages-Anzeiger” bat Regula Fecker, die Plakate der Zürcher Stadtratskandidierenden zu beurteilen – auf einer ganzen Zeitungsseite. Das wurde längst zum Standard in der Wahlkampfberichterstattung. Sie kritisiert und lobt die verschiedenen Sujets – fair und ausgewogen. Doch dann… der Killersatz:

“Deshalb sollten die Kandidaten […] TV- und Radiospots schalten.”

Ohweh, da hat sich Frau Fecker eine Blösse gegeben, die in Onlineforen subito für Spott sorgte: Politische Werbung in Radio und TV ist in der Schweiz verboten. Das Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) wurde 2006, nach einem langen und zähflüssigen Prozess, revidiert. Dabei wäre das Verbot beinahe gefallen. Im letzten Jahr kam das Thema erneut aufs Tapet: Die Staatspolitische Kommission suchte nach Möglichkeiten, den Parteien Fernsehwerbung zu ermöglichen.

Doch zurück zum Beitrag im gestrigen “Tages-Anzeiger”. Zwei Fragen drängen sich auf:  Wurde Feckers Fauxpas bewusst publiziert? Oder hat ihn die Redaktion gar nicht bemerkt: Weder der Interviewer, immerhin ein zeichnender Redaktor, noch der Korrektor noch der Blattmacher?

Foto Regula Fecker: werbewoche.ch

Umfragen sind wichtige Stimuli im Endspurt

Aufregung in den Parteizentralen der Stadt Zürich: Am frühen Abend wurde die erste und einzige Umfrage zu den Parlamentswahlen veröffentlicht. Demnach verlieren SP und FDP, die SVP wiederum kann leicht zulegen. Die eigentlichen Sieger wären die Grünliberalen, die mit einem Wähleranteil von 6,2 Prozent erstmals im Gemeinderat einziehen.

Weil es um Köpfe geht, sind die Umfrageergebnisse der Stadtratswahlen vom 7. März allerdings spannender:

Sie zeigen, dass die sechs Bisherigen mit deutlichem Vorsprung die Wiederwahl schaffen sollten. Auf den Platzen 7 bis 11 herrscht higegen ein Gerangel:

– Urs Egger (fdp) 22,5%
– Daniel Leupi (grüne) 22,5%
– André Odermatt (sp), 21%
———————————-
– Mauro Tuena (svp), 19,5%
– Claudia Nielsen (sp), 17,0%

Der sogenannte Stichprobenfehler beträgt  +/- 3,2 Prozent, d.h. Abweichungen sind maximal bis zu dieser Zahl möglich. Ein Faktum, das übrigens diverse Medien nicht erwähnten. Kommt dazu, dass eine Umfrage keine Prognose, sondern eine Momentaufnahme ist.

Vor diesem Hintergrund ist der Zieleinlauf weitgehend offen. Die fünf Erstrangierten der Isopublic-Umfrage sind so gut wie gewählt, nicht aber Gerold Lauber (cvp). Es ist möglich, dass im ersten Wahlgang das absolute Mehr nicht von 9 Kandidierenden übertroffen wird.

Realistischerweise gibt es vier Szenarien, wie die 9 Stadtratssitze in Zukunft verteilt sein werden:

a)  4 SP (bisher 4), 3 FDP (bisher 3), 2 Grüne (bisher 1)
b)  4 SP, 2 FDP (- 1) , 2 Grüne (+ 1), 1 CVP
c)  3 SP (- 1), 3 FDP, 2 Grüne (+ 1), 1 CVP – gem. Umfrage
d) 4 SP, 3 FDP, 1 Grüne, 1 CVP – wie bisher

Mauro Tuena wird den Sprung in die Exekutive nicht schaffen. Die SVP ist bereits seit 1990 nicht mehr in der Stadzürcher Regierung vertreten. Das hat sie zum einen ihrem kompromisslosen Kurs und ihrem Stil zu verdanken. Zum anderen schlugen die Fehden mit der FDP derart tiefe Wunden, dass ein geeintes bürgerliches Lager seit langem inexistent ist.

