Das Beste an Michelle Hunziker…

Dass ich eine emotionale Bindung zur Berner Tageszeitung “Der Bund” habe, ist regelmässigen Besucherinnen und Besuchern dieses Blogs zweifellos aufgefallen. Eine solche Zeitung darf nicht einfach eingehen oder fusioniert werden, so wie das im letzten Winter angedacht war.

Wieso? Im “Bund” findet man beispielsweise immer wieder Perlen, eine davon in der heutigen Ausgabe. Sie dreht sich um die blonde Exil-Bernerin “La Hunziker”, die am Samstag erstmals Thomas Gottschalk in “Wetten dass…?” assistieren durfte.

Ich habe die Sendung nicht gesehen, aber noch besser als die Medienkritik von Ane Hebeisen kann sie nicht gewesen sein. Da kommt sie, ohne Zwischenrufe wie “Hammer!” und “Super!” – für alle, die den “Bund” oder den Tagi von heute nicht in den Händen hielten:

La Hunziker: Die Frisur hält!

“Zirka in der 75. Minute der 183. «Wetten dass..?»-Sendung sitzt Michelle Hunziker ein bisschen angewidert mit einer Tasse Kaffee auf einer Show-Bank, neben ihr drückt ein schnauzbärtiger Deutscher sein Gesicht in den Innenraum eines Gummistiefels, in welchem zuvor eine robuste Turnverein-Gesellin getanzt hatte. Ziel dieser Vorführung ist, dass der sonderbare Herr anhand des Gummistiefel-Geruchs die Trägerin des Schuhwerks errät.

Im Vorfeld wurde von einem televisionären Ritterschlag gesprochen: Michelle Hunziker , unser Meitschi aus Ostermundigen, wird von Thomas Gottschalk als Co-Conférencière für «Wetten, dass..?» aufgeboten. Volksnahe Presseerzeugnisse packten die grossen Lettern aus, um dem Gipfeltreffen der Blondheiten einigermassen gerecht zu werden. Der einhellige Tenor: La Hunziker werde mit ihrem gewinnenden Wesen den welkenden Glamour des Thomas Gottschalk mitsamt dessen ebenso welkenden Quoten im Nu vergessen machen. Und nun sitzt die Geadelte neben einem schnaubenden Gummistiefelmann und versucht, ihre oft gerühmte natürliche Fröhlichkeit aufrechtzuerhalten.

Nein, von einer glamourösen TV-Sternstunde oder einem neuen Dream-Team der Fernsehunterhaltung zu sprechen, wäre vermessen. Zu unberechenbar schlenkert der Gottschalk durch seine Moderation, als dass sich daneben eine sprachlich durchschnittlich begabte Bernerin eingrooven könnte, zu diffizil die Aufgabe, als Aussenwetten-Animierdame, Kandidatenbetreuerin und geduztes Zierwerk showtechnisch in Schuss zu kommen. So konzentriert sich La Hunziker irgendwann vornehmlich darauf, alles, was da um sie herum geschieht, «super» und «hammer» zu finden und dabei schön auszusehen. Letzteres gelingt ihr selbst dann noch, als auf ihrem Kopf eine Aluminiumdose zur Explosion gebracht wird. Und zumindest das ist eine Leistung, auf der sich aufbauen lässt. Mission erfüllt, Quoten gerettet (11,29 Millionen Zuschauer, 37,8% Marktanteil), und die Frisur hat gehalten.”

Solange solche Texte in Bezahlzeitungen erscheinen, werde ich auch dafür bezahlen, und zwar gerne.

P.S.  Ein kameradschaftlicher Hinweis an die Redaktion des “Tages-Anzeigers”: Solche Oeuvres sollte man nicht auf der “Kehrseite” platzieren, sondern dort, wo sie hingehören, in den Bund “Kultur-und Gesellschaft”. Gerade Zürcherinnen und Züricher dürfen Hebeisen noch kennen – und schätzen – lernen.

Foto Michelle Hunziker: blick online

“The Sun” lässt Gordon Brown fallen

“The Sun” ist nicht einfach ein Boulevardblatt, sondern noch immer eine Macht. Mit einer Auflage von 3,1 Millionen Exemplaren und rund 10 Millionen Lesern ist sie die grösste Zeitung Grossbritanniens. Gestern beschied “The Sun” ihren Lesern, dass sie die Labour-Partei nicht weiter unterstützen werde.

gordon_brown_11tech_wordpress_com_small200Für den erfolglosen Premierminister Gordon Brown (Bild) ist das ein weiterer herber Schlag, viele Kommentatoren zählen ihn seit geraumer Zeit aus. “We have to swim with the tide”, begründet die Redaktion ihren Wechsel zu den Tories. In der Tat führen die Konservativen in Meinungsumfragen deutlich: Sie erreichten Ende September 43 Prozent, Labour 26 Prozent.

