YB und seine Geldgeber: Wer auf diese Weise kommuniziert, erntet eine Krise

Ein Verwaltungsrat ist keine Kuscheltruppe, die sich zweimal jährlich über ein paar müde Routinetraktanden beugt, um hernach einem opulenten Fünfgänger zuzusprechen. Ein Verwaltungsrat fällt die wichtigsten Personalentscheide, definiert die Strategie des Unternehmens und überwacht deren Umsetzung. So ist es auch bei der Sport & Event Holding AG, die den Traditionsverein BSC Young Boys und das “Stade de Suisse” besitzt. Anzufügen ist, dass es YB ohne diese Geldgeber nicht mehr geben würde.

Vor Wochenfrist stellten Verwaltungspräsident Benno Oertig (Foto) und die Rihs-Brüder Andy und Hans-Ueli, die zu dritt mehr als 90 Prozent des Aktienkapitals besitzen, Stadion- und YB-CEO Stefan Niedermaier kalt. Das Entlassungsgespräch fand am letzten Sonntag statt. Tags darauf wurde den Medien mit Ilja Kaenzig, ein Fussballmanager mit rund zehn Jahren Erfahrung aus der deutschen Bundesliga, bereits der Nachfolger präsentiert. Sie lobten ihn in den höchsten Tönen.

Niedermaier (Foto) habe betrieblich hervorragende Arbeit geleistet, sagte Oertig. Doch jetzt wolle man die dritte Phase zünden, in der man den Fussball nachhaltig fördere. Die Kaltstellung kam für Experten und Fans aus heiterem Himmel. Viele liessen ihrem Unmut freien Lauf und schossen sich sofort auf Kaenzig ein – die falsche Zielscheibe. Niedermaier war die letzten Jahre fraglos “Mister YB”: Er ist ein Macher, charmant, machtbewusst, hart, aber gleichwohl fair. Die Zahlen, die er ausweisen kann, sind beeindruckend. Gemäss der Sonntagspresse brechen die Sponsoren eine Lanze für Niedermaier und verurteilen die Art und Weise seiner Absetzung.

In etablierten Medien und Foren, beispielsweise im Blog “Zum Runden Leder”, wird der Fall  leidenschaftlich diskutiert. Die Fanorganisationen zeigten sich in einem Communiqué besorgt um ihren Klub, und sie solidarisieren sich mit Niedermaier. Eine bekannte Stimme hält dagegen: “Dumm und tendenziös” sei die Berichterstattung der “Berner Zeitung”, kritisiert Peter Jauch, der ehemalige CEO des “Stade de Suisse”, gestern in einem Leserbrief.

Beim gestrigen Meisterschaftsspiel gegen Xamax liessen die YB-Fans Verwaltungsratspräsident Benno Oertig mit einem Transparent wissen, was sie von seinen Plänen halten. Derweil verlor YB gegen den Tabellenletzten 0:1.

“Elf Freunde müsst ihr sein”, heisst der Klassiker aus den Fünfzigerjahren. Das gilt schon lange nicht mehr, und auch Mäzene à la Spross oder Facchinetti sind weitgehend verschwunden. Der Profifussball ist ein knallhartes Geschäft geworden, es geht in erster Linie um Geld. Viel Geld. Wer zahlt, befiehlt – Oertig und die Gebrüder Rihs können tun und lassen, was sie für richtig halten.

Als Kommunikationsspezialist interessiert mich, wie die sofortige Absetzung Niedermaiers kommuniziert wurde. Es gibt eine ganze Reihe Kritikpunkte, die ich strukturiert aufliste:

Die Schwachstellen:

– Es ist richtig, dass man eine Entscheidung dieser Tragweite mit einer Medienkonferenz auffangen wollte. Die Journalisten erst kurzfristig, d.h. mit einem Vorlauf von etwa zwei Stunden, einzuladen, macht Sinn. Offensichtlich wurden aber vorgängig nicht einmal Schlüsselfiguren des Vereins informiert. Viele vernahmen aus den Medien, was Sache ist. Verständlich und richtig ist, dass diese kommunikative Herausforderung nicht von der YB-Medienstelle bewältigt wurde, sondern durch ein externes Büro. Die Kapazitäten hätten gefehlt, vermutlich wäre auch zu viel Nähe zu den Akteuren vorhanden gewesen.

–  Fritz Bösch, Unternehmer aus dem Seeland und das vierte Mitglied im Verwaltungsrat, wurde komplett übergangen und erst gar nicht über die Entscheidung informiert. Nun wird er unter dem Absingen wüster Lieder seinen Rücktritt geben – medial begleitet. Das hinterlässt einen Flurschaden.

