Vom “Jahrzehnt der SVP” und echten Erfolgen in der Politik

Andreas Durisch thematisierte gestern in einem Leitartikel den “radikalen Wandel” der Politik im Jahrzehnt, das dieser Tage zu Ende geht. Dieser Text ist gut und regt an, ich schalte ihn deshalb hier auf:

“SonntagsZeitung” Leitartikel Durisch (PDF)

Ein Satz des scheidenden Chefredaktors der “SonntagsZeitung” bedarf einer näheren Betrachtung: “Die Nullerjahre waren das Jahrzehnt der SVP”. Nun, wie misst man den Erfolg einer Partei genau? Mit Klamauk? Anhand der Tatsache, dass Hinz und Kunz das Haudrauf-Vokabular übernommen haben? Mit “Arena”-Auftritten? Letzteres ist fürwahr eine skurrile Diskussion, die dieser Tage über uns hinwegrollte.

Nüchterne Zahlen helfen weiter – vorerst. Elektoral hat die SVP in den letzten 20 Jahren in der Tat beeindruckend zugelegt. Auf eidgenössischer Ebene von 11% (1987) auf 28,9% (2007). Das verdient Respekt.

Was am Ende des Tages aber zählt, sind gewonnene Abstimmungen – an der Urne und im Parlament. In den letzten 10 Jahren schaffte es die SVP leidglich viermal, bei Volksabstimmungen zu gewinnen. (Die Plebiszite, bei denen die SVP gemeinsam mit den anderen bürgerlichen Parteien CVP und FDP kämpfte, sind hierbei nicht mitgezählt, weil sie dem Normalfall entsprechen.) Die Auflistung der SVP-Erfolge:

– Verwahrungsinitiative (Febr. 2004)
– Erleichterte Einbürgerung für 3.-Generation-Ausländer (Sept. 2004)
– Unverjährbarkeitsinitative bei pornograf. Straftaten (Nov. 2008)
– Anti-Minarett-Initiative (Nov. 2009)

Im Parlament präsentiert sich die Bilanz ähnlich bescheiden: Tritt die SVP alleine an, erleidet sie Schiffbruch. Der erfolgreiche Courant normal bleibt ihr Zusammengehen mit CVP und FDP. Dann kommen die meisten Geschäfte in ihrem Sinne schlank durch.

Fassen wir zusammen: Die SVP ist bei Parlamentswahlen seit nunmehr 20 Jahren erfolgreich, bei Wahlen in die Exekutive, aber auch an der Urne und im Parlament ist ihre Palmarès allerdings sehr bescheiden. Sie erfüllt die wichtige Aufgabe, den Finger auf wunde Punkte zu halten. Problemlösungskompetenz hat sie bis dato nicht erlangt. Das vergass Andreas Durisch in einem Nebensatz zu erwähnen.

P.S.   Das Wahlkampfblog macht nun die “Neujahrsbrücke” im Schnee und schweigt bis im Januar – es sei denn, es passiere etwas Gravierendes.

Minarett-Abstimmung wird eine Landmarke, womöglich gar zur Wasserscheide

Nach dem ebenso deutlichen wie überraschenden Ja zur Anti-Minarett-Initative vor drei Wochen war ich paralysiert und gesellte mich auch in der “Ich-schäme-mich”-Ecke. (Deshalb die Schreibpause in diesem Blog.) Ich schäme mich allerdings nicht nur für dieses Resultat, sondern genauso für die Reaktionen vieler Gegner. Sie diffamieren die Mehrheit und blöcken vereint in der Herde der aufgeschreckten weissen Schafe: “Pfui, SVP!”

Ihr Verhalten ist vergleichbar mit demjenigen national-konvervativer Kreise, und das wirft eine zentrale Frage auf: Wie ist es um die politische Kultur in diesem Land bestellt? Die Aussage, dass “die Anderen” mit Populismus begonnen hätten, finde ich billig.