In der Geschichte von “The Sun” gab es mehrere Seitenwechsel: 1997 unternahm der Spitzenkandidat der neuformierten Labour-Partei, Tony Blair, eine Reise nach Australien, um “Sun”-Besitzer Rupert Murdoch um Unterstützung für seine Kampagne zu bitten. In den Jahren zuvor ballerte das Revolverblatt auf Labour in einem Stil, den man auf dem Festland nicht kennt.

Das Treffen zwischen Blair und Murdoch fruchtete – kurz vor dem Wahltermin im März 1997 lautete die Schlagzeile auf der Front: “The Sun Backs Blair”. Das war ein zentrales Element der Labour-Kampagne, die damals neue Dimensionen und ein zuvor nie dagewesene Professionalität erreichte.

In verschiedenen Büchern, die nach dem erdrutschartigen Sieg von Labour erschienen sind, wird in diesem Zusammenhang eine Notiz von Blair erwähnt. Er soll Medienmogul Murdoch handschriftlich für die Unterstützung gedankt haben, die “Sun” habe den Unterschied ausgemacht.

Foto Gordon Brown: 11tech.wordpress.com

Roger Köppel: Draussen vor der “Arena”- Tür, und das Sägemehl stäubt

roger_koppel_1Die heutige “Arena” beim Schweizer Fernsehen findet also ohne Roger Köppel (Bild), Chefredaktor und Verleger der “Weltwoche”, statt. Das reicht offensichtlich aus, um mächtig Sägemehl aufzuwirbeln. Da fällt der Begriff  Pressezensur und Vergleiche mit Nordkorea oder Kuba werden bemüht.

Zugegeben: Zuerst jemanden in die Sendung einzuladen, dann aber wieder auszuladen, ist nicht die feine Art. Allerdings war die Einladung erst provisorisch. Und wenn dieser provisorisch Eingeladene Roger Köppel heisst, der die FDP seit Jahren systematisch schlecht und lächerlich macht, sollte man nicht überrascht sein, wenn der Generalsekretär ebendieser FDP entscheidet: Nein, unser frisch gebackene Bundesrat Didier Burkhalter muss in seiner ersten “Arena” nicht auf Köppel treffen.

Die Argumentation von FDP-Generalsekretär Stefan Brupbacher ist klar und schlüssig: “Herr Köppel ist kein Experte, sondern ein Opponent […].” Er setzte Druck auf:  Bundesrat Burkhalter ohne Köppel, so lautete sein Angebot. Im Wissen darum, dass die “Arena”-Redaktion einlenken wird.

Köppels Reaktion führt uns einmal mehr vor Augen: dieser Mann ist verletzt, er gefällt sich in der Rolle des grossen Aufklärers und Denkers und kriegt trotzdem stets zu wenig Streicheleinheiten und Anerkennung. Also braucht es noch mehr Gift, noch mehr Zynismus, noch mehr Überheblichkeit.

Der “Weltwoche”-Chef – belesen, gescheit und scharfzüngig – ist praktisch Stammgast in der “Arena”, er ist regelmässig im “Club” und anderswo. Von ihm weiss man, was man hat. Ausgerechnet heute Abend einmal etwas Neues von ihm zu erwarten, wäre vermessen. Vor diesem Hintergrund wird die Sendung ohne ihn ebenso gut oder vielleicht auch ebenso schlecht über die Bühne gehen.

Die “Arena”-Redaktion darf im stillen Kämmerlein einmal über die Bücher: Sie sollte die Kartei der Medienleute bzw. Experten erweitern. Immer wieder Köppel, immer wieder Schawinski, immer wieder Rothenbühler. Das ist ähnlich einfallslos, wie Köppel auf der FDP herumtrampelt.