– Der YB-Beirat, bestehend aus 22 Persönlichkeiten und als Bindeglied zwischen Klub und Basis aktiv, erfuhr genauso wie Bösch aus den Medien, dass Niedermaier abgesetzt und Kaenzig als neuer CEO installiert wurde. Zu einem ersten Austausch eingeladen wurden sie gestern Nachmittag, geschlagene sechs Tage nachdem die Würfel gefallen waren. Beirat Kuno Lauener ist unter Protest ausgetreten, weitere werden folgen. Auch solche Reaktionen scheint der Verwaltungsrat mit seiner Aktion zu wenig berücksichtigt zu haben. Kuno ist eine Kultfigur in Bern.

–  Die Floskel “im gegenseitigen Einvernehmen” ist schon lange strapaziert. Im vorliegenden Fall ist sie schlicht verlogen: Niedermaier wurde kaltgestellt.

– Wenn Oertig eine “Hochphase von 20 bis 30 Jahren wie bei Bayern München” als Ziel definiert, übernimmt er sich kräftig. Solche Aussagen werden ihm noch Jahre später um die Ohren geschlagen.

– Schliesslich: der Zeitpunkt. Es sorgt für viel Unruhe, den Wechsel von Niedermaier zu Kaenzig ausgerechnet kurz nach Beginn der Meisterschaft zu vollziehen. Wenn YB nicht bald die Resultate bringt, die es sollte, wird auch Trainer Vladimir Petkovic abserviert. 

Die Analyse:

Die Art und Weise, wie Stefan Niedermaier aus seinem Amt gejagt wurde, ist auch für das knallharte Fussballbusiness hässlich. Das hinterlässt mehr als nur einen schalen Nachgeschmack. Nicht nur die Supporter des Klubs, auch weite Teile der Bevölkerung sind irritiert. Dasselbe gilt für die Sponsoren. Vertrauen und Zuverlässigkeit sind für sie ähnlich wichtig wie die Resultate auf dem Platz. Der Verwaltungsrat unterschätzte offensichtlich Niedermaiers Popularität und die tiefe Verankerung des Klubs in der Gesellschaft.

Die Chance, an der Medienkonferenz vom letzten Montag proaktiv für Transparenz zu sorgen, wurde vertan. Weshalb die Absetzung Niedermaiers so kurzfristig nötig wurde, blieb im Dunkeln. Umso kräftiger wird seither spekuliert und interpretiert. In diesem Klima der Unsicherheit ist es für alle Beteiligten schwer, gute Leistungen zu erbringen. Gerade vor dem Playoff-Spiel gegen Tottenham vom kommenden Dienstag, wenn es um den Einzug in die Champions League geht, wäre Ruhe wichtig gewesen.

Fazit: Mit dieser Hauruck-Aktion “veryoungboyste” der Verwaltungsrat vieles. Er verliert dauerhaft an Glaubwürdigkeit und Kredit. Dass etliche Schlüsselfiguren von den Umwälzungen aus den Medien erfahren mussten, ist unverzeihlich. Es zeigt auf, wie wenig Wertschätzung gegenüber diesen Leistungsträgern vorhanden ist. Wer überhastet und intransparent informiert, löst unweigerlich eine Krise aus.

Der Reputationsschaden, der ohne Not angerichtet wurde, ist gross. Wenn YB in dieser Saison so spielt, wie der Verwaltungsrat in dieser Causa kommunizierte, wird der Traditionsklub mit seinen 15’000 Mitgliedern absteigen. Und spätestens dann platzen die hochfahrenden Träume: Challenge League statt Champions League. Dann wäre YB am selben Ort wie vor zehn Jahren schon einmal. Bonjour tristesse.

Interviews mit Ilja Kaenzig und Benno Oertig:

“Bei YB ist gute Arbeit geleistet worden” (BZ, 13. August)
“Wir wollen nicht immer nur Zweiter werden” (Bund, 14. August)

Medienspiegel vom Samstag, 21. August:

Was Bern von YB lernen muss (BZ-Zeitpunkt; Jürg Steiner)
Eine YB-Sternstunde zur rechten Zeit (Bund, Ruedi Kunz, PDF)

Fotos:
– Benno Oertig: intrum.com
– Stefan Niedermaier: 20min.ch
– Pyro und Transparent im Stade de Suisse: Thomas Hodel

Simonetta Sommaruga kandidiert und entkrampft damit den weiteren Ablauf

Wenn Kantonalparteien zu Medienkonferenzen einladen, erscheinen üblicherweise ein paar wenige Journalisten. Heute Morgen war das ganz anders: Die SP des Kantons Bern lud ein, Thema “Bundesratskandidaturen” (Plural!), und das zog. Mehr als 40 Medienschaffende wollten dabei sein, als Ständerätin Simonetta Sommaruga (Foto) ihre Bundesratskandidatur offiziell bekannt gab.