Der Auftritt des Filmemachers Samir im “Club” ist einer der Tiefpunkte im Nachgang des Abstimmungsdebakels. In der chaotischen und teilweise absurden Diskussionssendung pöbelte er dumpf gegen “Blocher und andere Millionäre”. Samir verpasste es, als besonnener und voll integrierter Secondo, der akzentfrei Mundart spricht, einen Weg in die Zukunft aufzuzeigen. Er, der wie schätzungsweise 85 Prozent der anderen Muslime in der Schweiz auch areligiös ist.

SVP hat weder geschlossen noch entschlossen gekämpft

Halten wir es hier fest, bevor unpräzise Vermutungen zu Tatsachen verdreht werden: Die SVP hat weder geschlossen noch entschlossen für ein Ja gekämpft. Sie steuerte keinen roten Rappen an die Ja-Kampagne bei. Ebendiese Kampagne wurde nur deshalb während Wochen zum Thema Nummer eins, weil vereinzelte Städte den Aushang des Plakatsujets verboten hatten. Alt-Bundesrat Christoph Blocher wollte die Initiative ursprünglich gar nicht mittragen, genausowenig wie etliche andere Schlüsselfiguren der Volkspartei.

Dass die SVP den Abstimmungssieg für sich reklamiert, ist bis zum heutigen Tag nicht zu überhören. Die Knochenarbeit für das Ja haben allerdings Dutzende von rechts-nationalen Organisationen geleistet, von der Auns bis zum Pikom. Dieses Beispiel zeigt, dass die ohnehin schon bescheidene Macht der Parteien weiter unterminiert wird.

Der 29. November 2009 wird zu einer Landmarke in der Geschichte der Schweiz. Wir werden uns noch in vielen Jahren an die Anti-Minarett-Initiative erinnern, noch selten wurde das Land so heftig durchgeschüttelt wie nach dieser Abstimmung. Womöglich wird der 29. November 2009 sogar zur Wasserscheide der Schweizer Gesellschaftspolitik. Zur Debatte steht der Umgang mit Minoritäten.

Mark Balsiger

Nachtrag vom 16. Januar 2010:

Der Berner Schriftsteller Lukas Hartmann hat sich in die Debatte um die Selbständigkeit der Schweiz eingeschaltet, die nach der Minarettabstimmung aufgebrochen ist. Er tut dies mit einem Essay, der heute in der “Berner Zeitung” erschienen ist. Pointiert. Und hier zum Herunterladen:

Der Traum von der schrankenlosen Souveränität (PDF)

Anti-Minarett-Initiative: Dank Nährboden, Medien und schwachen Gegnern gewonnen

minarett_lead_138730651256630723Volksinitiativen haben einen schweren Stand. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass seit 1891 nur gerade eine von zehn Initiativen angenommen wurde. Dass die Anti-Minarett-Initiative mit einem Ja endet, und das sehr deutlich, ist eine dicke Überraschung.

Normalerweise baut sich die Unterstützung für Volksinitiativen während den Abstimmungskampagnen sukzessive ab. Bei der Anti-Minarett-Initiative geschah das Gegenteil. Sie ist damit eine von drei Ausnahmen in den letzten 20 Jahren – nebst der Armeeabschaffungs-Initiative von 1989 und der Asyl-Initiative von 2002 (die allerdings trotzdem beide abgelehnt wurden).

Bei der letzten Umfrage, die vor drei Wochen gemacht wurde, standen sich 37% Ja und 53% Nein gegenüber (bei 10% Unentschlossenen). Die Befürworter haben also in der Zwischenzeit rund 20% zugelegt. Dieser Befund bringt der Demoskopie, die in der Schweiz noch immer um Anerkennung ringt, und insbesondere gfs.bern Kritik ein.

Ich plädiere für Fairness und die Einbettung in einen längeren Zeithorizont: Die allermeisten Umfragen und Hochrechnungen, die gfs.bern in den letzten Jahren gemacht hatte, waren präzis. Die hohe Trefferquote lässt sich noch heute jederzeit verifizieren. Der letzte echte “Fehltritt” liegt 10 Jahre zurück: Bei den eidgenössischen Wahlen 1999 wurde der SP noch am Abstimmungssonntag ein deutlicher Verlust prognostiziert. Schliesslich legte sie aber 0,7% zu.