Mark Balsiger

Nachtrag vom Samstag, 19. September, 17 Uhr: Blogger Ronnie Grob findet, dass die “Arena”-Redaktion zu leicht beeinflussbar ist. Sein Posting finden Sie hier:

http://blog.ronniegrob.com/2009/09/19/leicht-zu-beeinflussen-marianne-gilgen/

Foto Roger Köppel: keystone

Didier Burkhalter macht das Rennen

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Es brauchte vor 19 Tagen weder ein Orakel noch einen langen Blick in die Kristallkugel. Ich traute mir lediglich zu, einschätzen zu können, wie die Fraktionen ticken. So liess sich schon damals der Ausgang der Couchepin-Ersatzwahl erkennen. Ein paar Additionen stützten meine Annahme.

In meinem Posting vom 28. August schrieb ich, dass “Didier Burkhalter bereits im Vorzimmer” des Bundesrats angelangt sei. Am letzten Freitag schliesslich vertrat ich hier die Meinung, dass Hearings bloss Rituale seien und keinen Einfluss auf die Wahlempfehlungen hätten.

In etwa neun Stunden wissen wir, ob meine Burkhalter-Prognose eingetroffen ist. Ich verfeinere sie: Didier Burkhalter schafft es im 5. Wahlgang, er erreicht 125 Stimmen.

Burkhalter wird gewählt, weil

– die sprachregionale Zugehörigkeit ein entscheidender Faktor darstellt
– er im Gegensatz zu Urs Schwaller ein echter Romand ist
– die SP ihre Basis in der Romandie nicht verärgern will
– die Mehrheit der Vereinigten Bundesversammlung die FDP als drittstärkste Partei nicht düpieren und an der arithmetischen Konkordanz festhalten will
– weit und breit keine glaubwürdige Kampfkandidatur lanciert werden kann
– keine Fraktion ernsthaft an “Games” denkt, zumal ihr der Spielraum dazu schlicht fehlt und sonst die Unfallgefahr akut wäre
– die SP ihrer starken welschen Persönlichkeit Alain Berset (FR) durch die Wahl des Deutschfreiburgers Urs Schwaller nicht den Weg in den Bundesrat (als Nachfolger von Micheline Calmy-Rey) verbauen will (Obwohl die Kantonsklausel 1999 gefallen ist, sind zwei Bundesräte aus dem Kanton Fribourg kaum denkbar)
– Christian Lüscher ausserhalb von FDP und SVP keine Stimmen ergattert
– die SVP-Mitglieder Wort halten und nicht vereinzelt “Schwaller” auf ihren Zettel schreiben (Nach der Wahl Schwallers könnten sie die angebliche Mitte-Links-Regierung permanent angreifen, was sich elektoral positiv auswirken würde)

Mark Balsiger

Foto Didier Burkhalter: keystone

Wir sind ein Volk von Zeitungslesern

Was habe ich mir vom 1. Dezember 2008 bis Mitte Mai dieses Jahres den Mund fusselig geredet, um gegen das Aus der Traditionszeitung “Der Bund” anzukämpfen. Mitunter hatte ich den Eindruck, dass wir vom Komitee “Rettet den Bund” ziemlich schräg in der Landschaft standen.

“Holzmedien sind doch dem Tod geweiht”, spotteten viele, “was kämpft ihr für dieses ausgehungerte Blatt”. “Tageszeitungen sind Dinosaurer” wussten andere, “die Zeitungsleser sterben aus”. Den Vogel abgeschossen hat zweifellos Hanspeter Lebrument, der Präsident des Verbands Schweizer Presse. In einem Interview mit “Le Temps” zweifelte er die Zukunft  der gedruckten Zeitung an.

Es ist keine neue Erkenntnis, dass Branchenkenner – Verlagsleute und Medienschaffende – Totengräber und Defaitisten sind. Bei den zahllosen Diskussionen sagte ich jeweils zu Beginn, dass wir ein Volk von Zeitungslesern seien. Neun von zehn Meschen haben regelmässig eine Tages-, Wochen- oder Sonntagszeitung in den Händen.

Die neuste Erhebung der AG für Werbemedienforschung (WEMF) zeigt auf, dass die Leserzahlen in den letzten 12 Monaten stabil geblieben sind. Die Einschätzung der NZZ:

Gratis- und Sonntagstitel erreichen mehr Leser (NZZ, PDF)

Es gäbe also in den Verlagshäusern gute Gründe, eine Flasche aufzutun und etwas optimitischer in die Zukunft zu blicken. Das ermöglichte vermutlich auch innovative Lösungen, weil: die Tageszeitungen müssen sich anders positionieren. Das ist klar.