Mit der Nomination Sommarugas durch die Geschäftsleitung der Berner SP ist der erste Stein auf dem langen Weg bis zum 22. September gelegt. Das ist gut für die SP Schweiz. Einerseits weil damit das Feld an Kandidierenden bald überschaubar wird. Andererseits weil die Kandidatur einer Kronfavoritin Druck von anderen möglichen Papabile nimmt. Für sie wird es nun leichter, im Sog Sommarugas ebenfalls ins Rennen zu steigen.

Wir dürfen davon ausgehen, dass die Männer, die in der zweiten und dritten Reihe verdeckt bereitstanden, abwinken werden. SP-Männer stehen laut einem ungeschriebenen Gesetz stehen SP-Frauen nicht vor der Sonne. (Die konsequente Frauenförderung, die in den Siebzigerjahren begann, trägt längst Früchte.) Zudem gilt es bei der SP schon seit Jahren als ausgemachte Sache, dass Moritz Leuenbergers Sitz an eine Frau aus der Deutschschweiz gehen soll. Mit ihrem Zurückstehen werden die Janiaks, Hofmanns und Fehrs (SH) die Kandidatur einer Frau, die als politisches Schwergewicht gilt,  untermauern.

Das zweite Schwergewicht – die Zürcher Nationalrätin Jacqueline Fehr – muss in den nächsten Tagen nachziehen. Sonst wird das von den elektrisierten Medien als Zaudern gedeutet. Dass Fehr womöglich ein Problem hat, erörterte ich unlängst in diesem Blog.

Die weiteren Kandidaturen für das Zweierticket der SP, die nun folgen werden, müssen primär aus regionalpolitischen Aspekten betrachtet werden. Sie sind psychologisch wichtig, haben aber kaum Chancen. Das gilt beispielsweise für Eva Herzog, der Regierungsrätin aus Basel-Stadt, oder Patrizia Pesenti, der Tessiner Regierungsrätin. Mit ihren Kandidaturen hielten sie die Fahnen dieser Regionen hoch. Sie verbesserten aber auch die Möglichkeiten für einen Karriereschritt: Herzog könnte zum Beispiel eines Tages im Ständerat Anita Fetz beerben.

Nicht zuletzt kann die Partei mit einem überblickbaren Schaulaufen auf die guten Köpfe in den eigenen Reihen aufmerksam machen. Der Genfer Freisinnige Christian Lüscher machte vor Jahresfrist vor, wie man als Bundesratskandidat in wenigen Wochen zum schweizweit bekannten Politiker wird.

Nachtrag von 19 Uhr:

Ein Portrait von Simonetta Sommaruga im “Echo der Zeit” von Schweizer Radio DRS

Foto Simonetta Sommaruga: Mark Balsiger

Punkte für Moritz Leuenberger, strategische Vorteile für die SP

Moritz Leuenberger (Foto) hat sein Sensorium für Stimmungen doch nicht ganz verloren: Er sagt nun Ja zu einem vorgezogenen Rücktrittstermin. Damit kann in der Herbstsession seine und Hans-Rudolf Merz’ Nachfolge am gleichen Tag bestimmt werden. Ein Kommentator auf “NZZ online” bringt es so auf den Punkt:

Dr gschiider git naa, dr Esel blibt schtaa.

In den nächsten Tagen wäre der Ärger vieler Parlamentarier und der Öffentlichkeit über die gestaffelten Rücktritte der beiden Bundesräte zu einer grossen Wut hochgekocht worden. In dieser aufgeheizten Atmosphäre hätte Leuenbergers Image weiter gelitten. Mit seinem Umschwenken heimst er Punkte ein, die medialen Würdigungen zu seinem Rücktritt werden nun versöhnlicher ausfallen. Mediale Streicheleinheiten sind Balsam auf die Seele von sendungsbewussten Politikern.

In einem knappen Mediencommuniqué seines Departements werden “staatspolitische Überlegungen” genannt. Das spielte sicher eine Rolle bei Leuenbergers Kehrtwendung. Zentral sind aber auch parteipolitische Gründe.