In den verbleibenden 11 Tagen können Kandidierende und Parteien sich mit vollem Engagement in den Wahlkampf stürzen. Nicht selten ist dabei die Mobilisierung der entscheidende Faktor. Die Umfrage hat die Parteien aufgerüttelt, sie wirkt wie ein Stimulus. Der herannahende Wahltermin rückte so auch auf den Radar vieler Zürcherinnen und Zürcher. Für sie ist die Umfrage ein Reminder.

Grafik: kyriacou.ch

Wahlbistro – die Antwort auf die anonyme Bashing-Kultur in Foren und Blogs

Die politischen Akteure bekunden zunehmend Mühe, die Menschen in diesem Land zu erreichen. Die Gründe liegen einerseits bei der Politik selber. Andererseits aber auch bei den etablierten Medien, die mit schlechten Arbeitsbedingungen kämpfen und sich schleichend entpolitisieren.

Innert kurzer Zeit haben verschiedene Onlinemedien den Durchbruch geschafft. Mit ihrem Aufkommen ist ein neues Phänomen akzentuiert zu Tage getreten: das Kommentieren von Artikeln bzw. das Mitdiskutieren in Foren. Wer sich einmal durch die vielen Kommentare gelesen hat, braucht danach, je nach Naturell, Baldrian oder einen Boxsack. Wer das noch vor sich hat: exemplarisch wird die Problematik im Forum des “Club” vom 1. Dezember 2009 sichtbar.

Das Niveau ist oft lamentabel. Viele Kommentare sind diffamierend, und in aller Regel geben sich die Verfasser nicht mit ihrem echten Namen zu erkennen, sondern verstecken sich hinter Pseudonymen.

Gerade in der jetzigen Phase wären aber echte Debatten wichtig – auch in der Breite. Es reicht nicht, wenn die Mitglieder des “Club Helvetique” mit fein gedrechselten Worten in die Tiefe gehen und dank ihrer Deutungsmacht eine grosse mediale Beachtung finden. Eine breitere Masse sollte involviert werden.

Hier setzt das virtuelle Diskussionsforum Wahlbistro an. Es handelt sich um ein Non-Profit-Projekt, das die Interaktion unter politisch Interessierten verbessern will.

Im Gegensatz zu allen anderen Foren oder Blogs ist im Wahlbistro die anonyme Teilnahme nicht möglich. Wir als Betreiber werden alle Interessierten, die mitdebattieren möchten, zuerst telefonisch verifizieren. Auf diese Weise sorgen wir für eine bessere Diskussionskultur. Fakes und sogenannte Trolls sollen sich anderswo austoben.

Das Wahlbistro war bereits im Herbst 2008 als Pilotprojekt geöffnet. Rund 180 Personen beteiligten sich im Vorfeld der kommunalen Wahlen im Kanton Bern an den Debatten. Jetzt steht das Wahlbistro Bern vor der Wiedereröffnung, Mitte Februar geht es los. Im Wahlbistro Zürich ist seit Anfang dieser Woche die erste Debatte im Gang. Sie zeigt, dass offensichtlich das Bedürfnis nach einem solchen Forum besteht.

Für das Wahlbistro erkenne ich auch langfristig kein Geschäftsmodell. Es soll jeweils nur in den letzten Wochen vor einem Wahltermin betrieben werden. Längere Öffnungszeiten machen keinen Sinn bzw. sie würden zu viel zeitliche Ressourcen fressen.

Entscheidend sind in der jetzigen Phase Parteien, Kandidierende, politisch Interessierte und Blogger. Nur wenn sie alle mithelfen, dieses Diskussionsforum bekannter zu machen, kann es ein Erfolg werden. Gefragt sind: Links, Links und nochmals Links.

Bereits beim Pilot im Herbst 2008 zeigte sich: Jeder Kommentar im Wahlbistro erreicht pro Tag mehr Leute als jedwelche Aktion einer Partei. Nur schon aufgrund dieser Tatsache müssten eigentlich innerhalb von 24 Stunden hunderte von Links auf das Wahlbistro gesetzt werden.