Mit Relaunches, wie sie “Tages-Anzeiger”, NZZ und “Blick” in den nächsten Wochen umsetzen, ist es nicht getan. Die Schwerpunkte müssen anders gesetzt werden, die Tageszeitung sollte das tun, was sie am besten kann. Sachverständige beten seit Monaten gebetsmühlenartig herunter, was zu den Kernaufgaben der Tageszeitung von Morgen gehört, so sie übermorgen noch eine Existenzberechtigung haben will: Gewichtung, Einordnung, Analyse, Hintergrund, Reportage.

Der Wettlauf mit den Onlineportalen ist nicht zu gewinnen, auch wenn es die Tageszeitungen in fiebrigem Tempo zu versuchen scheinen. Er beschädigt bloss das Renomée der Printmedien, die einen Qualitätsanspruch haben.

Im aktuellen “Magazin” werden drei ausländische Tageszeitungen porträtiert, die diesem neuen Anspruch gerecht werden wollen.


Mark Balsiger

Diplomatie kommt vor Medienfreiheit

calmy_rey_merz_small_nzzViele Bundeshausjournalisten waren zunächst verärgert. An der gestrigen “Medienkonferenz” verzichteten Micheline Calmy-Rey und Hans-Rudolf Merz darauf, Fragen zu beantworten. Es wurde lediglich eine sorgsam ausformulierte Erklärung vorgelesen, danach verliessen die beiden Magistraten das Medienzentrum wieder, von Bodyguards abgeschirmt.

Keine Frage, die Veranstaltung verdient den Namen Medienkonferenz nicht. Usus ist, dass nach Medienkonferenzen Fragen gestellt werden dürfen. Auch bei Auftritten von Bundesräten wird das so gehandhabt, auch wenn in der Regel zeitliche Limiten gesetzt oder die Anzahl Fragen pro Medium auf zwei limitiert werden.

Calmy-Reys und Merz’ gemeinsamer Kurzauftritt war Einwegkommunikation – mit zwei Zielen:

– aussenpolitisch: ein deutliches Signal nach Tripolis, dass der Vertrag, den Merz unterzeichnete, eingehalten wird und dass man von Libyen dasselbe erwartet.
– innenpolitisch: der Bundesrat hat diesen Fall an das Departement delegiert, das sich auch aufgrund seiner Ressourcen und Erfahrungen darum kümmern sollte; die törichte Soloaktion von Merz ist zu Ende.

Das EDA kann und soll nun mit den Instrumenten der Diplomatie arbeiten. Dazu braucht es den Druck der Öffentlichkeit nicht, im Gegenteil: dieser könnte die Bemühungen des EDA bloss gefährden.

Vereinzelte Medien und Kommentatoren bezeichneten die “Medienkonferenz” als “absurd”. Dieser Vorwurf geht zu weit. Die Medienfreiheit ist ein Eckpfeiler der Demokratie, mit der Libyen-Affäre wird sie aber nicht ausgehebelt. Für einmal kommt Diplomatie vor Medienfreiheit – im Sinne der Sache.

Bei den Medien wären vermehrt Selbstkritik und Reflexion vonnöten. Wenn sie Schlagzeilen wie “Rambo, bitte übernehmen Sie!” ins WWW pfeffern, passiert nämlich nur etwas: ihre Glaubwürdigkeit wird unterspült.

Mark Balsiger

Foto: Micheline Calmy-Rey und Hans-Rudolf Merz: nzz.ch

Hans-Rudolf Merz und die Erfolgsmeldung

Sprachregelungen sind “Anker”, gerade wenn die Medien Blut riechen oder ein Sturm aufkommt – so wie in der Libyen-Affäre. Gestern Abend noch hiess es, das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) bzw. der Bundesrat werde sich erst wieder verlauten lassen, wenn die beiden Schweizer Geschäftsleute, die seit rund 12 Monaten in der Schweizer Botschaft in Tripolis festsitzen, im Flugzeug Richtung Schweiz unterwegs seien.

calmy_rey_und_merz_1Nach der Bundesratssitzung wurde ein knappen Communiqué verbreitet mit dem Inhalt, dass die Landesregierung von Merz und Aussenministerin Micheline Calmy-Rey über den aktuellen Stand der bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und Libyen informiert worden seien. Das ist, pardon, “Gähn” – niemand wollte das wissen.