Es liegt für mich auf der Hand, dass ein Teil der Befragten nicht ehrlich Auskunft gab. Man werde Nein stimmen, sagten viele im Vorfeld, warf an der Urne aber ein Ja ein. Die Demoskopen wissen um diese Problematik. Bei Wahlprognosen wird deshalb eine Gewichtung vogenommen, nicht aber bei Abstimmungsprognosen.

Die diffusen Ängste rund um den Islam, die seit Jahren vorhanden sind, konnten in den letzten Monaten nicht reduziert werden. Im Gegenteil: sie wurden noch verstärkt. Das hat viel mit dem Boden zu tun, der in der Schweiz seit Jahrzehnten regelmässig beackert und genährt wird. Den Auftakt machte die Schwarzenbach- bzw. Überfremdungs-Initiative von 1970. Es ist der Nährboden, auf dem die Saat gegen das Fremde, gegen das Andere aufgeht.

Zwei weitere Gründe, die zu diesem deutlichen Ja geführt haben:

Erstens, die Gegner der Anti-Minarett-Initiative: Sie kämpften wenig entschlossen, die Wirtschaft stand abseits und investierte weder Zeit noch Geld in eine Nein-Kampagne. Ich erinnere mich an kaum eine bekannte Person, die in den letzten Monaten beherzt für ein Nein eingestanden wäre.

Viele Politikerinnen und Politiker wähnten die Sache “im Trockenen”, die Wobmanns und Wabers des Egerkinger Komitees wurden nicht ernst genommen, zumal Schlüsselfiguren der SVP wie z.B. Nationalrat Peter Spuhler sich für ein Nein ausgesprochen hatten. Beklemmend: die einzigen Parteien, die die Ja-Parole beschlossen hatten, erreichen zusammen einen Wähleranteil von 30,7% (SVP: 28,9%, EDU: 1,3%, Lega: 0,5%). Heute sagten aber 57% Ja zur Initiative. Da sind die Schäfchen von mehr als einer grossen etablierten Partei ausgeschert. Wir dürfen im Januar die VOX-Analysen mit Spannung erwarten.

Zweitens, die Medien: Sie übernahmen weitgehend das Vokabular der Befürworter. Sie agierten so, wie es im Drehbuch des Egerkinger Komitees stand. Sie fuhren das umstrittene Plakatsujet während Wochen gross und brachten so die Empörungsspirale sofort in Bewegung, ohne das über den Inhalt der Initiative diskutiert worden wäre. Das war Gratis-Propaganda in Millionenhöhe, wie wir es bei einem Abstimmungskampf kaum einmal erlebt haben. Transportiert und verstärkt haben die Medien auf diese Weise vor allem die Angst vor einer angeblichen Islamisierung.

Es wird noch kälter in unserem Land.

Mark Balsiger

Zum Thema:
– Kommentar NZZ: Ein Zeichen – keins von Selbstvertrauen
– Kommentar “Schaffhauser Nachrichten”: Man haut den Sack und meint den Esel
– Augenreiberei (Blog): Schöne heile Schweiz
– Thinkabout (Blog): Schweizer gegen Minarette – wie umgehen damit?

Foto des Minaretts in Genf: Reuters

Bär Finn und sein Meister, Bernd Schildger

finn1_schwimmend_klein_bern_chSeit Samstagabend ist der vierjährige Bär Finn (Foto) das Gesprächsthema Nummer 1 in Bern. Die Anteilnahme der Bevölkerung an seinem kritischen Gesundheitszustand ist riesengross, in Foren wird engagiert diskutiert, mehrere Facebook-Gruppen wachsen stündlich.

Dass dieser Fall kein kommunikativer GAU wurde, liegt insbesondere an Tierparkdirektor Bernd Schildger. Er machte von Anfang an dezidiert klar, dass er den sofortigen Einsatz der so genannten Mannstop-Munition richtig findet. Nur so konnte Finn sofort gestoppt werden als er auf den Eindringling losging. Hätte Schildger auch nur leise Zweifel geäussert und beispielsweise einen Wasserwerfer als Option erwähnt, würden sich die Behörden längst in Krisenmanagement üben.