Man kann von Moritz Leuenberger halten, was man will. Tatsache ist, dass er eine beeindruckende politische Karriere hinter sich hat. Mit 33 Jahren wurde er bereits Nationalrat, 1989/1990 PUK-Präsident (Fichenaffäre), später Regierungsrat und 1995 schliesslich Bundesrat. Diese Karriere wurde vor allem dank seiner Partei möglich. Im letzten Moment hat Leuenberger sich offenbar daran erinnert. Für die SP ist sein vorgezogener Rücktritt ein wertvolles Abschiedsgeschenk.

Bei den doppelten Ersatzwahlen kommt nun die SP vor der FDP zum Zug, weil Leuenberger länger im Amt war als Merz. Das gibt ihr einen bedeutend grösseren Handlungsspielraum. Sie hat strategische Vorteile und muss keine Rücksicht auf regional- und geschlechtsspezifische Kriterien nehmen. Nicht zuletzt kann das neue SP-Mitglied in der Landesregierung dereinst bei der Verteilung der Departemente zuerst wählen.

Die gegenseitige Unterstützung von SP und FDP ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Dank diesem Päckli haben Sprengkandidaturen von SVP und Grünen keine Chancen. Sie werden verheizt, auch wenn die Brandstifter etwas anderes behaupten.


Foto Moritz Leuenberger: keystone

Micheline Calmy-Rey singt im TV

Der “Donnschtigs-Jass” gehört zum Schweizer Fernsehen SF wie die Butter aufs Brot. Seit mehr als 40 Jahren wird dieser bodenständige Klassiker in die gute Stube gesendet, und die Schweizerinnen und Schweizer gucken hin. In der Ausgabe vom kommenden Donnerstag gibts einen besonderen Hingucker: Bundesrätin Micheline Calmy-Rey (Foto) tritt auf als Sängerin.

Die Genferin singt Berndeutsch, ein Lied von Mani Matter, und zwar “Dene, wo’s guet geit”. Ihr Auftritt wird nicht live gegeben, sondern im Bundeshaus vorproduziert.

Ein singendes Mitglied der Landesregierung vor der versammelten TV-Gemeinde Schweiz – das ist keine Premiere. Im Mai 2007 trat Micheline Calmy-Rey bereits einmal als Sängerin auf. Damals in der TSR-Sendung “Coups de coeur”, wo sie “les trois cloches” interpretierte, ein Lied, das Edith Piaf berühmt machte. Man erinnert sich: der Auftritt der Bundesrätin war solid, ihre Stimme ziemlich gut.

Calmy-Reys TV-Debüt als Sängerin schlug damals keine hohen Wellen. Weil es in der welschen Schweiz stattfand. Weil sonst viel auf der Agenda stand. Weil Calmy-Rey damals auf einer Popularitätswelle ritt. Weil es noch keine kraftvollen Onlinemedien gab, die wie Brandbeschleuniger wirken können.

Dieses Mal dürfte das anders sein. Auch weil Calmy-Rey seit geraumer Zeit gegen heftige Kritik kämpfen muss.

Micheline Calmy-Rey singt im TV – da stellen sich Fragen: Wo sind die Grenzen für Spitzenpolitiker? Gilt “Anything goes”, Narrenfreiheit für alle? Wird dieser Auftritt zum Coup oder zum Gau, ist er volkstümmlich oder volks-dümmlich?

Foto Micheline Calmy-Rey: srgssrideesuisse.ch

Vom Austausch zwischen Journalisten und Regierungssprechern in Deutschland

Berlin Blogger Tour 2010/IV

Das Beschaffen von Informationen verschlingt im Arbeitsalltag eines Journalisten viel Zeit. Eine Möglichkeit, dieses Problem zu entschärfen, setzten die deutschen Journalisten schon 1949 um. Sie gründeten in der damals noch blutjungen Bundesrepublik Deutschland, nur wenige Tage nach der Wahl Konrad Adenauers, die Bundespressekonferenz – einen Verein. Dieser organisiert in der Regel dreimal pro Woche eine Regierungspressekonferenz. Daran nehmen manchmal einzelne Minister, aber stets alle Regierungssprecher sowie alle Sprecher der Ministerien teil.

Die Präsenz aller Sprecherinnen und Sprecher ist zwingend. Die Pressekonferenzen werden stets von einem Vorstandsmitglied des Vereins, also einem Journalisten, geleitet und moderiert. Er erteilt im Saal seinen Berufskollegen das Wort. Er gibt den Ball weiter an die Sprecher, und er entscheidet, wann Schluss ist. Zugang zu diesen Anlässen haben in der Regel nur die Vereinsmitglieder, es sind rund 900 an der Zahl, die über Deutschlands Bundestag und die Regierung berichten.