Vor einer knappen Stunde nun ein neues Communiqué aus dem EFD. Die beiden Geschäftsleute hätten nun ein Ausreisevisum erhalten, heisst es. Damit sind sie zwar noch lange nicht in der Heimat, ihr aber immerhin ein Schrittchen näher. Dass die Sprachregelung innerhalb von weniger als 24 Stunden geändert wurde,  lässt darauf schliessen, dass der mediale Druck zu gross ist. Man musste eine “Erfolgsmeldung” absetzen, die Volksseele kocht, die Medien heulen.

Kaum ungeschoren wird Micheline Calmy-Rey davonkommen. Noch konzentrieren sich aber fast alle auf Hans-Rudolf Merz. Er muss sich warm anziehen. Böse Kommentare und Wortspiele schiessen ins Kraut. Ein Beispiel: Kriegen wir für unseren alten Merz noch eine Abwrackprämie?

Mark Balsiger

Archivfoto Micheline Calmy-Rey und Hans-Rudolf Merz: keystone

Pendlerblatt “News”: Ganz versenken oder als Kampfblatt im Aargau positionieren?

Es lag ja schon lange in der Luft: bei “News” sind Veränderungen fällig. Die Pendlerzeitung aus dem Hause Tamedia streicht die Segel nicht ganz, ab Ende August kriegt man sie nur noch im Grossraum Zürich.

Mit “News” leistete sich Tamedia den Luxus, zwei andere Zeitungen aus dem eigenen Haus, “Tages-Anzeiger” und “20Minuten”, zu kannibalisieren. Nachdem im Mai das Gratisblatt “.ch” eingestellt worden war, hätte man ein schnelles Aus von “News” erwarten dürfen. Mit “News” ging es Tamedia-CEO Martin Kall nur um eines: “.ch” aus dem Markt bugsieren.

Die Frage, die übrig bleibt: Wird “News” bald komplett versenkt oder tüftelt man an der Werdstrasse in Zürich an einer Strategie, um die Position des Aargauer Quasimonopolisten Peter Wanner mit seinen AZ Medien anzugreifen? Zuerst das Limmattal, dessen Bevölkerung wirtschaftlich und kulturell ohnehin komplett auf Zürich ausgerichtet ist, dann andere Regionen.

Vor 20 Jahren versuchte der “Tages-Anzeiger”, sich im Aargau besser zu etablieren. Doch die Pläne, in Aarau oder Baden eine ersthaft dotierte Redaktion aufzubauen, wurden nie umgesetzt. Damals ging es auch um einen publizistischen Anspruch, heute nur noch um den schnöden Mamon.

Mark Balsiger

Tschilp – ich zwitschere jetzt auch mit

twitter_vogel_4Mein erster direkter Kontakt mit dem Microblogging-Dienst Twitter war prägend. Etwa vor einem Jahr traf ich an der Aare einen Berufskollegen. Er war daran, auf seinem Handy eine Kurznachricht – in der Fachsprache Tweet genannt – zu verfassen. Ich guckte ihm über die Schultern: “Aare ist kuul, 17 Grad”, konnte ich entziffern.

Ich war überwältigt. “Bei derart epochaler Kurzprosa kann ich nicht mithalten”, dachte ich mir und beschloss, Twitter zu ignorieren.

Als während der Jahreswende 2008/2009 im Gazastreifen der Krieg ausbrach, waren die Tweets für die isolierten Journalisten oftmals die einzigen Quellen. Allerdings missbrauchten Palästinenser wie die israelische Armee diesen neuen Medienkanal auch für ihre Zwecke – “Kriegsgezwitscher”.

Am 15. Januar 2009 tauchte Twitter wieder auf meinem Radar auf und weckte nun definitiv mein Interesse: Der Amerikaner Janis Krums machte mit seinem iPhone ein Foto und veröffentlichte es sofort auf Twitter. Das Foto schaffte es in kürzester Zeit rund um den Erdball. “There’s a plane in the Hudson. Crazy”, schrieb Krums dazu. Der Airbus in New York hatte wegen Vogelschlag sofort wassern müssen.

Während und nach den Wahlen im Iran zeigte sich erstmals in aller Deutlichkeit, welchen Einfluss die Web2.0-Kanäle wie Facebook, Blogs und eben Twitter haben können. Etwa 2 Millionen Tweets wurden während der Proteste verbreitet, weltweit machten fast 500’000 Personen bei der Diskussion über die Ereignisse mit. Oppositionsführer Mousavi höchstpersönlich verbreitete unermüdlich Updates über seinen Account (Twittername: Mousavi1388). Ein Beispiel:

Next peaceful protest, Tomorrow (05 Aug.), 9 am, Baharestan Sq. in front of parliament #iranElection RT plz

Dass die Welt nicht wissen möchte, ob ich am Sonntagmorgen Erdbeerkonfitüre oder kalt geschleuderten Waldhonig aus der Provence auf mein Brot streiche, ist klar. Also lass’ ich derart unsinniges Blabla auch sein. Beim Zwitschern bleibe ich meinen Themen treu, angereichert mit Halbprivatem, das Augenzwinkern wird nicht fehlen.