Bernd Schildger, Direktor am Tierpark Dählhölzli, ist ein Glücksfall für Bern. Seit vielen Jahren kämpft er für seinen Tierpark, seine Tiere und insbesondere die Bären, die vor wenigen Monaten den neuen Bärenpark beziehen konnten.

Schildger kämpft mit Leidenschaft, ohne je sektiererisch oder aufdringlich zu wirken. Wann immer er öffentlich auftritt, überzeugt er mit Authentizität und Charme. Er ist sehr eloquent und spricht auch für Laien verständlich. Dass er die öffentlichen Auftritte und Medienpräsenz (Foto unten) nicht sucht, macht Schildger umso sympathischer.

 

Eine spannende Debatte über Mensch und Tier ist beim Blöker im Gange. Reinschauen.

Foto Finn: bern.ch
Foto Bernd Schildger: drs.ch

“Journalisten sollten ernsthafter werden – und die Leserschaft ernst nehmen”

Alljährlich im November findet der Berner Medientag statt. Dieses Mal stand er unter dem Motto “Ausgepresste Presse – ist die abonnierte Zeitung am Ende?”

Ich verzichte darauf, den Content, pardon, den Inhalt der Podiumsdiskussionen näher zu beleuchten. Ein halbes Dutzend Kernaussagen sind auf meinem Twitter-Account festgehalten. Die Gedanken von Hanspeter Spörri (Foto), von 2000 – bis 2007 Chefredaktor am “Bund” und seither freier Publizist, finde ich wertvoll.

Es lohnt sich, Spörris Gedanken wirken zu lassen, ich gebe sie deshalb stark gekürzt weiter. In der Rolle des Provokateurs ortete er sechs Probleme – er nannte es Fehler -, die bei den klassischen Printmedien gemacht werden:

1.  Es wird Content statt journalistischer Inhalt produziert. Content ist austauschbar, Retortenjournalismus.

2.  Die Stimmung auf den Redaktionen ist miserabel. Der Output steigt, die Intensität nimmt ab. Journalismus ist ein Beruf, in dem man nicht mehr anständig alt werden darf.

3.  Es herrscht Vulgär-Optimismus. Da es seit nunmehr neun Jahren abwärts geht, wird der Optimismus zum Zwang.

4.  Medien biedern sich dem Publikum an. Sie werden zuerst schneller, dann regionaler, später life-styliger oder umgekehrt, usw.

5.  Journalisten sind eitel geworden und zu wenig selbstkritisch. Sie sollten ernsthafter werden und die Leserschaft ernst nehmen.

6.  Journalisten sind zu wenig optimistisch.

Foto Hanspeter Spörri: Daniel Bernet

“Behinderte liegen uns nur auf der Tasche” – die IV-Debatte ist somit neu lanciert

Die Teaser-Kampagne, die seit Anfang Woche auf vielen Plakatwänden in der ganzen Schweiz zu sehen ist, hat mächtig Staub aufgewirbelt. Gerade auch bei den Behindertenverbänden.

Eines von diversen Sujets dieser Plakatkampagne:

Werbung soll etwas auslösen. Werbung sollte intelligent sein – und scheitert mit diesem Anspruch oft.

Werbung setzt vielfach auf drei “Trigger”:

–  die massierte Verwendung, damit so Wirkung erzielt werden kann
–  Zuspitzung
–  Provokation

Zuspitzungen gelingen nur selten, lies: das Publikum versteht die Botschaften gar nicht. Provokationen wiederum können zynisch oder dumpf sein. Auf den ersten und zweiten Blick war ich geneigt, die aktuelle Teaser-Kampagne zu verurteilen.