Montags, mittwochs und freitags haben also die Medienschaffenden Gelegenheit, ihre Fragen zu x-beliebigen Geschäften und Themen direkt  zu stellen. Kann eine Frage nicht beantwortet werden, wird sie im Anschluss per Mail nachgeliefert, und zwar subito. Die Pressekonferenzen dauern manchmal nur 20 Minuten, manchmal bis zu zwei Stunden. Wie ein abgestumpftes Ritual wirkten sie nicht auf mich. Beide Seiten scheinen diesen Austausch zu schätzen und respektvoll damit umzugehen.  Nicht ohne Stolz betonen verschiedene Protagonisten, dass diese Institution weltweit einzigartig sei.

An der Bundespressekonferenz gelten Codes. Der wichtigste legt fest, wie die Informationen zu verwenden sind.

unter eins: heisst, dass der Sprecher namentlich als Quelle genannt werden darf.

unter zwei: eine Aussage darf einer Institution zugeschrieben werden (z.B. “für das Bundesfinanzministerium ist klar, dass…”).

unter drei: So klassierte Informationen dürfen von den Journalisten nicht verwendet werden. Sie sollen z.B. bei Geschäften, die noch nicht reif sind, Hintergründe liefern.

Amtliche Sprecher stehen seit jeher im Verdacht, die Medien zu massieren. Eine klare Grenze  zwischen Information und Beeinflussung ist allerdings kaum zu ziehen. Dieses Problem schafft auch die Bundespressekonferenz nicht aus dem Weg. Aber sie ermöglicht es immerhin, dreimal wöchentlich Fragen zu stellen – von Angesicht zu Angesicht.

Wäre ein ähnliches Modell – beispielsweise ein wöchentliche Fragestunde – auch in der Schweiz  eine Entspannung für die seit langem vertrackte Zweierkiste Medien-Bundeshaus?

Fotos Bundespressekonferenz: Mark Balsiger

Roger de Weck – weil er Konvergenz und Sparübungen besser verkaufen kann?

Die Überraschung ist perfekt: Der neue Generaldirektor heisst Roger de Weck. Sein Name war in den letzten Monaten nicht gehandelt worden. Zufall? Es gibt Stimmen, die von einem abgekarteten Spiel sprechen und einen Vergleich mit der Papstwahl ziehen.

Muss ein Kandidat im Vorfeld der Wahlen während Wochen oder sogar Monaten der Öffentlichkeit namentlich bekannt sein? Sich von der Medienszene rösten lassen und jede noch so dümmliche Frage beantworten? Ich finde nicht, obwohl die SRG ein Staatsbetrieb mit fast 6000 Angestellten ist.

Vielleicht war de Weck und seine Supporter cleverer als Hans-Peter Rohner (VR-Präsident und CEO der Publigroupe) und Filippo Leutenegger (FDP-Nationalrat, ehemaliger SF-Chefredaktor). Beide wurden öffentlich als potenzielle Nachfolger von Armin Walpen gehandelt.

Roger de Weck hat sich als Journalist einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet, er war u.a. Chefredaktor des Zürcher “Tages-Anzeigers” der “Zeit” in Hamburg. Dass der Kurswert des vielbeschäftigen Publizisten seit Jahren höher gehandelt wurde als seine Leistung effektiv war, ist lediglich eine Vermutung. Der aus dem Freiburger Adel stammende Bankierssohn ist belesen, gebildet, weltgewandt, ein Linksliberaler, Citoyen und Schöngeist.

Seit vielen Jahren wird de Weck wie viele andere Journalisten nicht müde, mit fast schon religiös anmutendem Eifer gegen die SVP anzuschreiben. Erreicht haben sie das Gegenteil. Der neue SRG-Generaldirektor wird nun zu einer geradezu idealen Zielscheibe für die Scharfmacher der Volkspartei. Linker Medienmonopolist und linker Chef, das ist ganz nach dem Gusto vieler SVPler. Dieses Artilleriefeuer kann der SRG enorm schaden.

Mit de Weck machte nicht ein klassischer Manager wie Rohner, sondern ein Journalist das Rennen. Das liegt womöglich auch daran, dass de Weck die höchst umstrittene Zusammenführung von Radio und Fernsehen (Medienkonvergenz) konzernintern besser verkaufen kann. Diese gigantische Umwälzung schlucken die SRG-Journalisten vermutlich eher von jemandem, den sie als einen der ihren betrachten.