Aber halt, ich habe vorübergehend vergessen, dass wir uns in Milizstrukturen und in einem Umfeld bewegen, das Neuerungen skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen.

Archiv zum Thema:

Virtuelles Wahlbistro ermöglicht Debatten rund um die Uhr (5. August 2008)

Die SP irgendwo zwischen schmelzenden Polen, jungen Frauen und Filzfinken

Seit einigen Tagen ist in verschiedenen Bahnhöfen des Kantons Bern dieses Plakat ausgehängt. Eine klassische Teaserkampagne.

Jetzt ist klar, welche Partei dahinter steht. Es ist die SP. Sie hielt heute ihren Parteitag ab und lancierte dabei das Berner Energie-Manifest. In ihrer Kampagne für die kantonalen Wahlen vom 28. März auf das Thema Energie zu setzen, hat zweifellos Potenzial.

Bloss: Was soll der Teaser mit der jungen Frau? Was ist ihr Problem: Keine Lehrstelle, der Bus vor der Nase abgefahren, zu viel getrunken, vom Freund verlassen? Alles ist möglich. Beliebigkeit statt eine klare Message. Die SP hat die Gelegenheit verpasst, pointiert mit einem Thema auf sich aufmerksam zu machen. Dabei stand das richtige Teasersujet bereit, auf der Website des Energie-Manifests:

Parteien stehen für ihre Kampagnen in der Regel sehr bescheidene Budgets zur Verfügung. Umso wichtiger wäre es darum, dass sie ihre Aktivitäten stringent bündeln. Auch nach dem Klimagipfel in Kopenhagen bleibt das Thema Energie weit vorne auf der Agenda – das müsste man nützen.

Wie eine Partei erfolgreich auf ihr wichtigstes Thema fokussiert, zeigt die Stadtzürcher SP. Sie verteilte diese Woche eine Broschüre in alle Haushaltungen. Die grafische Gestaltung ist gelungen, die Bilderwelt stimmig, jeder Satz passt, Emotionen werden geweckt. Und auf der Frontseite wird die Wohnungsnot mit Filzfinken thematisiert. Dieses Problem brennt vielen Menschen in Zürich auf den Nägeln. So punktet die SP bei der Basis – und darüber hinaus.

Minarett-Abstimmung wird eine Landmarke, womöglich gar zur Wasserscheide

Nach dem ebenso deutlichen wie überraschenden Ja zur Anti-Minarett-Initative vor drei Wochen war ich paralysiert und gesellte mich auch in der “Ich-schäme-mich”-Ecke. (Deshalb die Schreibpause in diesem Blog.) Ich schäme mich allerdings nicht nur für dieses Resultat, sondern genauso für die Reaktionen vieler Gegner. Sie diffamieren die Mehrheit und blöcken vereint in der Herde der aufgeschreckten weissen Schafe: “Pfui, SVP!”

Ihr Verhalten ist vergleichbar mit demjenigen national-konvervativer Kreise, und das wirft eine zentrale Frage auf: Wie ist es um die politische Kultur in diesem Land bestellt? Die Aussage, dass “die Anderen” mit Populismus begonnen hätten, finde ich billig.

Der Auftritt des Filmemachers Samir im “Club” ist einer der Tiefpunkte im Nachgang des Abstimmungsdebakels. In der chaotischen und teilweise absurden Diskussionssendung pöbelte er dumpf gegen “Blocher und andere Millionäre”. Samir verpasste es, als besonnener und voll integrierter Secondo, der akzentfrei Mundart spricht, einen Weg in die Zukunft aufzuzeigen. Er, der wie schätzungsweise 85 Prozent der anderen Muslime in der Schweiz auch areligiös ist.