Mark Balsiger

Fulvio Pelli spielt mit dem Feuer

Konfusion am frühen Nachmittag bei den Nachrichtenagenturen sda und ap, Konfusion und plötzliche Hektik auch auf den Redaktionen und in der FDP-Parteizentrale: Ist Fulvio Pelli nun Bundesratskandidat – oder ist er es nicht? Die ersten Agenturmeldungen waren widersprüchlich, so dass sich selbst bei der NZZ vorübergehend Tippfehler einschlichen – ein klares Indiz für Hektik.

Fassen wir also knapp zusammen: die Tessiner FDP nominierte Pelli nicht, wünscht aber ausdrücklich dessen Kandidatur. Die Bundeshausfraktion soll sie Anfang September vornehmen. Dieses Vorgehen ist möglich; der courant normal sieht vor, dass die Kantonalparteien zuhanden der Bundeshausfraktion nominieren. Pelli würde sich dem Wunsch seiner Fraktion nicht verschliessen, so sie ihn aufstellen möchte.

Mit diesem Vorgehen hält sich Fulvio Pelli weiterhin alle Optionen offen – und bleibt sich mit seinen verklausilierten und von Taktik komplett durchdrungenen Aussagen selber treu. Verspürt Pelli eine starke Unterstützung seiner eigenen Fraktion, wird er sich aufstellen lassen. Der eigentliche Entscheid dürfte er knapp vor dem 8. September fallen. Dann entscheidet die Bundeshausfraktion der FDP.Die Liberalen.

Die Chance, Bundesrat zu werden, hat jeder Politiker nur einmal

Pellis Taktieren ist clever – und ein Spiel mit dem Feuer. Er setzt seine Fraktion unter Druck: Nominiert sie ihn nicht, käme das einem Desavouieren des Parteipräsidenten gleich. Hebt sie ihn auf den Schild, verliert Pelli seine Glaubwürdigkeit: Vor zwei Jahren sagte er nämlich öffentlich, dass er seine Ambitionen auf einen Bundesratssitz begraben habe. Seine Partei müsse verjüngt werden.

Nun, heute sieht die Situation anders aus. Die Chance, Bundesrat zu werden, hat jeder Schweizer Spitzenpolitiker in der Regel nur einmal. Pelli (58) hat sie jetzt. Und deshalb gilt nicht mehr, was er früher sagte. (Pelli war 2003 offizieller Bundesratskandidat. Damals schlug seine Fraktion der vereinigten Bundesversammlung allerdings Christine Beerli und Hans-Rudolf Merz vor.)

Es kann am 16. September auf ein Duell Fulvio Pelli gegen Ständerat Urs Schwaller (FR), den Kronfavoriten der CVP, hinauslaufen. Dann besitzt Pelli womöglich die schlechteren Karten. Die Romands könnten den Deutschfreiburger Schwaller, der perfekt bilingue ist, eher unterstützen als den Tessiner Pelli. Dieser geht noch weniger als Romand durch als Schwaller.

Tritt dieses Szenario ein, kann Pelli zu einer tragischen Figur des Freisinns werden: Er hat Schwaller kurz nach der Rücktrittsankündigung von Bundesrat Pascal Couchepin mit seiner Sprachen-Attacke schwer verwundet. Wenn Pelli nun aber Schwallers Gegenspieler werden sollte, baut er diesen wieder auf.

Nebenbei: Pelli könnte den zweiten Sitz der FDP ohne grössere Probleme retten. Indem er nicht antritt und den beiden chancenreichen Kandidaten aus der Romandie, Didier Burkhalter (NE) und Pascal Broulis (VD), den Vorrang lässt. Damit wäre der erste Schritt für die längst verlangte – und nötige – Verjüngung der FDP gemacht. Das zahlte sich aus – 2011 sind eidgenössische Wahlen. Für die FDP, die sieben Mal nacheinander stets Wählerverluste einfuhr, steht viel auf dem Spiel.

Mark Balsiger

Foto Fulvio Pelli: keystone