Vielleicht ist de Weck, vom 1. Januar 2011 an im Amt, der erste SRG-Kadermann, der hinsteht und in aller Deutlichkeit sagt, was die Medienkonvergenz letzlich ist: eine grosse Sparübung. Eine Sparübung notabene, die die grosse Qualität, die Schweizer Radio DRS im Bereich Information leistet, ireversibel unterspülen kann.

Foto Roger de Weck: koerber-stiftung.de

Vom Gratisboom bleibt ein Notenständer

In den letzten Monaten ist Sacha Widgorovits als PR-Berater Carl Hirschmanns, von Beruf Sohn und Schlagzeilengarant, in Erscheinung getreten. Im September 2007  war er ein anderes Wagnis eingegangen: Er lancierte damals die Pendlerzeitung “.ch”, zugestellt bis direkt vor die Haustüre – auf einer Konstruktion, die einem Notenständer sehr ähnlich ist. Das war ein Novum.

Noch vor drei Jahren schienen die Schweizer Verleger an einem Virus zu leiden: Sie glaubten an das Geschäftsmodell “gratis” und wollten im Kielwasser des kommerziell hoch erfolgreichen “20 Minuten” ebenfalls Geld machen.

Die Rechnung ging nicht auf, wie sich schon bald zeigen sollte. Die Liste der inzwischen eingestellten Pendlerblätter: “heute”, “.ch”, “cash daily”, “News”, “le matin bleu”. Der Markt ist bereinigt, das Virus weg, mehrere Hundert Millionen Franken, die die Schweizer Verlagshäuser in den letzten 12 Jahren in ihre Gratiszeitungskonzepte und -versuche steckten, sind verbraten.

Was bleibt ist ein lange anhaltender Kater. Und ein Notenständer von “.ch”, den ich bei einem Spaziergang im März entdeckte. Unversehrt. Vergessen. Eine Installation.

punkt_ch_notenstander_small500

Foto: Mark Balsiger

Erosion im Wahlkampf, Erosion bei allen etablierten Parteien

Druckversion: Erosion im Wahlkampf, Erosion bei den Parteien (PDF)

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit (Klassiker des deutschen Philosophen Georg Franck) ist unerbittlich. Das spüren derzeit die Berner Kandidierenden, die in der Schlussphase des Grossratswahlkampfes stehen. Hunderte von ihnen zeigen ein grosses zeitliches Engagement: frühmorgens verteilen sie in den Bahnhöfen Prospekte und Schöggeli, abends sind sie an Veranstaltungen, nachts werden Leserbriefe verfasst oder Postkarten verschickt. Dazu kommen Plakate, Inserate, Publireportagen und Postwurfsendungen, sofern die Kriegskasse gut gefüllt und der Wahlerfolg in Reichweite ist.

Auf den ersten Blick verläuft der Wahlkampf im Kanton Bern weitgehend traditionell, so wie er bereits in den Sechziger- oder Siebzigerjahren geführt worden war. Beim genaueren Hinschauen stellt man aber fest, dass die gängigen Wahlkampfinstrumente und -aktionen eine bedeutend schwächere Resonanz haben als früher. Parteiveranstaltungen sind keine kraftvollen Manifestationen mehr, sondern, so die Kritik vieler Journalisten, Rituale mit beträchtlichem „Gähn“-Faktor. Podien ziehen nur noch spärlich Publikum an, für Standaktionen und Unterschriftensammlungen finden sich mitunter kaum genügend Helfer. Fazit: Wahlen verlieren an Bedeutung, die Medien entpolitisieren sich schleichend, der traditionelle Wahlkampf erodiert, ohne dass der moderne Wahlkampf Einzug gehalten hätte.

Im Netz tummelt sich die Masse

Mit dem Aufkommen der neuen Medien sind Wahlkampagnen kostengünstiger und vielfältiger geworden. Viele Kandidierende fühlen sich überfordert und verzichten darauf, ihre Schwerpunkte neu zu definieren. Das hat verschiedene Gründe: Sie fürchten den Aufwand, viele glauben nicht, dass sie mit den neuen Kanälen auch tatsächlich potenzielle Wähler erreichen können, und die Internet-„Apostel“ sorgen mit ihrem euphorischen Fachchinesisch eher für Verwirrung anstatt bei Interessierten Überzeugungsarbeit zu leisten. Dabei wächst die Bedeutung des Internets weiter. Im Netz tummelt sich die Masse, auch in der Schweiz: 3,9 Millionen Menschen sind inzwischen täglich online, im Jahr 2005 waren es noch 2,1 Millionen. Jede vierte Person hat ein Facebook-Profil, die Benutzer sind im Durchschnitt 35 Jahre alt und verbringen 25 Minuten pro Tag auf dieser Plattform.