SVP hat weder geschlossen noch entschlossen gekämpft

Halten wir es hier fest, bevor unpräzise Vermutungen zu Tatsachen verdreht werden: Die SVP hat weder geschlossen noch entschlossen für ein Ja gekämpft. Sie steuerte keinen roten Rappen an die Ja-Kampagne bei. Ebendiese Kampagne wurde nur deshalb während Wochen zum Thema Nummer eins, weil vereinzelte Städte den Aushang des Plakatsujets verboten hatten. Alt-Bundesrat Christoph Blocher wollte die Initiative ursprünglich gar nicht mittragen, genausowenig wie etliche andere Schlüsselfiguren der Volkspartei.

Dass die SVP den Abstimmungssieg für sich reklamiert, ist bis zum heutigen Tag nicht zu überhören. Die Knochenarbeit für das Ja haben allerdings Dutzende von rechts-nationalen Organisationen geleistet, von der Auns bis zum Pikom. Dieses Beispiel zeigt, dass die ohnehin schon bescheidene Macht der Parteien weiter unterminiert wird.

Der 29. November 2009 wird zu einer Landmarke in der Geschichte der Schweiz. Wir werden uns noch in vielen Jahren an die Anti-Minarett-Initiative erinnern, noch selten wurde das Land so heftig durchgeschüttelt wie nach dieser Abstimmung. Womöglich wird der 29. November 2009 sogar zur Wasserscheide der Schweizer Gesellschaftspolitik. Zur Debatte steht der Umgang mit Minoritäten.

Mark Balsiger

Nachtrag vom 16. Januar 2010:

Der Berner Schriftsteller Lukas Hartmann hat sich in die Debatte um die Selbständigkeit der Schweiz eingeschaltet, die nach der Minarettabstimmung aufgebrochen ist. Er tut dies mit einem Essay, der heute in der “Berner Zeitung” erschienen ist. Pointiert. Und hier zum Herunterladen:

Der Traum von der schrankenlosen Souveränität (PDF)

Minarett-Nachbeben: Ko-Initiantin räumt ein, dass es nicht um Betontürmchen ging

barbara_steinemann_svp_zh_large_zh_chEhrlichkeit ist nicht die ständige Begleiterin der Politik. Umso bemerkenswerter, was Barbara Steinemann, Zürcher Kantonsrätin (svp), heute mit verblüffender Offenheit preisgab. (Präziser: sie bestätigte, was seitens der Initiativ-Gegner schon lange ins Feld geführt wurde.)

Steinemann hatte im April 2006 eine parlamentarische Initiative mit dem Titel “Bauverbot von Minaretten” eingereicht. Der Kantonsrat lehnte ihren Vorstoss im Juni 2008 mit einem Verhältnis von 2:1 ab. Er legte aber den Grundstein für die nationale Volksinitiative, die das Egerkinger Komitee lancierte.

Aber zurück zur verblüffenden Ehrlichkeit. Barbara Steinemann, Ko-Initiantin der Volksinitiative, deren Ausgang seit Sonntag die Wogen hoch gehen lässt, sagte heute im “Tages-Anzeiger”:

“Uns ging es gar nicht um die Minarette, das sind bloss Betontürmchen.” Man habe bewusst versucht, eine Stellvertreterdiskussion anzustossen, einen Islamdiskurs anzuregen. “Wir konnten ja keine Initiative einreichen mit dem Titel: keine Extrawürste für Muslime.”

Foto Barbara Steinemann: zh.ch

Anti-Minarett-Initiative: Dank Nährboden, Medien und schwachen Gegnern gewonnen

minarett_lead_138730651256630723Volksinitiativen haben einen schweren Stand. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass seit 1891 nur gerade eine von zehn Initiativen angenommen wurde. Dass die Anti-Minarett-Initiative mit einem Ja endet, und das sehr deutlich, ist eine dicke Überraschung.

Normalerweise baut sich die Unterstützung für Volksinitiativen während den Abstimmungskampagnen sukzessive ab. Bei der Anti-Minarett-Initiative geschah das Gegenteil. Sie ist damit eine von drei Ausnahmen in den letzten 20 Jahren – nebst der Armeeabschaffungs-Initiative von 1989 und der Asyl-Initiative von 2002 (die allerdings trotzdem beide abgelehnt wurden).