Jetzt liegt allerdings die Auflösung der Kampagne vor, seit heute hängen an den Plakatwänden die neuen Sujets. Ein Beispiel:

Zugegeben, die Teaser strapazierten stark. Ich kann nachvollziehen, wenn Betroffene schlecht darauf reagierten. Allerdings, und das scheint mir wichtiger, wurde so die wichtige IV-Diskussion neu lanciert. Buchautor Markus Schneider, nach zwei Hirnschlägen selber ein Betroffener, schreibt, dass dank dieser Kampagne nun alle wüssten: “Ohne Integration in die Arbeitswelt wird es teuer. Teuer für Nicht-Behinderte.”

Die Kampagne ist dann ein echter Erfolg, wenn nun die Diskussion breit geführt wird und gleichzeitig auch Tiefe erreicht. Wenn das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), die Behindertenverbände und nicht zuletzt die Politiker die Chance nutzen, das Thema Reintegration mit diesem positiven Dreh auf die Agenda zu setzen, ist einiges erreicht.

Foto: news.ch, Sujet: BSV

Die Juso und das Plakat: “Bloody beginners” erweisen SP einen Bärendienst

Provokationen gehören zum politischen Geschäft. Provokative Plakatsujets sind nichts Neues unter der Sonne. In den 1920er und vor allem den 1930er-Jahren wurden so die Gegner heftig diffamiert. Anfang der 1990er-Jahre wurde dieser alte Stil wieder entdeckt und “salonfähig” gemacht. Von SVP-Werber Hans-Rudolf Abächerli.

Seit Abächerlis Messerstecher-Sujet anno 1993 sind wir uns einiges gewohnt. Nebst den Kreationen von ihm und seinem Nachfolger entstanden praktisch immer Plagiate. Unlängst wieder bei der Minarett-Verbots-Initiative. Es gab aber auch immer wieder Versuche von anderen politischen Lagern, ebenfalls auf Provokationen zu setzen. Besonders aktiv in diesem Bereich der Politwerbung sind die Juso (Jungsozialisten). Ihr neuster Anlauf:

plakat_leuthard

Der Versuch der Juso, für die Abstimmung über die Kriegsmaterial-Initiative von Ende November im grossen Stil mediale Aufmerksamkeit zu generieren, wird kläglich scheitern. Eine lange Debatte im redaktionellen Teil gibt das nicht, und schon gar keine separate “Arena”. Dafür fehlt dem Plakat schlicht der Nährboden, es verpufft in der Oeffentlichkeit nach spätestens 72 Stunden. Ganz im Gegensatz zum Sujet der Minarettverbots-Initiative; dafür legte Nationalrat James Schwarzenbach mit seiner ersten Ueberfremdungsinitiative vor 40 Jahren die Basis. Sein Assistent hiess übrigens Ulrich Schlüer, heute der geistige Vater der Minarett-Initiative.

Was das Plakatsujet auslösen wird:
Gehässige Leserbriefe von SP-Mitgliedern
– Es wird Ausstritte aus der SP geben
– Juso-Chef Cedric Wermuth und anderen Mitgliedern der SP-Parteispitze wird das Sujet um die Ohren geschlagen – von den eigenen Leuten. Die SP befasst sich also wieder einmal mit sich selbst.

Statt mit programmatischer Arbeit und glaubwürdig zu kämpfen, musste offenbar ein solches Sujet her. Es ist nicht bloss primitiv, es ist dumpf und dumm. Zudem ist es handwerklich schlecht gemacht. Die “Masterminds”, die dahinterstecken, entpuppen sich als “bloody beginners”, als blutige Anfänger in Sachen Kampagnenarbeit. Sie erweisen der SP einen Bärendienst.

So gewinnt man keine Abstimmung, man gewinnt auch keine Wähleranteile hinzu, das Image der Mutterpartei leidet, die Politverdrossenheit steigt.

Cedric Wermuth ist rhetorisch talentiert, ein begabter Debattierer und Provokateur und deshalb bei den Medien gefragt. Womöglich kriegt seine Karriere mit dem jüngsten Juso-Plakat einen Dämpfer, möchte er an diesem Wochenende doch in das Stadtparlament Badens gewählt werden. Das dürfte zu Streichaktionen auf der SP-Liste führen.