Die Verlagerung der Wahlkampfkommunikation ins Internet ist graduell im Gang, die neuen Bühnen, die Facebook, Twitter, Blogs usw. darstellen, sollten aber richtig bespielt werden. Was heisst richtig? Das A und O ist die Bereitschaft, ja die Lust, sich auf einen konstanten und glaubwürdigen Dialog mit den Mitmenschen einzulassen. Der Online-Dialog ist im Prinzip nichts anderes als modern verstandene Bürgernähe. Für den Aufbau eines klaren Profils im Netz braucht es einen langen Atem. Nur wer über Jahre hinweg informiert, Wissen teilt und auf andere eingeht, kann sich schliesslich neue Wählersegmente erschliessen. Das frisst viel Lebenszeit und verträgt sich deshalb kaum mit dem Milizsystem der Politik.

Die Parteien stecken in der Krise

Die Parteien sind auf mehreren Ebenen herausgefordert. Sie kämpfen zudem mit einem Problem, das kaum bekannt ist: dem Mitgliederschwund. Alle etablierten Parteien sind überaltert. In den letzten 15 Jahren haben ihre Kantons- und Ortssektionen zwischen einem Viertel und einem Drittel ihrer Mitglieder verloren.
Exemplarisch die Entwicklung der SVP des Kantons Bern, der noch immer mit Abstand grössten Kantonalpartei des Landes: In den Neunzigerjahren zählte sie noch rund 30’000 Mitglieder, heute sind es nach eigenen Angaben noch 18’000.

Diese Entwicklung bedeutet, dass den Parteien an der Basis mehr und mehr die Leute fehlen, die im Wahlkampf direkt von den Zentralen postalisch, per E-Mail oder telefonisch mobilisiert werden können. Dabei haben Parteimitglieder und -sympathisanten als Multiplikatoren weiterhin eine eminent wichtige Rolle. Der Wahlkampf fördert zutage, dass die Parteien in der Krise stecken. Die Gesellschaft fragmentiert, die Parteibindungen haben sich praktisch vollständig aufgelöst. Es deutet vieles darauf hin, dass die traditionellen Mitgliederparteien zu Wählerorganisationen mutieren müssen. Welche Rolle sie in der Machtteilung mit Verbänden, Gewerkschaften, Nicht-Regierungsorganisationen und der Verwaltung dereinst noch spielen können, ist vorderhand offen.

Auf der Jöö-Welle surfen: Berner Parteien mit gelungenen und innovativen Videos

Noch vor Wochenfrist stellen wir im “Bund” fest, dass der Berner Wahlkampf fast ausschliesslich auf konventionelle Medien und Massnahmen ausgerichtet sei. Noch am selben Tag erfolgte ein erster Gegenbeweis: Die SP lancierte die beiden Bärchen Urs & Berna.

Die Namensvetter der putzigen Medienstars im Bärenpark, die derzeit täglich 5000 Besucher anlocken, kriegen im Film Besuch von einem vierbeinigen “Cervelat-Promi” aus der Stadt Zürich: Das Zebra, das die SP aus dem Kreis 11 verschiedentlich in Videoclips auftreten liess, gesellt sich zu den Bärchen. Aber schauen Sie selbst:

Der Clip ist gut gemacht, ohne Wenn und Aber. Die Macher reagierten schnell und clever: Sie surfen auf der Jöö- und Promi-Welle. Das Zebra generierte im Stadtzürcher Wahlkampf bereits viel Medienaufmerksamkeit und wurde dank der Satiresendung “Giacobbo/Müller” Kult – immer und immer wieder von Mike Müller lanciert, ein Running Gag eben.

Mit Politik hat das nichts am Hut, dafür mit Aufmerksamkeit, und die ist im zunehmend inhaltslosen Wahlkampf viel wert. Der Clip bringt ein Schmunzeln in die Gesichter der Zuschauer – und die Onlinemedien befassen sich ein weiteres Mal mit diesem Thema, dem Zebra sei Dank.

Bei “Youtube” wurde das Filmchen immerhin schon rund 2450 Mal angeschaut – für Produktionen im Schweizer Wahlkampf ist das ein beachtlicher Wert.