Bei der letzten Umfrage, die vor drei Wochen gemacht wurde, standen sich 37% Ja und 53% Nein gegenüber (bei 10% Unentschlossenen). Die Befürworter haben also in der Zwischenzeit rund 20% zugelegt. Dieser Befund bringt der Demoskopie, die in der Schweiz noch immer um Anerkennung ringt, und insbesondere gfs.bern Kritik ein.

Ich plädiere für Fairness und die Einbettung in einen längeren Zeithorizont: Die allermeisten Umfragen und Hochrechnungen, die gfs.bern in den letzten Jahren gemacht hatte, waren präzis. Die hohe Trefferquote lässt sich noch heute jederzeit verifizieren. Der letzte echte “Fehltritt” liegt 10 Jahre zurück: Bei den eidgenössischen Wahlen 1999 wurde der SP noch am Abstimmungssonntag ein deutlicher Verlust prognostiziert. Schliesslich legte sie aber 0,7% zu.

Es liegt für mich auf der Hand, dass ein Teil der Befragten nicht ehrlich Auskunft gab. Man werde Nein stimmen, sagten viele im Vorfeld, warf an der Urne aber ein Ja ein. Die Demoskopen wissen um diese Problematik. Bei Wahlprognosen wird deshalb eine Gewichtung vogenommen, nicht aber bei Abstimmungsprognosen.

Die diffusen Ängste rund um den Islam, die seit Jahren vorhanden sind, konnten in den letzten Monaten nicht reduziert werden. Im Gegenteil: sie wurden noch verstärkt. Das hat viel mit dem Boden zu tun, der in der Schweiz seit Jahrzehnten regelmässig beackert und genährt wird. Den Auftakt machte die Schwarzenbach- bzw. Überfremdungs-Initiative von 1970. Es ist der Nährboden, auf dem die Saat gegen das Fremde, gegen das Andere aufgeht.

Zwei weitere Gründe, die zu diesem deutlichen Ja geführt haben:

Erstens, die Gegner der Anti-Minarett-Initiative: Sie kämpften wenig entschlossen, die Wirtschaft stand abseits und investierte weder Zeit noch Geld in eine Nein-Kampagne. Ich erinnere mich an kaum eine bekannte Person, die in den letzten Monaten beherzt für ein Nein eingestanden wäre.

Viele Politikerinnen und Politiker wähnten die Sache “im Trockenen”, die Wobmanns und Wabers des Egerkinger Komitees wurden nicht ernst genommen, zumal Schlüsselfiguren der SVP wie z.B. Nationalrat Peter Spuhler sich für ein Nein ausgesprochen hatten. Beklemmend: die einzigen Parteien, die die Ja-Parole beschlossen hatten, erreichen zusammen einen Wähleranteil von 30,7% (SVP: 28,9%, EDU: 1,3%, Lega: 0,5%). Heute sagten aber 57% Ja zur Initiative. Da sind die Schäfchen von mehr als einer grossen etablierten Partei ausgeschert. Wir dürfen im Januar die VOX-Analysen mit Spannung erwarten.

Zweitens, die Medien: Sie übernahmen weitgehend das Vokabular der Befürworter. Sie agierten so, wie es im Drehbuch des Egerkinger Komitees stand. Sie fuhren das umstrittene Plakatsujet während Wochen gross und brachten so die Empörungsspirale sofort in Bewegung, ohne das über den Inhalt der Initiative diskutiert worden wäre. Das war Gratis-Propaganda in Millionenhöhe, wie wir es bei einem Abstimmungskampf kaum einmal erlebt haben. Transportiert und verstärkt haben die Medien auf diese Weise vor allem die Angst vor einer angeblichen Islamisierung.

Es wird noch kälter in unserem Land.

Mark Balsiger

Zum Thema:
– Kommentar NZZ: Ein Zeichen – keins von Selbstvertrauen
– Kommentar “Schaffhauser Nachrichten”: Man haut den Sack und meint den Esel
– Augenreiberei (Blog): Schöne heile Schweiz
– Thinkabout (Blog): Schweizer gegen Minarette – wie umgehen damit?