Mark Balsiger

Der “Bund” im neuen Gewand – und damit hat sich der Kreis geschlossen

Jetzt ist er also da, der neue “Bund”. Heute morgen, noch vor 6 Uhr, fischte ich ihn aus dem Briefkasten. Um halb sieben verteilten ihn Kolporteure beim Bahnhof Bern und im Hirschengraben.

Der Relaunch wird die Kontroverse Inhalt vs Form voruebergehend wieder in den Vordergrund spühlen. In den nächsten zwei oder drei Wochen wird sie in vielen Leserbriefen aufscheinen.

Zum neuen Layout, der Blattarchitektur usw. äussere ich mich nicht, weil mir der Inhalt viel wichtiger ist. Ich bin neugierig auf den Faszikel “Der Kleine Bund”, der von nun an täglich erscheinen wird. Wenn er regelmässig überrascht, mit guten langen Texten und Interviews aufwartet und gleichwohl das kulturelle Geschehen in Bern abbildet, dann, ja dann verbringe ich noch mehr Zeit bei der Lektüre. In Ergänzung zur “Bund”-eigenen Werbung lese ich also nicht nur “noch besser”, sondern hoffentlich auch noch länger.

Wenn der “Bund” reüssieren will, muessen drei Bereiche speziell beachtet werden:

– Journalistische Qualität
– Lesermarketing
– Standhaftigkeit der Tamedia (Wenn die Verlagsmanager ihr Wort nicht halten, steht die Zukunft des “Bund” vielleicht schon bald wieder zur Disposition)

Mit dem neu eingekleideten “Bund” schliesst sich fuer mich der Kreis. Die Rettung zugunsten der Berner Traditionszeitung hatte vom 30. November auf den 1. Dezember 2008 mit einer schlaflosen Nacht begonnen. In den folgenden Wochen war ich damit beschäftigt, ein breit abgestütztes Komitee aufzubauen.

Die Ferien, die ich damals, von Ende Dezember bis Mitte Januar geplant hatte, strich ich kurzerhand. Jetzt kompensiere ich sie teilweise, und deshalb kommt dieses Posting auch zwei Tage zu spät. Den Beginn konnte ich am Donnerstagmorgen noch verfassen, dann musste ich los.

Mark Balsiger

SP und FDP holen schon jetzt Anlauf, um 2011 zu den Gewinnern zu gehören

Ich unterrichte dieser Tage in Luzern am MAZ, der Schweizer Journalistenschule. Das Modul heisst “Politisches System Schweiz”. Frontalunterricht ist mir ein Greuel, ich mag die Interaktion, den Diskurs. Entsprechend lud ich heute zwei Schlüsselfiguren der Schweizer Politik ein: SP-Präsident Christian Levrat (oben) und der Generalsekretär der FDP.Die Liberalen Stefan Brupbacher (unten).

Levrat wie Brupbacher arbeiten schon seit geraumer Zeit auf dasselbe Ziel hin: die eidgenössischen Wahlen 2011. Einer zu einem Teil im Rampenlicht der Medien, der andere praktisch immer im Hintergrund. Beiden ist gemeinsam: sie müssen gewinnen. Beide liefen am MAZ zur Hochform auf. Diese Energie werden sie auch die nächsten zwei Jahre brauchen.

Zur Erinnerung: Die FDP Schweiz hat seit 1983 kontinuierlich Wähleranteile verloren, die SP büsste im Oktober 2007 satte 3,8 Prozent ein. Eine Schlappe von historischem Ausmass.

Wir sprachen mit den beiden Gästen über die Bundesratswahlen vor Monatsfrist, aber auch über ihre Absichten und Schwerpunkte in den nächsten Jahren, Levrat am Morgen, Brupbacher am Nachmittag. Der Inhalt dieser Gespräche unterliegt der Chatham House Rule, d.h. alles bleibt vertraulich – so verlockend es wäre, hier Details anzustossen.