SP und Grüne haben inzwischen auch für ihre vier bisherigen Regierungsratsmitglieder ein Video hochgeladen:

In diesem Clip versuchen die Macher, Inhalte zu transportieren, was ihm prompt eine gewisse Schwere verleiht. Der Weg-Klickreflex muss gebändigt werden. Handwerklich ist der Clip aber gut, der Dreh mit der Uhr und der Sommerzeit passt.

alexandra_perina1_200Einen Entwicklungsschub voraus ist die Produktion der CVP-Regierungsratskandidatin Alexandra Perina-Werz (Foto). Technisch überzeugend gelöst ist die Verknüpfung mit verschiedenen politischen Kernbotschaften. Perina-Werz erklärt in kurzen Einblendungen zu jedem Thema, worum es ihr geht. Als “Talking Head” und mit ihrer eigenen Stimme, ein innovativer Ansatz.

Die Flash-Produktion – auf dem Videoportal von Youtube kann man sie vermutlich aus technischen Gründen nicht hochladen – basiert allerdings auf einem Drehbuch, das nicht überzeugt. So dauert die erste Sequenz beim Bahnhof Bern geschlagene 12 Sekunden, ohne dass etwas gesagt oder Spannung aufgebaut würde. Das strapaziert die Geduld der Betrachter stark, zu stark. Erneut kommt der Weg-Klickreflex.

Dabei wäre die zweite Sequenz ein gelungener und witziger Einstieg gewesen: Ein älterer Mann, der sich dem Plakat von Perina-Werz nähert, wird urplötzlich von ihr mit “Grüessech!” begrüsst. Mit diesem Überraschungseffekt hätte die Produktion dynamischer gewirkt.

Die Option, das eigene Foto einzubauen und so das Video personalisiert an Freunde und Bekannte zu mailen, animiert zu wenig. Und auch der Begleittext hätte nochmals überarbeitet werden müssen:

Hallo
Vielleicht interessiert Dich dieses Video. Alexandra Perina-Werz freut sich über Deine Unterstützung. Klicke einfach auf den Link:
http://www.perina-werz.ch/2010/index.html?code=gz9ioqbdv06vdov3bdv1jfg4ikbdv2

Bester Gruss

Ein solcher Hilfstext macht etwa soviel Lust auf das Anklicken wie zum vierten Mal Kartoffelsalat in derselben Woche. Die virale Verbreitung im grossen Stil dürfte ausbleiben. Das “Masterpiece” mit dem ehemaligen “Tagesschau”-Sprecher Charles Clerc, der im Februar 2008 in einem famosen Beitrag für die Personenfreizügigkeit warb, bleibt weiterhin unerreicht. Schätzungsweise 600’000 Mal wurde es angeklickt.

Tschäppäts Vollmondgesänge oder Wieviel Privatleben darf ein Politiker haben

Alexander Tschäppät ist ein Causeur, aber auch der beste Verkäufer der Bundesstadt – und seiner selbst. Bei unverzerrtem Licht und nüchtern betrachtet, hat Berns Stadtpräsident einen beachtlichen Leistungsausweis als Politiker vorzuweisen.

Der Politiker Alexander Tschäppät kommt allerdings regelmässig ins Gehege mit dem Menschen Alexander Tschäppät. Etwa wenn man Testosteron und Pheromone Polka tanzen lässt oder die gut geölte Zunge sich verselbstständigt.

Am letzten Wochenende feierte Tschäppät den Sieg von YB über den FC Zürich im “Luna llena”. Bald einmal stand er auf der Bühne und besang zusammen mit einer Partyband nicht nur den Vollmond, sondern auch zwei ehemalige Bundesräte, die in den Songzeilen allerdings ganz anders benamst wurden.

Seither muss Tschäppät sich nicht um mediale Unaufmerksamkeit sorgen, er gibt von den Kameras und Mikrofonen den Reuigen und gelobt, dass “so etwas” nicht mehr vorkomme.

Mit der nötigen Distanz und Schärfe fällt die Analyse von Jean-Martin Büttner im heutigen “Tages-Anzeiger” auf:

Wo eine Bühne ist, steht auch ein Tschäppät (PDF)

Nach jedem Tritt in das Fettnäppchen thematisiert Tschäppät das Recht auf ein Privatleben. Damit hat er im Prinzip Recht, bloss: bei Berufspolitikern, National- und Ständeräten hat es keinen Platz für Eskapaden in der Öffentlichkeit. Für sie existiert nur noch in den eigenen vier Wänden eine Privatsphäre. Das ist der Preis eines hochdekorierten Amtes.

Foto Alexander Tschäppät: flickr.com