Foto des Minaretts in Genf: Reuters

Martin Bäumle ist für SP eine zu “fette Kröte” – Daniel Jositsch wills richten

Stefan Feldmann, Präsident der SP des Kantons Zürich, sagte es so: glp-Nationalrat Martin Bäumle wäre für uns eine “ziemlich fette Kröte” gewesen. Diese Kröte wollten die Sozialdemokraten nicht schlucken, will heissen: sie verzichten auf eine Unterstützung Bäumle bei den Regierungsratsersatzwahlen von Ende November. Im Mitte-Links-Spektrum trachte(te)n drei Parteien danach, Rita Fuhrers (svp) Sitz anzugreifen: Grüne, Grünliberale, SP.

Anstelle von Bäumle, Präsident der Grünliberalen Partei der Schweiz, setzt die SP aber auf einen eigenen Kandidaten. Es zweifelt kaum jemand mehr daran, dass dieser Kandidat Daniel Jositsch heissen wird. Der medial omnipräsente Nationalrat macht aus seinen Ambitionen auch heute keinen Hehl.

Die SP ist mit zwei Mitgliedern in der siebenköpfigen Regierungs des Kantons Zürich vertreten. Jetzt greift sie nach einem dritten Sitz. Das ist legitim und die Stimmberechtigten haben am 29. November eine Auswahl. Bäumle verzichtet inzwischen auf eine Kandidatur – ohne die Unterstützung der SP hätte er keine Chance.

Interessant: Bäumle und Jositsch sind sich, nimmt man ihre Smartvote-Profile der Nationalratswahlen 2007 als Referenzwerte, inhaltlich ziemlich nahe. Einzig beim Politikfeld “Ausbau des Sozialstaats” gibt es deutliche Differenzen.

Martin Bäumles Profil ist lindengrün, dasjenige von Daniel Jositsch rot.

SP-Nationalrätin Chantal Galladé machte an der Delegiertenversammlung im Zürcher Volkshaus klar, worum es ihrer Partei geht: “Wenn wir nicht antreten, können wir uns gleich den Grünliberalen anschliessen.”

Dass die SP für Bäumle nicht Steigbügelhalterin spielen will, ist klar. Die Gründe dafür sollten wir in den nächsten Wochen ausleuchten.

Mark Balsiger

Vom Auf- und Abstieg von Rita Fuhrer

rita_fuhrer_tagblatt1_smallDie Zürcher Regierungsrätin Rita Fuhrer (svp) tritt im Frühling 2010 zurück. Das hat sie heute Morgen an einer Medienkonferenz bekanntgegeben. Dann wird eine atypische politische Karriere zu Ende gehen.

Ich erinnere mich gut an Fuhrers Wahlkampf im Jahr 1995: Die damals 42-Jährige war im Kantonsrat eine Hinterbänklerin, ihre Nomination eine Überraschung. Freund und Feind nahmen sie nicht ernst. Ihr bescheidener Schulsack und das unscharfe politische Profil wurden immer wieder kritisiert. “Nette Verpackung ohne viel Inhalt” – dieser Vorwurf begleitete sie wie ein Schatten. Bis zum Wahltag.

Zur Überraschung vieler Beobachter schaffte sie den Sprung in die Regierung. Kaum im Amt meisterte sie die Polizeiaffäre um den Kommandanten Eugen Thomann sowie den Polizeihauptmann Hansjörg Spring mit Bravour. Freund und Feind hätten ihr das nicht zugetraut. Mit einem Mix aus unbändigem Arbeitswille, Durchsetzungsvermögen, Charme und politischer Intuition erkämpfte sie sich Anerkennung und Respekt. Die Zürcher liebten die volksnahe Strahlefrau – “lovely Rita” war geboren.

Für die SVP war Fuhrer, übrigens eine Politikerin von Blochers Gnaden, ein Glücksfall. Sie war in den Neunzigerjahren das sympathische und populäre Aushängeschild der Volkspartei im bevölkerungsreichsten Kanton. Die SVP verzeichnete damals ein kräftiges Wachstum: Die Knochenarbeit im Hintergrund leisteten Hans Fehr und Ulrich Schlüer, Autoimporteur Walter Frey butterte viel Geld in Kampagnen und “Buurezmorge”, Christoph Blocher war die Kristallisationsfigur für Parteigänger, Medien und Öffentlichkeit.