Versuchen wir doch herauszudestillieren, wie die beiden Parteien wieder auf die Siegerstrasse zurückkehren könnten. Ein paar hingeworfene Fragen zur Anregung:

– Schadet der SP die Nähe zu den Gewerkschaften?
– Weshalb verliert sie in ihren Hochburgen, den Städten wie Basel, Bern und Genf. Und wieso verliert sie, obwohl die sozialen Fragen inzwischen wieder stärker gewichtet werden?
– Was taugen die beiden neuen Volksinitiativen (Mindestlohn, erneuerbare Energien)?

– Sind die Bundesräte Leuenberger und Merz eine Hypothek für beide Parteien?

– Kann es sich die FDP leisten, das Thema Ökologie weiterhin kaum zu bewirtschaften?
– Was ist ihr bei ihrem Verhältnis zu SVP, Banken und Pharmaindustrie zu raten?
– Wie kommt sie vom Image weg, eine kalte Juristenpartei zu sein?

Was meinen Sie? Die Diskussion ist – notabene zum 300. Beitrag auf diesem Blog – eröffnet.

Fotos: Mark Balsiger

Minarett-Verbotsinitiative: Die Befürworter haben Waffen, aber keine Munition

minarette_plakat_200_quelle_unbekanntDiese Stellungnahme hat Gewicht: Die eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) kritisiert zwar das Plakatsujet der Befürworter, drängt aber nicht darauf, es zu verbieten. Das hätte dem rechtsnationalen Egerkinger Komitee rund um SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer erst recht Zulauf und Kleinspenden gebracht.

Die Entscheidung obliegt nun den Städten: In Basel und Lausanne dürfen die Plakate nicht ausgehängt werden, in St. Gallen und Genf hingegen sind sie erlaubt. Zürich, Luzern und Bern werden morgen oder in den nächsten Tagen entscheiden. Schon jetzt ist klar: Die Schweiz wird zu einem Plakat-Flickenteppich.

Die Publizität, die das Kampagnensujet in den letzten drei Tage erlangte, dürfte bereits den Werbewert einer hohen sechsstelligen Summe erreicht haben. Das Thema ist gesetzt, der Niederschlag im redaktionellen Teil der Medien enorm und fast überall wird das Sujet abgebildet – gratis.

Die Strategie der Befürworter ist fürs Erste aufgegangen: das Sujet soll provozieren, das Geschäft mit der Angst ankurbeln und so den öffentlichen Diskurs befeuern. Es wird nicht über den Inhalt der Initiative diskutiert, sondern über Stil, Verbote, Meinungsäusserungsfreiheit und anderes mehr. Seit dem Messerstecher-Inserat von 1993 ist diese Strategie schon einige Male erfolgreich umgesetzt worden.

Das Empörungsritual setzte schnell ein, es gibt dem Thema erst recht einen Resonanzkörper. Die missionarischen Gegner, die mit fast schon heiligem Eifer kämpfen, leiten weiter Wasser auf die Mühlen der Befürworter. Sie täten gut daran, gelassener aufzutreten, ohne aber arrogant zu werden. Wenn die Emotionen hochgehen, reagiert man besser betont sachlich und ruhig. Es dürfte Baldrian für sie sein, dass laut einer aktuellen Meinungsumfrage 51 Prozent die Initiative ablehnen und nur 35 Prozent befürworten.

Doch zurück zu den Befürwortern. Sie haben einen entscheidenden Fehler begangen: ihre Kampagne startete zu früh. Sie zielt auf den Bauch des Publikums, es geht nur um Emotionen. Das reicht nicht, zumal die Initiative ein kompletter Schwachsinn ist.

Um auf ihr Sujet anzuspielen: Sie stellten zwar die Waffen bereits, aber es fehlt ihnen schlicht die Munition. Das merkt eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizern. Nüchtern wie wir nun mal sind, werden wir bald einmal nach der Substanz der Initiative suchen – und nichts finden.

Staubtrocken müssen wir festzustellen: Wer sich auch nur 10 Minuten mit dieser Initiative auseinandersetzt, wird den Kopf schütteln und konstatieren: sie nützt nichts. Lesen Sie selbst.

Mark Balsiger