Im Dezember 2000 wurde Rita Fuhrer von ihrer Partei als Bundesratskandidatin nominiert, zusammen mit dem Thurgauer Regierungsrat Roland Eberle. Es galt damals, Adolf Ogi zu ersetzen. Das Eidgenössische Parlament entschied sich im sechsten Wahlgang für jemand anderes: den Berner Ständerat Samuel Schmid.

Rückblickend erreichte Fuhrer in dieser Phase den Klimax ihrer politischen Laufbahn; 1999 war sie mit dem besten Ergebnis als Regierungsrätin bestätigt worden. Nach der Nichtwahl in den Bundesrat begann der sachte Abstieg. Abnützungserscheinungen schlichen sich ein, sie verlor zunehmend an Glanz. Mit dem Wechsel in die Volkswirtschaftsdirektion anno 2004 musste sie das heikle und unpopuläre Flughafendossier  übernehmen. Die Verteilung des Fluglärms war emotional aufgeladen, die Atmosphäre vergiftet – eine Mission impossible, auch für sie.

In den letzten Jahren nahm man Rita Fuhrer als vergleichsweise glanzlos, dafür zunehmend als machtbewusst wahr. Es kam zu überdurchschnittlich vielen Wechseln und Zerwürfnissen in ihren Direktionen, Fuhrer legte sich mit den Medien an, sie regierte intern heftig auf Kritik. Mit Regierungskollegin Dorothée Fierz – es ging um die Neuorganisation des Tiefbauamts – lieferte sie sich einen wüsten Streit. Fierz musste in der Folge 2006 zurücktreten, Fuhrers Instinkt rettete sie vor demselben Schicksal. Bei den Wahlen 2007 erreichte sie aber nur noch Platz 7.

Im März dieses Jahres erlitt Fuhrer eine schwere Lungenentzündung. Im Juni wurde sie auf dem Fahrrad von einem Auto angefahren und brach sich dabei mehrere Rippen. Ihr Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen ist vor diesem Hintergrund richtig.

Nachtrag von 18 Uhr: Den Kommentar zu Fuhrers Rücktritt der NZZ gibt es hier.

Foto Rita Fuhrer: tagblatt

Pendlerblatt “News”: Ganz versenken oder als Kampfblatt im Aargau positionieren?

Es lag ja schon lange in der Luft: bei “News” sind Veränderungen fällig. Die Pendlerzeitung aus dem Hause Tamedia streicht die Segel nicht ganz, ab Ende August kriegt man sie nur noch im Grossraum Zürich.

Mit “News” leistete sich Tamedia den Luxus, zwei andere Zeitungen aus dem eigenen Haus, “Tages-Anzeiger” und “20Minuten”, zu kannibalisieren. Nachdem im Mai das Gratisblatt “.ch” eingestellt worden war, hätte man ein schnelles Aus von “News” erwarten dürfen. Mit “News” ging es Tamedia-CEO Martin Kall nur um eines: “.ch” aus dem Markt bugsieren.

Die Frage, die übrig bleibt: Wird “News” bald komplett versenkt oder tüftelt man an der Werdstrasse in Zürich an einer Strategie, um die Position des Aargauer Quasimonopolisten Peter Wanner mit seinen AZ Medien anzugreifen? Zuerst das Limmattal, dessen Bevölkerung wirtschaftlich und kulturell ohnehin komplett auf Zürich ausgerichtet ist, dann andere Regionen.

Vor 20 Jahren versuchte der “Tages-Anzeiger”, sich im Aargau besser zu etablieren. Doch die Pläne, in Aarau oder Baden eine ersthaft dotierte Redaktion aufzubauen, wurden nie umgesetzt. Damals ging es auch um einen publizistischen Anspruch, heute nur noch um den schnöden Mamon.

Mark Balsiger